Janne Teller: Nichts
August 30, 2010
In aller Munde: Der Dänin Tellers ungewöhnliches Jugendbuch: “Nichts. Was im Leben wichtig ist”, das in der Tat weniger der Unterhaltung dient als daß es zum Nachdenken und zum Philosphieren anregt. Es hat eine der, wenn nicht die zentrale Frage der Menschheit zum Thema: Welchen Sinn hat das Leben [1] und es beantwortet (?) sie auf radikale Art und Weise.
Im Zentrum des Buches steht eine 7. Klasse einer dänischen Schule. Pierre-Anthon, einer der Schüler, verläßt eines Tages die Klasse, erklettert einen Baum und verspottet von dort aus seine ehemaligen Mitschüler.
Nichts bedeutet irgendetwas,
das weiß ich seit Langem.
Deshalb lohnt es sich auch nicht, irgendetwas zu tun.
Das habe ich gerade herausgefunden.
Agnes, die Erzählerin, und die anderen sind durch dieses Verhalten von Pierre-Anthon sehr verunsichert, sie wissen es nicht zu deuten und sie glauben es auch nicht. Letztlich beschließen sie, Pierre-Anthon das Gegenteil zu beweisen und Dinge, die ihnen etwas bedeuten, zusammenzutragen und ihm wenn sie fertig sind, diese zu zeigen, um ihn damit zu überzeugen, daß er im Unrecht ist.
So muss jetzt jedes der Kinder etwas persönlich bedeutendes als “Opfer” bringen und es wird in einer Art Altar, dem Berg der Bedeutung, gesammelt. Fatalerweise beruht dieses opfern nicht auf Freiwilligkeit, sondern jedes Kind, das etwas von sich auf den Berg gebracht hat, darf bestimmen, wer als nächster an der Reihe ist und was er zu opfern hat. Mit dieser Möglichkeit, den nächsten festzulegen, ist der Willkür Tür und Tor geöffnet, und damit gewinnen sehr schnell Gefühle wie Neid, Abneigung, auch Rache die Oberhand. Natürlich wissen die Jugendlichen, daß das Weggeben solcher Gegenstände, für die man vielleicht lange gespart oder bei den Eltern gekämpft hat, wehtut und so geht es bald unter dem Deckmantel: je weher es tut, desto bedeutender nur noch darum, weh zu tun.
Ansätze, sich zu wehren oder aus dem System auszusteigen, werden mit roher Gewalt vereitelt, die Gruppe hat keinen Kontrollmechanismus, sehr schnell werden alle geltenden Regeln normalen Verhaltens gebrochen, alles unter dem selbstgesteckten Anspruch, einen Berg wirklich bedeutender Sachen zusammenzutragen.
Erwachsene spielen bis zum Ende des Buches praktisch keine Rolle. Und auch als die Aktion der Schüler auffliegt und große Aufregung herrscht, die Polizei einschreitet, die Presse auf alles aufmerksam wird und sich sogar Museen für das “Kunstwerk” interessieren, spielen sie keine rühmliche Rolle: sie strafen, deuten alles in ihr eigenes Begriffssystem um, verstehen nicht, um was es den Schülern ging und sie verkennen in ihrer eingeschränkten Sicht die Eigendynamik der Ereignisse und die Schäden, die bei den Kindern angerichtet hat, völlig. Und als dann auch noch Pierre-Anthon ihr Unternehmen verlacht (und ihm dadurch den Sinn nimmt), verliert die Gruppe jede Kontrolle.
Soweit zum Handlungsrahmen des Buches. Pierre-Anthon stürzt also das existierende Weltbild mit der Frage nach dem Sinn und der Bedeutung von allem (bzw. seiner nihilistischen Antwort auf diese Frage), wobei ich denke, daß hier Begriffe, die nicht das gleiche bezeichnen, fälschlicherweise synonym verwendet werden [2], denn etwas muss nicht unbedingt einen Sinn haben, um eine Bedeutung zu besitzen. Wobei der Begriff “Bedeutung” selbst schon wieder nicht eindeutig ist [3]. Für eine fundierte Diskussion müßte man also diese einzelnen Begriffe erst einmal definieren oder sich auf bestehende Definitionen einigen. Ein wenig Beschäftigung mit Philosophen, die sich des Themas schon annahmen, würde sicher auch nicht schaden…. na ja… ich schreib hier einfach auf, was mir so eingefallen ist.
Die etwas trockene und akademisch klingende Forderung von mir, im Vorfeld erst einmal die Begriffe sauber auseinander zu halten und zu definieren, ist m.E. nach sehr sinnvoll, denn hätten die Schüler dies an den Anfang gestellt, hätten sie gemerkt, daß im Grunde beide Parteien recht haben und beide, Pierre-Anthon und seine ehemaligen Mitschüler, von verschiedenen Sachen sprechen.
Nichts hat, und da hat Pierre-Anthon recht, per se und a priori eine Bedeutung. Auch das Leben hat a priori keinen Sinn, es ist einfach “nur” eine mögliche Organisationsform von Materie, die aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann auch wieder im Nichts verschwindet. Wenn wir unser Leben trotzdem nicht als sinnlos auffassen, dann nur deshalb, weil wir ihm einen Sinn geben, es daher für uns eine Bedeutung hat. Bedeutung und Sinn bedingen also Subjekt (der/die den Sinn, die Bedeutung aufbaut) und ein Objekt (auf das sich diese Bedeutung/r Sinn) bezieht. Und so haben natürlich die wunderschönen, bunten Sandalen von Agnes für diese eine Bedeutung, die sie für die anderen Mitschüler nicht haben (sonst würden sie wahrscheinlich ihre Opfergaben nicht so radikal einfordern), weil sie nur in der “Beziehung” zwischen Agnes und ihren geliebten Schuhen besteht. Und das ist etwas ganz anderes als das, was Pierre-Anthon behauptet, denn wenn die Sandalen von Agnes a priori eine Bedeutung hätten, wären sie für jeden bedeutend – und das sind sie offensichtlich nicht…. Bedeutung ist also keine Eigenschaft von Irgendetwas, sondern “nur” eine Zuordnung.
Das zweite große Thema, das Teller beschreibt, ist die Dynamik in einer Gruppe, die sich sich abkoppelt, gegen andere abgrenzt und versucht, ein Ziel zu erreichen [4]. Aus der anfänglichen Gleichheit (alle verabreden sich zu dem Projekt) wird sehr bald eine Art Diktatur, die sich über körperliche Merkmale, sprich Kraft und Gewalt, definiert: wer sich nicht fügt, wird verprügelt, bis er nachgibt. Zweifel werden nicht geduldet, ein Ausscheren aus der Gruppe ist nicht möglich. Alle angestauten Gefühle wie Ärger, Zorn, Traurigkeit, Hass müssen innerhalb der klandestinen Gruppe abreagiert werden, dies führt in erschreckender Schnelligkeit zu Exzessen, die jede normale menschliche Verhaltensweise ignorieren. Es gibt keine dem entgegensteuernde Einrichtung wie Abstimmungen, das Recht des Einzelnen auf Widerspruch oder ähnliches, das Ziel heiligt bald sämtliche Mittel. Diese Vorgänge prägen sich den Kindern so intensiv ein, daß sie davon für ihr gesamtes Leben gezeichnet sind….. Hier hat Teller ein klar gezeichnetes Bild für grundlegende Funktionsweisen von totalitären Regimen geliefert.
Facit: Ein wichtiges und in der Umsetzung radikales Buch. Es würde mich sehr interessieren, wie die angesprochene Altersgruppe der 13 bis 15 jährigen das Buch interpretiert [5]….
Links und Anmerkungen:
[1] .. und wenn das Weltall sich wirklich ausdehnt, warum finde ich nie einen Parkplatz? Sry, das musste jetzt sein… sei gegrüßt, Woody….
[2] so zum Beispiel Teller in diesem Videobeitrag
[3] Wiki-Artikel zum Begriff Bedeutung
[4] mir ist bei der Lektüre immer wieder der “Herr der Fliegen” in den Sinn gekommen….
[5] vgl auch dieses Beitrag im KulturSPIEGEL online
Janne Teller
Nichts
Was im Leben wichtig ist
Hanser, 2010, 139 S.







September 1, 2010 at 7:04 am
Verehrter Flattersatz,
da warst du schneller als ich mit dem Schreiben. (Meine liegt noch angefangen hier im Rechner.)
Ich habe es sehr genossen, deine Rezension zum Frühstück zu verspeisen. Sie war wie immer mit besonderem Tiefgang versehen – wie immer bemerkenswert! Und es freut mich natürlich dein Fazit! Mich würde es auch sehr interessieren, wie die Jugendlichen darüber denken… Kennst du nicht jemanden in dem Alter? Ich leider nicht. Ich habe es aber am Wochenende mal einer Lehrerin wärmstens empfohlen.
Schönen Tag dir und auf bald
Bedeutsame: ) Grüße
Klappentexterin
September 1, 2010 at 10:33 am
dann geht es mir ja viel besser als dir, denn ich habe die vorfreude auf deine besprechung noch und kann sie geniessen…. was die lesenden jugendlichen angeht habe ich leider keinen zugriff auf solche. auf dem land .. ich will nicht behaupten, es sei eine rare spezies, aber die dichte ist gering und ich kenne da nur wenige. hmmm… mir fallen gerade die konfirmanden ein, da treten sie gehäuft auf… vllt sollte ich mal mit der pfarrerin reden…. *grübel*
vorfreudliche grüße
flattersatz
September 1, 2010 at 9:27 am
Über dieses Buch habe ich schon zwei Mal was im Fernsehen gesehen (war jedes Mal der gleiche Beitrag). Da wurde die Geschichte auch einführend so ein bisschen nachgespielt.
Du liest doch auch vor, oder? Kannst du sowas nicht mal Kindern vorlesen?
September 1, 2010 at 10:36 am
hallo friederike und danke für deinen kommentar!
ja, die idee ist gut mit dem vorlesen vor kindern und mir ist gerade, als ich oben klappentexterin antwortete, die idee gekommen, daß die konfirmanden ja gerade diese altersgruppe sind. auf schule oder schüler in diesem alter habe ich nämlich leider keinen zugriff, kenne auch keine lehrer… man müsste dann eh mal schauen, weil das buch zum vorlesen doch relativ lang ist….
September 1, 2010 at 8:04 pm
Ich habs heute verkauft. Juchu! : )
UND
Tolle Idee mit dem Vorlesen!
Liebe Abendgrüße
Klappentexterin
Oktober 21, 2010 at 5:48 pm
Ich habe gelesen, dass es Sie interessieren würde, wie z.B. 15-jährige das Buch interpretieren.
Also ich bin 15-jährig. Als ich das Buch gelesen habe, habe ich mir viele Gedanken über das Nichts und v.a. auch über den ersten Satz von Pierre Anthon gemacht.
Zu erst habe ich mir überlegt, was das Nichts überhaupt ist und ich bin zum Schluss gekommen, dass man das Nichts nicht definieren kann.
Je länger ich mir Gedanken über diesen Satz gemacht habe, desto mehr verstand ich Pierre Anthon und den Satz “Nichts bedeutet etwas.”
Und eigentlich hat er gar nicht so unrecht. Ich sage nicht, er hat recht. Aber er hat auch nicht unrecht. Denn ich habe mir überlegt, dass ein einzelner Mensch, ein einzelnes Leben oder eine einzelne Sache im Vergleich zum Universum und zum Ganzen wirklich keine Bedeutung hat. Aber jeder Mensch hat für einen anderen Menschen eine Bedeutung. Und es gibt auch Gegenstände, die für gewisse Menschen eine Bedeutung haben. Deshalb finde ich, man kann nicht allgemein sagen “Nichts hat eine Bedeutung”.
Das ist einfach das, was ich als 15-jährige darüber denke.
Oktober 22, 2010 at 10:29 am
liebe nichts,
ich danke dir sehr für deinen kommentar.
ich stimme dir zu, wenn du sagst, daß wir menschen, jeder mensch, eine bedeutung hat für einen anderen menschen und das es auch gegenstände gibt, die für uns bedeutend sind, weil wir sie so mögen, weil erinnerungen dran hängen oder weil wir sie schlicht und einfach zum leben brauchen.
interessant ist deine bemerkung, daß man das Nichts nicht definieren kann. Meinst du jetzt: “das Nichts” oder das “nichts”? wenn du ersteres meinst (du schreibst es ja groß), schließt sich die frage an, wie kann man über etwas reden, daß man nicht definieren kann, das also keine festgelegte (und von allen akzeptierte) bedeutung hat?
da müsste man noch mal drüber nachdenken!
liebe grüße
fs
Dezember 4, 2010 at 2:21 pm
Stimmt.. Ich dachte einfach, dass das Nichts für jeden eine andere Bedeutung hat. Man könnte dann z.B. mit jemandem darüber reden, was das Nichts für ihn bedeutet. Deshalb kann man über das Nichts reden, auch wenn man es nicht definieren kann…
Dezember 5, 2010 at 7:16 am
.. nur streng genommen redet man dann ja auch nicht über “das Nichts”, sondern “nur” über die Bedeutung, die das (nichtdefinierte) Nichts für jemanden hat. Aber das kann natürlich eine Vorstufe dazu sein, eine allgemeinere Bedeutung für einen Begriff zu finden bzw. festzulegen…
Dezember 5, 2010 at 2:53 pm
Ja, stimmt.
Dezember 4, 2010 at 12:37 pm
Ich habe das Buch gestern als Hörbuch gehört und nachdem ich soeben meine Rezension dazu geschrieben habe, bin ich auf deine Besprechung gestoßen.
Ich denke, dass ich mit meiner Meinung hier eher alleine dastehe, doch die Umsetzung des Themas fand ich nicht besonders gut. Für meinen Geschmack geht Teller zu wenig in die Tiefe und rückt die Grausamkeiten der Kinder zu sehr in den Vordergrund. Effekthascherei? In meinen Augen schon.
Den Aspekt mit der Gruppendynamik hast du sehr gut rausgearbeitet und in der Hinsicht stimme ich dir auch zu. Doch im Ganzen war “Nichts. Was im Leben wichtig ist” für mich zumindest von der Umsetzung her eine Enttäuschung.
Eigentlich wollte ich das Hörbuch der 13jährigen Tochter meines Freundes schenken. Das werde ich jetzt jedoch nicht tun, sondern noch ein, zwei Jährchen warten. Mir scheint, sie ist noch nicht soweit bzw. muss dieses Buch noch nicht lesen. Da gibt es andere, die mir momentan wertvoller erscheinen.
Liebe Grüße,
Ada
Dezember 5, 2010 at 7:30 am
liebe ada, danke für deine ausführliche Anmerkung!
eine Antwort darauf habe ich dir in deiner Rezi gegeben, deswegen schreib ich hier jetzt nix weiter dazu….
lg
fs
November 30, 2011 at 10:26 pm
Ich habe mich beim Lesen gefragt,wie der Sinn des Lebens und die Bedeutung zusammen hängen ? ich würde mich freuen, wenn ich eine Antwort bekommen würde.