Marlon Brando, Donald Cammell: Madame Lai
Dezember 27, 2009
Madame Lai ist DIE Piraten im Südchinesischen Meer anno 1927. Sie gebietet über eine Flotte von Kriegsdschunken, ein Heer von bis in den Tod treu ergebenen Männern, scheut den Kampf nicht, weder mit dem Meer noch mit dem Gegner. Doch für ihren großen Raubzug braucht sie Annie Doultry, den “weißen Teufel”.

Bis Madame Lai, die Titelheldin, jedoch auftritt, muss man sich gedulden und mit sich Annie Doultry abfinden. Aber bevor ich dazu komme, noch etwas zum Buch als solchem. Mit 430 Seiten ein normaler Buchumfang, doch ein umfangreiches Vorwort und eine Einführung vermindern es um knapp 70 Seiten, eine nachgeschobene Entstehungsgeschichte des Romans nochmals um 30 Seiten. Auch das letzte Kapitel ist wohl nicht von Brando selbst, also wiederum minus 30 Seiten, so daß von Brando und Cammell wohl nur 270 dieser 430 Seiten selbst geschrieben wurden. Sollte hier einfach noch mal Kasse gemacht werden mit dem Namen “Brando”? Die Frage wird nicht zu klären sein, die Vermutung liegt dagegen nahe….
Nun aber zum Buch:
Annie Doultry, die eigentliche Hauptperson des Abenteuerromans, sitzt wegen undurchsichtiger Waffengeschäfte im Hongkonger Gefängnis. Müde und langatmig werden er und sein dortiges Leben geschildert, seltsam farblos bleibt die Figur, gewinnt keinen Charakter. Der Schreibstil ist bemüht, daher holprig, die Sätze haben keinen Fluss. Man findet die üblichen Ingredientien effekthaschender Erzählung: ein wenig Ekelfaktor (der Zellengenosse im 1. Stock des Doppelbettes leidet an halbseitiger Schliessmuskellähmung, die Schilderung einer Kakerlakenjagd), ein wenig Gewalt und Horror bei der Schilderung der Henkerszenen, ansonsten findet sich die Langeweile des Gefängnislebens im Text wieder.
Kleinigkeiten, die auffallen und unstimmig sind: ist es wirklich wahrscheinlich, daß ein Waffenschmuggler in Südostasien 1927 über den erst 1922 in englisch erschienen Tractatus Logico-Philosophicus räsoniert? Glauben die Chinesen tatsächlich an Wiedergeburt oder sind das nicht doch eher die Inder? Was ist mit “Schlehdorn” gemeint? Schlehe, Schwarzdorn oder keins von beiden?
Zum fast geflügelten Wort im Buch wird der Satz: “…, aber das ist eine andere Geschichte” mit dem Brando – ja, was eigentlich? Ich weiß es nicht. Bekommt Doultry nach langem hungern Essen gebracht, klingt das bei den Autoren so: “Im Mahlwerk seines Mundes erwachten die Speicheldrüsen unter dem köstlichen Anflug leichter Stiche.”
Eine weitere dieser amüsanten Metaphern: “Sie (i.e. Madame Lai und Annie Doultry) hatten nun die Endphase von Verhandlungen erreicht, deren Komplexität die Vorstellungskraft eines durchschnittlichen Vorstandsvorsitzenden überschritt.” Ehrlich gesagt, sogar mir als Leser ist diese Formulierung schon zu komplex….
In der zweiten Hälfte des Buches gewinnt der Text mitsamt Handlung langsam an Fahrt, Passagen, die sich gut lesen, werden häufiger, ab und an tritt sogar Spannung auf, so zum Beispiel bei der Schilderung der Fahrt am Rande des Taifuns. Und auf S. 350 ist dann das Ziel des Buches erreicht: die Kaperung des mit Silber beladenen Schiffes durch die Piraten. Hier wird in durchaus moderatem Ausmass etwas Blut vergossen und die private Siegesfeier zwischen Madame und Annie bringt dann endlich die lang erwartete sexuelle Ausschweifung.
Aber jetzt, wo es interessant wird, ist auch schon fast Schluss, mit einer überraschenden Wendung der Handlung und einer schreienden Piratin endet das Buch.
Facit: Wenn ich einen Roman, der in dieser Weltregion spielen soll, lesen wollte, würde ich Clavell eindeutig vorziehen, andererseits, so “schlecht”, als daß man ihn aus der Hand legen muss, ist der Brando auch nicht.
Marlon Brando / Donald Cammell
Madame Lai
Marebuchverlag 2007
ISBN 978-3-86648-058-2





