Martin Suter: Der Teufel von Mailand

Dezember 28, 2009

Sonja Frey war mit einem Banker verheiratet, aber die Ehe ist gescheitert. Unter dramatischen Umständen, denn ihr Ex sitzt in der Psychatrie, die ihm wohl liebere Alternative zum Zuchthaus. Sonja, die sich danach unter dem Motto: “Sex and Drugs and Rock´n´Roll” ausgetobt hat, beschließt, ihr Leben wieder in geordnetere Bahnen zurückzuführen: sie nimmt eine Stellung als Physiotherapeutin, ihrem früheren Beruf, in einem neu-/wiedereröffneten Hotel im Engadin an.

Dort, in einer eher abweisenden Umgebung, geschehen seltsame Dinge, die sie mit einer alten Sage, die sie in einem Buch gelesen hat, verknüpfen kann. In dieser Sage hat eine junge Frau gegen ewige Schönheit ihre Seele dem Teufel verkauft. Der Preis dafür wird erst fällig, wenn sieben an sich unmögliche Ereignisse eintreten und Sonja ist bald davon überzeugt, daß jemand diese Sage nachspielt. Mehr zum reinen Inhalt verrate ich jetzt nicht, wie unten angegeben, ist eine sehr ausführliche Beschreibung in der Wiki zu finden.

Suter schreibt einfach gut. Auch dieses Buch, das im Grunde sehr gemächlich, langsam anfängt, schlägt einen schon bald in seinen Bann, obwohl meiner Meinung nach die Figuren recht blass bleiben Dies gilt auch für Sonja, deren latente Veranlagung zur Synästhesie nach ihrem letzten LSD-Trip offensichtlich wird (und sie ziemlich verwirrt). Weswegen Suter dieses Phänomen in seinen Roman einbaut – ich weiß es nicht, für mich ist es eher ein exotisches Beiwerk. Es sei denn, man billigt dieser Erscheinung die Funktion einer Art Frühwarnsystem zu, denn die ungewöhnlichen Sinneseindrücke machen Sonja des öfteren auf Vorkommnisse aufmerksam, die sie sonst nicht oder erst später wahrgenommen hätte.

Einzig die in der Unterhaltung mit einem Patienten aufgeworfene Frage nach dem Wesen der Wirklichkeit finde ich interessant, denn wenn für einige z.B. Farben in bestimmter Art und Weise klingen: ist das nun wirklich oder nicht (denn ich höre das nicht, auch wenn es selbst für Nichtsynästhetiker “schreiende Farben” gibt..) und wieviel Wirklichkeiten gibt es und ist das, was ich “Rot” nenne, für den anderen, der es ebenfalls “Rot” nennt, auch wirklich derselbe Sinneseindruck? An diesen Fragen haben sich schon viele Philosophen versucht, sie sind aber auch interessant…

Von den Büchern Suters, die ich bisher gelesen habe, hat mir dies am wenigsten gefallen. Mir fehlt irgendwie die Logik in den zeitlichen Abläufen, der Plan, der hinter allem steckt: kann man den wirklich so schnell aushecken und mit den vielen Variablen auch umsetzen? Das scheint mir sehr gekünstelt, abgesehen davon, daß ich immer noch nicht weiß, was überhaupt der Plan war. Ok, außer dem großen baddabumm…. Und wie hat der Täter das alles in die Praxis umgesetzt? Zuviele Fragen für mich…

Aber wie gesagt, Suter schreibt spannend und gut, so daß ich auf das eigentlich altbekannte Verwirrspiel: “Verdächtiger-Unverdächtiger-wirklicher Täter” hereingefallen bin, obwohl man ja im Grunde darauf konditioniert ist, daß der Verdächtige letztlich nie der Täter ist….

Facit: ein gut geschriebener Roman mit einer Handlung, die mir etwas arg konstruiert erscheint.

Link:
Inhaltsangabe in der Wiki, aber Achtung: sehr ausführlich!
Übersicht über Synästhesie

Martin Suter
Der Teufel von Mailand
Diogenes; 2007, Tb., 304 S.
ISBN-10: 3257236530
ISBN-13: 978-3257236538

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