Veit Heinichen: Totentanz

Dezember 31, 2009

Wie schon des öfteren habe ich wieder mal den aktuellsten Band einer bestehenden, nicht aber den ersten einer wachsenden Reihe von Krimis, hier um den Triester Commissario Proteo Laurenti, in die Hand bekommen.. na egal, dann kann ich eben den Vergleich mit den Vorgängern nicht ziehen und „muss“ diesen fünften Fall des Commissario als solchen für sich nehmen.

Triest, die Stadt an der nördlichen Adria ist Schauplatz der Krimireihe. Dort arbeitet Laurenti als „Vize Questore“ (stv. Polizeidirektor) und ist mit Mordfällen beschäftigt, die auch oft in den Berich der Organisierten Kriminalität hineinreichen.

In Triest grenzt der Balkan, das ehemalige Jugoslawien an Westeuropa. Dementsprechend groß ist das soziale und wirtschaftliche Gefälle auf beiden Seiten der Grenze und aus diesem Gefälle ziehen eine Menge Leute in zum Teil großem Stil Gewinn, ohne sich da weiter um gesetzliche Regelungen zu kümmern. In diesem Band geht Heinichen insbesondere auf den regen Grenzverkehr ein, dem Sondermüll unterliegen kann, der durch einfache Umdeklarationen zu einem begehrten Wirtschaftsgut wird, mit der entsprechenden Gewinnspanne.

In einem Konsulat wird eine unbekannte Schöne niedergeschlagen und schwebt zwischen Leben und Tod. Bei der Untersuchung dieses Verbrechens gerät der Commissario ohne es zu wissen oder es gar zu wollen in den Umkreis seiner Intimfeinde (aus den vorangegangenen Bänden..), dem Geschwisterpaar Drakic. Diese sind dabei, mehrere große Geschäft durchzuziehen, ausserdem haben sie mit Laurenti noch eine alte Rechnung offen, die sie jetzt begleichen wollen. Laurenti und seine Familie werden zum Abschuss freigegeben.

Zu Laurentis Team gehört sein neuesten Giuseppina Cardareto, die aus Kalabrien in den Norden versetzt wurde. Diese ist sehr ehrgeizig, kombiniert schnell, ist dank Kickboxtraining schlagfertig und bereit Risiken, einzugehen. Sie ist es auch, die die bis dahin unerkannte Tatjana entlarvt und damit die Karten im Spiel neu mischt, ebenso geht der Plan, der zum finalen Showdown führt, auf sie und ihre Initiative zurück.

Heinichen porträtiert seine Wahlheimt in seinen Krimi liebevoll, aber nicht ohne auch kritische Untertöne. Die allerorten bekannte Bürokratie herrscht natürlich auch in Triest, die menschenunwürdige Behandlung von ausländischen Einwanderern bzw. Illegalen auf dem Arbeitsmarkt etc pp. Einen Handlungsstrang widmet er der Industriespionage und Waffen, Waffen, Waffen sind in der Nähe des Balkans immer ein Thema.

Facit: ein spannernder Krimi, ohne jeden Zweifel.

Links:

Die Proteo Laurenti-Filme im Fernsehen

Veit Heinichen
Totentanz
dtv, 2009, 320 S.
ISBN-10: 342321161X
ISBN-13: 978-3423211611

Eigentlich brauch ich zu dem Buch garnicht mehr viel zu sagen, Buttgereit [1] hat dies schon so treffend gemacht, daß kaum noch was bleibt. Die Bibelstelle, die Wolfson hier in die Gegenwart (von 1931, dem Jahr der amerikanischen Erstausgabe) überträgt, kann man unter [2] finden. Und die im Buch ab und an erwähnten „Speakeasys“, die der Übersetzer nicht ins deutsche übertragen hat, sind die illegalen Kneipen, die es in den USA zur Zeit der Prohibition gegeben hat.

Aber doch ein paar eigene Gedanken:

Die Story wird in der Ich-Form von der Hauptperson Buck Safiotte erzählt. Dieser ist zum Inspector befördert worden und leicht angesäuert, weil er eigentlich die Ernennung zum Commissioner erwartet und (seiner Meinung nach auch) verdient gehabt hätte. Aber auch als Inspektor läßt es sich leben, er „..würde vorsichtig sein, aber reich und obendrein zufrieden, denn [er] würde unter den attraktivsten Frauen wählen können.„. Sein Revier ist sein Reich, in dem Safiotte unumschränkt herrscht, im wahrsten Sinn über Leben und Tod, denn auch das Töten bereitet ihm keine Probleme, ist doch der Tod das einzig Gewisse, und was kommt es da auf etwas früher oder später an.

In der Ich-Form geschrieben klingt der ganze Roman jedoch wie von einem absolut emotionsfreien neutralen Beobachter berichtet. Wenn Gefühle drohen, kann man immer noch zu einem Drink greifen, leidenschaftslos wird das getan, was notwendig erscheint. Illegale Geschäfte, Korruption sind selbstverständlicher Teil der täglichen Routine.

Und dieser Mann Safiotte, der Frauen bis dahin eher als angenehme Einrichtungsgegenstände ansah, verliebt sich in die Frau eines engen Mitarbeiters. Verliebt sich so sehr in diese Frau, verführt sie (jetzt sind wie mitten in der biblischen Geschichte [2] von David, Batseba und Urijel) schwängert sie und schickt ihren Mann in einen selbstkonstruierten Hinterhalt, in dem dieser dann auch getötet wird.

Wenige Wochen nach der Beerdigung macht er Beth, seiner Liebe (vielleicht auch nur die Frau, über die er Macht haben will, die er keinem anderen gönnt, das ist mir nicht klar geworden) einen Heiratsantrag, den diese annimmt. Sie heiraten, Beth bringt ein Mädchen zur Welt, welches aber im Jahr drauf krank wird und (wie bei David und Batseba) stirbt. Diese Szene ist die vielleicht einzige im Buch, in der Safiotte Gefühle hat. Es zerreisst ihm das Herz, sein Kind sterben zu sehen, ihm nicht helfen zu können, er versucht alles zu tun, was möglich ist, aber es ist zuwenig, das Mädchen stirbt ihm unter den Händen weg.

Wenn Wolfson seinen Protagonisten Safiotte reden oder denken läßt, tut er dies ohne Beschönigungen. Eine klare, analytische Sprache, die nichts verheimlicht oder nach Ausflüchten sucht. Amoralisch ist vllt das geeignete Wort, Moral existiert nicht, die Unterscheidung zwischen Böse und Gut ist nicht mehr gegenwärtig. Zielgerichtet oder nicht, das ist die Handlungsmaxime, und alles, was dem Ziel dient, wird gemacht. Bindungen, Rücksichtnahmen, Freundschaften sind da nur hinderlich, allenfalls werden Gefälligkeiten erteilt oder eingefordert, die dann aber bei entsprechender Gelegenheit wieder abgerechnet werden. So geht Safiotte auch unbeirrbar durch sein Leben, verwundbar wird er in der Tat erst in dem Augenblick, in dem er ein Gefühl zuläßt, nämlich seine Liebe zur Frau seiner Freundes.

In verschiedenen Buchbesprechungen wird davon geredet, daß Wolfson zeigen wollte, daß die Bestrafung des Bösen nicht erst im Fegefeuer, sondern schon auf Erden erfolgt: „Stilistisch überzeugend zeigt Wolfson, dass das Schicksal erbarmungslos, nicht abwendbar ist und Wolfsons Protagonisten sind ihm hilflos ausgeliefert. Die im Diesseits begangenen Sünden werden nicht erst nach dem Jüngsten Gericht gesühnt. Das Fegefeuer lodert bereits in der Gegenwart.“ [3] Das sehe ich nicht so, denn dann hätte das Buch, die Geschichte ja eine Moral. Nein, im Gegensatz zur biblischen Vorlage, in der der HERR David und Batseba straft (und die Geschichte der zwei ist ja damit auch noch nicht vorbei..) gibt es dieses höhere Wesen, das wir alle verehren (um Böll mal wieder zu zitieren), in Wolfsons Buch nicht. Was hier passiert, ist nicht Strafe für Sofiotte und seine Frau, es geschieht einfach, ohne Sinn, ohne Ziel und ohne Zweck. Es hätte jedes Kind treffen können (und es hat viele Kinder getroffen) und hat eben diese eine auch erwischt. Shit happens. Es erscheint nur als Strafe, weil Safiotte verwundbar geworden ist. Nihilistisch, wie Wolfson es in seinem Abschlusssatz ausdrückt: „Jazz und Tränen und Tod.

Facit: Erschreckend, wie Wolfson hier Amoralität vorführt und zwar nicht nur am Einzelbeispiel, sondern an einer ganzen Gesellschaft.

Links:

[1] Das Vorwort zum Buch von Silke Buttgereit
[2] 2Sam: 11, 12,1-16
[3] http://www.x-zine.de/krimi/xzine_rezi.id_8140.htm
[4] Das Buch war Vorlage für den französischen Film „Police“ (1985) mit Depardieu

Pincus J. Wolfson
Geißel der Niedertracht
MAAS-Verlag, 2005, Tb., 269 S.
ISBN-10: 3929010577
ISBN-13: 978-3929010572

Sonja Frey war mit einem Banker verheiratet, aber die Ehe ist gescheitert. Unter dramatischen Umständen, denn ihr Ex sitzt in der Psychatrie, die ihm wohl liebere Alternative zum Zuchthaus. Sonja, die sich danach unter dem Motto: „Sex and Drugs and Rock´n´Roll“ ausgetobt hat, beschließt, ihr Leben wieder in geordnetere Bahnen zurückzuführen: sie nimmt eine Stellung als Physiotherapeutin, ihrem früheren Beruf, in einem neu-/wiedereröffneten Hotel im Engadin an.

Dort, in einer eher abweisenden Umgebung, geschehen seltsame Dinge, die sie mit einer alten Sage, die sie in einem Buch gelesen hat, verknüpfen kann. In dieser Sage hat eine junge Frau gegen ewige Schönheit ihre Seele dem Teufel verkauft. Der Preis dafür wird erst fällig, wenn sieben an sich unmögliche Ereignisse eintreten und Sonja ist bald davon überzeugt, daß jemand diese Sage nachspielt. Mehr zum reinen Inhalt verrate ich jetzt nicht, wie unten angegeben, ist eine sehr ausführliche Beschreibung in der Wiki zu finden.

Suter schreibt einfach gut. Auch dieses Buch, das im Grunde sehr gemächlich, langsam anfängt, schlägt einen schon bald in seinen Bann, obwohl meiner Meinung nach die Figuren recht blass bleiben Dies gilt auch für Sonja, deren latente Veranlagung zur Synästhesie nach ihrem letzten LSD-Trip offensichtlich wird (und sie ziemlich verwirrt). Weswegen Suter dieses Phänomen in seinen Roman einbaut – ich weiß es nicht, für mich ist es eher ein exotisches Beiwerk. Es sei denn, man billigt dieser Erscheinung die Funktion einer Art Frühwarnsystem zu, denn die ungewöhnlichen Sinneseindrücke machen Sonja des öfteren auf Vorkommnisse aufmerksam, die sie sonst nicht oder erst später wahrgenommen hätte.

Einzig die in der Unterhaltung mit einem Patienten aufgeworfene Frage nach dem Wesen der Wirklichkeit finde ich interessant, denn wenn für einige z.B. Farben in bestimmter Art und Weise klingen: ist das nun wirklich oder nicht (denn ich höre das nicht, auch wenn es selbst für Nichtsynästhetiker „schreiende Farben“ gibt..) und wieviel Wirklichkeiten gibt es und ist das, was ich „Rot“ nenne, für den anderen, der es ebenfalls „Rot“ nennt, auch wirklich derselbe Sinneseindruck? An diesen Fragen haben sich schon viele Philosophen versucht, sie sind aber auch interessant…

Von den Büchern Suters, die ich bisher gelesen habe, hat mir dies am wenigsten gefallen. Mir fehlt irgendwie die Logik in den zeitlichen Abläufen, der Plan, der hinter allem steckt: kann man den wirklich so schnell aushecken und mit den vielen Variablen auch umsetzen? Das scheint mir sehr gekünstelt, abgesehen davon, daß ich immer noch nicht weiß, was überhaupt der Plan war. Ok, außer dem großen baddabumm…. Und wie hat der Täter das alles in die Praxis umgesetzt? Zuviele Fragen für mich…

Aber wie gesagt, Suter schreibt spannend und gut, so daß ich auf das eigentlich altbekannte Verwirrspiel: „Verdächtiger-Unverdächtiger-wirklicher Täter“ hereingefallen bin, obwohl man ja im Grunde darauf konditioniert ist, daß der Verdächtige letztlich nie der Täter ist….

Facit: ein gut geschriebener Roman mit einer Handlung, die mir etwas arg konstruiert erscheint.

Link:
Inhaltsangabe in der Wiki, aber Achtung: sehr ausführlich!
Übersicht über Synästhesie

Martin Suter
Der Teufel von Mailand
Diogenes; 2007, Tb., 304 S.
ISBN-10: 3257236530
ISBN-13: 978-3257236538

Madame Lai ist DIE Piraten im Südchinesischen Meer anno 1927. Sie gebietet über eine Flotte von Kriegsdschunken, ein Heer von bis in den Tod treu ergebenen Männern, scheut den Kampf nicht, weder mit dem Meer noch mit dem Gegner. Doch für ihren großen Raubzug braucht sie Annie Doultry, den „weißen Teufel“.

Bis Madame Lai, die Titelheldin, jedoch auftritt, muss man sich gedulden und mit sich Annie Doultry abfinden. Aber bevor ich dazu komme, noch etwas zum Buch als solchem. Mit 430 Seiten ein normaler Buchumfang, doch ein umfangreiches Vorwort und eine Einführung vermindern es um knapp 70 Seiten, eine nachgeschobene Entstehungsgeschichte des Romans nochmals um 30 Seiten. Auch das letzte Kapitel ist wohl nicht von Brando selbst, also wiederum minus 30 Seiten, so daß von Brando und Cammell wohl nur 270 dieser 430 Seiten selbst geschrieben wurden. Sollte hier einfach noch mal Kasse gemacht werden mit dem Namen „Brando“? Die Frage wird nicht zu klären sein, die Vermutung liegt dagegen nahe….

Nun aber zum Buch:

Annie Doultry, die eigentliche Hauptperson des Abenteuerromans, sitzt wegen undurchsichtiger Waffengeschäfte im Hongkonger Gefängnis. Müde und langatmig werden er und sein dortiges Leben geschildert, seltsam farblos bleibt die Figur, gewinnt keinen Charakter. Der Schreibstil ist bemüht, daher holprig, die Sätze haben keinen Fluss. Man findet die üblichen Ingredientien effekthaschender Erzählung: ein wenig Ekelfaktor (der Zellengenosse im 1. Stock des Doppelbettes leidet an halbseitiger Schliessmuskellähmung, die Schilderung einer Kakerlakenjagd), ein wenig Gewalt und Horror bei der Schilderung der Henkerszenen, ansonsten findet sich die Langeweile des Gefängnislebens im Text wieder.

Kleinigkeiten, die auffallen und unstimmig sind: ist es wirklich wahrscheinlich, daß ein Waffenschmuggler in Südostasien 1927 über den erst 1922 in englisch erschienen Tractatus Logico-Philosophicus räsoniert? Glauben die Chinesen tatsächlich an Wiedergeburt oder sind das nicht doch eher die Inder? Was ist mit „Schlehdorn“ gemeint? Schlehe, Schwarzdorn oder keins von beiden?

Zum fast geflügelten Wort im Buch wird der Satz: „…, aber das ist eine andere Geschichte“ mit dem Brando – ja, was eigentlich? Ich weiß es nicht. Bekommt Doultry nach langem hungern Essen gebracht, klingt das bei den Autoren so: „Im Mahlwerk seines Mundes erwachten die Speicheldrüsen unter dem köstlichen Anflug leichter Stiche.“

Eine weitere dieser amüsanten Metaphern: „Sie (i.e. Madame Lai und Annie Doultry) hatten nun die Endphase von Verhandlungen erreicht, deren Komplexität die Vorstellungskraft eines durchschnittlichen Vorstandsvorsitzenden überschritt.“ Ehrlich gesagt, sogar mir als Leser ist diese Formulierung schon zu komplex….

In der zweiten Hälfte des Buches gewinnt der Text mitsamt Handlung langsam an Fahrt, Passagen, die sich gut lesen, werden häufiger, ab und an tritt sogar Spannung auf, so zum Beispiel bei der Schilderung der Fahrt am Rande des Taifuns. Und auf S. 350 ist dann das Ziel des Buches erreicht: die Kaperung des mit Silber beladenen Schiffes durch die Piraten. Hier wird in durchaus moderatem Ausmass etwas Blut vergossen und die private Siegesfeier zwischen Madame und Annie bringt dann endlich die lang erwartete sexuelle Ausschweifung.

Aber jetzt, wo es interessant wird, ist auch schon fast Schluss, mit einer überraschenden Wendung der Handlung und einer schreienden Piratin endet das Buch.

Facit: Wenn ich einen Roman, der in dieser Weltregion spielen soll, lesen wollte, würde ich Clavell eindeutig vorziehen, andererseits, so „schlecht“, als daß man ihn aus der Hand legen muss, ist der Brando auch nicht.

Marlon Brando / Donald Cammell
Madame Lai
Marebuchverlag 2007
ISBN 978-3-86648-058-2

Matt Ruff: Bad Monkeys

Dezember 26, 2009

„Bad Monkeys“: irgendwie fiel mir das Buch ins Auge und die erste Assoziation (auch wenn in der Buchhandlung meines Vertrauens auf Nachfrage der Kopf geschüttelt wurde…) waren die „Thursday Next“-Pentalogie von Fforde. Und in der Tat, die Story weist Analogien auf: Hier wie dort eine junge Frau voller Aktionsdrang bzw. Kampfbereitschaft, die für eine geheime Organisation arbeitet, die das Böse bekämpft. Dazu nutzt sie ebenso wie die Special Operations eine Vielzahl futuristischer Techniken, die aber trotzdem nicht an die phantasievolle Ausgestaltung von Fforde herankommen. Die Organisation arbeitet im (streng) Geheimen mit vielen Unterabteilungen, die komplizierte Namen tragen. So haben sich griffigere Kürzel eingebürgert, „Bad Monkeys“ zum Beispiel steht für „Behörde zur endgültigen Beseitigung von hoffnungslosen Fällen“. Und genau das ist die Abteilung, für die Jane Charlotte angeworben und nach den entsprechenden Eignungsprüfungen eingestellt wird.

Wieso erfahren wir das? Nun, Jane sitzt wegen Mordes in der Psychatrie eines Knastes und erzählt ihre Geschichte dem Gefängnispsychiater. Dieser überprüft ihre Angaben, findet sie zum Teil bestätigt, zum Teil kann widersprechen sie den Darstellungen in zum Beispiel den Polizeiakten. So ist es praktisch unmöglich, den Wahrheitsgehalt der Aussagen von Jane auf die Spur zu kommen, zumal „Catering“, die Unterabteilung, die u.a. für das Verwischen von Spuren verantwortlich ist, gute Arbeit leistet. Eine Vielzahl von Nod-Problemen [1]bedeutet das…

Jane war schon als junges Mädchen nicht wirklich nett, sie hat viel Zoff mit ihrer Mutter, kann ihren kleinen Bruder, auf den sie immer aufpassen muss, nicht ausstehen und kommt dann zu ihrer Tante, bei der sie aufwächst. Dort erlebt sie allerhand, macht auch mit Drogen Bekanntschaft, entlarvt einen pädophilen Mörder und weckt so die Aufmerksamkeit der Organisation. Aber es dauert noch viele Jahre, bis sie von dieser endgültig eingestellt wird, Jahre, die sie mit allem möglichen, aber wenig sinnvollem verbringt.

Die ersten Monate im Dienst der Organisation verlaufen teils turbulent, teils langweilig, aber mit Hängen und Würgen schafft sie die Aufnahmetests. Und bei ihrem ersten großen Einsatz in Las Vegas läuft dann alles auf den Showdown hinaus…. und sowieso: es ist nicht alles so, wie es scheint…

Ein gutes Buch, witzig, unterhaltsam, spannend und flott geschrieben, voll mit skurrilen Einfällen. Muss man sich über die moralische Komponente unterhalten? Eine Organisation, die präventiv das Böse bekämpft, dh. in einfachen Worten: nach Kosten-Nutzen Menschen tötet, auch wenn sie u.U. noch keine Verbrechen begangen haben? Ich bin in solchen Sachen bei amerikanischen Autoren immer ein klitzekleines wenig misstrauisch, da damit oft auch eine ideologische Botschaft verkauft wird. In den seligen 50er Jahren trat die Armee immer als Retter in höchster Not auf (meine früher so geliebten Movies von Jack Arnold.. Tarantula etc pp…), vor/seit einigen Jahren häufen sich die Bösewichte, die dem arabischen Raum entstammen. Vielleicht sind solche Phänomene mehr auf Filme beschränkt, weil die einfach einen großeren Einfluss auf das Publikum haben, aber trotzdem, der moralische Ansatz: „wir müssen die Bösen eliminieren, damit die Welt besser wird“ ist mir aufgestoßen (zumal gegen Ende des Buches auch noch „Die Bande“, deren explizites Ziel ist, die Welt schlechter zu machen, als Gegenspieler aufgebaut wird. Klar, dadurch wird das Wirken der Organisation natürlich noch gerechtfertigter….) na ja, solche Gedankenspiele kann man sich ja mal machen, wenn man das Büchlein liest.

————
[1] Nod-Probleme: der Ausdruck gefällt mir. Ruff bezeichnet damit einen nicht auslösbaren Widerspruch und bezieht sich auf die Vertreibung von Kain nach dem Brudermord in ein anderes, fremdes Land, wo er eine Frau findet (holla?? wo kommt die denn her?) und eine Familie gründet. Es stehen sich also zwei Aussagen (Adam und Eva: erste Menschen vs. diese ominöse Frau von Kain) gegenüber, die nicht aufgelöst werden können.

Facit: Das Buch hatte subjektiv gesehen das Pech, daß ich es so kurz nach den Fforde-Bänden gelesen habe, gegen die es dann doch nicht ankommt. Aber für sich genommen, ist es für jeden lohnenswert, der witzige und gute Unterhaltung sucht.

Matt Ruff
Bad Monkeys
dtv, 2009, 272 S.
ISBN-10: 3423211792
ISBN-13: 978-3423211796

Frohe Weihnachten!

Dezember 22, 2009

Petros Markaris: Live!

Dezember 22, 2009

Dieser Fall für Kostas Charitos liegt zeitlich vor dem „Großaktionär„, den ich vor einiger Zeit gelesen hatte.

Kostas ist missmutig, ihm ist langweilig. Er ist in langwieriger Rekonvaleszenz, nachdem er sich ein paar Wochen zuvor in einen Schuss geworfen hatte und einen Lungenschuss erhielt. Er lag einige Zeit auf Intensive, dann normal im Krankenhaus und ist jetzt auf Genesungsurlaub zu Hause. Als ob er sich dort erholen könnte, hat doch seine Frau Adriani das Sagen übernommen und er, Kostas, kann sich kaum neben ihr behaupten. Abgesehen davon, daß er im eingenen Selbstmitleid zerfließt und sich lustvoll seiner Apathie und Antriebslosigkeit hingibt….

Doch dann, in einer dieser unsäglichen Fernsehsendungen, die er nicht leiden kann aber dennoch schaut, erschießt sich mitten im Interview der reiche Bauunternehmer Favieros. Eine obskure kleine rechte Gruppe übernimmt die Verantwortung dafür, was zwar unglaubwürdig ist, aber den politisch Verantwortlichen ganz gut in den Kram passt, haben sie doch einen Schuldigen, zumal kurz darauf der latente Ausländerhass in zwei kurdischen Arbeitern Mordopfer findet.

Charitso kommt dies alles suspekt vor, privat versucht er, Informationen zu sammeln, wird sogar von Gitas, seinem Chef, als verdeckter Ermitteler eingesetzt. In diese Untersuchung platzt ein zweiter Selbstmord des Abgeordneten Stefanakos und auch den dritten Suizid eines bekannten Journalisten kann Charitos nicht verhindern.

Wer in diesem Buch einen reinen Kriminalfall sucht, wird enttäuscht sein. Irgendwie erinnert mich Kostas an Inspektor Columbo, genauso eigenbrötlerisch, eigensinnig und scharf kombinierend. Zutaten wie Kriminaltechnik, Forensik, Mitarbeiter gar á la Grissom findet man nicht, die Ermittlungstechnik erschöpft sich in Befragungen, Unterhaltungen und nachdenken darüber. Das höchste der Gefühle ist ein junger Student, der sich mit Computern auskennt und so die Rechner der Suizidierten untersuchen kann. Noch nicht einmal ein Handy nennt Kostas sein eigen und sein Mirafiori findet in Columbos 1959 Peugeot convertible, Model 403, sein Vorbild. Aber (auch hier Columbo gleich), Charitos findet die Lösung des Falls, beharrlich und unaufhaltsam.

Die Lösung führt weit in die wechselhafte Geschichte Griechenlands zurück, in die Zeit der Junta letztlich, also zwischen 1967 und 1974. Die Schatten dieses Regimes reichen bis in die Jetztzeit, alte Seilschaften halten zusammen, protegieren sich weiterhin, manchen macht die Vergangenheit auch erpressbar.

Das Buch ist fast mehr noch als ein Krimi eine Einführung in das Wesen der Griechen und den Charakter Griechenlands. Mal mehr, mal weniger versteckt beschreibt Marakis Missstände wie Korruption, Vetternwirtschaft, das Durchlavieren durch problematische Situationen, die unzureichende Infrastruktur des Landes, vor allem in Athen, aber auch die Schlitzohrigkeit und Verschlagenheit, den Geschäftssinn, die/den es braucht, um in solchen Umständen sein Scherflein ins Trockene zu bringen. Wunderbar zu lesen, wie Kostas bevorzugt in sein Stammcafe mit dem missmutigen Kellner und dem verwässerten Mokka geht, weil er es geniesst, sich darüber zu ärgern.. ein latenter, dem Griechen offensichtlich innewohnender Masochismus. Und seine Abneigung und Abgrenzung dem Rest des Balkans gegenüber, auch die beschreibt Marakis. Fremdenfeindliche Tendenzen gibt es zuhauf, die Ausländer, die den Griechen die Arbeitsplätze wegschnappen – mit diesen Parolen ist auch in Hellas Anhängerschaft zu gewinnen…..

Zum Schluss bleibt ein frustrierter, ratloser Kommissar, der zwar den Fall gelöst hat, dessen Lösung aber keinem hilft außer den Politikern, die um einen Skandal herumkommen, denn er kennt die (überraschende) Lösung, die Hintergründe, kann sie aber nicht beweisen….

Facit: hat man sich an den etwas behäbigen, eigenwilligen Charitos erst einmal gewöhnt, würde man ihm nur zu gerne auf einen verwässerten Mokka einladen…. ein schönes, beschaulich geschriebene Roman aus dem modernen Griechenland.

Petros Markaris
Live!
Diogenes, 2004, HC, 528 S.
ISBN-10: 3257063911
ISBN-13: 978-3257063912

Thor Kunkel: Kuhls Kosmos

Dezember 20, 2009

Da ich im Frühjahr ja einige Probleme hatte, über den normalen Buchhandel an Bücher von Pulp Master zu kommen (um es genauer zu sagen, selbst auf Nachfragen hin wurde einfach nicht geliefert….), habe ich mich gefreut, neulich per Zufall zumindest mal wieder zwei Bände gefunden zu haben. Einer davon ist Kunkels Geschichte, die uns den 19 (!) jährigen Kuhlmann („Kuhl“) als Hauptperson vorstellt.

Kuhl entstammt dem Frankfurter Problemstadtteil „Kamerun“, hat sich aber, nachdem er bei einem Raub zwei Männer getötet hat, mit dem Geld nach Nassau abgesetzt, dem auf den Bahamas. Dort gibt er das Geld mit vollen Händen aus, im teuersten Golfclub, dem geilsten Schlitten und seinen neuen Bekannten, die kaum besser sind als er, aber eine Menge mehr Geld haben. Daß sein in Kürze aufgebraucht sein wird, rechnet sich Kuhl aus und stilgereicht mit dem Ende der 70er Jahre plant er auch sein Dasein hier auf Erden abzuschließen.

Kunkel läßt Kuhl sein Leben, zumindest das der letzten Monate, erzählen, Kuhls Kosmos eben. Es ist geprägt von gnadenloser Selbstüberschätzung, mit der der abgebrochene Fernsehtechniker auf seine Mitmenschen hinabschaut. Ein Lelben hart am Rande des schnöden Gelderwerbs durch Arbeit: ultra-ultra-low… nicht Kuhls Ding. Er und seine Freunde spekulieren eher auf leicht abzugreifendes Geld, kleine Gaunereien, sie pflegen die großen Träume wie Rio, der sich mit irgendeiner synthetischen Droge den Abschuss gegeben hat und sich nun dauernd bei der NASA bewirbt und kommen mit der Realität nicht klar. Manchmal dämmert das sogar Kuhl, denn (so eine kurze Erhellung zwischendurch), obwohl sie absolut die Durchblicker sind, sitzen sie doch immer nur in der Scheisse. In der Tat. Selbst Shortie ist ihnen über und die so ultralow aussehende Kassierin des Kaufhof vermasselt ihnen das simple Abgreifen von ein paar Flaschen Sprit für die Silvesterfeier, eine Aktion, die völlig aus dem Ruder läuft und zum Schluss eine Menge Blut nach sich zieht…. immer in der Scheisse eben.

Hier auf Nassau inszeniert sich Kuhl als cooler Gangster, schwadroniert über das Leben, die 70er Jahre, die sich dem Ende zuneigen, pflegt seinen Lebensüberdruss. Von einem seiner neuen Freunde aus dem Golfclub wird er gefragt, ob er einen Porno produzieren will, was er aber nicht will. Doch den ultimativen Abgang findet er hier: von einer Geisha geritten im Augenblick des Höhepunkts sich eine Kugel in die Birne jagen… absolut hula und stilvoll.

Das Buch kennt keine positiven Figuren, alle liegen irgendwie neben der Spur. Einzelheiten der Story läßt Kunkel oft im Dunkeln, klärt sie nicht auf, so den Mord an Kuhls Freund Rio („... dem bringt jetzt der Maulwurf die Post.„) bei der Flucht aus dem Kaufhof bleibt vieles im Dunkeln ebenso wie bei Kuhls großer Flucht nach funky Nassau. Nur, daß sein geplanter Abgang nicht klappt (ebenso wie der eine oder andere vorherige Versuch…), weil sich in diesem einem, kleinen aber entscheidenden Moment nur ein Schuss löst, da ihm im Eifer des Gefechts und Geschaukel der Matratze die Pistole aus der Hand gefallen ist, das ist klar und danach schläft Kuhl dann erschöpft ein….

Für seine 19 Jahre schwadroniert und „philosophiert“ Kuhl ein wenig zu cool, ebenso wir mir sein Auftreten bei all seiner Selbstüberschätzung zu überzeichnet ist für dieses Alter. Aber das Lebensgefühl, die Sicht, die er hat, kommt gut rüber, insbesondere in den Dialogen, den szenischen Abschnitten. Das Gesalbadere der vorgeblichen Reflektionen über Gott und die Welt ist mir zum Teil zu langatmig, nimmt Tempo aus der Geschichte, mal abgesehen davon, daß es irgendwann auch einfach nervt….

Kunkel, dies ein schöner Zug von ihm, läßt einen großen Teil der 70er Jahre noch einmal Revue passieren (der letzte Silvesterabend ist dazu ein passender Anlass), vor allem, was die Musik angeht. Im Anhang ist sogar das Verzeichnis der Plattensammlung von Rio wiedergegeben.. das ein oder anderer AHA-Erlebnis für die, die diese Zeit mitgelebt haben….

Facit: mal wieder was anderes, ein kuhles stück text aus der trasheimer. halbwegs hula.

Thor Kunkel
Kuhls Kosmos
Pulp Master; August 2008, Tb, 333 S.
ISBN-10: 3927734411
ISBN-13: 978-3927734418

Man merkt, es geht auf Weihnachten zu, der Jahreswechsel steht vor der Tür, Zeit der Rückbesinnung, der Bestandsaufnahme… ;-)

Übrigens, die allerallermeisten der Bücher im Bild oben sind auch hier im Blog vorgestellt worden….. (aber nicht alle Bücher aus dem Blog sind oben im Bild….)

Mark Z. Danielewski: Das Haus

Dezember 18, 2009

Ja, das nenn ich mal ein Buch….. schon rein äußerlich: zwar ein Taschenbuch (natürlich ist auch die HC-Ausgabe auf dem Markt), doch von erheblichen Außenmaßen und Gewicht, da immerhin knapp 800 Seiten stark. Schlägt man es auf und läßt es nach Art des Daumenkinos mal durch die Finger laufen, sieht man, daß einen eine nicht ganz gewöhnliches Buch erwartet, sondern eins, welches mit allen Möglichkeiten, die die Typographie bietet, spielt: unterschiedliche Schriften, spiegelverkehrt, auf dem Kopf stehend, diagonal oder auch wie graphisch aufgearbeitet…. im Grunde müßte ich ein paar Seiten einscannen, um das ganze Spektrum dessen, was einen erwartet, zumindest mal aufzuzeigen.

Gelesen habe ich einen Teil der Geschichte, denn es gibt zumindest mal drei Ebenen, in denen sich die Handlung des Buches abspielt. Zuvörderst erzählt Danielewski die Geschichte von Will Navidson und seiner Lebensgefährten Karen, die mit ihren zwei Kindern in Virginia ein Haus beziehen, auch in der Absicht, ihre ins Trudeln geratene Beziehung wieder auf feste Füße zu stellen. Erzählt werden kann diese Geschichte, weil der abgerissene Junkie Johnny Truant im Nachlass des blinden Sonderlings Zampano ein Bündel Papiere findet, die eine Abhandlung über Wesen und Inhalt der Filme enthält, die unter dem Namen „Navidson Record“ subsummiert werden und das Schicksal von Navidson, seiner Familie und diverser Bekannter dokumentieren. Truant nun, der diese Abhandlung aufarbeiten will, verliert im Lauf der Erzählung immer mehr den Boden unten den Füßen.. das ist aber, ich gebe es zu, der zweite Teil des Buches, den ich nicht gelesen habe. Dass war mir einfach nicht möglich, zu komplex der eigentliche „Navidson Record“, als daß ich die dazu parallel oder ergänzend ablaufende Geschichte Truants hätte verdauen können…

Eine weitere Ebene stellen für mich die zum Teil weit ausufernden Fussnoten, Hunderte davon, dar. Auch die müsste ich in einem zweiten oder gar dritten Durchgang erst alle lesen, bis dato habe ich nur einige ausgewählte gelesen. Die Fussnoten wie auch der Text strotzen nur so von Namen, Quellen, Bezügen, Zitaten etc pp, die so echt gefasst sind, daß man geneigt ist, zu glauben, es gäbe sie wirklich. Hier also wäre Recherchierarbeit angesagt, weil ich mir auch gut vorstellen könnte, daß Danielewski hier nichts dem Zufall überlassen hat, sondern alles mit Absicht und Bezug konstruiert hat… Verwirrend sind eine Menge bekannter Persönlichkeiten mit Zitaten oder Aussagen aufgeführt. Hat Danielewski hier seine Geschichte um solche Aussagen herum aufgebaut oder hat er hier frei erfunden? Fragen über Fragen….

Die Übersetzung… durch meine vorangegangene Lektüre des Eco bin ich da etwas sensibilisiert worden. Warum z.B. wird in einem amerikanischen Roman der Brockhaus zitiert? Oder ist das nur die Adaption der Übersetzerin? Überhaupt stellte dieses Buch die Übersetzerin wohl vor einige Probleme, um es mal gelinde zu sagen.. Jessebird hat sich dazu in einem Beitrag durchaus kritisch ausgelassen, auf dieses Posting verweise ich hier und fasse mich selbst kurz… Da meine Sprachkenntnisse ganz sicher nicht ausreichen, das Original zu lesen, nehm ich die deutsche Adaption eben einfach als Werk für sich und bewundere die Übersetzerin für ihre Herkulesarbeit, denn eine solche war das Übersetzen sicherlich….

Soweit,

so gut.

——————————-Worum geht es also in den

N

a

v

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d

s

o

n

-

R

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c

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r

d

s

?

Es fängt noch ziemlich harmlos an, man ist an einen Messfehler zu glauben verführt: Will stellt fest, daß die Summe der Innenmaße des Hauses (Räume + Wanddicken) 6 mm größer ist als das Aussemaß. Er kann das nicht klären, ruft Freunde mit besseren Geräten, die das überprüfen. Und auf 8 mm kommen. Ein Buch fällt aus dem Regal. Dumm nur, daß das Regal am Vorabend noch bündig mit der Wand abschloss… Plötzlich eine vorher nicht dagewesene/übersehene (?) Tür im Schlafzimmer, dahinter ein kleiner Raum… Will, der preisgekrönte Fotograph, will wissen, was dahinter steckt und versucht, gegen den Willen von Karen, den Raum, der sich zu einem kalten, tiefschwarzen Flur ausweitet, zu erforschen. Er betritt ihn, geht ihn entlang, er kommt in Flure, Korridore, durchquert Hallen, findet den Rückweg kaum noch, da sich die Räume verändern, verschieben…..

Das soll reichen, um eine Andeutung zu geben, um was es in dem Buch geht. Das Haus birgt ein Tor zu einer anderen Welt, voller Kälte, Dunkelheit und Gefahren. Ist es ein Bild, das Danielewski damit schafft? An einer Stelle redet er davon, daß sich das Haus verhält wie ein Spiegel, seine Eigenschaften spiegeln denjenigen wieder, der es betritt (Seltsamerweise verändert es zwar die Geometrie und die physikalischen Grundgesetze (Münzen, die in Schächte geworfen werden (die sich ihrerseits in wenigen Sekunden gebildet haben), brauchen bis zu 50 Minuten, bis sie am Boden auftreffen…), aber nicht die Zeit, die offensichtlich invariant gegenüber dem Haus ist..). [-------------------------------] Die Männer, die es erforschen, ausgerüstet mit Kameras, mit „Ariadne“[3]-Fäden (die das Haus aber zerstört..) auch mit Waffen, geraten in größte Gefahr, ihr gesamtes Orientierungsvermögen [6] wird überfordert, ihre Psyche wird völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, sie sind dem Haus im Grunde hilflos ausgeliefert. Doch es ist nicht das Haus, das sie umbringt, das Haus selbst tötet niemanden.

Immer wieder schweift Danielewski ab,
nimmt    einzelne  Vorkommnisse   zum
Anlass  für  ausufernde  Betrachtungen
und    Analysen,   die   ihrerseits wieder
mit  vielen  Fussnoten [1] gespickt sind.
Das   macht  die  Lektüre  nicht einfach,
oft  steht  man  vor  Brüchen,  muss  zu
rückblättern,   um  sich  wieder d en An
schluss  an  die  Geschichte zu vergegen
wärtigen.

Die Geschichte ist fiktiv. Es gibt diese Filme, die die Männer angeblich bei der Erforschung des Hauses drehen nicht. Johnny Truant sagt uns das sofort in seiner Einleitung. Also ist das Ganze eine Erfindung des blinden (!) Zampanos, eines „Graphomanen“ voll trockener Ironie.. Blind und Dunkelheit: das passt gut zusammen… Vielleicht sollte man sich überlegen, wie man die Geschichte unter diesem Gesichtspunkt interpretieren könnte: was könnte ein Blinder uns damit sagen wollen?

_________________________

[1] Ich hasse Fussnoten! [2]
[2] gelogen!
[3] Nach der griechischen Mythologie war Ariadne die Tochter von Minos, dem König von Kreta, und dessen Gattin Pasiphaë. Ihre Geschwister waren Glaukos, Phaidra, Akakallis, Androgeus, Deukalion und Katreus. Ihr Halbbruder mütterlicherseits war das Mischwesen Minotauros (halb Stier, halb Mensch), der einer Beziehung der Pasiphaë mit einem Stier entsprang. Die Begattung war mittels einer hölzernen Kuh erfolgt, in der sich die Königin befand. Diese Figur war von dem Künstler Daidalos geschaffen worden. Dieser musste auch das Labyrinth als Wohnstätte für die Frucht dieses Verhältnisses erbauen [1]. Minos hatte Athen unterworfen, nachdem sein Sohn dort ermordet worden war. Die Athener wurden dazu verpflichtet, alle neun Jahre sieben Jungfrauen und sieben Jünglinge als Menschenopfer für den Minotauros [11] nach Kreta zu schicken. Als zum dritten Mal der Tribut fällig war, schloss sich der athenische Königssohn Theseus freiwillig dieser Gruppe an. Auf Kreta verliebte sich Ariadne in ihn und schenkte ihm ein magisches Schwert und ein Knäuel Wolle. Als die Opfer in das berühmte Labyrinth des Daidalos getrieben wurden, wo der Minotauros Hauste, rollte er das Knäuel ab. Mit dem Schwert (nach anderen Versionen mit seiner Keule oder den bloßen Händen) erschlug er den Stiergott und fand mit seinen Gefährten am Ariadnefaden wieder heraus [2].

Auf der Rückfahrt nahm er Ariadne wie versprochen als seine Verlobte mit, ließ die Schlafende aber auf Befehl des Weingottes Dionysos auf der Insel Naxos zurück. Dort wurde die Verlassene und Klagende von Dionysos erwählt. Theseus vergaß aus Trauer um Ariadne, das schwarze Segel seines Schiffes gegen ein weißes auszutauschen, um damit den erfolgreichen Ausgang seines Unternehmens schon von Weitem zu zeigen. Sein Vater Aigeus stürzte sich deswegen ins Meer, als er des Schiffes ansichtig wurde. Seitdem heißt das Meer das Aigaiische.

Bei Amathus auf Zypern wurde Ariadne als Geliebte des Dionysos göttlich verehrt. Mit ihm bekam sie einen Sohn namens Oenopion. Die Krone der Ariadne schleuderte Dionysos in den Himmel, wo sie zu einem Sternbild Nördliche Krone verwandelt wurde [3]. Ariadne blieb trotz ihrer Verbindung mit Dionysos weiterhin auch in Theseus verliebt und weinte, als dieser starb. Dennoch holte Dionysos Ariadne nach ihrem Tod aus dem Hades zu sich auf den Olymp. [4]
[4] teilweiser Auszug aus http://de.wikipedia.org/wiki/Ariadne. Eine ausführlichere Darstellung der Vorkommnisse bei Minos liefert Schwab [5]
[5] siehe die Darstellung im Projekt Gutenberg
[6] „Es werde Licht!“ Goethe an Eckermann, 1832. Vergleiche auch Goethes Einstellung zu Tod und Dunkelheit in [7]
[7] Rattner: Goethe: Leben, Werk und Wirkung in tiefenpsychologischer Sicht, Würzburg 1999,
[8] fehlt. Eine archtekturkritische Würdigung des Hauses unter besonderer Berücksichtigung der statischen Aspekte sowie der legaler (Baugenehmigungen, berufsgenossenschaftliche Bewertungen, MAK-Werte für Baustoffe etc pp) steht noch (?) aus.
[9] das beinhaltet, daß sich diese Besprechung und Buchvorstellung im Lauf der Zeit auch ändern [10] wird, damit Parallelen aufzeigt zum Haus, das – wie weiter oben angeführt – sich in Abhängigkeit vom BESUCHER ändert. [12]
[10] PANTHA REI: „Verbindungen: Ganzes und Nichtganzes, Zusammengehendes und Auseinanderstrebendes, Einklang und Mißklang und aus Allem Eins und aus Einem Alles“: Fragmente, S. 132
[11] Mit den Analogien zwischen dem Minotaurus und dem „Etwas“ im Haus befasst sich das Kapitel XIII der möglichen Kapitel des Records („Der Minotaurus“, Anhang A)
[12] Es mag die Möglichkeit bestehen, daß sich die Änderungen im Haus nicht bemerkbar machen, da sich durch diese und mit diesen auch die gesamte Umwelt ändert. Es ist die Geschichte von den Zeitreisenden, die auf ihrer Expedition versehentlich und streng verboten einen Schaden anrichteten, nämlich einen Schmetterling zertraten. aPer wider zurükk von der rEise vielen iHnen gOttseidank keine vEeränderungen auf.

Mark Z. Danielewski
Das Haus
btb Verlag, 2009, Tb, 798 S.
ISBN-10: 3442739705
ISBN-13: 978-3442739707

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