Tilman Jens: Demenz: Abschied von meinem Vater
Januar 24, 2010
Demenz, ob nun vom Alzheimer-Typ oder auch andere, ist eine Krankheit, die uns besonderen Schrecken einjagd, da sie das „menschliche“ im Menschen angreift, zum Verschwinden bringt. Sieht man dementiell Erkrankte, ist man nur zu schnell dabei, apodiktisch festzustellen: „So will ich nicht leben“. Insofern ist das Schicksal von Walter Jens, einem der bekanntesten deutschen Publizisten, von besonderem Interesse, da er in seinen gesünderen Tagen vehement das Recht auf einen menschenwürdigen Tod forderte und verteidigte [1], und darunter eben auch die Folgen einer dementiellen Erkrankung verstand. Vor dem Lesen der Krankengeschichte ist es daher interessant, sich noch einmal die älteren Ausführungen von Jens durchzulesen.
Demenz ist heutzutage kein gesellschaftliches Stigma mehr, sie wird mehr und mehr öffentlich gemacht. Die Geschichte von Walter Jens ist ja nur ein Beispiel, unvergessen auch die Art, wie sich Ronald Reagan 1994 in einem Schreiben an die Amerikaner in die Demenz verabschiedete [2]. Charlton Heston, Inge Meysel, der Geiger Helmut Zacharias, Maggie Thatcher, Herbert Wehner – alles dementiell Erkrankte, denen Millionen nicht Prominenter gegenüberstehen, für diese jene das gesellschaftliche Stigma zumindest reduziert haben. Über Verwirrte, Alzheimerkranke kann man heute reden, ohne schief angesehen zu werden. Und das ist gut so.
Alzheimer zerstört das Gehirn. Die Krankheit ist destruktiv, sie bringt nichts neues hervor. Aussagen von Verwandten oder Bekannten: „Sie ist völlig verändert, das hat sie früher nie gemacht… das ist ganz neu“ umschreiben nur, daß im Zuge der fortschreitenden Erkrankung gesellschaftliche, persönliche oder auch anders motivierte Schranken, Konventionen nicht mehr eingehalten werden. Anschaulich gesagt, hat der-/diejenige früher das „Ar***loch“ nur gedacht, wo es jetzt lautstark in die Gegend gebrüllt wird…. Vergegenwärtigt man sich das, sind manche Verhaltensänderungen, die bei Erkrankten zu beobachten sind, sehr erstaunlich….
… und Alzheimer ist nicht tödlich. Man stirbt nicht an Alzheimer, sondern an irgendeiner anderen Erkrankung. Körperliche Gesundheit bedeutet also ein langes dementielles Leiden…..
Im Internet ist eine Vielstzahl von Informationen zum Thema zu bekommen, hier verlinke ich nur stellvertretend auf die Internetseite der Alzheimer-Gesellschaft [3]. Auch regional gibt es oft „Demenz-Wochen“ und ähnliche Veranstaltungen, in denen man sich meist sehr profund informieren kann.

Tilman Jens beschreibt in seinem kleinen Buch den Leidensweg seiner Vaters, des berühmten Publizisten, Rhetorikers und Redners Walter Jens. Es ist der „übliche“ Leidensweg, den Jens durchmacht, Wortfindungsschwierigkeiten, Orientierungslosigkeit, Antriebslosigkeit, Angst vor dem Verlassen werden wechseln mit Phasen wieder verbesserten Zustands. Tilman Jens korreliert den Ausbruch der Krankheit (im Verborgenen hat die Zerstörung des Hirns ja schon Jahre früher eingesetzt) mit dem Auftauchen der Karteikarte, auf dem die NSDAP-Mitgliedschaftsnummer von Walter Jens notiert war [4]. Ein Schock, für Walter Jens und später, als dies einer breiteren Öffentlichkeit und der Familie bekannt wurde, auch für diese. Die moralische Instanz Walter Jens als Parteimitglied, schlimmer noch für seinen Sohn, als jetzt, nach dem Bekanntwerden, Lavierender, nichts mehr Wissender, schwammig in den Aussagen und Ausreden, war zum einen ein Schock, reiht sich aber „mühelos“ in andere, vergleichbare Schicksale ein: Günther Grass (Waffen-SS) und Marcel Reich-Ranicki (polnischer Geheimdienst) sind ein paar derjenigen, die einem da einfallen und die auch im Buch erwähnt werden. Gemeinsam ist ihnen, daß sie Jahrzehnte verdrängt haben und dann, nach dem Bekanntwerden, die Boten, d.h. die Journalisten, die enttäuschte und auf Aufklärung beharrende Öffentlichkeit (als Boten der schlechten Nachricht) „hängen“ wollen. Wieviel einfacher, das ist es, was keiner versteht, wäre eine frühzeitige Offenlegung gewesen, es waren damals junge Menschen, in Deutschland sind schlimmere Lebensläufe ohne Bruch weitergegangen. Der Sohn widmet einen großen Teil seiner Biographie dieser „Schweige-Krankheit“. Sein Vater, so vermutet Tilman Jens, ist letztlich daran zerbrochen.
Überhaupt ist im Hause Jens vergessen, verdrängen ein von Tilman Jens mehrfach beschriebene Verhalten. Beatus und Beate Jens, die bei/kurz nach der Geburt verstorbenen Geschwister sind kein Thema in der Familie: „Trauer und Abschied, Probleme, die sich einer raschen Lösung verweigerten, hatten in meinem beredten Elternhaus nicht sehr viel Platz“ [S. 100]. Überhaupt vermittelt das Erzählte den Eindruck, daß in diesem intellektuell geprägten Elternhaus die emotionale Seite zu kurz kam [5]. Gute-Nacht-Geschichten, Tischgebete, Lieder, Hühner füttern: das gab es beim Wahlopa, dem Nachbarehepaar Schaich. Aber auch dessen Lebenslauf ist gebrochen, wie Tilman spät erfährt.
Verdrängung: lange Zeit geben sich die Familienangehörigen mit der ärztlichen Diagnose „Depression“ zufrieden. Die offensichtlichen Symptome, die die Ärzte aus welchen fadenscheinigen Gründen auch immer, nicht richtig deuten, nehmen auch sie nicht zur Kenntnis, vllt sogar beruhigt, hat Walter Jens doch schon einmal in den 80er Jahren eine Depression überwunden. Wird hier der Prominenz des Kranken die niederschmetternde Wahrheit geopfert?
Verdrängung: wer wollte es der Familie verdenken, daß sie ihrem Mann, dem Vater die richtige Diagnose nicht sagten? Sie halten ihn hin, verweisen auf die Entzugserscheinungen seines übermäßigen Arzneimittelkonsums, auf die früher schon einmal durchlittene Depression. Ein Fehler dies, sicher. Denn dieses Schweigen macht den Abschied unmöglich. Ein letztes Gespräch mit dem Vater hätte nur im Angesicht der Wahrheit sein können, nur diese hätte die Chance geboten, offen zu sein für eine letzte Aussprache, für Tränen und Trauer und Abschied. Vertan die Chance, unwiderbringbar. Aber wer wollte es ihnen verdenken? Einem Menschen zu offenbaren, daß er verwirrt ist und seine Demenz immer schlimmer werden wird – ist das zuviel für einen Menschen zu tragen? [6]
Jens war ein vehementer Verfechter der Würde des Lebens, zu der er auch und gerade die Würde des Sterbens zählte. Ein humaner, selbstbestimmter Tod, das ist es was er postulierte. Ein Tod im Kreis der Familie, die Frau an seinem Bett (sie soll ja nicht vorher sterben!), so wäre nach Jens der wünschbare Tod. Und auch die aktive Sterbehilfe vertrat er, seine literarischen Vorbilder auch in dieser Hinsicht beispielgebend. Im unten angegebenen Aufsatz: „Si vis vitam para mortem“ [1] vertritt er diese Meinung wortgewaltig – aber praxisfern. Dies aus literarischen Betrachtungen ableitend verdrängte er, daß im „richtigen Leben“ auch danach handeln muss: im Hause Jens gab es weder eine Patientenvollmacht noch Betreuungsverfügung, mit den entsprechenden Problemen, die jetzt die Familie hat, wenn es um eine Unterbringung geht, da die Mutter selbst für ein paar Wochen ins Krankenhaus muss [7].
„Ihr Lieben, es reicht. Mein Leben war lang und erfüllt. Aber jetzt will ich gehen.“[S.132] Walter Jens äußert diesen Wunsch und die Familie will ihn respektieren, Vorkehrungen sind getroffen. Doch dann auch kurz darauf dieses: „Aber schön ist es doch!„. Nein, dies klingt nicht nach Todeswunsch und so unternimmt die Familie nichts mehr.
Schlimme Wochen folgen, bis Walter Jens eine Pflegerin findet [8], die ihn als das nimmt, was er ist, die bodenständig ist und keine Probleme mit ihm, den sein Sohn jetzt den „kreatürlichen“ Vater nennt hat. Walter Jens auf der Stufe eines Kindes, lernt wieder lesen, spielt mit Puppen, sitzt mit Begeisterung vor dem Hasenstall und füttert die Hasen mit Möhren (er, der den Kindern wegen seines Asthmas nie Haustiere erlaubte)…. Er hat Spaß an einem Leben, „…das – wie er einst dachte [1], im Sinne des Humanen keines mehr ist.“ [S. 139]
Facit: Die Erkrankung seines Vaters auf diese Art und Weise publik zu machen, hat Widerspruch hervorgerufen. Aber es ist der richtige Weg. Dementiell Erkrankte sind kein Makel, jeder kann daran erkranken und es ist wichtig, daß die Gesellschaft dies versteht. Und daß sie versteht, daß auch ein dementiell Erkrankter Lebensqualität haben kann – anders wie früher, anders wie wir Gesunden, aber er kann! Bei aller Kritik, die der Autor an seinem Vater übt, spürt man die innige Beziehung, die zwischen beiden herrscht. T. Jens schreibt sich seine Trauer von der Seele und kommt so mit seinem Vater und mit sich ins Reine.
Links und Anmerkungen:
[1] Walter Jens: „Si vis vitam para mortem“, in Hans Küng, Walter Jens: Menschwürdiges Sterben, verschiedene Ausgaben
[2] Brieftext des „Abschiedsbriefes von R. Reagan
[3] Internetseite der Alzheimer-Gesellschaft
[4] mit „Jens Parteimitglied“ googlen bringt eine Menge der von Tilman Jens im Buch erwähnten Textstellen, Interviews und Zeitungsartikel
[5] Bezeichnend die Episode, in der T. Jens schildert, wie beeindruckt sein Vater von Werner Höfer war, daß dieser Stunden nach dem Tod seiner Frau ganz normal seine Fernsehsendung moderierte.
[6] Ich muss an dieser Stelle an Young („Die Hütte„) denken, der seiner „Gott“esfigur den Gedanken in den Mund legt, daß man die Unwahrheit sagt, um sich zu schonen, nicht um den Gegenüber zu schonen. Man selbst wolle den Konsequenzen der Wahrheit aus dem Weg gehen und deswege erniedrige man seinen Gegenüber, indem man ihn anlügt. Gilt dies auch hier??
[7] Die Schwierigkeiten, spezielle Einrichtungen für dementiell Erkrankte zu finden, kann ich aus eigener Erfahrung nicht nachvollziehen. Es gibt solche Heime und viele Pflegeheime haben auch solche Abteilungen, in denen man auf solche Erkrankungen spezialisiert ist. Das, was Walter Jens hier nach den Schilderungen seines Sohnes zugemutet wird, ist wirklich hart [S. 136/7]
[8] Ich persönlich bin der Überzeugung, daß eine Familie ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr in der Lage ist, einen dementiell Erkrankten adäquat zu pflegen. Zum einen überfordert es die Pfleger und auch der Erkrankte bekommt keine optimale Pflege mehr. Demenz ist organisch zwar die Krankheit eines einzelnen Menschen, sozial gesehen wirkt sie jedoch auf die ganze Familie zurück, denn man lebt auf einmal mit einem Menschen zusammen, den man nicht mehr kennt, schlimmer noch: der Verlust des früheren, geliebten Mannes/Vaters bedingt einen eigenen, schmerzlichen Trauerprozess bei den Familienmitgliedern, der nicht adäquat durchschritten werden kann unter der Belastung der Pflege.
zur Besprechung des zweiten Buches von Tilmann Jens: Vatermord
Tilman Jens
Demenz
Abschied von meinem Vater
Gütersloher Verlagshaus, 2009, HC, 144 S.
ISBN-10: 3579069985
ISBN-13: 978-3579069982
Simon Beckett: Leichenblässe
Januar 18, 2010

Becketts Thriller: hochgelobt und sicher auch richtige Verkaufsschlager. Ich bin ja nicht so begeistert und habe doch jetzt schon vier von ihnen gelesen. Warum? Erstens bin ich einfach der Zweitverwerter, ich bekomm die Bücher quasi geschenkt… zum zweiten: sie sind ohne jeden Zweifel spannend geschrieben, lassen sich gut lesen und als Abwechselung so zwischendurch.. Oje, jetzt habe ich ja das Facit schon geschrieben, bevor ich überhaupt was zum Buch gesagt habe….
Holen wir es einfach nach, ganz kurz. Nach seinem letzten Fall, den Hunter ja nur knapp überlebte, ist dieser von Selbstzweifeln geplagt und seelisch traumatisiert. Aber es ist ja „lonesome-wolf-its-hard-to-be-a-hard-man“ Hunter, Therapien sind was für Warmduscher. Dann lieber jeden Abend im Selbstmitleid gebadet und schweißüberströmt im Bett hochschrecken. Und dieses Bett steht für diesen Roman in Tennessee, wo Hunter bei seinem alten Lehrer Liebermann hospitiert, um bei dieser Gelegenheit auch über sein Leben nachzudenken. Aber bevor es zu philosophisch wird, spult Beckett sein erprobtes Schema ab: (i) ein Mord jagt den nächsten, (ii) nichts ist so, wie es aussieht, (iii) nichts ist so wie es scheint, (iv) ist überhaupt irgendwas?.. na ja, (v) auf jeden Fall ist im Show-Down nicht mehr allzuviel Zeit, es knäult sich etwas….. Beckett scheint überhaupt unter dem Zwang zu stehen, immer noch einen drauf zu setzen, in der Zahl der Opfer, in der die Glaubwürdigkeit übersteigenden Häufung von Zufällen, in der Verkennung der Verdächtigen….
Gesucht wird jedenfalls ein Täter, der offensichtlich ein Spiel spielt mit den Forensikern, Leidtragende sind die mit großer Raffinesse zu Tode Gefolterten, mit denen der Thanatophile sich ein besonderes Anliegen erfüllen will. Insofern gibt es eine Menge appetitlicher Details aus dem Vergehensprozess von Leichen, die üblichen ermittlungstechnischen Sackgassen, auch menschlich stimmt nicht alles und last not least ist Hunter in der Sinnkrise.. aber das sagte ich ja schon …. über alles dann eine Einheitssauce psychologischer Platitüden .. und das ist es dann.
Facit: siehe oben. Spannend ist es, gut geschrieben, gut zu lesen. Und schnell zu vergessen.
Link: wer eine etwas ausführlichere und sachlichere Inhaltsangabe sucht, kann sich in der wiki informieren…
Simon Beckett
Leichenblässe
Wunderlich, 2009, HC, 416 S.
ISBN-10: 3805208669
ISBN-13: 978-3805208666
bücher.leben: eins zieht das andere nach sich….
Januar 17, 2010
Ist mir heute abend so aufgefallen:.
zum einen: mehr durch Zufall beim Stöbern in einer (mir) neuen Buchhandlung habe ich das Buch von Sill über die „Kunst des Sterbens“ gefunden und gekauft. Dort wird neben vielen anderen auch Noll: „Diktate über Sterben und Tod“ zitiert.
zum zweiten: in eben jener Buchhandlung bin ich auch auf Tilman Jens und sein Buch „Abschied von meinem Vater“ aufmerksam geworden. Walter Jens… da war doch was *grübel*. Richtig: zusammen mit Hans Küng: „Menschenwürdiges Sterben„. Stand bei mir im Regal, habe ich wohl mal auf Vorrat gekauft. Dort habe ich mir vorbereitend den Beitrag von Walter Jens durchgelesen (recht schmal der Beitrag, finde ich….) und stoße auf Bekannte: eben jenen Noll, den auch Sill zitiert und auch auf Nuland: „Wie wir sterben„, das ebenfalls bei mir im Regal wohnt und an das ich keine guten Erinnerungen habe, weil Nuland ziemlich schonungslos schildert, was der Titel andeutet. Und das ist nicht so nett.. (und folgerichtig kommt Nuland auch zu dem Schluss, ein menschwürdiges Sterben gäbe es kaum, das sei eher ein Hilfskonstrukt für die den Sterbenden Begleitenden….)
… aber das wollte ich auch garnicht festhalten, ich fand es nur interessant, wie eng manchmal das Netz ist, in dem man sich zu einem bestimmten Thema bewegt….
Ian McEwan: Abbitte
Januar 16, 2010

England, in der Nähe Londons. Ein in einer weiträumigen Parklandschaft gelegenes Herrenhaus, ein gleißender Sommertag und eine Vielzahl von Menschen, die McEwan im Stil eines englischen Gesellschaftsromans beschreibt. Mehr als einmal dachte ich, daß ich Brideshead wiedersehe….
Es ist das Haus der Familie Tallis. Emily, die Mutter, pflegt ihre Migräne vorwiegend im abgedunkelten Schlafzimmer, ihr Mann sitzt in London im Ministerium – der 2. Weltkrieg wirft im Jahr 1935 seine langen Schatten voraus. Die viele Arbeit (und auch – so wird angedeutet – die nachherige Entspannung davon) hindert ihn des öfteren, nach Hause zu kommen. Im Haus führt Betty die Küche und den Haushalt, Cecilia, die ältere Tochter ist anwesend und mit dem von der Mutter gewünschten Aufstellen eines Blumenarrangements für den ganzen Tag beschäftigt. Briony, das 13jährige Nesthäkchen ist aufgeregt, zu Ehren des Besuchs ihres Bruders Leon hat sie, die mit dem Kopf in den Wolken schwebt und einen ganzen Kosmos an Phantastereien in ihre schriftstellerischen Elaborate steckt, ein Theaterstück geschrieben, daß sie mit den ebenfalls für heute erwarteten Kindern ihrer Tante aus dem Norden aufführen will. Und im Garten werkelt Robbie Turner, der Sohn der Dienstfrau, der vom Vater unterstützt und gefördert vor einem hoffnungsvollen Leben steht. Dies ist vereinfacht dargestellt die Ausgangssituation, in die McEwan uns führt.
Im Mittelpunkt der Geschichte steht Briony, das Mädchen zwischen Kindheit und Erwachsensein. Weder noch hier noch schon dort fehlen ihr die Massstäbe zum Urteilen, ihre Phantasie, ihre eigenen (unterschwelligen) Wünsche gaukeln ihr Bilder vor und flüstern ihr Sachen ein, deren Konsequenz sie nicht erahnt. Ähnlich wie die Hitze des Tages flirrende Bilder erzeugt, kann sie die Realität nicht fassen sondern fällt auf Trugschlüsse herein.
Sehr einfühlsam entwickelt McEwan in diesem Szenario den Verlauf des Tages, dessen Unglück damit beginnt, daß Cecila und Robbie beim Füllen der Vase mit Wasser am Gartenbrunnen dieses wertvolle Stück zerbrechen und Cecilia in Unterwäsche in den Brunnen steigt, um die Scherben zu bergen. Für Briony ist dieses Bild aus der Entfernung nicht zu deuten, es wird zu einem Mosaiksteinchen im Teppich über der Falltür, durch die kurz darauf alle stürzen.
Die Gefühle zwischen Cecilia und Robbie, anfänglich aggressiv und voller Spannung, lösen sich, als endlich das befreiende Wort gesprochen wird: ich liebe dich. Doch leider verwechselt Robbie den Brief, den er durch Briony an Cecilia schickt, mit einem früheren Entwurf, in dem er auch mehr körperbetonte Handlungen ins Spiel bringt. Briony öffnet diesen Brief, sie ist schockiert, spioniert Robbie und Cecila nach und fängt an, Robbie zu hassen und mit einer falschen Beschuldigung, die von keinem außer Cecilia in Frage gestellt wird, beschwört sie die Katastrophe hervor.
Ist der erste Teild es Romans durch eine geradezu einschläfernde Behäbigkeit der Atmosphäre geprägt, stellt der zweiter Teil das genaue Gegenteil dar, damit wird auch der Bruch im Leben der Personen offensichtlich. Fünf Jahre sind vergangen, Robbier, der im Gefängnis saß, hatte durch den Krieg die Gelegenheit, zu den Truppen entlassen zu werden. Der Autor schildert den Versuch Robbie Turners, mit zwei Kameraden der Einkesselung durch die deutschen Truppen bei Dünkirchen zu entkommen. (Stichwort: „Wunder von Dünkirchen„). Die Beschreibung dieser Odyssee ist schonungslos, hart und grausam, wie der Krieg.
Im letzten Teil geht Ian McEwan auf das Schicksal von Briony ein. Auch deren Leben ist durch ihre Tat entscheidend beeinflusst, anstatt zur Schule zu gehen unterwirft sie sich als Schwesternschülerin in einem Krankenhaus einem quasi-militärischem Drill, pflegt und versorgt verwundete Soldaten. Und sie nimmt nach all den Jahren wieder Kontakt auf zu ihrer Schwester, die nach dem Zwischenfall im Sommer 1935 mit der Familie gebrochen hatte.
Im Epilog, der 1999 in London angesiedelt ist, schließt sich letztlich der Kreis, den der Autor mit seinen Figuren geflochten hat.
Schuld ist das Thema des Buches, Schuld und Sühne, Vergebung und Busse, aber auch Liebe und Treue. Die kleine, bösartige Schwindelei einer intrigierenden Pubertierenden, der allzu bereitwillig geglaubt wird, weil sie auf einen trifft, der sowieso nicht so richtig dazu gehört. Einen Schuldigen zu haben, noch dazu so einen, das reicht, um die Ordnung wieder herzustellen und das Mädchen, gefangen in seiner eigenen Behauptung findet nicht den Weg zurück in den Zweifel. Und so zerstört dieser Moment den vorgezeichneten Lebensentwurf der Beteiligten, wirft das Leben buchstäblich in andere Bahnen, unwiederruflich und endgültig. Keine Sühne, und sei sie auch noch so groß, kann hier etwas rückgängig oder wieder gut machen, nur eins kann getan werden, Abbitte kann geleistet werden und – vielleicht – Vergebung gewährt.
Facit: Im ersten Teil des Buches muss man sich einfach von der Behäbigkeit der Betrachtungen und dem Glast der Sonne in dieser sommerlichen Umgebung einfangen lassen… dann wird es auch nicht langweilig. Langatmig ist es schon…. Aber sei es drum: ein großes Thema verlangt auch noch einer großen Darstellung. Und die ist gelungen!
Ian McEwan
Abbitte
Diogenes TB, April 2004, 544 S.
ISBN-10: 3257233809
ISBN-13: 978-3257233803
Olen Steinhauer: Der Tourist
Januar 14, 2010

„Dieses Buch hat das Zeug zum Klassiker“ So der Klappentext. Hat es daß wirklich? Ich habe so meine Zweifel….
Also, das Buch ist in jedem Fall spannend, gut geschrieben, kurzweilig, unterhaltsam: insofern ist an ihm nichts auszusetzen. Und trotzdem….
Aber erstmal ein paar Hinweise zur Story, ohne daß zuviel verraten werden soll.
Milo Weaver gehört zu einer geheimen Abteilung des CIA, man könnte ihn und seine Kollegen als die „Ninjas“ der CIA bezeichnen: sie arbeiten im höchsten Mass verdeckt und haben zur Erfüllung ihrer Aufträge alle möglichen Lizenzen. Die britischen 00-Agenten sind gegen sie geradezu Bürokraten… Jedenfalls wird Weaver bei einem seiner Einsätze schwer verletzt und zieht sich (vorher schon von heftigen Zweifeln geplagt), von der Front zurück.
Ein paar Jahre später wird eine frühere Kollegin von ihm des Verrats beschuldigt, um die gleiche Zeit gelingt es ihm, einen Auftragskiller, dem er schon seit langem auf der Spur ist, zu fassen. Letzlich führen seine Untersuchungen, ob das Material gegen seine Ex-Kollegin stichhaltig ist und die Aussagen des Killers in einen Handlungsstrang und schon bald ist er selbst Ziel der einsetzenden Jagd.
Mehr sei nicht verraten. Jedenfalls, nichts ist wie es scheint und wenn die erste Schicht der Geheimnisse weggefegt wurde, taucht die nächste auf .. und die nächste.. und die nächste… Jeder intrigiert gegen jeden, sogar Agenten, die von einem einzigen Führungsoffizier geleitet werden, werden aufeinander angesetzt. Wenn es ein perpetuum mobile gibt (und wenn der Roman sich an der Wirklichkeit orientieren sollte…): Geheimdienste wären ein guter Anwärter dafür. Sie beschäftigen sich vorwiegend mit sich selbst und dem konkurrierenden Dienst und (wie es im Buch heißt), sie glauben nichts, was man ihnen sagt, sondern nur das, was sie selbst herausgefunden haben…. und selbst das könnte ja manipuliert sein…
Der Tourist – ein Buch der Art, die ich für mich als typisch amerikanische Bestseller bezeichne: eine schnell geschriebene Story (viele Dialoge, szenischer Aufbau der Handlung, wenig Reflektionen und Beschreibungen), die fast-food-mäßig in kleinen Portionen dargeboten wird: 544 Seiten aufgeteilt in 69 Kapitel. Das ideale Buch für die Küche: Während der Zubreitung eines morgendlichen 4-Minuten Eies hat man ein Kapitelchen gelesen, während der Tee 3 Minuten zieht das nächste…. und wenn man zwischendrin mal einen Teil des Plots nicht so ganz versteht, macht es auch nichts. Die Wahrscheinlichkeit, daß im nächsten Kapitel alles sowieso als Schwindel auffliegt, ist groß…
So hinterläßt das Buch trotz der Spannung beim Lesen einen schalen Nachgeschmack: die Belanglosigkeit. Natürlich ist Weaver eine zerissene Persönlichkeit, hin und hergeschleudert zwischen dem Schein seiner Agentenidentität und dem Wunsch, ein stinknormaler Familienvater zu sein. Schließlich sagt uns Steinhauer das ja auch oft genug. Gut so, denn aus dem Text spüren tut man es nicht, kein Vergleich mit einem Charakter wie Leamas, der vielschichtig Tiefe aufweist, während bei Steinhauer (bzw. Weaver) alles an der Oberfläche bleibt und man im Grund genommen schon früh weiss oder ahnt, wie die Story enden wird.
Ganz witzig aber irgendwie auch befremdlich weil eben nur Fiktion ist der Versuch des Autoren, der (zumindest seiner „who„-Seite nach) keine besonderen Bezug zu Deutschland hat, bundesdeutsche Vergangenheit in den Roman mit einzubauen. Aber das wird wahrscheinlich in den USA kaum einem auffallen…..
Facit: gute Unterhaltung, nicht mehr – aber auch nicht weniger.
Olen Steinhauer
Der Tourist
Heyne, Januar 2010, HC, 544 S.
ISBN-10: 3453266102
ISBN-13: 978-3453266100
Bernhard Sill: Die Kunst des Sterbens
Januar 12, 2010
Die Kunst, deren Sache es ist, uns zu sagen, wie es gelingen kann, mit der Tatsache des Todes umgehen zu können, da wir sie nicht umgehen können, ist die Kunst des Sterbens. … Die Kunst des Sterbens als essentiellen Teil der Kunst des Lebens wieder ins Gespräch zu bringen, ist das, was dieses Buch will.

Der Grundgedanke des Buches ist, daß der Tod als End- und Zielpunkt des eigenen Lebens erkannt und akzeptiert werden muss. Von ihm aus betrachtet läßt sich das eigene Leben in der Rückschau erkennen als sinnvoll gelebt oder als eben nicht sinnvoll. Demzufolge – und für diese Einstellung führt er viele Beispiele aus der Literatur an – soll man jeden Tag so leben, als könne der Tod am nächsten Tag eintreten, das Sterben am nächsten Tag beginnen (was ja auch wirklich so ein kann…..). Ignacio de Loyola beschreibt dies in seinen Regeln so:
…gleich, als wäre ich in der Todesstunde, will ich jene Handlungsweise und Massnahme sorgfältig erwägen, welche ich dann in Bezug auf die gegenwärtige Wahl eingehalten zu haben wünschte; indem ich mich danach richte, will ich jetzt durchaus meinen Entschluss fassen.
… ich will bedenken und erwägen, wie mir bei dem letzten Gerichte zumute sein wird und welchen Entschluss ich dann über die gegenwärtige Frage gefasst zu haben wünsche; und die Richtschnur, welcher ich dann gefolgt sein möchte, will ich jetzt befolgen, damit einst in jener Stunde Wonne und Freude mich erfülle. [1]
Was hier in mittelalterlicher Sprache und unter einem theologischen Gesichtspunkt gefordert wird, ist in die heutige Sprache übersetzt auch für Nichtgläubige eine Handlungsmaxime: Überlege dir, was deine Entscheidungen langfristig für Folgen haben und vermeide es, aus kurzfristigen Motiven, aus einem momentanen Vorteil heraus, zu entscheiden. Nur wenn eine Entscheidung in der Rückschau nicht bereut werden muss, war es eine gute Entscheidung. Und diese Rückschau (bei Ignacio das „letzte“ sprich das „Jüngste Gericht“) ist spätestens dann, wenn und indem wir uns auf unseren Tod vorbereiten. So ist das Wissen um den eigenen Tod, das eigene Sterben Massstab für das Leben und in letzter Konsequenz ist die Kunst des Sterbens eine Kunst des Lebens. Zur Kunst des Sterbens gehört es, daß ein jeder auch Frieden machen kann mit dem, was sein Leben gewesen ist.
Der Tod vor dem Tod
Verschiedene Autoren zitierend (u.a. Brecht und Frisch) widmet Sill sich ausführlich dem „Tod vor dem Tod“, dem Sterben des Menschen oder dem, was den Menschen ausmacht, bevor der physische Tod eintritt:
Alleinsein und alleingelassen werden wollen; keine Freunde haben und dann den Menschen misstrauen und sie verachten; die anderen vergessen und dann vergessen werden; für niemanden dasein und von niemandem gebraucht werden; um niemanden Angst haben und nicht wollen, daß sich einer Sorgen um einen macht; nicht mehr lachen und nicht mehr angelacht werden, nicht mehr weinen und nicht mehr beweint werden: der schreckliche Tod am Brot allein. [2]
Einsamkeit, Beziehungslosigkeit: dieser Mensch ist für mich gestorben, diese radikale Metapher für den Abbruch einer Beziehung. Totschweigen, totreden, mundtot machen, Rufmord begehen: „...Menschen werden zu Mördern, wo und wann das Leben von Menschen kaputt gemacht wird..“ [S. 57]
Und daraus leitet Sill ab [S. 63/4]:
„... Was Menschen dafür zu tun in der Lage sind, dass jeder Mensch ein „Liebhaber“ seines Lebens werden kann, das sollten sie tun. …. Verbündete gegen den Tod vor dem Tod sollten die Menschen sein. … Wenn es schon sein muss, daß wir Todgeweihten diese Welt eines Tages verlassen müssen, dann doch wenigstens so, daß wir bei Lebzeiten füreinander das getan haben, was wir tun konnten, damit im Leben eines jeden von uns (Menschen) nicht jede Menge Tod vor dem Tod, doch dafür jede Menge Leben vor dem Tod gewesen ist. „
Das Leben nach dem Tod
Sill ist katholischer Moraltheologe und setzt als solcher die Existenz Gottes fraglos voraus. Insofern widmet er sich auch dem Leben nach dem Tod und geht auf Begriffe wie „Himmel“, „Fegefeuer“ und „Hölle“ ein. Ich war da auch etwas skeptisch, muss aber sagen, da Sill die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen als zentrales Element in den Mittelpunkt seiner Argumentation stellt, kommt er zu sehr tröstlichen Interpretationen dieser Begriffe. So stellt er zwar dar, daß die Existenz einer Hölle zwangsläufig aus der Freiheit des Menschen, sich für oder gegen Gott zu entscheiden, folgert. Aber Gott in seiner unendlichen Liebe zu uns Menschen würde nie den Versuch aufgeben, einen Menschen, der sich gegen ihn entschieden hat, nicht doch noch für sich zu gewinnen….. Man kann davon halten, was man will, aber zumindest unterscheiden sich die Sill´schen Deutungen fundamental – und zwar sehr sympathisch – von den Schreckensvisionen, von denen früher immer die Rede war und an die sich vllt der eine oder andere (so wie ich) noch aus dem Religionsunterricht erinnern kann.
Facit: Das Buch hat (ich habe es im letzten Kapitel angedeutet) einen sehr stark theologischen Hintergrund, nichtsdestoweniger ist die Quintessenz dessen, was Sill schreibt auch dann gültig, wenn man nicht an Gott glaubt oder nicht auf diese Art. Von Format und Inhalt her könnte es eins der Bücher sein, die einen im Leben stetig begleiten.
[1] zitiert nach: Die Exerzitien und das Tagebuch des Ignacio de Loyola, Matthes & Seitz, München, 1978, S. 126
[2] Dorothee Sölle, zitiert auf S. 54
Bernhard Sill
Die Kunst des Sterbens
Verlagsgemeinschaft topos plus, 2009, TB, 102 S.
ISBN-13 978-3-8367-0691-9
Linda Verhaelen beschreibt in ihren zwei Büchern das Leben ihrer in London geborenen, in Recklinghausen und der schwäbischen Provinz aufgewachsenen Hauptperson ab Ende der 50er Jahre. Weitere Stationen dieses Lebens München und Düsseldorf, wo der zweite Teil dann mit einem abrupten Happy End aufhört.

Das erste Buch handelt von den Sorgen und Nöten eines pubertierenden Mädchens in verklemmten Zeiten und endet mit der Studienzeit um 1970 im München. Es liest sich flott, an vielen Stellen tritt ein spontanes Grinsen ein, ab und an auch ein Lachen. Ist man selber in dieser Periode geboren, fühlt man sich durchaus wieder in diese Zeit zurückversetzt und alte Gefühle stellen sich ein. So ist die erste Hälfte des Buches sehr kurzweilig, auch der Beginn der Münchner Studentenzeit fängt noch eher lustig an, die Erzählerin ist keinem, auch keinem sexuellen Abenteuer abgeneigt, muss auch erst die Unerfahrenheit der Provinz verlieren. Aber irgendwann schlägt der Tenor des Buches um, die Hauptperson steht mit ihrem Leben plötzlich auf der Kippe. Eine ungewollte Schwangerschaft, eine unglückliche Liebe, zu viel Alkohol, zu wenig Geld, Drogen, Autodiebstähle, ein Leben am Abgrund, dem sie dann nach geraumer Zeit entfliehen kann, indem sie die Kraft findet, in ihr Elternhaus zurück zu kehren.
Wie gesagt, all dies flott erzählt in einer schnoddrigen Sprache, die sich auch vor Vulgärem nicht drückt, im Gegenteil. Andererseits, der Klappentextvergleich mit Bukowski… man sollte die Kirche im Dorf lassen. Allein der häufigere Gebrauch des F-Wortes macht noch keinen Bukowski aus, mit dieser Erwartung sollte man das Buch also nicht lesen. Nein, so lakonisch und abgeklärt ist es nicht….
Die Fortsetzung, das Leben als Zumutung, spielt einige Jahre später in Düsseldorf. Dort arbeitet die Hauptperson mittlerweile im Verlagswesen und das Buch schildert die Irrungen und Wirrungen der Heldin in Beruf und Privatleben. Die Sprache ist wie im ersten Band flott, doch es fehlt eine Entwicklung im Buch. Irgendwann fängt sich alles an zu wiederholen, die fehlschlagenden Liebschaften (jede mit anderer sexueller Marotte), der alltägliche Bürokrieg, es geht einfach nicht voran. Vielleicht ist das im realen Leben so, in einem Buch fängt mal als Leser an, nachlässig zu werden, mal zu schauen, wie es ein paar Seiten weiter hinten mit der Geschichte weitergeht. Aber: überblättert man 20, 30 Seiten – es fällt nicht weiter auf, man kann praktisch nahtlos weiterlesen, schlimmstenfalls hat man einen neuen Liebhaber versäumt oder den Büroklatsch nicht mitbekommen.
Tja, und dann musste wohl ein Happy-End her, denn unvermittelt fällt die große Liebe in kleinen Schritten über unser Frl. Scott her und weiße Tauben flattern in den Himmel und sie sitzt in der Hochzeitskutsche und das Buch ist fertig. Genau so schnell und unvermittelt, wie sich dieses Happy-End auf einmal einstellte.
Auch diese Fortsetzung durch die schnoddrige Sprache kurzweilig zu lesen und durchaus amüsant. Hätte man aber aus beiden Büchern das Beste herausgeholt und den Text zu einem Buch gestrafft, wäre der Gesamteindruck wohl besser gewesen, denn der zweite Band scheint mir nach dem Erfolg des ersten diesem hinterher geschoben.
Facit: für den Urlaub, die längere Bahnfahrt, ein kurzweiliges Wochenende durchaus ein brauchbarer Lesestoff, der keien allzugroßen Ansprüche stellt.
Linda Verhaelen
Teil 1: Mein Leben als Schlampe
Teil 2: Das Leben als Zumutung
Zweitausendeins, Frankfurt 2002/2004
ISBN: 3861505010 / 386150538X
Jill Gregory, Karen Tintori: Das Buch der Namen
Januar 5, 2010

Die Welt steht kurz vor ihrer Vernichtung. Ein mächtiger, gnostischer Geheimbund ist auf der Jagd nach den Lamedwowniks, den 36 Gerechen, der jüdischen Mystik. Sie allein sind dafür verantwortlich, daß die Welt nicht zu existieren aufhört, sterben sie, wird auch die Welt vernichtet. Genau dies zu erreichen, ist das Ziel des Geheimbundes (um derat die Seelen von ihrem materiellem Ballast zu befreien) und bis auf No. 33 ist er auch schon vorgerückt. Es gilt also zu handeln. Die Namen der 36 Gerechten hat Adam nach dem Diktat Gottes in seinem Buch niedergelegt, doch unglücklicherweise in chiffrierter Form. Nur Shepherd, der amerikanische Professor, der nach einer Nahtod-Erfahrung als Kind von Visionen gequält wird, kennt diese Namen noch – ohne sich jedoch deren Bedeutung bewusst zu sein.
Das „Buch der Namen“ ist getreu dem Muster nachempfunden, das Dan Brown in seinem „Sakrileg“ schon entworfen hat:
Wir finden also sowohl den ledigen amerikanischen Professor wieder, die intelligente, junge, schöne Dame, die ihn durch alle Abenteuer begleitet, es existiert ein großes Geheimnis, das der Professor lösen muss, der wiederum seinerseits von dem fast unbezwingbar erscheinende Geheimbund gejagt wird. Dies alles verpackt mit Mystik, Symbolik, dem einen oder anderen Mord ist ein Buch herausgekommen, das sich gut liest, spannend ist, auch wenn es an Originalität zu wünschen übrig läßt.
Das Buch ist – stärker noch als das Sakrileg – mit einem Schnittchenbuffet vergleichbar: bei knapp 400 Seiten 63 Kapitel stark ist es sehr in kleine Häppchen unterteilt, die man sich ohne Probleme auch zwischendurch mal einverleiben kann, ohne daß man erneut nach einem Faden suchen muss. Der ideale Begleiter also auf eine Bahnfahrt, auf der einen der Schaffner dauern stört oder das quengelnde Kind von der Sitzreihe gegenüber. Auch am Strand sollte es lesbar sein, unabhängig von der Anzahl der Nickerchen, in die einen die gleissende Sonne schicken mag.
Doch zurück zum Buch: In den Nachrichten überschlagen sich die Katastrophenmeldungen, der Geheimbund trifft Vorkehrungen zur letzten Reise, die ihren Ausgangspunkt (und damit auch ihren Show-down in den Katakomben von London hat), Shepherd und seine Begleiterin hetzen um die Welt, einerseits auf der Flucht, andererseits auf der Suche nach dem Geheimnis…. Die Welt existiert noch, von daher ist zu vermuten, daß auch die Autoren in letzter Minute (Nr. 36 steht ganz kurz vorm Ende) noch einen Dreh gefunden haben, das Blatt zu wenden. Diese Wendung macht zwar einen etwas arg gekünstelten Eindruck, aber wer wird sich daran schon stören?
Facit: Wer ein gut lesbares, nicht allzu anspruchsvolles Buch mit einiger Spannung sucht, liegt bei diesem Werk bestimmt nicht verkehrt. Man sollte die Erwartungen nur nicht zu hoch hängen, aber für ein paar vergnügliche Stunden ist es allemal gut.
Jill Gregory, Karen Tintori
Das Buch der Namen
Rowohlt 2007
ISBN 9783499244810
Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen
Januar 4, 2010

1944, im Frühling, wird in der Wohnung der jüdischen budapester Familie Köves der Abschied vom Vater begangen, der eine Einberfung in ein Arbeitslager erhalten hat. Sicherlich, eine unangenehme und gefährliche Sache, insbesondere im Zusammenhang mit anderen Einschränkungen, die jüdischen Geschäftsleuten auferlegt werden, aber – so wissen es die Verwandten – es sind Verhandlungen im Gange, in denen die Juden Budapests als Faustpfand der Deutschen gegen die Alliierten dienen und so wird es nicht zum Äußersten kommen. Und überhaupt – so ein anderer Verwandter – hat Gott ihnen dieses Schicksal um ihrer einstigen Sünden willen zuteil werden lassen. Und er würde erwarten, daß wir [i.e. die Juden] in diesen schweren Zeiten an dem Platz bleiben, den er uns zugeteilt hat. [Dem Sinn nach zitiert, S. 31].
Zwei Monate später erhält auch der Ich-Erzähler, der 15 jährige György (das alter ego des Autoren) seine Arbeitsverpflichtung in einer etwas ausserhalb gelegenen Fabrik, der Shell-Erdölraffinierie. Die Juden unterliegen mittlerweile (wie Kertesz sehr beiläufig und ohne groß Aufhebens davon zu machen) einer Vielzahl von Beschränkungen: so dürfen sie mit dem gelben Stern das Stadtgebiet nicht verlassen (den Stern natürlich auch nicht abenehmen oder verdecken), man darf auch nur bis 20:00 Uhr mit dem gelben Stern auf die Straße. Ferner darf niemand Handel treiben, der nicht reinen Blutes ist. Jüdische Personen haben mit geringeren Lebensmittelzuteilungen zu leben. Und ordnungsgemäß handelt heißt für Juden, auf die allerletzte Plattform im letzten Anhänger der Straßenbahn zu gehen.
György fährt täglich mit anderen Jugendlichen zusammen in die Fabrik, wegen der kriegswichtigen Tätigkeit haben sie eine entsprechende Erlaubnis. Doch eines Tages wird der Bus angehalten und alle Juden werden herausgeholt und aufgehalten. Erst am Ende des Tages geschieht aber etwas: offenbar von höherer Stelle aus koordiniert marschieren die Festgehaltenen los, vereinigen sich mit anderen Marschgruppen und treffen schließlich in einer Ziegelei ein. Dort verbringen sie die Nacht, zusammengepfercht mit vielen anderen, die schon an diesem Ort waren.
Beim Lesen dieses Abschnitts habe ich mir gedacht, daß ich mein Urteil, das ich bzgl der Naivität des Jungen im Buch John Boyne: Der Junge im gestreiften Pyjama zurücknehmen muss. Kertesz schildert hier, wie „er“ zum Beispiel das Untertauchen und Verschwinden eines Kameraden aus dem Zug, als dieser mal stoppen musste, verurteilte, weil es nicht anständig war. Eine eigenes Entkommen, welches ihm ebenso möglich schien, hat er deswegen nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Und ebenso hat der Polizist, der einen Bestechungsversuch ablehnte, mit dem einer der Festgehaltenen entkommen wollte, anständig gehandelt… Nach all den Einschränkungen, Willkürakten, der Vater schon im Arbeitslager, kann man da wirklich so unbedarft sein? Ich muss es wohl glauben, denn der Autor beschreibt ja sein eigenes Schicksal….
Der Junge kommt nach einer qualvollen Bahnfahrt (es wird ihnen Wasser verweigert) nach Ausschwitz. Dort – auch das scheint ihm alles seine notwendige Ordnung zu haben – durchläuft er die Eingangsprozedur mit Selektion („Eine Tauglichkeitsprüfung wohl im Hinblick auf die Arbeit…„, Leibesvisitation, Bad, Friseur. (Mit der Einschätzung der Selektion als Tauglichkeitsprüfung lieg György ja garnicht so verkehrt…. jedoch: „From a transport consisting of about 1.500 people, about 1200 to 1300 went to the gas chambers…. [4]„) Es ist geradezu makaber, wenn Kertesz schildert, daß der Junge nach der Selektion im Kreis seiner Freunde steht und die hinter ihm vor den Arzt tretenden betrachtet, im Geiste ebenfalls selektiert und mit mancher Entscheidung des Arztes nicht zur Gänze einverstanden ist. Erst das Aushändigen der Sträflingsklamotten weckt Zweifel in ihm. [1]
Drei Tage nur bleibt der Junge in Ausschwitz, es reicht, um die wesentlichen Abläufe und vor allem auch den Hunger im Lager kennen zu lernen. Danach wird er nach Buchenwald transportiert, das im Gegensatz zu Auschwitz kein Vernichtungslager ist und letztlich landet er im Aussenlager Zeitz. Was ihn besonders schmerzt ist die Trennung von den anderen Jungen, mit denen er bisher zusammen war. Aber er lernt in Zeitz [3] einen Freund kennen, von dem er sich einiges abschauen kann, der seine Moral stützt. Aber irgendwann ist selbst ihm, der in allem, was er sieht, einen Sinn sucht, alles zuviel: György ist erschöpft und am Ende, gibt sich auf, wird apathisch und es wird ihm alles egal.
Wegen einer Phlegmone am Knie kommt er auf die Krankenstation, wird dort behandelt. Wieder zurück nach Buchenwald ist er mehr Tod wie lebendig, schon kurz davor, auf den Karren mit den Leichen geworfen zu werden. Aber dann wird er völlig überraschend von einem Pfleger der Sanitätsstation gepackt und auf selbige eingewiesen. Schnell fasst er Vertrauen in den Pfleger und den Arzt, es geht ihm immer besser und über die Lagerlautsprecher kann er das Geschehen draußen verfolgen. Am 11. April 1945, gegen 12 Uhr hört er dann, daß alles SS-Angehörigen aufgefordert werden, das Lager zu verlassen. Damit ist das Lager de facto befreit.
György braucht eine Zeit, bis er dies fassen kann. Schließlich schlägt er sich nach Hause durch, dort erfährt er, daß sein Vater in Mauthausen ermordert wurde, seine Stiefmutter hat in der Zwischenzeit den Verwalter des alten Geschäfts geheiratet.
Die letzten Sätze sind die rätselhaftesten im Buch:
„… Denn sogar dort, bei den Schornsteinen , gab es in der Pause zwischen all den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war. Alle fragen mich immer nur nach den Übeln, den „Greueln“: obgleich für mich vielleicht gerade diese Erfahrung die denkwürdigste ist. Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslage, müßte ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen. … „
Der Titel des Buches: Roman eines „Schicksallosen“ läßt stutzen, ist seltsam. Aber vielleicht führt dieses Zitat [2] auf die Spur:
„Natürlich“, „das sah ich ein“, auf diesen Ton ist alles gestimmt. der junge Köves revoltiert nicht, er versucht, die Welt zu verstehen. Er weiß nicht, was auf ihn zukommt (Kertész hat immer wieder bekräftigt, dass dies für die meisten galt, die deportiert wurden), so tritt er jeder neuen Lage innerlich frei gegenüber. In Buchenwald lobt er Landschaft und Proportionen als „gemäßigt, ja, ich darf sagen lieblich“. Ihm gefällt der kleine Tierpark der SS mit dem spaßigen Bären, und später, als er aus dem Lager Zeitz nach Buchenwald zurückkehrt, da zeigt sich ihm ein freundliches Bild und es war die „Stimme einer leisen Sehnsucht nicht zu überhören: ein bißchen möchte ich noch leben in diesem schönen Konzentrationslager.“
Denn, so sagt er nach seiner Rückkehr: “ es war nicht einfach so, daß die Dinge „kamen“, wir sind auch gegangen. Nur jetzt wirkt alles so fertig, so abgeschlossen, unveränderlich…. wenn es ein Schicksal gibt“ so sagt er weiter, „dann ist Freiheit nicht möglich: wenn es aber die Freiheit gibt, dann .. gibt es kein Schicksal, das heißt also ….. wir selbst sind das Schicksal…. .. Ich“ so beschwört er seine Gesprächspartner, „könne die dumme Bitternis nicht herunterschlucken, einfach nur unschuldig sein zu sollen.“
Kertesz schreibt oder besser läßt seinen Helden alles ganz unaufgeregt erzählen über die Lager, das Leben dort, den Alltag und auch die Greuel, die er selbstverständlich miterlebt. Die Zählappelle, die an seinem Fuss festwachsenden „Schuhe“, über die Latrinen, die Seife, die Stunde am Abend, in der Neuigkeiten ausgetauscht werden können, in denen gehandelt wird unter den Häftlingen… „Gute Häftlinge“ zu sein, das war das Bestreben der meisten, denn dann dauerte der Appell nicht ganz so lange, waren die Schläge nicht ganz so häufig….
Facit: Zu ergründen, was Kertesz uns sagen will, ist nicht einfach, zu sehr widerspricht es unseren Vorstellungen. Aber um so mehr denkt man auch über das Buch nach…..
Anmerkungen:
[1] Was die Eingangsprozedur angeht verläuft sie von den Umgangsformen her weitgehend zivilisiert (wenn man das so sagen kann). Die Jungen werden sogar noch von Häftlingen gewarnt, ihr Alter mit 16 anzugeben. Bei Kogon [s.u., S. 75] heißt es dagegen: „Ein Rudel herumlungernder Scharführer stürzte sich lüstern auf die neue Beute. Es regnete Schläge und Fusstritte…… “ Und auch die Zeugenaussagen im Dokument F 321 gehen in diese Richtung. Hier nur die kürzeste: „Zwei Riesen peitschten mit Lederriemen auf die hereinkommenden Häftlinge ein.“ [S. 28]
[2] Eine Besprechung der Verfilmung „Fateless“ in der Berliner Zeitung
[3] Das Lager konnte ich nicht verifizieren, weder in der Auflistung von Kogon [a.a.O., S. 271] noch über google. Habe aber auch nicht allzu intensiv gesucht…
[4] Die Transporte aus Ungarn begannen wohl im späten Mai 1944. O. Wolken (ein österreichischer Arzt) beschreibt dies so: „Als die Transporte aus Ungarn ab spätem Mai 1944 einsetzten gab es nicht genug Verbrennungsöfen. So wurden große Gräben ausgehoben, um die Körper verbrannt wurden. Das Holz wurde mit Petroleum getränkt. Die Körper wurden in diese Gräben geworfen, oftmals waren die Kinder und Erwachsenen noch am leben. Sie starben einen fürchterlichen Verbrennungstod. Das Fett und Öl, das zum Verbrennen benötigt wurde, wurde zum Teil aus den Leichen der Vergasten gewonnen, um Petroleum zu sparen.“ in: Robert Jay Lifton: The Nazi Doctors, Basic Books, NY, 1986, ISBN 0465049052; Übersetzung von mir.
Imre Kertész
Roman eines Schicksallosen
Rowohlt TB-Verlag, Sonderausgabe HC, 2009; 381 S.
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3499253690
ISBN-13: 978-3499253690
Falls möglich, sind z.B. diese beiden Bücher als Hintergrund zum Roman sehr hilfreich. Insbesonder Kogon beschäftigt sich exemplarisch mit Buchenwald, also genau dem Lager, in dem ein großer Teil des Romans spielt.

Französisches Büro des Informationsdienstes über Kriegsverbrechen (Hrsg)
(Neitzke P; Weinmann M: Erläuterungen)
Konzentrationslager Dokument F 321
Zweitausendeins, Ffm, 1988; Tb, 343 S.
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Eugen Kogon
Der SS-Staat
Kindler, 1974, 413 S.
ISBN 3463005859 (von mir zitierte Auflage)






