Dörte Schipper: Den Tagen mehr Leben geben
Juni 30, 2010
Nicht dem Leben mehr Tage hinzufügen, sondern den Tagen mehr Leben geben.
Cicely Saunders

„Essen heißt leben“, das ist die Erklärung, die Ruprecht Schmidt dafür hat, daß sich viele, die allermeisten der Gäste im Hamburger Hospiz Leuchtfeuer auf das „Abenteuer“ einlassen, sich abseits von Großküchenkost von ihm bekochen zu lassen. Schmidt bietet ihnen täglich neue Menuevorschläge an, freut sich aber besonders, wenn er herausgefordert wird, Lieblingsgerichte, die er vielleicht noch garnicht kennt, zuzubereiten.
Ein Koch im Hospiz? Eine sicher nicht alltägliche Einrichtung, die nur durch Fördermittel und Spenden zu finanzieren ist. Aber es ist nicht nur kochen, was Schmidt an seinem Arbeitsplatz macht. Vielmehr ist das Kochen mit der Erarbeitung des individuellen Speisezettels eine Art therapeutische Massnahme, die den Gast in den Mittelpunkt stellt, ihm Wichtigkeit und Würde gibt, ihn als das nimmt, was er ist: ein Mensch, der auch am Ende seines Lebens das Recht hat, Lebensqualität für sich zu beanspruchen.
Schmidt ist nicht irgendein Koch, sondern er hat in Sternerestaurants in Frankfurt und Hamburg gekocht. Die Arbeit in diesen Häusern hat ihm aber zumeist nicht gefallen, kollegialer Neid und Missgunst, Stress, eine oftmals blasierte Kundschaft.. nein, er war nicht zufrieden und ist ausgestiegen. Und als ihm dann völlig unerwartet und ohne, daß er wusste, was ihn erwartete, die Stelle im Hospiz angeboten wurde, griff er sofort zu. Seit 11 Jahren kocht er nun dort, und obwohl kulinarisch bei weitem nicht so anspruchsvoll wie seine früheren Tätigkeiten ist er hochzufrieden, denn die menschliche Zuneigung und Wärme, die er dort empfindet, wiegt alles andere mehr als auf.
Neben dem beruflichen Werdegang von Schmidt geht Schipper natürlich auch auf Gäste des Hospizes ein. Dies geschieht feinfühlig, sie charkterisiert die Menschen auch mir ihren Fehlern, ohne sie jedoch bloßzustellen. Das Wissen um den Tod, der einen in diesem Haus erwarten wird, bedrückt die Verwandten oft mehr als die Betroffenen. Diese sind – soweit dies in ihrer Möglichkeit steht – oft noch in der Lage, auch die kleinen Dinge, die ihnen noch zugänglich sind, zu geniessen. Ein Bild, das sie mögen, einen neuen Pulli, den sie sich gegönnt haben, eine bis dato noch nie in Erwägung gezogene Klangschalenmassage oder eben das extra für sie zubereitete Essen. Natürlich schwankt auch die Stimmung, manche der Gäste sind noch nicht bereit, loszulassen ebenso wie die Verwandten. Jeder geht anders mit seinem Tod um, von Leugnung bis zu minutengenauen Anweisungen an die Kinder, die Bandbreite der Verhaltensweisen ist groß.
Das Mittagessen steht allen offen, den Gästen so wie den Verwandten. Es ist ein Ort, an dem gesprochen wird, getröstet und genossen, es wird gelacht und für ein paar Minuten wird der Tod vergessen. Es ist eine Zeit, in der aufgetankt werden kann, in der in der Gemeinschaft Kraft geschöpft wird, in der gemeinsamen Freude am Essen, an den Speisen und in der Geborgenheit der Umgebung Stärke entsteht.
Es ist ein Hospiz und so wird auch gestorben in diesem Haus. Manche der Gäste wissen es, sie ziehen sich noch einmal gut an, oder rauchen ihre „letzte“ Zigarette, buchstäblich und mit Ansage. Bei anderen dauert es länger, sie haben einen langen Weg, bis der Tod sie zu sich genommen hat. Für alle, die gestorben sind, steht für einen Tag eine Kerze in der Eingangshalle….
Schmidt hat viele solcher Kerzen gesehen in seinen 11 Jahren. Gäste, zu denen er ein engeres Verhältnis gewonnen hatte und solche, die ihm kaum begegneten, da sie nicht mehr aßen und ihr Zimmer nicht verliessen. Er muss den schmalen Weg finden zwischen der Nähe, die sich zu manchen Gästen aufbaut und der Distanz, die es braucht, um das ewige Abschiednehmen selbst unbeschadet zu überstehen. (Dies ist natürlich genau die Situation, in der die institutionalisierte Betreuung der Betreuer einsetzen müsste, etwas, was viel zu selten gemacht wird. Nicht jeder wird so gut mit den Belastungen fertig wie offensichtlich Ruprecht Schmidt)
Schipper ist ein farbiges, lebendiges und auch optimistisches Buch über das Leben in einem Hospiz gelungen. Vielleicht ein wenig zu optimistisch, denn natürlich gibt es auch im Hospiz kritische, schwierige Situatione, Krisen bei den Gästen und ihren Verwandten, die sich mit Essen alleine nicht mehr bewältigen lassen. Über solches berichtet Schipper nicht oder allenfalls andeutungsweise, genausowenig wie anderes Betreuungspersonal ausser dem Koch im Buch vorkommt. Aber vielleicht ist das Buch auch gerade wegen seines Ansatzes und dessen Realisation geeignet, Menschen die Scheu vor einem Hospizaufenthalt zu nehmen.
Facit: Ein gut lesbares Buch über das Leben (weniger das Sterben) in einem Hospiz, in dem das Kochen und damit ein Stück Lebensqualität groß geschrieben wird.
Links:
einige Anmerkungen zu Cicely Saunders, der Gründerin des ersten modernen Hospizes
WebSite des Hospizes Leuchtfeuer
Dörte Schipper
Den Tagen mehr Leben geben
Über Ruprecht Schmidt, den Koch, und seine Gäste
Bastei Lübbe GmbH & Co.KG, Februar 2010, HC 253 S.
ISBN-10: 3785723857
ISBN-13: 978-3785723852
Jorge Semprun: Die große Reise
Juni 25, 2010

Eigentlich wollte ich die Vorstellung des Buches von Semprun [12] in etwa wie folgt beginnen:
Das Buch handelt von den Erinnerungen eines jungen Mannes an eine lange Eisenbahnreise in einem überfüllten Waggon. Während dieser langen, langweiligen und unbequemen Reise kommen ihm Gedanken an seine Vergangenheit, die noch nicht reich an Jahren, jedoch an Ereignissen ist. Er erzählt diese Reise aus der Rückschau, 16 Jahre nachdem er sie getätigt hat und so flicht er auch die Begebnisse ein, die sich an das Ende der Reise, das inmitten Deutschlands lag, begaben.
Aber das würde dem Buch und dem Inhalt nicht gerecht werden. Also fang ich noch einmal von vorne an…
Mehr noch, es ist mir nach diesen langen Jahren freiwilligen Vergessens nicht nur möglich, .. zu erzählen, ich muss es tun. … nicht in meinem eigenen Namen, sondern im Namen der Dinge die geschehen sind. ….
Die angesprochene Reise des Spaniers beginnt in Frankreich und führt in das Herz Deutschlands, in die Nähe eines der kulturellen Zentren Mitteleuropas, nach Buchenwald, einen Stadtteil Weimars. Sie findet in einem Viehwaggon statt, mit 119 Mitreisenden [1]. Kein Wasser, kein Essen, keine Toilette, keine Luft. Eine ineinandergepferchte Menschenmasse, die sich nur kollektiv bewegen kann.
Der Junge aus Semur ist auf dieser Fahrt sein Gesprächspartner, ihm erzählt er aus seinem bisherigen Leben, aus seiner Nähe schöpft er Kraft. Der Junge stirbt bei der Ankunft in seinen Armen.
Semprun erzählt diese Geschichte aus der Rückschau. 16 Jahre mussten vergehen, bis er imstande war, bis er die Notwendigkeit auch sah, diese Geschichte zu erzählen. Die ganzen Jahre, die er nach der Befreiung aus dem Lager lebte, musste er erst sein Leben wieder finden, er wollte sich nicht durch die Lagerhaft definieren, wollte kein Veteran sein, kein Überlebender. Ich musste beim Lesen unwillkürlich daran denken, wie ich seinerzeit Schwimmen gelernt hatte: im offenen Meer, die Wellen waren mir zu hoch, zu stürmisch, also bin ich unter den Wellen geschwommen: ich konnte zuerst tauchen bevor ich auch über Wassen schwimmen konnte und dessen Bewegungen aushielt. Und so kam mir auch Semprun vor in diesem Exkurs auch über das Vergessen, besser gesagt, das Verdrängen: es braucht seine Zeit, bis man sicher genug ist, sich diesem Wellengang der Gefühle, des Erinnerns, des Nochmals-Durchlebens auszusetzen…..
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Was Semprun erzählt, ist eine Reflexion seines Lebens, angefangen von dem Moment, in dem er aus Spanien nach Frankreich ins Exil fliehen muss. Dort eht er zur Universität, schließt sich letztendlich der Resistance an, kämpft im Untergrund gegen die Nazis. Seine Gruppe wird ausgehoben, er wird interniert und abtransportiert nach Buchenwald. Dort verbringt er zwei Jahre, bis am 11. April 1945 das Lager durch die 3. US-Armee befreit wurde [2, 3]. Danach verbringen er und seine Kameraden noch einige Tage im Lager, erkunden das „Außen“, das sie, die eingesperrt waren, immer gesehen haben und von wo sie, die eingesperrt waren, auch immer gesehen worden sind. Sie fahren nach Frankreich zurück und dort setzt ganz bewusst bei ihm die Distanzierung ein, er ist kein Franzose, er besteht auf sein Spaniersein (bekommt also ganz bürokratisch seinen Willkommensgruß der Franzosen nicht…) und beschließt, zu vergessen, die Erinnerung zu vergraben.
So ist auch dieses Buch weniger eine Schilderung dessen, was war, was im Lager vorgefunden wurde. Natürlich, auch dies kommt Hauptaugenmerk Sempruns. Ihm geht es um die Hintergründe, um das Nazisein an sich, um die Möglichkeit, sich dagegen zu wehren, solches zu verhindern, auszurotten. Und er erschrickt, erkennt in einem kurzen Momente, wie nah „Nazisein“ ist: nach der Befreiung gehen er und seine Kameraden in ein nahegelegenes Dorf, ins so sehnsüchtig vermisste „Aussen“ nach dem „Innen“ des Lagers, vorgeblich in eine andere Welt also. Sie gehen dorthin und Semprun sieht ein Haus, von dem aus das Lager wie ein Stadion ausgebreitet liegt. Er klopft an, niemand öffnet, er poltert und tritt gegen die Tür: „Aufmachen, los, aufmachen!“ und er erkennt, daß das Nazi-Jargon ist, „Los“ ist das Lieblingswort der Nazischergen…. Er ist nicht nur von Innen nach Außen gewechselt, sondern auch von machtlos nach mächtig, er gehört jetzt zu den Siegern so wie er drei Tage zuvor noch zu den Todgeweihten gehört hat und schon schlägt sich dies in seiner Sprache, seiner Handlung nieder….
Das Buch ist im Grunde eine einzige lange Gedankenodyssee, es hat keine Kapitel, keine Struktur. Ansatzlos wechselt der Autor von der Erzählung und Analyse von Geschehnissen in der Vergangenheit zu denen in der Zukunft (relativ zu seinem Lageraufenthalt), um sofort wieder aktuell auf seiner großen Reise zu sein, im Viehwaggon bei seinen Leidensgenossen, aneinandergepresst mit dem Jungen von Semur. Er ist zögerlich beim Formulieren, wägt ab, seziert seine Sprache, verfeinert immer mehr, um der Wahrheit nahe zu kommen.
Nach 16 Jahren muss Semprun erzählen, muss seine Geschichte, muss das Grauen aus Buchenwald offenlegen. Und doch: es gibt einen Bruch. Die Ankunft des Zuges in Buchenwald trennt der Autor ab, es ist ein Kapitel „II“ und er redet von sich in der dritten Person, nachdem er bis dahin der Ich-Erzähler war. Warum? Ist es immer noch zu schmerzhaft, davon zu reden? Geht es ihm immer noch zu nahe, muss er diese „3. Person“ dazwischen schalten, um die Erinnerung überhaupt aushalten zu können?
Ich war neulich mit meiner Kirchengemeinde in Buchenwald und habe die Gedenkstätte besucht. Im Grunde ahnt man das Grauen, das sich dort auf dem Ettersberg, knapp 8 km vor den Toren von Weimar, abgespielt hat, nicht. Es ist ruhig dort, an einigem Stellen mit den Rasenflächen, den Blümchen, den alten Bäumen fast idyllisch…. Man kommt die Blutstraße hochgefahren, aber das ist noch eine rein kognitive Erkenntnis…. Für mich war es aber ein sehr intensiver Besuch. Zeitweise hatte ich das Gefühl, die Beschreibungen, die ich aus Büchern kenne überblendeten sich mit dem Orten, an denen ich dort stand: auf dem Carachoweg sah ich die SS mit ihren Knüppeln, ich hörte die Deportierten dort rennen und schreien, sah sie im Sachsengruß [8], im Krematorium ließen mich Bilder wie dieses nicht los…. Ich sah die Appellplatz voll stehen mit Häftlingen, der Witterung ungeschützt ausgesetzt, zählen und zählen und zählen… im Hintergrund die Landschaft mit Dörfern und keiner will was gewusst haben… obwohl ein riesige Logistik hinter dem Betrieb des Lagers gesteckt haben muss…
Wir haben lange mit unserem Betreuer dort (ich will das Wort „Führer“ vermeiden…) diskutiert: wie kommen Menschen dazu, so etwas zu machen, andere Menschen zu quälen, zu schikanieren, zu töten, zum Spaß zu töten…. Es gibt keine allgemein gültige Antwort, nur, daß wir alle nur eine dünne Schicht davon entfernt sind. Unter den „geeigneten“ Bedingungen wären viele, die meisten vllt, fähig, für ein System, eine Idee, eine Religion, eine Überzeugung Verbrechen zu begehen, zu töten. Ich vielleicht auch. Und das macht mich unendlich traurig und wütend.
Facit: Ich werde noch etwas brauchen, um das Buch und erst recht den Besuch zu verarbeiten.
Jorge Semprun
Die große Reise
Suhrkamp Verlag; Erstauflage 1982, Tb. 244 S.
ISBN-10: 3518372440
ISBN-13: 978-3518372449
Links und Anmerkungen:
[1] Später sollte Semprun beobachten, daß in einen solchen Waggon noch mehr Menschen, 200 Juden passen. Acht bis 10 Tage durch den härtesten Winter des Krieges gefahren, ohne Wasser und ohne Nahrung, fielen sie hartgefroren wie Baumstämme auf den Bahnsteig, nachdem bei der Ankunft in Buchenwald dann der Waggon geöffnet wurde….
[2] WebSite der Gedenkstätte Buchenwald: http://www.buchenwald.de/ ebenso diesen Wiki-Artikel zur Geschichte des Lagers: http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Buchenwald
[3] vgl. auch Imre Kertesz: Roman eins Schicksallosen
[4] zur Geschichte des KL Buchenwald: http://www.rolfschwarz.com/SCI/Buchenwald/buchenwald-dt.htm
[5] Wiki-Artikel mit weiteren Links zu Ilse Koch
[6] Daß die „Kommandeuse“ tätowierte Menschenhaut zu Lampenschirmen gerben ließ, ist – soweit ich das im Internet recherchiert habe – wohl nicht gerichtsfest bewiesen, was immer das auch heißen mag…
[7] zur Geschichte des Ehepaares Koch: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44447388.html
[8] z.B. hier, manchmal auch in der Hocke….. stundenlang.. obwohl ich mir kaum vorstellen kann, dass man das rein physisch aushalten kann….
[9] Fotostrecke aus Buchenwald
[10] einige Bilder von mir aus Buchenwald
[11] Buchenwald war das erste Lager, das den Aliierten unversehrt und noch mit Inhaftierten in die Hände fiel. Die Nazis hatten es nicht geschafft, rechtzeitig alle mit sogenannten Todesmärschen (http://de.wikipedia.org/wiki/Todesmarsch_von_KZ-Häftlingen) zu „evakuieren“. Hier bestand also zum ersten Mal die Möglichkeit, ein solches Lager in seiner Funktion zu analysieren. Zudem war Buchenwald auch noch das größte Lager auf deutschem Boden, für die deutsche Rüstungsindustrie, die sich in der Nähe mit Werken angesiedelt hatte, wegen der Möglichkeit, für wenig Geld auf Arbeitssklaven zurückgreifen zu können [2], von großem Wert. Es ist auch das Musterlager, an dem Kogon die Strukturen und die Funktionsweise des SS-Staates analysiert: Kogon: Der SS-Staat. Das Buch, 1946 in der ersten Auflage erschienen und danach immer wieder neu aufgelegt, hat von seiner Gültigkeit bis heute nichts eingebüsst.
[12] eine kleine Biographie von J. Semprun
Jorge Semprun ist im Juni 2011 verstorben.
Hans Frankenthal: Verweigerte Rückkehr
Juni 23, 2010

In der Buchabteilung des Besucherempfangs in der Gedenkstätte Buchenwald bin ich auf diese Büchlein von Frankenthal gestoßen. Er beschreibt nicht nur die Zeit nach der Machtergreifung Hitler und die immer stärker werdenden Repressionen gegen die jüdische Bevölkerung, sondern widmet sich im zweiten Teil seines Buches besonders der Zeit nach dem Krieg. Das Außergewöhnliche der Brüder Hans und Ernst Frankenthal, die das Vernichtungslager Auschwitz überlebten, war es nämlich, dem Wort ihres Vaters eingedenk direkt wieder in ihren alten Heimatort Schmallenberg im Sauerland zurückzukehren.
Es ist ein sehr eindringliches, ein sehr persönliches Buch, das Frankenthal hier geschrieben hat. Es zeigt jüdisches Leben in Deutschland, es beschreibt seine Zerstörung und es macht deutlich, daß diese angestrebte Vernichtung aller Juden nicht Sache von einigen wenigen war, während die Bevölkerung von nichts ahnte.
Frankenthal schildert zum Anfang das ganz normale Leben seiner Familie, die eine von 11 jüdischen im Ort war. Der Vater war ein angesehener Viehhändler in der Region, der Onkel führte eine Metzgerei, die gesamte Familie im sozialen und wirtschaftlichen Leben Schmallenbergs voll integriert. Ab April 1933 jedoch wurden die Deutschen aufgefordert, sich zu wehren und nicht mehr bei Juden zu kaufen. Noch nahm man dies eher als Ärgernis auf denn als ernsthafte Bedrohung der eigenen Existenz, die Repressionen wurden jedoch im stärker angezogen. Bald musste der Handel mit Vieh im heimlichen stattfinden, die Kinder wurden von Sportfesten ausgeschlossen, sie durften nicht mehr ins Schwimmbad und auch den Schulfreunden wurde verboten, mit den Judenkindern zu spielen. 1937 gab es die ersten Verhaftungen. Noch kam der Vater nach einigem Tagen zurück, gezeichnet von der Haft, die so schlimm gewesen sein muss, daß er zu Hause über alles schwieg. „Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann gehts noch mal so gut!“ [S. 29] Mit diesem Lied zog eine Menschenmenge (wohl dieselben, die nach dem Krieg von nichts gewusst haben …) durch die Straße der Frankenthals.
Der Schulbesuch der Kinder wird verboten, die jüdischen Kinder werden auf einige wenige Anstalten konzentriert, gleiches nachher bei der Berufsausbildung, die immer stärker eingeschränkt wird. Arbeitsdienst weit weg von zu Hause ist angesagt, unter härtesten Bedingungen, bei unzureichender Versorgung.
Im März 1943 wird die Familie Frankenthal, eine von Hunderten Familien, von Dortmund aus deportiert. Im Viehwaggon ohne Verpflegung, ohne Toilette, zusammengepfercht bringt der Zug die Menschen nach Auschwitz.
Dort müssen die Ankommenden durch die Selektion, Familien werden auseinandergerissen und sehen sich nie wieder. Ernst und Hans Frankenthal überleben die erste Zeit in Auschwitz aufgrund ihrer Jugend und auch ihres Mutes, sie finden auch (Funktions)Häftlinge, die sie beschützen. Aber beschützen in Auschwitz ist ein relativer Begriff….. Nach acht Wochen Aufenthalt im Lager zählen sie zu den alten Insassen, die meisten überleben einen solch „langen“ Zeitraum nicht.
Beide Brüder überleben die Lagerzeit und wollen das Versprechen, das sie ihrem Vater gaben, erfüllen. Sie kehren nach der Befreiung direkt nach Schmallenberg, in ihren Heimatort zurück. Diese Rückkehr und die Zeit nach dem Ende des Krieges ist Inhalt des zweiten Buchteils.
Natürlich hat niemand auch nur irgendwas gewusst. Daß jüdisches Eigentum unter den Nazis arisiert wurde, war reines Samaritertum den Juden gegenüber. Zurückgeben, na ja, das ist natürlich eine andere Sache, schließlich hatte man ja die Unterschriften der (zum unterschreiben gezwungenen) jüdischen Vorbesitzern unter den Verträgen. Bald saßen trotz Entnazifizierung wieder viele Funktionsträger auf den selben Posten wie anno dazumal, mit reinem Gewissen. Schmallenberg (und woanders wird es nicht anders gewesen sein) und Judenverfolgung? Nein, darüber gab es keine Unterlagen. Bis man sie dann doch irgendwann fand…..
Frankenthal schildert seine Erfahrungen und Erinnerungen sehr eindringlich, er nennt Ross und Reiter beim Namen. Er ist zornig, wütend, kann diese kollektive Amnesie um sich herum nicht akzeptieren. Es dauert lange, bis er die gesundheitlichen Folgen des Lagers soweit überwunden hat, daß er zumindest wieder ein Leben führen kann. Er eckt an, klagt an, man glaubt ihm nicht. Aber es gelingt ihm auch, sich wieder im Ort niederzulassen, er nimmt wieder am Ortsgeschehen teil.
Dann setzt auch bei ihm der Mechanismus ein, den die Täter so intensiv aktivieren: die Verdrängung. Jahrelang wird das Thema der Judenverfolgung und des Holocausts verdrängt, bis es dann irgendwann nicht mehr zu verdrängen ist. Die Auschwitz-Prozess in Frankfurt ist das Ereignis, daß dieses Thema zum ersten Mal nach dem Krieg mit Macht wieder zurück ins Bewusstsein der Menschen gebracht hat. Fragen tauchten auf: was habt ihr damals gemacht, was habt ihr gewusst? Erklärungen wurden gefordert… Die Zeit war reif geworden, sich mit dem Holocaust zu befassen.
Links:
über Hans Frankenthal
dto, aus der englischsprachigen Wiki
Wiki-Seite zum KL Auschwitz-Birkenau
Bild der Gedenkstätte am Standort der alten Synagoge in Schmallenberg
Facit: ein sehr eindringliches und erschütterndes Buch. Durch die Einteilung in kleine Kapitel sehr gut lesbar.
Hans Frankenthal
Verweigerte Rückkehr
Fischer, Frankfurt, 2002, Tb, 187 S.
ISBN-10: 3596144930
ISBN-13: 978-3596144938
Garry Disher: Niederschlag
Juni 21, 2010

„Niederschlag“ ist der letzte Disher-Band über seinen Helden, den Berufsverbrecher Wyatt. Ich habe das Büchlein durch Zufall gefunden und da mir „Willkür“ noch in guter Erinnerung ist, natürlich mitgenommen….
Wyatt ist müde geworden. Offensichtlich setzt die Handlung dort an, wo der Vorgängerband aufgehört hat. Mit der Polizistin Liz Redding an Bord seiner Yacht legt er im Hafen an und macht sich aus dem Staub, nachdem er diese trotz ihrer kurzen Liaison betäubt hat. Er nimmt Kontakt zu einem Versicherungsagenten auf, um diesem gestohlene Schmuckstücke zum Wiederkauf anzubieten. Offensichtlich wird er aber verraten, denn beim Treffen der beiden taucht Polizei auf. So ist Wyatt wieder mal auf der Flucht, weil es einfach trotz bester Planung immer wieder Unwägbarkeiten gibt, die man nicht im Griff hat….
Parallel dazu wird sein Neffe Raymond in die Geschichte eingeführt. Dieser überfällt Provinzfilialen von Banken und macht durch eine gewisse Souveränität von sich reden.
Zufällig begegnen sich die beiden Wyatts. Da Raymond für einen Fischzug, der ihm angeboten wurde, einen Partner braucht, fragt er Wyatt, ob dieser mitmachen will. Nach einigem Zögern willigt er ein, obwohl er seinem Neffen gegenüber Vorbehalte hat. Nicht zu Unrecht, denn dieser sagt ihm die ganze Wahrheit…
Die Sprache des Buches ist kurz, prägnant, ohne Floskeln. Die Dinge werden beim Namen genannt, nicht groß analysiert. Es wird geplant und die Pläne gehen schief, weil man eben nicht alles planen kann, weil jeder der Beteiligten seine eigenen Ziele hat, die er für sich behält und die den ganzen Coup durchkreuzen können. Es wird getötet, wo es sein muss, darum wird nicht viel Aufhebens gemacht. Aber trotz seiner Klasse als Verbrecher ist Wyatt immer noch da, wo er mal angefangen hat. Er hat keine Millionen zurückgelegt, er ist einsam und allein und daß er Gefühle haben kann, wie er sie für Liz entwickelt und spürt, verwirrt ihn. Die die so denken wie er, sind tot. Die Welt, seine Welt, wird immer mehr von Junkies und Chaoten beherrscht, er gehört einer aussterbenden Spezies von Verbrechern an.
Wenn ich mal von der anfänglichen Verwirrung bei mir absehe, weil Disher zwei Wyatts auftreten läßt und diese auch bei ihrem Namen nennt (bis er beim Neffen konsequent zu Ray(mond) wechselt), ist es eine schnörkellose, geradlinige Geschichte mit Helden die scheitern, weil sie scheitern müssen, die sich ein wenig wie Hamster im Laufrad abmühen, aber nicht von der Stelle kommen…. Verbrechen lohnt sich bei Disher nicht wirklich…..
Facit: nach einer kleinen Anlaufphase sehr spannend
Garry Disher
Niederschlag
Pulp Master; 2008, Tb, 243 S.
ISBN-10: 3927734373
ISBN-13: 978-3927734371
Sue Monk Kidd: Die Bienenhüterin
Juni 16, 2010

Nachdem mir die „Meerfrau“ von Sue Monk Kidd so gut gefallen hatte, wollte ich natürlich auch den Vorläufer dieses Romans lesen, der da heißt „Die Bienenhüterin“. Und auch dieses Buch – ich kann es ruhig vorwegnehmen – gefiel mir wirklich gut.
Die Geschichte der kleinen Lily Owens, die eine Zeitspanne von einigen Wochen im Sommer und Herbst des Jahres 1964 umfasst und im Süden der USA spielt, in South Carolina, trägt sich vor dem Hintergrund der Diskriminerung der damals noch nicht Afroamerikaner, sondern Schwarzen oder Neger genannten Menschen dort zu. Aber von Anfang an.
Die 14jährige Lily lebt bei ihrem Erzeuger, T. Ray, im Haus und wird dort streng und ohne Liebe aufgezogen. Ihre Mutter ist vor 10 Jahren bei einem Unfall gestorben, nur undeutlich kann sich Lily erinnern, daß ihre Eltern sich stritten, daß sie eine Waffe gesehen hat und daß es eine Explosion gab, nachdem sie die runter gefallene Waffe hochgehoben hatte. An dieser Schuld am Tod der Mutter trägt sie schwer.
Lily wächst ohne die Liebe des Vaters und der toten Mutter, nach der sie sich so sehnt, auf. Der Vater foltert sie eher, als daß er ihr ein gutes Wort gibt. Nur Rosaleen, die dicke schwarze Arbeiterin, die sich um sie kümmert, kann ihr etwas Trost geben. An die Mutter erinnern nur wenige Dinge, unter anderem ein Bild einer schwarzen Madonna mit der Beschriftung: Tiburon, S.C.
Rosaleen ist auch der Ausgangspunkt für die weitere Handlung. Diese will sich nämlich nach Unterzeichnung des Bürgerrechtsgesetz durch L.B. Johnson am 2. Juli 1964 in das Wählerverzeichnis ihres Städtchens eintragen. Auf dem Weg dorthin wird sie von Weißen beschimpft und Rosaleen weiß sich nicht anders zu wehren, als den Männern von ihrem Kautabak auf die Schuhe zu spucken. Daraufhin wird sie verprügelt und ins Gefängnis geworfen, wo sie noch weiter misshandelt wird. Lily, die Angst um Rosaleen hat und sowieso von T. Ray weg will, kann sie mit einer List aus dem Krankenhaus, in das man sie bringen musste, herausholen, von nun an sind beide auf der Flucht.
Ziel von Lily ist Tiburon, dort hofft sie, eine Spur ihrer Mutter zu finden. Und tatsächlich, auf Honiggläsern findet sie das Bild der gleichen Madonna wie ihre Mutter sie hatte. So kommen Rosaleen und Lily in das quietschrosa Haus der schwarzen Schwestern May, June und Augusta. Sie dürfen dort bleiben und besonders Lily, die in diesem Kreis der Frauen und ihrer Freundinnen die einzige Weiße ist, gewinnt in Augusta eine mütterliche Lehrerin, während sie bei June heftige Abneigung erlebt.
Lily erlebt hier zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Geborgenheit, wie Wärme, sogar Liebe. Sie wird von Augusta in die Imkerei eingewiesen und zeigt sich als sehr gelehrige Schülerinnen. Und das, was für die Bienen der Bienenstock wird für sie das Haus von Augusta der Hort, an dem sie sich zurückziehen kann, in dem sie leben kann. Sie findet hier die Muße und die Ruhe, all die Gedanken um den verhassten Vater und die geliebte Mutter, um ihre Schuld und Sehnsucht zu Ende zu denken, Augusta sagt ihr zwar, daß sie irgendwann einmal reden muss, aber sie läßt Lily die Zeit, die sie dazu braucht. Natürlich geht bei Lily vieles durcheinander in ihrer Fantasie, sie lernt so viel neues kennen bei den Frauen und sie verliebt sich in einen Jungen.
Nach ein paar Wochen kommt der Zeitpunkt, an dem sie bereit ist, zu reden, aber die Antworten, die sich bekommt, werfen ihr gesamtes Bild, ihre gesamten Vorstellungen über ihre Mutter über den Haufen. Neue Gefühle durchfahren sie, Hass und Ablehnung spürt sie, unendliche Wut und Enttäuschung. Der Kokon, in den sie sich eingesponnen hat, ist zerrissen, sie steht jetzt in der richtigen Welt und muss mit dieser zurecht kommen. Zurück in ihre Wunschwelt, Traumwelt kann sie nicht mehr. Jeder Mensch macht Fehler, so sagt ihr Augusta, und diese Tatsache muss sie erst zu akzeptieren lernen.
Kurz danach steht T. Ray vor der Tür des Hauses. Es ist ihm gelungen, den Aufenthaltsort von Lily herauszufinden. Er ist nicht voller Freude dort, sondern nur, um Lily zu holen. Er schlägt sie, zerrt sie aus dem Haus, hält ihr ein Messer vors Gesicht. „Deborah“ nennt er sie beim Namen seiner toten Frau, die ihn vor ihrem Tod verlassen hat. Und da wird Lily vom ängstlichen Mädchen zur reifen Frau: sie merkt, daß auch ihr Vater von Schmerz zerissen ist, daß er es nie verwunden hat, daß seine Frau ihn verlassen hat und daß er all die Jahre diesen Schmerz, diese Wut an ihr ausgelassen hat.
Die Wut von T. Ray bricht schließlich zusammen und es gelingt den Frauen, ihn zu überzeugen, daß er Lily bei ihnen läßt. Und damit ist das Buch dann quasi zu Ende….
Natürlich ist das hier nur die Haupthandlung des Romans, der wie ein mäandernder Fluss viele Seitenarme noch einige Nebenhandlungen hat. Diese sind zum Teil zwar etwas langatmig, aber trotzdem kann man sich beim Lesen in sie verlieren. Ein Vergleich der beiden Bücher von Kidd, die ich kenne, liegt nahe, denn viele der Motive, die ich aus der Meerfrau schon kannte, treten hier im ersten Buch von Kidd wieder auf:
Vor allem ist dies die Gemeinschaft der drei Frauen, die zwar sehr unterschiedliche Charaktere und Eigenschaften haben, sich aber mittels starken Ritualen sehr eng verbunden wissen. Der Tod eines Elternteils mit der vermeintlichen oder echten Schuld des Kindes (Ich-Erzählerin) ist ebenfalls wesentlicher Bestandteil des Buches, genauso wie der Reifeprozess, den diese Kinder jeweils durchmachen und aus dem sie gestärkt bzw. erwachsen hervorgehen. Die Meerfrau kommt mir konzentrierter geschrieben vor, in der Bienenhüterin sind mehr neben dem Hauptthema laufende Erscheinungen, die ausführlich beschrieben und geschildert werden. Andererseits macht Kidd dies so farbig und fesselnd, daß ich es eigentlich nicht als negative Kritik verstanden haben möchte….
Facit: ein wunderschön erzählendes Buch über den Reifeprozess eines Mädchens, voller Poesie und Fantasie.
Sue Monk Kidd
Die Bienenhüterin
btb Verlag, 2005, Tb, 352 S.
ISBN-10: 3442732816
ISBN-13: 978-3442732814
schlag.zeilen: have a nice day, angie….
Juni 10, 2010
Irgendwie läuft es wohl nicht so rund… Aus den Schlagzeilen der Rhein-Zeitung vom heutigen Donnerstag:
Berliner Keilerei: In der Koalition kracht´s
Sparpaket: In der Union wächst der Widerstand
Merkel gilt als „Madame Non“: Die Absage des Treffens mit Sarkozy (.. die eher eine Verschiebung des Termins ist…)
Merkel muss ihre „Rumpelstilzchen“ zähmen: Fehlende Gemeinsamkeiten … in der schwarz-gelben Koalition
Kanzlerin sucht Ausweg aus Opel-Sackgasse
Merkels Bildungsgipfel droht zu scheitern: Bund und Länder streiten um Finanzierung
Nun ja, Langeweile wird nicht aufkommen, diese Häufung von Negativ-Schlagzeilen ist mich heute morgen richtiggehend angesprungen…. die verdient es einfach mal, festgehalten zu werden. Gnädigerweise bringt die RZ garnichts über Wulff vs. Gauck, ist ja auch noch eine kleine Baustelle für unsere Kanzlerin….
Nicolas Sparks: Wie ein einziger Tag
Juni 7, 2010

Dieses 1996 erschiene Buch ist der Erstling des amerikanischen Autors N. Sparks. Er erzählt die Geschichte eines Liebespaares, indem er zwei Zeitpunkte herausgreift, die gut 50 Jahre auseinander liegen. Mit dieser zeitlichen Teilung der Handlung zerfällt auch das Buch selbst in zwei völlig ungleiche Teile.
Der „erste“ Teil, der kurz vor und nach dem 2. Weltkrieg in Süden der USA angesiedelt ist, ist einfach nur grottig, weil er von der Sprache, vom Ausdruck, den Bildern, teilweise auch der Schwülstigkeit an x-beliebige Grotten.. ähh.. Groschenromane erinnert. Inhaltlich geht es darum, daß ein jugendliches Liebespaar durch die gegebenen Umstände getrennt wird und sich für 14 Jahre aus den Augen verliert. Die Frau sieht kurz vor ihrer geplanten Hochzeit in der Zeitung ein Bild vom Haus ihrer Jugendliebe, über dessen liebevolle Restauration berichtet wird. Sie spürt, daß sie noch einmal dorthin muss, an den Ort, zu dem Mann, bei dem sie damals die Liebe gefunden hatte….
So in etwa. Warum lohnt es sich trotzdem, das Buch zu lesen?
Wegen des „zweiten“ Teils. Dieser wird aus der Sicht eines alten, gebrechlichen, gichtigen Mannes erzählt, der in einem Pflegeheim lebt, dort als Vorleser von Zimmer zu Zimmer geht und seine Geschichten vorliest. Er ist beliebt im Heim, alle sind freundlich zu ihm und mögen ihn. Aber es geht ihm nicht gut, er schläft nur noch schlecht, hat Schmerzen, kann sich nur mühsam bewegen. Die Finger sind knotig, das Umblättern macht Schwierigkeiten, er ist einsam geworden, er ist „Tag und Nacht“ in einem, so nah und doch so unendlich fern dem Menschen, der ihm wie sein eigenes Leben war…
Natürlich merkt man schnell, daß es sich hier um das letzte Kapitel im Leben von Allie und Noah, dem jugendlichen Liebespaar, handelt, durch das uns Sparks hier mit wunderbaren Passagen führt.
Allie lebt seit einigen Jahren mit Noah in diesem Heim. Sie ist an Alzheimer erkrankt und im Wissen um das, was ihr und ihrem Mann bevorsteht, hat sie nach der Diagnose alles getan, sich möglichst gut auf diese Zeit, in der sich ihr Leben auf das Hier und Jetzt reduzieren wird, vorzubereiten. Sie hat von allen Menschen, die in ihrem Leben von Bedeutung waren, Abschied genommen, sie ist mit ihrem Mann in dieses Heim gezogen. An ihn war ihr letzter Wunsch, ihr täglich sein Tagebuch vorzulesen, sie versprach ihm, daß sie sich, auch wenn man es nicht merken würde, dadurch wieder an ihr Leben mit ihm zu erinnern….
Ich möchte jetzt garnicht mehr zu dieser Geschichte an sich schreiben.. das sollte man wirklich selber lesen (und das eine oder andere Taschentuch bereit legen…). Sparks hat hier überhaupt nichts mehr von der Schwülstigkeit der ersten Teils, fast nüchtern, resigniert, traurig, melancholisch erzählt er über den Alltag von Noah im Heim, von seinem Zusammensein mit Allie, von der Frustation, die dieser spürt, wenn sie ihn mal wieder fragt, wer er denn sei…. er erzählt von der Liebe, die Noah immer noch empfindet, tiefer noch fast wie vor 50 Jahren, er schildert die Beschwerlichkeit des Alltags und das Glück, wenn Allie gute Stunden hat, in denen sie sich unterhalten können, auch wenn sie sich nie erinnern kann an die Zeit vor dem Jetzt. Dann aber, ganz plötzlich tauchen wieder die Gnome auf, die ihr so Angst machen und Allie entschwindet ihm voller Furcht in ihre eigene Welt, die ihr zur Zwangsjacke geworden ist.
Im Grunde ist das Wort „Liebe“ für das Verhältnis von Noah und Allie zu schwach, weil es durch den täglichen „Gebrauch“ für uns alle eine Bedeutung hat, die nicht an das heranreicht, was zwischen diesen beiden Menschen herrscht, aber ein anderes Wort dafür gibt es wohl nicht. Sie haben es verstanden, ihr Gefühl über all die Jahrzehnte mitzunehmen, es nicht verkümmern zu lassen, es nicht hinter sich zurück zu lassen, diese Liebe ist Teil ihres Selbst geworden.
Sicher schrammt auch das nahe am Schmelz vorbei, aber hier hat es Sparks anders als im ersten Teil verstanden, nicht an der Oberfläche zu bleiben, sondern tatsächlich Gefühle zu vermitteln, die Liebe eines Mannes und seine Einsamkeit, Momente des Glücks und der Traurigkeit….
Facit: Wer eine ergreifende Liebesgeschichte sucht, ist im zweiten Teil des Buches sehr gut aufgehoben. Und da immer Schatten ist, wo man Licht findet, muss man den ersten Teil (quasi als Einführung) eben mitnehmen….
Nicolas Sparks
Wie ein einziger Tag
Heyne Verlag, 2000, Tb, 208 S.
ISBN 3453130510
Tilman Jens: Vatermord
Juni 6, 2010

Anfang des Jahres hatte ich das Büchlein von Tilman Jens, in dem er die Alzheimererkrankung seines Vater Walter thematisiert sehr interessiert gelesen und hier ja auch in einer längeren Besprechung vorgestellt. Nun hat das Buch in der Kulturlandschaft des Landes für einigen Aufruhr gesorgt, demontiert es doch durch seine Darstellung eine Ikone der deutschen Intellektualität und reduziert sie auf normal menschliches Maß.
Der Satz, den ich in meiner Besprechung schrieb:
Über Verwirrte, Alzheimerkranke kann man heute reden, ohne schief angesehen zu werden. [1]
stimmt (so zumindest) wohl doch nicht.
„Statt einer Unterlassungsklage“, da einige der Anwürfe unter anderem der des Vatermordes (im übertragenen Sinne) durchaus justitiabel seien, so versteht Jens seine Schrift, mit der er auf diese Wucht der Vorwürfe reagiert. Es ist schon imponierend, mit welcher zum Teil auf moralische Vernichtung hin zielend die Kritiker mit ihm umspringen, Kritiker, die – so schreibt er – das Buch garnicht kennen konnten, da es zum gegebenen Zeitpunkt noch garnicht veröffentlich gewesen sei. In der Spiegel-Besprechung zum Buch sind ein paar der Vorwürfe zitiert, das soll hier reichen [2].
Bei Jens gibt es natürlich eine breitere und vollständigere Palette der auf ihn zielenden Äußerungen, allesamt nicht freundlicher oder verständnisvoller. Am härtesten trifft ihn wie gesagt der Vorwurf des „Vatermordes“, den er auch als Titel für sein Buch wählt.
Jens nimmt sich dieses Begriffes und der hinter ihm stehenden Taten an. Vatermord ist – so arbeitet er heraus – das Urverbrechen schlechthin, der Gehorsam des Sohns zu seinem Vater hat unbedingt zu sein, so wie Isaak Abraham willig zur Schlachtbank bzw. de Opferaltar folgte und sich 2000 Jahre später Jesus nicht gegen den Willen seines Vaters auflehnte. Ist der Gehorsam des Sohnes gegen den Vater derart konstituierend für eine Gesellschaft, ist zu ermessen, was es bedeutet, wenn ein Sohn gegen den Vater aufbegehrt, ihn sogar tötet. Dies geschieht nicht aus einer Laune heraus, dazu bedarf es einen guten Grundes. Zu diesem Thema bringt Jens eine Vielzahl von Beispielen an unglücklichen Vater-Sohn Beziehungen, angefangen von Goethe (J.W. und August) über Schrebers (der mit dem Garten…Moritz und Daniel Paul) und Manns (Thomas und Klaus) bis hin zu Havemanns (Robert und Florian). Allen Verhältnissen liegt die Problematik zugrunde, daß Söhne an genialen Vätern zerbrechen, ein Vorwurf, mit der ja auch er bis zum Überdruß konfrontiert wird und den er explizit von sich weist: „Es war nicht schwer, diesen Vater zu haben, der groß war – und der mich nie erdrückte… Wieso also sollte ich, wie unterstellt, an diesem Mann Rache nehmen? Er hat Stärken, an die ich nie heranreichen werde. Und das beschwert mich nicht im Geringsten.„
Widmet sich Jens in seiner Schrift ausführlicher der Erläuterung dessen, was man ihm vorwirft und natürlich auch den Vorwürfen selbst, so kommt die Verteidigung, die Erläuterung seiner Motive meines Erachtens etwas kurz.
Vielleicht hat Jens, als er über seinen Vater schrieb, die möglichen Reaktionen darauf unterschätzt, da er (und seine Mutter auch) Walter Jens immer auch als Menschen, nie nur als Geistesgröße gesehen haben. Und krank werden ist etwas absolut natürliches, so bedauerlich es ist. Eine Krankheit ist eine Krankheit, sie hat keine moralische Dimension. Aber genau diese wird unterstellt, wenn man das Öffentlichmachen dermaßen geißelt und damit implizit (oder auch ausdrücklich) fordert, derartiges gefälligst im privaten zu halten, den Kranken also zu quasi zu verstecken. Dies wäre der eigentlich Vatermord: den Vater ins Kämmerchen verbannen, ihn beseitigen aus der Öffentlichkeit, ihn derart zu eliminieren aus dem Bewusstsein seiner Freunde und Bewunderer.
Wenn Alzheimer eine Krankheit ist (und das ist sie zweifelsohne), dann kann, dann muss man drüber reden, zumal sie das Potential hat, DIE Krankheit der Zukunft zu werden. Wenn eine öffentliche Person sie bekommt, ist es vielleicht sogar eine Verpflichtung, darüber zu reden, sie zumindest nicht zu verschweigen, damit die z.b. gesundheitspolitische Auseinandersetzung in Gang kommt, Fragen der Pflege, der Betreuung, Begleitung und Unterstützung der Angehörigen diskutiert und gelöst werden.
Natürlich kann man sich über die Art und Weise, in der Tilman Jens das Schicksal seines Vaters publik gemacht hat (und damit ja auch Geld verdient hat) streiten, damit muss man nicht einverstanden sein. Und genauso ist die Publikation dieses Folgebandes auch eine neuerliche Vermarktung und sicherlich einträglicher als eine Unterlassungsklage. Das ist der Punkt, der mich persönlich stört, daß ich einfach immer den Gedanken im Hinterkopf habe, hier wird das Schicksal von Walter Jens vermarktet. Aber vielleicht (ich weiß es nicht) läßt Jens das Geld, das er mit den Büchern verdient, ja einem Alzheimer-Stiftung zugute kommen, vielleicht braucht die Familie das Geld sogar für den Vater, denn die Pflege eines Alzheimer-Patienten ist teuer. Wie gesagt, diese Frage „nagt“ in mir und wäre – wenn überhaupt, denn es gibt ja auch plausible Begründungen, warum und warum gerade so – der Punkt, an dem u.U. moralisch zu argumiertieren ist.
Nein, Tilman Jens hat das Schicksal seines Vater Walter zu Recht und gottseidank öffentlich gemacht. Es und damit ihn (gegen die eigende Überzeugung!) zu verschweigen, wäre Walter Jens nicht würdig, wäre der eigentliche Vatermord gewesen. Und vielleicht drückt sich in der überbordenden Kritik, die Tilman Jens einstecken musste, einfach nur die Angst der Kritiker aus, vor der Krankheit und vor ihren Söhnen….
Facit: Wer eine Verteidigungsschrift gegen die Kritiken über das Buch „Demenz“ erwartet, wird enttäuscht sein, dieser Punkt ist relativ kurz. Die Analyse dessen, was man ihm vorwirft, nimmt den (sehr interessanten) Hauptaspekt des Buches ein. Trotzdem (oder gerade deswegen) lohnt sich die Lektüre.
Links und Anmerkungen:
[1] Tilman Jens: Demenz
[2] Buchvorstellung im Spiegel
Tilman Jens
Vatermord
Gütersloher Verlagshaus, 2010, HC, 192 S.
ISBN-10: 3579068709
ISBN-13: 978-3579068701
Anthony McCarten: Englischer Harem
Juni 5, 2010

Die 20jährige Tracy gehört mit ihren Eltern zur englischen.. na ja, vielleicht kann man es als untere Mittelschicht bezeichnen. Ohne große Ausbildung sitzt die intelligente und schöne junge Frau an der Kasse eines Supermarktes und driftet dort regelmäßig in ihre Phantasiewelten ab. Da kann es dann schon mal vorkommen, daß die Queen persönlich am Fließband steht und ihren Yoghurt kauft. Leider übersieht sie derart abgelenkt eines Tages den Ladendiebstahl, der sich direkt vor ihrer Nase abspielt und wird rausgeschmissen. Ihre Eltern beruhigt sie mit der Ankündigung, sich sofort eine andere Stelle suchen zu wollen. Die Beruhigung ist jedoch nur von kurzer Dauer, denn der Aufzug, in dem Tracy am Abend die elterliche Wohnung verläßt, läßt diese befürchten, sie würde sich in einem Bordell bewerben wollen…
Was sie natürlich nicht macht, aber das in dem geheimnisvollen persischen Lokal, an dem sie vorbeikommt, eine Bedienung gesucht wird, entgeht ihr nicht. Der Besitzer, Saaman Sahar wimmelt sie zwar erst einmal ab, doch sie ist hartnäckig und kommt am nächsten Abend wieder, schließlich steht das Schild noch im Fenster. Den Hinweis Sahars, dies sei ein persisches Lokal mit persischer Speisekarte kontert sie, in dem sie ihm die Speisekarte auswendig vorsagt. Mit dieser Leistung verblüfft sie Sahar und letztlich gibt er ihr den Job – eine Woche auf Probe.
Saaman Sahar hat seine eigene Geschichte, natürlich. Als Sohn einer Teheraner Metzgerdynastie, die zu Schahs Zeiten zu einigem Wohlstand gekommen war, studierte er in England und passte sich dort weitgehend den Sitten an. Bis auf die Tatsache, daß er zum Entsetzen seiner Eltern als Vegetarier wieder zurück in den Iran kam, denn nach einer Lebensmittelvergiftung durch Hamburger war ihm der Appetit auf Fleisch gründlich vergangen. Sahar hatte in Teheran mit vegetarischen Lokalen geschäftlichen Erfolg, verließ das Land aber sofort, nachdem Chomeni die Macht übernommen hatte.
In England, wo er seitdem lebt, ist er von seiner Seite aus ein honoriges Glied der Gesellschaft, die ihn ihrerseits im Zweifel immer spüren läßt, daß er Ausländer und Fremder ist. Daß er sogar im anglikanischen Kirchenchor singt, kennzeichnet ihn, der sagt, wenn es nur einen Gott gibt, ist das, was auf der Erde alles an Unterschieden gemacht wird, ziemlich kindisch…
Tracy, deren große Stärke u.a. das Lernen und das Behalten von Daten ist, kommt in seinem Lokal sehr gut klar. Sie freundet sich mit Yvette, ihrer Kollegin an, die Sahar ihr als seine Frau vorstellt. Auch die schöne Perserin Firouzeh, die Tracy bald darauf trifft, stellt Sahar ihr als seine Frau vor…. Zu ihrer Verblüffung sind die beiden Frauen überhaupt nicht eifersüchtig aufeinander, im Gegenteil, Tracy hat das Gefühl, sie seien die beiden besten Freundinnen, die man sich denken kann….
Im Hof hinter dem Lokal, wo Tracy ab und an ihre Zigarette raucht, trifft sie öfter auf den ebenfalls rauchenden Sahar. Die beiden kommen ins Gespräch und Sahar findet in Tracy das, was er vermisst: er, der passionierte Redner braucht einen Zuhörer, jemanden, der auf das, was er sagt, achtet, der Fragen stellt und interessiert ist. Und das ist Tracy, sie fragt ihn über Persien aus, holt sich Bücher, weiß bald mehr über den Iran als Sahar selbst. Tracy taucht in in diese neue Geschichte ein wie sie es früher mit ihren Phantasiegeschichten gemacht hat.
Um die Geschichte etwas abzukürzen: Tracy und Saaman („Sam“) Sahar werden sich immer sympathischer, kommen sich immer näher und näher, bis irgendwann keine Blatt mehr zwischen ihre Lippen passt…. sie verlieben sich, eine neue, unmögliche Liebe nimmt ihren Anfang. Yvette und Firouzeh werden damit konfrontiert und freuen sich, daß Sam endlich eine Liebe hat, die sich erfüllt. Und so kommt was kommen muss, Sam macht Tracy einen Antrag, er will sie zur Ehefrau nehmen. Die Hochzeit findet mit großem Pomp nach iranischem Ritus statt und Tracy zieht endgültig zu Yvette, Firozeh (deren beider Geschichten sie mittlerweile kennt) sowie den vier Kindern von Firouzeh und natürlich Sam nach Hause.
Damit wendet sich aber für Sam und damit auch für die gesamte Familie das Blatt. Vorher ob seiner Menage á trois schon einigermaßen suspekt, überfordert der „Scheißaraber“ die Toleranz seiner englischen Mitbürger, indem er jetzt auch noch eine Engländerin mit in seinen unmoralischen Sumpf zieht. Von zwei Seiten droht der Familie Gefahr: Zum einen fühlt sich der etwas tumbe Ex von Tracy an seiner „Ehre“ gepackt, daß diese ihn für einen Kameltreiber verlassen hat und über eine anonyme Anzeige bietet das Jugendamt alles auf, zumindest die Kinder aus diesen Verhältnissen herauszuholen.
Soweit zum Inhalt, es ist glaube ich, schon lang genug geworden, obwohl ich nur die groben Züge stark vereinfacht wieder gegeben habe. Aber man sieht gut, was für einen komplexen Roman McCarten hier vorlegt. Die Hauptpersonen sind natürlich Tracy und Sam, sie werden von ihm sehr liebevoll und äußerst sympathisch charakterisiert, aber auch der Kosmos der anderen Figuren, seien es nun die Eltern (Monica und Eric) von Tracy oder (natürlich) die beiden anderen Frauen, seien es nun tragische Charaktere wie Eric oder deren Nachbarin Emily, aber auch Nebenfiguren wie Mr Partridge vom Jugendamt – bei allen spürt man das Bemühen von McCarten, ihnen gerecht zu werden.
Das Buch ist ein Lehrstück über Toleranz und über die Liebe. Wieviel Fremdes kann und will eine Gesellschaft in ihre Kultur integrieren oder auch nur akzeptieren, wo stoßen unterschiedliche Lebensarten so aneinander, daß sie notgedrungen zu Konflikten führen, führen müssen? Wann verschwindet das „fremde“ Individuum hinter den Vorurteilen, die man der Gesellschaft, aus der es kommt, entgegenbringt, wann also tritt Sam als Person gegenüber den Vorbehalten, die man den Araberen (daß Perser genausowenig Araber sind wie z.B. wir, ist dabei egal, zeugt aber von solidem Unwissen..) gegenüber hat, in den Hintergrund? Spätestens dann, wenn die eigenen Leute gestohlen, in den anderen Kulturraum entführt werden, Frauenraub gewissermaßen. So findet Eric Sam eigentlich ganz ok, aber daß ausgerechnet seine Tochter diesen Kerl und dann noch unter diesen Verhältnissen… und auch die andere Seite hat ihre Ängste, Sams Eltern sind stockunglücklich, daß ihr Sohn eine Nichtmuslima, eine dritte Frau überhaupt…
Gierig greift man nach allen Bildern, die einem die Phantasie vorgaukelt. Was mag bei einem Mann und drei Frauen so abgehen? Das gesamte Jugendamt spekuliert und setzt alle Energie darein, die „Richtigkeit“ der eigenen abwegigen Vorstellungen, der unterdrückten Wünsche, des Neides und der Eifersucht zu beweisen.
Selbstverständlich ist andererseits auch die Frage berechtigt, ab wann die Toleranzgrenze einer Gesellschaft überzogen wird, wann man sich also zur Zielscheibe von Angriffen macht. Eine schwierige Frage, denn einerseits soll jeder nach seiner eigenen Art und Weise glücklich werden, aber es gibt eben auch Sitten und Gebräuche, die so fremd sind, daß man sie als Angriff auf die eigene Kultur und nicht als deren Bereicherung wertet und die man daher unwillkürlich und unbedingt bekämpft. Eine Frage, die jeder, der in eine solche Situation kommt, für sich, aber auch die Gesellschaft als Ganzes beantworten muss. Man muss ja nicht lange suchen, um auch bei uns selbst, in D, solche Fragen zu finden und sie sind wahrlich nicht einfach zu beantworten….
Facit: eine wunderschöne Geschichte, ein faszinierendes Buch über Toleranz, über die Liebe auch und das Erwachsenwerden, über Menschen eben….
Anmerkung:
Da die Vorstellung des schiitischen Islam die sogenannte „Zeitehe“ (Sigheh) kennt und dies eine gewissen Rolle im Buch spielt, ist hier ein Link zu einem iranischen (wordpress)Blogbeitrag mit Bild und ein Link zur Wiki
Anthony McCarten
Englischer Harem
Diogenes; 2009, Tb 592 S.
ISBN-10: 3257239408
ISBN-13: 978-3257239409
Fabian Lenk: Der Meisterdieb
Juni 2, 2010

So, heute morgen war ich mal wieder bei meinem jüngsten Publikum, den Kurzen von der 1. Klasse Grundschule…. Die hatten die ganze letzte Zeit ein Projekt laufen, das sich mit dem Mittelalter befasste (und noch immer befasst). Das Thema liegt auch irgendwie nahe, wenn man nicht weit vom Mittelrhein entfernt wohnt und auf Schritt und Tritt über eine Burg stolpert…
Schöne Sachen haben die Kiddies gemacht, zusammen mit ihrer Lehrerin und den Eltern: Helme gebastelt und Burgen, Burgmauern gemalt, Gewänder gemacht, geschaut, wo Sprichwörter und Redewendungen, die man heute noch verwendet, ihren Ursprung haben („Einen Zahn zulegen“ oder „zur Sau machen“ z.B.). Ach ja, den mittelalterlichen Kräutergarten hätte ich ja fast vergessen… !
Und so hat mir die Lehrerin folgerichtig ein Buch gegeben, das im Mittelalter, genauer gesagt 1180 in Nürnberg spielt. Die kleine Johanna will mit ihrem Vater, dem Goldschmied, in die Burg, wo der Kaiser zu Besuch ist, um diesem seine Schmuckstücke zu zeigen und einen Auftrag zu bekommen. In der Burg treibt aber ein Meisterdieb sein Unwesen und es kommt, wie es kommen muss: weil alles schief läuft, wird der Vater verdächtigt, der Dieb zu sein, weil man ja auch die Schmuckstücke bei ihm findet…. Und Johanna muss ganz schön clever sein, um einen Ausweg aus dieser Lage zu finden. Sicher, der Zufall kommt ihr zur Hilfe, aber trotzdem: sie muss tapfer sein, geduldig und gut bei Puste…
Das Vorlesen (mit verschiedenen Stimmen, manche Geräusche nicht nur gelesen, sondern auch gemacht (lachen, schnarchen, klopfen…)) dauerte knapp 25 Minuten. Die Kinder, die ja noch ein wenig jünger waren als die Altersempfehlung, waren aber die ganze Zeit sehr aufmerksam und ruhig. Wenn mal eine Stelle kam, wo ich eine Pause machte, war kein Ton zu hören, nur gespannte Gesichter, wie es wohl weitergeht…
War wieder mal schön, das Vorlesen vor Kindern macht wirklich Spaß! Und das Buch? Spannend, ein ganz klein wenig gruselig, aber nicht zu viel. Ein paar Begriffe muss man wohl erklären, oder aber eben ein Projekt zum Mittelalter durchgeführt haben….
Fabian Lenk (Autor), Daniel Sohr (Illustrationen)
Der Meisterdieb
Ravensburger Buchverlag; März 2010, brosch. 64 S.
ISBN-10: 3473380636
ISBN-13: 978-3473380633





