Jürgen Leinemann: Das Leben ist der Ernstfall
September 23, 2009
Bei Jürgen Leinemann [JL; 1] wurde am 8. Mai 2007 ein Larynx-Zungen-Karzinom [2] diagnostiziert. JL ist nicht irgendwer, er gehört zu den profiliertesten Journalisten Deutschlands, einer der wenigen, die man mit halbwegs ausgeprägter Allgemeinbildung auch als Laie kennt, der „Leinedingsda oder wie er heißt vom Spiegel“. Die Behandlung seiner Krebserkrankung erfolgte mittels Bestrahlung, der Tumor wurde dadurch erst einmal zerstört, die Nebenwirkungen waren enorm.

Aber JL litt nicht nur unter den Nebenwirkungen, auch andere Erkrankungen, zum Teil auch Folgen der Behandlung, peinigen ihn: Diabetis, Herzinsuffizienz, Lungenentzündung und diverses andere … langweilig ist sein Patientendasein jedenfalls nicht.
Die Erkrankung erschüttert das Leben des erfolgsverwöhnten und mächtigen Journalisten auf das heftigste, bis kurz vor einen Suizidwunsch. Über dieses Buch sagt er selbst: „Von einer schriftlichen Auseinandersetzung mit meiner Krankheit versprach ich mir also einen gewissen selbsttherapeutischen Nutzen.“ [S. 196]. Ein sehr guter, vernünftiger Entschluss, denn nur so konnte die „… Rekonstruktion s[m]einer Identität… “ [S. 205] gelingen, denn JL war „.. noch der, der er [ich] vorher war, und (ich) hatte mich zugleich verändert – die Krankheit und ihre Folgen waren zum Bestandteil s[m]einer Lebensführung geworden.“ [S. 214]. Diese aktive Trauerarbeit, die im den Buch ausführlich dargelegt wird und alles Stufen umfasst (Wut, Zorn, Resignation, Hoffnung, Akzeptanz, Gleichgültigkeit, Optimismus) beschränkt sich nicht nur auf die aktuelle Situation des Autoren, sondern umfasst im Rückblick sein gesamtes Leben, das – wie er beschreibt – durch Brüche gekennzeichnet ist, durch seinen Alkohlismus, den er seit Jahrzehnten überwunden, aber nicht vergessen hat, durch seine Kindheit. Ist Krankheit Schuld, ist der Erkrankte schuld an seiner Krankheit? Eine Frage, die JL anfänglich quält, so seltsam sie auch einem Aussenstehenden erscheinen mag. Ist sein Tumor letztlich eine Folgeerscheinung, eine Rechnung, die sozusagen das Leben ihm schrieb, seines früheren Lebenswandels, geprägt durch Arbeit, Alkohol, Stress und Unruhe? Es ist im Grunde diese vermaledeite Frage „Warum überhaupt, warum gerade ich?“, auf die es oftmals keine Antwort gibt, auch wenn es so aussieht, als sei vieles plausibel und wahrscheinlich.
So zwingt die Krankeit JL dazu, sein gesamtes Leben zu überdenken, in Frage zu stellen und zu bewerten, ja, die Werte neu zu setzen und sich – wie oben schon zitiert – neu zu rekonstruieren. Wobei Rekonstruieren ja eigentlich nicht zutrifft, was JL jetzt schaffen muss, ist ein neues Leben mit neuen Inhalten und einer neuen Sinnsuche.
JL geht in seinem Buch sehr detailliert auf seine Krankheit ein, es ist z.T. ein wahres Martyrium, was er erdulden muss. Und auch die Medizin bzw. einige der Krankenhäuser (die er zur Genüge kennenlernt) kommen nicht gut weg, er macht die Erfahrung, daß es Häuser gibt, in denen Kranke behandelt werden und welche, in denen Krankheiten behandelt werden…. mag sich jetzt jeder selbst überlegen, worin der Unterschied (und ja, er ist wichtig!) liegt….
Halt und Unterstützung findet JL in seiner Familie, auch in seinen Freunden, obwohl in hier die Unsicherheit belastet, inwieweit Freundschaft unter so extremen Bedingungen halten, sich bewähren kann. Vor allem aber seine Frau und seine Tochter stützen ihn, halten und begleiten ihn. Sie sind es, die ihm immer wieder Lebensmut geben, ihm immer wieder vermitteln, du gehörst zu uns, immer und immer….
Wegen des auf Vollständigkeit angelegten Rückblicks auf sein Leben enthält das Buch auch einiges Interessante zur politischen Entwicklung in Deutschland, einige Episoden, die JL mit Politikern erlebt hat und die bislang hinter den Kulissen verborgen waren. Insofern ist das Buch auch ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik.
Und trotzdem: fast hätte ich das Buch in der Mitte beendet und weggelegt. Warum? Diese Stelle macht es vllt deutlich: auf S. 104 schreibt JL: „Häufig war ich ratlos, verzweifelt und zornig.„. Tja. Davon bin ich auch ohne diesen Satz ausgegangen, schlimm genug spielte ihm das Schicksal ja mit. Interessant wäre es dagegen gewesen, die Gefühle, die hinter dieser nüchternen Beschreibung steckten, zu erfahren: wie äußert sich seine Verzweifelung, was denkt er, welche Bilder sieht er in seinem Kopf, was macht diese Verzweifelung mit ihm…. Aber JL ist Journalist, er hält auch zu sich selbst Abstand, analysiert mehr als das er versucht, Gefühle zu übermitteln. So hat mich das Buch seltsam kalt gelassen, abgesehen vom weitgehend unpersönlichen Mitleid, das ich natürlich ob dieses Schicksals empfinde. Es ist damit ein krasser Gegensatz zum Bericht von Diez über seine sterbende Mutter, welchen ich kürzlich hier vorgestellt [3] habe. In dieser Hinsicht ist das Buch eine Aneinanderreihung der weitgehend analysierenden Beschreibung von Schicksalsschlägen unterbrochen durch Rückblicke auf frühere Lebensepisoden. Aber eben immer mit einem Abstand, die ein tief empfundenes Mitfühlen, Mitleiden bei mir nicht hervorgerufen haben.
Andererseits ist das natürlich auch eine Stärke des Buches: hier hat jemand, der es gewohnt ist, Menschen und ihre Schicksale fair und ausgewogen darzustellen, sein eigenes Fatum analysiert, sich mit ihm auseinandergesetzt und dies intellektuell nachvollziehbar beschrieben.
JL begreift seine Erkrankung auch als Chance für ihn, sein Leben zu überdenken und neu zu orientieren, er zeigt, wie er trotz aller Rückschläge mit der Begleitung durch seine Familie den Krankheits- und Trauerprozess erlebt und sich ihm stellt, wie sich nach den Phasen, in denen er sich ein Sterben wünschte, langsam aber sicher der Lebenswille wieder hervorkam. Würde man sich die Mühe machen, könnte man sicher wie im Lehrbuch die Trauerphasen z.B. nach Kast [5] herausarbeiten.
Facit: In der Summe ein sehr offenes, persönliches, beeindruckendes Buch über ein schweres Schicksal.
Links:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Leinemann
[2] http://www.meb.uni-bonn.de/cancernet/deutsch/201519.html
[3] http://radiergummi.wordpress.com/2009/09/02/georg-diez-der-tod-meiner-mutter/
[4] ein interessanter Artikel in der ZEIT, der sich auch des Buches von JL annimmt.
[5] http://www.lacrima-muenchen.de/service-wissen/hintergrundwissen/trauerphasen-nach-verena-kast.html
Jürgen Leinemann
Das Leben ist der Ernstfall
Hoffmann und Campe, 2009, HC, 240 S.
ISBN-10: 3455501222
ISBN-13: 978-3455501223


