Das Buch läßt mich ein wenig ratlos zurück, nachdem ich es auf die wunderschöne Rezension von Klappentexterin [1] hin gekauft und gelesen habe. Aber der Reihe nach…

Die Abiturientin Gesa lebt mir ihrer Familie auf der Nordseeinsel Nördrum. Dort betreiben sie eine Pension, Tante Nele hat eine Arztpraxis, die auf männliche Kunden spezialisiert ist, die Oma Insa hilft nicht nur in der Pension, sondern festigt als Wattfee einen gewissen Ruf, den bislang unerhörten Kinderwunsch von Paaren zu verwirklichen. Die Männer der Familie erscheinen dagegen eher als blasse Sonderlinge, denen eine gewisse Praxistauglichkeit abgeht….. Sonnenschein der Familie ist, zumindest in den Augen Gesas, ihr älterer Bruder Wilco.

Wilco und sein Vater haben das Fallschirmspringen angefangen, doch eines Tages öffnet sich Wilcos Fallschirm nicht und er stirbt. Damit ist eine Zäsur gegeben im Leben der Familie, das zum einen äußerlich so weiterläuft wie bisher, obwohl sich für Gesa und ihre Familie alles geändert hat. Ihr Vater läuft wortlos davon, die Mutter erstarrt innerlich und „adoptiert“ eine Ente namens Jean-Pierre, Oma Insa macht weiter wie bisher und Gesa selbst erscheint ihr Bruder, sie unterhält sich mit ihm, sogar Streit herrscht zwischen ihnen.

Das ist für mich die Stelle, wo es im Buch „klemmt“, weil es besonders bei Gesa unglaubwürdig ist, einfach nur des Effekts wegen eingebracht scheint. Eine Verlusterfahrung, wie der Tod eines Bruders, bringt normalerweise einen sehr tiefgreifenden Trauerweg in Gang, zu dem neben vielen anderen Symptomen wie Zorn, Wut, Apathie auch Halluzinationen gehören können („… und ich bin mir ganz sicher, daß er da draußen vorbeigegangen ist“ … „…ich seine Stimme gehört habe“). Aber bei Gesa sind diese sehr massiven Halluzinationen (sie sucht – ohne ihre Familie davon zu informieren – sogar einen Psychiater auf) fast das einzige Symptom ihrer Trauer, sie ist sogar in der Verfassung, sich in eine Verliebtheit auf den ersten Blick zu stürzen, als Malte, der Inselschreiber, sich in ihrer Pension einquartiert. Sie erkennt die wahren Werte, auf die es im Leben ankommt und macht nebenbei auch (mit Wilcos Hilfe) ihr Abitur mit Beinahe-Bestnote. Keine Spur also von all den Problemen, die man normalerweise bei solchen Ereignissen antrifft, bei denen die Schulnoten dann eher in den Keller gehen und meist viel Zeit gebraucht wird, um wieder Interesse an der Welt um einen herum zu bekommen. In dieser Hinsicht (Wie stellt der Autor das (Innen)leben einer jungen Frau dar, die gerade ihren großen Bruder durch einen Unfall verloren hat) hat mich das Buch also enttäuscht, bzw. bin ich einfach mit einer falschen Erwartung heran gegangen. Und auch als Leser bin ich vom Tod Wilcos wenig betroffen, schließllich taucht er ja das ganze Buch über auf…..

Als Sommerlektüre ist „Zwischen den Wolken“ dagegen ein schönes Buch. Es ist flott, sprich sehr szenisch ohne lange, komplizierte Satzkonstruktionen geschrieben, in kleine Abschnitte unterteilt, die es ermöglichen, auch einfach mal zwischendurch reinzuschauen. Eine Vielzahl skurriler, vielleicht sogar seltsamer Charaktere treten auf, meist liebenswürdig bis auf die Touristen, die Gantenberg recht pauschal als unsympathisch darstellt mit ihrem Anspruchsdenken, wenn sie mal in der Fremde sind. Es gibt auch die nachdenklichen, melancholischen Stellen im Buch, die Momente, in denen Gesa merkt, daß sie oft die Augen zugemacht hat vor dem, was war, daß sie ihren Bruder idealisiert hat, nicht gesehen hat, was wirklich war, nicht auf das gehört hat, was er ihr gesagt hat. Aber Gesa wird durch diese Ereignisse reifer, sie findet für sich, was in ihrem Leben wichtig ist. Symbolisch gesehen bleibt sie, die immer von der Insel wegwollte, zum Schluss auch dort, sie ist mit sich selbst ins Reine gekommen und braucht nicht mehr zu „fliehen“. Cool.

Genau das hat mich genervt. Wie oft Gantenberg das Wort „cool“ verwendet hat. Dabei ist „Cool“ doch gestern…. [2]. Sogar seine Hauptperson, Gesa, ist von der Uncoolness des Cools genervt…

Ach ja, den Kalauer muss ich jetzt anbringen: „Ente gut, alles gut“: irgendwie löst sich zum Schluss, nachdem praktisch jeder seelischen Großreinemachtag hatte, alles in Wohlgefallen auf und jeder ist – auf seine Weise – glücklich. Bis auf Piet, weil Oma Insa dann doch zu ihrem ganz persönlichen Patagonien gefahren ist, wohin er sie jetzt nicht begleiten konnte…..

Facit: ein schöner Sommerroman, der an einigen Stellen etwas nachdenklich macht, ansonsten aber einfach „nur“ eine turbulente Epsiode einer Familie erzählt.

Links und Anmerkungen:

[1] zu finden auf Klappentexterins Blog
[2] T. Becker: Heißzeit, KulturSPIEGEL 8/2010, S. 15ff

Michael Gantenberg
Zwischen allen Wolken
Scherz-Verlag 2010, HC, ca 326 S.

„Ist sie mir leiplichen tot, in meyner gedechtnüß lept sie mir doch ymmer“ (23,27f)

Johannes von Tepl (1350 – 1414), ein gebildeter Verwaltungsbeamter im Böhmen, verfasste um 1400 dieses Streitgespräch zwischen dem „Ackermann“ [1] und dem in Person auftretendem Tod. Es ist nicht auf das reales Erlebnis eines persönlich erlebten Trauerfalls zurückzuführen, sondern stellt ein gelehrtes Werk dar, das unter der Verwendung vieler älterer Quellen entstanden ist. Gekommen bin ich auf dieses Werk im Nachgang zu dem Mysterienspiel der Virginschola, ein Bekannter zeigte mir das Büchlein und da ich mich ja prinzipiell auch für den Themenkreis rund um Tod und Trauer interessiere, habe ich nicht lange gezögert.

Es ist ein Streitgespräch zwischen den beiden, insgesamt sind es 34 Kapitel, die ungeraden werden vom Ackermann, die geraden vom Tod bestritten. Es erinnert an eine Art Gerichtsverhandlung, in der jeweils in Rede und Gegenrede Argumente und Positionen dargelegt werden. Um den Inhalt und das Werk zu deuten, müsste man natürlich Mediävist und sich auch mit den antiken Quellen auskennen, was auf mich nicht zutrifft. Einiges ist den Erläuterungen, die im Reclam-Heftchen abgedruckt sind, zu entnehmen, aber das gibt auch nur einen ersten Einblick.

Trotzdem ist das schon ein sehr interessantes Werk. Die Rollen sind – kaum überraschend – verteilt. Ackermann ist der Trauernde, er hat seine Frau, die nicht irgendeine Frau war, sondern in seiner Beschreibung die beste aller möglichen, viel zu früh, in der Blüte ihrer Jahre durch den Tod verloren. Er rast vor Zorn, er überschüttet ihn mit Vorwürfen, die Erinnung übermannt ihn, er kann keinen Sinn in ihrem Tod erkennen.

Der Tod hingegen ist von der Sinnhaftigkeit seines Tuns, welches ihm von Gott aufgetragen, überzeugt, er begegnet dem Zorn des Ackermanns mit einer gewissen Arroganz, mit Überlegenheit und auch teilweise mit Zynismus. Erstaunlich ist die Argumentation des Todes, die nicht auf eine moralischen oder theologischen Hintergrund wie Buße oder Sünde abzielt, sondern fast schon neuzeitlich logisch wirkt:

„Hätten wir seit des ersten lehmgebatzten Mannes Zeit die Vermehrung und Ausbreitung des Menschen auf der Erde, der Tiere und des Kriechzeugs in der Wüste und im Unterholz, der Schuppentieren und schlüpfrigen Fische im Wasser nicht ausgemerzt, vor kleinen Mücken könnte sich jetzt niemand retten, vor Wölfen wagte sich niemand hinaus. Auffressen würde ein Menschenkind das andere, ein Tier das andere, ein jeder belebte Körper den anderen, denn an Nahrung würde es ihnen gebrechen, die Erde würde ihnen zu eng.“ (8,6f)

Der Disput zwischen den beiden entwickelt sich im Lauf der Kapitel. Der anfängliche Zorn des Ackermanns legt sich, er stellt sich und dem Tod die Frage nach dem Warum, dem warum ein Mensch in der Blüte seiner Jahre, der auf der Erde (noch) so viel Gutes hätte tun können, abberufen wird von Tod und nicht die Alten zu nichts mehr tauglichen. Der Tod kann diese Anwürfe erwidern, diese Erwiderungen klingen zum Teil (für unsere Ohren) zynisch. Es sei besser im blühenden Leben mit ihm zu gehen als im Alter siech und häßlich zu werden, auch käme man schließlich in den Himmel. Auch hier ein recht unverbrämter Blick auf die Realität:

„So schnell ein Menschenkind ins Leben kommt, so schnell ist es alt genug zu sterben. Du glaubst vielleicht, das Alter sei ein kostbarer Schatz? Mitnichten! Es ist kränkliche Mühsal, häßliches Frösteln, allen Leuten unangenehm. (20,25)“

Was soll er nur tun, jetzt, ohne seine geliebte Frau? Ackermann fragt den Tod, aber dieser kann ihm kaum Rat geben, den er annehmen kann:

„Ratet, helft und zeigt den Weg, wie ich ein so schweres Leid vom Herzen entfernen köönnte und meinen Kindern eine so reine Mutter zu ersetzen wäre; sonst muss ich immer mißmutig und mmüssen sie immer traurig bleiben. (21,18)“"Sobald Du etwas verloren hast und es nicht wiedergewinnen kannst, tu, als sei es Dir nie zuteil geworden, dahin fliegt im Handumdrehen deine Trauer. Willst du das nicht tun, so hast du manches Unglück vor dir. „(22,32)

Ein Ratschlag, den Ackermann gerade nicht befolgen will:

„Soll ich mir die Erinnerung an meine Allerliebste nun aus dem Sinn schlagen, schlechte Erinnerungen würden mir in den Sinn zurückkommen. Um so eher will ich meiner Allerliebsten ständig gedenken. Wenn große Liebe in großen Kummer verwandelt wird, wer mag da schnell vergessen? Schlechte Leute tun das. … Ist mir ihr Körper auch tot, in meiner Erinnerung lebt sie mir doch immer. (23, 20f)

Der Disput zwischen den beiden Kontrahenten löst sich mit diesen Argumenten vom konkreten Verlust des Ackermanns und befasst sich mit anderen Fragen im Umkreis von Tod, Leben und Ehe.

Im vorletzten Kapitel dann wird eine Art Urteil gesprochen, Gott selbst tut dies. Es ist ein weises Urteil, das beiden Parteien Recht gibt:

„Jenen zwingt das Leid zu klagen, diesen der Angriff des Klägers, die Weisheit auszusprechen. Darum gebührt dir, Kläger, die Ehre, Dir, Tod, der Sieg! Jeder Mensch ist verpflichtet, dem Tod das Leben, den Leib der Erde, die Seele uns zu verantworten.“

womit die göttliche Ordnung wiederhergestellt ist.

Wenn man die Entwicklung des Ackermanns sieht, von seinem rasenden Zorn, der unbändigen Wut der ersten Kapiteln,  mit der er den Tod schmäht hin über die „Warum-gerade-sie“-Frage bis hin zu dem Gedächtnis, das er seiner geliebten Frau auf ewig im Gedächtnis bewahren will, so ist auch hier die genaue Beobachtung, die sich darin spiegelt erstaunlich. Es fällt leicht, in diesen Entwicklungsschritten Phasen eines Trauerweges zu erkennen, wie sie in der heutigen Fachliteratur oftmals angegeben werden, am bekanntesten vielleicht nach Verena Kast: das nicht wahrhaben wollen (warum sie?), die aufbrechenden Emotionen (Zorn, Wut), die Suche nach neuen Möglichkeiten, sich im Leben einzurichten (was soll ich jetzt machen, ist dies oder jenes anzuraten) bis hin zum neuen Selbst- und Weltbezug (ich werde sie im Gedächtnis bewahren).

Und natürlich findet man im Ackermann auch ein erstaunliches Bild einer Ehe, die auf Liebe gegründet ist, im Mittelalter eher die Ausnahme [4]. Dazu schreibe ich jetzt aber nichts, wenn es jemanden interessiert, kann er ja in der angegebenen Quelle nachschauen…

Zum Abschluss noch der Hinweis, daß auch das Lesen (der vielmehr der Versuch) des Frühneuhochdeutschen Textes eine recht interessante Sache ist. Wenn man sich etwas eingelesen hat, versteht man ihn tatsächlich zum großen Teil und man erkennt auch, wie sich das Deutsch weiterentwickelt hat. Und manches ist geblieben… als ich den Spruch gelesen haben (ich habe mir leider die Textstelle nicht markiert), musste ich lachen. Es gibt halt elementare Wahrheiten, die die Jahrhunderte überdauern:

Hin ist hin. auch schon im Frühneuhochdeutschen.

Facit: ein sehr interessanter Ausflug in eine frühe Welt, die vom Inhalt her garnicht so weit weg ist….

Links und Anmerkungen:

[1] Ackermann stellt sich selbst so vor: „Ich werde Ackermann genannt, vom Vogelkleid ist mein Pflug.“ Ackermann ist also kein Bauer, der Pflug vom Vogelkleid ist die Feder, mit der schreibt. Auch im Begleitschreiben, mit dem er die Schrift einem alten Freund schickt, ist vom „Acker der Rhetorik“ die Rede, in dem er mit dieser „ungelenken Sprache“, dem Deutschen, arbeitet. Im Widerspruch zu dieser Selbstvorstellung stehen aber interessanterweise die Holzschnitte, in denen der Ackermann mit Dreschflegel oder Hacke, also landwirtschaftlichem Geräten, dargestellt wird.

[2] Wiki-Artikel zum „Ackermann
[3] Digitalisierte Handschrift aus dem Bestand der Uni Heidelberg
[4] zum Ehebild im „Ackermann“

Johannes von Tepl
Der Ackermann
Reclam Tb, 180 S.,
erschienen um ca. 1400

Diese Woche hat sich ja die ZEIT dem Thema „Lesen“ bzw. „Buch“ gewidmet und ist zu der (zumindest für mich) garnicht überraschenden Erkenntnis gekommen, daß durch das Internet mitnichten weniger gelesen wird. Das auch das Schreiben durch´s Internet gefördert wird, wer wüßte dies „leidvoller“ als ich, dessen Buchbesprechungen auch immer länger werden…. auf Papier jedenfalls würde ich nicht arbeiten, ich bringe ja noch nicht einmal die Disziplin auf, mir die fertigen Besprechungen z.B. als pdf abzuspeichern, nur für den Fall, daß wordpress irgendwann mal die Flügel streckt und alles im elektronischen Orkus verschwindet wie in einem Malstrom….

Also, lesen hat durchaus zugenommen, schreiben stirbt auch nicht aus, das Internet fördert beides. Was größer wird, ist die Kluft derjenigen, die es tun und denen, die es nicht tun. Schier fassungslos kann einen die Zahl von ca. 4 Mio „funktionalen Analphabeten“ in Deutschland machen, mit der entsprechende Bundesverband zitiert wird. Jeder 20., das sind in einer Stadt wie Berlin ca 160-170.000 Menschen, die z.B. Probleme haben, mit Behörden zu kommunizieren, vom Lesen ganz zu schweigen. Gut, daß Fernbedienungen mit Symbolen arbeiten….

Jetzt habe ich fast den Faden verloren.. halt, dort ist er! Erzählen wollte ich eigentlich, daß meine Buchhandlung dem Internet durchaus dankbar sein kann. Gerade auf dem Blog von Nantik von ihrer Begeisterung für die Japanerin Yoshimoto gelesen, ein wenig auf anderen Seiten nach weiteren Meinungen durchgescrollt, das Bestellformular meiner Buchhandlung aufgerufen und — wusch, nächste Woche werde ich mehr wissen, dank Internet.

Nach welchen Kriterien wählt man eigentlich seine Bücher, seinen Lesestoff aus? Bei mir ist es ganz verschieden, Empfehlungen (z.B. meiner Buchhändlerin: „Das hier wäre glaube ich was für Sie!“), auch Kritiken, sowohl in Zeitschriften als auch in den divesen Blogs. Aber auch der direkte Kontakt mit dem Buch, das Coverbild, das haptische Erlebnis, wenn ich ein Buch aus dem Regal ziehe: das Verhältnis Gewicht/Größe, wie passt es in meine Hand, wie fühlt es sich an, ev. ein besonderes Material für den Einband, der erste Satz, das erste Kapitel: packt mich der/das?….. Am letzten Freitag zum Beispiel habe ich ein Buch gekauft, das ich per Internet aufgrund einer interessanten Besprechung bestellt habe. Als Buch aus dem Regal hätte ich mir das wahrscheinlich nicht gekauft. Viel zu leicht für die Größe, der rechte Rand im Buch viel zu klein… wie soll ich da Notizen machen, zart und unauffällige zwar, aber immerhin, ein paar Anmerkungen, als Gedächtnisstützen für die Besprechung?

Wenn jetzt einer glaubt, der Inhalt bzw. das Thema spiele für mich überhaupt keine Rolle, das stimmt natürlich auch nicht. Ich bin zwar nicht festgelegt auf ein bestimmtes Gebiet, lese ziemlich quer durch alle hindurch, aber natürlich habe ich Schwerpunkte, die mich besonders interessieren (wenn ihr wollt, könnt ihr die ja selber herausfinden….). Einiges lese ich garnicht oder nur selten, Krimis gehören zum Beispiel dazu. Früher habe ich die öfter mal gelesen, im Moment drängt mich aber nichts dazu. Historische Romane lese ich praktisch nicht, na ja.. Geister und Vampirgeschichten… wohl auch nicht….

Sodele, ihr Lieben da draußen, das ist das, was mir jetzt so am frühen Sonntag morgen so einfällt… jetzt ist mein Tee auch alle, ich mach mir noch eine Kanne, draußen zwitschern die Vögel (auch die Fasane habe ich schon gehört, irgendwo hier herum haben sie ihr Nest….), die Sonne scheint, ein paar Wolken sind am Himmel…

… in the summertime…. der Ich-Erzähler, dessen Namen man später im Buch erfährt, Bernhard, Marc und Zoe sitzen rum, langweilen sich vorm Fernsehen bei einem dieser absolut unbedeutenden Spielen von Bayern München. In diese schlurige Atmosphäre hinein erzählt Felix seinen Freunden, daß er von seinem Onkel Hugo, den er seit 18 Jahren nicht gesehen hat, ein Haus geerbt hat. In Südfrankreich. „Und was machen wir dann noch hier?“ Gute Frage…. am nächsten Tag geht es los, bis auf Zoe, die kurzfristig absagt, da sie lieber mit ihrem Chef Ludger auf Tagung fährt..

Die drei Jungs, irgendwo so im Alter Mitte/Ende Zwanzig sind unterschiedliche Typen. Sie haben noch keinen festen Platz im Leben (leben wie Felix sogar im Bauwagen…) und versuchen sich noch, sich in dieser komplizierten Herausforderung „Leben“ zu orientieren. Marc ist der Musiker, der seine positiven Energien aus seiner Gitarre schöpft, der Lebenskünstler, der sich am Leben erfreut und damit ist er genau das Gegenteil von Bernhard, der zwar ein Muskelpaket ist, aber auch der festen Überzeugung, ihm sei das Unglück und Ungemach dieser Welt zugeteilt worden. Freude und Spontanität sind nicht seine Stärken, zumal er die unglückliche und einseitige Liebe zu Zoe ebenso wie jetzt das Sterben seiner Mutter ertragen muss. Dazwischen steht Felix mit seiner Mathematikbegabung, der schon was sagen könnte, aber oft erst die Worte suchen muss und da er sie nicht immer findet, auch oft schweigt. Erinnert er sich deswegen an Benno, das autistische Kind, als er nach einem Glücksmoment gefragt wird, den er erlebt hat? Ihn belasten die Wunden seiner Kindheit unter seinem tyrannischen Vater, einem Vater, der ihn in den Heizungskeller einsperrte und der das Kind dort mit der Angst allein ließ, entweder im Öl des platzenden Tanks zu ertrinken oder ihn überhaupt nicht mehr hinauszulassen. Und so flüchtet sich Felix seit dieser Zeit, wenn es kompliziert wird, in seine Mathematik, er zählt im Geiste die Pentagonalzahlen oder die ungeraden Quadratzahlen auf, bei denen er sich sicher fühlt….

Irgendwie gehört der altersschwache VW-Bus zu einem richtigen Roadmovie dazu und so starten die drei von Berlin aus nach Südfrankreich. Gras haben sie offensichtlich genug dabei, Marc probiert sich an einem neuen Song, Felix fährt die meiste Zeit (was ihn davon entbindet, sich allzu aktiv an Unterhaltungen zu beteiligen) und Bernhard gibt sich seinen Zweifeln hin….

Ein Roadmovie, eine Reise ist immer auch und vielleicht sogar in der Hauptsache eine Reise ins Innere der Protagonisten, eine Entwicklung, die sie durchleben. Sie sind aus dem Alltagstrott ausgebrochen, offen für neue Erfahrungen, haben ein Ziel, das sie erreichen wollen und sie haben Schwierigkeiten zu überwinden. Ein Haus, ihr Ziel (oder genauer, das von Felix): ist es das Haus, das Zuhause, das Felix sucht, nachdem er es bei seinem Vater nicht hatte? 18 Jahre hat er seinen Onkel, der ihm viel bedeutete, nicht mehr gesehen, es ist genau die Zeitspanne, nach der man volljährig wird. Er überwindet diese zeitliche Distanz, indem er die räumliche überwindet, auch wenn sein Onkel tot ist, ist die Überschreibung des Hauses auf ihn eine Botschaft: du bist jetzt erwachsen, dies ist dein zuhause. Mach es besser als dein Vater!

Sie bleiben nicht allein, die drei im Bus. Zuerst gabeln sie Lilith auf, die auf dem Autobahnrastplatz wutentbrannt den Maserati verläßt, da dessen Fahrer vor allem unter ihrem Rock schalten und walten wollte. Und dann ruft Zoe an und will aufgegabelt werden, da sie gemerkt hat, wie der Hase läuft bei Ludger: ihr war die Rolle zugedacht, sich im Stand-By für den Quickie zwischendurch bereit zu halten, wenn er sich mal von Frau und Kind loseisen kann. So geht die Reise zu fünft weiter….

Das Leben, der Sinn desselben ist ihr Thema, wo ist der eigene Platz und was will man vom Leben. Musik machen, sich den dicksten Fisch im Teich an Land ziehen, die weibliche Indiana Jones werden…. Felix will den Tod annehmen und er will niemandem geschadet haben. Er ist bereit loszulassen, aber er ist nicht bereit, etwas festzuhalten, wie Lilith schnell feststellt. Er schläft nicht, er isst nicht, er trinkt nicht, er nimmt keine Drogen – er ist der „Nicht-Mensch“, er zieht sich zurück, er ist derjenige, der beim Schach bewusst darauf hinspielt, zu verlieren, damit der andere gewinnt. Felix definiert sich (noch) durch das „Nicht(s)“-Sein….

Sie kommen an an ihrem Ziel, Felix neues Haus. Aber es ist schon einer da, der es ihm streitig macht, der sein ganzes Leben beherrscht und bis jetzt zerstört hat, sein Vater, der ihm das Haus nicht gönnt, sondern es sich selbst unter den Nagel reißen will. Jetzt aber, nach dieser Fahrt und den Abenteuern, die er erlebt hat mit seinen Freunden, jetzt zeigt Felix Stärke, jetzt nimmt er diesen letzten Kampf, den er ausfechten muss, um zu sich selbst zu finden, an. Er stellt die Bedingungen, auf die sein despotischer Vater in seiner Selbstüberschätzung eingeht und dann begeht er es, das ultimative Verbrechen: den (symbolischenen) Vatermord (an dieser Stelle könnte man noch mal den Jens lesen zum Thema….). Der Vater verläßt das Haus und damit das Leben von Felix.

Natürlich muss man das Buch von Rai garnicht so deuten (und es gibt noch viele andere Stellen, die sehr symbolhaft sind), man kann es auch einfach als flott geschriebene Geschichte lesen, in der viel passiert, in der ein Gefühl von Freiheit und Ungebundenheit vermittelt wird, in der alles geschehen kann und die den Wunsch weckt, auch in diesem Bus zu sitzen. Es passiert einiges in diesen Tagen, die Helden verlieben sich, bekommen zeitweise noch Zuwachs durch eine traurige-liebenswerte Französin, sie sterben fast, liefern sich haarsträubende Verfolgungjagden durch Pyrenäendörfer und müssen sich mir Jürgen auseinandersetzen. Und der Bus ist immer dabei…. Aber das lest jetzt selber!

Facit: Eine gelungene Mischung aus Selbstfindungstrip und Abenteuer, die keine Minute langweilig ist. Das richtige für den Sommer, mit garantiertem Fernweh-Effekt….

Link:

mehr für´s Auge als meine Besprechung bietet dieses Video von lettratv….
… und auch der offizielle Trailer des Aufbau-Verlages ist nicht schlecht….

(Bei dem besprochenen Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar des Verlages.)

Edgar Rai
nächsten sommer
Kiepenheuer, 2010, 236 S.

Paul Auster: Unsichtbar

Juli 20, 2010

Wieder so eine Empfehlung meiner Buchhändlerin…. aber freitags gekauft und sonntag mittag schon gelesen, also kann es ja garnicht so schlecht gewesen sein. Ein Danke also in meine Handlung zur -in, die wissen wird, daß sie gemeint ist….

1967

Der wesentliche Teil des Buches spielt sich im Jahr 1967 ab. Die USA befanden sich mitten im Vietnam-Krieg, im Land selbst wuchsen Widerstände dagegen, die Hippie-Bewegung begann, Drogen wurden en Vogue. In diesem Umfeld schildert Auster in seinem stark autobiographischen Buch [1] die schicksalhafte Begegnung zwischen dem 20-jährigen Studenten und angehenden Dichter Adam Walker und dem Mittdreißiger Rudolf Born sowie dessen Begleiterin Margot.

Frühling

Diese erste Begegnung findet auf einer langweiligen Party statt, anscheinend bedeutungslos. Born ist undurchsichtig, aber nicht uncharmant, Margot scheint einfach nur langweilig zu sein. Wenige Tage später treffen sich Walker und Born zufällig wieder, kommen ins Gespräch und Born bietet Walker an, für ihn mit großzügigem Etat ausgestattet eine anspruchsvolle Literaturzeitschrift zu gründen und zu etablieren. Nach kurzem Zögern willigt Walker ein. Ergreift er, der gegenüber Born zwiespältige Gefühle hat, hier seine Chance oder verkauft er sich, läßt sich kaufen? Die nächsten Tage jedenfalls trifft man sich, auch Margot gibt sich gesprächiger und als Born überraschend für einige Tage nach Paris muss, ist Margot sogar recht offen. So offen, daß – ich will es mal so formulieren – Walker nach den 5 Tagen bis Born wiederkommt, eine ziemlich vollständige Übersicht über das hat, was Menschen miteinander treiben können, um Lust zu spenden und zu empfinden.

Bei einem nächtlichen Spaziergang werden Walker und Born überfallen, mit einer Waffe bedroht. Born, der plötzlich ein Messer zückt, sticht einmal auf den Dieb ein. Der geschockte Walker holt Polizei und Notarzt, aber beide, Born und sein Opfer sind nach seiner Rückkehr weg. Der Dieb wird kurz danach tot aufgefunden, mit vielen Stichwunden. Trotz Bedrohung durch Born geht Walker zur Polizei, aber Born flieht nach Paris.

Sommer

Auster wechselt jetzt die Erzählstruktur, er führt mit James Freeman einen ehemaligen Studienkollegen Walkers ein, der, nachdem er Jahrzehnte nichts mehr von Walker gehört hatte, Post von dem mittlerweile schwer Erkrankten bekommt, in dem dieser ihm das Manuskript seines geplanten Buches über seine Erlebnisse im Jahr 1967 zusendet. Das zweite Kapitel mache ihm Probleme, vielleicht, daß der Freund ihm helfen könne. Freeman rät Walker daraufhin, Abstand zu schaffen zwischen sich und seiner Figur und so schreibt Walker diesen zweiten Abschnitt in der dritten Person.

Er erzählt darin die Geschichte seiner Kindheit und Jugend, die geprägt ist vom Unfalltod des kleinen Bruders. Die Mutter flüchtet sich daraufhin in Depressionen, der Vater in Arbeit. Adam und seine Schwester Gwyn haben nur noch sich, und sie entwickeln ein sehr inniges Verhältnis zueinander, dessen Höhepunkt „Das Experiment“ ist.

Ein paar Jahre später, 1967 (Walker plant in der Folge der Ereignisse des Frühjahrs, ein Auslandsjahr in Paris zu studieren) führen Adam und Gwyn dieses Experiment weiter. Auster schildert das intensive inzestuöse Verhältnis ausführlich, ohne es zu werten. Im Gegenteil läßt er Freeman (und dessen Frau) ausdrücklich sagen, daß ihn dieses nicht anwidere noch daß er es brutal oder häßlich fände. Nach einem Monat hört dieses Verhältnis auf, Walker will nicht mehr nach Paris fahren, aber er tut es doch.

Herbst

Wir sind wieder in der Jetztzeit. Freeman fliegt zu Walker, die beiden sind zu einem Essen verabredet. Aber Walker ist wenige Tage zuvor gestorben und seine Stieftochter gibt ihm die Notizen zum dritten Teil seines Buches, mit dem Vermächtnis Walkers, er, Freeman, könne damit machen, was er für richtig hielte. Freeman formuliert die Notizen um und Auster gibt diesen Text hier wieder. Er handelt von der Pariser Zeit Walkers, in der er Born wiedertrifft, die Affäre mit Margot aufleben läßt, in der er die zukünftige Frau Borns und deren Tochter kennenlernt. Immer noch sinnt er auf Rache an Born und ihm fällt ein perfider Plan ein, der aber scheitert, zumindest ihm mehr schadet als er Born zu schaden scheint….

Winter

Im letzten Kapitel spielt Walker praktisch nur noch eine Nebenrolle. Freeman schildert hier, wie er Kontakt zu Gwyn herstellt, ihr von Adams Buch erzählt und es ihr zu lesen gibt. Gwyn ist schockiert, der Sex, den sie so exzessiv mit ihrem Bruder gehabt haben soll – nur der Phantasie entsprungen. Es stimme nicht…. In Paris schließlich sucht er noch Lebende der Zeit von 1967 und er findet Cecile, die Tochter der seinerzeitig zukünftigen Frau Borns, die ihm von den Geschehnissen nach der Abreise Walkers aus Paris berichtet und ihm letztlich ihre Tagebuchaufzeichnungen zu lesen gibt, in der sie ihr letzte Begegnung mir Born festgehalten hat.

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Ende der letzten 60er Jahre des letzten Jahrtausends war eine unruhige Zeit. Daniel Cohn-Bendit, heutzutage MdE, lief damals noch als roter Dany auf den Barrikaden herum, unser Ex-Außenminister Fischer hatte handfeste Kontakte mit der Ordnungsmacht und unter dem Pflaster lag noch der Strand. Ebenso in den Staaten. Die Hippie-Bewegung blühte, „Hair“ wurde in dieser Zeit aufgeführt, die Regierung Johnson wurde bei den jungen Menschen wegen ihres Vietnam-Krieges immer verhasster. Protest, Ungewissheit, die Suche nach Neuem, nach Alternativen war angesagt, der junge Student Adam Walker steht dafür. Und er gerät an ein Fossil aus dem Kalten Krieg, voller Geheimnisse, gewalttätig, aber auch verführerisch, Born ist der, der den Krieg liebt, ihn zum leben braucht, in ihm lebt, so wie ihn (den Krieg) sein mittelalterlicher Namensvetter preist. Verführt Born Walker, oder nutzt Walker – unbedarft, wie er in seiner Jugend war – nur eine Chance? Jedenfalls spielt er mit dem Feuer und unterschätzt Born sträflich als er aus moralischem Antrieb heraus gegen ihn vorgeht, eine Moral, die er bei anderer Gelegenheit dann wiederum nicht aufweist. Born ist aber für ihn nicht zu treffen. Zwar kann er dessen Pläne stören, aber um was für einen Preis und für seinen Feind ist es nur eine Irritation, da er seine wirklichen Vorhaben – so er solche hat – sowieso immer an die Situation, so wie sie ist, anpasst. Born ist da, aber nicht zu fassen, er ist zu sehen, aber unsichtbar, weil man nicht weiß, wo der „eigentliche“ Born sitzt und wo die Hülle aufhört….

Alles ist ungewiss in diesem Roman. Da er nicht einfach nur eine Geschichte erzählt, sondern dieses Buch selbst Teil der Geschichte ist [2], verwirrt Auster dadurch, daß er die Wahrhaftigkeit des Geschriebenen immer wieder in Frage stellt. Ist es nun geschehen oder nur eine niedergeschriebene Phantasie Walkers und wenn es geschehen ist, ist es so passiert, wie geschildert? Gibt es eine unsichtbare Wahrheit hinter der Geschichte? Born jedenfalls, das Fossil, der Repräsentat der etablierten Gesellschaft, überlebt alles, dick und fett geworden, als eine Art Monster, Walker dagegen muss seine Pläne aus der Jugend begraben und verdient sich seinen Lebensunterhalt als Jurist abseits der großen Öffentlichkeit. So ist auch er, der als Student für Großes vorgesehen schien, für viele Jahre unsichtbar geworden, bis er mit seinem Manuskript kurz vor seinem Tod wieder ans Licht tritt.

Facit: ein intelligentes Spiel mit Sein und Schein, mit Sichtbar und Unsichtbar.

[1] Christian Kunst, Rhein-Zeitung 162/2010
[2] diese Selbstbezüglichkeit des Romans bezeichnet Urs Jenny im Spiegel (29/2010, S. 130) sehr feinfühlig als „sich selbst ins Knie fickend“…

Paul Auster
Unsichtbar
Rowohlt, HC, 2010, 320 S.

Der Tod war im Mittelalter gegenwärtiger als in der Jetztzeit, er gehörte zum Alltag, zum bitteren Alltag mit seiner geringen Lebenserwartung (bei 30 Jahren), dem Hunger, den allgemeinen Lebensumständen, den Kriegen und Scharmützeln, dem großen Pestzug. Die Bevölkerung Europas schrumpfte um ein Drittel, Angst und Verunsicherung machten sich breit. Gleichzeitig entwickelte sich ab dem 13. Jhdt. die Vorstellung des Jüngsten Gerichts, welches einer Art Gerichtshof gleicht: Jesus auf dem Throne sitzend wird von seinen Aposteln umringt. Ariés [1] beschreibt es folgendermaßen: „… Zwei Vorgänge gewinnen zunehmend an Bedeutung, die Abwägung der Seelen und die vermittelnde Fürsprache der Heiligen Jungfrau und des Heiligen Johannes, die mit gefalteten Händen zu Seiten des richtenden Christus knien. Jeder Mensch wird gemäß seiner Lebensbilanz gewogen, die guten und die bösen Taten werden peinlich genau auf die beiden Schalen der Waage verteilt. Überdies sind sie in einem Buch aufgezeichnet. ….

Der Mensch auf Erden ist sich also bewusst, daß er durch ein schmales Nadelöhr zu gehen hat, bevor er in die Herrlichkeit Gottes einkehren darf. Sich ebenfalls seiner Sündigkeit bewusst, ist ihm dies ein Schrecken, er ist voller Angst, er fürchtet sich vor seinem Ende und dem Ende der Zeit, an dem er dann gerichtet wird anhand des Buches und der dort verzeichneten Taten.

So bereut er denn und büßt [2], er bekennt sich seiner Sünden und ruft seinen Gott um Gnade und Barmherzigkeit an, er fleht zur Gottesmutter („animal fidelis“, die gläubige Seele), doch die Mahnungen vor dem Tod und dem letzten Gericht schrecken ihn. Doch dann antwortet Gott, daß er nicht den Tod des Sünders will, sondern seine Reue und sein Bekenntnis zu ihm, Gott, damit er sie in sein ewiges Reich holen kann.

Auf kirchlicher Seite entwickelt sich eine Toten- und Begräbnisliturgie mit Choralen, Gesängen und Texten, die das Verhältnis von Mensch und Tod reflektieren: Diese stumpfe Härte des menschlichen Herzens! Nur dem Gegenwärtigen schenkt er Beachtung, das Künftige sieht er nicht vor! Du solltest dich aber in allem Tun und Denken verhalten, als müsstest du heute noch sterben. Hättest du ein gutes Gewissen, du würdest den Tod nicht sonderlich fürchten. Es wäre besser für dich, du würdest dich vor der Sünde fürchten als vor dem Tod. Wenn du heute nicht bereit bist, wie wirst du es morgen sein? „Morgen“ ist ein ungewisser Tag: weißt du, ob du ein Morgen haben wirst?“ [4]. Dies sind zeitlose, sie schlagen die Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart, der Tod und die Angst vor dem, was einen erwartet, ist immer dar [vgl. z.B. 5]

Gestern hatte ich Gelegenheit, mir das Mysterienspiel des Salzburger Vokalensembles „Virgilschola“ [3] „Media vitae in mortue sumus“ anzuschauen, in einem wahrlich wunderschönen Rahmen, in der Kirche des Klosters Arnstein [6] nämlich. Es ist ein Spiel ohne äußere Handlung, das Geschehen spielt sich im Inneren ab und spiegelt die Entwicklung des Sünders, der von der Anima fidelis und dem Mahner bedrängt und zur Umkehr bewogen werden soll. Sie findet Ausdruck in der Entwicklung der Texte, der Eindringlichkeit der gesungenen Choräle und Lieder, in der Mächtigkeit der begleitenden Orgel. Nur ganz sporadisch sind Handlungselemente eingebaut, die vornehmlich die zunehmende Verwirrung des Sündigen darstellen, bis dann nach dem „Dies irae“ die „Grosse Stille“ eintritt, die das Spiel visuell und akustisch teilt. Danach antwortet Gott durch seinen Engel und verspricht dem Reuigen Erlösung.

Es sind mächtige Gesänge, die dort dargeboten werden, sie schwellen aus dem Inneren heraus und durchfluten die Kirche und auch, wenn die lateinischen Texte beim Hören für mich nicht verständlich waren (im Begleitheft sind sie übersetzt), spürt man deren Intensität, manchmal überdeutlich. Anima fidelis mit ihren Liedern ebenso wie der Engel (beides Frauen) haben mir mehr als einmal einen Schauer über den Rücken gejagt…

Es war gestern ein wenig ein zwiespältiges Erlebnis. Es ist nicht so, daß ich dieser Welt, die dort dargestellt und akustisiert wurde, sehr nahe stehe. Und doch war deren Mächtigkeit zu spüren, ihre Intensität, die Wucht, mit der sie Gott anrief. Ich habe die Musik auf mich wirken lassen (insofern war es ganz gut, daß ich den Texten nicht folgen konnte) und in dieser Wahrnehmung gespürt, wie die Choräle, diese Gregorianik einen tatsächlich tragen und einhüllen kann. (Nicht umsonst haben die gregoriansichen Gesänge ja auch heute noch ihr Publikum…)… In der Summe war es jedenfalls ein sehr schönes Erlebnis, im Nachgang (und im Kreuzgang….) hinterher noch einen schönen Roten getrunken, etwas gegessen, gute Unterhaltungen gehabt.. und zum Abschluss eine äußerst nette (wirklich schon) ältere Dame sicher nach Hause gebracht, mit einem kleinen Umweg, den wir mit Geplauder ausfüllten… oder haben wir gar des Geplauders wegen die richtige Abzweigung versäumt… ? Ach, egal….

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[1] Philippe Ariés: Studien zur Geschichte des Todes im Abendland, München, 1976
[2] man denke nur an die Einrichtung des Ablasses, der schon im 7. Jhdt existierte und später von Luther so angeprangert wurde
[3] WebSite der Virgilschola
[4] Begleitheft der Aufführung
[5] Sill: Die Kunst des Sterbens
[6] Wiki zum Kloster Arnstein

Das ist ja interessant (zumindest für mich), die beiden ersten Roman der Lewycka habe ich ja garnicht hier im Blog stehen, die habe ich wohl noch in der vor-Blog-Zeit gelesen. Schade, denn auch wenn der „Caravan“ sozusagen den „Traktor“ [1] weder richtig ein- noch gar überholen konnte, waren auch er ein schönes Buch. Der Traktor sowieso, dieser Zufallskauf aus der Flughafenbuchhandlung….

Nun also Klebstoffe. Mit diesem Thema verdient sich Georgie Sinclair als Redakteurin ihr Geld, das sie jetzt, wo sich ihr Mann, nachdem beide sich um eine Kleinigkeit gestritten hatten, aus dem Staub gemacht hat, auch nötig hat. Die jetzt Alleinerziehende trifft eines Abends an der Mülltonne auf eine verschrobene alte Frau mit ihren Katzen, der Beginn ihrer Bekanntschaft mit Naomi Shapiro.

Worum geht es in der Geschichte? Der Handlungsrahmen folgt in etwa folgender Linie: Die Bekanntschaft der beiden Frauen intensiviert sich derart, daß Mrs Shapiro Georgie im Krankenhaus als ihre nächste Verwandte angibt. Das Krankenhaus vermutet auf Grund des Zustandes, den die alte Dame nach ihrer Einlieferung nach einem Sturz aufwies (nicht ganz zu Unrecht), daß diese am jenseitigen Rand der Verwahrlosung lebe. Nun ja, wie Lewycka diese Zustände beschreibt, das ist schon ziemlich witzig und auch drastisch und man kann die Zweifel des Krankenhauses im Prinzip verstehen.

Das einschaltete Sozialamt will Mrs Shapiro aus ihrem alten, großen Haus in ein Altenheim umsiedeln. Zur gleichen Zeit tauchen Immobilienhaie auf, die das Haus schon mal unter die Lupe nehmen. Man ahnt schlimmes, so wie Georgie, die von der alten Dame um Hilfe gebeten wird. Und Georgie hilft, auch wenn ihr im Zuge der Hilfe hie und da die Hormone durchgehen und sie ab und an zur teilzeit-schamlosen Frau mutiert. Jedenfalls gelingt es ihr, langsam die Geschichte, die hinter Mrs Shapiro und dem Haus steht, zu erfahren, eine Geschichte, die ein großes Geheimnis enthält. Georgie gewinnt Verbündete im Kampf gegen das Sozialamt und die Immo-Haie: ein Schwadron skurriler, liebenswerter Gestalten: Chaim und Mr. Ali, dann noch die beiden Nichtsnutze, Mrs Baddiel und Nathan, ihren Chef bei der Redaktion. Und wie könnte dieser Truppe, das was sie vorhat, nämlich das Haus zu retten und Mrs Shapiro glücklich zu machen, misslingen?

Als wäre dieser Trubel für Georgie noch nicht genug, muss sie sich auch noch entscheiden, ob sie ihre Ehe kleben, sprich: retten soll, oder ob sie Rip, ihren Mann, endgültig zum Mond schießt. Daß ihr Sohn Ben auf einmal zum endzeitgläubigen Nerd wird, der in allem und jeden ein Zeichen des nahen Untergangs sieht, heitert sie auch nicht wirklich auf….

Soweit die Handlung. Was steht aber dahinter an „Moral“?

Die Geschichte von Mrs Shapiro geht bis ins Dritte Reich zurück, mit allem, was an Juden dort verbrochen wurde (was für mich neu war, war die nur am Rand eine Rolle spielende Geschichte der dänischen Juden [1]). Wobei es Lewycka jetzt nicht um den Holocaust an sich geht, sondern eher um die Zeit danach, nämlich die Gründung Israels 1948. Denn auch die Juden, die seinerzeit nach dem neuen Israel kamen, kamen nicht in eine leeres Land, auch wenn es sich für sie so darstellte. Die Frage: wer war vorher hier, wer hat hier gelebt bis letztes Jahr, wurde (und wird immer noch) verdrängt. Dabei ist die Antwort in fast jeder Nachrichtensendung zu finden: Palästinenser, so wie Mr. Ali, lebten dort, liebten dort, arbeiteten dort… verjagt, ausgeraubt, auf der Flucht verhungert und verdurstet, so schildert Lewycka das Schicksal dieser Menschen um 1948 (ca. 650.000 [3]) in der Geschichte, die sie Mr. Ali in den Mund legt. Und dann war das Land wirklich leer.. und Menschen, wie die Mutter von Chaim begannen, es für sich aufzubauen.

Chaim und Mr. Ali, die jetzt zusammen in Mrs Shapiros Haus werkel, raufen sich buchstäblich zusammen. Es ist ein hoffnungsvolles Bild, das Lewycka hier malt: das alte, verfallene Haus, das von beiden gemeinsam aufgebaut wird, die, nach dem Raufen begonnen haben, miteinander zu streiten, zu reden, dann auch sich zu verstehen, den Standpunkt des anderen zu akzeptieren und letztlich: mit dem anderen zusammen in einem Haus/Land zu leben. Natürlich schießen sie noch verbale Pfeile aufeinander ab („Ihr Araber wählt euch immer die schlechtesten Anführer“ – „Was sollen wir machen, die guten werden von euch Juden ja immer ins Gefängnis geworfen!“), aber es eskaliert nicht mehr. Beide haben sich unter dem gemeinsamen Dach eingerichtet.

„Das Leben kleben“ ist ein sehr unterhaltsames Buch mit einer flotten, witzigen und keineswegs langweiligen Sprache. Es erzählt die oberflächlich gesehen skurrile Geschichte einer alten Frau, enthält aber durchaus nachdenkeswerte Stellen, über die man nicht einfach so hinweggehen sollte. Zum Beispiel auch (neben den oben schon erwähnten Fragen zum Nahost-Konflikt) die Frage: wie geht man im Alter mit Menschen um. Wieviel Selbstbestimmung darf/kann/muss man ihnen lassen, wenn dieses Selbstbestimmte unseren Regeln widerspricht? Im Roman geht es natürlich gut aus, im richtigen Leben wird es oft schwieriger sein, die richtigen Antworten zu finden….

Jetzt habe ich noch garnichts von Wonder Boy geschrieben und Violetta, aber damit würde ich vielleicht auch schon zu viel verraten… und (das muss jetzt sein): zwickellose roten Slips werden mich jetzt immer an Georgie erinnern, denn auch den Aspekt des Lebens, der unter „Umgehung des Gehirns direkt mit dem Höschen kommuniziert„, läßt Lewycka zu Wort kommen….

Facit: Ich mag Lewycka, ihre unterhaltsame Art und Weise, wie sie wichtige Fragen in wunderbar unterhaltsam-skurrile Geschichten verpackt.

Links:

[1] „Caravan“ und „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ von Lewycka, beide bei dtv
[2] zur Geschichte der Rettung der dänischen Juden vor der Deportation
[3] zur Staatsgründung Israels

Marina Lewycka
Das Leben kleben
dtv 2010, Tb, 460 Seiten

Denn das ist der Unterschied. Daß Simon die Welt nicht klein, sondern groß sieht.
Wir sehen sie klein. ….sind selbst über die Jahre so mickrig geworden. Simon nicht.

Bettingers Buch erzählt eine kleine, beschwingte Geschichte für die heißen Tage des Sommers. Hauptpersonen des Buches sind Blum (nicht verwandt mit Katharina) und Simon, die zwei Arten zu leben haben, welche kaum unterschiedlicher sein können. Um sie herum ein kleiner Kosmos an Menschen, der sich zum Teil einfach aus den Mitbewohnern des Hauses ergibt, zum anderen aber auch aus dem Bestreben Lauras, die (vermeintlichen) Versäumnisse ihres bisherigen Lebens nachzuholen.

Und mit Laura fängt die Geschichte an. Sie, die geschiedene und erfolgreich (?) vom Brustkrebs geheilte alleinerziehende Journalistin lebt mit Blum, der sich seit Jahren an seinem 2. Staatsexamen Jura abmüht, in einer Wohnung. Sie hat das Gefühl, viel vom Leben versäumt zu haben, will dies nachholen, hat nichts dagegen, ihr Bett auch von einem zweiten Körper angewärmt zu bekommen. Blum, der eher rund- als sportlich ist, kommt ihr dafür nicht in den Sinn, daß er sie seit Jahren anhimmelt und in sie verliebt ist, dieser Gedanke ist ihr fremd.

Und so führt ihr Minibeitrag fürs 3. Programm, den sie über einen mehr oder weniger erfolgreichen Nebenrollendarsteller, dem ein mehr oder weniger bedeutenden Kunstpreis zugesprochen wurde, zielgerichtet zu einem auch körperlich intensiveren Kontakt. Der Beitrag wird trotz der innigen Vorbereitung stark gekürzt gesendet, ruft aber frühere Bekannte, die bei Funk und Fernsehen arbeiten, aus der Versenkung. Es kommt, wie es kommen muss, schon nach kurzer Zeit könnte sie die drei Herren aus eigener Erfahrung heraus in deren Art und Weise und Ausdauer vergleichen… Blum erlebt dies alles mit weitem Herzen mit. Nein, man kann nicht sagen, daß er die drei Liebhaber seiner Angebeteten („Libertinage“ .. wie frivol und frei, ungesetzlich und tabulos dies in Lauras Ohren klingt…) sonderlich mag, aber er arrangiert sich mit der Situation. Sicherlich, daß sie im Haus für eine gewisse Unordnung sorgen.. und die akustische Mithörerschaft, die sie ihm aufdrängen… er erduldet es, zumal er schnell merkt, daß die drei Herren so spritzig im Bett garnicht zu sein scheinen….

Und dann taucht Simon auf, Handelsvertreter für was eigentlich? .. Staubsauger und ähnliches, was halt anfällt. Simon ist der Gegenentwurf, unbelesen, kulturell ein unbeschriebenes Blatt. Aber er kann die Heizung reparieren, ein Regal aufstellen, eine Geburtstagsparty organisieren, er fährt Rad und nichts, aber auch garnichts kann ihn entmutigen (Always Look On The Bright Side of Life könnte in etwas sein Motto sein…). Und er steckt sie alle an mit seinem Optimismus, seiner guten Laune, seiner Fähigkeit, die Welt rosa zu sehen. Er erzeugt Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, in seiner Nähe scheinen schlechte Laune oder Missstimmung nicht existieren zu können. Er wirkt auf Laura wie ein Lebenselexier („Simon, ich will bumsen!„) Die Radtouren, die er zu organisieren anfängt und an denen alle teilnehmen, Laura natürlich und Lauras Ex-Liebhaber, Nachbarn… Blum gibt mit anderen Fusskranken den Marketender, diese Radtouren sind die Höhepunkte der Woche für die immer größer werdende Gemeinschaft. Simon erscheint in gewisser Weise wie ein Messias, er impft diese Menschen, die am Leben müde geworden sind, mit neuer Lebensfreude.

Blum, der ewige, stille und sich verbergende Liebende ist sein Gegenentwurf. Er hat sich arrangiert, mit seinen Bemühungen, Jurist zu werden, mit seinen Jobs, die er lieblos runterarbeitet, ohne Schwung, ohne innerer Beteiligung. Blum ist der Prototyp desjenigen, an den sich keiner erinnert, wenn er mal weg ist…
Simon redet ihm ins Gewissen, er verführt ihn dazu Gelati-Italienisch zu lernen, um seinen Kunden das Eis, das er für das Gerichtscafé verkauft, stilgerecht anpreisen zu können. Er macht ihm klar, daß man selber hinter dem stehen muss, was man macht, daß man niemanden von etwas überzeugen kann, von dem man nicht selbst überzeugt ist.

Und dann passiert etwas seltsames in der Handlung. Simon, der Heilsbringer, der Quasi-Messias, stürzt ab. Er wird als Blender entlarvt, der dem Leben davon geeilt ist, so wie Blum ihm hinterherschleicht. Und nun holt das Leben Simon ein: unbezahlte Rechnungen, unbezahlte Waren, Banka rotta…. während auf der anderen Seite Blum die Lektionen von Simon verinnerlicht, sich an ihm ein Vorbild nimmt: er wird entschlossener, setzt sich Ziele, trifft Entscheidungen und wird nolens volens zum guten Geist der Gemeinschaft.

Ich habe mir lange überlegt, warum Bettinger seinen einen Helden so abstürzen läßt, kurz nachdem er ihm eine wahre Eloge auf seine Lebenssicht gegeben hat. Vielleicht, um zu zeigen, daß man die Erdung bewahren muss, daß man dem Leben nicht in eine Fantasiewelt entkommen kann, weil sie einen unweigerlich wieder einholt? Ich weiß nicht mehr, aus welchem Buch ich das habe: „in Alaska (?) gibt es einen Indianerstamm, der nach 3 Tagen Wanderung einen Tag Rast macht, damit die Seele Zeit hat, nachzukommen“, aber daran musste ich bei Simon denken: er hat keine Rast gemacht, hat die Seele, das Leben nicht nachkommen lassen. Blum dagegen hat das Leben entdeckt, er, der sich jahrelang davor versteckt hat, öffnet sich jetzt für das Leben und so endet das Buch folgerichtig mit seiner sich vorerst nur in der Fantasie des Lesers erfüllenden Liebe.

Das klingt jetzt garnicht so wahnsinnig sommerleicht, aber das täuscht. Das Buch ist ein Lesevergnügen, es ist witzig (ob nun gerade ein Schelmenroman, wie das Cover verspricht, darüber kann man sich streiten), voller Tempo, bietet Überraschungen und das Schicksal der „Lover of Laura“…. aber ich will nicht noch mehr vorgreifen, deswegen:

Facit: selber lesen, es lohnt sich!

Martin Bettinger
Die Liebhaber meiner Frau
Conte-Verlag, 2009, broschur, 222 S.

Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit, eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum.
Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit,
und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit.

Wahrscheinlich hätte ich mir diese Kindheitserinnerungen von McCourt nie gekauft, würde btb sie nicht in dieser schönen und gelungen Sonderausgabe herausgegeben haben, die so gut in der Hand liegt, sich durch den textilen Einband so gut anfühlt und mit dem Lesebändchen sowieso schon einen sympathischen Eindruck macht. Ausserdem habe ich ja schon andere Bücher in dieser Edition und da passte dieses immerhin über 760 Seiten starke Buch gut hinein. Soviel zum Kaufmotiv…

Frank McCourt ist das erste von vielen Kindern der Angela Sheehan und des Malachy McCourt, der, weil er ständig Ärger mit den Engländern hatte, von der IRA nach New York geschickt wurde. Dort traf er Angela, die ihrerseits von ihrer Mutter dorthin abgeschoben worden war, da sie zuhause zu nichts taugte. Nachdem dann offensichtlich wurde, daß der zukünftige Frank auf dem Weg war, heirateten die beiden und lebten mehr schlecht als recht in Brooklyn. Als Frank dann „… vier war und [sein] Bruder Malachy drei, und die Zwillinge Oliver und Eugene … eben gerade ein Jahr alt [waren], und die Schwester Margaret … tot und weg [war] .“ erbettelten sie sich Geld für die Rückfahrt und kehrten nach Irland zurück.

Lebten sie in NY schon armselig, so wurde es in Irland, wo keiner sie vermisst hatte und niemand auf sie wartete, nur noch schlimmer. Der Vater, der an der irischen Krankheit leidet, bringt nie Geld nach Hause, denn selbst wenn er mal welches hat, bleibt es im nächsten Pub. Torkelt er dann irische Freiheitslieder grölend nächtens in die Behausung läßt er seine Kinder antreten und schwören, für die Freiheit Irlands zu sterben. Manchmal bleibt ein Penny übrig, den er ihnen dann gibt… zu essen ist nie was da, die Babys (es bleibt ja nicht bei denen, mit denen sie aus Amerika zurückkamen, es ist ein stetiges Geborenwerden und Sterben bei den McCourts…) bekommen Zuckerwasser statt Milch, damit sie nicht so schreien und als die Großmutter die Brüder mal fragt, ob sie ein Haferschleimsuppe wollten, antworteten sie erstaunt zurück „Was´n´das?“.

Sie leben von der Mildtätigkeit, von Stempelgeld (soweit der Vater damit die Wirtschaften Limericks unterstützt), von Almosen, von kleineren Diebstählen. Die Orte, an denen sie wohnen (ich weigere mich, „Wohnungen“ zu schreiben) werden immer noch schlimmer. Die meiste Zeit des Buches vegetieren sie dann in „Italien“, dem Obergeschoss der Klitsche, deren unteres sie „Irland“ nennen. Dort sind sie ausgezogen nach oben, weil bei Regen und schlechtem Wetter nicht nur das Regenwasser durch das Zimmer läuft, sondern auch der Inhalt des Gemeinschafsklos nebenan. Des Klos, in das die gesamte Gasse ihre Rückstände per Eimer entsorgt, neben der McCourt´schen Küche…. Ratten, Fliegen, Gestank und Ekel….

Die Kleider fallen ihnen vom Leib, die Schuhe sowieso. Die Mutter beantragt bei den Brüdern vom Hl. Vincent neue Schuhe für die Kinder und die Brüder kommen, um die Bedürftigkeit zu kontrollieren. Dieser Kontrollbesuch war für mich eine der erschütternsten Szenen, weil eigentlich hier erst deutlich wurde, wie die Verhältnisse wirklich sind, die McCourt beschreibt. Bei solcherart Kontrollen, zumindest in meiner Vorstellung, die geprägt ist von dem, was man so liest, hört und sieht, ist ja oft die Tendenz, die wahren Verhältnisse zu verstecken, damit die Bedürftigkeit nicht aberkannt wird. Und so habe ich auch, als McCourt schildert, daß sich die Kontrolleure angekündigt haben, sofort gedacht: oje, hoffentlich geht das nicht schief und sie verlieren das bischen auch noch…. Die beiden Männer fragen Frank nach den Eltern, die oben sind, in Italien, wo es trocken ist. Frank erklärt ihnen, warum es in der Küche so naß ist und erzählt von dem Klo. Sie glauben ihm das nicht, „….sie sagen, heilige Mutter Gottes.. sie sind ganz vorsichtig, wie sie in den See in der Küche steigen, und sie machen Ts-ts- und Ui-jui-Geräusche und sagen zueinander, ist es nicht eine Schande… sie schütteln immer wieder den Kopf und sagen, Allmächtiger! und heilige Mutter Gottes, das ist ja entsetzlich. Das da oben ist nicht Italien, das ist Kalkutta.

„An Leamy´s National School sind sieben Lehrer, und alle haben Lederriemen, Rohrstöcke und Schwarzdornzweige. Damit schlagen sie einen auf die Schultern, den Rücken und, ganz besonders, auf die Hände. Wenn sie einen auf die Hände schlagen, nennt man das einen Tatzenhieb. Sie schlagen einen, wenn man zu spät kommt, wenn die Feder vom Federhalter tropft, wenn man lacht, wenn man redet und wenn man was nicht weiß.
Sie schlagen einen, wenn man nicht weiß, warum Gott die Welt erschaffen hat, wenn man den Schutzheiligen von Limerick nicht weiß, wenn man das Apostolische Glaubenbekenntnis nicht aufsagen kann, wenn man nicht neunzehn und siebenundvierzig addieren kann, wenn man neunzehn nicht von siebenundvierzig subtrahieren kann, wenn man die wichtigsten Städte und Erzeugnisse der 32 Grafschaften von Irland nicht weiß, wenn man Bulgarien auf der großen Wandkarte nicht findet, die fleckig von Spucke und Rotz ist und von Tinte aus Tintenfässern, von wütenden Schülern geschmissen, nachdem sie von der Schule geflogen sind.
Sie schlagen einen, wenn man seinen Namen nicht auf irisch sagen kann, wenn man das Ave Maria nicht auf irisch sagen kann, wenn man nicht auf irisch Darf ich mal austreten? fragen kann. Es ist gut, den großen Jungs eine Klasse höher zuzuhören. Sie können einem von dem Lehrer berichten, den man jetzt hat, was er mag und was er haßt.
Ein Lehrer wird einen schlagen, wenn man nicht weiß, daß Eamon De Valera der bedeutendste Mann ist, der je gelebt hat. Ein anderer Lehrer wird einen schlagen, wenn man nicht weiß, daß Michael Collins der bedeutendste Mann war, der je gelebt hat.
Mr. Benson haßt Amerika, und man darf nicht vergessen, Amerika zu hassen, sonst schlägt er einen.
Mr. O`Dea haßt England, und man darf nicht vergessen, England zu hassen, sonst schlägt er einen.
Sie alle schlagen einen, wenn man irgendwas günstiges über Oliver Cromwell sagt.“

Der Katholizismus beherrscht das geistige Leben Irlands. Er fördert den Hass auf alles Nichtkatholische, das per se der Verdammnis anheim gefallen ist. Die „Suppenseelen“ werden verachtet, diejenigen, die in der großen Hungersnot ihre Seele für einen Teller Suppe von den Presbyterianern verkauft haben… Die Priester sind pompös und arrogant, sie leben gut und schlagen den Armen die Türe vor der Nase zu…

Der 2. Weltkrieg bringt den Armen etwas Erleichterung: Wegen des Mangels an Arbeitern gehen viele zu den verhassten Engländern, arbeiten dort und schicken Geld zur Familie. Auch McCourts Vater geht, aber auch in England leidet er an der irischen Krankheit und versäuft alles. Immer mehr gleitet die Familie in den Abgrund und als sie aus lauter Not beginnen, die Hütte, in der sie leben, in Stücke zu hauen und fürs Teekochen zu verfeuern, werden sie endgültig rausgeschmissen….

Frank McCourt übersteht dies alles, die Umstände und auch die Krankheiten. Er ist intelligent und er will arbeiten, Geld verdienen, ein Mann sein, der Familie helfen. Er will wieder nach Amerika zurück. Und er schafft es, als Telegrammzusteller, Drohbriefeschreiber, Botenjunge, nicht immer ganz legal, aber wer wollte ihm dies verdenken?

„Die Asche meiner Mutter“ ist auch ein Bild eines Landes, das gefesselt ist in den Grenzen des Hasses zu seinem großen Nachbarn, den Engländern, in dem engen Korsett des Katholizismus, der mit seinem Heilsversprechen auf das ewige Leben vertröstet und das hiesige vernachlässigt. Es schildert eine kaum durchlässige Klassengesellschaft, denn natürlich gibt es neben dem hier geschilderten Leben auch das einer anderen, besser gestellten Schicht, derjenigen nämlich, die die Dienstboten, die Kindermädchen, die Arbeiter aus der Unterklasse rekrutieren, diejenigen, deren Kinder nicht in Lumpen, sondern in guter Kleidung zur Schule gehen, die nicht vor Hunger stehlen und langsam vor sich hin faulenden Zähnen durch den Dreck der Gassen laufen müssen, sondern die gut ernährt und versorgt eine ordentliche Schulbildung bekommen…. Es ist das Bild einer gesellschaftlichen Klasse, die sich am irischen Freiheitstraum berauscht, die sich die Auseinandersetzungen und Kriege mit den Engländern als Schutzmantel und Entschuldigung für alles überhängt und die im Hier und Jetzt versagt. Oder besser gesagt, der Männer versagen, als Väter und als Männer, die ihr Geld lieber der Familie Guinness geben als den eigenen Kindern, deren Frauen hinter ihrem Rücken betteln gehen müssen, da die Männer zu stolz dazu sind, es ihnen verbieten und ihre Kinder lieber in Lumpen herumlaufen lassen ….

Es sind weit über 700 Seiten einer erschütternden Kindheit, aus der Sicht eines Kindes geschildert. Ein Kind, das vieles für schlecht und schlimm hält, es aber nicht anders kennt. Und das damit auch den Leser schont, denn wenn dieser Schleier der kindlichen Sicht weggezogen wird, kann man dieses Elend eigentlich nicht aushalten, selbst als Leser nicht. Aber so, wie McCourt seine irische Kindheit geschildert (und Rowohl sie toll übersetzt) hat, auch mit den Glücksmomenten, die selbst diese Kindheit hatte, fesselt sie einen, macht einen nachdenklich, läßt einen an vielen Stellen ungläubig zurück, weil man vieles einfach nicht für möglich hält….

Facit: Für diese gesellschaftliche Schicht muss Irland in den 40er Jahren die Hölle gewesen sein. Und das zeigt McCourt hier sehr, sehr eindringlich.

Frank McCourt
Die Asche meiner Mutter
Irische Erinnerungen
Erstausgabe 1996, NY

Eine Trilogie zu verfilmen bedingt entweder, drei Einzelfilme zu machen, die sich an den Motiven des jeweiligen Bandes orientieren oder zu versuchen, deren durchgängige Geschichte zu erzählen. Die Verfilmung des ersten Bandes von Larrsons Erfolgsromanen („Verblendung„) hat sich an ersterem orientiert: ein Thriller, der sich in den Grenzen der Rahmenhandlung, der Suche nach einem vor vielen Jahren verschwundenen Kind, der Entlarvung eines Serienmörders widmete und nebenbei noch die nationalsozialistische Geschichte Schwedens thematisierte.

„Vergebung“ dagegen ist schon von der ersten Minute an nicht ohne den Vorläufer („Verdammnis“) richtig zu verstehen. Die Rückblenden zu Anfang des Filmes vermitteln den Eindruck, daß da irgendwas geschehen sein muss, ein Kampf, eine Auseinandersetzung, in deren Folge Lisbeth Salander schwerst verletzt in ein Krankenhaus gekommen ist. Eine Erklärung dafür wird nicht mehr geboten.

Für mich war das jetzt kein großes Problem, da ich ja gottseidank die Bücher gelesen hatte. Daß ich dagegen glorreich den zweiten Film versäumt habe, machte mir im Gegensatz zu anderen, die weder das Buch noch dessen Verfilmung kannten, nichts aus. Für diese war z.B. das sporadisch-irrlichternde Auftauchen von Niedermann, den man so ganz heimlich am Boden festtackern kann, ohne daß er aufmuckt, ebenso rätselhaft wie die Motorradgang und selbstverständlich fehlten auch Erläuterungen zur etwas problematische Geschichte der Beziehung zwischen Lisbeth und ihrem Vater. Und inwieweit ihr Vater so wichtig und bedeutend war, auch das wird nur ansatzweise geschildert.

Ich will jetzt nicht die ganze Handlung des Filmes wiedergeben. Sie konzentriert sich auf die sich bekämpfenden Parteien: auf der einen Seite der Investigativjournalist Blomquist mit seiner Zeitschrift, der die Intrige um Lisbeth, die des Mordversuches an ihrem Vater angeklagt werden soll, aufklären will, und auf der anderen Seite diejenigen, die Salander im Gegenzug mund- bzw ganz tot sehen wollen.

Der Film konzentriert sich also auf die Bemühungen Blomquists und seiner Leute, die Mauer des Schweigens um die Geschichte von Lisbeth und ihrem Vater zu durchdringen. Diese ist massiv und hoch, denn sie wurden von einer klandestinen Gruppe des schwedischen Geheimdienstes in den Zeiten des Kalten Krieges errichtet. Diesen sehr interessanten Aspekt des Buches kann der Film natürlich nur anreissen, hier vermittelt Larrson im Buch eine Fülle an Informationen über politische Hintergründe und Vorgänge im damaligen Schweden.

Betrachtet man die Konstellation: eine (wenig kooperative) Angeklagte, die auch nur eingeschränkt mit ihrer Verteidigung zusammenarbeitet, die Verteidigung, die (hier im Doppelpack) jeder Spur nachgeht, um aufzuklären und dabei immer wieder mal Helfer findet, ohne die es nicht geht, die drohende Gerichtsverhandlung, die den Endpunkt aller Bemühungen um die Wahrheitsfindung setzt und dagegen die andere Seite, die Intrigen spinnt, vor Gewalt und Mord nicht zurückschreckt, so sieht man, daß die typischen Merkmale eines Gerichtsfilmes vorliegen. Konsequenterweise findet der Show-Down dann auch im Gerichtssaal statt. Räumt die Dramaturgie in den ersten Sequenzen der Anklage noch Punktgewinne ein, so weiß man als Zuschauer, daß diese nichts zählen, denn die Verteidigung hat das alles entlarvende Dokument in der Tasche und wartet nur darauf, es zum richtigen Zeitpunkt auszuspielen….

Voilá, Ente gut, alles gut….

Facit: ein spannender Thriller (mit einer stets weinerlich aus der Wäsche schauenden Erika Berger…), den man aber nur verstehen kann, wenn man den Inhalt des zweiten Buches kennt bzw. dessen Verfilmung.

Links:

http://www.vergebung-derfilm.de/film/
http://de.wikipedia.org/wiki/Vergebung_(Film)
Buchbesprechung im Blog

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