Silvia Bovenschen: Älter werden
Februar 25, 2010

Das Büchlein “Älter werden” von Silvia Bovenschen wird – bis auf wenige Ausnahmen – hochgelobt als intelligentes und psychologisch ausgereiftes Buch mit Anmerkungen über – eben – das Älter werden, das ja mit dem ersten Tag des Lebens beginnt. Natürlich ist hier nicht die Jugend gemeint, sondern das “tatsächliche” älter werden, genauer gesagt, das “Alt werden”.
“Alt werden” heißt, gewisse Verluste zu erleiden, körperlicher Art, aber auch geistiger: man ist nicht mehr so beweglich, die körperliche Leistungsfähigkeit nimmt ebenso wie die Belastbarkeit ab, Vergesslichkeit macht sich breit, vor allem auch in den Dingen, die nahe sind. Dagegen gewinnt man Erinnerungen, der Schatz dessen, was man erlebt hat, wächst unaufhörlich und lange Vergessenes, Zurückliegendes kommt einem wieder ins Gedächtnis. Alt werden heißt auch, daß die Zukunft zugunsten der Vergangenheit schrumpft.
Bovenschen beschreibt genau dies: Gedankensplitter, Erinnerungen, Rückblicke auf ihr Leben. Klar analysiert sie viele Situationen, die ihr im Alter jetzt wieder ins Gedächtnis kommen, sie wertet sie hinsichtlich ihrer Bedeutung und ordnet sie in ihr Leben ein. Das Buch ist eine Rückschau, ist es auch schon ein Resumee, schafft sie sich tatsächlich eine “... Erinnerungsgeschichte, um dann aus ihr zu bestehen?” ?[S.154]. Wäre dies wahr, wo bliebe dann die Zukunft von Frau Bovenschen? Zukunft – ich habe wenig zu diesem Thema gefunden, bei aller Vielfältigkeit von dem, was Bovenschen anspricht: Zukunft ist nicht präsent: “Wahrscheinlich hat der ablaufende Mensch keine zukünftigen Möglichkeiten.” [S. 141], wird sogar ausdrücklich ausgeschlossen: “Das Alter lähmt. Das Alter ist zunehmende Zukunftslosigkeit.” [S.108]. Nein, Frau Bovenschen, Nein, Nein und nochmals Nein! Zukunft, mag sie auch rein “quantitativ” mit dem Alter abnehmen, besteht qualitativ an jedem Tag, an dem man wach wird, noch! Es gibt genügend alte Menschen, die dies – auch in der Öffentlichkeit – beweisen. Es ist gerade die Kunst des “Älter werden”s, dies zu leben!
Und auch der allerletzte Gedankensplitter in ihrem Buch (“Versäumnisse”) klingt ähnlich resignativ: auf die Frage, ob sie glaube, in ihrem Leben etwas versäumt zu haben, stellt sie fest, daß es da so viel nicht gäbe, sie kokettiert damit (und überspielt damit wirklich Versäumnisse?), daß sie nie auf zwei Fingern zu pfeifen gelernt hätte. [S. 155] Kein Ausdruck der Befriedigung darüber, ein (trotz schwieriger, krankheitsbedingter Umstände) offenbar erfülltes (da keine (?) Versäumnisse) Leben geführt zu haben, kein Bedauern auch, daß dies und jenes nicht gelebt werden konnte, zu spät erkannt wurde…
Für mich ist der Schlüsselsatz in dem Buch in dem Abschnitt zu finden, den sie “Heimat” nennt:
Ich hatte in der Gesundheit und in der Normalität keine Heimat. Dergleichen gab mir keine Wohnung und keinen Maßstab. Ich konnte nicht in mir ruhen.
Es gab keinen Tag in den letzten sechsunddreissig Jahren, in dem ich mir meiner Einschränkung nicht bewusst gewesen wäre; ….” [S.109]
Ist das nicht DAS Versäumnis eines Lebens, im Alter resumieren zu müssen, daß man nicht in sich ruhen konnte, es nicht geschafft hat, eine Mitte für sich zu finden, zu sich selbst zu finden? Ist das nicht das eigentliche Ziel eines jeden individuellen Lebens, zu sich selbst zu kommen, in sich selbst zu ruhen, das eigene Schicksal, auch wenn es so hart ist wie bei Bovenschen, zu akzeptieren als das Schicksal, als das Leben, das man im Hier und Jetzt zu leben hat und das man sich selbst seinen Möglichkeiten entsprechend zu gestalten verantwortlich ist? Auf intellektueller Ebene hat Bovenschen dies sicherlich geschafft…
Unabhängig von diesen Gedanken ist der Bovenschen´sche Lebensrückblick auch ein Rückblick auf eine Epoche, ein Zeitalter mit all seinen Veränderungen und Entwicklungen gesellschaftlicher, politischer oder kultureller Art. Bovenschen hat dies miterlebt, läßt es jetzt (teilweise auch durchaus mit Humor) Revue passieren und ordnet es aus dem zeitlichen Abstand heraus in seiner Bedeutung ein. Das ist natürlich schon interessant und lesenswert, in vielen Anekdoten findet man sich (hat man selbst schon ein gewisses Alter) auch in dieser oder jener Form wieder……
Facit: eine sehr persönliche Rückschau auf ein Leben, sprachlich präzise ausformuliert, aber mit einem sehr nachdenklich machenden resignativen Unterton.
Silvia Bovenschen
Älter werden
Fischer, Tb. 2008, 160 S.
ISBN-10: 3596175321
ISBN-13: 978-3596175321






März 2, 2010 at 8:44 pm
“Ist das nicht das eigentliche Ziel eines jeden individuellen Lebens, zu sich selbst zu kommen, in sich selbst zu ruhen, das eigene Schicksal, auch wenn es so hart ist wie bei Bovenschen, zu akzeptieren als das Schicksal, als das Leben, das man im Hier und Jetzt zu leben hat und das man sich selbst seinen Möglichkeiten entsprechend zu gestalten verantwortlich ist?”
Ja, damit hast du natürlich recht. Und auch mit deinem leidenschaftlichen Widerspruch gegen den gelegentlichen Bovenschen Fatalismus. Aber das man müde wird, wenn man wie sie Jahrzehnte gegen eine Krankheit gekämpft hat, ist auch verständlich.
LG Carmen
März 2, 2010 at 9:33 pm
Ja, das stimmt natürlich, dieser unendliche Kampf ermüdet unweigerlich. Aber genau das ist ja das Problem und die Frage, die ich stelle: Frau Bovenschen hat (so scheint es zumindest in ihrem Buch) den “Zeitpunkt verpasst”, ihr Schicksal anzunehmen und zu akzeptieren….
lg
fs
p.s.: ich weiß natürlich auch, daß sich das als halbwegs gesunder Mensch leicht sagen läßt….