David Benioff: Stadt der Diebe
Mai 30, 2010

Die Geschichte, die Benioff in seinem (autobiographisch angehauchten) Roman erzählt, ist denkbar einfach: zwei junge Männer, einer 17 Jahre alt, der andere 2 Jahre älter, werden losgeschickt, 12 Eier zu besorgen. Und das soll einen unterhaltsamen, gut lesbaren, zum Teil sogar spannenden, an manchen Stellen auch schockierenden Roman abgeben?
Ja, das tut es, weil – wie so oft im Leben – das Kleingedruckte nicht übersehen werden darf: die Geschichte spielt im 2. Weltkrieg in Leningrad, von seinen Einwohner liebevoll „Piter“ genannt (einen Namen, den zu äußern aber den Tod bedeuten kann….), vormals das prachtvolle St. Petersburg. Diese Stadt wird in ab 1941 bis 1944 von deutschen und finnischen Truppen belagert mit dem Ziel, die Bevölkerung systematisch auszuhungern. [1, 2]
Der 17jährige Lew also, der „Kommandant“ eines Feuerlöschtrupps ist, sieht eines Tages einen Fallschirm in der Nähe seiner Stellung niedergehen, der Springer ist offensichtlich schon tot. Natürlich läuft er hin und nimmt ein paar Sachen, die der Tote bei sich hat, an sich. Dabei wird er erwischt, auf Plünderung steht die Todesstrafe. Er wird ins Gefängnis gesteckt und dort trifft er den 2 Jahre älteren Kolja, einen vor übersteigertem Selbstbewusstsein schier berstenden Menschen, den nichts und niemand aus der Ruhe zu bringen scheint, am wenigsten die Aussicht, am nächsten Tag erschossen zu werden, weil der als Deserteur aufgegriffen wurde. Denn wenn man das wollte, hätte man es doch wohl direkt gemacht, oder?
Und richtig, die beiden werden am nächsten Tag vor einen örtlichen Geheimdienstkommandanten geführt, der ihnen einen Passagierschein gibt und eine Woche Zeit, 12 Eier aufzutreiben. mit der die Hochzeitstorte für seine Tochter gebacken werden soll. 12 Eier .. in ganz Leningrad wird es kaum eins davon geben.. eine schier unmögliche Aufgabe. Aber immerhin eine Chance….
Leningrader, zumindest die normale Bevölkerung, ist mittlerweile an andere Speisen gewohnt: Badajew-Schlamm zum Beispiel, die mit geschmolzenem Zucker durchsetzte Erde ehemaliger, zerbombter Lagerhäuser oder die sogenannten Bücherei-Lebkuchen gewonnen aus dem Buchleim der Buchrücken der Bücher aus den Bibliotheken…. Natürlich finden sie keine Eier in Leningrad, aber „Metzgereien“, in den von der Decke Haken hängen, an denen unverkennbar Menschenteile baumeln, sie finden alte Männer, die mit der Flinte im Schoß gestorben sind bei der Bewachung ihrer Hühner, die sie auf dem Dachboden hielten und mit Gott weiß womit fütterten…. Vielleicht die einzig ironische Stelle im Buch, das letzte der überlebenden Hühner retten Lew und Kolja und schützen es gegen alle Schlachtversuche der Freunde, weil sie ja die Eier wollen. Bis ihnen einer sagt, daß es ja ein Hahn ist….
Der erste Teil des Buches hat mir besser gefallen als der zweite, in dem es etwas nachläßt. Es ist weiterhin spannend und unterhaltend, aber rüttelt der erste Teil mit seinen Schilderungen der Zustände in Leningrad an vielen Stellen auf und läßt einen kopfschüttelnd auf den Text blicken, wird im zweiten Teil, der von den Abenteuern der zwei außerhalb der Stadt erzählt, vieles vorhersehbar. Trotz schier übermenschlicher Strapazen weiß man einfach, daß unseren beiden Helden nie etwas passieren wird, der eigentlich aussichtslose Kampf gegen den übermächtigen Gegner wird wohl nicht ganz so aussichtslos sein und auch die zarten Liebesbande, die sich anzubahnen scheinen – und auch wenn sie nur die Fantasie beflügeln – .. man vermutet, daß sie dauerhafter sind, als auf den ersten Blick angedeutet. Insofern verflacht der Roman und mutiert zu einer Abenteuergeschichte, während die erste Hälfte den Leser durch ihre (ich gehe davon aus, historisch nachweisbaren) Details weitaus stärker berührt.
Der Krieg verroht, so auch die beiden Protagonisten. Lew, Halbjude aus intellektuellem Elternhaus, mit entsprechender Nase ausgestattet, ist zögerlich, schwach, unerfahren. Und bleibt es bis zum Ende. Kolja strotzt von Anfang an mit Selbstbewusstsein, Chuzpe und Frechheit, ein kleiner, verhinderter Boheme, nicht unsympathisch, aber als Person bleibt er fremd. Nichts ist zu erfahren über seine Herkunft, seinen bisherigen Lebenslauf und letztlich tritt es so ab, wie er aufgetreten ist. So ist er zwar wegen seiner Art nicht farblos, im Gegenteil, aber als Person bleibt er fremd.
Facit: Ein Abenteuerroman, der gute und spannende Unterhaltung bietet, aber das Gefühlt des „Angerührtseins“, das im ersten Teil aufkommt, nicht halten kann.
Links:
[1] einige Bilder aus dieser Zeit
[2] Wiki-Artikel zur Leningrader Blockade
[3] .. und wie so oft.. auch hier ist der Dativ dem Genitiv sein Tod… und zwar wegen dem häufigen Verwenden von dem Dativ… schade, mir gefällt der Genitiv….
David Benioff
Stadt der Diebe
Heyne Verlag, 2010, Tb, 384 S.
ISBN-10: 3453407156
ISBN-13: 978-3453407152
Claudia Wessel: Zu dritt
Mai 29, 2010

Dreiecksverhältnisse, 2 Männer und eine Frau, 2 Frauen und ein Mann, heimlich oder offen, das ist das Thema dieses Büchleins von Wessel mit acht kleinen Erzählungen. Hinter den zum Teil deutlich formulierten Details lauern aber die dunklen Seiten der Seele, die Phantasien, die die Eifersucht vorspielt, die Mordgelüste gegen die Nebenbuhlerin, der unbedingte Drang, ihr wehzu tun, ihr klar zu machen, daß sie kein Recht hat auf diesen einen Mann, den frau selber besitzen will. Oder die Frau, die sich nicht entscheiden kann zwischen dem zuverlässigen, aber eher langweiligem und dem, der sie zum Schreien und Zerfließen bringt, aber sie dann sofort wieder alleine zurückläßt. Oder Paul, der seine Nebenbuhler nicht bekämpft, der nicht tobt oder mit Trennung tobt, wenn er von ihnen erfährt, sondern der ihnen die Kraft raubt, indem er sie vereinnahmt, sie in die Routine eines Zusammenlebens mit seiner Frau zwingt: ach, überstürz doch nicht mit einer neuen Wohnung, wenn du willst, dann schlaf doch einfach erst mal die eine oder andere Nacht bei ihm…. Auf einmal fängt das Handy des gerade verstorbenen Galans an zu klingeln und eine fremde Frau meldet sich, und zwar eindeutig…. [siehe Leseprobe]. Und wie fühlt frau, im Alltagsleben seriöse Journalistin, sich eigentlich, wenn es sie dann und wann in eine Sexbar zieht und sie beim Verlassen des Etablissements auf ihren Chef trifft, in dem sicheren Wissen, daß er nun ganz genau weiß, bis in welche Höhenlagen sie ihre Stimme anschwellen lassen kann….
Facit: Eine zumeist gelungene Mischung aus erotischem Tun und psychologischem Hintergrund
Links:
Leseprobe aus der Geschichte vom Handy
Claudia Wessel
Zu dritt
Konkursbuchverlag; 2004, Tb, 255 S.
ISBN-10: 3887697030
ISBN-13: 978-3887697037
Vor.lesen mit Sue Monk Kidd und ihrer Meerfrau
Mai 27, 2010
So, gestern war es dann soweit, vor relativ kleinem Kreis aus heimischer Umgebung (das ganze wurde ja über die hiesige Kirchengemeinde angeregt) habe ich in der Kirche vorgelesen. Entschieden habe ich mich (aber ich bedanke mich trotzdem natürlich für diejenigen, die mir andere Vorschläge gemacht haben!) tatsächlich für die Meerfrau von Kidd. Ein Buch von einer Frau über eine Frau und auch über eine Lebenssituation, in der eigentlich jeder Mensch mal steht (oder – je nach Alter – schon gestanden hat): nämlich Bilanz zu ziehen über das, was sein Leben bisher war und es vergleichen mit dem, was es hätte sein können….
Natürlich kann man in den knapp zwei Stunden, die ich dann doch auf meinen Barhocker „hockte“ (ich kann nur schlecht im Sitzen Vorlesen, angelehnt, im Stehen geht besser…), nicht das ganze Buch lesen, wäre auch zuviel des Guten. Also habe ich mir mehrere längere Passagen herausgesucht, auch einige kürzere, die mir wichtig erschienen oder einfach nur schön, habe die gelesen und den Rest der Handlung dann in groben Zügen erzählt, manchmal auch interpretiert und erläutert. Ein wenig vom Schluss, wie es alles ausgeht, habe ich offen gelassen bei meinem „Erzählesen“, um im Anschluss Fragen zu provozieren, was auch geklappt hat. Natürlich wollten die Damen wissen, geht Jessie nun zurück oder nicht und was passiert mit Whit….
In der Vorbereitung zu diesem Abend habe ich das Buch bestimmt noch zwei, wenn nicht gar dreimal quergelesen, selten habe ich ein Buch so gründlich bearbeitet. Und natürlich hat das Buch auch in mir gearbeitet, mir ist jetzt viel klarer geworden, was in diesen Monaten, die Kidd schildert, mit den drei Hauptpersonen Jessie, Whit und auch Hugh passiert, welche Prozesse sie durchlaufen und das letztendlich alles so kommen musste, wie es gekommen ist. Es hätte anders ablaufen können, durch andere Ereignisse ausgelöst, aber es war für Jessie und Whit vermeidlich, daß sie diese Erkenntnisse für sich wieder gewonnen haben, wieder Zugang zu ihren Wurzeln gefunden haben. Hugh ist ein wenig ein getriebener in dieser Phase, jemand, der nur reagiert anstatt zu agieren, aber auch für ihn wandelt sich vieles, weil Jessie den alten Hugh, der ihr den Vater ersetzt, der die Vaterrolle bei ihr einnimmt, nicht mehr braucht und nicht mehr will…..
na ja, es war jedenfalls ein sehr gelungener Abend, ich habe es daran gemerkt, daß kaum jemand was getrunken hat und gegessen, obwohl wir ausdrücklich gesagt hatten, daß vom Käse und Wein auch während des Erzählesens genascht werden darf. Aber die Damen haben nur zugehört. Schön für mich! .. und den Wein und den Käse gab es in einer kleinen Pause und am Ende dann in gemütlicher Runde an wunderschön und passend zur Geschichte dekorierten Tischen…
(Material in den Medien!)
Lea Korte: Die Maurin
Mai 25, 2010
Um mal Monty Phyton zu zitieren: And Now For Something Completely Different … ein historischer Roman, ein Genre, das mir relativ fremd ist, zumindest hier im Blog. Aber nach all den schweren Büchern der letzten Wochen tut was leichteres (das ist nicht wertend gemeint!) auch mal gut, ausserdem hat mich die Autorin angesprochen, ob ich nicht mal…. und so geb ich mich dem Fluss der erzählten Geschichte hin und tauche ein in eine Zeit, in der der Islam eine tolerante, weltoffene Religion war und der Fundamentalismus eher auf der christlichen Seite lag. Das Stichwort „Inquisition“ mag dafür als Beleg ausreichen.

Die Geschichte, die Korte erzählt, spielt in den letzten Jahres des maurischen Reiches auf europäischem Boden. In den Jahrhunderten, die es auf der Iberischen Halbinsel bestand, hat es eine hohe Blüte erlebt, Kultur und Wissenschaft wurden betrieben, Handel und Gewerbe. Doch bei den Christen sammelte sich immer mehr Wut an über die Ungläubigen, die Heiden auf christlichem Grund und Boden und es wurde viel daran gesetzt, die Mauren wieder zu verjagen. Da auch im maurischen Reich der Zenit überschritten war und Streit unter einflussreichen Familien herrschte, hatten sie dem Ansturm der Christen unter der Königin Isabel nicht genügend militärische Kraft und politische Entschlossenheit entgegen zu setzen.
Zentrale Figur des Romans ist Zarah, eine junge Maurin aus einer einflussreichen Familie in Granada. Schon in jungen Jahren wird sie Palastdame bei der verstoßenen Sultanin Aischa und geniesst das Vertrauen der Sultanin. Bei einem der ersten geheimen und verbotenen Aufträge, die sie für ihre Herrin ausführt, sieht sie in der christlichen Delegation, die sie belauschen soll, den Adligen Gonzalo. Ohne daß sie das Gefühl, das sich in ihr breit macht, schon richtig benennen kann, weiß sie doch, daß Gonzalo ihr Herz angerührt hat. Damit ist ein weiterer zentraler Handlungsstrang des Romans schon dingfest gemacht: die verbotene Liebe einer Maurin zu einem Christen. Zarah, wie auch ihre Brüder und Schwestern, verlieren im Lauf des Romans schnell die Initiative, die vielen Kämpfe und Verwicklungen zwingen ihnen immer Handlungen und Aktivitäten auf, mit denen sie nur reagieren können. Immer mehr werden die einzelnen Personen in die Defensive gedrängt, eigene Entscheidungen können sie kaum noch treffen, und wenn, dann mit meist bitteren Konsequenzen für ihr Leben.
Die Handlung des ganzen Romans hier darzustellen wäre zuviel des Guten, zuviel passiert in den Jahren, Krieg und Plünderungen, Tod und Verderben, Liebe und Hass, Zerwürfnisse, Verrat und Treue.. wer das sucht, er wird es hier finden…
Was ist zu dem Roman zu sagen, was ist mir aufgefallen? Positiv auf jeden Fall, daß sich Korte vorwiegend der maurischen Sichtweise bedient, die Ereignisse aus deren Blickwinkel schildert. Dabei vermeidet sie den Fehler, die Mauren ihrerseits zu überhöhen, natürlich gibt es auch hier Verräter, Böse und Irrgleitete. Aber sie zeigt auch schon deutlich die Überlegenheit der damaligen maurischen Kultur über die der Christen, für meinen Geschmack hätte sie ruhig noch mehr Beispiele einfliessen lassen können, was „wir“ damals alles vom Islam übernommen haben an Wissen und Kenntnissen [hier mehr zu diesem Thema]. Auf der anderen Seite dagegen fängt gerade die Inquisition an, an Macht zu gewinnen, der im Buch auftretende Inquisitor Torquemada mit seinem Glaubensfanatismus ist hierfür Sinnbild. Andererseits nimmt Korte das Schicksal von Zahra auch als ein gutes Beispiel für Themen wie die untergeordnete Stellung der Frau im Islam bis hin zum Thema „Ehrenmord“. Diese sicherlich gut recherchierte historische Authentizität tut dem Roman gut, macht in interessant. Dazu gehören auch die Stammbäume der Herrscherhäuser im Anhang und die Zeittafel. Aber wie es im Leben so ist, macht man sich schon mal die Arbeit, ist sofort jemand da, der ruft: „Aber!“ Und das bin ich jetzt hier: eine kleine, klitzekleine Landkarte mit den wichtigsten Orten, die hat mir gefehlt….
Das Buch liest sich gut und flüssig durch, auch wenn man manchmal meint, man hätte die eine oder andere Person schon mal irgendwo gesehen, bzw. gelesen. Damit meine ich eine gewisse Stereotypie in ihren Charakteren, die zwar farbig beschrieben sein mögen, aber doch an der Oberfläche verharren. Vielleicht wäre es garnicht verkehrt gewesen, auf den einen oder anderen Schlenker in der Geschichte zu verzichten, die eine oder andere schwere Verletzung, die die Kräuterkundigen dann in aller Eile heilen, zu verschweigen, das Glück nicht bei so vielen Gefangenbefreiungen und Fluchten zu bemühen. Auch in Zahra hat Korte für meinen Eindruck etwas zuviel hineingeschrieben, zuviel gemessen an der Zeit, in der sie lebte und ein ums andere mal geradezu selbstmörderisch selbstständig und emanzipiert handelt…
Facit: Ich schließe mich (mit Vorurteilen behaftet, wie ich nun mal bin..) dem Urteil einer Rezensentin bei amazon an: Das Buch ist wohl eher für Frauen denn für Männer geeignet. Aber trotzdem: um einfach mal eine Geschichte erzählt zu bekommen, die einem zudem noch einige historische Fakten vermittelt, kann man das Buch gut in die Hand nehmen.
Lea Korte
Die Maurin
Droemer/Knaur, 2010, Tb, 663 S.
ISBN-10: 3426502305
ISBN-13: 978-3426502303
Béla Szász: Freiwillige an den Galgen
Mai 22, 2010
Als ich Katie Martons: Die Flucht der Genies ins Regal stellte, natürlich zu den andern Bänden der „Anderen Bibliothek“, die ich mir in den ersten zwei Jahren ihres Erscheinens gekauft hatte, blätterte ich einige der Bücher mal wieder durch. Auffällig, daß sich unter den ersten 24 Bänden immerhin zwei befinden, die sich mit Ungarn befassen, unter anderem das hier vorgestellte von Béla Szász. Am Anfang etwas sperrig – wieder so eine dunkle Geschichte von Unterdrückung, Folter und Knechtung – entwickelte sie sich bald zu einer sehr scharfsinnigen und ausführlichen Analyse dessen, was hinter den berüchtigten Schauprozessen in der Ära des Stalinismus (und verallgemeinerbar hinter allen politischen Schauprozessen) steht, welche Funktion sie haben, nach welcher Logik zu funktionieren und wie sie choreographiert werden. So nahm mich das Buch dann schon nach wenigen Seiten in seinen Bann, es war ehrlich gesagt trockener, aber sehr spannender Lesestoff. Obwohl – ganz so trocken war er auch nicht, an manchen Stellen befleißigt sich der Autor eines sehr ironischen Stils, mit dem er den Folterhorror um so deutlicher werden läßt.

Béla Szász [2] arbeitet 1949 als Leiter der Presseabteilung des Landwirtschaftsministeriums in Budapest. Eines Tages wird er von mehreren Männern des Staatssicherheitsdienstes gebeten, mitzukommen, eine kurze Besprechung läge an. Dies ist der Beginn einer vieljährigen Inhaftierung, im größeren Massstab gesehen ist seine Verhaftung Teil einer Entwicklung, die letztlich in den Aufständen von 1956 mündet.
Ich will nicht auf Details eingehen. Szász, der ja viele Jahre im Ausland gearbeitet hat, wird beschuldigt, Spionage betrieben zu haben. Die Anschuldigungen sind absurd, die höheren Dienstgrade wissen auch darum, die niederen glauben jede noch so abwegige Denunziation, wähnen ihren Staat in Gefahr gebracht durch diesen Mann (und seine Mitverschwörer). Entsprechend wütend und konsequent setzen diese Männer ihre Art der Befragung (ironisch nennt Szász dies an einer Stelle seine „Abendgymnastik“): Prügel mit Gummiknüppel, wo immer sie auch treffen… Natürlich gibt es im Lauf der nächsten Tage auch systematischere Befragungen: Es wird nur noch auf die Fusssohlen geknüppelt. Oder auf die Hände.. Oder der Mund mit Salz gefüllt. Oder 9 Tage lang Stehen befohlen ohne Nahrung und Schlaf. Hunger ist schnell das beherrschende Gefühl (dies erinnert an die Aufzeichnungen von Pastior). Er pinkelt nur noch Blut, gebrochene Rippen, bis zu Unkenntlichkeit geschwollene Füße und Hände, dreckig, stinkend … Unterbrochen dies alles durch Verhöre mit immer denselben absurden Fragen und Verdächtigungen. Nur gestehen müsse er, sein Geständnis unterschreiben, was er zu gestehen habe, bekommt er gesagt. Dies geht monatelang, in verschiedenen Gefängnissen (untergebracht zum Teil in Löchern, in denen das Wasser auf dem Boden steht, man sich nicht ausstrecken kann und sich nur gehockt .. ja, was eigentlich? .. aufhalten?? kann, mit verschiedenen Verhöroffizieren und -methoden. Und immer dem gleichen Ziel: einem absurden Geständnis.
Wozu dies alles?
Zu dieser Frage analysiert Szász viele Interna der ungarischen Führungs“elite“ und -struktur. Dies ist für einen Aussenstehenden natürlich nur schwer nachvollziehbar. Klar wird aber schnell, daß (die zu 100 % von Moskau gesteuerten Vorgänge) dazu dienen, alle kommunistischen Führer, die im Krieg im westlichen Ausland im Untergrund waren, zu eliminieren. Warum dies alles? Hatte doch der Kreml „..Mittel und Wege, jeden jederzeit aus jeder politischen Stellung in Ungarn auch ohne Schauprozess spurlos verschwinden zu lassen. Der entscheidende Punkt war, wer am besten geeignet sei, als Instrument des Kreuzzugs gegen die Ketzerei und der allgemeinen Einschüchterung zu dienen, wer mit einem gewissen Maß an Wahrscheinlichkeit der Welt als Verräter an den Ideen Moskaus präsentiert werden könnte… [S. 249]“ Und dafür kamen nur solche Kommunisten in Frage, die zumindest zeitweise fremdem, westlichem Gedankengut ausgesetzt waren. Die Prozesse waren also Mittel zur Festigung der Macht, zur Etablierung auch des von Moskau gesteuerten Staatssicherheitsdienstes als eigentlichem Machtzentrum und zur Abschreckung und Einschüchterung nach Innen. In den Prozessen trennten sich, nach Szászs Worten, die „..die Gläubigen von den Ungläubigen, hier wurde die Spreu vom Weizen gesondert. ..[S.239]„. Überhaupt hebt er an einigen Stellen diesen quasi-religiösen Zug hervor: wie Christen daran glauben, da Jesu über das Wasser gelaufen ist, glaubt der Weizen an die Schuld der Angeklagten: „Credo, quia absurdum est“: Ich glaube, weil es unsinnig ist [a.a.O.]. Nach aussen hin war der Prozess auch und gerade gegen Tito gerichtet, der sich ja von den Moskauer Lehren abgewendet hat. Es sollte „entlarvt“ werden, daß „… Tito und die Mehrheit der derzeitigen jugoslawischen Regierungsmitglieder als verbündete der amerikanischen Imperialisten und als gewöhnlich Agenten der amerikanischen Spionageorganisationen… [S. 233]“ arbeiteten.
Szász analysiert das Wesen des Schauprozesses gegen den ehemaligen Innenminister Rajk, dessen unwilliger und bockiger Teil er ja war. Wie funktioniert so ein Verfahren im wesentlichen? Nun, in Ungarn genau mit diesem Wort: „im wesentlichen“. „Im Wesentlichen“ „…überbrückte den Abgrund zwischen Verdacht und Verbrechen…[S. 131]“ : z.B. war bei Menschen, die das Land illegal verlassen wollten, anzunehmen [auch so ein tödliches Wort], daß sie Spionageagenturen westlicher Geheimdienste informieren würden und daher waren diese Leute im wesentlichen Spione. Kannte nun ein Dritter einen solchen Flüchtling, wurde aus diesem Kontakt flugs ein Spionagekontakt (da ja gezeigt worden war, daß jener (im wesentlichen) ein Spion war), mit der Folge, daß man nach wenigen Schritten nur noch Spionagekontakte hatte….. [S. 131 ff]. Eine perfide „Logik“, nach Szász gefährlicher als frei erfundene Vorwürfe…..
„XY ist ein imperialistischer Agent. Realisieren! Farkas. [S. 117]„
Dieser dürre Satz des ungarischen Verteidigungsministers [3] (natürlich nach Vorgaben Moskaus) leitete alles ein. Das Urteil und auch die zu Verurteilenden waren festgesetzt (“ ist ein imperialistischer Agent“), die Begründung muss realisiert werden, die Aufgabe des Staatssicherheitsdienstes. „„Realisieren“ das heißt, das Urteil ausführen, wie die Bauleute den Plan des Architekten ausführen.“ [S. 117].
Für den Prozess der Realisierung differenziert Szász drei Phasen:
(i) im ersten Abschnitt sollen die Verdächtigen moralisch gebrochen werden und Geständnisse ablegen, mit denen sie sich selbst und ihre Mitgefangenen belasten
(ii) mit diesem Rohmaterial an Geständnissen wird das erste Konzept zusammengestellt, die Geschichten aufeinander abgestimmt und Unstimmigkeiten beseitigt
(iii) in der abschließenden Phase wird der letzte glättende und verschönernde Schliff gegeben: die Szenerie wird aufgebaut und der Öffentlichkeit präsentiert.
Danach wurde dann der eigentliche Prozess durchgeführt.
Diese drei Phasen beschreibt Szász aus eigenem Erleben sehr plastisch und genau, dabei mit einem Abstand, der die Schilderungen glaubhaft sein läßt. Er, der selbst nie etwas unterschrieben hat, überlebt nach dem unergründlichen Plan der Strippenzieher, viele derjenigen, die die falschen Versprechen geglaubt haben, werden zum Tod verurteilt. Aber die Qual und die Folter hört auch nach dem Prozess für die zu langen Haftstrafen verurteilten nicht auf, es ist eigentlich ein Wunder, daß man solche Zustände über Jahre hinweg überleben kann. Viele haben es auch nicht…. Szász selbst nimmt an, daß die Tatsache, daß er sich selbst immer im Spiegel sehen konnte, weil er seine Grundsätze nie verraten hat und nie nachgegeben hat, moralisch also immer richtig gehandelt hat, ihm geholfen hat.
Die Ironie der Geschichte.. viele derjenigen, die in dem Rajk-Schauprozess als Strippenzieher und Offiziere beteiligt waren, waren einige Jahre später, als sich der politische Wind gedreht hatte und andere Kräfte an der Macht waren, selbst Opfer von falschen Anklagen und saßen in denselben Zellen, in denen sie zuvor andere sperrten. Die Verurteilten des Rajk-Prozesses wurden rehabilitiert, das Vertrauen in die kommunistische Partei jedoch war schwer erschüttert. Wenige Wochen nach der pompösen Umbettung des seinerzeit gehängten Rajk brach der Aufstand in Ungarn aus.
Facit: ein sehr interessantes Buch sowohl über ein konkretes politisches Ereignis als auch eine tiefgründige Analyse totalitären Handelns.
Links:
[1] Wiki-Artikel zu László Rajk
[2] Biographische Angaben zu Béla Szász
[3] Wiki-Artikel zu Mihály Farkas
Béla Szász
Freiwillige an den Galgen
Greno, Nördlingen 1986, HC, 380 S.
Die Andere Bibliothek Band 19
ISBN 3891902190
Jenny Downham: Bevor ich sterbe
Mai 17, 2010

„…. Auf einem Hocker am Küchentisch sitzend, ergänze ich die [vorgefundene Einkaufs]Liste mit Karamellschokolade, Sechserpack Sahnecremeeier. Die gefüllten Schokoeier wünsche ich mir besonders, weil ich die so gerne zu Ostern kriege. Bis Ostern sind es noch zweihundertsiebzehn Tage.
Vielleicht sollte ich ein bisschen realistischer sein. Ich streiche die Cremeeier aus und schreibe: Schokoladenweihnachtsmann in rot-goldener Folie, mit Glöchchen um den Hals. Den könnte ich ja wohl bekommen. Bis Weihnachten sind es hundertdreizehn Tage.“
Tessa Scott ist 16 Jahre alt. Sie leidet seit Jahren an Leukämie und der Krebs ist jetzt soweit fortgeschritten, daß klar ist, daß sie bald sterben wird.
Tess lebt mir ihrem Vater und ihrem jüngeren Bruder Cal zusammen. Ihre Mum hat die Familie schon vor langer Zeit verlassen, um zu einem anderen Mann zu ziehen. Tess geht nicht mehr in die Schule, ihre beste Freundin ist die ein Jahr ältere Zoey.
Tess mit ihren 16 Jahren weiß, daß ihr Leben eigentlich erst beginnt, sie weiß, was es für sie bereithalten könnte, einen Freund, einen Mann, Schule, einen Beruf, Freunde, Kinder… und sie weiß, all dies wird es nicht geben. Was kann man machen in einer solch fürchterlichen Situation? Sich resigniert in die Ecke setzen: das ist Tess Sache nicht, sie will in die Zeit, die ihr bleibt, soviel Leben packen, wie es irgend geht. Sie will das Gewicht eines Jungen auf sich spüren, Drogen nehmen, Unerlaubtes tun, sie will Ruhm, Auto fahren und einen Tag lang, zu allem, was man ihr vorschlägt, „Ja“ sagen…. All diese und noch mehr Wünsche schreibt sie an die Wand in ihrem Zimmer und sie will nicht sterben, bevor sie diese Liste abgearbeitet hat [4].
Sie fängt mit Zoeys Hilfe an, ihre Liste abzuarbeiten. „Das erste Mal“ ist nicht so toll, wie sie es sich ausgemalt hat, der „Ja“-Tag endet im Krankenhaus und der Gesetzesbrech-Tag („… Jemand wie du hat keine Konsequenzen zu befürchten„) beim Ladendetektiv. Aber sie lebt und die Drogen, die sie und Zoey vom gärtnernden Nachbarjungen Adam bekommen, machen sie alle high und noch mehr: sie spürt, daß zwischen Adam und ihr etwas ist, was anders ist als mit anderen Menschen.
Tess nimmt sich heimlich das Auto ihres Vaters. Fahren kann sie natürlich nicht, genausowenig wie sie einen Führerschein hat. Sie trifft die Gänge mehr durch Zufall, als sie merkt, daß das Auto sogar einen fünften Gang hat, ist sie glücklich. Zoey leidet Todesängste, Tess fährt auf der Schnellstraße im heftigsten Gewitter ohne Scheibenwischer ein Höllentempo, sie fordert ihr Schicksal heraus, sie fordert den Tod heraus, aber der Tod nimmt sie noch nicht und irgendwie scheint es mir so, als ob er nach dieser Fahrt sogar den Schrecken ein wenig verloren hat. Tess hat den Tod gesehen und sie hat keine Angst vor ihm gehabt.
Wenn man weiß, daß man stirbt, darf man sich dann verlieben? Darf man einen anderen Menschen an sich binden, wenn man weiß, daß man ihn bald verlassen wird und nicht nur das, sondern, daß man ihn auf eine harte Probe stellen wird, denn Tess geht ja nicht einfach, sie vergeht, sie welkt dahin, vertrocknet, verkümmert, siecht und wird leiden bevor sie stirbt. Darf man das? Sie hat Glück in Adam einen Jungen gefunden zu haben, der die Stärke hat, die Liebe auszuhalten und auch das Sterben. Und sie hat die Kraft, Adam das zuzumuten, ihm, der bei ihr bleibt bis zum Schluss, der sie wärmt und einhüllt, der sie beschützt vor der äußeren Kälte und sie nicht allein lassen wird bis zum Schluss….. sie wird mehr Liebe erlebt in den wenigen Wochen als manche Menschen ihr Leben lang…
Downham hat in ihrer Sprache wunderschöne Bilder für hässliche Ereignisse gefunden. Die dicken, aus Tess´ Nase rinnenden Blutstropen werden zu erblühenden Mohnblumen auf dem Teppich, die Seiten der Bücher, die sie – eine Art letztes Aufräumen und Abschiednahme – aus dem Fenster schmeißt, flattern wie exotische Vögel…. Tess sieht ihre Umwelt oft in Bildern, in Gleichnissen, in Analogien, ihre Gedanken schweifen umher, ihre Phantasie gaukelt ihr Bilder vor, die ihr guttun. Sie erinnert sich an all die Ereignisse, die sie nicht erleben wird… Downham schildert dies alles unsentimental, aber um so eindringlicher und glaubwürdiger. Tess ist keine Heilige geworden, sie ist zynisch, sarkastisch, sprunghaft, sie nimmt keine Rücksicht, aber das kann sie auch nicht, muss sie doch in die immer kürzer werdenen Pausen, die ihr ihr Körper zwischen den Zusammenbrüchen läßt, noch soviel hineinzwängen.
Tess wird Lauren Tessa Walker, die noch ungeborene Tochter von Zoey nur in ihrem Träumen in den Armen halten. Sie stirbt und ihre Familie und Adam sind um sie herum versammelt. Punkt dreiunfünfzig ihrer Liste heißt „Augen aufmachen„… aber sie schafft es nicht mehr….
…. und ich heul in Erinnerung an dieses Kapitel wie gestern abend schon wieder Rotz und Wasser….
„Das Geräusch eines Vogels, der tief über den Garten hinwegfliegt. Dann nichts. Nichts. Eine Wolke zieht vorbei. Wieder nichts. Licht fällt durchs Fenster, fällt auf mich, in mich.
Augenblicke.
In diesen einen münden sie alle.“
Facit: ein sehr lesenswerter, eindringlicher, bewegender Roman, der aber trotz allem voller Kraft und Lebenswillen strotzt.
Anmerkungen und Links:
[1] Die Erinnerungswiese auf dem Kloster Jakobsberg bei Bingen
Wie der Zufall es so will…. als ich das Buch über Tessa zu lesen begann, war ich wieder mal einen Tag auf dem Kloster Jakobsberg bei Bingen und bin zum ersten Mal ganz bewusst über diese Erinnerungswiese gegangen. Die gepflanzten Bäume, am Fuss die Erinnerungen an einen Oliver, einen Dominique, eine Michaela… bunte Schmetterlinge, Lampions, Käfer, Lichterketten, einfache Namensschilder. Wieveil Leid verbirgt sich hinter all dem, was jetzt im Frühjahr so frisch aussieht, sprießt und blüht….
[3] homepage der Pediatrische Onkologie und Hämatologie
[4] vgl. Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird
Jenny Downham
Bevor ich sterbe
Goldmann, 2009, Tb, 320 S.
ISBN-10: 3442471060
ISBN-13: 978-3442471065
Sue Monk Kidd: Die Meerfrau
Mai 16, 2010

Jessie Sullivan, Hausfrau, Mutter und verhinderte Künstlerin, lebt mit ihrem Mann Hugh, einem Psychiater, in Atlanta, die Tochter Dee ist mittlerweile aus dem Haus, um zu studieren. Die Ehe der beiden ist harmonisch, sie läuft in der täglichen Routine in den mittlerweile seit Jahren eingespielten Rollen Tag für Tag ab. Jessie stammt von Egret Island, einer kleinen Insel vor der Küste von South Carolina, dort hat sie bis zum Tod ihres Vaters, bei dem sie 10 Jahre alt war, eine glückliche Kindheit erlebt. Danach wurde alles anders und Jessie verließ die Insel, in den letzten Jahren sogar im Streit mit ihrer Mutter.
Da ruft eines Tages Kat, ihre Tante, an und teilt Jessie mit, daß sich ihre Mutter einen Finger abgeschnitten hat. Natürlich ist Jessie erschüttert und reist – trotz des Zerwürfnisses mit ihrer Mutter – auf die Insel. Dort findet sie vieles unverändert vor, aber auch manches ist anders und sie merkt schnell, daß auf der Seele ihrer Mutter ein schwerer, dunkler Schatten liegt.
Touristischer Anziehungspunkt der Insel ist das dortige Benediktinerkloster mit seinem Meerjungfrauenstuhl [2], um den viele Sagen und Geschichten kreisen. Die Mönche sind schon älter, nur einer von ihnen, Bruder Thomas, ist noch jünger. Und in diesen verliebt sich Jessie bei der ersten Begegnung so wie er sich in sie.
Die Rückkehr auf die Insel ruft in Jessie alle längst verschüttet geglaubten Erinnerungen an ihre Kindheit wieder wach. Voller Melancholie und Sentimentalität reist sie in ihren Gedanken immer und immer wieder zurück, vor allem zu ihrem Vater, an dessen Tod sie Schuld zu haben glaubt, denn es scheint festzustehen, daß der Funken, der sein Boot zum Explodieren brachte, aus der Pfeife stammte, die sie ihrem Vater geschenkt hatte. Doch dann findet sie eines Tages die Pfeife ganz hinten in einer Schublade, verwahrt und versteckt von der Mutter mit anderen Erinnerungsstücken. Damit wird ihr gesamtes Leben durcheinander gewirbelt, denn die vermeintliche Schuld, die sie seit ihrer Kindheit trägt, scheint nicht zu existieren.
Mit einem Mal ist alles in Frage gestellt, denn so wenig, wie sie hierauf eine Antwort weiß, so wenig kann sie sich der Erkenntnis erwehren, die ihre so fest geglaubte Beziehung zu Hugh durchschlagen hat und sie das nie für denkbar gehaltene machen läßt: sie läßt sich auf ihre Liebe zum Mönch ein, wird zur Meerfrau, die nach Liebe sucht und nach Erlösung. Bei Hugh kann sie die nicht finden, hier sind die Verhältnisse festgezurrt, feste Rollen verteilt und damit auch Fesseln gelegt, die Jessie jetzt auf der Insel abstreift.
Sie, die sich zu Hause künstlerisch mit Dioramen auseinandersetzte, mit Kästen, in den sie ihre Figuren einsperrte, besorgt sich Malutensilien und fängt, von Kat angeregt, wieder an zu malen. Meerjungfrauen malt sie, immer wieder Meerjungfrauen, sie malt sie für Kat, die diese in ihrem Lädchen verkaufen will, aber in Wirklichkeit malt sie ihre Seele, die aufgewühlt und in Unruhe ist, sie malt ihre Wünsche, ihre Gier, ihre neue Liebe in die Bilder hinein, Ebbe und Flut sind ihr Motiv….
Jessie durchlebt eine Art weiblicher Midlifecrisis, für sie stellt sich alles in Frage. Sie spürt, daß ihr die neue Beziehung zu Whit neue Räume in ihr selbst erschließt, sie erkennt, wie sehr sie sich in ihrer alten Ehe selbst gefesselt und auf bestimmte Rollen festgelegt hat. Aber natürlich ist auch die neue Liebe, zu einem Mönch zumal, nicht unproblematisch, schlechtes Gewissen und Schuldvorwürfe lasten auf ihr.
Obwohl sie auf der Insel recht zurückgezogen bei ihrer Mutter lebt, ist sie nicht alleine. Es gibt einen alten, sehr intensiven Bund zwischen Nelle, Jessies Mutter, Kat und Hepzibah, einer weiteren, von Sklaven abstammenden Freundin. Geschlossen wurde er bei den früher gefeierten Allerfrauen-Picknicks am Strand, ein geflochtenes Band, das die Leben der drei Frauen verschweissen sollte, wurde dem Meer überantwortet…. Dieser Frauenbund existiert immer noch und er trägt Jessie und ihre Mutter in ihr (in gewissem Sinn) neues Leben mit hinein.
Zwei Lieben stellt Kidd uns hier gegenüber: die gewöhnliche (so schreibt sie in ihrem Interview [1]), eheliche Liebe, abgeschliffen, eingefahren, routiniert mit vllt schon daran ermüdeten Partnern. Und die sprichwörtliche Liebe auf den ersten Blick, allumfassend, intensiv, verzehrend. Wie kann man zwischen diesen beiden Extremen entscheiden, der Sicherheit, Geborgenheit und Verlässlichkeit auf der einen, dem Feuer, der Lust und Gier nach Leben – auch dem Risiko des Scheiterns – auf der anderen Seite?
Die Autorin wählt die „amerikanische“ Lösung [4], Jessie reift an der Situation, sie kann auch die Frage nach ihrer Schuld an des Vaters Tod lösen. Aber auch Bruder Thomas ist kein Verlierer, auch er erkennt das wahre Motiv seiner Liebe zu Jessie… und so kann sie die Ehe zwischen Hugh und Jessie retten, in veränderter, gereifter Form…. ein zuckersüßes Ende.
Natürlich steht im Buch noch viel mehr an Details, spielen viel mehr Personen eine Rolle, werden beschrieben und charakterisiert. Gleiches gilt für die Marschlandschaft auf Egret Island, die Tiere dort und die Pflanzen, das Meer, den Himmel…. all dies beschreibt Kidd zum Sehnsucht bekommen, in leichten, zarten Bildern voller Einfühlungsvermögen und Sensibilität.
Es ist ein leises Buch voller Nachdenklichkeit, eine Reise in das Innere der Protagonisten, eine Begegnung von ihr mit sich selbst. Behutsam und mitfühlend führt uns Kidd mit auf diese Reise zur Seele Jessies, in der Schuld vergraben ist und der Verlust des Vaters sich eingebrannt hat, ihr Leben immer noch bestimmt. Dies zu erkennen ist ihre Befreiung, sie ist bei sich angekommen und kann zu sich stehen.
Facit: leise und eindringlich, nachdenklich und vielschichtig. Nur das Ende ist mir etwas zu süß….
Links:
[1] Interview mit der Autorin
[2] Meerjungfrauenstuhl in der Kirche St. Senara
[3] Wiki-Artikel zur Meerjungfrau
[4] Im Film „Vertrauter Feind“ sagt der Ire (Brad Pitt) zum Amerikaner (Harrison Ford) an einer Stelle auf die Frage, wie dieses gezeigte Risiko wohl ausgehen werde, das sei kein amerikanischer Film, sondern ein irischer. Soll meinen: blutig… ich muss oft an dieses Zitat denken…. so auch hier
Sue Monk Kidd
Die Meerfrau
btb ,2008, 384 S.
ISBN-10: 3442733227
ISBN-13: 978-3442733224
Sherwin B. Nuland: Wie wir sterben
Mai 8, 2010

Der Mediziner Nuland veröffentlichte 1993 sein Buch: „How to Die“, das ein Jahr später in deutscher Übersetzung erschien. Soweit ich mich erinnere (ich habe mir das Buch schon damals, direkt nach dem Erscheinen gekauft) war das seinerzeit schon ein wenig aufsehenerregend, wie in dieser Deutlichkeit Krankheitsverläufe und Sterbeprozesse beschrieben wurden. Mittlerweile hat dieses Thema gottseidank weitgehend seinen Tabucharakter verloren, Institutionen und Einrichtungen wie die Hospizbewegung, Patientenverfügung, Betreuungsvollmachten, das Aufkommen der Palliativmedizin haben dazu ebenso beigetragen wie die inzwischen mehr wie zahlreichen Publikationen zum Thema.
Ich erinnere mich noch gut, daß ich das Buch von Nuland damals nicht zu Ende gelesen habe, mir waren diese expliziten Schilderungen, was einmal (auch mit mir) geschehen wird, zu belastend. Da ich mich aber heutzutage viel mit diesem Thema auseinandersetze (im Blog habe ich ja schon einige Bücher zu diesem Themenkomplex vorgestellt), habe ich mir auch „Wie wir sterben“ noch einmal aus dem Regal geholt.
Ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen als Mediziner untersucht Nuland das Thema unter zwei Aspekten: zum einen dem rein medizinischen Aspekt: was passiert im Körper bzw. ist passiert, wenn der Mediziner diese oder jene Krankheit diagnostiziert. Welchen Schaden hat sie angerichtet, wie ist sie zustande gekommen, was kann man dagegen tun, welche Aussichten bestehen. (Selbstverständlich ist das Buch, das vor 17 Jahren erschient, bzgl der medinzinischen Seite nicht mehr Stand der Technik, diese hat sich was Diagnostik und auch Therapie angeht sehr viel weiterentwickelt.) Und es ist nicht immer schön, was das Alter für den Menschen bereit hält, Phillip Roth hat es ja (wenngleich auch nicht unwidersprochen [2]) als „Massaker“ [1] bezeichnet….. Ausführlich geht Nuland auf folgende Krankheiten ein: den Herzinfarkt, den Schlaganfall, Krebs, Alzheimer und Aids (wobei diese Krankheit damals noch relativ „neu“ war). Ferner bespricht er allgemeine Alterungsvorgänge beim Menschen, ein Abschnitt beschäftigt sich mit Unfall, Selbstmord und Sterbehilfe. In diesen Kapiteln arbeitet er anhand von Einzelfällen allgemeine Charakteristika der jeweiligen Krankheiten heraus und stellt diese klar, deutlich und verständlich dar.
Das Buch hat den Untertitel „Ein Ende in Würde?“, wobei das Fragezeichen wichtig ist, denn es ist schon eine Frage, was unter der Würde eines Kranken, Sterbenden zu verstehen ist. Der körperliche Verfall eines Menschen, dieses angesprochene „Massaker“, kann (und garnicht mal so selten) zu Zuständen führen, bei denen man schwerlich von würdig reden kann. Inkontinenz, geistige Verwirrung, Orientierungslosigkeit, völlige Hilflosigkeit, Sprachverlust und damit der Verlust an Eigenständigkeit stellen eine so große Einbuße dar, daß darunter auch das gesamte Bild des Menschen leidet.
Was also heißt es, die Würde des Sterbenden zu wahren, sozusagen den kontinuierlichen Übergang zur Totenwürde [3] zu meistern? Es heißt im Grunde, auch den Sterbenden in seinem Menschsein zu achten, ihn in seinen reduzierten und jetzt sehr spezifischen Bedürfnissen ernst zu nehmen, ihn nicht allein zu lassen, ihn zu begleiten. Es heißt, ihm gegenüber wahrhaftig zu sein, ihm keine Hoffnung machen (die er, der Sterbende unter Umständen sowieso nicht glauben wird), wo keine ist, die eigene Unsicherheit zugeben, wo sie vorhanden ist, fähig sein, mit ihm über Tod und Sterben zu reden, ihn zu fragen, was er braucht, um eventuell Frieden zu finden. Nuland führt ein langes Zitat aus Tolstois Novelle: Der Tod des Iwan Iljitsch an, in dem dieser bitterliche Klage darüber führt, warum ihn jeder anlügen würde ob seines Zustandes und niemand mit ihm redete: „Das, was Iwan Iljitsch am meisten quälte, war die Lüge….“ [4]
Vor allem auch appelliert Nuland an seine Berufskollegen, den Tod eines Patienten nicht länger als Niederlage der ärztlichen Kunst aufzufassen, sondern als das natürliche Ende eines jeden Lebens, eines jedes Lebewesens, das existiert. Sind die Lebensspannen auch noch so unterschiedlich wie zwischen Eintagsfliege und Mammutbaum, alles lebende wird sterben, muss sterben. Deshalb, so Nuland (und an diesen Forderungen hat sich auch Jahre später nichts geändert, vgl. Ridder [5]) sollte der Arzt immer auch den Menschen und sein Wohl im Auge haben und sich nicht nur auf die Krankheit konzentrieren. Sinnloses Behandeln, daß weniger Leben verlängert als eher das Sterben verhindert, lehnt er deutlich ab, auch aus den eigenen Erfahrungen und Fehlern seines Berufslebens heraus.
Daß diese Forderungen im Grundsatz heute noch genauso an die Ärzteschaft gerichtet werden müssen [5], bedeutet natürlich auch, daß Nulands Appell sich zumindest noch nicht allgemein durchgesetzt hat, daß verbreitet immer noch behandelt wird um der Behandlung willen, und nicht um des Patientenwohls willen. Eine Behandlung muss „vernünftig“ sein, daß heißt, eine akzeptable Chance auf Verbesserung bieten. Was akzeptabel ist, das haben Arzt und Patient gemeinsam festzulegen [6], vor allem unter dem Gesichtspunkt des Patientenwohls.
Facit: Hier hat sich ein Arzt Gedanken gemacht um seine Tätigkeit und auch aus Fehlern gelernt. Immer noch sehr lesenswert.
Anmerkungen und Links:
[1] Interview mit Philipp Roth im Spiegel
[2] H.J. Vogel in der FAZ
[3] vgl. zu diesem Begriff: Uden R.: Wohin mit den Toten? Totenwürde zwischen Entsorgung und Ewigkeit, Gütersloh 2006
[4] hier kann in Auszügen die Textstelle nachgelesen werden
[5] Michael de Ridder: Wie wollen wir sterben? zur Buchbesprechung
[6] in diesem Zusammenhang sind die „Diktate über Sterben und Tod“ von Peter Noll (Piper, 1984) interessant, der nach einem diagnostizierten Blasenkarzinom jegliche Behandlung verweigert – obwohl die Überlebenschancen anfänglich mit 50 % angegeben werden (S.9). Noll spricht an anderer Stelle (S. 26) sogar davon, daß „der Lebenszwang einfach nicht so stark sein [darf], dass du all dies [Apparate, Kanülen in jeder Körperöffnung etc pp] über dich ergehen läßt. Der Lebenswille muss sich dem entgegensetzen.“
Vllt. sollte ich das Buch doch mal weiterlesen, ich habe es nach mehreren Anläufen immer wieder beiseite gelegt. Es sind zu viele allgemeine Betrachtungen in diesen Diktaten, die mich nicht so interessieren….
Sherwin B. Nuland
Wie wir sterben
Kindler, 1994, HC, 400 S.
ISBN-10: 3463402114
Alina Reyes: Das Labyrinth des Eros
Mai 8, 2010

Beim Lesen dieses Buches musste ich dran denken, wieviel Sex bzw. Erotik doch mit Essen gemeinsam hat: es ist meist nichts wirklich Neues, aber man freut sich doch immer wieder drauf, so wie man hungrig wird, bekommt man/frau auch immer wieder Lust, es gibt Situationen, Vorstellungen, die appetitanregend – oder auch nicht – sind. Man kann alleine essen, zu zweit oder auch in Gesellschaft, große Menues oder auf die Schnelle einen Happen, man kann sich aus vielen kleinen Gerichten eine Speisefolge zusammenstellen oder sich an einem frugalen Mal sättigen … selbst das Durchstöbern von Kochbüchern kann Freude machen so wie auch das Lesen von erotischer Literatur anregend sein kann.
Reyes Buch, um im Bild zu bleiben, ist wie eine lange Tafel voller kleiner Speisen angerichtet in allen möglichen Geschmacksrichtungen. Frei wählen kann man nicht, denn hat man sich auf das Spiel eingelassen) , so wird man geführt, jeder Teller, von dem man isst, gibt einem die Wahl zwischen zwei oder drei neuen Gerichten, die verdeckt sind und erst nach der Wahl entblößt werden.
Genug der bildhaften Umschreibung. Das Buch bietet im Grunde zwei Bücher zum Preis von einem. Eine Frau (und im zweiten Teil dann ein Mann) begegnet einem kleinen Zirkus und betritt dort ein Labyrinth in der Hoffnung, dort dem Traumpartner zu begegnen. Die langen Gänge führen zu Türen, hinter den Türen finden sich beide in erotischen Situationen aller möglicher Arten wieder. Die Abenteuer, die sie erleben, gehen nur selten über mehr als vier oder fünf Seiten.. man sieht, die Autorin kommt schnell zur Sache in ihren Episoden. Subtileres als Erotik oder Sex darf nicht erwartet werden, aber wenn man nicht mehr erwartet, wird man nicht enttäuscht. Ist das Abenteuer für die Protagonisten befriedigend ausgefallen, sind sie sozusagen fertig geworden, treten sie wieder in den Gang und haben die Wahl zwischen neuen Türen bzw. als Leser zwischen neuen Kapiteln/Episoden. Man ist also ordentlich am Blättern so man sich an diese Vorgaben hält und ich denke mal, man überblättert auch die eine oder andere Geschichte. Je nachdem wie man es sieht, ist es eine nette Idee oder es das ewige Blättern nervt gehörig.
Wer mehr über den Inhalt wissen will, kann sich diese Rezi des Hörbuchs anklicken.
Facit: Wenn einem nach Fast Food ist, ist das Buch ok.
Alina Reyes
Das Labyrinth des Eros
Broschiert: 360 Seiten
Bvt Berliner Taschenbuch Verlag; 2006, 360 S.
ISBN-10: 3833303808
ISBN-13: 978-3833303807
Kati Marton: Die Flucht der Genies
Mai 2, 2010
Kein anderes Land Europas hat, gemessen an seiner Bevölkerungszahl, so viele Nobelpreisträger hervorgebracht wie Ungarn. Kati Marton, der Diktatur 1956 mit ihrer Familie selbst nur knapp entkommen, schildert das Schicksal von neun hochtalentierten ungarischen Juden, die erst vor den Schrecken der Horthy-Diktatur und dann vor den Verbrechern des Nationalsozialismus fliehen mussten und die später die Welt veränderten. Ohne die Nuklearphysiker und Mathematiker Léo Szilárd, Eugene Wigner, John von Neumann und Edward Teller hätte es die Atombombe nicht gegeben. Die Photographen André Kertész und Ropert Capa prägten Kunst- und Kriegsphotographie des 20. Jahrhunderts.
Der Regisseur Michael Curtiz ist der Schöpfer des unsterblichen Melodrams »Casablanca«. Alexander Korda, Produzent von »Sein oder Nichtsein« und »Der dritte Mann« beeinflusste die britische Filmgeschichte wie kein anderer. Arthur Koestler schließlich zählt zu den berühmtesten politischen Essayisten und Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Sie alle gehörten einer Generation an und wuchsen auf in der goldenen Periode Budapests. [1]

Ungarn, in der Mitte unseres Kontinents gelegen, beherbergt, frei nach Koestler, dessen einsamste Menschen, denn ihnen fehlen die ethnischen und sprachlichen Verwandten. So fühlen sie sich isoliert und auf sich allein gestellt, vielleicht weckt dies in besonderer Weise ihre Kreativität und Leistungsfähigkeit.
Nachdem Ungarn als Teil der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn [2] Gleichberechtigung erlangte, nahm es einen erstaunlichen Aufschwung. Es herrschte Aufbruchstimmung, es wurde gebaut, Budapest entwickelte sich mit seinen Theatern, Cafés und Geschäften zu einer der lebendigsten Metropolen auf dem Kontinent, voller Lebensfreude und Begeisterung. Ein großer Teil dieser Entwicklung geht auf das Konto des sehr großen Anteils an Juden unter der Budapester Bevölkerung. Diese waren – ganz im Gegensatz zur jüdischen Kultur des polnischen Schtetl, wie sie z.B. Singer schildert [3] – assimiliert, lebten nicht in Ghettos oder eigenen jüdischen Stadtteilen und waren auch oft nicht sehr religiös [4].
Alle neun Männer, die Marton porträtiert, wurden in dieser kurzen, hellen Periode der ungarischen Geschichte geboren, die nach dem 1. Weltkrieg mit dem wieder erstarkenden Nationalismus umschlug und endete. Gewalt, Angst und Unfreiheit veränderten das Klima und unterdrückten nicht nur die Eigenschaften, die Freiheit und Inspiration, die Gedankenaustausch und Diskussionen brauchen, um zu gedeihen, sondern vertrieben auch und gerade die hellsten Köpfe, die freiesten Geister. Jung waren sie noch, diese Männer, als sie aus der Geborgenheit ihrer Verhältnisse herausgerissen und letztendlich vertrieben wurden. Sie flüchteten in andere Städte wie Berlin oder Paris, zum Teil mussten sie auch von dort wieder weiter fliehen, denn mit Hitler und dem Nationalsozialismus sollte das Schlimmste erst noch kommen. Zum Teil wurden sie nirgends mehr heimisch, lebten mit gepackten Koffern, in Hotels, weil sie keine Wohnung ertrugen, aber sie nahmen die ungarische Kultur mit, die sie erlebt und mitgeprägt hatten, die Diskussionsfreude, den Cafébesuch und den Drang, nicht zu stagnieren, sondern weiter zu gehen, neues zu probieren.
Marton stellt das Schicksal ihrer Hauptpersonen immer in der jeweilige Epoche vor: ihre Kindheit in den Familien während der goldenen Jahre, die Phase wachsender Gewalt und Unterdrückung, die Flucht aus Ungarn und schließlich das Leben in der Fremde. So lernt man parallel zu den Schicksalen der neun Männer einen Aspekt der europäischen Geschichte, der einem normalerweise etwas entfernt liegt. Von ca. 1920 bis in die Neuzeit, ca. 1990 mit dem Fall der Mauer und des gesamten Eisernen Vorhangs, lebte Ungarn unter totalitären Regimen unterschiedlicher Coleur, aber immer mit gleicher Charakteristik: Unterdrückung, Gewalt, Angsterzeugung. Auch die vormals so unbehelligt und gleichberechtigt lebende jüdische Bevölkerung musste noch 1944 ihre „Sonderstellung“ erfahren, noch kurz vor Kriegsende setzte Eichmann alles dran, sie auszulöschen [5]
Die neun Männer sind – wie nicht anders zu erwarten – äußerst unterschiedliche Charaktere, geprägt nicht nur durch ihre Veranlagung und ihr Talent, sondern auch durch ihre Erfahrungen, die sie zu Vertriebenen machte. So wird im Lauf des Buches klar, wieso z.B. Teller (dieser Dr. Seltsam, der die Bombe liebte) so verbissen als (kalter) Krieger auftrat und der Sowjetunion (und allen „Linken“, Oppenheimer musste es besonders büßen) immer mit Misstrauen entgegentrat. Kertesz hingegen, der „stille“ Fotograph mit dem Auge für Komposition und den richtigen Zeitpunkt, geriet lange in Vergessenheit, anders als der lebensdurstige Capa, der als Kriegsphotograph Karriere machte und schnell eine Berühmtheit war.
Nach dem Lesen des Buches hatte ich das Gefühl, ich würde die von Marton porträtierten Männer kennen, so einfühlsam, so sorgfältig (auch mit ihren negativen Eigenschaften) werden sie dargestellt. Der Anhang offenbart, welches Ausmass das Quellenstudium der Autorin gehabt haben muss… Natürlich nimmt die Autorin als Jüdin und ebenfalls aus Ungarn geflohene besonderen Anteil an den Lebensgeschichten, die sie erzählt – aber dies kommt dem Buch sehr zugute, denn dadurch hat das Buch nichts konstruiertes, sondern ist von der ersten Seite an authentisch. Marton beschreibt in gewisser Weise mit diesem Buch auch ihr eigenes Schicksal, schreibt sich dieses Schicksal von der Seele. Die Gespräche, die sie in der Vorbereitung für ihr Buch mit diversen Menschen, Verwandten, Bekannten der neun Männer, führte, müssen für sie selbst eine äußerst intensive Aufarbeitung ihrer eigenen Familiengeschichte gewesen sein.
Wenn es eins an dem Buch zu be“mängeln“ gibt, dann ist es, daß es nur relativ wenige Beispiele der fotographischen Arbeiten von Kertesz und Capa enthält. Viele Bilder werden im Text erwähnt, auch beschrieben, aber das kommt natürlich in keiner Weise an das „Schauen“ heran… [7]
Facit: ein hochinteressantes Buch über ebensolche Schicksale
Links/Anmerkungen:
[1] Nach der Verlagsbeschreibung des Buches
[2] Wiki-Artikel zur Doppel-Monarchie Österreich-Ungarn
[3] vgl hier im Blog der Roman „Schoscha„
[4] 1867 war in Ungarn ein Gesetz zur Emanzipation der Juden erlassen worden, in dessen Folge sehr viele Juden vom Land in die Städte zogen. Zeitweise betrug der jüdische Anteil an der budapester Bevölkerung über 20%, 1912 wurde ein jüdische Bürgermeister gewählt, Juden hatten ebenso Zugang zu allen Bildungs- und kulturellen Einrichtungen.
[5] vgl. Imre Kerteszs „Roman eines Schicksallosen“ (dieser Kertesz ist nicht verwandt mit dem Fotographen, den Marton vorstellt, aber auch ein Ungarn, der einen Nobelpreis erhalten hat…)
[6] ganz abgesehen davon, daß es Szilard und Wigner waren, die Einstein zur Unterschrift unter den berühmten Brief an Roosevelt brachten, in dem jener seiner Sorge Ausdruck verlieh, daß es in Kürze möglich sein könnte, atome Kettenreaktionen zum Bau von Bomben zu nutzen und die Vereinigten Staaten selbst an der Entwicklung solcher Bomben arbeiten sollten.
[7] über Andre Kertesz gibt es in der stern-spezial Reihe: Fotographie einen Portfolio, in dem eine Vielzahl der beschriebenen Bilder zu finden sind [Andre Kertesz, teNeues Verlag 2003, ISBN: 3570194264). Bei diesen Portfolios nachzuschauen ist mir leider auch erst eingefallen, als ich das Buch von Marton ausgelesen hatte….
Nachtrag: Ende 2011 ist auch ein Portfolio über Robert Capa veröffentlich worden
Kati Marton
Die Flucht der Genies
Die Andere Bibliothek Bd.
Eichborn; März 2010, HC, 400 S.
ISBN-10: 382186219X
ISBN-13: 978-3821862194





