bücher.leben: das Sachbuch

Oktober 14, 2009

alle Jahre wieder.. ich bin gestern und heute mal durch die Literaturbeilage der ZEIT gegangen und habe mit einem lachenden und einem weinenden Auge dasselbe feststellen müssen wie schon so oft: die Abteilung „Sachbuch“ ist es, die dies bei mir hervorruft.

ZEIT

Das lachende Auge ob der Ignoranz, die sich – zumindest für meine Begriffe – bei der dort zu findenden Titelauswahl breitmacht und

das weinende Auge: genau aus demselben Grund…..

Wir leben – und wer wollte dies bestreiten – in einer Welt, die stark durch Technik und Naturwissenschaft bestimmt wird: ob nun Elektronik, Raumfahrt, Medizin, Biotechnologie… es ließen sich noch -zig von Begriffen finden, in denen technische Entwicklungen ihren Niederschlag finden. Und selbst in Gebieten, die auf den ersten Blick kaum dafür prädestiniert sind wie z.b. Demoskopie, Demographie, Versicherungswesen: sie alle haben Einfluss auf unser tägliches Leben (und sei es nur über die zu zahlenden Versicherungsprämien..). Wie gut und sinnvoll wäre es da doch, wüssten wir etwas mehr über die Grundlagen dieser Fachgebiete und wie wichtig wären da gute Bücher, die uns einen ersten oder auch vertieften Einblick gäben.

btw: ich muss gerade an die letzten 5 Minuten einer Sendung im TV denken, in die ich neulich vor den Nachrichten reingeschaut habe. Es wurde ein junges Mädel, die gerade von ihrem Friseur nach 14 Tagen Probe entlassen worden war (Stichwort: Lehrstelle), gebeten, den Unterschied zwischen senkrecht, waagerecht und diagonal mal darzustellen. Sagen wir es positiv: die Hand von oben nach unten zu bewegen und das mit dem Begriff „senkrecht“ zu benennen, hat sie geschafft…. kein weiterer Kommentar. Hätte dem Mädel man irgendjemand ein Buch über die drei Dimensionen im Raum und ihre Benennung geschenkt… (vorausgesetzt, sie kann überhaupt lesen…immerhin jeder 40. (!) kann es ja offensichtlich nicht…. )

… aber zurück zum Thema, der ZEIT-Literaturbeilage. Wäre es nicht verdienstvoll, uns, dem vor der Fülle der Erscheinungen leicht den Mut verlierenden Leser, eine Auswahl von Büchern zu nennen, die uns diese Einblicke zum Beispiel in die Gentechnik, in das Wesen erneuerbarer Energien oder auch in die Grundlagen oder Probleme der Reproduktionsmedizin (um nur drei Fachgebiete zu nennen) geben? Doch was finden wir: Elaborate (verdienstvoll und mit Sicherheit auch bedeutend) über

- die Geschichte einer Himmelsrichtung (des Südens nämlich)
- den gesellschaftlichen Nutzen einer Religion, ferner bieten die vorgestellten Autoren:
- einen bunter Reigen von Motiven, die sich von Darwin bis hin zu Jim Knopf ziehen lassen
- eine Untersuchung über Wirken und Wirkung von Stefan George,
- es wird die Frage beantwortet (?), wieviel Musik ein Mensch braucht und abgeschlossen wird die Präsentation mit
- einer Sammlung von Rezepten, Essgeschichten, Rätseln und Gedichten unter dem Motto: Das Kochbuch, das jeder braucht…

… tja…. und dann sind wir schon in der Abteilung „Kinder- und Jugendbuch…..“

Und ich sitz hier und frag mich etwas ratlos: Ist diese Auswahl an Büchern, die die ZEIT-Literaturredaktion unter dem Obertitel „Sachbuch“ präsentiert, wirklich DIE Auswahl an Sachbüchern, die relevant ist, die uns weiterhilft bei Fragen und im Verständnis… oder ist mein Verständnis, was unter einem Sachbuch zu verstehen ist, so daneben?

Kommentare erwünscht!! ;-)

4 Responses to “bücher.leben: das Sachbuch”

  1. Prinz Rupi Says:

    Ist denn nicht sehr häufig so, dass „das Feuilleton“ an den Interessen und Neigungen seiner Leser vorbei zielt und sich auf den mehr oder weniger zeitgeistigen Geschmack seiner Redakteure reduziert?

    • flattersatz Says:

      erst einmal: schön, was von dir zu lesen und damit auch zu hören… obwohl – ich gebe es zu – die schuld an der kontaktlücke ist bei mir zu suchen…

      sicherlich ist „das Feuilleton“ (subsummieren wir solche themen- und anlassbezogenen Beilagen mal darunter) für die Redaktionen ein trefflich Anlass, dem eigenen Geschmack einen Rahmen zu bieten.

      Aber das ist ja gerade das traurige: die Meinungsmacher (und die ZEIT ist ja nicht gerade ein Provinzblatt) kümmert es einen feuchten Kehricht (ach, wie ich mich doch zurückhaltend äußern kann…), durch ihre Empfehlungen einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der so viel beschworenen und in der Tat oft im argen liegenden Allgemeinbildung zu leisten. Vielleicht liegt es daran, daß naturwissenschaftlich vorgebildete Redakteure in Feuilletons nicht zu finden sind? Und dieser Zweig unseres Lebens damit als zu profan abgetan wird? Oder ist man so sarkastisch, daß man sich auf den Standpunkt stellt, wen es interessiert, der liest es auch ohne unsere Vorstellung und die anderen sind eh egal… ich weiß es nicht, es ist halt nur irgendwo symptomatisch für die Wertschätzung, die der Technik entgegengebracht wird: im besten Fall ein nützlicher Sklave, im schlechtesten Teufelswerk. Funktionieren muss sie, wie und warum: egal.

      • Prinz Rupi Says:

        Es gibt doch den Beruf des (entsprechend vorgebildeten) Wissenschaftsredakteurs, der sich auch um Bücher kümmert, daran kann es m.E nicht liegen. Für mich ist es die abgehobene Politik vieler Feuilletons, auch den „normalen“ Themen Wertschätzung zu erweisen. Dabei reduziere ich meine Kritik nicht auf das Sachbuch, im Schöngeistigen ist es teilweise noch viel schlimmer.

        PS. Lass mal die „Schuld“ in der Kirche, da ist sie besser aufgehoben. Ich lehne mich eben mitunter ebenso gern wie du mal zurück und schaue still vergnügt zu …

        • flattersatz Says:

          Die ZEIT hat m.E. sogar eine Wissenschaftsredaktion, die ordentlich ist, die wöchentlichen Beiträge sind jedenfalls aktuell und scheinen mir auch fachlich auf der Höhe.

          Ich habe das Heft eben noch mal durchgeblättert auf der Suche nach einem Editoral, in dem vllt erklärt ist, warum und weshalb… nicht vorhanden.

          Ich denke, es kommen hier einfach auch die persönlichen Vorlieben raus, im Schöngeistigen mit Sicherheit….

          lg
          fs


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