Herta Müller: Der Mensch ist ein großer Fasan

13. Dezember 2009

Wir sind Nobelpreisträger….. ich gebe es zu: ohne diesen Preis hätte ich Herta Müller wahrscheinlich nicht gelesen, vielleicht noch nicht einmal wahrgenommen in meiner Buchhandlung. Bekannt war sie mir schon, der Name Müller ist ja nicht so häufig… ;-)

Mit dem “Fasan…” habe ich mir eine Erzählung ausgesucht, die schon älter ist und jetzt nach der Preisbekanntgabe noch einmal neu aufgelegt wurde. Müller beschreibt in ihr das auseinanderfallende, in vielen Aspekten noch archaische Leben in einem rumänischen Dorf, in dem die deutschstämmige Familie Windisch auf ihre Ausreisegenehmigung wartet.

Es ist ein Leben im Wartezustand, ohne Zukunft, ohne Licht. Beherrscht vom Unwissen, vom Aberglauben. Der Flug der Eule, auf welchem Dach sie sich niedersetzt, ist ein wichtiges Zeichen im Ort, gibt Gesprächsthema. In der Dämmerung erwachen die Dinge zum Leben, die langen Schatten, die sie werfen, steigen hoch, sinken in sich zusammen, die Dinge beginnen gleichsam zu atmen, und sind am nächsten Tag doch wie sie immer waren.

Der Apfelbaum verzehrt seine eigenen Äpfel, das ganze Dort beobachtet es, mit Schmatzen. Er muss verbrannt werden, sagt der Pfarrer, und so wird er verbrannt, die Asche wird wird vom Kirchendiener in einem Kästchen gesammelt und verscharrt und doch ist das Kästchen am nächsten Tag wieder da…..

Männer kommen in das Dorf, zählen alles auf den Höfen, packen Hühner ein und nehmen sie mit, verlangen Eier und sagen, was wo im nächsten Jahr angebaut werden muss.

In dieser Atmosphäre warten Windischs auf ihren Pass. Der Mann versucht, das Procedere zu beschleunigen, einen Sack Mehl und noch einen und noch einen bringt er .. doch das ist nicht die richtige Währung für den Pfarrer, der, wenn er gründlich arbeitet, mit den Frauen zusammen den Taufschein sucht, fünfmal oder gar zehnmal, für den Milizmann, der die Stempelmarken im Lagerraum finden will, zusammen mit den Frauen. Und sind die Frauen zu alt, so müssen die Töchter beim Suchen helfen… Windisch sträubt sich lange, aber als immer mehr der Nachbarn ihre Papiere bekommen… eine Tochter hat er, Amalie, und sie wird herausgeputzt von der Mutter, denn es “.. es geht nicht um die Schande.. jetzt geht es um den Pass.” Bezahlt in der ältesten Währung, ohne die auch die Mutter schon vor langer Zeit hätte sterben müssen..

Müllers Sprache ist sperrig, trotz (oder wegen?) der oft kurzen Sätze. Die Erzählung beginnt mit diesem Absatz, der den Stil der Autorin exemplarisch aufzeigt:

Um das Kriegerdenkmal stehn Rosen. Sie sind ein Gestrüpp. So verwachsen, daß sie das Gras ersticken. Sie blühn weiß, klein zusammengerollt wie Papier. Sie rascheln. Es dämmert. Bald ist es Tag.“.

So einfach sind die Dinge im Leben des Ortes. Nicht kompliziert, nicht verschachtelt, um das Leben zu beschreiben, braucht es keine langen Sätze. Pass gegen Frau: so einfach ist das. Die Eule bringt den Tod. Nachts ist es dunkel. Der Schatten kriecht die Wand hoch. Der Tisch atmet. Windisch schiebt sein Rad mit dem Sack Mehl.

Linear. Du willst was: dann gib mir was. oder auch: ich, der Vater deines Vaterlandes, Ceausescou will was: dann nehm ich es mir.

Aber die Seelen sind verletzt. In dieser Welt können keine Wunden heilen. Windisch leidet unter der Schande, mit der er sich den Pass erkauft. Katharina, seine Frau, kennt diesen Preis aus ihrem eigenen Leben, auch sie hat ihn einst zahlen müssen und jetzt zerstört er ihre Ehe. Denn nur sie selbst hat den schleimigen Finger, nicht aber Windisch…

Facit: Schwierig. Ich habe selbst diese kurze Erzählung erst im zweiten Anlauf gelesen, beim ersten Mal habe ich wieder aufgehört. Man muss sich wirklich einlassen auf den Stil. Hat mir das Büchlein gefallen? Interessant war es in jedem Fall, gefallen, nein, ich glaube nicht. Ob ich noch ein Buch, ein aktuelleres vielleicht von Müller lese? Tu ich das…? schaumermal…

Link:
- willkürlich herausgegriffen, ein Link zur Geschichte der Schriftstellerin Müller
- weitere Buchvorstellungen von Müller im Blog: Der König verneigt sich und tötet und Atemschaukel (wie man sehen kann, habe ich doch noch mehr von Müller gelesen und auch deutlich begeisterter. ja, ja, gut ding will weil….)

Herta Müller
Der Mensch ist ein großer Fasan
Fischer, Tb., 2009 (Erstausgabe 1986 Rotbuch Verlag Berlin), 110 S.
ISBN-10: 3596181615
ISBN-13: 978-3596181612

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