Janne Teller: Nichts
August 30, 2010
In aller Munde: Der Dänin Tellers ungewöhnliches Jugendbuch: „Nichts. Was im Leben wichtig ist“, das in der Tat weniger der Unterhaltung dient als daß es zum Nachdenken und zum Philosphieren anregt. Es hat eine der, wenn nicht die zentrale Frage der Menschheit zum Thema: Welchen Sinn hat das Leben [1] und es beantwortet (?) sie auf radikale Art und Weise.
Im Zentrum des Buches steht eine 7. Klasse einer dänischen Schule. Pierre-Anthon, einer der Schüler, verläßt eines Tages die Klasse, erklettert einen Baum und verspottet von dort aus seine ehemaligen Mitschüler.
Nichts bedeutet irgendetwas,
das weiß ich seit Langem.
Deshalb lohnt es sich auch nicht, irgendetwas zu tun.
Das habe ich gerade herausgefunden.
Agnes, die Erzählerin, und die anderen sind durch dieses Verhalten von Pierre-Anthon sehr verunsichert, sie wissen es nicht zu deuten und sie glauben es auch nicht. Letztlich beschließen sie, Pierre-Anthon das Gegenteil zu beweisen und Dinge, die ihnen etwas bedeuten, zusammenzutragen und ihm wenn sie fertig sind, diese zu zeigen, um ihn damit zu überzeugen, daß er im Unrecht ist.
So muss jetzt jedes der Kinder etwas persönlich bedeutendes als „Opfer“ bringen und es wird in einer Art Altar, dem Berg der Bedeutung, gesammelt. Fatalerweise beruht dieses opfern nicht auf Freiwilligkeit, sondern jedes Kind, das etwas von sich auf den Berg gebracht hat, darf bestimmen, wer als nächster an der Reihe ist und was er zu opfern hat. Mit dieser Möglichkeit, den nächsten festzulegen, ist der Willkür Tür und Tor geöffnet, und damit gewinnen sehr schnell Gefühle wie Neid, Abneigung, auch Rache die Oberhand. Natürlich wissen die Jugendlichen, daß das Weggeben solcher Gegenstände, für die man vielleicht lange gespart oder bei den Eltern gekämpft hat, wehtut und so geht es bald unter dem Deckmantel: je weher es tut, desto bedeutender nur noch darum, weh zu tun.
Ansätze, sich zu wehren oder aus dem System auszusteigen, werden mit roher Gewalt vereitelt, die Gruppe hat keinen Kontrollmechanismus, sehr schnell werden alle geltenden Regeln normalen Verhaltens gebrochen, alles unter dem selbstgesteckten Anspruch, einen Berg wirklich bedeutender Sachen zusammenzutragen.
Erwachsene spielen bis zum Ende des Buches praktisch keine Rolle. Und auch als die Aktion der Schüler auffliegt und große Aufregung herrscht, die Polizei einschreitet, die Presse auf alles aufmerksam wird und sich sogar Museen für das „Kunstwerk“ interessieren, spielen sie keine rühmliche Rolle: sie strafen, deuten alles in ihr eigenes Begriffssystem um, verstehen nicht, um was es den Schülern ging und sie verkennen in ihrer eingeschränkten Sicht die Eigendynamik der Ereignisse und die Schäden, die bei den Kindern angerichtet hat, völlig. Und als dann auch noch Pierre-Anthon ihr Unternehmen verlacht (und ihm dadurch den Sinn nimmt), verliert die Gruppe jede Kontrolle.
Soweit zum Handlungsrahmen des Buches. Pierre-Anthon stürzt also das existierende Weltbild mit der Frage nach dem Sinn und der Bedeutung von allem (bzw. seiner nihilistischen Antwort auf diese Frage), wobei ich denke, daß hier Begriffe, die nicht das gleiche bezeichnen, fälschlicherweise synonym verwendet werden [2], denn etwas muss nicht unbedingt einen Sinn haben, um eine Bedeutung zu besitzen. Wobei der Begriff „Bedeutung“ selbst schon wieder nicht eindeutig ist [3]. Für eine fundierte Diskussion müßte man also diese einzelnen Begriffe erst einmal definieren oder sich auf bestehende Definitionen einigen. Ein wenig Beschäftigung mit Philosophen, die sich des Themas schon annahmen, würde sicher auch nicht schaden…. na ja… ich schreib hier einfach auf, was mir so eingefallen ist.
Die etwas trockene und akademisch klingende Forderung von mir, im Vorfeld erst einmal die Begriffe sauber auseinander zu halten und zu definieren, ist m.E. nach sehr sinnvoll, denn hätten die Schüler dies an den Anfang gestellt, hätten sie gemerkt, daß im Grunde beide Parteien recht haben und beide, Pierre-Anthon und seine ehemaligen Mitschüler, von verschiedenen Sachen sprechen.
Nichts hat, und da hat Pierre-Anthon recht, per se und a priori eine Bedeutung. Auch das Leben hat a priori keinen Sinn, es ist einfach „nur“ eine mögliche Organisationsform von Materie, die aller Wahrscheinlichkeit nach irgendwann auch wieder im Nichts verschwindet. Wenn wir unser Leben trotzdem nicht als sinnlos auffassen, dann nur deshalb, weil wir ihm einen Sinn geben, es daher für uns eine Bedeutung hat. Bedeutung und Sinn bedingen also Subjekt (der/die den Sinn, die Bedeutung aufbaut) und ein Objekt (auf das sich diese Bedeutung/r Sinn) bezieht. Und so haben natürlich die wunderschönen, bunten Sandalen von Agnes für diese eine Bedeutung, die sie für die anderen Mitschüler nicht haben (sonst würden sie wahrscheinlich ihre Opfergaben nicht so radikal einfordern), weil sie nur in der „Beziehung“ zwischen Agnes und ihren geliebten Schuhen besteht. Und das ist etwas ganz anderes als das, was Pierre-Anthon behauptet, denn wenn die Sandalen von Agnes a priori eine Bedeutung hätten, wären sie für jeden bedeutend – und das sind sie offensichtlich nicht…. Bedeutung ist also keine Eigenschaft von Irgendetwas, sondern „nur“ eine Zuordnung.
Das zweite große Thema, das Teller beschreibt, ist die Dynamik in einer Gruppe, die sich sich abkoppelt, gegen andere abgrenzt und versucht, ein Ziel zu erreichen [4]. Aus der anfänglichen Gleichheit (alle verabreden sich zu dem Projekt) wird sehr bald eine Art Diktatur, die sich über körperliche Merkmale, sprich Kraft und Gewalt, definiert: wer sich nicht fügt, wird verprügelt, bis er nachgibt. Zweifel werden nicht geduldet, ein Ausscheren aus der Gruppe ist nicht möglich. Alle angestauten Gefühle wie Ärger, Zorn, Traurigkeit, Hass müssen innerhalb der klandestinen Gruppe abreagiert werden, dies führt in erschreckender Schnelligkeit zu Exzessen, die jede normale menschliche Verhaltensweise ignorieren. Es gibt keine dem entgegensteuernde Einrichtung wie Abstimmungen, das Recht des Einzelnen auf Widerspruch oder ähnliches, das Ziel heiligt bald sämtliche Mittel. Diese Vorgänge prägen sich den Kindern so intensiv ein, daß sie davon für ihr gesamtes Leben gezeichnet sind….. Hier hat Teller ein klar gezeichnetes Bild für grundlegende Funktionsweisen von totalitären Regimen geliefert.
Facit: Ein wichtiges und in der Umsetzung radikales Buch. Es würde mich sehr interessieren, wie die angesprochene Altersgruppe der 13 bis 15 jährigen das Buch interpretiert [5]….
Links und Anmerkungen:
[1] .. und wenn das Weltall sich wirklich ausdehnt, warum finde ich nie einen Parkplatz? Sry, das musste jetzt sein… sei gegrüßt, Woody….
[2] so zum Beispiel Teller in diesem Videobeitrag
[3] Wiki-Artikel zum Begriff Bedeutung
[4] mir ist bei der Lektüre immer wieder der „Herr der Fliegen“ in den Sinn gekommen….
[5] vgl auch dieses Beitrag im KulturSPIEGEL online
Janne Teller
Nichts
Was im Leben wichtig ist
Hanser, 2010, 139 S.
Zülfü Livaneli: Glückseligkeit
August 28, 2010

In seinem Buch „Glückseligkeit“ schildert Livenali [1] einen wenige Wochen umfassenden Zeitraum im Leben dreier Türken. Das ist zum einen Meryem, ein junges Mädchen, das im Osten der Türkei am Van-See in alten Familienstrukturen lebt. Wie für alle Frauen dort gilt auch für sie eine Art „Erbsünde“: das Frausein an sich ist Schuld. Als 15jährige besudelt sie die Ehre ihrer Familie: sie wird von ihrem Onkel, dem gestrengen Dorfgeistlichen, vergewaltigt. Sie wird in einen dunklen Keller gesperrt, mit einem Seil, mit dem sie die Ehre der Familie wieder herstellen soll. Aber sie bringt sich nicht um, naiv und künstlich dumm gehalten wie sie ist, setzt sie all ihre Hoffnung auf die nahe Stadt Istanbul in die man sie dann schicken will und die so unendlich schön sein muss, da keins von den Mädchen, die dort hingegangen sind, jemals wieder in das Heimatdorf zurückgekommen sind….
Cemal ist ihr Cousin, ein Spielkamerad aus den glücklichen Tagen, bevor Meryems anfing, Frau zu werden. Er, ein paar Jahre älter, wird zum Militär eingezogen und dient seine zwei Jahre im Kurdengebiet. Es sind Jahre, die durch Härte geprägt sind, durch Angst, Todesangst, durch Befehl und Gehorsam, Jahre, in denen er lernt, zu gehorchen, ohne zu fragen, das eigene Denken abzustellen. Sein Selbstbewusstsein ist an die Uniform gekoppelt, ohne sie fühlt er sich nackt. So wird er nach den zwei Jahren in seinem Heimatdorf zwar als Held empfangen, aber ohne seine Insignien ist er ein total verunsicherter, ängstlicher Mann, der in der zivilen Umgebung nicht mehr klarkommt.
Die Familie schickt ihn zusammen mit Meryem nach Istanbul, dort soll er, der noch nicht einmal fragt, warum, die Ehre der Familie wieder herstellen.
Die dritte Hauptperson des Buches ist Irfan Kurudal, ein durch Heirat wohlhabend gewordener Istanbuler Akademiker. Seit Monaten von Alpträumen und Ängsten geplagt erkennt er sein Leben als verlogen und hohl an, an Äußerlichkeiten orientiert, oberflächlich und seicht. Die Modezeitschriften und wer-mit-wem sind ihm und seiner Gesellschaftsschicht wichtiger als grundlegenden Fragen des Lebens. Er fühlt sich ohne Wurzeln, die alten Wurzeln der Türkei nähren ihn nicht mehr, der Westen andererseits bietet ihm keinen Halt. Er sieht seine einzige Chance, wieder zur Besinnung zu kommen, darin, alles hinter sich zu lassen, alle Brücken abzubrechen und es seinem Jugendfreund Hidayet nachzumachen, der damals ein Boot genommen hat und losgesegelt ist, um sich und die Welt zu erforschen.
Drei Menschen also auf der Reise, dieses uralte Motiv des Aufbruchs, der Veränderung.
Für Meryem ist alles neu auf der Reise. Zum ersten Mal trifft sie Menschen außerhalb ihres Dorfes und auch wenn Istanbul nicht hinter dem Hügel liegt, wie sie glaubte, ist für sie alles faszinierend. Eine neue Welt öffnet sich für sie, sie isst in normalen Restaurants, wenn der Bus Stop macht, sie sieht in der Bahn, daß es Liebespaare gibt, die sich berühren, sie sieht Frauen mit offenen Haaren. Je weiter sie weg kommen von ihrem Heimatort, desto freier wird das Leben um sie herum und sie geniesst es – und es fällt ihr auf, wie schäbig sie aussieht in ihrem alten, verschlissenen Klamotten, dem Dreck, der sich ihr eingeprägt hat.
Celam dagegen erstarrt, er nimmt die neuen Eindrücke zwar wahr, aber er reagiert mit Abschottung. Er spricht nicht mit Merydem, er träumt nur davon, wieder in die Heimat zurück zu kehren. Ihm ist alles ein Ekel, und so wie Merydem alles in sich aufsaugt und die neuen Verhaltensweisen adaptiert, so verloren ist er.
In dem Moment, in der seinen Plan, Merydem umzubringen, verwirklichen will, bricht er zusammen zu einem Häuflein Elend. Das, was er als Soldat gelernt hat, kann er nicht durchführen von Angesicht zu Angesicht. Er „versagt“ und wird dadurch zum Ausgestossenen, denn so kann er natürlich auch nicht in die Heimat zurück. Ein ehemaliger Militärkamerad, den er in Istanbul besucht, versucht ihm zu helfen, indem er ihn mit einem Iman zusammenbringt, der ihm erklärt, daß der Islam eine humane Religion ist, die das Töten von Menschen verbietet. Aber Celam ist zu sehr in alten Denkweisen verhaftet, um dies in seinem Inneren wirklich anzunehmen, nur kurzzeitig kann er sich damit beruhigen.
Die drei treffen in einer der wunderschönen Ägäisbuchten aufeinander. Celam und Merydem konnten dort in einer Hütte für ein paar Tage Unterschlupf finden, Irfan steuerte die Bucht aus Neugier an. Sie lernen sich kennen und Celam und Merydem fahren mit auf dem Boot und arbeiten für Irfan. Dieser fängt ohne Hintergedanken an, Merydem zu verwöhnen und für sie zu sorgen. Für das Mädchen ist es das erste Mal, daß ihr jemand Essen kocht, ihr jemand das Glas einschenkt, ihr jemand Kleider kauft. Und es gefällt ihr. Sogar westliche Kleidung trägt sie nach einigem Zögern und sie fühlt sich gut darin, im Gegensatz zu Celam, dem in Shorts der letzte Rest Autorität davon schwimmt.
So nähern sich die drei dem Ziel ihrer Reise und es ist keine Überraschung, daß die Frau die starke ist und der Mann, wenn er nicht mehr durch die archaische Struktur die Macht in der Hand hält, versagt [2]. Und sehr schön hat Livaneli auch dafür gesorgt, daß Merydem ihre Wurzeln nicht verliert, im positiven Sinn nimmt sie ihre Tradition an, ohne sich durch sie zu begraben.
So ist das Buch von Livaneli im doppelten Sinn eine Reisebeschreibung: es ist die Schilderung der äußeren Reise, die Celam mit Merydem sowie Irfan unternehmen, aber auch die innere Reise, die Selbsterforschung ist Thema der Geschichte. Und in diesem Rahmen zögert der Autor nicht mit Kritik an der türkischen Gesellschaft. Im westlichen Teil prangert er durch Irfan die Oberflächlichkeit und das profane Streben nach Anerkennung an, im östlichen Teil sind es die archaischen, menschenverachtenden Familienstrukturen und -traditionen, die verhindern, daß die Türkei ein normales Land werden kann. Und Livaneli benennt auch die politischen Brandherde: den Völkermord an den Armeniern [3](.. die auf einmal einfach nicht mehr da waren.. ein großer Wind hat sie davon getragen.. so die Volksmär..) oder das Leugnen einer kurdischen Kultur. Dazu eine auf Hass getrimmte Armee und die stillschweigende Entvölkerung ganzer Landstriche dadurch, daß man die Dörfer abbrennt und die Menschen so vertreibt und weiteren Hass sät… all das verbrämt er nicht, sondern benennt es. Sicher nicht zur Freude der offiziellen Türkei.
Die Sprache Livanelis ist oft poetisch, er gebraucht viele Bilder, Träume kommen oft vor bei ihm, passend zur Innenschau, der sich seine Figuren unterziehen. Die gehörige Portion Selbstmitleid, die er uns bei Irfan schildert, ist mir persönlich manchmal etwas viel gewesen, andererseits ist Irfan als Intellektueller komplizierter angelegt und sein Entschluss, alles aufzugeben, verlangt auch – und führt zu – vermehrten Zweifeln und Grübeln.
Wie endet das Buch? Für jeden der drei unterschiedlich, und auch wenn Celam (als Symbol für den Osten der Türkei) sicherlich die schlechtesten Voraussetzungen hat, die Chance, was für sich zu ändern, hat er auf jeden Fall erhalten… Merydem und Irfan.. das verrat ich hier jetzt nicht….
Facit: ein sehr plastisches und eindringliches Bild zur Zerissenheit der Türkei zwischen Vorgestern und Heute. Für jeden, den das Land interessiert, ist das Buch ein Gewinn.
Links:
[1]Wiki-Übersichtsartikel zum Autoren
[2] hier könnte man jetzt noch einmal bei Kelek schauen: Die verlorenen Söhne, die das (für die Verhältnisse in Deutschland) ja ganz hervorragend analysiert hat
[3] Franz Werfel hat das in seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ sehr eindringlich aufgearbeitet, eins der Bücher wider das Vergessen….
Zülfü Livaneli
Glückseligkeit
rororo TB, 2010, 368 S.
Gustavo Germano und andere: Verschwunden
August 27, 2010
Die Aufgaben „Vorher – Nachher“ oder „Finde den Unterschied!“ sind schnell gelöst: Jahrzehnte sind zwischen den Fotopaaren vergangen und es fehlt immer eine oder auch mehrere Menschen. So elementar dieser Ansatz ist, so grausam, so brutal der Hintergrund: der argentische Fotograf Gustavo Germano hat Fotos nachgestellt, auf deren Originalen noch Menschen zu sehen sind, die jetzt tot sind. Entführt, gefoltert, ermordet.
Anschaulicher, direkter, unmittelbarer, begreifbarer, sichtbarer kann man den Verlust, das Fehlen von Menschen kaum vermitteln: Leere Plätze, Löcher, manchmal sogar nichts mehr als Hintergrund.
Obwohl eine Fotoausstellung enthält das Buch überwiegend Texte aus der Zeit der Diktatur bzw. über diese, verfasst von Schriftstellern, Dramatikern, Dichtern und Journalisten. Ich will garnicht viel eigene Worte darüber verlieren, wer will, kann sich über die Geschichte Argentiniens leicht im Internet informieren, einen ersten Anhalt gibt – wie so oft – die Wiki [2].
Im folgenden möchte ich nur zwei auszugsweise Zitat anführen, die für sich sprechen. Das erste ist aus einem mit „El vuelo“ (Der Flug) überschriebenen Beitrags, in dem ein beteiligter Soldat, Adolfo Scilingo, interviewt wird:
Scilingo: Sobald der Befehl ergangen war, wurde darüber kein Wort mehr verloren. Man erfüllte automatisch den Befehl.
….
Die Gehirnwäsche war vollkommen. Die Geschnappten wurden in dreißig Minuten verhört, mehr Zeit war nicht, und anschließend entschied Chamorro, wer sterben musste.
…
Nach dem ersten Flug fiel es mir persönlich schwer, es zu akzeptieren .. sprach mit einem Militärpfarrer darüber. .. er sprach davon, daß es ein christlicher Tod war, weil sie nicht litten, weil es nicht traumatisch war, daß man sie eliminieren musste, daß der Krieg der Krieg war, daß sogar die Bibel die Ausrottung des Unkrauts aus dem Weizenfeld vorsah.
…..
[Darüber zu sprechen] .. war tabu.
Interviewer: Sie flogen los, waren dreißig Menschen lebend ins Meer, kamen zurück und sprachen nicht über das Thema.
Scilingo: Nein.
Es ist nicht nur die Blutspur, die ein solches Regime hinterläßt. Opfer gibt es auch dort, wo man sie erst einmal nicht vermutet. Eine Tochter erinnert sich an ihren Vater..:
„Jeden Morgen zog er einen [der Anzüge aus seinem Schrank] an, nahm sein Medikamentenköfferchen und einen Revolver und ging zur Arbeit. Er behauptete, er verkaufe Arzneimittel für ein Pharmalabor. …
Als ich 28 war.. haben wir herausgefunden, daß mein Vater… Geheimdienstoffizier war, und daß mein Bruder nicht mein Bruder war, sondern im geheimen Foltergefängnis der ESMA geboren wurde. … Mein Vater hatte das Baby geraubt. … Mein ganzes Leben wurde zu einer Fiktion.“
Es ist ein unheimlich dichtes Buch, in den Bildern und in den Texten. Die Bildpaare, von denen einige in der ZEIT [1] zu sehen sind, berühren unmittelbar. Da fehlt ein Mensch, fehlen Menschen, die Bilder sind unvollständig und es gibt keine Erklärung, warum. Es gibt auch keinen Trost, es ist einfach nur diese Leere zu sehen…….
Links
[1] Zeit-Magazin 33/2010
[2] Wiki zur Geschichte Argentiniens
Gustavo Germano und andere
Verschwunden
Das Fotoprojekt ausencias von Gustavo Germano mit Texten zur Diktatur in Argentinien 1976-1983
Münchner Frühling Verlag, 2010, brosch., 128 S.
Marie Sellier: Sag mir, wie ist Afrika?
August 24, 2010

Im September wollen wir unsere Vorlesestunde in der Schule wieder aufnehmen. Wir, das sind die Lehrerin, eine gute Freundin von mir und ich. Und die Kinder natürlich… Eins der Kinder ist im Sommer mit den Eltern für zwei Jahre nach Afrika gegangen, da es den Vater beruflich dorthin geführt hat. So ist natürlich das Thema „Afrika“ ganz aktuell und die Lehrerin führt mit den Kindern jetzt auch ein entsprechendes Projekt durch. Und ich hatte die „Aufgabe“, einen schönen Vorlesetext zum Thema zu suchen.
Und wie es manchmal so geht… gestern war eine kleine Vorbesprechung für ein anderes Leseprojekt am Volkstrauertag. Wir haben uns in der wöchentlichen Ausleihstunde der katholischen Bücherei getroffen und was sehe ich da auf den ersten Blick: dieses Buch „Sag mir, wie ist Afrika?“ Oh, was ein schönes, ein wunder-wunder-wunderschönes Buch…. Diese Malereien von Lesage.. alle in warmen Erdtönen gehalten, ganz selten mal ein Tupfer in Rot, ich bin einfach nur begeistert… und das schönste ist: man kann sich ein paar Seiten des Buches (das im Original mit knapp 32 auf 25 cm schön groß ist) auf der Website der Künstlerin anschauen [1]. Wobei im Buch die Farben der Bilder schöner sind, weil sie nicht so rotstichig sind wie auf dem Monitor. Aber das liegt vllt auch an meinem Bildschirm, weiß man ja nie so genau….
In dem Buch fragt der kleine Chaka seinen Großvater über Afrika „aus“, über das Leben dort, die Farben, die Kinder, die Vorfahren, die Magie, die Tiere, er will von der Wildnis hören, den Geistern und den Masken, er will vom Fischen im gelben Fluss hören und vom Hüten der Ziegen, will, daß sein Großvater ihm von Kadidja erzählt, seiner Urgroßmutter….
Sag mir, Papa Dembo,
sag mir, welche Farben hat Afrika?
Afrika, kleiner Chaka?
Afrika ist schwarz wie meine Haut,
rot wie die Erde
weiß wie das Licht am Mittag
blau wie der Schatten am Abend
gelb wie der große Fluss
grün wie die Fächer der Palme
Afrika, kleiner Chaka,
hat alle Farben,
die das Leben kennt.
Die ganzen Texte des Buches sind in diesem Stil gehalten. Es ist eine Melodie in ihnen, sie lesen sich von selbst, sie schwingen in einem nach, sie verströmen eine Ahnung von dem, was sie beschreiben… ja, Papa Dembo, so ist Afrika….
Es ist einfach nur ein wunderschönes Buch und ich freu mich sehr auf meine Vorlesestunde….
Vorlesestunde:
Wir hatten für die Stunde eine ganze Menge exotisches Obst gekauft und damit einen kleinen Tisch drapiert. Dazu ein paar Masken, Palmenzweige, Figuren… dadurch kam so ein klein wenig Atmsophäre auf. Das Verkosten von Datteln zeigte dann aber wieder die Gültigkeit des Sprichworts: wat de bur net kennt, frett he net… da taten sich die Kleine schon etwas schwer mit. Aber nachdem der Teller ein paar mal im Kreis herumgegangen war, waren die Datteln dann doch alle weg und ich glaube, es haben letztlich auch fast alle probiert.
Das Lesen der Geschichten… es ist natürlich nicht so spannend wie eine Gruselgeschichte, die Kinder mussten sich schon mehr konzentrieren. Die gedichtartige Erzählweise war auch anspruchsvoll .. ich denke, daß ihnen das Buch zwar gefallen hat, aber wenn sie wählen könnten zwischen einer Gespenstergeschichte und Afrika… lasst es mich so sagen: nächstes Mal gibt es wieder was spannenderes…. *gg*
Links:
[1] die Website der Künstlerin (auf Livres und dann auf L´Africa, Petite Chaka klicken und mit der Maus umblättern)
Marie Sellier (Text), Marion Lesage (Illustrationen)
Sag mir, wie ist Afrika?
Peter Hammer Verlag, 2002, 40 S.
Nele Neuhaus: Schneewittchen muss sterben
August 23, 2010

Krimis, zumal regionale, sind nicht so meine Spezialität, ich habe noch einige im Regal stehen, wo sie darauf warten, entblättert zu werden. Diesen hier „musste“ ich dagegen lesen, kommt doch die Autorin Anfang September in meine Buchhandlung des Vertrauens, um dort aus dem Buch zu lesen. Und ich war positiv überrascht, weil ich beim Lesen mehr als einmal die Zeit vergessen habe. Andererseits finde ich es immer ein wenig schwierig, einen Krimi vorzustellen, denn natürlich will man nicht zu viel verraten von Handlung und Auflösung [1], aber doch so viel, daß Neugier geweckt wird und ein Eindruck entsteht. Versuche ich es also:
Tobias hat 10 Jahre als Doppelmörder von zwei Mitschülerinnen im Gefängnis gesessen. Bei der Entlassung holt ihn Nadja ab, ehemals auch Mitschülerin und beste Freundin, die mittlerweile beim Fernsehen Karriere gemacht hat. Tobias kehrt in seinen Heimatort in sein Elternhaus zurück und findet dort seinen Vater in einem völlig verwahrlosten Haus vor. Die ehemalige gut florierende Gastwirtschaft: verfallen, die Mutter: hat es nicht mehr ausgehalten und ist weggezogen, der Grundesitz der Eltern: wurde, um Schulden zu tilgen, an den örtlichen Industriellen Claudius Terlinden verkauft, die allgemeine Stimmung im Ort: explosiv, weil das „Mörderschwein“ in den Ort zurückgekommen ist.
Etwas zu dieser Zeit werden auf einem stillgelegten Flugfeld Knochen gefunden, von denen die ermittelnden Beamten um Pia Kirchhoff und Oliver von Bodenstein bald vermuten, sie könnten zur Leiche eines der beiden Mädchen gehören, die nie gefunden worden waren. Und der dritte Fingerzeig, der in das Taunusdorf Altenhain deutet, ist der versuchte Mord an der Mutter von Tobias, die man über ein Brückengeländer aus auf die Straße schmeisst.
Dies alles kommt Pia Kirchhoff etwas seltsam vor, besonders fallen ihr kleinere Ungereimtheiten in den alten Ermittlungsakten zum Doppelmord auf, über die seinerzeit einfach hinweggegangen wurde…. und die Menschen im Ort lügen, sie haben etwas zu verbergen, das ist recht schnell klar.
Damit will ich auch aufhören, etwas über den Inhalt des Buches zu erzählen. Das, was ich hier angedeutet habe, geschieht auf den ersten paar Seiten. Man kann sich gut vorstellen, wie sich das weiterentwickeln wird, die Anfeindungen und Angriffe gegen Tobias, die Arbeit der Polizei, die nolens volens zu einer Ermittlungsaktion im alten Doppelmord wird. Eine Steigerung erfahren die Vorgänge dann noch einmal, als Amelie, einer der wenigen Menschen, die Tobias wohlgesonnen sind, verschwindet. Unter vergleichbaren Umständen wie seinerzeit die beiden Mädchen….
Neuhaus hat mit „Schneewittchen..“ einen spannenden Krimi geschrieben, ganz ohne Zweifel. Für die weit über 500 Seiten habe ich nicht sehr lange gebraucht, hat man einmal angefangen, will man schon wissen, wie es weitergeht. Die Kapitelunterteilung in Tage half mir ganz gut, sinnvolle Einschnitte beim Lesen zu machen.
Es sind eine Menge Personen und Handlungsstränge, die Neuhaus im Buch beschreibt bzw. aufnimmt, verfolgt und dann wieder zusammenführt. Viele von denen, die seinerzeit direkt oder indirekt an den Mädchenmorden beteiligt waren, haben Karriere gemacht, als Fernsehstar, als „Heuschrecke“, als Industrieller, ja sogar als Kultusminister des Landes. Aber diese Karriere ist nur der blendende Schein über einem dunklen Fleck, der nach jahrelanger Ruhe durch die Rückkehr von Tobias wieder sichtbar zu werden droht. Sie sind untereinander verflochten durch die Ereignisse, abhängig voneinander und müssen sich jetzt der drohenden Gefahr wehren, die ihr Leben zerstören könnte.
Auf der anderen Seite widmet sie dem Ermittlerteam um Kirchhoff und ihrem Chef auch einen erheblichen Anteil am Geschehen. Neben den ermittlungstechnischen Problemen geht sie auch ausführlich auf die privaten ein, seien es nun die eheliche Treue der Gattin oder die drohende Abrissverfügung für das kleine Häuschen, in dem die Zukunkt geplant war. Und auch die dienstlichen Probleme im Team drohen zu explodieren. Ich muss zugeben, das war mir teilweise etwas viel, etwas zu ausufernd, obwohl – auch das zugegeben – Neuhaus diese Nebenschauplätze gut im Griff hat und letztlich immer wieder logisch auf ihre eigentliche Handlung zurückführen konnte. Aber wäre das eine oder andere nicht so auführlich beschrieben worden, ich hätte es wohl nicht vermisst…
Was mir -spätestens bei dem Wort „Asperger“ – aufgefallen ist (und was ich Frau Neuhaus bestimmt fragen werde), ist die Analogie der Figuren Amelie/Thies [2] zu Larrsons Figur der Lisbeth Salander [3]. Amelie ist schwarzgekleidet, im Gesicht vollgetackert und erinnert mit ihrer Punkfrisur schön äußerlich an Lisbeth, wie sie in den Verfilmungen von Larrsons Bücher dargestellt wurde. Außerdem kann sie mit Computern umgehen… Thies dagegen hat Asperger wie Lisbeth auch, ist hochintelligent, hat ein offensichtlich fotografisches Gedächtnis und auch bei ihm spielen Heimaufenthalte und Ärzte eine unrühmliche Rolle. Und letztendlich müssen beide zusammen ein ähnliches Schicksal durchstehen wie Lisbeth am Ende der „Verdammnis“.
Facit: Ein spannender Krimi, der gerade gegen Schluss noch mit der einen oder anderen Überraschung aufwartet. Etwas straffer im Inhalt hätte er mir persönlich noch besser gefallen, aber das nur am Rande…
Links und Anmerkungen:
[1] Gehört jetzt garnicht zur Sache, aber ich muss bei diesem Satz automatisch an Wolfgang Neuss denken… die etwas älteren von uns wissen vllt, wovon ich rede…
[2] der bis jetzt von mir noch nicht erwähnte Thies Terlinden ist der autistische Sohn des Industriellen Claudius Terlinden
[3] „Verdammnis„, „Verblendung“ und „Vergebung“ von Stieg Larrson
Nele Neuhaus
Schneewittchen muss sterben
List TB, 2010, 537 S.
Diana Raznovich: Der Freund meines Sohnes
August 20, 2010
Mit dem Fall der Berliner Mauer brach die Unzufriedenheit der Bevölkerung über die herrschenden Verhältnissen eine erste und auch die entscheidende Bresche in den Eisernen Vorhang. Unterdrückung und Gewalt, Repression und Zwang waren tägliches Brot, nach außen hin wurde versucht, den Schein zu wahren. Propaganda und Verschleierung der wahren Verhältnisse waren probate Mittel dazu.
Ich schreibe über eine niedergerissene Mauer. Ich schreibe über den Ziegelstaub einer Mauer, die wie ein Schwertstreich Europa in zwei geteilt hat. Ich schreibe mit dem Blut derer, die gefallen sind auf der Suche nach Freiheit, der Freiheit ihrer Körper und ihrer Seelen.
Meine Geschichte ist schön. Das weiß ich, das fühle ich. Sie ist so schön wie der Fall der Berliner Mauer.
Die Eltern der in Argentinien geborenen und lebenden Schriftstellerin Diana Raznovich stammen väterlicherseits aus Russland und mütterlicherseits aus Österreich. Sie sind vor den Judenverfolgungen nach Südamerika geflohen. Dies erklärt den für eine spanische Schriftstellerin etwas auffälligen Namen.
Raznovitsch, die ihrerseits 1976 selbst vor der argentinischen Militärdiktatur (zu diesem Thema werde ich in Kürze ein erschütterndes Buch vorstellen) emigrierte, arbeitet in ihrem Roman „Der Freund meines Sohnes“ auf besondere Art und Weise den Zusammenbruch eines totalitären Regimes auf. Sie nimmt exemplarisch die Ehe der gebürtigen Russin Naschtenka Korolenko [1] mit dem Deutschen Offizier Helmut Dragel, die im wesentlichen aus diplomatischen Gründen geschlossen wurde. Steht Naschtenke in ihrer Rolle als Frau für die Unterdrückung, das Erleiden von Gewalt, die fehlende Rücksichtnahme auf und Nichtbefriedigung von Bedürfnisse(n), die Freudlosigkeit und die Unmündigkeit, so verkörpert sich in ihrem Mann das brutale, unterdrückende Element, mit dem nichtsdestotrotz nur seine/die immanente Unsicherheit kaschiert wird. Über viele Jahre fügt sie Naschtenka in diese Rolle, sie erträgt die Launen ihres Mannes, aber in ihr sammelt sich Sprengstoff, der nur auf den Zünder wartet.
Dieser Zünder kommt dann in Gestalt des titelgebenden Freundes Peter. Er ist verführerisch, schön, verspricht ein Leben voller Freude und Lust. Und in der Tat, Naschtenka, die dem nicht widerstehen kann, erlebt zum ersten Mal, wie schön das Leben sein kann.
Wer nun glaubt, mit „Der Freund meines Sohnes“ hätte Raznovich ein langatmiges politisches Buch geschrieben, täuscht sich. Es ist im Gegenteil ein leidenschaftliches, ja, sogar ein scheidenlastiges Buch, das sie vorlegt, denn man könnte das Werk auch schlicht und einfach als pornographisch bezeichnen. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich aus der Hand eines sadistischen Mannes befreit, der sie über lange Jahre in ihrer Ehe gequält und unterdrückt hat. Und die Befreiung ist im Bild eine sexuelle, in deren Verlauf jede Grenze im Namen der Offenheit und Ehrlichkeit überschritten wird. So schlägt im Lauf des Buches die politische Metapher auch um in eine moralische: nämlich in eine Anklage der Verlogenheit, der Heimlichkeit und der Unterdrückung in der Welt.
Ja, es ist schon ein seltsames Werk. Ob es schön ist, ich weiß es nicht. Es gibt zugegeben durchaus anregende Schilderungen in dem Buch, auch lustvolle, aber die Autorin legt mehr Wert auf Plastizität und Anschaulichkeit der Szenen denn auf Subtilität. Genausowenig wie penetrierbares unpenetriert bleibt, bleibt beschreibbares unbeschrieben. Man könnte einzelne Absätze auch betiteln mit „Bis 10 zählen lernen dank multipler Orgasmen“, in dieser realitätsfernen Übertreibung liegt dann auch das pornographische Element der Geschichte, die damit über reine Erotik hinausgeht.
Interessant ist jedenfalls der Ansatz, in eine solch zügellose Geschichte eine politische Entwicklung von der Unfreiheit zur Freiheit zu packen – und ich habe das in meiner Deutung ja genauso zügellos ausgeschmückt. Aber wer vor solchen Analogien zurückschreckt, den kann ich beruhigen, im Mittelteil herrscht dann doch die vom Klappentext einfallsreich versprochene „Eruptive, unverdorbene Sexualität“ vor…..
Facit: ähemmm…. ja, gelesen ist gelesen. Ist wohl eh nur noch gebraucht lieferbar, das Angebot bei amazon für 38,80 empfehle ich sicher nicht….
Links und Anmerkungen:
[1] Daß Raznovich diesen Nachnamen für ihre Heldin wählt, dürfte kaum ein Zufall sein, wurde doch ihr Namensvetter Wladimir Galatkonowich Korolenko unter dem zarastischen Regime mit Verhaftungen und Verbannung verfolgt.
[2] Biographisches über Diana Raznovich
[3] Interessant ist, daß lt. Umschlagstext das Buch den Literaturpreis „La Sonrisa Vertical“ erhalten haben soll, in der Liste der PreisträgerInnen taucht das Werk jedoch nicht auf…..
Diana Raznovich
Der Freund meines Sohnes
Heyne TB, 1994, 173 S.
Françoise Dorner: Die Frau in der hinteren Reihe
August 17, 2010
„Ich bin sogar von einem Mann geheiratet worden. … Ich war so glücklich, daß einer mich wollte. Dass mich endlich jemand anerkannte. Mir seinen Namen gab und ich nicht mehr heißen musste wie meine Mutter.“

Eigentlich hatte ich mir dieses kleine Büchlein gekauft, weil das Titelbild eine leichte, beschwingte Geschichte versprach, vllt in dem Stil des Monsieur Armand, den ich von Dorner [1] ja schon vorgestellt habe. Ein paar nachdenkliche Stellen, hie und da ein trauriger Absatz, aber im großen und ganzen eine lockere und gut lesbare Sommerlektüre. Nun, ich habe mich getäuscht. Was Dorner hier zu lesen gibt, ist traurig, frustrierend und deprimierend bis zum Abwinken.
Worum geht es? Nina und Roger sind verheiratet und betreiben einen Kiosk irgendwo an einer Straße in Paris. Sie sind verheiratet, aber Liebe ist es nicht mehr, was zwischen ihnen herrscht und Nina vermisst dies. Nina, die passive, duldsame, unzufriedene, frustrierte, in gesellschaftliche Zwänge eingebundene, die als Kind von ihrer Mutter erzogen wurde und nie ihren Vater kennenlernte. Nina, die immer noch unter ihrer Mutter leidet und unter ihrer Freundin, Nina, die noch auf der Suche ist nach sich selbst.
Nicht, daß sie und ihr Mann sich nicht mehr anrührten, nein, wenn Roger um 3 Minuten vor 5 erwacht, dauert es drei Minuten, bis sie mit der Liebe fertig sind. Danach steht er gutgelaunt auf und Nina bleibt enttäuscht zurück. Also nichts aufregendes sind. Aber immerhin, etwas. Wenn auch nicht genug.
Mehr Aufmerksamkeit, wenn auch nicht viel mehr, schlägt ihr im Kiosk entgegen. Hier reden die Menschen manchmal mit ihr und schütten ihr ihr Herz aus. Sie beobachtet die Menschen. Sie sieht die Männer, die sich die Tageszeitung kaufen und dann ganz verschämt das Magazin hineinlegen, in dem die Bilder von den Frauen sind, die sich keine Kleidung leisten können. Neugierig wird sie auf diese Magazine, schaut sich selber welche an und erwischt sich bei dem Gedanken, wie sie wohl in High Heels und mit Peitsche in der Hand aussähe. Es erregt sie, auch die Frisuren, die sie sieht (oder eben auch nicht). Und sie schafft sich ein eigenes haariges Herz zwischen den Schenkeln.
Monsieur Jean flirtet mit ihr am Kiosk, sie berühren sich mit den Fingerspitzen, er lädt sie ein und sie kann nicht widerstehen. Die Bloody Mary steigt ihr zu Kopf, sie will die unter den Tisch gefallene Erdnusschale aufheben und als sie unter dem Tisch ist drückt die Hand von Monsieur Jean ihren Kopf in seinen Schoß. Zum ersten Mal in ihrem Leben vertraut sich ein Mann ihrem Mund und ihren scharfen Zähnen an. Dein Reich komme….
Nina hat die Andere in sich entdeckt, ihr verborgenen Wünsche und Fähigkeiten. Zu Hause kann sie damit nicht reüssieren, Roger scheint das Herz nicht zu entdecken. Aber Misstrauen zieht ein, hat er was gemerkt, wird er argwöhnisch und wo geht er jetzt auf einmal hin?
Verkleidet schleicht sie ihm nach, in ein Kino geht er. Sie setzt sich hinter ihn, will ihn verführen, berührt ihn, er erkennt sie nicht, aber er geniesst die Berührung, den Flirt, den Kuss der Fremden….. So, wie er sie, Nina, zu Hause nicht beachtet, so sehr spürt Nina, daß ihr Mann sich in die Andere verliebt hat, sich nach dieser Fremden, die sie ist, sehnt. Aber als Nina kann sie ihm das nicht geben, will er es nicht haben…
Ich will jetzt nicht die ganze Geschichte erzählen von diesem Paar, das zueinander nicht finden kann. Nina, die ihren Mann zwar betrogen hat, ihn aber im Grunde zurück will, wird auf die Andere, die sie selbst ist, eifersüchtig, aber diese ist es, die ihr Mann will, nicht die Nina, die er geheiratet hat. Für Nina ist das, was sie außerhalb der Ehe macht, lernen, aber ihr Mann will von dem erlernten nichts wissen, er wendet sich ab, selbst die 3-Minuten-Terrine wird gestrichen…
Es ist ein deprimierendes, zum Scheitern verurteiltes Leben, das Dorner vor uns ausbreitet. In dem Maße, in dem Nina sich und ihre Bedürfnisse erkennt, verliert sie ihren Mann. Der hat im Gegenteil das Gefühl, einer Mogelpackung aufgesessen zu sein: das Herz, den Mund, das alles kennt er nicht bei Nina, will es auch nicht, fragt sich, wo sie das gelernt hat. Roger will es von der Anderen, die Hure will er nicht im Haus, dort bevorzugt er das Heimchen.
So schildert Dorner die seltsame Konstellation, daß die Frau, die den Mann lustvoll betrügt, aber ihn durch diese Kunst der Liebe, die sie lernt, auch wieder an sich binden will, ihn zurückgewinnen will, ihren Mann abstößt, der sich in der Geheimnis verliebt hat, in die Hoffnung auf das, was ihn erwartet, auf die Dunkelheit, die ihn anzieht. Er könnte alles von Nina haben, aber er verläßt sie. Und den letzten Todesstoß bekommt die Ehe, als Nina das Geheimnis um die Andere auflöst, das verzeiht er ihr nicht, sie hat ihm jede Hoffnung genommen, er fühlt sich dadurch betrogener als durch die körperlichen Abwege, die Nina eingeschlagen hat. Nina hat das Versprechen der Anderen zerstört.
Und die Moral von der Geschichte? Daß man sich nicht binden sollte, bevor man sich nicht selber kennt? Daß das geheimnisvolle allemal attraktiver ist als das naheliegende? Die Vergeblichkeit, einen Menschen, dessen Liebe man verloren hat, zurückzugewinnen? Daß man mit dem zufrieden sein sollte, was man hat? ….
Ich weiß es nicht, in dieser Beziehung läßt mich das Buch etwas ratlos zurück….
Die Geschichte selbst.. sie ist schön geschrieben, es ist einiges an Situationskomik drin und auch an skurrilen Szenen, aber ich habe sie trotzdem immer mit diesem kleinen Kloß im Hals gelesen, weil von vornherein klar war, daß die Geschichte nicht gut ausgehen würde….
Facit: Ein Blick in die Vergeblichkeit, Liebe erzwingen zu wollen
Link:
[1] eine kurze Biographie von Francoise Dorner (auf Anregung von durchleser, dem ich dafür danke….)
Françoise Dorner
Die Frau in der hinteren Reihe
Diogenes TB, 2010, 158 S.
Eva Menasse: Vienna
August 16, 2010

Es ist ein immerhin weit über 400 Seiten starkes Buch, das Eva Menasse hier vorgelegt hat und als Roman bezeichnet, als Roman aber, der stark vom biographischen modelliert ist, wie sie es im Interview [1] ausführlich erklärt. Man könnte es natürlich auch genau andersherum beschreiben, es ist eine Familiengeschichte, die durch Verfremdungen und Verschleierungen zum Roman umgedichtet wurde. Letztlich bleibt es aber egal, „Vienna“ behandelt die Geschichte eines Familienclans mit halbjüdisch/halbkatholischen Wurzeln in Wien.
Es fängt mit einer fast schon mythologisch ausschauenden Geburt an, ein Wesen, halb Schaf, halb Mensch gebiert ein blutig dreinschauendes Kind, den Vater der Ich-Erzählerin. Die Umstände dieser seltsamen Geburt geben schon ein bezeichnendes Licht auf die Familie. War doch die Großmutter nicht rechtzeitig vom Bridge-Spiel nach Hause gekommen, obwohl die Wehen sich schon bemerkbar machten und zu Hause wollte sie dann aus einer Scham heraus ihren Pelzmantel nicht ausziehen. Immerhin lief die Geburt leicht, wenngleich der Geborene nicht unbedingt Willkommen war und schon einige Abtreibungsversuche überlebt hatte.
Das beherrschende Ereignis dieser drei Generationen umfassenden Familiensaga beginnend in den 30er Jahren bis in die Jetzt-Zeit ist natürlich die Judenverfolgung im Dritten Reich. Es ist das große Thema, um das sich letztlich alles dreht oder auf das alles zurückgeführt werden kann. Bei den Großeltern, die eine „Mischehe“ führten, war die unmittelbare Gefahr in der ersten Zeit nicht so groß. Ihre Kinder, i.e. der Vater der Erzählerin und ihr sieben Jahre älterer Onkel, brachten sie aber frühzeitig in Sicherheit, sie wurden England geschickt, sie selbst überlebten in Wien. Beim Vater zeigte sich ein ernomes Talent als Fussballer und er stand kurz vor einer Karriere als Spieler in England, als er wieder zurück nach Österreich kam. Er hatte mittlerweile Deutsch verlernt, musste seine Muttersprache wieder erlernen und ließ sein Leben lang nichts auf England kommen. Sein älterer Bruder hingegen meldete sich für die englische Armee und wurde nach Asien geschickt, eine Zeit, über die er nachher kaum sprach, die ihn aber für immer prägte. Er hing (im Gegensatz zu seinem jüngeren Bruder, der zeitlebens unpolitisch blieb) kommunistischen Ideen und war bei der Entnazifizierung in Österreich (wo es aber nach Selbstbekundung garkeine Nazis gab…) beteiligt. Im Alter wurde er immer wortkarger, griesgrämiger und verschlossener.
War vor dem Krieg die jüdische Abstammung praktisch kein Thema, so wurde sie es nach dem Krieg. Es wurde wichtig, ob in gemischten Ehen der Vater oder die Mutter jüdisch war, weil es bestimmte, ob man Jude war, Halbjude oder „..only a quarter Jew“ [1], Abgrenzungen und Anfeindungen der anderen Art entstanden….
War die Ehe der Großeltern noch unverbrüchlich, so galt dies in der nachfolgenden Generation schon nicht mehr. Es gab Scheidungen, die dann aber nicht unbedingt dazu führten, den Kontakt abzubrechen, im Gegenteil, sogar bei Familienfeiern war die erste Frau gern gesehen. So vergrößerte sich die Familie, verlor aber langsam, erst an den Rändern, dann auch im Zentrum, an Zusammenhalt.
Wodurch waren die Nachkriegsjahre charakterisiert? Das Rollenverhältnis war deutlich ausgeprägt: nach außen hin gab der Mann den Ton an, im Innenverhältnis hatte die Frau zwar nicht unbedingt das Sagen, aber ihren Verantwortungsbereich. Es wurden Geschäfte gemacht, manchmal hart am Rand der Legalität oder auch schon etwas darüber hinaus, immerhin hatte man ja in Österreich traditionell starke Beziehungen zu den östlich liegenden Ländern, die jetzt den reichen Westen so nah und doch so unerreichbar vor den Augen liegen hatten. Da konnte man dann doch schon mal etwas nachhelfen….
Das Leben wurde auch genossen, es war wichtig, in der Gesellschaft zu leben, der Wiener Gesellschaft eben, die sich in den Menassesschen Schilderungen auf dem Tennisplatz exemplarisch räkelt und übereinander herzieht. Wiener Schmäh at its best (sag ich einfach mal als Nichtösterreicher…)
Das sind so einige Punkte aus diesem umfangreichen Roman, der natürlich noch viel mehr Material enthält. So bin ich garnicht auf die jüngste Generation eingegangen, die selbstverständlich auch ihren Platz in der Familiengeschichte hat, bei der aber der Zusammenhalt untereinander langsam auseinander bricht. Das alles ist mit viel Schwung geschrieben, oft beissendem Spott, auch mit Liebe zu den Personen. Eine der Figuren ist mir besonders sympathisch gewesen: Dolly „Königsbee“, der Mann von Tante Gustl, der die Fremdworte so liebte, aber immer knapp vorbeischoss. Aber da hatte er ja verbal schon oft geredet und alles andere war eh primär….. Man kann sich vorstellen, daß solche Ausrutscher in einer so spottbegabten Familie wahre Erinnerungstriumphe feierten und geradezu mythisch wurden.
Ein Kapitel „Opfer & Täter“ möchte ich noch erwähnen, weil es mich besonders betroffen gemacht hat. In diesem Abschnitt schildert Menasse das Leben und die Lebensgeschichte der Mutter, die geprägt ist von mangelnder Liebe der Eltern, von der Flucht 1945 nach Österreich (sie kam aus Polen), ihrer ersten Männerbekanntschaft dort und nachher der Heirat mit dem Vater der Ich-Erzählerin (die Autorin ist sehr sparsam im Verwenden von Eigennamen). In dieser Ehe rutscht sie, die eh unter einem unterentwickelten Selbstwertgefühl leidet, in die Opferrolle hinein, in die Rolle der Frau, die sich für alle aufopfert und der man das nicht dankt, es nicht einmal zur Kenntnis nimmt. Es ist ein wirklich bedrückendes Leben, das Menasse da beschreibt. Nur in der Öffentlichkeit des Tennisclubs treten die beiden noch als Paar auf, wenngleich niemanden dort auffällt, daß sie auch dort nichts zusammen machen, sondern immer getrennt agieren….
Das Buch ist nur angenähert chronologisch, oft springt es in Anekdoten und Episoden vor und zurück. Trotzdem gewinnt man außer den Einblicken in die Geschichte der Familie auch einen Eindruck über das gesellschaftliche und politische Leben in Wien. Für mich hatte das Buch im Mittelteil ein paar Längen, aber das liegt vllt auch daran, daß ich beim Thema „Wien“ doch recht fremd bin und das Gelästere über Interna mir nicht so viel sagte. Daß die Familie mir im Lauf des Buches mit ihrer reduzierten Emotionalität besonders sympathisch geworden ist, kann ich nicht behaupten und auch an die spezifisch wienerischen Umgangsformen muss man sich wohl auch erst gewöhnen…
Facit: eine umfangreiche Familiengeschichte als Stück Zeitgeschichte mit hohem Unterhaltungswert.
[1] lesenswertes Interview mit der Autorin über das Buch in literaturkritik.de
Eva Menasse
Vienna
btb, 2007, TB, 432 S.









