„Du sag mal, da vorn sitzt die XY. Da ist doch neulich das Kind
überfahren worden. Meinst du, da kann ich mal hingehen?“

Wer kennt es nicht.. das kleine Kind, das hingefallen ist, sich wehgetan hat und nun weint, der Schmerz, wenn das Meerschweinchen, der Hund, die Katze stirbt, der Kummer der ersten wieder erlöschenden Verliebtheit oder die ganz große Katastrophe, der Tod eines lieben Menschen, seien es nun die Eltern, Verwandte, Freunde oder auch Arbeitskollegen – all das rührt die Seele auf und bereitet Schmerz: man trauert. Diese Trauer läßt sich aber für den Leidenden leichter tragen und aushalten, wenn er getröstet wird, darin begleitet wird. Nur: uns ist oft schon die Fähigkeit dazu abhanden gekommen, denn ein Indianer kennt nun mal keinen Schmerz und eine Woche reicht ja wohl, jetzt werd endlich mal wieder normal und stell dich sowieso nicht so an, meiner Tante ist es viel schlimmer ergangen und macht die so einen Heckmeck um die Sache, was soll´n die Leute denn eigentlich denken und mich ziehst du auch ganz runter, also ehrlich, ich geh jetzt mal shoppen, das brauch ich jetzt einfach nach der miesen Laune, die du verbreitest!!

Wer kennt es nicht, diese etwas beklemmende Gefühl, wenn man auf jemanden trifft, dem ein Leid geschehen ist. Man weiß, man müsste eigentlich, aber man weiß nicht so recht, wie…. und letztlich läßt man es dann lieber bleiben als etwas falsch zu machen, etwas falsches zu sagen. Und das ist vllt einer der schlimmsten Fehler, die man machen kann, die Isolierung, die soziale Ausgrenzung. Deshalb war meine Antwort auf obige Frage dann natürlich auch ein „Klar, du musst sogar! Wenn sie ihre Ruhe haben will, wird sie es dir sagen. Dann nimmst du das nicht persönlich und bist nicht beleidigt und kommst halt wieder her…“

Eigentlich ist es garnicht so viel, was man wissen muss, wenn man trösten und begleiten will. Zuhören ist oft wichtiger als Reden, eine Umarmung kann mehr ausdrücken als viele Worte es vermögen. Man sollte den Leidenden nicht unter Druck setzen und ihm die Zeit lassen, die er braucht und man sollte sein Leid und seine Trauer anerkennen und nicht versuchen, sie ihm auszureden. Wie genau man das machen kann, das ist Inhalt dieses sehr schönen Ratgebers von Schäfer, der nicht nur kurz auf „theoretische“ Aspekte von Leid und Trauer eingeht, sondern sich im Wesentlichen mit der Sprache befasst. So gibt er eine ganz kurze Übersicht über die Wirkung von Sprache auf den Hörenden, den im Gesprochenen schwingen ja immer auch noch verborgende Botschaften mit bevor er dann ausführlich mit Beispielen verdeutlicht, wie man etwas „falsch“ bzw „richtig“ formulieren kann, so daß der Leidende tatsächlich Trost erfährt und nicht z.B. unter Druck gesetzt wird oder er sich aus anderen Gründen zurückzieht.

Dem Buch merkt man an, daß hier eine lange praktische Erfahrung mit eingeflossen ist. Die Sprache ist klar und deutlich, sie kommt schnell auf den Punkt und stellt das heraus, was wichtig ist. Zwar ist der theologische Hintergrund des Verfassers erkennbar, aber er beherrscht das Buch nicht und bleibt immer nur als Hintergrund, so daß sich niemand, auch davon abhalten lassen braucht.

Natürlich ist das Buch von Schäfer keine Lektüre, die man normalerweise aus Spaß an der Freude liest. Aber so ganz verkehrt ist es eigentlich nicht, sich auch mal mit diesem Thema zu befassen, denn Trauer kann schnell eintreten und Begleitung verlangen, schon ein Krankenhausaufenthalt eines Verwandten oder Bekannten kann durch gelungene oder misslungene Begleitung erleichtert oder unnötigerweise erschwert werden.

Facit: ein sehr schön gelungenes und praxisnahes Buch zu einem schwierigen Thema, das wir schon fast verlernt haben….

Klaus Schäfer
Trösten – aber wie?
Ein Leitfaden zur Begleitung von Trauernden und Kranken
Verlag Pustet, 2009, broschur, 175 S.

Kurzlink des Beitrags: http://wp.me/paXPe-1Zg

Ian McEwan: Solar

September 28, 2010

Solar ist die Geschichte von Michael Beard, einem britischen Nobelpreisträger, der mit diesem Titel gleichzeitig auch den Höhepunkt seiner Schaffenskraft erreicht hat und sich in den Folgejahren mehr mit dem Vermarkten seines Namens und seines Renommees befasst als weiterhin mit Forschung.

Der Homo sapiens war der beste Beweis gegen die Existenz Gottes. Kein Gott, der etwas taugte, konnte an einer Werkbank so nachlässig gewesen sein. Beard teilte genüsslich alle Makel mit dem Rest der Menschheit.

Der Inhalt im Schnelldurchgang: Beard, der im Grunde mehr mit dem Scheitern seiner fünften Ehe befasst ist als mit seiner Arbeit in einem aus politischem Opportunismus gegründeten Umweltforschungsinstitut hat Zugriff auf die Unterlagen eines jungen, in seinem Haus verstorbenen Wissenschaftlers, die sich als Konzept für eine neuartige, revolutionäre Nutzung der Solarenergie erweisen. Er sieht in diesem Papier seine Chance, er treibt Gelder und Forschungsstellen auf, in denen er das Konzept über die Laborphase, Konzeptstudien bis letztlich in die kommerzielle Phase weiterentwickeln kann. Es sieht gut aus, jetzt, am Tag vor der großen Feier zur Inbetriebnahme „seiner“ Anlage. Aber.. man soll den Tag bekanntlich nicht vor dem Abend loben.

Mit diesem Grundplot bezeichnet die Kritik „Solar“ als den ersten Umweltroman. Und sicher nehmen Klimaerwärmung, Umweltpolitik, umweltschützerischer Idealismus und blockierende Industrien einen großen Raum der Handlung (bzw. eben gerade nicht Handlung, sondern ausschweifenden Betrachtens…) ein. McEwan läßt Beard in seinen diversen Reden noch einmal alle gängigen Argumente für eine umweltgerechte Politik anführen, er schildert die Skepsis und Kurzsichtigkeit der einschlägigen Industrie, belächelt den Idealismus der Umweltschützer, die mit viel Energieaufwand zu einem Klimawandelkunsttag in die Arktis fliegen… das ganze gewürzt mit einer gehörigen Prise wissenschaftlicher Fachtermini, die der Normalleser wohl kaum einordnen kann und die auch nichts zu Sache beitragen – ich gebe zu, mich hat das nicht überzeugt, eher gelangweilt. Er gönnt seine ironischen Seitenhiebe der Wissenschaft (wer wollte behaupten, an die Existenz der 10 hoch 500 möglichen Universen nach bestimmten Stringtheorien müsse man weniger glauben als an die Existenz eines Gottes) und der Politik, garniert die Geschichte mit Slapstickeinlagen, die er aber nicht wirklich in die Geschichte einbaut, sondern nach dem vermeintlichen „Gag“ (Merke: niemals bei -30 Grad gegen den Wind pinkeln…) abrupt beendet und auch die anderen ursprünglichen Bedürfnisse des Mannes neben Essen und Trinken weiß er in die Geschichte einzubauen… aber trotzdem… irgendwie war es blutleer und langatmig…

Vielleicht liegt es an der Person des Beard, einem opportunistischen, intelligenten, skrupellosen Widerling, fett, verfressen, dem Alkohol zugetan, lügend und betrügend, der wenig Anhalt bietet, sich mit ihm zu identifizieren oder als „böser Held“ eine gewisse Zuneigung auf sich zu lenken. Fünfmal verheiratet und genau so oft geschieden, säumen unzählige Affären seinen Lebensweg, die ihm eigentlich nur für die Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse dienen, von denen ein anderes die saubere Zufluchtsstätte ist, die er bei den Damen zu Hause antrifft. In seinem eigenen Heim dagegen wütet eine Katastrophe der anderen Art, im Lauf der Jahre, in denen nichts geputzt und repariert wurde, wurde sie zum Biotop für Ungeziefer aller Art, für Pilzteppiche und Sporenstürme…. genauso verwüstet er seinen eigenen Körper durch Kalorien- und Alkoholzufuhr, bis schlussendlich die unterste Falte seines Doppelkinns an den Kamm eines Truthahns erinnert.

In der SZ wird Beard als Allegorie bezeichnet, so wie im obigen Zitat ja auch schon festgestellt wird, daß sich in der Person Beard alle Makel der Menschheit zeigen (und in seiner Bleibe der Zustand der Erde). Wenn die Menschheit wirklich so ist, dann ist es schlecht um sie bestellt, dann ist dieser Roman ein zutiefst pessimistischer, denn Beard ist ein Betrüger, Lügner und Dieb und der Rest der Bagage, die ihm aufsitzt, die ihn hofiert und immer wieder einlädt ist auch nicht besser. Und Beard zerstört sich selber, er kann nicht masshalten, er achtet nicht auf sich, er treibt Raubbau an seinem Körper so wie die Menschheit unbelehrbar an der Natur.. dieser Bilder sind viele.

Beard (als Figur) ist ein Frauenheld, warum die Frauen diesen feisten Menschen aber so lieben, bleibt unklar. Er gibt ihnen nichts (ausser vllt den abendlichen kleinen Tod. Immerhin.), im Gegenteil, er belügt und betrügt sie. Sie langweilen ihn, ist alles vorbei denkt er an seine Projekte und die sich an ihn Schmusende wird ihm lästig. Nur einer gelingt es, ihn reinzulegen, von ihr wird er ebenfalls belogen und sie nimmt das von ihm auf, was nur ein Mann abgeben kann, um das zu bekommen, was nur eine Frau austragen kann… Trotzdem haben mir diese Kapitel, in denen es um die Figur Beard und seine privaten Verhältnisse geht, noch besser gefallen als der Rest.

Facit: ein langatmiges Buch, das mich insbesondere im Mittelteil etwas Mühe gekostet hat. Vllt, weil ich pro und contra Klimawandel auch sonst schon verfolge und zur „Genüge“ kenne und es hier als aufgesetzt und belehrend empfunden habe. Gegen Ende hat die Geschichte, da sie sich wieder mehr der Person Beard widmete, dann wieder etwas Tempo aufgenommen, so daß der letzte Buchabschnitt wieder etwas kurzweiliger zu lesen war.

Links:

Rezension in der SZ

Rezension in der FAZ

Ian McEwan
Solar
Diogenes, TB, 2010, 368 S.

Wisconsin, im Herbst 1907. Der vermögende, aber alleinstehende Farbrikant Ralph Truitt wartet im heranziehenden Schneesturm am Bahnsteig auf den Zug, der ihm die Frau bringen soll, die er per Annonce gesucht und gefunden hat. Aus praktischen, nicht aus romantischen Gründen, wie er betont. Der Zug hat Verspätung [2], aber die Frau trifft schließlich doch ein. Es ist nicht allzu überraschend, daß die Ziele der Frau sich von denen des Mannes unterscheiden. Sie sind zwar auch praktischer Natur, aber im Grunde geht es ihr nur ums Geld. Nämlich das, was sie bekommen wird, wenn sie endlich Witwe ist. Aber davor hat der liebe Gott das Zusammenleben und auch das Kennenlernen gestellt und so passiert das, was wirklich nicht sehr überraschend ist: romantische Gefühle halten Einzug…..

Es geht natürlich nicht ganz so glatt, denn sowohl Ralph als auch Catherine haben ihre eigene, nicht immer schöne Vergangenheit. Und der Autor wird nicht müde, diese in endlosen Schleifen und Wiederholungen vor uns auszubreiten, sie auszuschmücken, die Einblicke in sie zu vertiefen, die sich aus vergangenen Taten ergebenden Folgen zu schildern etc pp. Alles in allem eine recht ermüdende, in weiten Phasen langweilige Prozedur, ich hätte es dem Autoren schon viel früher geglaubt, daß das Leben auch dieser Menschen kein Wunschkonzert ist und das Geld vor Unglücklichsein nicht schützt und kein Geld haben auch nicht…..

Und ebenso das gegenwärtige (aus 1907er Sicht) Geschehen ist recht unglaubwürdig. Oder würde man sich wissenden Herzens und sehenden Auges freiwillig über Wochen hinweg zum Tode malträtieren lassen? Und würde man einem Menschen, für den man romantische Gefühle entwickelt hat, dies wirklich antun? Oder sind dies alles nur Bilder, mit denen Goolbrick die inneren Kämpfe seiner Protagonisten verdeutlichen will, das Fegefeuer, durch das sie hindurchgehen, das sie fast umbringt, bevor sie geläutert siegreich aus dem Kampf mit dem Bösen hervorgehen und in eine friedliche Zukunft sehen können? Ich weiß es nicht, es ist mir aber auch jetzt, nachdem ich mich durch das Werk ge… lesen habe, herzlich egal.

Laut Klappentext soll dieses Buch ein „kleines Wunder“ sein, „berauschend“ und „grandios“. Nachdem ich es jetzt gelesen habe, vermute ich eher, hier sind Klappen verwechselt worden, denn wenn ich Eigenschaften für dieses Buch wählen müsste, wären diese nicht darunter…. für mch war es eher gesteltzt in der Sprache und vorhersehbar in der Handlung.

Facit: Wer es mag…. und wer es kennenlernen will, kann sich ja die Leseprobe bei bilandia [1] mal anschauen

Links:

[1] zur Leseprobe
[2] was mich dieser mehrfach wiederholte Satz im ersten Kapitel genervt hat….

Robert Goolrick
Eine verlässliche Frau
btb, 2010, HC, 352 S.

Der japanische Autor Murakami hat auch hierzulande seine treue Fangemeinde und aus diesem Kreis kam die Empfehlung an mich, zum Kennenlernen die „Gefährliche Geliebte“ von ihm zu lesen.

I did it.

Es ist im Grund eine ganz banale Geschichte. Hajime ist ein Enddreißiger, Besitzer zweier Jazz-Clubs in Tokio, verheiratet mit Yukiko, die er liebt und mit der er zwei Töchter hat. Er betreibt die beiden Clubs mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen, von den Geschäften seines Schwiegervaters, eines Baulöwen, versucht er sich so gut es geht, fernzuhalten. Er führt das relativ sorgenfreie Leben eines erfolgeichen Geschäftsmannes, dem materielle Sorgen fremd sind. Und trotzdem.

Es fehlt ihm etwas, und was das ist, erkennt er, als (durch einen Zeitungsbericht über seine Clubs aufmerksam geworden) Shimamoto in seinem Club auftaucht, das Mädchen, mit dem er vor Jahrzehnten als Junge befreundet war….

Damals, Anfang der 50er Jahre noch sehr ungewöhnlich in Japan, war Hajime als Einzelkind ein Aussenseiter und so kam er in der Schule mit Shimamoto zusammen, ebenfalls ein Einzelkind, zudem noch gehbehindert. Beide hatten ähnliche Interessen, fanden Gefallen an Gesprächen und hörten stundenlang westliche Musik. Noch zu jung, um es benennen und begreifen zu können, waren sie ineinander verliebt. Als Hajime aber mit seinen Eltern umzog und die Schule wechselte, verloren sie sich aus den Augen.

Als Halbwüchsiger freundet er sich mit Izumi an, einem lieben, etwas zurückhaltendem Mädchen. Doch als er deren Cousine trifft, begegnet ihm zum ersten Mal bennenbar das, was Hajime „Magnetismus“ nennt, die unerklärliche Anziehungskraft einer Frau auf ihn, die nicht auf Äußerlichem beruht, sondern die einfach ist. Natürlich merkt Izumi, daß Hajime sie belügt und betrügt und sie zerbricht daran.

Und nun, ein Vierteljahrhundert danach, nach einigen Irrungen und Wirrungen eines anfangs durchschnittlichen Lebens, das dank einer Fügung und der Bekanntschaft und Hochzeit mit Yukiko eine glückliche Wendung hinein in die wohlsituierte Mittelklasse genommen hatte, sitzt Hajime in seiner Bar an der Theke und tifft dort auf Shimamoto.

Marukami läßt eine sehr geheimnisvolle Shimamoto auftreten. Materiell wie Hajime wohl ohne Sorgen, verrät er uns ebensowenig wie seiner Hauptperson etwas erfährt nichts von ihrem Leben. Ein Kind hatte sie wohl bekommen, das aber kurz nach der Geburt gestorben ist, und auch sie selbst scheint sehr krank zu sein. Hajime spürt den unbedingten Drang zu Shimamoto, sein ganzes Leben gerät aus den Fugen. Zwar kann er eine Zeitlang die äußere Fassade aufrecht erhalten, aber in seinem Inneren ist er bald bereit, alles für Shimamoto aufzugeben. Diese – obwohl sie Hajime ähnlich stark zu begehren scheint – wirkt kompromissloser, entweder läuft es nach ihren Regeln oder garnicht. Oft läßt sie Hajime wochenlang alleine, ohne daß dieser sich sicher sein kann, daß er sie wiedersehen wird.

Obwohl sich die beiden über Monate hinweg treffen und begegnen, verleben sie nur eine einzige Liebesnacht miteinander, danach verschwindet Shimamoto ohne Erklärung, so wie sie Monate vorher erschienen ist und läßt einen verzweifelten Hajime zurück…..

So weit, so gut.

Hajime begegnet dem großen Lebensrisiko, das jeder eingeht, der sich mit einem anderen Menschen zusammen auf ein gemeinsames Leben einläßt: er trifft auf einen anderen, der nicht nur diese und jene, sondern alle Saiten in ihm zu klingen bringt. Aber er ist nur um einen hohen Preis zu haben, das bisherige Leben verlassen, zurücklassen und in ein neues Leben zu springen, ohne zu wissen, was wird.

Zweimal läßt Murakami Hajime in solche eine Situation kommen: beim ersten Mal drückt Hajime sich vor der Entscheidung, er überläßt sie dem Zufall, ob das Flugzeug, in dem er mit Shimamoto sitzt, trotz Schneesturm starten kann oder nicht. Und als er bei der zweiten Gelegenheit bereit ist alles hinter sich zu lassen – läßt ihn Shimamoto allein. Es bleibt dahingestellt, wo sie ist, wohin sie gegangen sein mag…

Murakami formuliert die Frauen in seinem Roman so schwach aus, daß ich mich frage, wofür sie im Grunde stehen. Die ältere Shimamoto reduziert sich auf ihr Lächeln, ihr Aussehen, nichts von ihrer Geschichte wird erzählt bzw. erklärt. War sie überhaupt real? Oder ist sie nur die Personifizierung der inneren Unruhe, der Zweifel, der Suche Hajimes nach dem, was ihm fehlt? Hajime steht an einem Scheidepunkt seines Lebens: er kann Shimamoto nicht halten, sie im Leben nicht an sich binden (die Figur der Frau ist eng mit dem Tod verknüpft, aber den Gedanken kann ich momentan nicht schlüssig entwickeln…) und hat jetzt die „Wahl“, an diesem Verlust des Idealen zu verzweifeln oder an ihm zu wachsen und sich seinem realen Leben mit seiner Frau, der Familie und den Geschäften zu stellen. Wie er sich auch immer entscheidet, ein Abschnitt seines Lebens ist mit dieser Liebesnacht und dem Verschwinden Shimamotos vorbei.

Eine weitere Figur, auf die soweit ich in anderen Besprechungen gelesen habe, kaum eingegangen wird, die mich aber sehr interessiert und von der ich bedaure, daß auch Murakami sie sehr stiefmütterlich behandelt, ist Izumi, die erste Freundin Hajimes. Diese wird ja von ihm belogen und betrogen, was er selbst nicht so ernst nimmt, da sich seine erotischen Eskapaden nur auf das Bett, nicht aber auf Gefühle beziehen. Izumi jedoch, so wird es sich zeigen, nimmt irreparablen Schaden an diesem Zerwürfnis. Murakami läßt sie noch einmal im Buch erscheinen und zwar just zu der Zeit, in der Hajime auch Shimamoto wieder sieht. Und er zeigt sie als eine Art lebender Hülle, die nach aussen hin keine Regung zeigt und keinen Ausdruck mehr im Gesicht hat, eine Frau, vor der die Kinder Angst haben. Izumi ist innerlich gestorben an Hajimes jugendlichem Verrat und damit geradezu eine Antagonistin zur geheimnisvollen Shimamoto. Aber auch bezüglich dieser Frau bleibt fast alles im Geheimnisvollen ungesagt.

Die Handlung also die Lebensgeschichte eines japanischen Mannes, der nolens volens in seine midlife crisis schliddert. Leise, melancholisch und nachdenklich geschildert läuft die Handlung ohne große Aktionen ab, Jazzmusik und BMW, Sommerhäuser und Cocktails geben den Rahmen einer gut situierten Gesellschaftsschicht ab. Gesellschaftskritisches nur rudimentär streifend ist der Roman leicht übertragbar auch auf andere Länder und nicht unbedingt spezifisch für Japan, das komplizierte Innenleben eines Mannes, dessen Mitte sich auflöst, wird nachvollziehbar dargestellt. Inwieweit die Sprache der deutschen Übersetzung für Murakami charakteristisch ist, ist fraglich, denn (andere haben schon darauf hingewiesen), dieser Roman wurde auf dem Umweg über die englische Adaption ins Deutsche übertragen.

Facit: Ob Mann sich in dem Roman wiederfinden kann, muss jeder selbst entscheiden. Für mich war es jedenfalls ein guter Einstieg (abgesehen von der Übersetzungsproblematik) in die Bücher Murakamis.

Anmerkung:

Über die Diskussion zu diesem Buch kam es 2000 zu einem Eklat im Literarischen Quartett

Haruki Murakami
Gefährliche Geliebte
btb, diverse Ausgaben

Der Biograph Niklas Kalf kommt mit seiner schwangeren Frau Liz nach NY, um sich mit seinem Verleger zu treffen. Es geht um die Biographie des jüdischen Emigranten und Physikers Meerkaz, der in den USA ein wenig spektakuläres Leben geführt hat, dessen Witwe Kalf aber für die Arbeit an dem Buch großzügig entlohnt.

Nach einigen Tagen Aufenthalt wacht Kalf morgens auf und Liv ist nicht mehr neben ihm im Bett. Ein Anruf macht ihm deutlich, daß sie entführt wurde, als Lösegeld wird von ihm Material über Meerkatz gefordert, das er nicht hat und auch nicht kennt. Kalf verheimlicht die Entführung auf Anraten des Verlegers. Bei der wiederholten Durchsicht des Materials zum Buch findet er letztlich einen sehr schwachen Hinweis auf ein mögliches Geheimnis. Diesem geht er nach und es führt ihn in die texanische Wüste, in die Nähe der mexikanischen Grenze.

Dort geschieht das, was diesen Plot als unglaubwürdig brandmarkt: nämlich nichts. Die Landschaft übernimmt die Hauptrolle und Kalf, der Biograph, schlüpft wieder aus dem eigenen Leben hinaus in die Funktion des Beobachters von allem und jedem. Monatelang. Während seine Frau mit ihrem Kind unterm Herzen entführt bleibt…. er lernt dort Menschen kennen, fährt durch die Gegend und erst nach vielen Wochen gibt es einen Hinweis, daß er am Ende doch den kleinen Faden, der ihn zu einem großen Geheimnis führen kann, in den Händen hält.

Liv rückt für Kalf immer weiter weg, wird immer blasser, mühsam muss er nachrechnen, wie alt das Kind jetzt sein wird. Der Abschied aus Marfa, Texas, fällt ihm nicht leicht, aber der Faden, aber da die Entführer (trotz auch ihrer schier unendlichen Geduld) ihn ausfindig gemacht haben, muss er fliehen. Die Fahrt führt ihn an die Westküste, dort löst sich dann endlich das große Geheimnis um Meerkaz auf.

Ihr merkt es wahrscheinlich schon, meine Faszination für das Buch hält sich in Grenzen. Dem Plot jedenfalls kann ich nichts abgewinnen, einem Mann wird die Frau entführt und er ergibt sich den Geheimnissen der Wüste und bleibt regungslos beobachtend in einem texanischen Kaff hängen, umgeben von Künstlern, Wüstengeheimnissen und Landschaft. Aus einem eh schon gemächlich startenden Geschichte nimmt der Autor im Mittelteil vollends alles Tempo heraus, bevor im letzten Teil des Buches dann doch so etwas wie Spannung auftaucht.

Was also könnte Hettche gesagt haben wollen?

„Woraus wir gemacht sind“, der Titel, der (nach einer amazon-Rezension) aus einer Bush-Rede zum 11/9 entnommen ist, ist vllt der Schlüssel, denn das Motiv des verzweifelten, suchenden Menschen, der in die Wüste geht, um zur Einsicht über sich und die Welt zu gelangen, ist ja nicht neu. Man muss nur die Bibel lesen, Johannes der Täufer, Jesus, sie alle sind in die Wüste gegangen, ebenso wie Jahrhunderte nach Jesu Tod Gläubige in der Wüste die monastische Tradition des Christentums gegründet haben. Vielleicht ist dies, den zentralen Teil des Buches ausmachende, ja der Kern der Geschichte? Die Läuterung des Menschen in einer Landschaft, in der nichts etwas bedeutet, in der (so an einer Stelle des Buches) noch nicht einmal Auschwitz etwas bedeutet hätte, die Klärung seines eigentlichen Wesens, seines eigentlichen Ichs? Ebenso wie in der Bibel trifft auch Kalf auf die Verführung und den Teufel, der ihm im Traum erscheint. Kalf erliegt der Verführung in jeder Hinsicht, der Verführung, die die Wüste ausübt, derjenigen von Asien, was hinter ihm liegt, wird schwach und blass. Kaum, daß er sich noch erinnern kann… und es bedarf schon eines wirklich massiven Schubs, um ihn noch einmal auf die Beine zu bringen, wobei er auch dort mehr Getriebener ist als aktiv Handelnder:

Hettche versucht in seinem Roman auch ein Bild zu zeichnen vom Amerika ein Jahr nach 11/9 und vor dem Iraq-Krieg. Amerika ist für ihn das Imperium, das Rom der Neuzeit. Er versucht, in den Kern des Landes vorzustoßen, indem er den alten Mythen aus der Pionierzeit nachforscht, indem er versucht zu erkennen, wo dessen Seele liegt. Und immer wieder ist es die Unerbittlichkeit und Härte der Wüste, die er anführt und die bei der Besiedlung des Kontinents zu überwinden war bzw. mit der man auskommen musste. Die Wüste kennt keine Kompromisse und Diskussionen, sie gibt einem nur eine Chance, jeder, der mit ihr zu tun hat, muss sich entscheiden. Vllt ist dies der Stoff, aus dem sie (die damals handelten) gemacht sind….

Facit: mit vielen Anspielungen und Verweisen interessant zu lesen gibt dieses Buch viel Freiraum für eigene Interpretationen….

Links:

hier verweise ich nur auf den Spiegel-Beitrag, der das Buch positiv bewertet. Da „Woraus wir gemacht sind“ aber für den Buchpreis nominiert war, finden sich leicht noch weitere Rezensionen, falls daran Interesse besteht…

Thomas Hettche
Woraus wir gemacht sind
btb, TB, 2008, 320 S.

Bei mir in der Nähe wohnt ein Kunsthistoriker, der diesen Sommer eine Veranstaltungsreihe organisiert hat, bei der auch verschiedene Vorträge über mittelalterliche Buchkunst gehalten wurden. Ich hatte mir da vor einigen Wochen schon mal einen über das „Liebentbrannte Herz“ angehört und letzte Woche den über Stundenbücher besucht. Besucht, getan: es gibt im Buchhandel, ohne daß man auf -zig tausend Euro teure Faksimiles zurückgreifen muss, schöne Bücher mit guten Abbildungen, von denen ich mir dann letztlich zwei gekauft habe. Eins davon ist dieser Band von König über eins der Stundenbücher, die der Duc de Berry im 14. Jhdt gesammelt bzw. in Auftrag gegeben hatte.

Was sind Stundenbücher überhaupt? Im Grunde eine Art Gebetsbuch für Laien, eine Art Laienbrevier, wobei die Breviere (brevis lat. kurz) die sehr umfangreichen Jahresgebetesbücher der Priester waren. In den Psalmen wird vorgeschrieben, daß man den Herrn sieben mal am Tag und einmal in der Nacht preisen soll, also ziemlich genau alle 3 Stunden (in der täglichen Praxis sind die Abstände natürlich anders, was auch darauf zurückzuführen ist, daß die Stunden im Altertum nicht immer gleich lang waren [4])…. entsprechen werden acht Gebetszeiten unterschieden: Matutin, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper, Komplet.

In den Stundenbüchern werden die einzelnen Zeiten in den verschiedenen „Offizien“ (Pflichtgebete) jeweils mit Bildern eingeleitet, die für jede Gebetszeit ein bestimmtes Motiv enthalten. So weiß man (wenn man die Zuordnung kennt..) bei jedem Stundenbuch sofort wenn man das Bild sieht, welche Gebete dahinter folgen. Für das Marienoffizium, dem Kern jedes Stundenbuches, sieht das z.B. beginnend von den ersten Gebeten, die den Tag einleiten bis hin zum Tagesausklang in der Nacht so aus [3]:

Matutin
– Verkündigung des Erzengels Gabriel, daß Maria schwanger ist
Laudes – der Besuch von Elisabeth bei Maria
Prim – Geburt Jesu
Terz- Verkündigung an die Hirten
Sext – Anbetung durch die heiligen drei Könige
Non – Darbringung im Tempel nach 40 Tagen (Ende der rituellen Unreinheit der Frau nach der Geburt)
Vesper – Flucht nach Ägypten
Komplet – Tod Mariens und Versammlung der Apostel bei ihr

Neben den Gebeten sind oft auch Kalender enthalten, die entsprechend den Monaten illustiert werden. Zum Teil kann man diese Malereien wie Lehrbücher der Landwirtschaft und Illustration des damaligen Lebens lesen, man sieht, wie gearbeitet wurde, welche Gerätschaften zur Verwendung kamen, welche Tiere es gab etc pp….

Diese Buchmalereien sind wirklich ganz aussergewöhnliche Kunstwerke voller Symbolik, die sich einem erst ganz langsam und in Ansätzen erschließt. Aber je mehr Einblick man darin bekommt, desto faszinierender wird es. Anfänglich herrscht einfach nur Unverständlich, ganz nett.. ja, ja.. aber… hmmm… aber dieses Unverständnis weicht immer mehr, je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt. Zumindest ist es mir so gegangen. Und jetzt sitz ich hier ab und an vor dem Buch von König über eines der bekanntesten Stundenbücher des Mittelalters und bewundere die Malereien und les die Erläuterungen von König dazu. die ausdrücklich für Menschen wie du und ich gedacht, also sehr klar und verständlich sind.

Facit: Hier übernehm ich jetzt einfach das Resumee von Schwarzenberger aus dessen Besprechung auf die ich auch verweise[2]: Es „…ist schon die Buchgestaltung ein Augenschmaus. Und nur wer sich wirklich Zeit nimmt, wird auch die Fülle der zeitgenössischen Abbildungen würdigen können – und in ihnen vieles entdecken, was den Alltag zumindest der Oberschicht prägte. Faszinierend nicht nur für Bibliophile.“

Links:

[1] ein paar Abbildung aus einer Ausstellung des Getty-Museums
(ansonsten findet man bei der google-Bildersuche „Belles Heures“ bzw. auch „“Tres rich heures“ eine Vielzahl von Illustrationen)
[2] die schöne Buchbesprechung von Schwarzenberger ist hier zu finden
[3] wobei man sich aber vor Augen halten muss, daß Stundenbücher Auftragsarbeiten waren, die nach individuellen Wünschen gestaltet wurden. Auch änderten sich die „Moden“ über die ca. vier Jahrhunderte hinweg, in denen Stundenbücher gestaltet wurden, so daß letztlich jedes Buch ein individuelles war, das sich ich diversen Details wie kalligraphischer Ausstattung, den Bilderzyklen, der Qualität der Bilder u.a. von anderen Büchern unterscheiden konnte – und unterschied.
[4] die sogenannten „temporalen Stunden„. Mit ihnen wurde der Tag, gemessen von Sonnenauf- bis -untergang in 12 Stunden eingeteilt, die dann im wechsel der Jahreszeiten entsprechend ihre Länge veränderten (für die Nacht gilt dies analog)

Eberhard König
Die Belles Heures des Duc de Berry
Theiss Verlag, HC, 2004, 144 S.

Nachtrag vom 02.02.2011: die „Furtmeyer-Bibel“ aus Augsburg mit ihren herrlichen Malereien ist hier im Netz zu bewundern….

Julia Kröhn: Engelsblut

September 13, 2010

Im Österreich des 19. Jhdts wird die verwaiste Marie dem Oheim, einem Domherrn, anvertraut. Dieser, dem guten, sorgenfreien Leben zugetan, verfällt nach einiger Zeit dem salzigen Geschmack, vor allem aber den Quellen desselben, bei eben jener und bevor die Folge dieser neuen Leidenschaft das Licht der Welt erblickt, wird der fruchtbare Schoß mitsamt Frau verkauft, an einen verarmten Adligen, der – die gierigen Augen auf das Geld gerichtet – das Geschäft eingeht, die dickbäuchige Marie heiratet und die seiner Base versprochene Ehe absagt.

Die Frucht des salzigen Vergnügens wird auf einem Misthaufen geboren, eben jenem, auf dem sich die verbitterte Base und die ungeliebte Gräfin in ungezügeltem Hass aufeinander schlugen. Marie verweigert das Muttersein und so nimmt Felicitas, die Base, sich des Kindes an. Die Aufzucht des Knaben ist sozusagen casparhauseroid, er kommt nicht aus seinem Zimmer hinaus, hat keine Spielgefährten und Felicitas verweigert ihm jede körperliche Zuneigung.

Schon früh verfällt Samuel, der Knabe, darauf, mit Stöcken auf dem Boden zu kritzeln, zu malen. Bilder, auf die niemand achtet. Doch als man ihm den Zugang zu Papier und Feder gewährt, entstehen Bilder von Menschen aus seiner Hand, die diejenigen, die sie darstellen, gläsern machen. Es ist Samuels Gabe, durch die äußere Haut des Menschen hindurch zu sehen, ihm seine Verkleidung abzustreifen, ihn nackt zu machen, ihn in seinem Innersten darzustellen. Und es ist sein immer stärker werdender Hass auf die Menschen, der ihn dazu treibt, dies auch zu tun.

Eines Tages ist die Erregung über seine Bilder so groß, daß die Menschen zusammenlaufen und ihn fast tot schlagen. Seine Bilder werden verbrannt und Samuel verläßt seine Familie, deren Trauer sich in Grenzen hält. Nur zwei Menschen begleiten ihn, Andreas, sein Cousin, der die Verachtung, die Samuel ihm entgegenschleudert weil er (so drückt er es in späteren Jahren dann aus) „lieber sein Röckchen heben und das Weibchen machen will anstatt seinen Mann zu stehen“ mit schier grenzenloser Liebe vergilt und Lena, die einst buckelige und dreckige Magd, die dem Samuel ebenfalls verfallen ist, ohne daß dieser ihr mehr Achtung entgegenbringt als seinem Cousin.

Dieses seltsame Dreigestirn durchwandert viele Regionen, bis sie in Frankfurt auf Simon Grothusen treffen, einen dem Fischgestank der Küste entfliehendem Mann, der sich als Kunsthändler verdingt. Eben dieser nimmt sich mit seinem Gespür für ein Geschäft des Samuels an und bringt ihn in seine Künsterkolonie in ein Taunusdorf. Dort bleibt Samuel in seiner Verbitterung lange Zeit ein Aussenseiter und auch sein Motiv ist in der Gruppe der Landschafter fremd.

Nach den Erfahrungen in der Heimat malt er nämlich keine Menschen mehr, nein, er widmet sich dem reinsten aller Motiv, das es gibt, dem edelsten: Engel will er malen, Engel, so rein und edel, so leicht und luftig, so ehrlich und ergreifend, daß die Menschen, die sie sehen erfasst werden von deren Wucht, sich schreiend, weinend und betend darniederwerfen wie einst vor seinen Portraits. Sein ganzes vor ihm liegendes Leben wird er nur noch diesem Motiv und diesem Anspruch nachjagen. Mit seinem letzten Bild wird er es auf furchtbare Art und Weise erreichen und gleichzeitig wird er scheitern, wie er schon einmal gescheitert ist…. denn (und das sei jetzt das letzte zur Handlung des Buches) in seiner Unzufriedenheit mit den Ergebnissen seiner Malerei greift er zu immer obskureren Mitteln, die ihm Simon, der Mann des Wortes, einflüstert. Mit Blut, dem göttlichen Stoff, müsse er seine Bilder malen, um die Engel in ihrem wahren Wesen abbilden zu können und es wird sich erweisen, daß auch Blut nicht gleich Blut ist…..

Zwei Jahrzehnte nach dem Tod des Samuel Alt ist der Kunstkritiker Moritz Schlossberg auf der Suche nach dessen mysteriösen letzten Bild, das unauffindbar ist. Dies ist die Rahmenhandlung, in die Kröhn ihre Geschichte eingebaut hat, denn Moritz trifft bei seiner Suche auf dem verlodderten Gutshof von Samuels Familie auf Lena, die ihm wie in einem inneren Gefängnis zu sitzen scheint und auf ihrem Stuhl vor sich hin altert. Mühsam und mit einer kleinen List entlockt er ihr das Geheimnis um den Preis der Geschichte des Samuel Alt, die sie ihm in dreizehn Tagen erzählt…..

sodele….

Ein historischer Roman, aber keiner, der sich auf die Wirrungen der Liebe und der Zeitläufte beschränkt. Im Gegenteil gibt die Zeit, in der hin Kröhn angesiedelt hat, nur eine minder wichtige Kulisse ab für die tiefer gehende Symbolik und damit Botschaft, die die Autorin in ihrer Geschichte verpackt hat.

Samuel Alt malt die Wahrheit. Er sieht durch die Menschen hindurch in ihre Seele. Aber Samuel Alt liebt die Menschen nicht, denn mit der Wahrheit, die er sieht und wiedergibt, verrät er sie, verrät er ihr innerstes Wesen, entlarvt er sie, gibt sie allen anderen preis. Wahrheit, die dem Hass entspringt, kann töten.

Er malt gut, durchfuhr es den Grafen erschauernd. Er ist der beste, akkurateste und genialste Maler, den es auf Erden geben kann. Und er ist der gefährlichste, übelste und heimtückischte Denunziant, den ich je erlebt habe.

Mir hat es beim Lesen leidgetan, daß ich kaum theologische Kenntnisse habe, denn ich denke, daß Kröhn (die ja Geschichte, Philosophie, Theologie und Religionspädagogik) hier eine ganze Menge Symbolik eingebracht hat.

Die Trinität Samuel – Lena – Andreas habe ich ja schon erwähnt. Sie wird nach Simons Hinzustoßen zur Gruppe in dieser Form aufgelöst, Samuel entschwindet (auch örtlich im Roman) nach oben und am Boden bleiben als Dreiheit Simon, Lena und Andreas. Samuel will etwas schaffen, das perfekte Engelsbild. Engel, die Boten Gottes, wer kann diese nur schaffen? Wohl Gott selbst und diese Anmaßung büßt Samuel mit seinem letzten Bild….

Auf der anderen Seite, im Gegensatz zu diesem Trinitätsbild, steht die Herkunft sowohl von Samuel als auch von Simon und Lena: alle drei sind im Dreck geboren, im Gestank, dem sie entfliehen wollen, den sie ablegen wollen. Mir fiel Aristoteles ein, der ja lehrte, daß die niedersten Tiere (durch Urzeugung) aus Schlamm und Dreck geboren wurden und ählich solcher Tiere umkreisen Simon und Lena ja den Samuel, wenngleich auch aus anderen Motiven heraus. Vielleicht etwas abwegig der Gedanke, etwas spekulativ….

Der Judaskuss spielt eine späte Rolle in der Geschichte, hie wird wie dort ein Verrat begangen….

Aber das stärkste Symbol ist vielleicht die Auseinandersetzung zwischen Bild und Wort, verkörpert in der Konkurrenz und im Streit zwischen Samuel und Simon. Bild und Wort… von den drei abrahamitischen Religionen ist das Christentum dasjenige, das dem Bild großen Raum gibt, Judentum und Islam sind Religionen des Wortes. Am Anfang war das Wort… du sollst dir kein Bild machen…. Samuel stirbt, Simon nicht…. ich lass diesen Gedanken einfach mal so stehen, mag ihn für sich vertiefen, wer will….

Es lassen sich leicht noch mehr Motive solcher Art im Buch finden (z.B. Wiederauferstehung), sie hier anzuführen würde aber zuviel vom Buch verraten, deswegen lass ich es lieber sein… wie gesagt, es ist auch alles spekulativ, weil ich beim Lesen eben diese Assoziationen hatte. Mag sein, daß die Autorin solches nie in ihrer Geschichte hatte unterbringen wollen….

.. und wenn sich bei dieser Geschichte jetzt jemand an das „Parfüm“ erinnert fühlt, er sei getröstet: es geht vielen so! Aber man sollte sich davon nicht abhalten lassen, „Engelsblut“ ist eine spannende Geschichte über fehlgeleitete Liebe, über Hass, über das vergebliche Streben nach Vollkommenheit und über die Gefährlichkeit der Wahrheit. .. und dieser letzte Satz sei dann auch gleichzeitig mein Facit….

Julia Kröhn
Engelsblut
btb, TB, 2005, 352 S.

Es gibt so viele Arten zu leben, aber nur eine, tot zu sein.

Leo Gursky ist ein alter, einsamer Mann in Brooklyn. Er hatte einst die Liebe seines Lebens gefunden, aber ist ohne Frau geblieben. Er hat einen Sohn, aber er ist nie Vater gewesen. Er war Jahre unsichtbar, so unsichtbar, daß er auf Fotografien nicht abgebildet wurde und jetzt, wo er den Tod für eine mögliche Erscheinung hält, will er gesehen werden, noch einmal gesehen werden. Dazu fällt er auf, pöbelt auf der Straße die Menschen an, streitet mit den Kassiererinnen im Supermarkt, obwohl er weiß, daß er im Unrecht ist. Er ist so einsam, will so sehr gesehen werden, daß er sich als Aktmodell in einem Kunstkurs verdingt, obwohl das letzte, was man ihm vorhalten könnte, wäre äußerliche Schönheit. Und doch.

Die Geschichte beginnt in Polen, in irgendeiner kleinen Stadt, Slonim. Leo begegnet dort in der Schule einem Mädchen, das ihm nicht weiter auffiel, bis er ihm eines Tages näher kam, weil es eine Motte in der Hand gefangen hielt, die er sehen wollte. Die Motte überlebte dies nicht und die beiden Kinder standen sich gegenüber.

„Ich bemerkte, was mir vorher nie aufgefallen war. … Das Gefühl verschlug mir beinahe den Atem. Ein Kribbeln breitete sich wie Feuer in mir aus. Das Ganze muss in weniger als dreißig Sekunden passiert sein. Und doch. Danach war ich in das Geheimnis eingeweiht, das am Anfang des Endes der Kindheit steht. Es dauerte Jahre, bis ich all die Freude und den Schmerz, die in weniger als einer Minute in mich eingezogen waren, verausgabt hatte.“

Sie gehen wieder auseinander, aber Leo schleicht dem Mädchen nach, beobachtet sie, erkundet ihr Leben. Alma bemerkt dies und stellt ihn zur Rede, es solle sagen, was er von ihr wolle. Leo will ihr Adieu sagen – und doch, was er sagt, ist dies: „Ich wollte fragen, ob du mich heiraten willst.“

Die Geschichte der Liebe ist die Geschichte des gleichnamigen Buches, das Leo für Alma schrieb, damals in Slonim, bevor das Unfassbare geschah, das so unfassbar war, daß es niemand fassen wollte. Nur einige wenige handelten, unter anderem Almas Vater, der seine Tochter rechtzeitig nach Amerika schicken konnte. Leo bleibt zurück mit dem gegebenen Versprechen, Alma nachzureisen. Als die Deutschen kommen, flieht er, lebt jahrelang im Wald, in Kellern, in Löchern, ernährt sich von Käfern, Würmern und rohen Ratten, wird unsichtbar. Aber er überlebt und auch er kommt in die Staaten, wo er bei seinem Cousin Schlosser lernt. Er findet seine Alma, aber diese, in dem Glauben, er sei tot, ist verheiratet, weil sie dem Kind, das sie von Leo mit über den Ozean brachte, einen Vater geben wollte.

Das Buch, das Leo für Alma schrieb, vertraute er einem Freund, Zvi Litvinoff, an. Dieser, selbst auf der Flucht, nahm es mit nach Chile und dort übersetzte er, der glaubte, Leo sei tot, dem Grauen nicht entkommen, es aus dem Jiddischen ins Spanische, um es Rosa, seiner Liebe, als sein Buch zu schenken. „Die Geschichte der Liebe“ wurde nicht sehr oft verkauft, aber ein Exemplar davon entdeckte dann ein David Singer in einem Antiquariat, er kaufte es und schenkte es wiederum seiner Liebe. Und die beiden nannten ihre Tochter nach der Hauptperson des Buches, Alma.

David stirbt, als Alma 7 Jahre alt ist. Jahre später bekommt die Mutter, die als Übersetzerin arbeitet, völlig überraschend die Anfrage, ob sie diese „Geschichte der Liebe“ übersetzen kann. Sie sagt dies dem Unbekannten zu und so erfährt Alma den Inhalt des Buches und sie macht sich auf, den Verfasser zu finden.

Das sind die drei Handlungsstränge, denen Krauss im Lauf ihres Buches nachgeht: die Geschichte und das Leben Leo Gurskys, dann die Geschichte des von ihm geschriebenen Buches, die sich in weiten Teilen mit der von Lvi Litvinoff deckt und last noch least die Suche Almas nach dem Verfasser des Buches.

Das ist ein ausufernder Stoff, fürwahr [1]. Insbesondere, weil Krauss ihn ausschmückt, sich auch Umwege zu erzählen traut, Nebenhandlungen, Anekdoten und Erinnerungen. Eine Vielzahl von Personen leben in der Geschichte, allen voran natürlich der etwas verschrobene, alte, mit dem Tod rechnende und mit seinem Leben abrechnende Leo sowie die beiden Geschwister Alma und Bird (ihr jüngerer Bruder), die beide auf ihre Art und Weise versuchen, mit dem Verlust ihres Vaters umzugehen. Aber kann man von jüdischen Lebensgeschichten, die im Polen der dreissiger Jahre anfangen, erwarten, daß sie einfach sind? Ich denke, nein…. ich glaube, man muss schon glücklich sein, wenn es überhaupt Lebensgeschichten sind, viele Personen, die noch hätten ihre Geschichte beitragen können, sind dem Unfassbaren zum Opfer gefallen und damit fast geschichtslos gestorben….

Es ist aber im besonderen die Geschichte Leo Gurskys, die Krauss ausbreitet. Es ist die Geschichte eines Jungen, der etwas anders ist als die anderen in seinem Alter, die Geschichte eines Jungen, der um die Ecke des Dorfplatzes biegt und einen riesigen grauen Elefanten sieht. Und der wusste, er bildet ihn sich ein…

Und doch. Ich wollte daran glauben.
Also versuchte ich es.
Und merkte, ich konnte es.

Und so wird das Leben Leo Gurskys zum Leben eines Menschen, der sich seine Realität durch Glauben schafft, der die Wahrheit glaubt anstatt sie zu sehen, für den alles möglich wird, weil er sich alles glauben kann und für den auch alles unmöglich wird, weil er am Ende seines Lebens kaum mehr unterscheiden kann, was wirklich ist und was er glaubt.

Es ist die Geschichte eines Lebens, das mit einer Liebe gleichgesetzt wird, eines Lebens, das einen Verlust nicht glauben und nicht wahrnehmen will, eines Lebens, das um den Preis der Unsichtbarkeit gerettet, durch Verluste geprägt ist, den Verlust des Buches, das unter einem anderen Namen veröffentlich wird, den seines zweiten Buches, auf das ein ähnliches Schicksal wartet und natürlich über allem der Verlust der Liebe seiner Alma, die er erst am Ende seines Lebens wahrnehmen kann.

Alma und Leo sind die Pole der Geschichte. Das junge Mädchen, voller Kraft, Entschlossenheit und Ausdauer, konzentriert auf das Ziel, das sie erreichen will, den Verlust ihres Vaters auch damit bewältigend und auf der anderen Seite den resignierten, verschroben wirkenden Phantasten Leo, der Sein und Schein kaum noch auseinanderhalten kann, der rückwärts gewand kaum den Zustand überwunden hat, den er als junger Mann erreicht hat.

Ich will Bird, den kleinen Bruder Almas, diesen liebenswerten, sich in seine Idee versteigernden Jungen, nicht unterschlagen. Er, der den Verlust des Vaters, den er nicht lange gehabt hat, kaum verwindet und sich auch – ähnlich wie Leo – in eine Traumwelt flüchtet. Diese besteht nicht wie bei Leo in einer unerfüllten Liebe, sondern in einer übersteigerten Religiosität, in einer Hinwendung zu G“tt, die ihn glauben läßt, er sei einer der 36 Gerechten, wegen derer G“tt die Welt nicht untergehen läßt. Ihm, der an seine Bestimmung glaubt und dabei im ersten Anlauf scheitert, kommt es zu, durch dieses Scheitern zu lernen und – wenn schon nicht die Welt – so doch die Geschichte von Leo und Alma zu einem Ende zu bringen.

Facit: eine trauriges Buch voller Verluste und wie man damit umgehen kann, ein schönes Buch mit einer wunderbaren Geschichte und einem Ende, das zu Tränen rühren kann…..

Nicole Krauss
Die Geschichte der Liebe
rororo, 2010, 544 S.

[1] Hier verweise ich auf die Kritik von Eva Menasse an diesem Buch, die sich gerade auch an diesem Ausufern stört (und die ich nicht teile, da ich im Gegenteil schmunzeln musste, ist doch „Vienna„, ihr eigener Roman, ebenfalls kein Muster an Gradlinigkeit der Erzählung….

Im heutigen ZEIT magazin ist ein kleiner, aber sehr anrührender Beitrag von Sebastian Schlösser. Dieser war erfolgreicher Theaterregisseur am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg mit Verpflichtungen an verschiedenen anderen Bühnen in Deutschland, als bei ihm die Diagnose manisch-depressiv (bipolar) gestellt [1], und er in die Psychatrie eingewiesen wurde. Zu dieser Zeit hatte er selbst einen anderthalbjährigen Sohn. Für Kinder ist die Erkrankung eines Elternteils und die damit ev. verbundene Abwesenheit immer eine traumatische Erfahrung, insbesondere, wenn noch Besuche nicht möglich sind und die Krankheit selbst nicht so einfach zu erklären ist wie z.b. ein Beinbruch….

So wurde Schlösser nach seiner Entlassung gefragt, ob er bei solchen Therapiesitzungen für Kinder mitarbeiten würde. Daraus sind diese Briefe [2] entstanden an einen kleinen Jungen, sie sind aber in erster Linie wohl zu verstehen als eigene Aufarbeitung des Erlebten [1].

Wie erklärt man in einfachen Worten, ohne fremd klingende, beängstigende Begriffe, was mit einem Menschen passiert ist, der in eine „Irrenanstalt“ eingewiesen wird? Denn mit solchen Begriffen könnte ein Junge ja konfrontiert werden, wenn er mit seinen Kumpels spielt und die davon erfahren haben. Und dieses Erklären ist Schlösser ganz wunderbar gelungen. Ohne etwas zu beschönigen, die Unruhe etwa, die innere Hektik oder die Langeweile, gelingt es ihm, altersgerecht verständlich zu machen (denke ich, aber ein Kind wäre hier der eigentliche Fachmann….), was mit ihm passiert ist, wie die „Meise“ in ihm arbeitet, ihn piesakt, ihn auch quält und wie er versucht, diese „Meise“, die er hat, in den Griff zu bekommen, wie ihm die Ärzte dabei helfen und wie er selbst lernen muss, daß dies lange Zeit dauert. Und wie er ihn, seinen lieben Matz, so sehr vermisst…..

Man tut sich oft schwer, Kindern in schwierigen Situationen mit Erklärungen gerecht zu werden. Dies hier ist ein – wie ich finde – gelungenes Beispiel dafür, wie man es machen kann. Und das man ja auch auf andere Situationen übertragbar ist….. denn Kinder stellen Fragen, sind sehr sensibel für das was geschieht und das Schlimmste, was man machen kann, ist es, ihnen nicht die Wahrheit zu sagen – in einer Form, die sie verstehen können.

[1] Interview mit Schlösser im ZEIT magazin 09.09.2010
[2] online-Ausgabe der Briefe

Literaturliste des „Arbeitskreises Kinder psychisch kranker Eltern“ zum Thema: http://www.kipse.de/medien.htm

Sebastian Schlösser
Briefe aus dem Wolkenkuckucksheim
Illustrationen: Andrea Ventura
ZEITmagazin, 09.09.2010 Nr. 37

Franka Potente: Zehn

September 6, 2010

Ich kannte Franka Potente bis jetzt nur als Schauspielerin in einigen wenigen Filmen, da ich ja kein exzessiver Kinobesucher bin. Dann habe ich das Interview mit ihr in der ZEIT [1] gelesen und es tauchten die ersten Besprechungen des Buches auf, die durchweg positiv waren. Und meine Neugier ward geweckt ….

Zehn Kurzgeschichten also präsentiert Potente uns hier. Sie verarbeitet in ihnen ihre Erfahrungen, die sie bei ihren Japanaufenthalten gemacht hat. Sie, die sie das Japan in ihrem Geschichten in kleinen Strichen skizziert, hat und nutzt die Freiheit, die ihre eigene Fremdheit mit dem Land ihr gibt: es ist die Distanz zu dem, was sie schildert, die ihren Erzählungen, ihren Miniaturen die Glaubwürdigkeit verleiht. Sie gibt den Brüchen des modernen Japans Raum, eines Japans, in dem die alten Traditionen und Verhaltenskodizes noch gültig sind, aber immer schwerer einzuhalten, eines Japan, das in seiner Verbundenheit dem Vergangenen gegenüber mit dem, was sich in der Welt ändert, schwertut. Ändern sich Traditionen und Sitten, sind erst einmal Einsamkeit, Verunsicherung, Verlust die vorherrschenden Gefühle: das Alte ist noch nicht vergessen bzw. erfüllt nicht mehr und das Neue hat den Platz des Alten noch nicht völlig einnehmen können.

Dies ahnt man in den kurzen Geschichten Potentes. Diese in knappen und klaren Sätzen geschilderten Ereignisse weisen Sprünge auf, kleine Risse meint man zu spüren, Worte wie „googeln“ sind fremd in dieser Umgebung, gehören aber zur Welt, wie sie jetzt ist. Das altehrwürdige Sumo wird ersetzt durch das laute, klamaukige Wrestling, kein Yokozuna, sondern ein riesiger, gutmütiger Wrestler begleitet Herrn Masamori in seinen Wachträumen zum Ziel seiner letzten Reise. . Schirme und Sandalen, einst handgefertigte Kunstwerke, kommen heute selbst in den kleinen japanischen Lädchen, die sie noch vertreiben, aus der Fabrik. Und sterben die Ladenbesitzer, so geht mit ihnen diese japanische Tradition ganz und stirbt aus.

Vermitteln die Geschichten Potentes ein richtiges Bild von Japan, so ist es vor allem die Einsamkeit, die vorherrscht. Eine Einsamkeit, die wie ein übergezogens Tuch die Lebensfreude erstickt. Die Einsamkeit der überforderten Hausfrau und Mutter beim Warten auf den Mann, die reglos hoffend beobachtet, wie ihr Monster, das Kind, auf die Brüstung des Balkons klettert. Die Einsamkeit der alten Menschen, die immer alleiner in ihren kleinen Wohnungen, den Hinterzimmern ihrer kleinen Lädchen leben und auf den Tod warten, die Einsamkeit der Kinder, denen das Japan der Eltern und Großeltern zu eng geworden ist und die im westlichen Lebensstil ihr Ziel sehen. Eine Einsamkeit, die die Menschen resignieren läßt, die sich in den verordneten Barbesuchen nach Dienstschluss nur an der Oberfläche verdrängen läßt.

Zehn kleine, leise und präzise Miniaturen aus Japan. Momentaufnahmen wie Scherenschnitte, schwarz-weiß, mit harten Konturen und empfindlich für die japanischen Gegebenheiten. Das Ende manchmal abrupt und überraschend, vielleicht auch nicht immer ganz gelungen (ein erwachsener, älterer japanischer Mann sollte einen Massagestab nicht erkennen??), was der Geschichte aber kaum schadet. Ausgesprochen schön fand ich die etwas längere Erzählung von Herrn Masamori, der sich mit dem riesigen Wrestler anfreundet, während ihm, dem Witwer, sein Sohn immer mehr entgleitet und der sich folgerichtig auf seiner letzten Reise dem Riesen anvertraut. Auch das Schicksal von Miyu hat gut gefallen, die als Hostess in einer Bar arbeitet und dort einen jungen Mann „kennenlernt“, der genau den Beruf hat, dessen Uniform sie bei der Begegnung trägt. Miyu hat noch einen zweiten Job, und in dem trifft sie ihn dann wieder….. Naski dagegen ist dem Japan ihrer Eltern entronnen. Als Austauschschülerin fliegt sie nach Amerika, sie fühlt sich dort sofort wohl, dort ist sie frei, kann lachen anstatt nur hinter vorgehaltener Hand zu kichern. Sie lernt Jungs kennen und „fuck“ zu sagen.. Doch dann stirbt zu Hause ihr Großvater…

Facit: Zehn schöne, einfühlsame Geschichten aus dem modernen Japan, die ein Gefühl des dortigen Alltags vermitteln, in seinen Traditionen sowohl wie in seinen Brüchen.

Franka Potente
Zehn
Piper, HC, 2010, 164 S.

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