Thomas Hettche: Woraus wir gemacht sind

20. September 2010

Der Biograph Niklas Kalf kommt mit seiner schwangeren Frau Liz nach NY, um sich mit seinem Verleger zu treffen. Es geht um die Biographie des jüdischen Emigranten und Physikers Meerkaz, der in den USA ein wenig spektakuläres Leben geführt hat, dessen Witwe Kalf aber für die Arbeit an dem Buch großzügig entlohnt.

Nach einigen Tagen Aufenthalt wacht Kalf morgens auf und Liv ist nicht mehr neben ihm im Bett. Ein Anruf macht ihm deutlich, daß sie entführt wurde, als Lösegeld wird von ihm Material über Meerkatz gefordert, das er nicht hat und auch nicht kennt. Kalf verheimlicht die Entführung auf Anraten des Verlegers. Bei der wiederholten Durchsicht des Materials zum Buch findet er letztlich einen sehr schwachen Hinweis auf ein mögliches Geheimnis. Diesem geht er nach und es führt ihn in die texanische Wüste, in die Nähe der mexikanischen Grenze.

Dort geschieht das, was diesen Plot als unglaubwürdig brandmarkt: nämlich nichts. Die Landschaft übernimmt die Hauptrolle und Kalf, der Biograph, schlüpft wieder aus dem eigenen Leben hinaus in die Funktion des Beobachters von allem und jedem. Monatelang. Während seine Frau mit ihrem Kind unterm Herzen entführt bleibt…. er lernt dort Menschen kennen, fährt durch die Gegend und erst nach vielen Wochen gibt es einen Hinweis, daß er am Ende doch den kleinen Faden, der ihn zu einem großen Geheimnis führen kann, in den Händen hält.

Liv rückt für Kalf immer weiter weg, wird immer blasser, mühsam muss er nachrechnen, wie alt das Kind jetzt sein wird. Der Abschied aus Marfa, Texas, fällt ihm nicht leicht, aber der Faden, aber da die Entführer (trotz auch ihrer schier unendlichen Geduld) ihn ausfindig gemacht haben, muss er fliehen. Die Fahrt führt ihn an die Westküste, dort löst sich dann endlich das große Geheimnis um Meerkaz auf.

Ihr merkt es wahrscheinlich schon, meine Faszination für das Buch hält sich in Grenzen. Dem Plot jedenfalls kann ich nichts abgewinnen, einem Mann wird die Frau entführt und er ergibt sich den Geheimnissen der Wüste und bleibt regungslos beobachtend in einem texanischen Kaff hängen, umgeben von Künstlern, Wüstengeheimnissen und Landschaft. Aus einem eh schon gemächlich startenden Geschichte nimmt der Autor im Mittelteil vollends alles Tempo heraus, bevor im letzten Teil des Buches dann doch so etwas wie Spannung auftaucht.

Was also könnte Hettche gesagt haben wollen?

“Woraus wir gemacht sind”, der Titel, der (nach einer amazon-Rezension) aus einer Bush-Rede zum 11/9 entnommen ist, ist vllt der Schlüssel, denn das Motiv des verzweifelten, suchenden Menschen, der in die Wüste geht, um zur Einsicht über sich und die Welt zu gelangen, ist ja nicht neu. Man muss nur die Bibel lesen, Johannes der Täufer, Jesus, sie alle sind in die Wüste gegangen, ebenso wie Jahrhunderte nach Jesu Tod Gläubige in der Wüste die monastische Tradition des Christentums gegründet haben. Vielleicht ist dies, den zentralen Teil des Buches ausmachende, ja der Kern der Geschichte? Die Läuterung des Menschen in einer Landschaft, in der nichts etwas bedeutet, in der (so an einer Stelle des Buches) noch nicht einmal Auschwitz etwas bedeutet hätte, die Klärung seines eigentlichen Wesens, seines eigentlichen Ichs? Ebenso wie in der Bibel trifft auch Kalf auf die Verführung und den Teufel, der ihm im Traum erscheint. Kalf erliegt der Verführung in jeder Hinsicht, der Verführung, die die Wüste ausübt, derjenigen von Asien, was hinter ihm liegt, wird schwach und blass. Kaum, daß er sich noch erinnern kann… und es bedarf schon eines wirklich massiven Schubs, um ihn noch einmal auf die Beine zu bringen, wobei er auch dort mehr Getriebener ist als aktiv Handelnder:

Hettche versucht in seinem Roman auch ein Bild zu zeichnen vom Amerika ein Jahr nach 11/9 und vor dem Iraq-Krieg. Amerika ist für ihn das Imperium, das Rom der Neuzeit. Er versucht, in den Kern des Landes vorzustoßen, indem er den alten Mythen aus der Pionierzeit nachforscht, indem er versucht zu erkennen, wo dessen Seele liegt. Und immer wieder ist es die Unerbittlichkeit und Härte der Wüste, die er anführt und die bei der Besiedlung des Kontinents zu überwinden war bzw. mit der man auskommen musste. Die Wüste kennt keine Kompromisse und Diskussionen, sie gibt einem nur eine Chance, jeder, der mit ihr zu tun hat, muss sich entscheiden. Vllt ist dies der Stoff, aus dem sie (die damals handelten) gemacht sind….

Facit: mit vielen Anspielungen und Verweisen interessant zu lesen gibt dieses Buch viel Freiraum für eigene Interpretationen….

Links:

hier verweise ich nur auf den Spiegel-Beitrag, der das Buch positiv bewertet. Da “Woraus wir gemacht sind” aber für den Buchpreis nominiert war, finden sich leicht noch weitere Rezensionen, falls daran Interesse besteht…

Thomas Hettche
Woraus wir gemacht sind
btb, TB, 2008, 320 S.

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