John Burnside: Die Spur des Teufels
April 30, 2010

„Die Spur des Teufels“ von Burnside ist ein verstörendes Buch. Es ist eine Reise in das Innere eines Menschen, in die Ambivalenz der menschlichen Seele….
Michael Gardiner lebt mit seiner Frau Amanda in Coldhaven, einer kleiner schottischen Küstenstadt. In der Morgenzeitung liest er vom schrecklichen Suizid einer Frau, die sich mit ihren zwei kleinen Söhnen in einem Auto verbrannt hat. Diese Frau, das wird ihm bald klar, ist seine frühere Freundin Moira, mit der ihn außer seiner Liebschaft noch ein weiteres, schreckliches Geheimnis verbindet. Und vielleicht sogar ist die noch lebende Tochter Moiras sein Kind, rechnerisch möglich jedenfalls wäre es.
Diese Zeitungsnotiz weckt alte Bilder in Michael, der als Kind mit seinen Eltern, einem Künstlerehepaar, in dieses Städtchen gezogen war. Dort werden sie, die Eltern so wie Michael, Zielscheibe der Nachstellungen der Einheimischen. Sie sind und bleiben Fremde mit fremden Interessen und Gewohnheiten, mit einer unbekannten, gleichwohl unheilvollen Vergangenheit, sie fordern den Widerstand der Alteingesessenen, die lieber unter sich bleiben wollen, geradezu heraus. Besonders prägend war dies für Michael, den sich Malcolm Kennedy als speziellen Freund erkor, ihm Geld abpresste, ihn schlug, schikanierte und drangsalierte, wie es ihm in den Kram passte. Erst Mrs Collings, eine alte, ebenfalls als sonderlich verschrieende Dame, nimmt sich des Jungen Michael an und zeigt ihm eine Möglichkeit sich zu wehren.
Die Frage, ob Hazel, die Tochter Moiras und Enkelin jenes Malcolm, sein Kind ist, läßt ihn nicht los. Er fängt an, Hazel zu beobachten, ihr Leben zu erkunden, aber er unterschätzt das Mädchen, das seine Nachstellungen bald bemerkt. In einem plötzlichen Entschluss entflieht Michal auf einmal seiner Ehe mit Amanda, die nur noch Äußerliches ist: er fährt mit Hazel auf und davon. Diese Roadstory ist enttäuschend, er weiß nicht, was er von dem Mädchen überhaupt will, er wird sich selbst immer mehr ein Rätsel, räsoniert über seinen temporären Wahnsinn. Das Mädchen scheint mit ihm zu spielen, kann ihn reizen, abweisen, manipulieren wie es ihm beliebt. Aus dem Beobachter, Jäger, Michael ist schon längst der Gejagte geworden, nur daß dieser es noch nicht bemerkt hat…
Hazel verschwindet eines Abends, läßt ihn zurück ohne Geld, ohne Auto, nur die Kleider, die er am Leib trägt, bleiben ihm. Nach einem letzten Frühstück im Hotel prellt er die Zeche und beschließt, den langen Heimweg, als Sühne quasi, als Busse, zu Fuss zu gehen, mitten im Winter, kurz vor Weihnachten. Er geht am liebsten in der Nacht, die Dunkelheit schützt ihn, hüllt ihn ein, macht ihn unsichtbar. Menschen weicht er aus, meidet Dörfer und Städte.. Es macht ihm nichts aus zu fallen, auszurutschen, sich blaue Flecken zu holen. Es ist eine Pilgerreise zu sich selbst, die Michael da unternimmt, eine Reise in sein Ich, ähnlich der Aufenthalte alter Eremiten in der Wüste. Er erkennt, daß er die Gedanken sein lassen muss, um zu sich selbst zu finden, ins Da-Sein zu finden….
Zu Hause angekommen ist sein Haus verlassen, Amanda ist ausgezogen, mit den gemeinsam angeschafften Möbeln und Sachen. Es macht ihm nichts aus, seine Frau, seine Ehe ist für ihn eh nur noch Erinnerung, ein Irrtum, eine Art Laune der Natur, die sich korrigiert hat….
Und so wohnt Michael Gardiner jetzt wieder im Haus seiner Jugend, allein, so wie er sich wohlfühlt, eigenbrötlerisch, aber nach seiner Reise auch innerlich „geläutert“.
Das ist in groben Zügen die Handlung des Buches, dessen zwei Erzählebenen im Lauf der Zeit immer mehr verschmelzen bzw. durcheinandergehen: die Erinnerung Michaels an seine Jugend und die durch den Zeitungsartikel in Gang gesetzten Ereignisse, die mti dem Auszug Amandas und seiner Rückkehr ins leere Haus ihr Ende finden.
Was ist Michael für ein Mensch? Für mich ist er nicht wirklich sympathisch. Ein Zögerer, Zauderer, der in seinen Gedanken lebt, in der Wirklichkeit aber eher passiv und wenig gestaltend. Dort, wo er aktiv wird, ist es meist negativ (wie im Fall von Malcom) oder nur vermeintlich (bei Hazel). Seine Ehe beendet Amanda und nimmt ihm damit eine Entscheidung ab. Michael gehört zu den Menschen, die sich selbst genug sind, die ab und zu jemanden brauchen, der sie mit Infos über die Welt versorgt, die aber ansonsten am glücklichsten sind, wenn man sie in Ruhe läßt.
Burnside hat wundervolle Bilder in seinem Buch, Licht und Schatten, der Wind, die Vögel, die Beobachtung der Natur ist Thema vieler Beschreibungen. Zu lesen ist das Buch nicht einfach, der Autor liebt lange Sätze, denen man konzentriert nachgehen muss, um den „Faden“ nicht zu verlieren. Aber das Buch zieht einen andererseits auch an, es fesselt, viele Gedanken, die er formuliert, glaubt man selbst schon gedacht zu haben oder zumindest: „ja, doch, genau….“ Die Zerrissenheit ist sein Thema, das „sowohl – als auch“, das Ambivalente, Unentschiedene…. und doch.. mir ist, als sei eine Wortlawine über mich hinweg gegangen, beeindruckend und gewaltig, aber sie ist jetzt im Tal und was bleibt mir von diesem Buch? Es hat mir durchaus gefallen, gefangen – so wie andere Bücher – hat es mich nicht… kein Gedanke, der mir im Kopf bleibt von diesem Buch, der mich umtreibt und mich ihn weiterspinnen läßt…
… und so ist mein Facit (dem Buch angemessen) ambivalent:
Facit: ein lesenwertes Buch, dessen zentraler Gedanke mir aber nicht klar geworden ist…. aber das kann auch an mir liegen….
John Burnside
Die Spur des Teufels
btb Verlag, 2009, Tb, 272 S.
ISBN-10: 3442739977
ISBN-13: 978-3442739974
Isolde Ohlbaum: Von Engeln und anderen Wesen
April 29, 2010

Ein Geschenk, unerwartet und unverdient, ein Geschenk eben. Aber eins, welches ein spontanes „Oh, wie schön!“ hervorruft.
Isolde Ohlbaum hat ein Auge für die Wirkung. Ihre Fotographien alter Friedhofsskulpturen sind wunderbar und machen melancholisch, nachdenklich. Sie führt einem vor Auge, was für „traurige“ Orte die neuen Friedhöfe heutzutage sind, sozusagen Monokulturen von Grabreihen mit einheitlichen Grabsteinen, in Größe und Ausgestaltung eingezwängt in das starres Korsett der sich überall ähnelnden, ortsüblichen Friedhofssatzung, die auf Gleichmaß, leichte Pflegbarkeit, Verhinderung von Unfällen abgestimmt ist aber nicht auf das, was ein Friedhof sein könnte: ein Ort der Individualität, der das Wesen, die Seele der Verstorbenen in den Gräbern und ihrem Schmuck einfangen und erhalten kann, der auch dem Lebenden Frieden schenken kann, indem er ihm das einen Anker gibt für seine Sehnsucht und Trauer.
Man schaue sich nur den Friedhof von Sankt Marx in Wien an oder eben dieses Buch von Ohlbaum, in dem sie Engelsskulpturen von Friedhöfen aus ganz Europa versammelt. Die Figuren sind aus Stein, scheinen aber in ihrem Inneren zu leben, sie strahlen Ruhe aus, sie geben am Abend die in ihnen gesammelte Tageswärme wieder ab. Es sind Engel, geflügelte Wesen, aber so sinnlich und erotisch sind manche der Skulpturen, daß man unwillkürlich die Hand ausstreckt, um über sie zu streichen, ihre „Haut“ zu spüren, ihre Oberfläche. Weiblich sind die meisten Engel und das sieht man…. es ist ein subtile Erotik, die die Vergänglichkeit des Leibes für einen Moment vergessen läßt, es ist ein verführerisches Spiel von Licht und Schatten, von Leben und Tod, von Geburt und Vergänglichkeit, von Wärme und Kälte, das die Bilder Ohlbaums
spielen…. sie regen zum Nachdenken an darüber, wie dieser Tote gewesen sein mag, wie seine Verwandten, daß dieser Engel gewählt wurde zu seinem Begleiter, wie mag er geliebt worden sein oder geliebt haben, wie gestorben, wie lebt er in der Erinnerung weiter…. diese Wesen leiten die Toten in ein anderes Reich, sie beschützen sie, sie wachen über sie, sie trauern um sie, stellvertretend und ewig anstelle von uns, die wir noch auf dieser Erde sind und das Leben noch eine zeitlang weiterleben dürfen.
Ohlbaums Engel sind nicht unvergänglich, auch sie altern. Das Wetter setzt ihnen zu, glättet die Strukturen, von Moos bewachsen, von Efeu überwuchert entschwinden sie langsam dem Blick des Betrachters, ein schönes Bild für die Vergänglichkeit allen Seins, die auch vor dem anscheinend unzerstörbaren, dem Stein, dem Fels, keinen Halt macht….. So vollzieht sich über der Erde, was auch unter ihr geschieht, nur dauert es länger … aber wenn der Engel einen Menschen findet, der sich um ihn kümmert, ihn begleitet und schützt, dann mag er noch lange Zeit der Freund desjenigen sein, auf dessen Grab er wacht….
Die Bilder werden von Gedichten begleitet und kommentiert, von kleinen Geschichten, die uns im Lesen Fragen zeigen, über die nachzudenken ist, über die wir meditieren können, in denen wir Ruhe finden, Trost auch und Frieden…..
Facit: einfach ein schönes Buch
Links und Anmerkungen:
- Isolde Ohlbaum: Denn alle Lust will Ewigkeit: Buchvorstellung hier im blog
- Wiki-Liste berühmter Begräbnisstätten
- der abgebildete Engel bewacht eine Grabstätte auf dem Friedhof in Schwarzach, Bayern, das Bild wurde von mir [flattersatz] im Frühjahr 2011 aufgenommen und ist nicht dem besprochenen Buch entnommen.
Isolde Ohlbaum
Von Engeln und anderen Wesen
www.derclub.de, 2007, HC, 239 S.
Rafael Yglesias: Glückliche Ehe
April 25, 2010

Im New York der 70er Jahre lernt das 21jährig Ex-Wunderkind Enrique Sabas die drei Jahre ältere Margaret Cohen kennen. Enrique ist ein unkonventioneller Mensch, er hat seine intellektuell angehauchten Eltern, einen tyrannischen, leidenschaftlichen Vater und eine bedürftige, intelligente Mutter im Alter von 16 Jahren verlassen, die High-School abgebrochen und mit 17 dann einen hochgelobten Roman veröffentlicht. Sein zweites Buch konnte den Erfolg des ersten nicht wiederholen und sein dritter Roman bringt ihm kaum noch etwas ein. Dieser Enrique also verliebt sich in die ihm so gegensätzliche gebildete, lebenserfahrene, lebenslustige Margaret, die aus wohlhabendem Haus stammt und die ihr Leben unter Kontrolle hat.
Obwohl Enrique schon mehrere Jahre mit einer älteren Frau zusammengelebt hat, erwischt ihn diese Liebe ohne Vorankündigung. Er merkt, daß ihm Margaret überlegen ist, er macht sich kaum Hoffnung, sie mit irgendwas beeindrucken oder gar für sich gewinnen zu können – und doch muss er was an sich haben, denn beide werden ein Paar, heiraten und bekommen Kinder.
Die erste, stürmische Liebe der beiden überdauert den Alltag nur ein paar Jahre, dann ist sie zerrieben zwischen Kinderhüten, Karrierebestreben und sexueller Ödnis. Enrique hat eine heftige Affäre, wagt dann aber den Sprung in ein neues Leben doch nicht. … eine Geschichte also, die es millionenfach auf der Erde gibt, die so oder so ausgehen wird …… Gut geschrieben ist sie, mit nostalgischen Einsprengseln über das New York der 70er Jahre, das sich so langsam zu dem entwickelt, was es dann ein paar Jahre später ausmacht, die neuen In-Viertel entstehen, eine Art Boheme lebt in Künstlervierteln und macht Karriere – oder auch nicht, so wie Enrique, der seinen Traum vom weltberühmten Romancier begraben muss. Dafür verdingt er sich dann als Drehbuchautor und verdient damit viel Geld. Yglesias erzählt uns nicht genau, was und wie es passiert, aber Margaret und Enrique überstehen die Krise und obwohl sie so unterschiedlich sind, reift ihre Liebe und sie bleiben zusammen. Episodenhaft begleitet der Leser den Autoren durch das Leben seiner Hauptpersonen, durch ihre Konflikte und ihre Sternstunden, so wie sie Enrique in seinen Erinnerungen sieht.
Dies ist das eine Buch im Buch, das den Leser in Rückblicken in das vergangene Leben der beiden Hauptpersonen führt. Es sind, ich sagte es schon, Schicksale, die es millionenfach gibt. Das Besondere ist der zweite Handlungsstrang, den Yglesias gleich zu Anfang des Buches, im 2. Kapitel, beginnt: Margaret liegt im Sterben. Ein metastasierender Blasenkrebs hat in ihrem Körper ein verheerendes Desaster angerichtet, ich will nicht in allen Einzelheiten beschreiben, was uns Yglesias da schildert. Es treten einem – und das nicht nur redewendlich – die Tränen in die Augen.
Die beiden unterschiedlichen Charaktere von Margaret und Enrique treten jetzt, in dieser Situation deutlich hervor. So wie Margaret ihr Leben immer unter Kontrolle hatte, so will sie auch jetzt ihr Sterben kontrollieren. Sie bricht – schon unsäglich gequält – alle Behandlungen ab, einigt sich mit der Hospizärztin darauf, mit Steroiden noch eine Woche gepusht zu werden, um die Kraft zu haben, Abschied zu nehmen. Dann sollen auch diese abgesetzt werden, es wird dann noch ca. 1 Woche dauern, bis Margaret stirbt. Zwei Wochen. 14 Tage zum Abschiednehmen, zum Loslassen…..
Die letzten Tage des Paares sind wie ihr Leben: Margaret hat die Kontrolle und Enrique ist froh darüber, daß jemand da ist, der sagt, was er machen soll. Alleine entscheiden ist ihm immer ein Graus gewesen, jetzt wäre er nicht in der Lage dazu. Er ist der Adjudant, der ausführt. Und Margaret bestimmt. Sie sucht sich (gegen den Willen der Eltern, die sie im Familiengrab sehen wollen) ihre Grabstelle aus, mit ihrer bestern Freundin wählt sie die Kleider aus, die sie im Sarg tragen will. Mit ihrer Ärztin bespricht sie die Medikamentation ihrer letzten Tage, Enrique wird beauftragt, an Verwandte, Freunde und Bekannte, von denen sich Margret persönlich verabschieden will, Termine zu geben. All dies macht Enrique, was er nicht schafft, ist dagegen, zu akzeptieren, daß auch er Margret loslassen muss, daß sie sein Leben in wenigen Tagen, Stunden verlassen wird. Und so ist er der einzige, der sich nicht – zumindest nicht so, wie er wollte – von Margaret verabschiedet. Aber auch dies ist nicht wirklich schlimm, Enrique ist eben so und seine sterbende Frau hat auch dies in ihrer letzten Sekunde noch im Griff…..
Margaret bestimmt ihren Todeszeitpunkt selbst, nachdem sie die Hoffnungslosigkeit aller weiterer Bemühungen (und es waren schon so viele…) eingesehen hat. „Ein Ende in Würde?“ (Nuland setzt diesen Untertitel wohlweislich mit einem Fragezeichen), wenn aus dem ganzen Körper Schläuche hängen, wenn man sich in den letzten Nacht noch einkotet, ist es das? (btw: gibt es in NY keine Inkontinenzartikel??). Was ist menschenwürdiges Sterben, wenn der Krebs einen nicht nur besiegt, sondern einen vernichtet und zerstört, einem die körperliche Integrität nimmt? Das ist für mich die zentrale Frage dieses Buches.
Margaret löst sie auf ihre Weise. Sie behält die Kontrolle, obwohl sie – wie sie an einer Stelle sagt – als Patientin schon lange ihre Würde abgegeben hat. Sie bleibt selbstbestimmt, bestimmt die Umstände ihres Todes und gibt ihrem Mann die Kraft, ihre Wünsche in die Tat umzusetzen. Sie nimmt bewusst Abschied, löst Streit auf und Unstimmigkeiten mit ihren Eltern, sie macht alles, um sicher zu sein, daß ihre Lieben nach ihrem Tod versorgt sind. Diese Aufgabe, die sie sich gestellt hat und die sie mit großer Disziplin erfüllt, gibt ihr Kraft, gibt ihr die Gewissheit, loslassen und gehen zu können, wenn sie erfüllt ist.
Wieviel Disziplin braucht man, was für eine Charakterstärke, um so sein Ende zu bestimmen? Wie stark muss man sein… denn das ist sie bis zum letzten Tag, bei aller körperlichen Schwäche. Entgegen allem Anschein ist sie es, die Enrique immer noch trösten und Kraft geben kann, wenn dieser nicht weiter weiß, nicht weiß, was richtig oder falsch ist. Exemplarisch für ihn die Szene, in der er sich fast nicht entscheiden kann, welche von den beiden noch käuflich erwerbbaren Grabstellen er nun nehmen soll, welche seiner Margaret lieber wäre….
Das Buch ist sehr symmetrisch aufgebaut, es schildert die ersten und die letzten drei Wochen im Leben von Margaret und Enrique aus der Sicht des Mannes. Die ersten Wochen geprägt von den Unsicherheiten eines 21jährigen, dem es an Selbstbewusstsein fehlt, der sein Ziel zwar vor Augen hat, aber nicht weiß, wie er es erreichen kann, die letzten drei Wochen geprägt von den Vorbereitungen für den Abschied und den Unsicherheiten und Ängsten des 50jährigen, der nicht weiß, wie er loslassen kann und wie es weitergehen soll. Es ist, ungeachtet der Anmerkung, daß die Geschichte erfunden sei und keine Ähnlichkeit mit lebenden Personen habe, ein autobiographisches Buch. Margaret Joskow, die Frau von Rafael Yglesias, starb 2004 nach 27jähriger Ehe an Blasenkrebs [NY Times, 24-06-04].
Es ist ein Buch, das weh tut. Yglesias schafft den Spagat zwischen neutraler, teilnahmsloser Nüchternheit und kitschiger Darstellung. Er bleibt sachlich, aber er berührt. Er schildert, was ist, so wie es ist, dadurch vermeidet er Ekel und Abscheu vor den vielerlei Ausscheidungen und Flüssigkeiten, den körperlichen Malaisen, die Margaret ihrer Krankheit ver“dankt“. „Sterben in Würde“, das hängt wohl auch viel von den Menschen ab, die den Sterbenden in den letzten Stunden begleiten……
Facit: jetzt fehlen mir die angemessenen Worte.. die falschen sind: keine einfache, aber eine sehr lohnende Lesekost….
Rafael Yglesias
Glückliche Ehe
Klett-Cotta; Februar 2010, HC, 430 S.
ISBN-10: 3608937072
ISBN-13: 978-3608937077
William Steig: Doktor De Soto geht nach Afrika
April 22, 2010

Der berühmte Zahnarzt Doktor de Soto bekommt ein Telegramm aus Afrika. Der Absender ist ein Elefant namens Mutambo. Er hat schreckliche Zahnschmerzen, von den heimischen Ärzten kann ihm keiner helfen, und Doktor De Soto ist seine letzte Hoffnung. Zehntausend Goldwalulus winken als Belohnung.
Da braucht der Zahnarzt nicht lange nachzudenken. Bernard und Deborah De Sotos packen ihre Koffer und reisen per Schiff um die halbe Welt. Die Arbeit in Mutambos Maul fällt den beiden nicht schwer, aber bevor der arme Elefant endlich wieder lachen kann, muß der Zahnarzt ein gefährliches Abenteuer im Urwald bestehen. Wenn man eine kleine Maus ist, hat man’s eben mit den Großen und Starken nicht immer ganz leicht, und wäre Doktor De Soto nicht so mutig und entschlossen gewesen, hätte die Afrikareise leicht ein schlimmes Ende nehmen können… [nach dem Klappentext]
Vorlesen in der 1. Klasse. Mit dem Fuchsabenteuer von Dr. de Soto, dem genialsten Zahnarzt der Welt, habe ich ja sehr gute Erfahrungen gemacht und so lag es nahe, auch das zweite de Soto-Abenteuer von Steig vorzulesen. Wie schon im Klappentext beschrieben, führt es das Ehepaar nach Afrika, wo Mutambos Backenzahn von gräßlicher Fäule befallen ist. Ein prothetischer Einsatz wird fällig, aber bevor de Soto den anfertigen kann, wird er .. ja, das verrat ich jetzt nicht. Nur so viel, es geht um alles, um Leben und Tod, um Entschlossenheit und Durchhaltewillen, um Zähigkeit und Intelligenz….
Ein wirklich schönes Buch mit einer aufregenden Geschichte und wunderhübschen Bildern dazu. Diese hatte die Lehrerin auf Folie gezogen und passend zu der Geschichte mit einem Overhead-Projektor (ja, sowas gibt es noch… ich habe das gestern so erzählt und spontan tauchte die Bemerkung auf: Wie, den gibt´s noch?..) an die Wand geworfen. Anhand der Bilder konnten wir dann sogar im Anschluss von den Kindern die Geschichte nacherzählen lassen. Und man sollte die Kurzen, die da vor einem sitzen, nicht unterschätzen: das eine oder andere Bild war beim Nacherzählen falsch rum auf dem Projektor gelandet und sofort kamen das geflüsterte „.. is seitenverkehrt!“ aus dem Auditorium! Respekt!
Also, das Vorlesen vor den Kindern ist wirklich eine dolle Sache, die viel Spaß macht!
William Steig
Doktor De Soto geht nach Afrika
Gerstenberg Verlag, 1996, HC, 32 Seiten,
ISBN-10: 3806741107
ISBN-13: 978-3806741100
Richard K. Breuer: Brouillé
April 19, 2010

Geschichtsunterricht der anderen Art. Aber ich war ja durch den „Tiret“ [1] schon vorgewarnt…. So legt uns Breuer, der Wiener Schriftsteller, der im Eigenverlag veröffentlicht, jetzt sein neuestes Werk der geplanten Tetralogie über die Zeit im Frankreich am Vorabend der Revolution 1789 vor.
Auch wenn das Wissen um die Geschehnisse im ersten Band nicht notwendig sind zum Verständnis des Zweiten (was andererseits ja auch heißt, daß beide Bücher nur durch die handelnden … ähhh.. dialogisierenden …. Personen und die äußere Rahmenhandlung verbunden sind….) seien noch einmal kurz die dialogisierenden Personen vorgestellt, zum einen der französische Marquis d´Angelique [4], ein französischer Adliger, der sich der beiden anderen, die da sind: (i) der polnische Gelehrte Aleksander Mickiewicz und der junge Amerikaner Duport, der in diesem Band immer noch an den Blessuren leidet, die ihm der Überfall (siehe erster Band) beibrachte, annimmt.
Das Szenario spielt im Spätwinter/Vorfrühling 1789 nicht allzu weit weg von Paris auf dem Schloss (und dessen quelliger Umgebung) des Vicomte des Moucel bei Valleé-Chessy. Es gärt in Frankreich, es ist unruhig. Missernten, Wetterunbillen, die drückende und ungerechte Belastung der einfachen Leute durch die Grundbesitzer sowie der Einfluss aufklärerischen Denkens führen dazu, daß auch die ungebildeten Menschen nicht mehr alles hinnehmen wollen. Selbst der Adel bemerkt diese Klimaänderung, ist er doch in der Tat mittlerweile gezwungen, die Sachen, die er kauft, auch zu bezahlen, weil die Bürger/Handwerker sie sonst einfach nicht mehr beliefern. Und wie sollte man in der Gesellschaft bestehen, wenn der aktuelle in-Schneider einem keine Röcke mehr näht? All dies zusammengenommen sah der König sich gezwungen, die Versammlung der Generalstände einzuberufen, zu der auch der dritte Stand, sprich die einfachen Bürger und Bauern, ihre Vertreter, die in einem aufwändigen Verfahren zu wählen waren, schicken konnte.
Zur Vorbereitung der Wahl wurden von allen drei Ständen Beschwerdehefte, „Cahiers de doléance“ [6] erfasst, von denen die des Dritten Standes in den Urwählerversammlungen diskutiert und zur Annahme beschlossen wurden; die Vertreter der Intelligenz waren schon in diesen Versammlungen die Wortführer. Die Existenz und weite Verbreitung dieser Cahiers zeigt das Fortschreiten des Pressefreiheit während der Vorbereitungen zur Wahl. Es gab allerdings auch Musterhefte und Vorlagen, die man benutzte, so wie man sich wohl auch in gewissen Zirkeln zweifellos darüber unterhielt [5]. Ein Vorgang, den Breuer in seinem Buch sehr schön anschaulich und plastisch schildert, inclusive der Verwunderung des Vicomte, der die Vorgänge in seinem Einflussbereich nicht so recht fassen kann.
In dieses revolutionäre Ambiente also versetzt Breuer unsere drei Helden. Sie sind Gast auf dem Schloss des Vicomte, Mickiewicz unter einem falschen Namen und einer erfundenen Profession, auf die hin ihm der Schlossherr seine Bücher zur Überprüfung überläßt. Damit will er die Arbeit seines neuen Verwalters überprüfen lassen, dessen Vorgänger Winterhalter kürzlich ermordert worden war. Diesen Vorgang aufzuklären ist das Ziel Mickiewiczs und des Amerikaners Duports.
Wie schon oben angedeutet, das Buch lebt nicht von Aktionen (allenfalls ein paar Slapstick-Einlagen von Mickiewicz und hin und wieder ein kurzes Aufzucken des ansonsten gemächlich dahingurgelnden Handlungsflusses….), sondern vom Dialog [2]. Und das beherrscht Breuer gut, die Dialoge sind durchgängig flott zu lesen, witzig, an manchen Stellen sogar geistreich, oft auch informierend.. doch, das ist wirklich unterhaltsam und mit Gewinn zu lesen. Gelegenheiten zum Gespräch gibt es viele, sind doch eine Menge von Personen in die Handlung involviert, die Kriminaltechnik ist noch sehr unterentwickelt und so kann der Erkenntnisgewinn in der Tat nur durch das Gespräch erfolgen. Man kommt Verschwörungen auf die Spur, Intrigen, zwischendurch flicht Breuer immer wieder geschichtliches ein und zwar der Art, die in Geschichtsbüchern eher nicht zu finden ist. Ob und wie Breuer den Kriminalfall auflöst, will ich nicht verraten, das wäre unfair, aber ich habe beim Lesen immer das Bild von Peter Ustinov in seinen Poirot-Filmen vor Augen gehabt: den unbestechlich-logischen Kombinierer, der aus dem Haufen der Indizien mit untrüglicher Sicherheit die richtige Conclusio zieht.
Überhaupt das Thema „Verschwörung“…. Breuer gibt uns im abschließenden Monolog von Mickiewicz ein paar seiner Ansichten zum deren Wesen mit, zum Verhältnis von Schein und Sein, von der Möglichkeit des Erkenntnisgewinns und dem Erreichen der Wahrheit. Und nimmt man das Vorwort seines Buches noch dazu, so scheint er Parallelen zu sehen zur heutigen Gesellschaft, die sich auch immer weiter aufsplittet in diviergierende Gesellschaftsschichten, die dem (Geld)Adel entsprechen und wiederum dem einfachen Mann, der deren Treiben nur zuschauen kann.
Was gäbe es sonst noch zu sagen? Soweit ich als Laie dies sagen kann, scheint mir der Ton und die Atmosphäre der Handlung gut getroffen, die in das Werk einfliessenden historischen Fakten sind interessant und mit den Marquis und Mickiewicz und deren Wortgefechte könnte man fast als eine Art Buddy-Komödie bezeichnen. Und das das Buch als Buch ein Schmuckstück ist, ist bei Breuer ja mittlerweile state of the art.
Facit: Ein schönes Büchlein für ein paar Stunden und ein Fläschchen Rotwein.
Anmerkungen:
[1] Richard K. Breuer: Die Liebesnacht des Dichters Tiret
[2] Eigentlich wollte ich an dieser Stelle das Bonmot, daß nicht nur Dialoge im Roman vorkommen, sondern auch Monologe, Trialoge, Tetraloge, Pentaloge etc pp.. nicht entgehen lassen, aber ich musste mich belehren lassen, daß Dialoge auch von mehreren Personen geführt werden können, da das gr. „dialogos“ wohl einfach nur „Gespräch“ bedeutet…. [3]. Schade, schade, schade…..
[3] http://www.etymologie.info/~e/d_/de-unlogi.html
[4] les ich den Namen des werten Marquis, habe ich immer die Angelique-Bände von **** vor Augen…
[5] Zitat aus: „Von den Generalständen zur Revolution„
[6] Dies auch der Untertitel des Buches von Breuer
[7] Die WebSite des Autors: http://www.1668.cc/
(Bei dem besprochenen Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar des Autoren)
Richard K. Breuer
Brouillé
Breuer, Richard K., 2010, Tb, 360 S.
ISBN-10: 3950249826
ISBN-13: 978-3950249828
Lothar Schöne: Das Labyrinth des Schattens (Autorenlesung)
April 16, 2010
Gestern war in meiner Buchhandlung die Autorenlesung von Herrn Schöne, der sein Buch: „Das Labyrinth des Schattens“ vorstellte. Eine kleine, fast intim zu nennende Runde, denn auf dem „platten Land“ strömen die Leute dann doch nicht so zu solchen Veranstaltungen, obwohl der Hunger auf Kultur vorhanden ist….
Herr Schöne, um das vorwegzunehmen, hat eine seinem Namen gerecht werdende Lesung gehalten. Aus seinem Buch hat er das einleitende Kapitel, das uns die Hauptperson, Sabina-Esther, vorstellt ausgewählt und als zweites einen Abschitt aus der Mitte des Buches, den ich auch in meiner Besprechung schon hervorhob: “Jüdischer Nonsens in koscherer Rede” in dem der Erzähler als lauschender Beobachter die Gesellschaft, die sich zum 55. Geburtstag von Salomon Bester versammelt hat, porträtiert und mit ihr das Polen im Jahre 1933.
Ich bin von Schöne, was mich etwas unvorbereitet traf, als Verfasser der Besprechung zum Buch „geoutet“ worden und das durchaus lobend…. Die Frage aus dem Hörerkreis, ob dieses zweite Kapitel ein Schlüsselkapitel des Buches sei, wurde dann vom Autor, der der Meinung war, da sei er unter Umständen ungeeignet zur Beantwortung, an mich weitergereicht… meine Antwort war ein etwas zögerliches „Ja“, denn in dem Abschnitt werden einerseits zwar die Themata des Buches angerissen: die am Horizont dräuende Gefahr für die Juden Europas durch den erstarkenden Nationalismus, mögliche Handlungsalternativen der Juden wie Assimilation oder Zionismus, auch die Frage nach dem Sinn und der Funktion des Glaubens, nach Gott gar, wird angerissen. Insofern ein Kapitel, das den Horizont der Themen, die das Buch anschneidet, umfasst.
Das zögerliche meiner Antwort ist aber mittlerweile immer stärker geworden, denn für das Buch als Geschichte der Sabina-Esther, ihrer Konfrontation mit ihrer jüdischen Vergangenheit, ist dieses Kapitel … nicht irrelevant, das nicht, aber …. es ist ein wenig wie ein Einschub im Buch, ein Teil, zur Erläuterung der Kulissen, in der sich alles abspielt, sinnvoll, aber über das Buch und seine Handlung erzählt der Abschnitt wenig. Nichts weiteres erfahren wir über Sabina-Esther, über Tovosch, Leibisch und seinen Jugendfreund, den Rabbi, den Sabina-Esther jetzt wieder trifft, nichts auch über den geheimnisvollen Esra Dreichwerd… und so denke ich jetzt, daß jemand, der das Buch nicht kennt, aus den vorgelesenen Abschnitten keinen repräsentativen Eindruck vom Inhalt, von der Erzählung, von den verschiedenen Zeit- und Bewusstseinsebenen, auf denen es spielt, bekommt.
Natürlich wäre es interessant zu erfahren, unter welchen Gesichtspunkten der Autor selbst seine Lesung gestaltet hat.. leider fallen einem solche Fragen immer erst am nächsten Tag ein….
Meine Gedanken klingen jetzt sehr nach Kritik und geben daher ein einseitiges Schlaglicht auf die Lesung. Nein, es war schön, Herr Schöne hat gut gelesen, das Einführungskapitel macht all diejenigen, die das Buch nicht kennen, neugierig auf das weitere Schicksal der Protagonistin und das zweite, von mir unter dem Gesichtspunkt der Handlung mehr als Einschub in das Buch empfundene Kapitel ist ein sehr amüsantes, launiges, humorvolles Porträts einer Gesellschaft, die schwarze Schatten am Horizont aufziehen sieht und sich ihrer eigenen Möglichkeiten und Grundlagen nicht mehr sicher sein kann.
Insgesamt also ein lohnender und schöner Abend. Und das meine Besprechung so gelobt wurde.. nun, es wird mir niemand übel nehmen, daß mir das schon etwas gefallen hat…
zur Buchbesprechung von „Das Labyrinth des Schattens„
Ian Rankin: Der diskrete Mr. Flint
April 10, 2010

Miles Flint ist Mitarbeiter des MI5 in England, dem für Inlandsaufklärung und Verbrechensbekämpfung zuständigen Geheimdienst. Er wird dort als Aufpasser eingesetzt und er ist zufrieden mit dem Job.. Aufpasser machen das, was der Name sagt, sie passen auf, beobachten, observieren, belauschen und registrieren. Und Miles ist extrem geeignet für diese Arbeit, er ist unauffällig, seine Begabung ist es, zwar anwesend zu sein, aber nicht bemerkt zu werden…..
Doch eines Abends geht was schief. Miles, der Eheprobleme hat, will an seinem freien Abend nicht nach Hause, sondern schaltet sich in die Observierung eines Arabers ein, der sich zu einem verdächtigen Treffen verabredet. Doch der Araber entkommt und gibt seiner Garotte Arbeit…. Miles hat Mist gebaut. Aber er wird auch das Gefühl nicht los, daß er ausgetrickst und reingelegt wurde, daß der Araber ihn kurz vor seinem Abtauchen hämisch anlächelte, ihn also kennt. Nur wie und woher?
Auf eigene Faust recherchiert Miles also den Fall, der von oben her unter den Teppich gekehrt werden soll. Der Ärger, den er bekommt, zeigt ihm, daß seine Arbeit unerwünscht ist und daß er wohl jemandem ziemlich auf die Füsse tritt. Lästigerweise gehen in London auch an jeder Ecke Bomben hoch (der Roman wurde 1988 veröffentlicht), die IRA hat ihre „große“ Zeit….
Dann wird er eines Tages nach Irland geschickt, er soll dort den Dienst vertreten bei einer geplanten Polizeiaktion gegen die IRA. Die Typen, mit denen er dort zusammenarbeiten soll, sind ihm mehr als suspekt und dies zurecht, wie der weitere Verlauf der Ereignisse zeigt. Die ganze Aktion stellt sich – Überraschung, Überraschung – als Falle heraus, der Miles nur mit knappster Not und Mühe entkommen kann…. mehr sei hier nicht verraten, nur noch soviel: Miles will jetzt erst recht die Wahrheit ans Licht bringen und die Ereignisse, deren Ursprung schon so viele Jahre zurückliegt, aufdecken…..
Es ist dieses recht typische Agentenszenario, einer gegen alle, der Einzelkämpfer, der den richtigen Riecher hat, dessen Verschwörungstheorie ausnahmsweise stimmt und der sich gegen alle Widerstände durchsetzt, an seiner Mission wächst, über sich hinaus wächst…. ausgleichende Gerechtigkeit sozusagen, wenigstens im Roman…..
Viele Personen sind es, die Rankin in diesem Roman einführt. Manche nur kurz, dann verabschieden sie sich per IRA-Bombe, manche bleiben uns länger erhalten… etwas wirr und durcheinander kam es mir vor…. die erste Hälfte des Buches ist wieder mal der literarische Beweis dafür, daß Geheimdienste sich vorwiegend mit sich selbst beschäftigen, Verschwörungen, Intrigen, Heimlichkeiten sind die Regel, nicht die Ausnahme…. die zweite Hälfte, mit und nach dem Irland-Einsatz weist mehr Tempo auf und ist phasenweise sogar spannend, wenngleich mir die Logik der Handlung nicht immer sofort einleuchtete…
Das reicht für diesen Roman.
Facit: gesundes Mittelmaß, mäßig unterhaltend, dafür schnell lesbar….
Ian Rankin
Der diskrete Mr. Flint
Goldmann Verlag. 2008, Tb, 352 S.
ISBN-10: 3442461472
ISBN-13: 978-3442461479
blog.intern: Dreiklang…..
April 10, 2010
Im Grunde habe ich einen kleinen Fehler gemacht, bzw. mir eine nette Pointe entgehen lassen…
Hätte ich als vor-vorletztes Buch Sherwin B. Nuland vorgestellt (aber es ist so lange her, daß ich das Buch gelesen habe…), so läsen sich die drei letzten Titel so:
Wie wir sterben
Wie wollen wir sterben?
Gut sterben
Irgendwie hätte es gepasst, erst die Bestandsaufnahme, dann die Zielformulierung und zum Schluss noch ein paar Tips, wie man es realisieren kann… makaber? ein wenig… vielleicht….
Sidney Wanzer, Joseph Glenmullen: Gut sterben
April 9, 2010

Das Buch „Gut sterben“ der amerikanischen Ärzte Wanzer und Glenmullen entspricht in weiten Teilen dem (etwas neueren) Buch von de Ridder: „Wie wollen wir sterben„, das ich letzte Woche hier vorgestellt habe. Geht de Ridder die Frage nach einem menschenwürdigen Sterben mehr von der ärztlichen Seite an, bzw. über die Probleme, die von ärztlich-medizinischer Seite aus in dieser Hinsicht bestehen, so wird die Argumentation in diesem Buch „pragmatischer“ und mehr aus der Sicht der Betroffenen her geführt.
Das Ergebnis beider Ansätze ist vergleichbar: Spricht Ridder von einem Wechsel im Behandlungsziel, so nennen es Wanzer und Glenmullen: den ersten Wendepunkt. Beide meinen damit aber dasgleiche: der Ziel des ärztlichen Wirkens darf ab einem bestimmten Stadium, welches durch die Offensichtlichkeit, den vorab geäußerten und in einer Patientenverfügung niedergelegten Patientenwillen oder durch den mutmaßlichen Willen des Betroffenen bestimmt ist, nicht mehr auf Therapie, also Heilung, ausgerichtet sein, sondern es darf sich ausschließlich und nur noch mit der Linderung der Schmerzen des Betroffenen befassen (Wechsel vom curativen zum palliativen Behandlungsziel). Der durch diesen Wechsel des Behandlungsziels eventuell früher eintretende Tod ist als natürliches Ereignis zu akzeptieren. Für einen der Autoren war das Schicksal seiner eigenen (schon dementen) Mutter prägend: dieser wurde – trotz gegenteiliger Patientenverfügung – noch im Alter von 92 Jahren ein Herzschrittmacher eingepflanzt, der ihr weitere 5 Jahre Siechtum und Dahindämmern bescherte…..
Die Autoren behandeln die Fragen einer ausreichenden Schmerztherapie, die bis auf ganz wenige Ausnahmen praktisch immer möglich ist, aber von Ärzten oft nur halbherzig durchgeführt wird. Starke Schmerzmittel (Opiate) können auch die Lebenszeit verkürzen, also den Todeszeitpunkt vorverlegen, ein Faktum, welches man wissen muss, wenn man die Verabreichung solcher Mittel im Vorab verfügen will.
Das Buch nimmt wie schon angedeutet, oft die Sicht eines Betroffenen ein, wobei als Betroffene nicht nur die Patienten gesehen werden dürfen, sondern auch alle Menschen im direkten Umfeld, die den Krankheits- bzw. Sterbeprozess auf die eine oder andere Weise begleiten. In einem ausführlichen Abschnitt werden die Rechte des Sterbenden diskutiert, auch wenn dies sich auf amerikanische Verhältnisse bezieht, sind sie meiner Meinung nach auch gut auf deutsche übertragbar. Ebenso sinnvoll ist der Abschnitt, in dem die Autoren darauf eingehen, was man als Betroffener von seinen Arzt erwarten darf und kann, wie man ihm gegenüber treten sollte und welche Fragen im Vorab zu klären sind. Mehr als einmal wird dazu geraten, unter Umständen auch den Arzt zu wechseln, wenn der behandelnde nicht die notwenigen Garantien geben kann, im Sinn des Sterbenden zu agieren. Natürlich werden auch Fragen zur Patientenverfügung, zu Vorsorgevollmachten etc pp praxisnah behandelt.
Nennen die Autoren den Wechsel vom Curativen zum Palliativen den ersten Wendepunkt, so deutet das schon darauf hin, daß es nach ihrer Ansicht auch einen zweiten Wendepunkt gibt. Für den Fall, daß lindernden Maßnahmen der palliativen Medizin nicht wirken und der Sterbende unter unerträglichen Schmerzen leidet, kann es sein, daß der Entschluss reift, daß der Tod diesem Leben vorzuziehen ist. Es entsteht der Wunsch, das Sterben zu beschleunigen. Im Vergleich zu Ridder, der dieses Thema zwar auch anschneidet und diskutiert, gehen Wanzer und Glenmullen ausführlicher darauf ein, inclusive einer Beschreibung und Bewertung von Methoden, das Leben zu verkürzen (so die etwas beschönigend klingende Übersetzung, „to Hasten Death“ im Englischen). Dieses Thema um aktive/passive Sterbehilfe, eventuell auch bei Menschen, die sich nicht akut im Sterbeprozess befinden, sondern wegen anderer Gründe ein (subjektiv und darauf kommt es an) menschenunwürdiges Leben führen müssen bzw auch bei Dementen (deren Problemen wird ein ganzer Abschnitt gewidmet), ist emotional aufgeladen, nicht nur in Deutschland. Die beiden Autoren beziehen für sich ganz eindeutig Stellung, die immer – soweit gewisse Bedingungen erfüllt sind – den Willen, die Selbstbestimmheit, des Patienten in den Mittelpunkt stellt.
Facit: Ein sehr informatives und praktisch gehaltenes Buch zu der Frage, was man unternehmen soll und kann, wenn man für sich ein würdevolles Sterben sicherstellen will.
Sidney Wanzer, Joseph Glenmullen
Gut sterben
Zweitausendeins, 2009, TB, 264 S.
ISBN 978-3-86150-895-3
Michael de Ridder: Wie wollen wir sterben?
April 4, 2010
Sterben und Tod gehören zu den unabänderlichen Attributen unseres Lebens. Sie sind Teil unseres Menschseins und unser Leben besteht in der fortwährenden Herausforderung, unser Leben zu gestalten.
Michel Montaigne

Der Autor Michael de Ridder ist Arzt und befasst sich in diesem Buch mit den Aspekten ärztlichen Handelns bei Patienten, die sich entweder im Sterbeprozess befinden oder die sich aufgrund anderer Umstände in einem gesundheitlichen Zustand befinden, in dem nach landläufiger Sicht ein menschenwürdiges Leben nicht mehr möglich ist. Das Buch ist insofern interessant, als daß es für eine „neue Sterbekultur“ aus ärztlicher Sicht eintritt, meistens wird der Themenkreis Sterben bzw. Tod ja aus entweder pflegerischer oder seelsorgerischer, spiritueller Sicht betrachtet. Mit diesem Ansatz habe ich ja schon das eine oder andere Buch hier vorgestellt [1].
Ich denke, Ridders Ansatz läßt sich wie folgt zusammenfassen:
Seit einigen Jahrzehnten haben die medizinische Forschung und parallel dazu auch die apparativen Möglichkeiten der Medizin einen ungeahnten Erkenntniszuwachs bzw. eine enorme Erweiterung der Möglichkeiten zur Eingriffen bei Patienten erfahren. Verbunden damit war und ist eine sich immer weiter auffächernde Spezialisierung der Mediziner in -zig Fachgebiete. (Jeder, der schon mal mit Beschwerden zum Hausarzt gegangen ist, dort eine Überweisung zum Orthopäden erhält, von diesem zum Radiologen geschickt wird und zur Abklärung internistischer Daten noch mal zum Hausarzt oder Internisten bevor er wieder beim Orthopäden auftauchen darf, weiß, was gemeint ist…. und das ist nur ein harmloses Beispiel aus eigener Erfahrung…). Das ist Ausdruck der Tatsache, daß in der modernen Medizin das kranke Organ im Mittelpunkt der Heilungsbemühungen steht, während der kranke Mensch als Individuum immer stärker in den Hintergrund gerückt ist.
Ziel des ärztlichen Handelns ist das Behandeln, das Heilen der diagnostizierten Krankheit. Über Jahrhunderte hinweg war dies auch ein vernünftiger Ansatz (selbst wenn die angewendeten Methoden brachial waren, der Begriff „Heroica“ hat sich mir eingeprägt….), denn aufgrund der geringen Kenntnisse und fehlenden technischen Möglichkeiten war das krankheitsbestimmte Sterben des Patienten bei entsprechend schwerer Erkrankung die Regel. Das Sterben, der Tod waren das akzeptierte, natürliche und nicht weiter beeinflussbare Ende vieler Krankheiten und Unfälle.
Mit dem Möglichkeiten der modernen Medizin ist es das jedoch nicht mehr. Menschen, die früher eines „natürlichen“ Todes infolge einer Krankheit gestorben wären, kann man heutzutage oft über einen langen Zeitraum am Leben halten. Und diese rein technische Entwicklung hat zudem stattgefunden in einer Entfremdung zum Patienten als selbstbestimmten Individuum und ohne die althergebrachte ärztliche Ethik dem anzupassen. Noch immer ist in aller Regel auf ärztlicher Seite der Erhalt des Lebens um jeden Preis Ziel der Bemühungen. Ob dies auch zum Wohl des Patienten geschieht, wird nicht betrachtet.
Daß die ärztliche Ethik, die es ja damit auch sehr einfach macht, in dem sie ohne Nachdenken die vorhandenen medizinischen Möglichkeiten einfach stur anwendet, damit nicht unbedingt im gesellschaftlichen Konsens steht, zeigt die bei vielen, vllt sogar den meisten Menschen vorhandene Angst, irgendwann einmal hilflos an Schläuchen und Apparaten zu hängen und nicht sterben zu dürfen. Und jeder kann sich wohl an Fälle erinnern, in denen Patienten das Recht auf ihren Tod in langwierigen Prozessen hoch- und höchstrichterlich durchsetzen mussten (siehe z.B. Beiträge in dieser Übersicht [6]).
Ridder stellt in seinem Buch folgende Begriffsfelder in den Mittelpunkt:
- Selbstbestimmtheit des Menschen, auch und gerade wenn sein Wille von außen betrachtet unvernünftig zu sein scheint
- den Blick auf die Entität Mensch als ganzheitliches Individuum anstatt auf einzelne Funktionen und Organe und damit eng verbunden
- das Wohl des Patienten auch im Sinne der Menschenwürd als oberste Handlungsmaxime des behandelnden Arztes
- eine Anpassung der überholten ärztlichen Ethik an die Möglichkeiten und Gefahren der modernen Medizin insbesondere auch im Hinblick darauf, daß am Ende eines Lebens ein krankheitsbedingter, natürlicher Tod zu akzeptieren ist
- es ist ferner (im Sinne der Selbstbestimmtheit) zu akzeptieren, daß auch im Leben jedes Menschen Zustände eintreten können, die diesem individuell ein Weiterleben qualvoller gestalten als der erwünschte Tod („Sterbehilfe“)
Ausführlich geht Ridder u.a. auf folgende Punkte ein:
Definition des Todes (Bedeutung des Begriffes Hirntod)
Ernährung am Lebensende
Schmerztherapie (mit Opiaten [4])
Wachkoma [vgl. 6]
Sterbehilfe
Patientenverfügung
Auf den Inhalt dieser Kapitel gehe ich jetzt nicht im Einzelnen ein, Ridder diskutiert die Punkte ausführlich und gut verständlich (aber nicht trivial!). Besonders interessant, weil für jeden aktuell, sind natürlich seine Ausführungen zur Patientenverfügung, für die ja seit letztem Jahr eine eindeutige gesetzliche Grundlage geschaffen worden ist [2]. Trotzdem hat es mich immer wieder erstaunt, wenn darauf hingewiesen wurde, wievieles schon seit Jahren höchstrichterlich im Sinne der Betroffenen entschieden worden war, ohne daß dies von den unteren Ebenen (auch der Justiz) zur Kenntnis genommen worden wäre und so Betroffene immer wieder gezwungen worden sind, ihr Recht nicht nur zu haben, sondern auch gegen massive Widerstände durchzusetzen…. Und – wie schon gesagt – der Blick auf die eigene Verfügung ist mit Ridders Aussagen im Hinterkopf vllt auch ganz interessant….
Links:
[1] im Blog vorgestellte Bücher zum Themenkreis: Sterben, Tod und Trauer
[2a] 3. Betreuungsänderungsgesetz, „Stünker-Entwurf“ aus 2009
[2b] Patientenverfügung: Broschüre des BMJ
[3] Porträts von M. de Ridder im Deutschen Ärzteblatt
[4] Über die sehr interessante Geschichte des Heroins hat de Ridder ein eigenes Buch geschrieben
[5] Spiegel-Interview mit de Ridder
[6] Fallbeispiele „Wachkoma„
[7] Verlagsseite zum Buch mit Interviews etc.
[8] ein neuerer Beitrag Ridders in der ZEIT zum Thema „Palliativmedizin“ und „Sterbehilfe“
Hinweis:
Ebenfalls sehr empfehlenswertes Buch zum Thema: Wanzen, Glenmullen: Gut Sterben
Facit: Sehr empfehlenswert! Ach was, eigentlich ein Muss…..
Michael de Ridder
Wie wollen wir sterben?
Deutsche Verlags-Anstalt, 2010, HC, 320 S.
ISBN-10: 3421044198
ISBN-13: 978-3421044198





