Wieder mal ein Buch, das sich (ich bekenne, auch durch das schöne Coverbild) wie aus heiterem Himmel in meine Hand verirrt hat und dort geblieben ist. Ein Zufallsfund, weder der Titel noch die Autorin waren mir bekannt. Aber einer dieser Funde, die man weiß Gott nicht bereut.

belli

Und schon mitten im Thema des Buches „Gott“. Belli nimmt sich der Schöpfungsgeschichte an, sie erzählt uns den Inhalt des Buches Genesis bis Kap. 4,16. Liest man diese Verse im AT, so kommen sie einem realitiv nüchtern vor, mehr wie ein Protokoll, eine Beschreibung, die sich an den wesentlichen Fakten aufhält. Belli war jedoch der Meinung, das könne nicht alles sein und hat so diese dramatischen Ereignisse um Adam und Eva ausgeschmückt, interpretiert und hier als Roman vorgelegt.

Die biblische Schöpfungsgeschichte ist wohl jedem bekannt. Gott schuf Himmel und Erde mit allem, was dort existiert und am Schluss den Menschen, Adam. „Und Adam schlug die Augen auf, betastete sich und wusste, daß er ein Mann war, ohne zu wissen, wie er es wusste.“ Adam betrachtet seine Umgebung, die Namen der Wesen, der Dinge ohne daß er weiß, woher er dieses weiß. Er spürt die Anwesenheit des Anderen, der ihn allezeit beobachtet. Frieden herrscht im Garten zwischen den Tieren untereinander und den Tieren und ihm. „Es fehlte ihm an nichts, und auch er schien niemandem zu fehlen. Er fühlte sich einsam.“ Und so schuf der Andere aus ihm heraus ein zweites Wesen wie ihn, ihm ähnlich, aber doch unterschiedlich. „Und er wusste, daß er Adam war und sie Eva. Sie wollte alles wissen.

Mit Eva läßt schafft Gott auch Frage nach dem Sinn, dem Grund. Er gab ihr den Wissensdurst, die Neugier, die Worte: Was und Wie, das Warum, Wieso, Weshalb. Adam akzeptiert das Sein, Eva will wissen, warum das Sein ist. Folgerichtig ist Adam der Ängstliche, der den Verlust fürchtet, das Risiko scheut, wo Eva die Chance sieht, Antworten zu bekommen (für die Adam noch nicht einmal die Frage hat….).

Eva trifft auf ihren Rundgängen ein Wesen, ganz zartgliedrig und groß, das ebenfalls sprechen kann, die Schlange. Sie wird von Belli nicht als das Böse beschrieben, sie ist im Gegenteil ein steter Begleiter von Elohim, wie der Andere jetzt benannt wird. Sie spricht die Wahrheit aus, auch wenn diese nicht immer verständlich ist, sie deutet und interpretiert Elohims Werk (mit durchaus kritischen Anmerkungen dazu), aber auch sie unterliegt seiner Macht – und leidet unter seinen Launen.

Mit der Schlange redet immer nur Eva, nie Adam. Und so wird auch Eva gewarnt vor der einzigen Einschränkung, die Elohim den beiden Menschen im Garten auferlegt hat:

„Was befindet sich außerhalb dieses Gartens? Warum sind wir hier?“
„Wozu willst du das wissen? Du hast doch hier alles, was du brauchst.“
„Warum sollte ich es nicht wissen wollen? Was macht es schon, wenn ich es weiß?“
„Elohim ist der Einzige, der es weiß. Wenn du dem Drang nachgibst, von den Früchten dieses Baumes zu essen, wirst auch du es wissen. Dann wirst du sein wie er. …. “ …. „Es ist ihm lieber, wenn ihr euch ruhig und passiv verhaltet…. Wissen weckt Unruhe und reizt zum Widerstand. Dann nimmt man die Dinge nicht mehr, wie sie sind, sondern versucht, sie zu ändern. ….

Natürlich, wir kennen diese Geschicht, Eva nimmt von der Frucht, die bei Belli übrigens eine Feige ist, kein Apfel. Aber Feige passt auch viel besser zu den Intepretationsmöglichkeiten der Geschichte… Sie hat eine Vision, sie sieht im klaren Wasser des Flusses, eine riesige Spirale sterblicher Wesen, Menschen, die sich vermehren, ausbreiten, Wunderbares schaffen und in Kriegen ohne Ende Blut vergiessen. Und es wird ihr klar, daß sie die Geschichte gesehen hat, die Geschichte, die nach den Worten der Schlange mit ihr beginnt. Denn den Menschen hat Elohim als einzigen Wesen seiner Schöpfung den freien Willen gegeben und die menschliche Geschichte kann erst beginnen, wenn der Mensch von diesem seinem freien Willen Gebrauch macht. Elohim scheute die Verantwortung dafür, alles ins Sein zu rufen, die Geschichte beginnen zu lassen. Elohim wollte, daß sie, Eva, diese Verantwortung übernahm.

Und Adam und Eva, die vom verbotenen Baum der Erkenntnis Feigen pflückte, sie selber aß und sie Adam und den Tieren auch zum Essen gab, wurden aus dem Garten vertrieben, bevor sie auch vom Baum der Unsterblichkeit essen konnten. Ein Erdbeben riss eine tiefe, unüberwindliche Schlucht auf, so daß ihnen die Rückkehr verwehrt blieb. Das Flehen der beiden erhöhrte Elohim nicht, noch liess er sich durch ihre Not erweichen.

Hier, ausserhalb des Gartens mussten sie alles lernen, nichts war mehr wie sie es kannten. Die Tiere flüchteten vor ihnen oder griffen sie an, kein Essen regnete vom Himmel und was sie aßen mussten sie wieder von sich geben und verscharren. Schauten sie sich an, überkam Begehren sie und sie verdeckten ihren Körper mit Blättern und Fellen. Sogar das Töten wurde notwendig zum Überleben. Ab und an sprach Eva noch mit der Schlange, auch sie war von Elohim bestraft worden und musste nun sich am Boden winden, aber da sie sein Begleiter war seit ewigen Zeiten, konnte sie im Gegensatz zu den Menschen darauf hoffen, irgendwann erlöst zu werden.

Der größte Teil des Buches beschreibt nun, wie Adam und Eva sich in ihrer Verbannung lernten zurecht zu finden, wie sie sich, ihre Körper, ihre Umgebung langsam kennen lernen. Sie lernen zu säen und zu ernten, zu jagen, Felle zu gerben, Vorräte anzulegen. Eva wird schwanger und gebiert ein Geschwisterpaar, Kain und Luluwa, kurze Zeit später dann Abel und Aklia. Diese wachsen heran und werden, obwohl von den selben Eltern gezeugt, zu ganz unterschiedlichen Menschen. Die Familie zerbricht Jahre später an Eifersucht und Liebe, die jenigen der Kinder, die ein Paar werden sollen, lieben sich nicht und die, die sich lieben, sollen kein Paar werden. Im Streit erschlägt Kain seinen Bruder und wird dann vertrieben in ein fernes Land … und hier endet das Buch von Belli….

Adam und Eva wurden aus dem Garten, dem Paradies, vertrieben. Nach der ersten Zeit bitterster Not und Kümmernis erkennen sie langsam, daß auch die Erde, auf der sie jetzt leben, eine Art Paradies ist: im Frühjahr wächst alles und gedeiht, alles ist üppig und voller Lebensfreude. Der Anblick ihrer Kinder läßt ihnen vor Liebe das Herz übergehen und all das, was sie schaffen und fertig bringen, füllt sie mit Stolz und Zufriedenheit.

Natürlich läßt das Buch und die Geschichte der Vertreibung aus dem Paradies mannigfaltige Deutungen zu. Es ist im Grunde die Geschichte des Selbstständigwerdens, die jeder von uns am eigenen Leib, wenngleich in kleinerem Masstab, durchlebt (hat): vom Baum der Erkenntnis zu naschen (wobei das biblische „erkennen“ ja bedeutet, mit jemandem zu schlafen), heißt die Unschuld verlieren, das Kindsein hinter sich zu lassen, Verantwortung zu übernehmen, die eigene Geschichte in Gang zu setzen. Es ist ein notwendiges Ereignis im Leben, nur Paradies ist langweilig, es gibt kein gut und kein böse, nur das ewige Gleichmass. Dies hat Eva mit ihrem Ungehorsam aufgehoben, sie hat – vielleicht gar zur Freude Elohims, der gespannt zuschaut, was seine Schöpfungen (endlich mal eine, die ihn nicht langweilt….) aus ihrer Geschichte machen – gegen ihn aufgelehnt, ihre Unschuld verloren und dafür die Möglichkeit gewonnen, ihr eigenes Leben zu leben.

Facit: ein wunderschönes, poetisches Buch mit sehr vielen Anregungen und Gedanken…

Links: – die Nachkommen von Kain und Luluwa, üblicherweise weist die Genealogie von Adam und Eva immer nur die männlichen Nachkommen aus, mit wem die alle gezeugt wurden, wird nicht behandelt…..
- das Vorwort der Autorin und eine kurze Leseprobe

Gioconda Belli
Unendlichkeit in ihrer Hand
Droemer/Knaur, August 2009, HC, 304 S.
ISBN-10: 3426198525
ISBN-13: 978-3426198520

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