Kristiane Kondrat: Abstufung dreier Nuancen von Grau
März 29, 2010
Ein verstörendes Buch. Ein Irrläufer, mir versehentlich zurückgegeben beim großen Büchertausch, obwohl es nicht von mir stammt… deswegen in Eile gelesen, was eigentlich nicht gut ist für dieses schwierige Buch, das so verstörend ist und im Kopf herumgeht….
Kristiane Kondrat, die Autorin, heißt eigentlich Aloisia Bohn. Sie wurde 1938 in Temesvar, Rumänien, geboren. Der rumänische Geheimdienst Securitate interessierte sich für sie, zu sehr und auf die so zu befürchtende Art und Weise, daß ihr ein Bleiben in ihrer alten, neuen Heimat nicht möglich war. 1973 kam sie nach Deutschland, ihrer jetzt neuen, vordem alten Heimat. Die Ähnlichkeit mit dem Lebenslauf von Herta Müller ist offensichtlich, beide Schriftstellerinnen aus dem rumänischen Banat haben ihre Heimat, das Land, in dem sie geboren wurden verlassen, nachdem sie die Nachstellungen und Bedrohung durch die Securitate nicht mehr ertragen haben. Dieser Analogie habe ich es letztlich auch zu verdanken, daß ich das Büchlein las, daß es mich interessierte.
In einem Alptraum spielt man immer die Hauptrolle.

Nicht nur die Lebensläufe der beiden Frauen ähneln sich, sondern auch ihre Literatur. Das Sezieren der Umwelt (der Kondratsche Roman beginnt mit einer Betrachtung über die Farbe Weiß), das Kreiieren neuer Worte wo die vorhandenen zur Beschreibung nicht ausreichen, das weitestgehende Fehlen von Handlung… es ist kein einfaches Buch….
Die (namenlose) Erzählerin liegt im Krankenhaus, sie ist am Bein verletzt. Sie sinniert über das Weiß, das sie an den Wänden und überall sieht, es erinnert sie an das kristalline Weiß des Schnees, in dem sie in ihrer Kindheit spielte. Ihre Gedanken springen von der Jetztzeit in die Vergangenheit, beide Zeitebenen überlagern sich, sie fühlt sich getrieben das Krankenhaus heimlich zu verlassen, sie nimmt ihre Gehhilfen und schleicht sich heimlich davon. Sie will einen Hügel erreichen, am Stadtrand gelegen. Auf ihrem Weg dorthin reflektiert sie ihre Vergangenheit, alle Ebenen verschwimmen und mischen sich, Form und Farben lösen sich auf für sie, die Bilder Dalis kommen einem beim Lesen in den Sinn. Kleidungsstücke von Menschen, die sie sieht, zerfliessen, bedecken den Boden wie einen See, steigen höher und bedrohen sie, die Farben erfüllen den Raum, einhüllend und erstickend. Alles überlagert sich, die Fahrt mit dem Bus ruft ihr die Fahrten mit der Tram von früher ins Gedächtnis, in denen sie sich verfolgt fühlte von Männern, die sie überwachten. Sie fuhr damals stundenlang in der Tram, ohne auszusteigen, bis sie endlich alleine als letzter Fahrgast im Waggon saß. Sie sieht Menschen und diese Menschen werden immer mehr, gesichtslos verschmelzen für sie zu einer bedrohlichen Masse, die sie einkeilt, festhält, in eine Richtung zwingt, nicht mehr losläßt, ihr die Luft zum Atmen nimmt…. ihre Gang durch die Stadt gleicht einer irrwitzigen, in der Vorstellung verlaufenden Odyssee, einem Spiessrutenlauf durch ein Spalier von Feinden. Wem kann sie trauen, wem nicht? Alle sind verdächtig, jeder könnte es sein, der letztlich „Alles“ von ihr erfahren will. Nicht das „Alles“, das man in prickelnder, verschwörerischer Heimlichkeit mit seiner besten Freundin teilt, sondern die „Es ist besser, wenn du uns jetzt selbst Alles sagst“-Drohung des aus dem Maul stinkenden Geheimdienstzerberus, der ihr seinen Geifer ins Gesicht pustet und sie niederschlägt.
Sie sitzt im Zug, der Zug fährt, ihre Fahrkarte ist entwertet, der Schaffner läuft durch die Waggons, aber sie findet keine anderen Passagiere. Sie steigt aus, wandert weiter durch einen Wald, unheimlich, eine Phantasielandschaft, Reiter quälen Pferde, Flugzeuge explodieren und setzen Häuser in Brand… es ist eine von Angst, Misstrauen und Verstörung zutiefst verletzte Seele, die sich in diesen Passagen offenbart.
Nur ganz wenige Sätze in dem Buch vermitteln den Eindruck „normaler“ Prosa, in der einfach ein Sachverhalt geschildert wird. Ihre Bespitzelung fängt an, Post und Wohnung werden kontrolliert. Sie wird verhört, geschlagen und bedroht. Muss die Schule verlassen, wie andere, Freunde von ihr, auch. Später fliegt sie über Wien nach Deutschland, in die „alte“ Heimat, die jetzt ihre „neue“ werden soll.
Auch dort ist noch Angst vor Bespitzelung und Verfolgung. Menschen hier erinnern sie an Menschen dort, wecken Befürchtungen. Die Gänge auf den Ämtern empfindet sie als große Belastung [3]. Geradezu kafkaesk ist ihre Beschreibung, wie sie von Zimmer 010 nach 009 muss, danach wieder nach 012 und anschließend zu Zimmer 014. Überall Personal, das sie misstrauisch beäugt, sie taxiert, einstuft, nicht wahrnnimmt als Mensch, sie an alte Feinde erinnert….
Die Erzählerin kommt dem Hügel, den sie anstrebt, trotz ihrer Behinderung immer näher. Es ist ein Bild für ihre innere Befreiung von der Angst, dem Ausheilen der Verletzungen, die ihre Seele davon getragen hat. Sie wird wieder so frei sein, wie sie sich als Mädchen gefühlt hat auf dem Eis, mit einem Schlittschuh, wie eine Prinzessin, die auf dem Eis tanzt. Irgenwo hinter dem Hügel muss die Welt sein….
Facit: ein verstörende Blick in eine durch eine Diktatur in ihren Grundfesten erschütterte Seele
Links:
[1] kurze Inhaltsangabe zum Buch
[2] Über rumäniendeutsche Literatur nach dem 2. Weltkrieg
[3] Dies beschreibt Herta Müller so: „„Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. [...] Die ganze Atmosphäre in dem Auffanglager war unerhört. [...] Man ist mit den Menschen höchst problematisch umgegangen. Und ich habe häufig gedacht: Wie mag es Menschen ergehen, die in dieses Land kommen, die nicht einmal die Sprache verstehen?““ Zitiert nach http://de.wikipedia.org/wiki/Herta_Müller
Kristiane Kondrat
Abstufung dreier Nuancen von Grau
Verlag Der Evang. Gesells, 2000, HC, 174 S.
ISBN-10: 3791811215
ISBN-13: 978-3791811215
Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula
März 24, 2010

Das Tornedal in Nordschweden, in naher Nachbarschaft zu Finnland, mitten im Wodkagürtel gelegen, ist wahrlich eine Randlage, die ihre ureigenen Blüten und Verhaltensweisen hervorbringt. Hier pulst kein Leben, hier geht die Entwicklung anderer Regionen weitgehend unbemerkt vorbei, kräftig gefördert vom Eigensinn der Einheimischen. In dieser Umgebung ist Niemi groß geworden und er beschreibt hier die Erlebnisse seiner Kindheit in den 60er Jahren und der sprießenden, ersten Pubertät unter den Bedingungen der Vermeidung von knapsu
Es ist keine chronologische Biographie nach Jahreszahlen geordnet, Niemi schildert in 20 Kapiteln exemplarisch Episoden aus dem Leben der Heranwachsenden (und auch schon Erwachsenen). Es geht um Hochzeiten und Beerdigungen, um Testamentseröffnungen und Geburtstage, um Saufwettbewerbe und um Rock´n´Roll, denn der bricht eines Tages in Form einer Schallplatte über den Erzähler herein.
Sprache, das ist eins der großen Themen, die Niemi (wie auch dann wieder in seinem Buch, über den Mann, der wie ein Lachs starb) hier aufgreift. Sprache schafft Identität und prägt die Menschen und hier liegt für Niemi einer der Gründe für die Zerissenheit der Menschen in dieser Region zwischen Schweden und Finnland:
Wir im Norden haben uns aber deswegen [Niemi bezieht sich darauf, daß das wirtschaftliche, kulturelle und politische Zentrum im Süden des Landes liegt] immer sehr ausgeschlossen gefühlt. Das ist sehr traumatisch für die eigene Identität. Als Autor gehört die Frage nach der Identität zu den großen Fragen. Darauf gibt es viele verschiedene Antworten, wie es auch viele Minderheiten auf der Welt gibt, aber was uns im Tornedal von anderen Minderheiten unterscheidet, ist, dass sich bei uns nicht nur zwei Sprachen, sondern auch zwei Völker treffen. Bei uns trifft die indoeuropäische Kultur auf die finnisch-ugrische Kultur und Sprache. Das Finnische hat außer dem Ungarischen keine anderen Verwandten mehr, während die skandinavischen Sprachen germanische Sprachen sind und viele Verwandte haben. Das bringt mich zu der Frage, ob man das in uns merkt, und ich glaube ja! [1]
Sprache, das ist im Tornedal auch in weiten Teilen auch Sprachlosigkeit. Sein Erzähler kommt zum ersten Mal in das Haus seines etwas seltsamen Freundes Niilas:
Obwohl ihr Haus voller Kinder war, herrschte darin eine traurige, kirchenähnliche Stille. …. Es war unglaublich, daß soviele Kinder so stille sein konnten. … spielten die Kinder, stumm wie die Fische. … Die Eltern öffneten ihren Mund nur zum essen, sonst genügte ein Nicken, und dabei zeigten sie auf das, was sie wollten, und die Kinder gehorchten. …“ [S. 27]
Eine andere Stelle, die dies bezeugt:
.. Die Hochzeit [eines Onkels] fand im Sommer, mitten während der Ferien, statt und das Rauchstubenhaus der Eltern füllte sich mit Verwandten. … Eine Mauer schweigender Männer, Schulter an Schulter, wie ein Felsblock, und dazwischen ab und zu eine ihrer hübschen Frauen aus Finnland wie Blumen an einer Felswand. Wie üblich in unserer Familie wurde kein Wort gesagt. Man wartete auf das Essen. …“ [S. 136]
Erst, nachdem mehrmals die „Reliquien“ herumgereicht wurden (i.e. die Flaschen mit Höchstprozentigem), lockerten sich die Zungen, um irgendwann dann wieder dick und losgelöst von der Erdenschwere im Mund herumwabernd erneut in eine (erzwungene) Schweigsamkeit zu verfallen. Gesichtslähmung, so mag man das wohl nennen……..
Ja, der Alkohol… Niemi schildert einen der Wettkämpfe unter den Jugendlichen der einzelnen Stadtviertel von Pajala, mit dem ermittelt werden sollte, wer am meisten verträgt… ich beschränke mich auf die Erwähnung der Tatsache, daß auf das lästige Destillieren verzichtet wurde, nur Weicheier würden die angesetzte Wettkampfmaische nicht vertragen…..
Es ist traurig in der Sache, aber Niemi schildert das alles so, daß man einfach spontan in Gelächter ausbricht… Alkoholvergiftung zählt (zumindest dem Buch nach) zu den finnischen Heldentoden, die man sterben kann… neben Selbstmord, Krieg und Herzinfarkt in der Sauna [S. 297]…
Das Leben im Tornedal ist geprägt vom Klima, der (fehlenden) Sonne, von Arbeit, von Gewalt und von Langeweile. Eigenbrötler sind es, die das Tal hervorgebracht hat, Menschen ohne große (Aus)Bildung, die in unsichtbaren sozialen Netzen von Freund- und Feindschaft leben und das Leben überhaupt im Grunde als Kampf ansehen. Ob in der Schule, auf der Straße, zwischen den Stadtvierteln: es gibt Gruppen, Gangs, die halten zusammen und bekämpfen die anderen. Die Spiele sind rau, mit Luftgewehren wird aufeinander geschossen („Luftgewehrkrieg“), es wird sich geprügelt, gewürgt, gemobbt und was weiß ich noch alles…
… und dann bricht eines Tages die moderne Zeit in Form einer Rock´n´roll-Schallplatte über den Erzähler und seinen Freund Niila herein. Sie hören sie heimlich auf dem Plattenspieler der Schwester, die ihnen, als sie dies merkt, tausend gräßliche Tode schwört und dann, als sie die Platte hört, einfach dahinschmilzt. Das Leben ist nicht mehr wie es war für die Jungs. Das Leben hat einen Sinn, welchen, könnten sie nicht sagen, aber es hat einen. Die Schilderungen von Niemi, wie die Jungs üben, schließlich zu viert eine Band gründen und spielen, meist schon jenseits der absoluten Grenze zum Wahn, ist einfach köstlich. Schon lange nicht mehr so gelacht. Also wirklich, Niemi, garnicht so schlecht, wie du das beschrieben hast!
Das Tornedal muss die Region der Extreme sein: Extrem-Fressen, Extrem-Saufen, Extrem-Arbeiten, Extrem-Sauna… herrlich beschrieben, ich musste zeitweise das Buch weglegen vor lachen. Und dabei verwendet Niemi zum Teil sehr schöne Sprachbilder, bei aller Derbheit der Ausdrücke, die er durchaus auch nutzt.
Facit: ein wunderschönes, ein wenig melancholisches und auch sentimentales Buch über eine raue Landschaft mit rauen Menschen, das einen trotz des Lachens auch ein wenig traurig werden läßt……
Links:
Mikael Niemi
Populärmusik aus Vittula
btb, 2007, Tb, 304 S.
ISBN-10: 3442731720
ISBN-13: 978-3442731725
Lothar Schöne: Das Labyrinth des Schattens
März 21, 2010
„Wir haben jetzt in Kürze auch wieder eine Autorenlesung, Lothar Schöne.. Kennen Sie den, das hier ist sein neues Buch…“ Natürlich kannte ich ihn nicht und so nahm ich der Buchhändlerin meines Vertrauens den dargebotenen Band ab und mit nach Hause… So geht es manchmal und derart bin ich also zu einem Buch gekommen, daß mir sehr gut gefallen hat, obwohl es viele Fragen offenläßt….

Sabina-Esther Morane ist Journalistin in Südwestdeutschland. Sie leidet unter einem immer wiederkehrenden Albtraum. Ärzte und Psychologen können ihr nicht helfen, eine ältere Frau, die sie kennen- und schätzen lernt, rät ihr, eine „hypnotische Rückführung“ zu machen. Nach einigem Zögern ist Sabina-Esther bereit dafür und die Frau gibt ihr eine Kontaktadresse in Krakau, denn dort müsse sie hingehen.
Dies tut sie auch, sie fliegt nach Polen und lernt im Flieger einen Mann kennen, der ihr Interesse weckt, obwohl sie glücklich verheiratet ist. In Krakau angekommen trifft sie ein junges Mädchen, das ihr rätselhaft erscheint und sie durch die Stadt führt, auch dem Mann aus dem Flugzeug begegnet sie wieder und er wird immer interessanter für sie.
Die Handlung des Buches spielt auf mehreren Ebenen, die im Verlauf des Buches immer öfter ineinander übergehen. Die Protagonisten erweist sich als sehr sensibles Medium für die Rückführung, schon in der ersten Sitzung gerät sie in zurück in die Zeit, in der ihre Urgroßeltern in Krakau lebten. Und sie trifft auch auf das Mädchen, dem sie am Tag begegnete, wieder…. Sabina-Esther ist verwirrt, umso mehr, als daß sie solche „Zeitreisen“ (so nenne ich sie jetzt mal) auf ihren Spaziergängen oder auch in ihrem Hotelzimmer immer öfter erlebt. Immer schwieriger wird das Auseinanderhalten der Ebenen, es ist nicht zu entscheiden, was real, was Illusion (ob überhaupt…), Einbildung oder Traum ist.
Sabina-Esther erforscht das Leben der Familien ihrer Vorfahren im Jahr 1933. Das sind auf mütterlicher Seite Salomon und Sabina Bester, eine großbürgerliche, wirtschaftlich erfolgreiche jüdische Familie mit liberaler Einstellung. Zwei Töchter haben sie, Hetwa und Hinda. Und in Hetwa verliebte sich Leibisch, der Sohn von Wolf und Esther Friedmann. Wolf Friedmann ist Brillenmacher im jüdischen Viertel [3], strenggläubiger Jude. Leibisch selbst kleidet sich modern und westlich, sein Hormonspiegel hat ihn sogar vor Hetwa in die Arme einer christlichen Schauspielerin getrieben, andererseits studiert er die Schriften und will Rabbi werden. Das jüdische Leben in Krakau in zwei recht extremen Positionen, die nicht vereinbar waren, wie die beiden Liebenden feststellen mussten. Erst die immer stärkere Diskriminierung und auch Verfolgung, die mit dem Wiedererstarken der antisemitischen Strömungen und des Nationalsozialismus in Deutschland auftrat, führte die Familien zusammen. Die Familien überleben die Greuel, werden in alle Weltgegenden verstreut.
Tovosch, so lautet der Name des Mädchens, welches das Kind von Hetwa und Leibisch ist. Und Tovosch ist die Mutter von Sabina-Esther. Und sie ist ihre Führerin und Begleiterin durch das alte Krakau und das neue, denn auch in der Jetztzeit treffen sich Tochter und Mutter und die Tochter akzeptiert schließlich, daß dieses naseweise, kluge, vorwitzige und wunderbare Kind ihre Mutter ist.
Beide, Mutter und Tochter, suchen ein Geheimnis, und sie wissen nicht, wo und wie. Nur daß es eins geben muss, das ist ihnen bewusst. Hilfe erhofft sich Sabina-Esther insbesondere vom Rabbi Liv Jazukovicz, einem Studienkollegen ihres Großvaters. Dieser jedoch spricht zu ihr in Rätseln und Gleichnissen, vordergründig ist er ihr nur bedingt eine Hilfe, er zwingt sie jedoch dadurch, immer tiefer zu forschen.
Wohler fühlt sich Sabina-Esther dagegen in der Gegenwart von Esra Dreichwerd, so der etwas seltsame Name des Mannes, den sie im Flieger kennen gelernt hatte. Gleichzeitig wird sie nicht schlau aus diesem gutaussehenden, geheimnisvollen, gut riechendem, charmanten, schlagfertigen etc pp Kerl. Aber er kann sie verführen, sie küssen sich und die Zeit verliert ihre Bedeutung. Nur das einsetzende Gewitter verhindert mehr.
Es ist gut, daß Schöne keinerlei Anstalten macht, zu erklären, was mit Sabina-Esther passiert. Es ist einfach so, daß sie, wenn sie in Krakau an Stellen vorbei spaziert, die im Leben ihrer Familie eine Bedeutung hatten, in diese Zeit zurück“fällt“. Insofern fällt man beim Lesen nicht ins Grübeln, ob dies überhaupt möglich ist oder nur Zeichen einer ernsten psychischen Erkrankung der Hauptperson. Diese Dimension des Romans bleibt also im Dunkeln, am Schluss kann man sich natürlich auch darauf einen Reim machen, sich eine Erklärung zusammenstellen.
Auf den ersten Blick spinnt Schöne zwei Fäden: er erzählt (und machmal musste ich an Isaac Bashevis Singer denken, der so wunderbare Schilderungen des jüdischen Lebens im polnischen Stedl geschrieben hat…) auf der einen Seite exemplarisch an den zwei Familienzweigen Einblicke über das Leben der Juden um 1933 in Krakau, einer bis dato relativ liberalen Stadt („Wenn der Antisemitismus in Polen grollt, hüstelt Krakau nur…“). Wunderschön das Kapitel: „Jüdischer Nonsens in koscherer Rede“, in dem als lauschender Beobachter die Gesellschaft, die sich zum 55. Geburtstag von Salomon Bester versammelt hat, porträtiert. Zionisten, Kommunisten, Idealisten, Realisten: alle sind sie dort, kommen zu Wort und reden doch nur. Wunderbar und schrecklich zugleich der Satz, mit dem Sabina, Salomons Frau, von einem der Gäste charakterisiert wird: „Originelle Person deine Mutter, ganz originell. Ich mag sie“. -“Aber vom Sozialismus versteht sie leider nicht“, ergänzte sein Freund, „sie kennt ihn nur aus der Erfahrung, nicht aus der großartigen Theorie. …“ Die Erfahrung Sabinas, von der gesprochen wurde, war, das ganze Dörfer in Russland „.. zum Wohle der Revolution nach Sibirien geschafft …“ wurden….
Der zweite Erzählstrang ist die immer wieder auftauchende Frage nach der Bedeutung des Buches Hiob [1] im Alten Testament. Das Buch Hiob, das ist die Wette Gottes mit dem Teufel, daß und ob Hiob auch dann, wenn ihm alles genommen wird, noch den Glauben behält. Es ist die schier den Verstand raubende Frage danach, welche Berechtigung, welchen Sinn das Böse in der Welt hat, wenn Gott doch in seiner Güte existiert [2]. Es ist ein (aber das ist meine persönliche Meinung) unlösbarer Widerspruch zwischen einem Gott in Güte und Allmacht und der Existenz des Bösen oder der Freiheit des Menschen, Böses zu tun. Und alle feinsinnigen, rabulistisdchen Erklärungsversuche können diesen Widerspruch nicht wirklich lösen. Und daß es das Böse gibt, sah man in Auschwitz und auch in Srebrenica, sieht man jeden Abend in der Tagesschau…. ok, das hat aber nichts mit dem Roman zu tun. Oder nur wenig, denn sicherlich taucht in dieser Zeit, 1933, in der der Roman in wesentlichen Teilen spielt, das Böse am Horizont auf, die Zeit, in der den Juden in ihrer Gesamtheit wie Hiob alles genommen wird. Mehreren Millionen sogar das Leben.
Diese Theodizee-Frage ist also eine der Hauptfragen des Buches, auf die immer wieder zurückgekommen wird. Und letztlich, diese Lösung bietet der Roman für eine Interpretation an, ist es nur die Liebe, die dieses Böse überwinden kann, denn das Böse mag auf der Suche nach der Liebe sein, aber es kann sich die ihm ihrem Wesen nach fremde Liebe nicht vorstellen und wenn es sie dann doch erfährt, überwältigt sie es.
Das Buch trägt einen als Leser, es ist, als ob man in einem Boot einen Fluss hinunterfährt und am Ufer diese und jene Geschichte miterleben kann. Es erzählt eine Geschichte, eine Geschichte mit märchenhaften Zügen, denn es geschehen Sachen, die von Raum und Zeit losgelöst passieren, keinen bekannten Gesetzen gehorchen. Und trotzdem (was heißt trotzdem, auch Märchen sind sehr ernsthaft…) ist die Geschichte nicht einfach nur eine Geschichte, es geht um die grundlegende Frage nach der Freiheit der Wahl, die der Mensch hat, es geht um die Frage, woher das Böse kommt und welchen Sinn es hat und damit geht es letztlich auch um die Frage nach Gott.
Facit: Mir hat das Buch sehr gut gefallen, auch wenn es viele Fragen offenläßt. Oder gerade deswegen.
Links:
[1] Das Buch Hiob
[2] Wiki-Artikel zum Theodizee-Problem
[3] Wiki-Artikel über Kazimierz
[4] zum Bericht über die Autorenlesung
[5] Wikiartikel über Lothar Schöne
[6] zum sehenswerten Buchtrailer bei youtube: http://bit.ly/9Z3aCo
Lothar Schöne
Das Labyrinth des Schattens
Klöpfer & Meyer, 2010, HC, 300 S.
ISBN 978-3-940086-43-3
bücher.leben: Lesepatenschaften…..
März 20, 2010
Daß, was sich im letzten Herbst mit einem Versuch ergeben hat, ist mittlerweile fester Bestandteil meiner Aktivitäten, nämlich die Einsätze als Lesepate. Zum einen lese ich fest einmal im Monat in einer Grundschule, 1. Klasse, kleine Geschichten vor, die ich vorher zusammen mit der Lehrerin aussuche und die diese dann mit entsprechenden Dekorationen etwas aufpeppt. Beim letzten Mal gab es sogar eine Geschichte mit richtig didaktischem Anspruch,

nämlich die vom kleinen „und“, das auf die Wanderschaft geht und ein „M“ findet (was ihm nicht gefällt, da es dann ja immer reden muss), auch ein „H“ mag es nicht, da es dann ja bellen muss…. ein „r“ kommt ihm noch unter und schließlich wird es von einem „Wer“ umarmt – und das findet es wunderbar (Franz Führmann: Die Geschichte vom kleinen und in [1])…
Was gab es noch? Nun, die Geschichte vom Mann, der sich als Flusspferd fühlte und prustend und stampfend durch die Gegend läuft, in der Oper schreit und erst ganz spät merkt, daß die Menschen vielleicht Angst vor ihm haben [3]….
Die Schule, in der wir im Herbst vorlasen, hatte Anfang des Jahres bei uns angefragt, ob wir regelmäßig bei ihnen lesen würden, und zwar in den Klassen 1 bis 4. Klar haben wir zugesagt und waren vor zwei Wochen zum ersten Mal dort. Das war natürlich schon richtige Arbeit….
Wir waren in 3 vierten Klassen, die das Thema: „Sagen und Geschichten aus der Heimat“ bearbeiteten. Ich weiß jetzt garnicht mehr genau, wie wir es aufgeteilt hatten, jedenfalls hatte zum Schluss jede Klasse insgesamt sechs Geschichten gehört, die sie nachher zusammenfassen, niederschreiben und dann zu einer Art Leporello zusammen kleben sollten. Für uns hieß dies, drei mal zwei Geschichten vorzulesen. Das war schon relativ anstrengend, aber auch interessant, denn nachher muss man natürlich auch noch ein wenig über die Geschichten reden, damit vllt Begriffe, die unbekannt sind, erklärt werden können oder ähnliches…. meine zwei Sagen habe ich dem Buch von S. Hess entnommen [2].
Aber nicht nur die jungen, auch die älteren freuen sich ab und zu über eine Geschichte, über das „Aschenputtel“ habe ich ja schon ausführlich geschrieben….
Das Vorlesen macht jedenfalls viel Spaß und ich glaube, die auf der anderen Seite des Raums haben auch ihren Spaß. Wenn man dann noch nicht einfach nur den Text liest, sondern auch ein wenig „spielt“, Grimassen macht, die eine oder andere Utensilie dabei hat, vllt sogar mit verschiedenen Stimmen lesen kann oder auch mit Partner, daß man Rollen verteilen kann – um so besser! Der Applaus am Schluss geht jedenfalls runter wie Öl…
[1] Stiftung Lesen
Erzähl uns eine Geschichte über Freundschaft
Velber Buchverlag, 2008
ISBN-10: 3866135580
ISBN-13: 978-3866135581
[2] Sylvia Hess (Bernd Brach Illustr.)
Wo die Loreley dem Lahnteufel winkt
KULT-UR-INSTITUT e.V. (Hrsg)
ISBN-3-929068-16-8
[3] Thomas Rosenlöcher
Der Mann, der ein Flusspferd war
in: H-J Gelberg (Hrsg): Eines Tages
Beltz&Gelberg, 2003
ISBN-10: 3407798458
ISBN-13: 978-3407798459
Aschenputtel: eine Interpretation des Märchens
März 17, 2010
Aschenputtel gehört zu den beliebtesten Märchen überhaupt, einige seiner Motive wie der Verlust des Schuhs und die Anprobe desselben mit anschließender Hochzeit sind schon aus vorchristlicher Zeit bekannt. Hildegunde Wöller gibt hier eine Deutung des Märchens, die ihre Wurzeln noch viel tiefer in der Vergangenheit sucht, sie geht davon aus, daß es in diesem Märchen gelungen ist, Erinnerungen an eine vormals herrschende Muttergöttin zu konservieren und in eine Form zu bringen, in der sie auch in patriarchalischer Zeit überleben konnte.

Märchen sind nicht mein Spezialgebiet, obwohl ich über die Vorleserei die letzten Wochen doch zum Teil damit zu tun hatte. So war ich schon etwas skeptisch, als ich gefragt/gebeten worden bin, im Kreise einiger (älterer) Damen [2] doch mal etwas über Märchen zu sagen und auch am Beispiel des Aschenputtels etwas mehr in die Tiefe zu gehen. Warum nicht, auch Märchen bestehen letztlich aus Buchstaben und stehen damit dem Lesekundigen offen…. Über Aschenputtel gibt es einiges auch an deutender Literatur und anderen Quellen, sie sind im Internet leicht zu finden. so daß ich hier nichts extra angebe…. Meine Haupt“inspiration“ habe ich jedoch dem Buch von Wöller entnommen. Zwar hat mich der Drewermann [1] mit seiner tiefenpsychologischen Deutung auch interessiert, doch ist er recht kompliziert und war in der Kürze der Zeit in der erforderlichen Sorgfalt nicht durchzuarbeiten.
Zur Märcheninterpretation (im wesentlichen nach Wöller)
Die Mutter stirbt, ein kleines Mädchen bleibt zurück. Und hier schon der entscheidende Satz des Märchens: „Liebes Kind, bleib fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken und will um dich sein!„. Berücksichtigt man das Alter des Märchens (viele Motive sind schon aus vorchristlicher Zeit bekannt) kann man hier (wie es Wöller macht) eine Erinnerung an die Muttergöttinnen vergangener Zeiten sehen (daß der (männliche) Gott erwähnt wird, kann Alibifunktion haben, um eben die Existenz der Muttergöttin zu kaschieren, andererseits kann man über die Deutung der Situation: Muttergöttin stirbt, Mann (=männliche Gottheit ?) bleibt zurück.. heiratet wieder…) auch reichlich spekulieren): DIE Mutter stirbt, die Muttergöttin nämlich und sie lässt ihre Töchter, die Frauen, zurück. Aber sie ist bei ihnen, sie lässt sie nicht im Stich. Sie begleitet ihre Tochter auf ideren Weg, der ein alter, mystischer Initionsritus ist vom Mädchen zur Frau, der in der himmlischen Hochzeit des Mannes mit der Muttergöttin münden soll und wird und der damit das Leben bewahrt und weiterführt. Im Märchen gehört zu den Aufgaben des Aschenputtels das Feuermachen und –hüten, das Essen bereiten, Wasser holen etc., lebenswichtige, -erhaltende Tätigkeiten, die im nachmatriarchalischen, durch die böse Stiefmutter repräsentierten patriarchalischen Zeitalter umgewertet werden zu niederen Arbeiten. Die Tochter fügt sich in diesen Weg. Nur Aschenputtel weiß noch um die Mutter, findet am Grab der Mutter, unter dem Baum, in dem diese lebendig geblieben ist, ihre Mitte. Sie konzentriert alle Stärke nach Innen, geht ihren Weg in aller Konsequenz mit Hilfe der Mutter zu Ende und am Ende des Weges vereinigen sich innere und äußere Schönheit zur vollkommenen Frau, die aber weiß, dass sie zur Vereinigung bei der Himmlischen Hochzeit noch eines entsprechenden Mannes bedarf. Und in diesem Moment hat sie auch die Kraft, ihren Gehorsam hinter sich zu lassen und sich gegen die Stiefmutter aufzulehnen, erst etwas zögerlich (sie zieht aus diesen Prüfungen aber noch mehr Kraft) und dann handelt sie sehr entschlossen gegen das Verbot. So besteht sie auch voller Selbstbewusstsein die letzte aller Prüfungen, die Schuhprobe, besteht. Aschenputtel ist am Ende ihrer Entwicklung angelangt, der Stab weitergegen von der Mutter auf die Tochter, die Täubchen. Boten der Muttergöttin, setzen sich nun auf deren Schultern.
Das Verhalten von AP ist also nur auf den ersten, oberflächlichen Blick von Unterordnung und Gehorsam geprägt. In Wirklichkeit geht sie mit aller nach innen gerichteten Energie den Weg von der Dunkelheit in das Licht des weiblichen Mysteriums, dem Wissen um das Geheimnis von Leben und Tod, der Fruchtbarkeit, der Leidensfähigkeit, der Geduld und der Tragfähigkeit. Weibliche Eigenschaften, die Tugenden sind, sobald man aus der inneren Stärke heraus in der Lage ist, sie auch als Tugenden zu erkennen.
Aber auch der Mann, der Prinz, geht seinen Entwicklungsweg. Ebenso wie Aschenputtel weiß er, dass ihm eine Frau fehlt, und er hat (wie sie) ein genaues Bild von ihr in der Seele, denn als er sie sieht, weiß er sofort, dass Aschenputtel DIE Frau ist, die er sucht: „Das ist meine Tänzerin.“ Aber Aschenputtel macht es ihm nicht leicht. Sie, die schon weiter ist auf dem Weg, zwingt ihn seinerseits zu reifen, in dem sie ihm entflieht und er um sie kämpfen muss, er das Rätsel um ihre Identität lösen muss. Er hat keine Hilfe (der Vater APs, den er fragt, nimmt sogar den Tod des Mädchens in Kauf) und so greift er am dritten Abend (seiner letzten Chance) zu einem drastischen Mittel: er bestreicht die Treppe (vom Wortstamm her verwandt mit engl. Trap: Falle) mit Pech, einem Sinnbild dafür, dass er seine Seele gereinigt und das Dunkle in ihr offengelegt hat. Und er hat Erfolg (im Gegensatz zu dem Vater mit seiner Brachialmethode Hau-drauf): ein goldener Schuh des AP bleibt dort hängen. Im Bild wird also das Reinigen der Seele mit Gold belohnt, der alte alchemistische Traum der Umwandlung von minderwertigem Stoff in Gold geht hier bildhaft in Erfüllung. Da gleichzeitig der Schuh auch ein Symbol für das weibliche Geschlecht ist (sehr bildhaft durch das Hineinschlüpfen in einen Schuh…), signalisiert Aschenputtel dem Prinzen damit auch, daß sie ihn als Mann will. Später wird sich erweisen, dass er jetzt soweit geläutert ist, daß Muttergöttin mit ihm in Kontakt tritt: auch er versteht jetzt wie Aschenputtel die Vögel. (Unklar bleibt, ob er auch mit ihnen reden kann…)
Mit dem Schuh von AP hat er nun den Schlüssel zur Frau, mit der er sich vereinigen will und muss, um die Harmonie der Welt herzustellen. Noch kennt er die richtige nicht, aber er weiß, wo er sie suchen muss. Und er zögert nicht, die falschen zurückzubringen, als er sie durch die Worte der Göttermutter erkennt. Voller Selbstbewusstsein drängt er darauf, auch das unscheinbare Aschenputtel zu sehen. Und dieses seinerseits reinigt sich, aber es hat es nicht mehr nötig, güldene Kleider anzuziehen: es sieht, dass auch ihr Prinz am Ende seines Weges ist. So streift sie den Schuh über und reitet mit dem Prinzen zur (himmlischen) Hochzeit.
zu verschiedenen Symbolen, die im Märchen auftauchen, gibt es hier ein paar Stichworte
[1] Eugen Drewermann: Hänsel und Gretel, Aschenputtel, Der Wolf und die sieben Geißlein, dtv, ISBN-9783423351638
[2] ich bedanke mich ganz herzlich bei allen Damen für ihr Interesse und ihre rege Beteiligung. Ich habe von euch noch einiges gelernt!
Hildegunde Wöller
Aschenputtel
Kreuz-Verlag, Zürich, 1989, HC, 142 S.
ISBN-3268000185
Nachtrag vom 18. Mai 2010
Ich habe gerade (man sollte öfter mal die eigenen Regale durchforsten) in Grenos „Die Andere Bibliothek“ einen Band mit Märchen gefunden (Asbjoronsen/Moe: Norwegische Märchen, Nördlingen, 1986), deren erstes eins von einem (männlichen) Aschenbrödel ist: „… Du da“, sagten die Brüder zu ihm, „taugst zu nichts anderem als in der Asche zu wühlen!“ Der Inhalt ist ein ganz anderer, es wäre aber sicher sehr interessant, den Symbolgehalt mal aufzuschlüsseln und die Märchen zu vergleichen!
Mikkel Birkegaard: Die Bibliothek der Schatten
März 15, 2010
„Lies doch am Ende der Stunde dieses Gedicht mal vor!“ Es ist bekannt, daß ich gerne vorlese und so bin ich auch in unserer Gruppe der Vorleser „vom Dienst“. Es ist ein Gedicht, daß von einem jungen Mann handelt, der krank ist und sterben wird. Ich kenne es nicht, aber beim Lesen finde ich sehr schnell den Fluss, ich sehe die langsamen, nachdenklichen Stellen, aber auch die zoRRnigen, wütenden, verzweifelnden und klagenden. Ich habe das Gefühl, nicht ich lese das Gedicht, sondern das Gedicht läßt sich von mir lesen. Als ich fertig bin, kommen ein paar zu mir und sagen, sie hätten richtig Gänsehaut bekommen.

Vielleicht hat Birkegaard so ein Erlebnis vor Augen gehabt, als ihm die Grundidee für sein Buch kam. Es handelt von Menschen, die entweder „lettore“ sind oder „Empfänger“ (wieso gibt es hier nicht einen entsprechenden italienischen Ausdruck?). „Lettore“ sind „Sender“, die beim Lesen die Emotionen und Gefühle des Textes auf einen Menschen übertragen und sie bei ihm verstärken können. Empfänger sind umgekehrt Menschen, die das, was andere lesen, empfangen, im Geiste hören. Sie leben in einer lauten Welt, denn gelesen wird viel. Sensible Empfänger können sogar Bilder sehen, die beim Leser während des Lesens auftauchen, Gedanken erkennen, Abschweifungen. [1]
Sender und Empfänger sind aufgrund eines länger zurückliegende Streites nicht gut zu aufeinander zu sprechen. Sie wirken aber beide im geheimen, da sie zum einen befürchten, als Aussenseiter verfolgt zu werden, oder daß ihre Fähigkeiten, Gefühle anderer zu beeinflussen, mißbraucht werden könnten. Zu ihrem Erstaunen stellen sie fest, daß bestimmte Ereignisse in der Welt es nahe legen, daß es ausser ihnen noch eine Gruppe von Menschen mit diesen Fähigkeiten gibt, die diese aber offenbar zielgerichtet einsetzen.
Somit haben wir eine der typischen Verschwörungsgeschichten: eine machtvolle, klandestine Gruppierung greift nach der Weltherrschaft. Und im Zentrum des Abwehrkampfes steht der junge Jon Campelli, Sohn des Antiquars Luca Campelli, der das erste Opfer der Schattenorganisation ist. Natürlich, der junge Jon hat anderes im Sinn, als solche obskuren Geschichten zu verfolgen, aber was will man gegen dem Schicksal schon machen? Zumal es ihm eine Frau zuführt, für die er in heftige Liebe entbrennt, obwohl/weil sie Empfängerin ist…. (Auch das wohl eine Stereotype eines solchen Thrillers: ein überlegener Mann und eine schöne Frau, die zusammen das Böse jagen….)
Wie sollte es anders sein? Jon erweist sich als der bei weitem potenteste aller Sender (Um mit Leeloo zu sprechen: „Mächtiger Badabum…“) , kein Wunder, daß die Schattenorganisation ihn in ihre Gewalt bringen will, um ihn für ihre finsteren Pläne einzuspannen… doch die Freunde, vor allem seine Lieblingsempfängerin, lassen ihn natürlich nicht im Stich. Und so kommt es, wie es kommen muss: der Showdown mit viel Feuerwerk in der Bibliothek von Alexandria….
Also, ganz überzeugt hat mich das Buch nicht. Bei weitem nicht so witzig, skurril und voller Einfälle wie Fforde nimmt es sich etwas arg ernst. Aber auch als Verschwörungsthriller kommt es dann bei weitem nicht an Brown heran.. Sollten irgendwelche tiefergehenden philosophischen oder kulturkritischen Andeutungen im Buch sein, sind sie mir entgangen. Sympathisch ist natürlich auf jeden Fall die Wertschätzung, die das Buch in diesem Roman besitzt.
Facit: Was bleibt, ist eine nette Idee und eine massenkompatible, nicht weiter schmerzende Umsetzung, die ganz spannend ist und sich an zwei, drei Abenden gut lesen läßt…
[1] Kennt man Fforde, so fällt einem auf, daß dort die Menschen in die Bücher hineintauchen. Birkegaard hat den umgekehrten Weg gewählt, die Bücher tauchen gewissermassen in die Menschen hinein…
Mikkel Birkegaard
Die Bibliothek der Schatten
Page & Turner, 2010, geb. 512 S.
ISBN-10: 3442203627
ISBN-13: 978-3442203628
Tim Burton: Alice im Wunderland
März 14, 2010
Der Film, dies nur zur Erläuterung, erzählt nicht die Geschichte von Alice im Wunderland, an die man sofort denkt, wenn man den Titel hört, i.e. die des 13 jährigen Mädchens, das durch ein Kaninchenloch in eine unterirdische Welt voller merkwürdiger, phantastischer Geschöpfe gerät. Gut, in diese Welt führt auch dieser Film, sondern er spielt 6 Jahre später…
Alice ist mittlerweile eine junge, unangepasste halbwaise Frau, die auf einer großen Gartenparty bei Lords von nämlichen Hamish gefragt wird, ob sie seine Frau werden wolle. Derart überrascht kann sie sich nicht entscheiden, daß seine junge Lordschaft Verdauungsprobleme hat (wie ihr die garstige Schwiegermutter in spe in einem vorbereitenden Gespräch anvertraute…), macht ihn nicht gerade sympathischer. Während sie noch sinniert, sieht sie im Gebüsch ein Kaninchen vorbeihuschen… diesem läuft sie nach bis sie es in einem großen Loch verschwinden sieht. Natürlich schaut sie in das Loch hinein und – schwuppdiwupp ist sie mitten in einem fulminanten Sturz, der nicht aufzuhören scheint und sie wie in einem Wurmloch in eine andere Welt hinabführt. Sie landet in einer Kammer mit verschiedenen verschlossenen Türen, der Schlüssel, den sie findet, passt zu einer dieser Türen. Aber es ist die kleinste, durch die sie nicht hindurchpasst… Während sie noch hilflos überlegt, hört man im Hintergrund Stimmmen… Zweifel werden laut, ob dies denn die richtige Alice sei, die müsse doch alles wissen vom ersten Mal….
Soweit das Intro, jetzt beginnt der eigentlich Film, denn natürlich gelingt es Alice, das Türchen zu öffnen und in die Welt hinter der Tür zu gehen. Und wieder ist sie in dieser bunten, phantastischen Welt, in der die normalen Gesetze aufgehoben erscheinen, man – wenn man die Zaubermittel hat – beliebt groß oder klein werden kann, in der die Zeit ihre Abfolge aufgehoben sieht. Nur eins ist geblieben: die ewige Auseinandersetzung zwischen „Gut“ und „Böse“ um die Macht, die hier im Unterland zwischen den beiden feindlichen Schwestern, der Weißen Königin und der Roten Königin tobt. Und das Orakel weissagt, daß nur ein bestimmtes Mädchen diesen letzten Kampf zugunsten des Guten entscheiden kann, nämlich Alice.
Aber leider, leider hat Alice so viel vergessen und als man ihr ihre Aufgabe und Bestimmung sagt, verweigert sie sich, sie würde nicht kämpfen und töten und in der Unterwelt werden die Zweifel immer lauter, ob sie denn die richtige Alice überhaupt sei. Selbst Absolom ist sich nicht sicher, er merkt, daß sie nicht ganz die richtige ist…
Wie immer im Märchen sind die Karten ungleich verteilt. Die Bösen haben (fast) alle Trümpfe in der Hand, die gewaltigen und bösen Kreaturen, sie besitzen die einzige Waffe, mit der der Jabberwocky, das überaus grauslige Ungeheuer, ihre ultimativer Kämpfer im letzten Kampf, das Schwert ?? nämlich und überhaupt sind sie viel skrupelloser ….
Was haben die Weißen ihnen entgegenzusetzen? Ein reines Herz voller Mut, Liebe und Überzeugung, verkörpert vor allem durch den dem Wahnsinn nahen, sentimentalen und mutigen Hutmacher, Gewitzheit und die Überzeugung, daß der letzte Kampf gewonnen werden muss und wird.
Die Geschichte, die erzählt wird, ist also nicht sonderlich originell, eher voraussehbar aus Motiven der Carrollschen Bücher zusammengestellt. Die Figuren bzw. Schauspieler.. nun ja, Depp hat sicherlich wieder eine Rolle, in der er sich mittlerweile heimisch fühlen dürfte in der Zusammenarbeit mit Burton, für mich die sympathischste Figur des Films. Und mein zweiter Liebling ist der komische Hase, March Hare… ach ja, Der Hund Bayard noch und die Ceshire Cat… Die anderen.. was soll man da sagen? So viele, die da auftreten, ins skurrile und groteske überzeichnet, wirklich „ins Herz geschlossen“ habe ich keine von ihnen….
Interessant ist auch die Rezeption des Films in der Kritik, von durchweg lobend (im SpoN z.B.) bis hin zu de facto Totalverrissen (wie hier bei moviegod.de vgl. auch den imbd-link weiter unten). Und ich denke, beide Positionen sind vertretbar. Man sollte den Film eben nicht unbedingt mit einem Kinderbuchklassiker der besonderen Art vergleichen, sondern als eigenständiges Werk sehen, der seine Qualität aus sich selbst heraus zieht. Deswegen als … ==>
Facit: ..ein „Trotzdem“: der Film ist ein riesiges Sehvergnügen. In 3D (man fühlt sich ein wenig wie die Frau vom „First Man“ im Staat…) ist man mittendrin, eine Explosion der Farben, der Formen und Gestalten in einer phantastischen Welt….
Links:
Der Wiki-Artikel zum Buch
Ein Deutungs- und Interpretationsversuch zum Buch
Die Zusammenfassung der Story
Daten zum Film, auch mit ausführlicher Bildersammlung
Der Jabberwocky: Übertragungen des Gedichts ins Deutsche
Eugen Egner: Ein literarischer Kadaver
März 12, 2010

„Ein literarischer Kadaver“ ist eine von „Fünf phantastischen Erzählungen“ Egners, die in diesem Buch zusammengestellt sind. Egner, das ist der Autor, der das „Tagebuch eines Trinkers“ geschrieben hat (wer das nicht kennt und sich auch über abseitiges Freuen kann: „Paralleluniversum besucht. Gräßlicher Sturz!“ sollte das nachholen!) und der sich auch des berühmten Mozart angenommen hat und aufdeckt, daß jener es mit dem Komponieren gar nicht so hatte, sondern eher mit dem na ja… ist egal…
Weswegen ich diese kleiner Erzählung Egners hier separat vorstelle, hat natürlich damit zu tun, daß sie eine Grundidee hat, der (mir) nicht ganz unbekannt ist:
Der Ich-Erzähler der Geschichte ist ein Ich-Erzähler. Durch eine kleine Anzeige seines Auktorial-Service wird Paul Marmosett auf ihn aufmerksam. Dieser Marmosett verlegt eine Gesamtausgabe der Werke des verstorbenen (?) Schundautoren Arnold von Borsath, geplant sind 12 Bände, wobei die ersten elf keine Probleme machen. Der 12. Band hingegen schon…. er soll den letzten, unvollendeten Roman Borsath umfassen, der bis jetzt nur in Textschnippseln und sehr rudimentären Fragmenten vorhanden ist. Um hier Ordnung hinein zu bringen, soll der Ich-Erzähler beauftragt werden. Anfangs ist er skeptisch, weil die Geschichte, die ihm Marmosett erzählt, sich recht seltsam anhört: daß sich zum Beispiel die Texte verändern…. mache man eine Kopie von einem Originalschnipsel, so stelle man nach kurzer Zeit schon durch simplen Vergleich fest, daß sich der Text im Original verändert hat…. Der Ich-Erzähler findet dies nach einem kurzen Test bestätigt und so nimmt er den Auftrag an, den offensichtlich im Text steckenden unbekannten Autoren ausfindig zu machen, den Text zu organisieren und voran zu treiben. Und derart motiviert sinkt der Ich-Erzähler in den Text hinein und begibt sich auf Entdeckungsreise in der Textwelt.
Egner wäre nicht Egner, würde sein Ich-Erzähler nicht die wundersamsten, skurrilsten Erlebnisse haben in dieser Welt. Ob es nun die Ausgrabungen der Knochen des Affengottes sind, die seltsamen Bahnfahrten oder der schmackhafte Wodka: der Ich-Erzähler auf den Spuren des schon früher im Text herumirrenden Ich-Erzählers, den er aufgrund von zurückgelassenen Botschaften als Borsath selbst identifizieren kann, scheitert an dem sich verselbstständig habenden Text. Schmählich wird er von schimpansenhaften Wesen an die Wand geschmettert – und taucht darob wieder in der realen Welt auf, nicht ohne seine Profession aufzugeben.
Klar, woran mich diese Grundidee erinnert: an Fforde mit seiner Lit-Agentin Thursday Next, die von Buch zu Buch springt und dort nach dem rechten sieht … Egner hat sich natürlich eine andere Welt ausgedacht als Fforde, der ja bestehende Werke der Literatur nimmt. Egners Buchwelt ist kaputt, zerstört, von seltsamen Wesen belebt, hat sich selbstständig gemacht und gehorcht ihren Erschaffer nicht mehr, im Gegenteil, läßt auch ihn scheitern beim Versuch, sein Werk wieder in den Griff zu bekommen. Im Gegensatz zum Zauberlehrling, wo letztlich der Meister das wirksame Zauberwort kennt, fehlt dieser und dieses hier, da Egner das aber nicht weiter ausgeführt hat, kann man nur vermuten, was alles in Borsaths letztem Romanfragment noch geschieht….
Eugen Egner
Ein literarischer Kadaver
in: Die Eisenberg-Konstante
2001, Ffm, 2004, HC, 306 S.
ISBN-3861507145
Natsuo Kirino: Die Umarmung des Todes
März 9, 2010

Das Leben auf der japanischen Schattenseite: kleine, enge Wohnungen, in denen die Gerüche des Lebens wabern und nicht zu entfernen sind, Familien, die zerbrochen sind an der Perspektivlosigkeit, an den rigiden Regeln des traditionellen Lebens in Japan und den Konflikten mit einer ausufernden Konsumgesellschaft, die keinen Halt mehr bietet, an Männern, die ihre Frauen betrügen und belügen, an Frauen, die aufgerieben werden zwischen Beruf und Familie… Kirino schildert eine Seite des Lebens in Japan, die nicht glanzvoll ist, sondern elend. Und in diesem Elend greift sie das Schicksal von vier sehr unterschiedlichen Frauen heraus, die zusammen (bezeichnenderweise) per Nachtschicht in einer Luchpaketfabrik ihren Beitrag zum Lebensunterhalt der Familien leisten (müssen).
Als eine von ihnen, Yayoi, erfährt, daß ihr Mann Kenji die gesamten Ersparnisse, die zur Anzahlung einer Eigentumswohnung gedacht waren, verspielt und mit Prostituieren ausgeben hat, verliert sie die Nerven und erdrosselt ihn. In ihrer Verzweifelung ruft sie ihre Arbeitskollegin Masako an, die spontan ihre Hilfe bei der Entsorgung der Leiche zusagt. Aus rein technischen Gründen (eine intakte Leiche zu entsorgen ist schwierig, allein den schweren Körper zu bewegen für Frauen fast unmöglich) kommen sie auf die Idee, die Leiche des Verblichenen zu portionieren und dann in haushaltsüblichen Mengen und Verpackungen über die städtische Müllabfuhr zu beseitigen.
Der Plan ist einfach, aber gut. Nur leider treten doch unvorhergesehene Probleme auf, so daß letztlich alle vier Frauen an der Entsorgung von Kenji, dem toten Mann Yayois, beteiligt sind. Während Yoshei noch halbwegs zuverlässig ist, ist Kuniko sehr oberflächig und und unzuverlässig. Entsprechend nachlässig entsorgt sie ihren Anteil an den Leichenteilen, die dann auch bald gefunden werden. Schnell identifiziert die Polizei Kenji, aber Yayoi kann ihre Geschichte glaubhaft vorbringen und den anfänglichen Verdacht gegen sie schnell zerstreuen.
Kenjis Lieblingsbar gehörte Satake, einem gefährlichen Mann mit finsterer Vergangenheit. Da Kenji sich an sein bestes Mädchen in der Bar heranmachte und es auch zu Hause belästigte, schmeisst er ihn aus der Club, es kommt zu Handgreiflichkeiten. Als die Polizei dies erfährt, verhaftet sie ihn als Hauptverdächtigen an dem Mord. Satake muss einige Zeit im Gefängnis verbringen, man kann ihm zwar nichts nachweisen, aber in seiner Abwesenheit werden seine Clubs geschlossen, seine Mädchen wechseln zu anderen Etablissements und er ist geschäftlich ruiniert. So sinnt Satake auf Rache an den wahren Mördern von Kenji und schnell hat er Yayoi in Verdacht.
Satake birgt ein tiefes, finsteres Geheimnis in seiner Seele, einen lange zurückliegenden, brutalen Mord, der ihm aber höchste Lust bescherte, ein Gefühl, das er seit dieser Zeit, seit vielen Jahren nicht mehr erlebte und das zu noch mal zu erleben er sich kaum vorstellen kann. Da trifft er in Masako, der resoluten, durchsetzungsfähigen Freundin von Yayoi auf eine Frau, in der er eine ähnliche Seele zu erkennen glaubt wie er es ist.
Das Buch erzählt zwei Geschichten: zum einen die der vier Frauen, die durch diesen einen Moment des Verbrechens miteinander verschweisst doch alle anders mit der Situation umgehen. Im Grunde scheitern alle, nur Masako erkennt in der Grenzüberschreitung, die sie getan hat, daß dieser Schritt auch eine Freiheit für sie bedeutet, nämlich die, alles hinter sich zu lassen. Die anderen drei Frauen bleiben in ihren Schicksalen gefangen, sie haben am Ende weniger als vorher, sie sind die Verliererinnen, wissen die Chance, die sie bekommen haben, nicht zu nutzen. Masako hingegen geht ihren Weg konsequent weiter, sie hat eine Tür zu einem anderen Leben geöffnet, sie hat auch innere Schranken überwunden, innere Grenzen übertreten und kann nicht mehr zurück in ihr altes Leben. Sie entdeckt etwas in sich, was ihr Angst macht, sie spürt eine Lust in sich, die an Angst und Tod gekoppelt ist.
Die andere Geschichte ist die Satakes, der zeit seines Lebens auf der Suche ist nach dem Gefühl, das er in jenem finsteren, hasserfüllten, blutigen Moment so übermäßig in sich spürte, daß er danach viele Jahre nichts mehr zu spüren im Stande war. Erst jetzt, als er im Zuge seiner Nachforschungen auf Masako trifft, glaubt er, in dieser nochmal eine Frau gefunden zu haben, die ihn mit gleicher wilder Inbrunst hassen kann wie die getötete Frau von damals. Und so konzentriert sich seine Jagd immer mehr darauf, Masako in seine Gewalt zu bekommen…
Der Schluss, in dem Satake und Masako sich umkreisen, aufeinander lauern und dann endlich aufeinandertreffen, ist wahnsinnig spannend. Dabei beschränkt sich Kirino nicht nur auf die äußeren Abläufe, die ziemlich brutal sind, sondern schildert auch die inneren Vorgänge, die Begierden, Gefühle, den Hass, das Verlangen der beiden Protagonisten. Und ein wenig kann sie sogar nachvollziehbar machen, wie in diesem grausamen Geschehen vor allem in Masako Klarheit entsteht, wie grenzenloser Hass und Liebe verschmelzen, wie zwei kranke und verwundete Seelen zueinander finden. Thanatos und Eros, die beiden Antipoden, gehen in diesem letzten Moment zwischen Satake und Masako ineinander über, für beide gibt es nach diesem Moment kein zurück mehr.
So ist dieses Buch vielerlei: eine Schilderung des modernen Japans abseits der Hochglanzmeilen, in dem die alten Traditionen nicht mehr tragen, aber auch noch nicht abgeschafft sind und die neue Weltsicht kein ordnendes Prinzip mehr kennt ausser der Jagd nach Geld und Glamour. Es ist ein Krimi mit einer Handlung, die erstaunlicherweise ohne jegliche moralische Wertung durchgeführt wird, einzig der Ekelfaktor und einige praktische Details scheinen limitierend zu wirken. Und es ist eine sehr interessante Reise in die vielschichtige Seelenlandschaft zweier einsamer Menschen, die sich gesucht haben und sich in dem Moment, in dem sie sich finden, wieder verlieren. Es wäre bestimmt interessant, das weitere Leben von Masako nach dieser Grenzerfahrung, die das Fenster zu ihrem Innersten geöffnet hat, zu erfahren….
Kirino nimmt sich viel Zeit, ihre Charaktere zu entwickeln und darzustellen, entsprechend glaubhaft und nachvollziehbar werden sie und ihre Handlungen. Ein wenig schade ist es, daß der eine oder andere Handlungsstrang unvermittelt abbricht So wäre es zum Beispiel spannend gewesen, ob und wie der Polizist Imai weiter ermittelt, auch der angedeutete Verzweiflungs-/Befreiungsschlag von Yoshie am Ende des Buches kommt sehr unvermittelt und macht etwas ratlos… und was mich interessieren würde, (eingedenks Eco), was im Original gestanden hat (bzw., was Kirino als Japanerin eigentlich sagen wollte..), wo im Text auf S. 201 von Gott geredet wird, der sein Urteil über Yayoi gefällt hätte und sie strafen wolle. Schließlich (so habe ich es zumindest aufgefasst), ist Yayoi ja Buddhistin…..
.. aber diese wenigen „negativeren“ Eindrücke mindern keineswegs den Genuss, dieses Buch zu lesen!
Facit: Absolut spannend und empfehlenswert!
Natsuo Kirino
Die Umarmung des Todes
Goldmann Verlag, 2005, Tb., 608 S.
ISBN-10: 3442458528
ISBN-13: 978-3442458523








