Nele Neuhaus: Schneewittchen muss sterben

23. August 2010

Krimis, zumal regionale, sind nicht so meine Spezialität, ich habe noch einige im Regal stehen, wo sie darauf warten, entblättert zu werden. Diesen hier “musste” ich dagegen lesen, kommt doch die Autorin Anfang September in meine Buchhandlung des Vertrauens, um dort aus dem Buch zu lesen. Und ich war positiv überrascht, weil ich beim Lesen mehr als einmal die Zeit vergessen habe.  Andererseits finde ich es immer ein wenig schwierig, einen Krimi vorzustellen, denn natürlich will man nicht zu viel verraten von Handlung und Auflösung [1], aber doch so viel, daß Neugier geweckt wird und ein Eindruck entsteht. Versuche ich es also:

Tobias hat 10 Jahre als Doppelmörder von zwei Mitschülerinnen im Gefängnis gesessen. Bei der Entlassung holt ihn Nadja ab, ehemals auch Mitschülerin und beste Freundin, die mittlerweile beim Fernsehen Karriere gemacht hat. Tobias kehrt in seinen Heimatort in sein Elternhaus zurück und findet dort seinen Vater in einem völlig verwahrlosten Haus vor. Die ehemalige gut florierende Gastwirtschaft: verfallen, die Mutter: hat es nicht mehr ausgehalten und ist weggezogen, der Grundesitz der Eltern: wurde, um Schulden zu tilgen, an den örtlichen Industriellen Claudius Terlinden verkauft, die allgemeine Stimmung im Ort: explosiv, weil das “Mörderschwein” in den Ort zurückgekommen ist.

Etwas zu dieser Zeit werden auf einem stillgelegten Flugfeld Knochen gefunden, von denen die ermittelnden Beamten um Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein bald vermuten, sie könnten zur Leiche eines der beiden Mädchen gehören, die nie gefunden worden waren. Und der dritte Fingerzeig, der in das Taunusdorf Altenhain deutet, ist der versuchte Mord an der Mutter von Tobias, die man über ein Brückengeländer aus auf die Straße schmeisst.

Dies alles kommt Pia Kirchhoff etwas seltsam vor, besonders fallen ihr kleinere Ungereimtheiten in den alten Ermittlungsakten zum Doppelmord auf, über die seinerzeit einfach hinweggegangen wurde…. und die Menschen im Ort lügen, sie haben etwas zu verbergen, das ist recht schnell klar.

Damit will ich auch aufhören, etwas über den Inhalt des Buches zu erzählen. Das, was ich hier angedeutet habe, geschieht auf den ersten paar Seiten. Man kann sich gut vorstellen, wie sich das weiterentwickeln wird, die Anfeindungen und Angriffe gegen Tobias, die Arbeit der Polizei, die nolens volens zu einer Ermittlungsaktion im alten Doppelmord wird. Eine Steigerung erfahren die Vorgänge dann noch einmal, als Amelie, einer der wenigen Menschen, die Tobias wohlgesonnen sind, verschwindet. Unter vergleichbaren Umständen wie seinerzeit die beiden Mädchen….

Neuhaus hat mit “Schneewittchen..” einen spannenden Krimi geschrieben, ganz ohne Zweifel. Für die weit über 500 Seiten habe ich nicht sehr lange gebraucht, hat man einmal angefangen, will man schon wissen, wie es weitergeht. Die Kapitelunterteilung in Tage half mir ganz gut, sinnvolle Einschnitte beim Lesen zu machen.

Es sind eine Menge Personen und Handlungsstränge, die Neuhaus im Buch beschreibt bzw. aufnimmt, verfolgt und dann wieder zusammenführt. Viele von denen, die seinerzeit direkt oder indirekt an den Mädchenmorden beteiligt waren, haben Karriere gemacht, als Fernsehstar, als “Heuschrecke”, als Industrieller, ja sogar als Kultusminister des Landes. Aber diese Karriere ist nur der blendende Schein über einem dunklen Fleck, der nach jahrelanger Ruhe durch die Rückkehr von Tobias wieder sichtbar zu werden droht. Sie sind untereinander verflochten durch die Ereignisse, abhängig voneinander und müssen sich jetzt der drohenden Gefahr wehren, die ihr Leben zerstören könnte.

Auf der anderen Seite widmet sie dem Ermittlerteam um Kirchhoff und ihrem Chef auch einen erheblichen Anteil am Geschehen. Neben den ermittlungstechnischen Problemen geht sie auch ausführlich auf die privaten ein, seien es nun die eheliche Treue der Gattin oder die drohende Abrissverfügung für das kleine Häuschen, in dem die Zukunkt geplant war. Und auch die dienstlichen Probleme im Team drohen zu explodieren. Ich muss zugeben, das war mir teilweise etwas viel, etwas zu ausufernd, obwohl – auch das zugegeben – Neuhaus diese Nebenschauplätze gut im Griff hat und letztlich immer wieder logisch auf ihre eigentliche Handlung zurückführen konnte. Aber wäre das eine oder andere nicht so auführlich beschrieben worden, ich hätte es wohl nicht vermisst…

Was mir -spätestens bei dem Wort “Asperger” – aufgefallen ist (und was ich Frau Neuhaus bestimmt fragen werde), ist die Analogie der Figuren Amelie/Thies [2] zu Larrsons Figur der Lisbeth Salander [3]. Amelie ist schwarzgekleidet, im Gesicht vollgetackert und erinnert mit ihrer Punkfrisur schön äußerlich an Lisbeth, wie sie in den Verfilmungen von Larrsons Bücher dargestellt wurde. Außerdem kann sie mit Computern umgehen… Thies dagegen hat Asperger wie Lisbeth auch, ist hochintelligent, hat ein offensichtlich fotografisches Gedächtnis und auch bei ihm spielen Heimaufenthalte und Ärzte eine unrühmliche Rolle. Und letztendlich müssen beide zusammen ein ähnliches Schicksal durchstehen wie Lisbeth am Ende der “Verdammnis”.

Facit: Ein spannender Krimi, der gerade gegen Schluss noch mit der einen oder anderen Überraschung aufwartet. Etwas straffer im Inhalt hätte er mir persönlich noch besser gefallen, aber das nur am Rande…

Links und Anmerkungen:

[1] Gehört jetzt garnicht zur Sache, aber ich muss bei diesem Satz automatisch an Wolfgang Neuss denken… die etwas älteren von uns wissen vllt, wovon ich rede
[2] der bis jetzt von mir noch nicht erwähnte Thies Terlinden ist der autistische Sohn des Industriellen Claudius Terlinden
[3] “Verdammnis“, “Verblendung” und “Vergebung” von Stieg Larrson

Nele Neuhaus
Schneewittchen muss sterben
List TB, 2010, 537 S.

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7 Responses to “Nele Neuhaus: Schneewittchen muss sterben”

  1. rheinsberg Says:

    Nette Besprechung. Hört sich genau an wie ein Buch, das ich jetzt gerne lesen würde, obwohl auch ich nicht der wirkliche Fan von Regionalkrimis bin. Auf der anderen Seite bin ich für Unterstützen, damit nicht immer nur Übersetzungen auf den besten Tischen landen.

    Ob allerdings diese Asperger-Schiene notwendig war?

    • flattersatz Says:

      Man muss halt akzeptieren, daß dies die Freiheit des Autoren ist. Gesucht war ein Zeuge, der zwar alles gesehen hat, aber Probleme hat, sich mitzuteilen. Es gibt diese Zeugen in anderen Geschichten ja auch in blind, in Hund.. in vielen Varianten. Hier dient Asperger (eine relativ leichte Form des Autismus) außerdem dazu, zu zeigen, wie abgrundtief schlecht der Täter letztendlich war. In dieser Hinsicht ist das schon ganz folgerichtig mit der Krankheit….


  2. Nun trommele ich ungeduldig mit den Fingern auf “Schneewitchen muss sterben”. Leider muss es aber noch ein bisschen warten.

    Ich danke dir für die tolle Besprechung und weiß schon jetzt, dass ich mit dem Buch keine Zeit verschwenden werde.

    Liebe Grüße

    Klappentexterin

    • flattersatz Says:

      Liebe “Die-mit-dem-Finger-trommelt”,

      ich hoffe, daß du das Lesen nicht als Zeitverschwendung auffassen wirst. Ich habe nämlich eben den Verriss gelesen, auf den mich Friederike aufmerksam gemacht hat. dort ist bibliomanie ja zu einer ganz anderen Wertung gekommen….

      Auch dir liebe Grüße
      “der-der-sich-am-kopf-kratzt”-flattersatz

  3. Friederike Says:

    Es ist spannend, unterschiedliche Rezensionen zu lesen. Ich hatte vor einiger Zeit die Rezension auf Bibliomanie gelesen (http://bibliomanie.wordpress.com/2010/08/08/schneewittchen-muss-sterben/) wo das Buch wirklich schlecht wegkommt.

    Nun war ich davon schon so voreingenommen, dass ich dachte: was, der beschreibt das Buch als gut?!

    Aber ich habe es ja selbst nicht gelesen. Und sowas macht dann solche Bücher immer spannend für mich: ich will sie lesen, weil ich selbst entscheiden will, ob sie gut oder schlecht sind.

    Aber: für Krimis habe ich nicht viel über, deshalb werde ich mir das Buch wohl kaum kaufen. Aber die Besprechungen dazu weiterhin aufmerksam verfolgen ;)

    • flattersatz Says:

      upppsala, bibliomanie läßt an dem buch ja wirklich kein gutes haar…..

      ich habe zwar ähnliches in meiner besprechung auch angemerkt, aber ganz anders gewichtet, nämlich beim lesen einfach beiseite geschoben, um die story nicht aus dem auge zu verlieren. bibliomanie hat sich dagegen so gestört gefühlt durch die nebenhandlungen und vielen personen, daß sie die story nicht mehr auffinden konnte. das kann ich nachvollziehen, ich habe auch schon bücher gehabt, die ich dann einfach entnervt weggelegt habe…

      von der hype über das buch hätte ich übrigens, würde neuhaus nicht in meiner buchhandlung lesen, überhaupt nichts mitbekommen… so kanns gehen.

      lg


  4. [...] Gefunden im Literaturblog Radiergummi am 23.8.2010 in der Besprechung von Nele Neuhaus neuen Kriminalroman „Schneewittchen muss sterben“. [...]


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