Bücherbilder
Oktober 28, 2009
Buchmalerei. Demonstration anläßlich einer Ausstellung von Faksimiles alter kirchlicher Bücher im Kloster Arnstein an der Lahn.
Sally Nicholls: Wie man unsterblich wird
Oktober 25, 2009
Sam und Felix sind zwei dicke Freunde. Sie hängen den ganzen Tag über zusammen rum, planen ihre Zukunft und träumen. Sie haben mit ihren 11 bzw 13 Jahren nur ein Problem, nämlich (so antwortet Sam einmal genervt und unwirsch auf die entsprechende Frage, nach dem, was er hat): „sphärische Globuli“.

Kennengelernt haben sich Sam und Felix auf der kinderonkologischen Abteilung eines Krankenhauses. Sam, die Hauptperson des Buches, leidet nämlich (ebenso wie Felix) an Krebs, an Leukämie. Er hat Chemos hinter sich, die nur kurzfristig angeschlagen und auch die Medikamente, die er jetzt nimmt, können ihm allenfalls Aufschub gewähren. Und diese Zeit wollen die Jungs nutzen.
Sie machen Pläne, stellen Listen auf mit Sachen, die sie unbedingt noch machen oder erleben wollen, sie, deren Leben kaum begonnen hat. Forschen wollen sie, Bücher darüber schreiben, mindestens einen blöden Weltrekord aufstellen und einen Horrorfilm (FSK ab 18) schauen. Natürlich wollen sie typische Teenager-Sachen erleben: rauchen, trinken und ein Mädchen küssen…. eine Luftschifffahrt steht auf der Liste, ein Raumflug und (einfacher zu verwirklichen): einmal eine Rolltreppe verkehrt herum laufen….
Sam und sein Freund und Vorbild Felix haben gute und haben schlechte Tage. Sie brauchen nicht mehr in die Schule, Sam wird zu Hause unterrichtet, er sitzt viel vorm Computer und stillt seinen Wissensdurst durch googeln. Er sammelt Infos, stellt Listen auf und fängt an, ein Tagebuch über sein Leben und das, was er weiß und was er an Fragen hat, zu schreiben. Und am Ende des Buches wird er tatsächlich alles an Vorhaben, die er skizziert hat, durchgeführt haben, in der einen oder anderen Art und Weise.
Seine Eltern haben schwer zu kämpfen mit dieser Situation. Übervorsichtig und -aufmerksam schnürt die Mutter Sam zum Teil die Luft zum Leben ab, der Vater stürzt sich in die vermeintliche Normalität des Alltags und seines Berufes. Er verdrängt, in dem er die Routine aufrecht erhält. Ella, die junge Schwester von Sam, geht noch am unbefangensten mit der Lage um. Doch irgendwann im Lauf der Zeit akzeptieren auch die Eltern das Schicksal ihres Sohnes, sie helfen ihm, sein Leben zu leben und lernen dadurch, ihre eigenen Ängste zu überwinden. So haben alle noch eine (gemessen an den Umständen) schöne Zeit. Die andauert, bis Sam entscheidet, keine Medikamente mehr zu wollen.
In einer seiner Listen (um das bestdokumentierteste Sterben aller Zeiten zu schaffen) hat er für seine Eltern eine Protokollvorlage (Achtung: das Protokoll verrät natürlich etwas über das Buchende… ) entworfen, die diese, wenn die Zeit gekommen ist, ausfüllen sollen.
Nicholls beschreibt sehr einfühlsam, daß Sam und Felix trotz ihrer Krankheit, über die sie sich keine Illusionen machen, normale Jungs sind, mit ner Menge Blödsinn im Kopf und ebenso einer Menge Fragen, die ihnen keiner beantworten kann. Im Grunde gehen sie viel unbefangener mit ihrer Lage um, als die Eltern und viele Erwachsene, deren Verhalten von großen Ängsten, von Unsicherheit und Befangenheit geprägt ist. „Wie man unsterblich wird“ ist ein gelunges Protokoll eines letzten Lebensquartals, mit viel Traurigkeit, aber auch viel Lachen, mit fröhlichen Momenten und Augenblicken, die im tiefsten Innern anrühren.
Facit: Nicholls widmet sich einem ähnlichen Thema wie Schmitt auf etwas unterschiedliche Art und Weise, aber gleich gelungen.
.. noch ein paar Gedanken zum Thema: wenn Kinder sterben….
Sally Nicholls
Wie man unsterblich wird
Broschiert: 200 Seiten
Hanser Belletristik, 2008, brosch., 200 S.
ISBN-10: 3446230475
ISBN-13: 978-3446230477
Georg Schwickart: Die 100 wichtigsten Fragen zu Tod und Sterben
Oktober 22, 2009

Nur selten und auch nur die wenigsten beschäftigen sich ohne Anlaß mit Tod und Sterben. Entsprechend viele Fragen und Unsicherheit tauchen auf, wenn ein Todesfall eingetreten ist. Und das dann in einer Zeit, in der man oftmals durch große Trauer sowie kaum handlungsfähig ist. In diesem Fall aber kann einem das Buch von Schwickart, das zu den ganz praktischen Fragen Antworten gibt, hilfreich sein.
Der Aufbau des Buches ist einfach, wie schon im Titel genannt: 100 Fragen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen (von „Was muss ich machen, wenn jemand zu Hause gestorben ist?“ über „Welche Kosten verursacht eine Bestattung?“ und „Wie läuft eine Trauerfeier ab“ bis hin zu „Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich nicht traure?“ um aus jedem der vier Kapitel ein Beispiel für die Art der behandelten Fragen zu nennen) werden knapp, klar und verständlich beantworten. Wenngleich natürlich in der Knappheit der Antworten immer auch eine Verallgemeinerung steckt, die sich dann im konkreten Fall (z. B. bei den Kosten) anders gestalten kann, so bekommt man doch solide Antworten und braucht sich dem ganzen Geschehen um den Trauerfall herum nicht mehr so hilflos ausgesetzt fühlen.
Facit: Ein Ratgeber der besonderen Art, aber doch einer, den man sich ins Regal stellen sollte, damit man sich, wenn der Fall eintritt, orientieren kann.
Georg Schwickart
Die 100 wichtigsten Fragen zu Tod und Sterben
Gütersloher Verlagshaus, 2008, 152 S.
ISBN: 978-3-451-32450-5
Simon Beckett: Kalte Asche
Oktober 19, 2009

Becketts Held, David Hunter, forensischer Pathologe, wird mit einer Bitte, die er wohl nicht ablehnen kann, nach Runa geschickt, um dort zu überprüfen, ob die dort in einem verfallenen Cottage gefundene und ziemlich verbrannte Leiche einem Unfall zum Opfer fiel oder einem Täter. Runa, Schauplatz des Romans, ist eine Insel, die zu den Hebriden vor der Nordküste Schottlands gehört, ein ziemlich einsamer Platz, die Menschen eine verschworene Gemeinschaft (zumindest nach außen) und die Landschaft karg und rau.
Wäre es ein Krimi, wenn der verbrannte Leichnam nicht vorher noch erschlagen worden wäre? Nein, sicher wäre die Handlung im Buch dann kürzer geworden… daher habe ich wohl auch noch nicht zuviel verraten mit diesem Detail. Jedenfalls, die Insel, die von den 4 Elementen (die alten Griechen hätten ihre Freude) Wasser (in Form von Regen) Luft (in Gestalt eines Sturms), Feuer (mehr als genug…) und Erde (na ja, irgendwo muss man ja drauf laufen…) ist Schauplatz sich immer weiter auschaukelnder Ereignisse, die Beckett dann in einem Reigen von gedanklichen Volten, die immer wieder alles schon sicher geglaubte über den Haufen werden, enden läßt. Mehr will ich garnicht sagen, um die Spannung nicht rauszunehmen.
Was hat mir an dem Buch gefallen?
Also, es ist in jedem Fall spannend, gut zu lesen, unterhaltsam und da ich mal davon ausgehe, daß Beckett sauber recherchiert hat, in gewissen Aspekten auch lehrreich. Zumindest habe ich nicht gewusst, daß bei Leichen, die in starkem Feuer liegen, der Schädel plötzlich explodiert (Im übrigen ist dieses Schädelloch dasjenige, durch das im tibetischen Lamaismus die Seele des Menschen entweichen muss, damit sie in ihrer weiteren Existenz kein Schaden leidet… so beschreibt es zumindest A. David-Neel in ihrem Buch „Heilige und Hexer„, Brockhaus 1984. Man sieht, ich habe quergelesen…natürlich weiß ich nicht, ob da ein sachlicher Zusammenhang besteht, den nach Landor wiederum sind Feuerbestattungen in Tibet eine seltene Sache (Holzmangel) und eher hochgestellten Persönlichkeiten vorbehalten. Aber denkbar wäre es schon, daß die Lamas diesen Schluss zogen, daß aus dem explodierenden Schädel die Seele entweicht…. egal, das nur am Rande vor mich hingesponnen….). Ferner: Beckett hält sich nicht mit soziologischen und kulturgeschichtlich interessanten Fragen auf, er treibt seine Handlung voran, es geschieht immer was (ich bewundere Hunters Nehmerqualitäten….) und Langeweile wird zum Fremdwort.
Andererseits:
Die Geschichte ist in höchstem Maße konstruiert und die Wahrscheinlichkeit, eine solche oder ähnliche Konstellation an Menschen und Ereignissen mal in freier Wildbahn anzutreffen, äußerst gering. Vom ersten Hunter, der Chemie des Todes, ist man als Leser ja ein wenig vorgewarnt: nichts ist so wie es scheint. Nun ja, hier treibt Beckett die Auflösung seines Buches noch ein wenig weiter, so überfallartig und vom Handlungstrang losgelöst, als hätte er unter dem Zwang gestanden, dem ganzen noch eins drauf zu setzen….
… das muss jetzt reichen, um neugierig zu machen oder abzuschrecken. Je nach dem.
Facit: spannend, gut zu lesen, aber zu konstruiert.
Simon Beckett
Kalte Asche
Rowohlt Tb.; August 2008, 432 S.
ISBN-10: 3499241951
ISBN-13: 978-3499241956
Rafael Arozarena: Mararia
Oktober 17, 2009

Lanzarote, die Feuerinsel nah der afrikanischen Küste – über Jahre hinweg hatte ich dort Urlaub gemacht, die Insel (soweit es einem Touristen ohne Spanischkenntnisse möglich ist) erkundet und mit dem Rad durchfahren (wer mag, kann sich einige Bilder aus dieser Zeit anschauen. Mittlerweile ist die Seite ziemlich alt und man sieht es ihr an, egal….). So weckt ein Roman, der auf dieser Insel spielt, diese Insel zum Thema hat, seltsame, heimatliche Gefühle in mir. Natürlich, das Lanzarote der 30er Jahre, in denen der Roman spielt, hat wenig zu tun mit dem der Jahrtausendwende. Der Dorfplatz von Femes ist schon längst nicht mehr bloßer Boden, sondern asphaltiert, schaut man vom „Balkon“ hinunter in die Ebene macht es
kaum Mühe, Playa Blanca zu finden, denn mittlerweile erstreckt es sich über die gesamte Südküste und auch am Wochenende kommen kaum noch die Seeleute hoch nach Femes, um den Wein aus Uga zu trinken, sondern es sind die Touristen, die dort einfallen, die aus dem Ausland, aber auch die einheimischen, die auf Lanzarote ihr Wochenende verbracht haben.
(Die beiden Bilder sind aus dem heutigen Femes, aufgenommen am Dorfplatz, an der Kirche….
Die Gaststube, die Arozarena schildert, in der sein Erzähler sitzt und den Geschichten lauscht, ich habe sie vor mir. Natürlich ist auch sie mittlerweile geweißt, eingerichtet und nicht mehr mit der beschriebenen zu vergleichen – aber trotzdem. Vor meinem Auge spielt sich alles hier ab…..
Aber zum Roman… Er spielt wie schon erwähnt, in den 30ger Jahren. Eigentlich würde ich das Buch nicht als Roman bezeichnen, es ist eher einen Sammlung von durch eine sehr lockere Rahmenerzählung zusammengehaltenden und verbundenen Geschichten, Anekdoten, Erinnerungen rund um eine als Person weitgehend im Dunkeln bleibenden Frau, Maria. Diese ist eine Schönheit, weitberühmt und die Männer wollen sie allen für sich erobern. Aber sie erhört keinen, unterwirft sich nicht den Sitten und Gebräuchen. Einen Fremden nimmt sie mit, am Festabend und dieser verläßt erst am nächsten Tag ihr Haus, er wird in Händel verwickelt, die die Eifersucht produziert und kehr nie wieder nach Femes zurück. Einen fahrenden Händler, einen Araber, der ihr den Hof macht, den will sie ein paar Monate später heiraten. Aber dieser überlebt die Eifersucht der jungen Männer im Ort nicht.
Maria hat kein Glück im Leben, die Männer, denen sie sich anvertraut, enttäuschen sie, belügen sie. Auch wenn sie sich zu rächen weiß, für die Menschen wird sie immer mehr zu einer Unheimlichen, eine Räbin, einer Hexe…. niemand weiß, wo sie hingeht, wo sie herkommt, man hört sie nicht gehen, zu schweben scheint sie über dem Boden….
Dies sind die Geschichten, die der Erzähler, und man kann davon ausgehen, daß dieser mit dem Autor identisch ist, im Dorf und auf seinen Spaziergängen hört. Viel tragisches ist darunter, menschliche Schicksale, die aber gottergeben getragen werden. Und in all den Geschichten schwingt eine unheimliche Ebene jenseits der sichtbaren Realität mit. Dies ist nicht verwunderlich, Lanzarote ist heute noch ein stille Insel, ein Ort, der (meidet man die Zentren) dem Wind, der Sonne, dem Sand und den Steinen gehört. Mit diesen muss man sich anfreunden, will man die Insel lieben. Und wie überall, wo die Natur eine gegebene Einsamkeit aufweist und Schroffheit, vermutet man Übersinnliches, verheißt der schwarze Vogel Unglück und ist sowohl die Hand Gottes wie der Atem des Teufels zu spüren. Schatten huschen wie Gespenster durch die Schluchten, Wolken stieben einer Herde wilder Pferde gleich an der Sonne vorbei. Felsen, von Vulkanen geschleudert, teilen sich des Nachts und entlassen geifernde Hunde und wildblickende Katzen in die Freiheit, die den müden Wanderer, der zufällig des Weges kommt, anfallen…..
Arozarena beschreibt und erzählt im schönsten Sinn des Wortes. Er scheut das Blumige nicht, die Ausschmückung, er erweckt die Feuerinsel zum Leben, man meint, die Dürre, die Trockenheit, die Sonne, den Wind, den Mond zu sehen, zu spüren.. Viele der Wege, die seine Figuren gehen bzw. fahren, kenne ich, ich kann sie begleiten, weiß wo sie hinfahren, wie es dort aussieht/-sah (?) Die Schlaglochpisten, mittlerweile fast ausgemerzt, sie haben auch meine Bandscheiben noch malträtiert, den Gang von Playa Blanca hoch nach Femes… diese elend lange Steigung … Die rollenden, vom Wind getriebenen Dornbüsche, die halbverfallenen Ruinen in den Einöden, die Sandstrände im Süden, die Salinen… Eidechsen huschen über die Steine, wenn man Glück hat, sieht man ein Kaninchen rennen und in der Luft einen Greif….
Am Schluss seines Buches sagt der Autor: „Die Insel ist wie eine Frau. Sie ist fruchtbar und diese Fruchtbarkeit muss sie vor dem Teufel verteidigen„. Nun, in diesem Sinne ist Maria ein Bild für die Insel Lanzarote selbst, schroff, unnahbar, abweisend. Aber wer sie liebt (kann man das überhaupt oder verfällt man ihr dann sofort?), der ist bereit, sich ihr hinzugeben, voll und ganz. Und Maria, die Insel, gibt dies zurück… wenn nicht, erschlägt sie einen, vernichtet sie mit ihrer Unnahbarkeit, ihrer Härte und ihrer Unbarmherzigkeit.
Mein durch Subjektivität getrübtes
Facit: eine wunderschön traurige Geschichte, in die man sich fallen lassen kann…..
Links:
lesenwerte Buchvorstellung
Aus den Verlagsangaben
Bilder aus Lanzarote
Rafael Arozarena
Mararia
Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, 2009, Klappenbroschur, 256 S.
ISBN 978-3-88769-382-4
Anthony McCarten: Hand aufs Herz
Oktober 15, 2009

Tom Shrift ist ein Versager. IQ-mäßig in Mensa-Regionen angesiedelt, dümpelt sein EQ in eher niedrigen Bereichen herum. Nicht seine Intelligenz und sein Wissen ist sein Problem, sondern seine steten Bemühungen, aller Welt dies ins Gesicht zu sagen, seine Unfähigkeit, mit der, mit seiner Wahrheit etwas zurückhaltend umzugehen. Da er ausserdem ein gewisses Maß von Agressivität für überlebensnotwendig hält (herrlich: dieser Nachbarschaftsstreit von ihm, der ganz im Hintergrund der Geschichte versteckt auftaucht…), wundert es kaum, daß sein Freundeskreis eher klein ist und auch seine berufliche Karriere nicht beispielhaft verläuft.
Auf der anderen Seite steht Jess Podorowski als Gegenfigur. Nach einem tragischen Autounfall ihres Mannes verwitwet, versucht sie alles, sich und ihre behinderte Tochter durchzubringen. So arbeitet sie als Politesse und verbringt einen großen Teil des Tages damit, die Beleidigungen und den Hass der von ihr mit Knöllchen versehenen Autofahrer auf den Straßen Londons in sich hineinzufressen. (Hierbei treffen sich auch Jess und Tom zum ersten Mal…) Sie ist zurückhaltend, schüchtern, das Dulden und Erleiden ist ihr zur zweiten Natur geworden.
Dritter im Bunde ist Hatch Back, Besitzer eines Autohauses, das er von seinem Vater übernommen, aber nicht wie dieser zum Erfolg, sondern mehr oder weniger in den Ruin geführt hat. Ihm fällt als letzten verzweifelten Akt zur Rettung seiner Firma via Aufmerksamkeit und Publicity eine haarsträubende Aktion ein:
Derjenige, der am längsten mit seiner Hand einen von ihm ausgelobten schicken Landrover berührt, bekommt diesen als Belohnung (Konsequenterweise sollte der Roman also eher „Hand aufs Auto“ heißen….).
Soweit in etwa der Plot der Geschichte, die McCarten uns erzählt. Und zwar tierisch gut! Man kann sich denken, daß die von Hatch initiierte Aktion ausser Jess und Tom noch eine ganze Reihe anderer, mehr oder weniger gescheiterter Gestalten anlockt, die sich um das Auto scharren und nach strengen Regeln (alle 2 Stunden 5 Minuten Pause für eins der drei Dixis, Schlafen verboten, eine Hand immer am Auto) ihre Hand an/auf das Blech pressen.
Mehr will ich zum Inhalt des Buches garnicht sagen. Man kann sich ja vorstellen, das der Autor sich ein paar der Figuren herausgreift und sie charakterisiert, den Ex-Soldaten zum Beispiel, den ehemaligen Nachtwächter, auch Matt, den Jungen aus reichem Haus, der endlich mal nichts geschenkt haben, sondern etwas durch eigene Leistung verdienen will…. natürlich: einer nach dem anderen scheidet aus dem „Rennen“ aus, das McCarten über weite Passasen wie eine Art Kammerspiel schildert. Insbesondere der Schlafmangel fordert seinen Tribut, nur mit äußerster Willensanstrengung können ihm die Akteure entgegentreten. Immer stärker werden auch die körperlichen Beschwerden, die Schmerzen in den Gelenken, den Knochen, den Füßen.. Der Sieger bleibt über 5 Tage ohne Schlaf….
Was will der Autor uns mit seinem Buch sagen? Zum einen ist es natürlich spannend zu lesen, wie er diese Geschichte vor uns ausbreitet und entwickelt (der Stoff schreit geradezu nach Verfilmung…). Aber so wie die Schinderei der Protagonisten immer härter wird, so beschreibt er andererseits auch eine Art innerer Läuterung seiner Hauptfiguren Jess und Tom. Diese, durch den Wettbewerb aneinandergekoppelt, können sich nicht ausweichen und geraten immer wieder aneinander, sagen sich bisher ungehörte Wahrheiten. Könnten sie sogar stimmen? Innere Zweifel tauchen auf am bisherigen Selbstbild, die körperlichen Strapazen machen sie bereit, sich selbst in Frage zu ziehen. Ich will die Aktion nicht mit einer z.B. Meditationsübung vergleichen, aber der nach einigen Tagen herrschende absolute Ausnahmezustand, in den sie notwendigerweise geraten, wirft alles bisher als sicher und gegeben erachtete durcheinander und öffnet sie für neue Gedanken, neue Erkenntnisse.
Und ein zweites beschreibt McCarten: wie sich der Mensch, wenn er sich einer (auch einer so blöden Aufgabe wie dieser) verschreibt, selbst in ein Gefängnis begibt. Trotz der Qual, die sie durchstehen müssen, sind die letzten 4 Figuren nicht fähig, sich zu verabreden und gemeinsam den Wettbewerb zu beenden. Sie vertrauen einander nicht und sie sind nicht in der Lage, die Prioritäten neu zu setzen: sie wollen einfach um jeden Preis ihr Ziel erreichen. Ihnen bleibt gar keine andere Wahl. Aber welche Befreiung, wenn sie dann doch über ihren Schatten gesprungen sind, losgelassen haben (kennen wir dies nicht alle in etwas kleinerem Massstab?) Aber vielleicht ist es diese Eigenschaft, diese Hartnäckigkeit, die einige (natürlich nicht alle, wahrscheinlich sogar die wenigsten) Menschen haben, die äußergewöhnliche Leistungen überhaupt erst möglich macht: Weltumsegelungen, in Taucherflossen zum Nordpol und ähnliches….. und manchmal vllt sogar ganz sinnvolle Sachen, die Einzelne gegen den geballten Widerstand der Übrigen durchfechten.
Das sind für mich die beiden großen Themen des Buches. Aber natürlich bietet der Roman auch das „Übliche“: eine zarte Romanze, Lug und Betrug, das Scheitern von Träumen und den schon erwähnten Nachbarschaftsstreit…. gute, gut lesbare Unterhaltung eben. Und auch aus diesem Grund habe ich das Buch fast nicht aus der Hand gelegt und in einem Rutsch durchgelesen.
Facit: ein gutes Buch, spannend geschrieben, eine interessante Studie auch über menschliches Verhalten
Anthony McCarten
Hand aufs Herz
Diogenes, August 2009, HC, 319 S.
ISBN-10: 3257067305
ISBN-13: 978-3257067309
bücher.leben: das Sachbuch
Oktober 14, 2009
alle Jahre wieder.. ich bin gestern und heute mal durch die Literaturbeilage der ZEIT gegangen und habe mit einem lachenden und einem weinenden Auge dasselbe feststellen müssen wie schon so oft: die Abteilung „Sachbuch“ ist es, die dies bei mir hervorruft.

Das lachende Auge ob der Ignoranz, die sich – zumindest für meine Begriffe – bei der dort zu findenden Titelauswahl breitmacht und
das weinende Auge: genau aus demselben Grund…..
Wir leben – und wer wollte dies bestreiten – in einer Welt, die stark durch Technik und Naturwissenschaft bestimmt wird: ob nun Elektronik, Raumfahrt, Medizin, Biotechnologie… es ließen sich noch -zig von Begriffen finden, in denen technische Entwicklungen ihren Niederschlag finden. Und selbst in Gebieten, die auf den ersten Blick kaum dafür prädestiniert sind wie z.b. Demoskopie, Demographie, Versicherungswesen: sie alle haben Einfluss auf unser tägliches Leben (und sei es nur über die zu zahlenden Versicherungsprämien..). Wie gut und sinnvoll wäre es da doch, wüssten wir etwas mehr über die Grundlagen dieser Fachgebiete und wie wichtig wären da gute Bücher, die uns einen ersten oder auch vertieften Einblick gäben.
btw: ich muss gerade an die letzten 5 Minuten einer Sendung im TV denken, in die ich neulich vor den Nachrichten reingeschaut habe. Es wurde ein junges Mädel, die gerade von ihrem Friseur nach 14 Tagen Probe entlassen worden war (Stichwort: Lehrstelle), gebeten, den Unterschied zwischen senkrecht, waagerecht und diagonal mal darzustellen. Sagen wir es positiv: die Hand von oben nach unten zu bewegen und das mit dem Begriff „senkrecht“ zu benennen, hat sie geschafft…. kein weiterer Kommentar. Hätte dem Mädel man irgendjemand ein Buch über die drei Dimensionen im Raum und ihre Benennung geschenkt… (vorausgesetzt, sie kann überhaupt lesen…immerhin jeder 40. (!) kann es ja offensichtlich nicht…. )
… aber zurück zum Thema, der ZEIT-Literaturbeilage. Wäre es nicht verdienstvoll, uns, dem vor der Fülle der Erscheinungen leicht den Mut verlierenden Leser, eine Auswahl von Büchern zu nennen, die uns diese Einblicke zum Beispiel in die Gentechnik, in das Wesen erneuerbarer Energien oder auch in die Grundlagen oder Probleme der Reproduktionsmedizin (um nur drei Fachgebiete zu nennen) geben? Doch was finden wir: Elaborate (verdienstvoll und mit Sicherheit auch bedeutend) über
- die Geschichte einer Himmelsrichtung (des Südens nämlich)
- den gesellschaftlichen Nutzen einer Religion, ferner bieten die vorgestellten Autoren:
- einen bunter Reigen von Motiven, die sich von Darwin bis hin zu Jim Knopf ziehen lassen
- eine Untersuchung über Wirken und Wirkung von Stefan George,
- es wird die Frage beantwortet (?), wieviel Musik ein Mensch braucht und abgeschlossen wird die Präsentation mit
- einer Sammlung von Rezepten, Essgeschichten, Rätseln und Gedichten unter dem Motto: Das Kochbuch, das jeder braucht…
… tja…. und dann sind wir schon in der Abteilung „Kinder- und Jugendbuch…..“
Und ich sitz hier und frag mich etwas ratlos: Ist diese Auswahl an Büchern, die die ZEIT-Literaturredaktion unter dem Obertitel „Sachbuch“ präsentiert, wirklich DIE Auswahl an Sachbüchern, die relevant ist, die uns weiterhilft bei Fragen und im Verständnis… oder ist mein Verständnis, was unter einem Sachbuch zu verstehen ist, so daneben?
Kommentare erwünscht!!
Christian von Ditfurth: Lüge eines Lebens
Oktober 13, 2009

Stachelmann, Historiker und endlich fertig mit seiner Habilitationsschrift, wird Ziel eines Attentäters, der ihn aber, so muss man vermuten, mehrfach absichtlich verfehlt. Zeitgleich wird eine Verleumdungs- und Mobbingkampagne gegen ihn gestartet. Unerklärlich, mehr als beunruhigend und vor allem: wo liegt das Motiv, wer also könnte dahinter stecken?
Das Motiv, das wird dann schnell klar, liegt in irgendeiner Weise in seiner Habil-Schrift verborgen, die aber (auch in seiner eigenen Einschätzung) nichts beinhaltet, was wirklich revolutionär wäre, was ein Motiv für einen Mordversuch darstellen könnte.
Die Polizei ist natürlich eingeschaltet, aber Stachelmann betreibt Selbstverständlich seine eigenen Recherchen. Dabei lernt er Brigitte, eine dem antifaschistischen Widerstand angehörige Studentin näher kennen, aber bevor dies noch näher wird und sie ihm zumindest in Teilen Ross und Reiter nennen kann, findet er sie mit aufgeschlitzter Kehle in seinem Arbeitszimmer vor.
Seine eigenen Recherchen: ein ziemlich durcheinander gehendes Sammelsurium möglicher Verdächtiger, das er (auch zusammen mit den etwas obskuren Freundeskreis von Brigitte) aufzudröseln versucht. Aber egal wie sicher er sich ist, den potentiellen Täter entlarvt zu haben, landet er doch meist in Sackgassen und muss frustriert von vorne anfangen. Und wie so häufig, hilft ihm zum guten Schluss Kommissar Zufall auf die Spur und Ditfurth präsentiert dem Leser nach über 400 Seiten zum Teil ermüdenden Lesens einen Täter ..
Ich habe das Buch nicht verschlungen, das kann man wahrlich nicht sagen. Die Lektüre war, ich schrieb es schon, zum Teil ermüdend und so zog sich das Lesen auch hin, immer wieder Pausen, in denen das Buch beiseite gelegt war. Die Auflösung, die der Autor liefert, wirkt so wie der ganze Fall: konstruiert und etwas arg an den Haaren herbeigezogen. Gelungen sind dagegen die Passagen, in denen Ditfurth die Angst von Stachelmann schildert, das plötzlich über ihn hereinbrechende Misstrauen gegen seine Umwelt, die Verlorenheit, die Unsicherheit, die Beklemmung, das Ausgeliefertsein einem Unbekannten, der auf einmal Macht über die eigene Person hat. Das ist stimmig und gut nachempfunden und hat mich beim Lesen auch bei der Stange gehalten. Der Rest… na ja….
Facit: ein Krimi, den man lesen kann, aber wenn nicht, versäumt man auch nicht viel.
Christian von Ditfurth
Lüge eines Lebens
Stachelmanns vierter Fall
Kiepenheuer & Witsch; September 2008, Tb, 432 S.
ISBN-10: 3462040235
ISBN-13: 978-3462040234
Markus Zusak: Die Bücherdiebin
Oktober 11, 2009

Ende der 30er Jahre des 20. Jhdts in Deutschland. Eine junge Frau reist mit ihrer jungen Tochter und dem noch jüngeren Sohn in der Bahn nach Molching, ein Städtchen in der Nähe von München. Es ist Winter und der Erzähler aus dem Off schildert, wie der kleine Junge stirbt, tot auf dem Bahnsteig liegt, wegtransportiert wird. Der Junge wird in diesem namenlosen Dorf begraben und im Schnee findet das Mädchen ein Buch, das Handbuch für Totengräber. Sie nimmt es an sich, es wird bald ihr wertvollster Schatz werden.
Mutter und Tochter müssen weiterfahren zu ihrem Ziel, der Familie Hubermann, Hans und Rosa, bei denen die Tochter die nächsten Jahre als Pflegetochter leben wird. Die Mutter – man erfährt nichts mehr über sie, außer daß sie Kommunistin war, wie der Vater auch. Ende der 30er Jahre braucht man nicht viel Fantasie um sich auszumalen, welchem Schicksal sie entgegenging.
Nach diesem einleitenden Kapitel schildert das Buch das Schicksal der Liesel Meminger, der Bücherdiebin, des Saumenschen, und das ihrer Pflegeeltern, ihrer Freunde und vieler anderer Menschen in der Himmelsstraße in Molching. Und es schildert einen Abschnitt im Leben des Max Vandenburg, eines Juden Ende der 30er Jahre in Deutschland, dem Hans Hubermann durch ein viele Jahre zuvor abgelegtes Versprechen verpflichtet ist.
Es ist müßig, die Geschichte des Buches zu erzählen. Es ist zum einen die ganz normale Geschichte eines Kindes in diesen Zeiten, das draußen auf der Straße Freunde hat, aber auch Feinde, das zu Hause mitarbeiten muss, um den kärglichen Lebensunterhalt aufzubessern. Es ist aber auch die Geschichte von Menschen in einem kleinen Städtchen, in dem der Nationalsozialismus einen immer größeren Anteil vom täglichen Leben beherrscht. Die Mädchen gehen in den JM, die Jungen in die Hitlerjugend. Bücher werden verbrannt (und gestohlen) und Liesel erhält eine, die einzige Ohrfeige von ihrem Pflegevater, die ihr beibringt, daß sie in der Öffentlichkeit nie, unter keinen Umständen, Kritik an irgendetwas äußern darf. (Oh, hätte sich Hans H. doch später selber daran erinnert….). Es ist angeraten, den Geburtstag von Hitler zu kennen, Rudi, der starrköpfige, unbeugsame Freund von Liesel kann davon ein Lied erzählen….
Juden… Juden werden durch das Städtchen .. getrieben muss man sagen, nach Dachau („… um sich dort zu konzentrieren…“ welch ein bitter Sarkasmus in dem Satz….). Ausgemergelte, des Laufens kaum noch fähige Gestalten, die gepeitscht und geprügelt werden von jungen Männern, fast noch Jungen, die sich zu Schergen gemacht haben. Soll einer sagen, er hätte von nichts gewusst…. und doch, ja, auch hier gibt es (selbstmörderischen) Widerstand…
Bombennächte und die Willkür des Todes, des Sterbens. Hunger, Angst, Schrecken. All das und noch viel mehr…. Soldaten sterben in der Kälte Russland, deutsche Städte werden in Schutt und Asche gelegt, die häßliche Fratze des Krieges wendet sich Deutschland zu. Und der Tod hat viel zu tun, sehr viel, manchmal wird es ihm zuviel. -zig Tausend Seelen muss er in manches Mal in wenigen Stunden abtransportieren, an vielen Orten wird er gebraucht, von manchem Verzweifelten wird er erwartet, herbeigefleht….
Lesen wir das Buch, wissen wir dies ganz genau, denn der Erzähler ist niemand anderes als der Tod selbst, der – auf seine Art – Liesel Meminger lieb gewonnen hat und ihr Leben verfolgt und beobachtet. Nicht, daß er sie bzw. ihre Lieben verschonen würde, nein, das tut er wahrlich nicht. Aber Liesel selbst und ihr Buch, darauf achtet er. Und ganz am Ende, am Ende des Buches und auch dem von Liesel, als er sich mit ihr trifft, um sie zu sich zu holen, da gibt er ihr ihr altes, in Kindertagen geschriebenes Buch zurück……
(Ich muss es zugeben, für diese letzten Seiten des Buches habe ich etwas länger gebraucht. Die Wort verschwommen zum Teil, die Buchstaben zerrannen vor meinen Augen als ob Wellen Wasser aufwühlen würden und der Untergrund zu verschwimmen anfängt…. doch, die Art und Weise, wie Zusak hier das Leben und das Leid schildert, ist sehr berührend.)
Was also ist das für ein Buch? Erst einmal ein dickes, vielleicht zu dick für Jugendliche, denen ich es sehr empfehlen würde. Nicht so sehr Faktenwissen, aber das Leben in Deutschland unter Hitler kann man dort nachlesen, in all seiner Nazi-Häßlichkeit aber ohne tumbe Verallgemeinerung. Es wird klar, daß jeder, der die Augen aufgemacht hat, was wissen konnte. Vielleicht hat er nie ein KZ gesehen, aber die Bücher hat er brennen gesehen, die Züge mit den deportierten Juden, die Judenkarawanen in die Lager, die zerschmissenen Scheiben jüdischer Geschäfte und die Sanktionen gegen alle, die bei der Judenhatz nicht mitmachten. Denn auch die gab es und Zusak beschreibt sie: die nicht mitmachten, die Juden versteckten, die sich lieber prügeln ließen, als Speichel zu lecken, die ganz einfach Mensch blieben in diesen Zeiten.
Das Buch verzichtet wie gesagt praktisch auf die Aufzählung von Fakten, es beschreibt Gefühle, Stimmungen, Emotionen und prägt sich daher viel stärker ein als es reine Daten können. Es ist einfach geschrieben, aber nicht primitiv, zum Teil schafft Zusak wunderschöne Sprachbilder („… Sie sang ein Lied, aber so leise, daß Liesel es nicht verstand. Die Noten wurden in ihrem Atem geboren und starben auf ihren Lippen. …„). Der Text ist sehr lesefreundlich strukturiert und die Idee, den Tod als Erzähler auftreten zu lassen, ist einfach nur genial. Mein …
… Facit: also wird niemanden überraschen: ein tolles Buch, gerade auch für Jugendliche, für die sogar eine Extra-Buchausgabe existiert.
Markus Zusak im Interview: http://www.boersenblatt.net/189489/ ….
…und hier kann man, wenn es klappt, die ersten Seiten des Buchs lesen…
Markus Zusak:
Die Bücherdiebin
in verschiedenen Ausgaben
TB bei cbt oder im Blanvalet Taschenbuch Verlag, September 2009
ISBN-10: 3570306275 (3442373956)
ISBN-13: 978-3570306277 (978-3442373956)
Johan Theorin: Nebelsturm
Oktober 9, 2009

Theorins Buch wird als Kriminalroman bezeichnet, in Schweden sogar ausgezeichnet mit dem Titel des besten Kriminalroman des Jahres. Dies im Hinterkopf stellte sich mir beim Lesen immer deutlicher die Frage: was erwarte ich eigentlich, wenn ich einen Krimi lesen will?
Nun, zuvörderst wohl eine kriminelle Handlung, die auch möglichst als solche zu erkennen ist. Dann sollten Täter da sein, auf deren Motiv, auf deren Seelenlage der Autor eingeht, bzw. wenn es ein whodunnit ist, ein Ermittler, der die Spur aufnimmt zum Täter und ihn jagd, allen Widrigkeiten zum Trotz. Und es sollte in irgendeiner Art und Weise am Ende des Buches eine Auflösung stehen.
Wie nun verhält es sich hier im „Nebelsturm“?
Die kriminelle Handlung, nun ja. Bei dem Todesfall, der auftritt, vermutet man (schließlich ist es ja ein Krimi), daß es vllt doch nicht der Unfall ist, als der er beschrieben wird. Des weiteren, in einem parallelen Handlungsstrang, gibt es noch ein Einbrechertrio, das (leerstehende, aber nicht nur) Häuser aufsucht. Und unsere Hauptperson wohnt in einem Haus, einen einsamen zudem noch. Sollte da etwa…? Wird ferner – gewieft, wie man mittlerweile ist, kann man sich dieser Vermutung kaum verschließen – die Polizistin, die seit neuestem in der Gegend stationiert ist, diese dann treffen, verhaften? Und das am Ende noch während eines titelgebenden Nebelsturms, so ca. 30, 40 Seiten vor Ende des Buches? Beim Zeus: so könnte es sein!
Nein, als Krimi würde ich diesen spannenden und gut geschriebenen Roman nicht bezeichnen, auch wenn der schon erwähnte Todesfall eine durchaus zentrale Rolle spielt. Dieses Buch beschreibt viel eher Menschen und Stimmungen in einer winterlich herben Landschaft, der schwedischen Insel Öland [1, 2], die in diesem Buch, das gegen Ende des Jahres spielt, vor allem durch Wind, Regen und Schnee charakterisiert wird.
Im Zentrum der Geschichte steht der Hof Alluden in der Nähe zweier markanter Leuchttürme. Seinerzeit, als diese gebaut wurden, lief ein großes Segelschiff auf Grund. Alle Seeleute ertranken, aber aus dem Holz, das das Schiff geladen hatte, baute man das große Haus für den Leuchtturmwärter und seine Leute. Kein Wunder, daß es hieß, ein solcher Ort wäre von einem Fluch verfolgt, die Seelen der Seeleute würden keine Ruhe finden und den Hof heimsuchen.
Diesen, einst von vielen Menschen bewohnten und jetzt lange leer stehenden Hof also kauft ein junges Ehepaar, sie ziehen dort mit ihren beiden Kindern ein. Seltsame Träume nisten jedoch sich in den Menschen ein, das unheimliche Gefühl, nicht allein zu sein auf dem Hof. Oben, in der Scheune, finden sie eine Wand, in der die Namen all der Menschen eingeritzt sind, die auf dem Hof schon gestorben sind, und es sind nicht wenige… einen kleinen Andachtsraum finden sie und sie hören von der Sage, daß all die Toten des Hofes an Weihnachten zurück kommen ….. Es fällt schwer, auf dem Hof zu leben, vor allem, nach dem der Tod auch in der Familie Westin Besuch gehalten hat….
In Rückblenden erzählt Theorin uns die Geschichte des Hofes und seiner vielen Bewohner, parallel dazu flicht er mehrere Handlungsstränge (wie oben schon angedeutet), die er dann kunstvoll zusammenführt. Natürlich ahnt man früh, worauf das Ganze hinausläuft, aber trotzdem schafft Theorin es, die Spannung aufrecht zu erhalten und sogar immer weiter zu steigern. Daß dann am Schluss tatsächlich ein Kriminalfall aufgeklärt wurde, im Vorbeigehen sozusagen, spielt eigentlich kaum eine Rolle. Und auch, inwieweit die ganzen Spukgeschichten erfunden oder erlebt sind, läßt der Autor im Dunkeln. Es könnte so sein in den langen, dunklen, kalten Nächten des ölandschen Winters, es muss aber nicht…. denn Licht und Schatten, das Heulen des Windes, das Peitschen der Wellen kann die menschliche Phantasie täuschen….
Facit: ein packender, sauber geschriebener Mix aus Familien- und Spukgeschichte, sehr gut zu lesen. Will man dagegen einen echten Krimi lesen, sollte man zu anderen Bücher greifen.
Links:
[1] Öland – wo liegt es?
[2] was gibt es drüber zu sagen?
[3] Homepage des Autors: http://www.johantheorin.com/
Johan Theorin
Nebelsturm
Piper, September 2009. HC, 446 S.
ISBN-10: 3492050913
ISBN-13: 978-3492050913







