Sherry Hormann: Wüstenblume
September 29, 2009

Waris ist ein Nomadenmädchen, das mit ihrer Sippe in den Wüstengebieten Somalias lebt. Sie soll als junges Mädchen als 4. Frau mit einem älteren Mann verheiratet werden. In der Nacht vor der geplanten Verheiratung flieht Waris jedoch durch die Wüste und will in die Hauptstadt Mogadishu. Fast schafft sie es nicht, nur mit letzter Kraft erreicht sie die Stadt. Dort findet sie ihre Oma, die für sie sorgt und sie auch außer Landes nach London bringt, denn in Somalia drohen Unruhen.
In England arbeitet sie einige Jahre als Hausmädchen in der somalischen Botschaft. Als der Bürgerkrieg ausbricht, wird das Botschaftspersonal nach Somalia zurückbeordert, erneut jedoch flieht sie und irrt jetzt obdachlos und praktisch ohne Sprachkenntnisse in den Straßen Londons herum.
In Sally findet sie nach einiger Zeit eine Freundin, die sich um sie kümmert, sie bei sich beherbergt und ihr auch einen Tip gibt, wo sie Arbeit finden könnte. Als Putzkraft in einem Burger“restaurant“ wird sie von einem älteren Mann angesprochen, einem Fotographen, der ihr seine Visitenkarte gibt, die sie aber achtlos wegsteckt.
Eines abends kommt sie in das gemeinsame Zimmer mit Sally und findet diese beim Sex mit einem Freund. Sie ist schockiert, dies widerspricht allen ihren Moralvorstellungen. Die beiden Freundinnen reden miteinander und Waris öffnet sich, erzählt Sally von ihrer Beschneidung und kann es garnicht glauben, daß es das im Westen nicht gibt.
Um den Inhalt etwas abzukürzen… Irgendwann geht Waris zu dem Fotographen, der sie knipst und an eine Agentur weiterleitet. Diese nimmt sie unter Vertrag, bildet sie aus und nach einigen Turbulenzen (Der Pass von Waris war natürlich schon lange abgelaufen und sie daher illegal im Land, so daß sie zum Schein heiratet) feiert Waris als Model überall auf der Welt Triumphe und gehört zu den Top-Models überhaupt.
Bei einem Interview für eine Frauenzeitschrift soll sie über den Tag berichten, der ihr Leben veränderte. Natürlich war damit von der Redaktion der Tag gemeint, an dem der Fotograf sie ansprach, Waris aber erzählt von dem Tag, an dem ihr brutalste Gewalt angetan, sie beschnitten wurde. Nachdem sie geendet hat, geht sie und läßt eine hemmungslos weinende Interviewerin zurück und auch die meisten Zuschauer im Kino werden mit den Tränen zu kämpfen haben.
Waris Dirie macht sich den Kampf gegen diese barbarische Verstümmelung der Frauen zu eigen, sie wird zur Sonderbotschafterin der UN ernannt und sie hat Erfolg. Zumindest offiziell wird die Verstümmelung weiblicher Genitalien in den nächsten Jahren in vielen Staaten verboten.
Soviel zum Inhalt. Der Film selbst hat viele Aspekte: er zeigt das Nomadenleben in Somalia, die unbarmherzige Landschaft dort. Die Szenen mit Sally, der verhinderten Balletttänzerin sind zum Teil schreiend komisch, das Leben als Top-Modell glanzvoll, als Obdachlose Aushilfsputze armselig. Die Untersuchung von Waris, die von Sally wg. Schmerzkrämpfen ins Krankenhaus gebracht wird, ist einfach nur erschütternd und das archaische Moralverständnis des somalischen Pflegers, der dolmetschen soll, ist so .. unverständlich und empörend…
Der Film vollbringt ein kleines Kunststück, er unterhält und rüttelt doch auf, ohne dabei aber auf plumpe Schockeffekte zu setzen. Natürlich, vertieft wird das Thema der Genitalverstümmelung nicht dargestellt, aber muss man das? Die Erzählung von Waris über ihre Beschneidung mit den wenigem Bildern und die abschließende Rede vor den UN reichen völlig aus, die Ungeheuerlichkeit dessen, was da vieltausendfach am Tag geschieht, deutlich zu machen…..
Noch was zu den Schauspielern? Liya Kebede (Waris) ist sehr überzeugend mit einer verblüffenden Ähnlichkeit zur echten Waris Dirie, Sally Hawkins als Freundin von Waris ist einfach klasse und auch der Fotograph (Timothy Spall) wird sehr sympathisch dargestellt, mehr ein väterlicher Freund von Waris, der ihre Persönlichkeit achtet und sie behutsam in ihre neue Welt des Modelns begleitet.
Facit: ein empfehlenswerter Film
Links: http://www.wuestenblume-film.de/
Die Waris-Dirie-Stiftung
Ein wenig Material zum Thema FGM (female genital mutilation)
Waris Dirie: Wüstenblume (Das Buch von Dirie)
Jürgen Leinemann: Das Leben ist der Ernstfall
September 23, 2009
Bei Jürgen Leinemann [JL; 1] wurde am 8. Mai 2007 ein Larynx-Zungen-Karzinom [2] diagnostiziert. JL ist nicht irgendwer, er gehört zu den profiliertesten Journalisten Deutschlands, einer der wenigen, die man mit halbwegs ausgeprägter Allgemeinbildung auch als Laie kennt, der „Leinedingsda oder wie er heißt vom Spiegel“. Die Behandlung seiner Krebserkrankung erfolgte mittels Bestrahlung, der Tumor wurde dadurch erst einmal zerstört, die Nebenwirkungen waren enorm.

Aber JL litt nicht nur unter den Nebenwirkungen, auch andere Erkrankungen, zum Teil auch Folgen der Behandlung, peinigen ihn: Diabetis, Herzinsuffizienz, Lungenentzündung und diverses andere … langweilig ist sein Patientendasein jedenfalls nicht.
Die Erkrankung erschüttert das Leben des erfolgsverwöhnten und mächtigen Journalisten auf das heftigste, bis kurz vor einen Suizidwunsch. Über dieses Buch sagt er selbst: „Von einer schriftlichen Auseinandersetzung mit meiner Krankheit versprach ich mir also einen gewissen selbsttherapeutischen Nutzen.“ [S. 196]. Ein sehr guter, vernünftiger Entschluss, denn nur so konnte die „… Rekonstruktion s[m]einer Identität… “ [S. 205] gelingen, denn JL war „.. noch der, der er [ich] vorher war, und (ich) hatte mich zugleich verändert – die Krankheit und ihre Folgen waren zum Bestandteil s[m]einer Lebensführung geworden.“ [S. 214]. Diese aktive Trauerarbeit, die im den Buch ausführlich dargelegt wird und alles Stufen umfasst (Wut, Zorn, Resignation, Hoffnung, Akzeptanz, Gleichgültigkeit, Optimismus) beschränkt sich nicht nur auf die aktuelle Situation des Autoren, sondern umfasst im Rückblick sein gesamtes Leben, das – wie er beschreibt – durch Brüche gekennzeichnet ist, durch seinen Alkohlismus, den er seit Jahrzehnten überwunden, aber nicht vergessen hat, durch seine Kindheit. Ist Krankheit Schuld, ist der Erkrankte schuld an seiner Krankheit? Eine Frage, die JL anfänglich quält, so seltsam sie auch einem Aussenstehenden erscheinen mag. Ist sein Tumor letztlich eine Folgeerscheinung, eine Rechnung, die sozusagen das Leben ihm schrieb, seines früheren Lebenswandels, geprägt durch Arbeit, Alkohol, Stress und Unruhe? Es ist im Grunde diese vermaledeite Frage „Warum überhaupt, warum gerade ich?“, auf die es oftmals keine Antwort gibt, auch wenn es so aussieht, als sei vieles plausibel und wahrscheinlich.
So zwingt die Krankeit JL dazu, sein gesamtes Leben zu überdenken, in Frage zu stellen und zu bewerten, ja, die Werte neu zu setzen und sich – wie oben schon zitiert – neu zu rekonstruieren. Wobei Rekonstruieren ja eigentlich nicht zutrifft, was JL jetzt schaffen muss, ist ein neues Leben mit neuen Inhalten und einer neuen Sinnsuche.
JL geht in seinem Buch sehr detailliert auf seine Krankheit ein, es ist z.T. ein wahres Martyrium, was er erdulden muss. Und auch die Medizin bzw. einige der Krankenhäuser (die er zur Genüge kennenlernt) kommen nicht gut weg, er macht die Erfahrung, daß es Häuser gibt, in denen Kranke behandelt werden und welche, in denen Krankheiten behandelt werden…. mag sich jetzt jeder selbst überlegen, worin der Unterschied (und ja, er ist wichtig!) liegt….
Halt und Unterstützung findet JL in seiner Familie, auch in seinen Freunden, obwohl in hier die Unsicherheit belastet, inwieweit Freundschaft unter so extremen Bedingungen halten, sich bewähren kann. Vor allem aber seine Frau und seine Tochter stützen ihn, halten und begleiten ihn. Sie sind es, die ihm immer wieder Lebensmut geben, ihm immer wieder vermitteln, du gehörst zu uns, immer und immer….
Wegen des auf Vollständigkeit angelegten Rückblicks auf sein Leben enthält das Buch auch einiges Interessante zur politischen Entwicklung in Deutschland, einige Episoden, die JL mit Politikern erlebt hat und die bislang hinter den Kulissen verborgen waren. Insofern ist das Buch auch ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik.
Und trotzdem: fast hätte ich das Buch in der Mitte beendet und weggelegt. Warum? Diese Stelle macht es vllt deutlich: auf S. 104 schreibt JL: „Häufig war ich ratlos, verzweifelt und zornig.„. Tja. Davon bin ich auch ohne diesen Satz ausgegangen, schlimm genug spielte ihm das Schicksal ja mit. Interessant wäre es dagegen gewesen, die Gefühle, die hinter dieser nüchternen Beschreibung steckten, zu erfahren: wie äußert sich seine Verzweifelung, was denkt er, welche Bilder sieht er in seinem Kopf, was macht diese Verzweifelung mit ihm…. Aber JL ist Journalist, er hält auch zu sich selbst Abstand, analysiert mehr als das er versucht, Gefühle zu übermitteln. So hat mich das Buch seltsam kalt gelassen, abgesehen vom weitgehend unpersönlichen Mitleid, das ich natürlich ob dieses Schicksals empfinde. Es ist damit ein krasser Gegensatz zum Bericht von Diez über seine sterbende Mutter, welchen ich kürzlich hier vorgestellt [3] habe. In dieser Hinsicht ist das Buch eine Aneinanderreihung der weitgehend analysierenden Beschreibung von Schicksalsschlägen unterbrochen durch Rückblicke auf frühere Lebensepisoden. Aber eben immer mit einem Abstand, die ein tief empfundenes Mitfühlen, Mitleiden bei mir nicht hervorgerufen haben.
Andererseits ist das natürlich auch eine Stärke des Buches: hier hat jemand, der es gewohnt ist, Menschen und ihre Schicksale fair und ausgewogen darzustellen, sein eigenes Fatum analysiert, sich mit ihm auseinandergesetzt und dies intellektuell nachvollziehbar beschrieben.
JL begreift seine Erkrankung auch als Chance für ihn, sein Leben zu überdenken und neu zu orientieren, er zeigt, wie er trotz aller Rückschläge mit der Begleitung durch seine Familie den Krankheits- und Trauerprozess erlebt und sich ihm stellt, wie sich nach den Phasen, in denen er sich ein Sterben wünschte, langsam aber sicher der Lebenswille wieder hervorkam. Würde man sich die Mühe machen, könnte man sicher wie im Lehrbuch die Trauerphasen z.B. nach Kast [5] herausarbeiten.
Facit: In der Summe ein sehr offenes, persönliches, beeindruckendes Buch über ein schweres Schicksal.
Links:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Jürgen_Leinemann
[2] http://www.meb.uni-bonn.de/cancernet/deutsch/201519.html
[3] http://radiergummi.wordpress.com/2009/09/02/georg-diez-der-tod-meiner-mutter/
[4] ein interessanter Artikel in der ZEIT, der sich auch des Buches von JL annimmt.
[5] http://www.lacrima-muenchen.de/service-wissen/hintergrundwissen/trauerphasen-nach-verena-kast.html
Jürgen Leinemann
Das Leben ist der Ernstfall
Hoffmann und Campe, 2009, HC, 240 S.
ISBN-10: 3455501222
ISBN-13: 978-3455501223
John Burnside: Glister
September 20, 2009

Burnside entführt uns in seinem Buch in eine Landschaft, über die der Vierte der apokalyptischen Reiter hinweggefegt sein muss. In Schottland, eine Landzunge, in der sich Niedergang, Furcht, Krankheit und Tod angesiedelt haben. Die Wälder stehen voller dunkler, sterbender Bäume, der Boden ist getränkt mit todbringenden Flüssigkeiten, die Luft trägt mit jedem Atemzug das Verderben in die Körper der Menschen.
Was hier so ein wenig mystisch klingt, hat in Burnsides Roman einen ganz „einfachen“ Hintergrund: die Handlung spielt in einer Stadt, in der eine Chemieanlage angesiedelt war. Niemand der Bewohner kann so ganz genau sagen, was dort hergestellt wurde, Düngemittel, Pestizide, vielleicht sogar chemische Kampfstoffe, denn es gab auch Anlagenteile, Räume, von denen niemand wusste, wozu sie dienten. Dienten, weil die Fabrik stillgelegt ist und langsam verrottet und zerfällt. Ohne, daß es jemanden kümmerte, sind über viele Jahre hinweg giftige Substanzen in den Boden eingedrungen, in die Luft abgelassen worden und haben alles verseucht. Früh sterben die Menschen hier, krank werden sie an seltenen Krankheiten, desinteressiert, apathisch, sie resignieren, fallen dem Wahn anheim und „…manche Jugendliche schaffen es nicht einmal bis zu ihrem zwanzigsten Lebensjahr.“
Die ehemaligen Chefs des Werkes leben etwas ausserhalb in einer schönen Gegend, die Arbeiter dagegen nahe bei dem ehemaligen Werksgelände. Die Kinder bleiben sich selbst überlassen, streifen in der Gegend herum, bilden Gangs oder bleiben Aussenseiter. Nie aber kommen sie aus ihrer Stadt heraus, sie bleiben in Innertown, so nennt Burnside seine Stadt, wie Fliegen auf einem Klebstreifen gefangen. Und trotz aller Häßlichkeit strahlt die Fabrik eine seltsame Faszination aus, sogar eine Schönheit muss man ihr zubilligen, nicht die Schönheit der Gärten und Häuser reicher Leute, aber die Anlage läßt immer noch erahnen, „..wie herrlich es gewesen sein muss, damals, in der guten, alten Zeit.“
Beherrscht wird diese Region von einem gewissen Brian Smith, der über seine Firma Regierungsgelder, die zur Entwicklung der Stadt fließen, verwaltet – mehr oder weniger korrekt. Aber er hat Macht und Einfluss, er korrumpiert und besticht, er kann seinen Willen durchsetzen und fast jeder ist von ihm abhängig.
In dieser Situation verschwinden dann nach und nach fünf Jugendliche, ohne daß man eine Ahnung hat, warum. Das heißt, Morrison, der Polizist, hat schon eine Ahnung, aber er ist ja abhängig von Smith und so bleibt er schön ruhig und macht nichts und ist sich seiner Feigheit wohl bewusst. Als Erklärung muss das Dürftigste herhalten: die Jugendlichen hätten es nicht mehr ausgehalten und seien einfach fortgegangen, um woanders ihr Glück zu suchen. Niemand, auch die Eltern nicht, stört sich an den Ungereimtheiten dieser faulen Ausrede…. Nur Leonard Wilson, ein Sonderling, 15jähriger Schüler, glaubt nicht an diese Erklärung, weil er weiß, daß sie nicht stimmen kann. Leonard ist anders als die anderen Jugendlichen, er liest für sein Leben gerne und er denkt… gleichwohl ist auch er fasziniert von der Anlage, durchkämmt sie auf seinen Streifzügen und zieht sich in sie zurück.
In großen Teilen des Buches wandern wir durch Leonards Gedankenwelt, er nimmt uns mit auf seine Reise voller Resignation, voller Wut und Zorn, auch voller Traurigkeit: „Dafür sind Schulen schließlich da. Sie trainieren uns in der lebenswichtigen Disziplin, machtlos zu sein.“ ist einer dieser Sätze, in denen diese ohnmächtige Wut über die realen Zustände in der Welt herauskommt, aber bei weitem nicht der einzige. Und immer wieder kreisen seine Gedanken darum, was diese Fabrik aus den Menschen gemacht hat, wie sie ihren Körper und ihre Seelen im Lauf der Jahre vergiftet hat.
Das Buch enthält auch eine Menge religiöser Elemente, Lichter, Erscheinungen, Tore, durch die man in eine andere Welt hineingelangt. Es ist dies insbesondere der Apparat, den der Mottenmann in der Fabrik baut, und der, wie auch immer, eine Art Erlösung verspricht.
In weiten Teilen hat mich das Buch an Pinols „Im Rausch der Stille“ erinnert. Was dort das Meer war ist hier die Landschaft mit der Fabrik, der Ort nämlich, der Unbekanntes, Gefährliches aber auch Erlösendes beherbergt oder verbirgt. Und ebenso wie Pinol führt Burnside seine Leser durch eine aus Gedanken errichtete Landschaft, durch eine Imagination aus Vorstellungskraft und Phantasie, durch eine einsame Welt einsamer Menschen. Es beschreibt eine Gesellschaft, in der die Sünde wohnt: „.. die Sünde der Unterlassung, die Sünde, unseren Blick abzuwenden und nicht zu sehen, was direkt vor unserer Nase geschieht. Die Sünde, nicht wissen zu wollen; die Sünde, alles zu wissen und nichts dagegen zu tun. Die Sünde, etwas auf Papier zu wissen, es aber nicht ins Herz vorlassen zu wollen. Jeder kennt diese Sünde…“
Facit: Die Frage zu beantworten, ob mir das Buch gefallen hat, fällt schwer. Die Gedankenmonologe sind oft lang und schwierig zu lesen bzw. nachzuvollziehen. Andererseits ist es eine fesselnde Lektüre, ein beeindruckendes, düsteres Bild einer Gesellschaft, die einfach immer nur wegschaut. Und den Schluss, den habe ich, wie ich zugeben muss, auch nicht so richtig verstanden…. das Buch läßt viel Raum für Interpretationen….
Links: http://www.sepa.org.uk/land/contaminated_land.aspx
Außer einer kurzen Kritik gibt´s hier einen podcast/Leseprobe zum Buch
John Burnside
Glister
Knaus, September 2009, 288 S
ISBN-10: 3813503496
ISBN-13: 978-3813503494
Joey Goebel: Heartland
September 13, 2009
Der umfangreiche Roman Goebels spielt in Bashford, einer kleineren Stadt im „..Mittleren Westen… das Herz der Nation, jener Landstrich, der während der westlichen Ausdehnung der USA einmal Grenzland gewesen war, das ehemalige Ende der neuen Welt, wo sich die weniger vom Glück begünstigten Siedler niederließen, weil alle begehrenswerten Küstenländereien bereits vergeben waren.“ Dort, in dieser Stadt hat die Familie Mapother durch den Anbau von Tabak und nachher auch durch anderer Geschäfte ein riesiges Vermögen zusammengetragen, das jetzt in Person ihres Sohnes John in die Politit eintreten soll. Zumal Elizabeth, die Mutter, einen prophetischen Traum hatte, der ihren Sohn als Messias sieht…. und mittlerweile scheint John, der ehemalige Alkie und „bekennende“ Soziophob auch dazu bereit. Aber so reich und einflussreich die Mapothers auch sind, demokratische Wahlsysteme haben (in ihren Augen) einen entscheidenden Fehler: „one man, one vote“. Auch die von ihnen wenig geschätzte Unterschicht darf wählen und aufgrund der großen Zahl ist sie sogar wahlentscheidend.

Da soll nun Eugene („Blue Gene“), das schwarze Schaf der Familie einspringen. Blue Gene hat sich aus Gründen, die erst im Lauf des Buches herauskommen, von der Familie abgewendet und sozusagen die Fronten gewechselt: Wie der einfache Mann von der Straße steht er auf Wrestling, Monstertrucks, er liebt Tattoos und trägt mit eiserner Entschlossenheit unter seiner Basecap eine Vokuhila. Nach mehreren Jahren als Arbeiter bei Wal-Mart hat er sich kurz bevor die Romanhandlung einsetzt als Flohmarkthändler, der seine alten Spielsachen vertickert, selbstständig gemacht. Mit anderen Worten, wer, wenn nicht Blue Gene, könnte John bei den einfachen Leuten anpreisen und ihn, den weitgehend verhassten Arbeitgeber der Tabakfabrik, dort anbiedern?
Aus diesen Zutaten entwickelt Goebel eine Politiksatire, die all das enthält, was man schon immer über die amerikanische Politik zu wissen glaubte. Skrupellose Machtmenschen wie der Vater von John und Blue Gene, der als Arbeitgeber seine Leute gnadenlos ausbeutet und kein Mitleid kennt, mit John der von der Realität völlig überforderte Strohmann, der vorgeschickt wird, um dann an den Strippen der Hintermänner zu tanzen, die religiöse Komponente der amerikanischen Politik, der Heils- und Erlösungsgedanke, den die Mutter ins Spiel mit einbringt, es gibt den radikalen Red-Neck in seinem dumpfen, bedingungslosen Hass auf alles, was unamerikanisch ist, der auch bereit ist, über Leichen zu gehen. Und natürlich die weitgehend ahnungslose Masse der Menschen, die mit den hehren Begriffen von Freiheit und von den amerikanischen Werten, die die Jungs, sprich die Soldaten, in der Welt verteidigen müssen, geködert und geblendet werden. Dabei sind sie beschissen dran: haben keine Krankenversicherung, können sich keinen Arzt, keine Medikament, keine Operation leisten. Sie erhalten Hungerlöhne, fahren miese Autos, wohnen in miesen Gegenden…..
Blue Gene, läßt sich als Wahlkampfhelfer für seinen Bruder John einspannen. Er kann gut mit Menschen, schafft John Kontakte und macht ihn beliebt. Und auch er verändert sich in den Monaten des Wahlkampfes, sieht, was man mit Geld alles Gutes ausrichten kann. In gewissem Sinn versöhnt er sich mit seiner Familie, obwoahl man von Herzlichkeit nicht direkt reden kann. Zumindest versöhnt er sich, bis… tja, durch eine der vielen Ungeschicklichkeiten von John kommt das bestgehütetste Familiengeheimnis zu Tage und ändert schlagartig alles. Aber das verrate ich jetzt hier nicht…..
Facit: ein kurzweiliger Roman, dem eine gewisse Straffung/Kürzung vllt ganz gut getan hätte. Dann wäre aus einem guten Buch vllt sogar ein verdammt gutes geworden.
Joey Goebel
Heartland
Gebundene Ausgabe: 720 Seiten
Diogenes, 2009, HC, 720 S.
ISBN-10: 3257066945
ISBN-13: 978-3257066944
Christian Sprang/ Matthias Nöllke: Aus die Maus
September 11, 2009

Gestern abend noch auf einen kurzen Sprung in meine Buchhandlung und sofort sah ich im Bereich „Neu“ das obige Büchlein. Natürlich sprach es mich sofort an, und kaum aufgeschlagen, musste ich schon schallend lachen.
Welcher Anzeigentext es genau war, kann ich schon garnicht mehr sagen, zu viele davon:
Ich war der Bottich
Du drin der Hering.
und das Salz zwischen uns war die Liebe.
So die frischgebackene Witwe in der Anzeige. Und daß Gott ab und an auch einen Steinhäger zu sich nimmt, ist mir gestern auch klar geworden. Noch einen Leckerbissen aus der Kategorie: Knapp vorbei ist auch daneben:
Gott, dem Herrn, hat es gefallen, unsere geliebte Mutter
……………………….Ilse von Hinten
………………………………………………………zu sich zu nehmen.
Nun ja, seinen Namen kann man sich nicht aussuchen und eigene Textvorschläge auch nicht mehr einbringen…. aber trotzdem… der Hintersinn hätte eigentlich irgendjemandem auffallen sollen…
Abgesehen von dieser durch ihren Inhalt oder die Wortspiele frei- oder auch unfreiwilligen Komik spiegeln sich in vielen Anzeigen wie in einem Brennglas Schicksale. Aus den wenigen Zeilen geht nicht nur Trauer hervor, sonder auch Wut („Meinem leiblichen Vater XY, den ich suchen musste, da er nichts von meiner Existenz wusste, und den ich .. schwerkrank vorfand….„), zerrüttete Familienverhältnisse und Erleichterung („Jetzt wird gefeiert!„). Schuld wird verteilt, alte Rechnungen beglichen oder in die Öffentlichkeit getragen („Zum Tod von Dr. med. XY fällt mir nur ein Wort ein: Danke! Ein Patient.“), zum Teil bricht der schiere Hass durch, wenngleich aus rechtlichen Gründen um Verbrämung bemüht („Mein Schwiegervater … die Personifizierung geistigen Hochmuts und menschlichen Versagens.. ist gestorben…„). Von wegen, über Tote redet man nicht schlecht…. wenn im Leben nicht, dann vielleicht gerade jetzt, bei dieser letzten Gelegenheit, die Ungerechtigkeit, die einem im Leben vom Verstorbenen widerfahren ist, herauszulassen.
Facit: Trotzdem (oder gerade auch deswegen): wer ein wenig das Makabre, Skurrile mag, der ist mit diesem Buch sehr gut aufgehoben. Die Komik überwiegt dann doch die Tragik deutlich. Ich werde mir jedenfalls noch ein oder zwei ins Regal legen, zum Verschenken!
Ein letztes Zitat, weil es so schön ist:
Wie im Leben: Oma rief – Opa kam.
Und übrigens: „Ich bin dann mal wech…“ Das Zitat hat ja fast das Zeug zum Klassiker im Bereich der selbstformulierten (Umzugs)Anzeigen (Neue Adresse: XY-Friedhof……
Link: es geht auch etwas billiger als über das Druckwerk, eine Vielzahl der Anzeigen ist nämlich auf dieser Site zu bewundern:
http://www.todesanzeigensammlung.de/
Christian Sprang/ Matthias Nöllke
Aus die Maus
Kiepenheuer & Witsch, August 2009, Tb., 208 S.
ISBN-10: 3462041576
ISBN-13: 978-3462041576
Andrea Senzel (Hrsg): Lustige Dinge, die man aber nicht machen darf
September 10, 2009

Ok, das Buch ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack und je nachdem, wo die persönliche Gürtellinie sich so befindet, ist auch mancher der Cartoons gewiss unterhalb angesiedelt. Bei dem einen halt mehr, bei dem anderen eben weniger….
Wer zufällig Bücher á la „Was tun mit toten Katzen?“ (ISBN: 3498004743), „Selbstmord für Katzen“ (ISBN: 3821833068) oder das „KatzenhasserBuch“ (ISBN: 3887250958) kennt oder gar aufgrund seiner charakterlichen Mängel sein eigen nennt, kann sich ungefähr vorstellen, was in diesem kleinen Büchlein mit „lustig“ so gemeint ist. Manchmal pubertär („Im Supermannkostüm zum Vorstellungsgespräch“), manchmal politisch äußerst unkorrekt und ein wenig peinlich („Eine Schnauzbartparty für die jüdschen Mitbürger geben“) sind einige Sachen dabei, die einfach nur spontane Lacher hervorrufen, vor allem, wenn man die dazu gehörigen Cartoons vor Augen hat („Dachbodenfunde bei ebay versteigern“ .. wie gesagt, ohne Cartoon nur halb so lustig…)
Es ist also für oder gegen jeden Geschmack was dabei und damit ein ideales Mitbringsel, wenn man die Schmerzgrenze des zu Beschenkenden einstufen kann. Und bei mir konnte man das wohl…..
Einzig der Preis im Verhältnis zum Büchlein ist recht hoch, dafür ist es aber auch ziemlich schwarz…..
Facit: es wird nicht jeder drüber lachen können und es ist etwas teuer, aber sonst….
Andrea Senzel (Hrsg)
Lustige Dinge, die man aber nicht machen darf
Onkel & Onkel, März 2008, broschiert, 96 S.
ISBN-10: 3940029246
ISBN-13: 978-3940029249
Sophie Andresky: Mein Harem
September 7, 2009
„Ich habe einen großen Vorteil: Ich bin eine Frau. Wenn Sie als Mann über harten Sex schreiben, können Sie auf den Index kommen. Bei Frauen ist es Emanzipation.„

So hält es Andresky auf dem hinteren Einband fest. Da ist wohl was dran, und die Autorin umschreibt damit auch gleich den Inhalt ihres Buches, einer Sammlung ihrer bisher erschienenen Kurzgeschichten [1]. Obwohl – ganz so hart, als daß ein Mann damit auf den Index käme, sind sie auch nicht…
Damit es festgehalten ist: ich gebe es zu: das Einbandbild gefällt mir auch (?) nicht, ich finde es geradezu häßlich. Diese gelackte Frau im Kreis gestählter Jungmänner, da ist kein Witz dahinter (außer dem, daß es natürlich die ebenfalls oft einfallslose inverse Situation: „Mann umrahmt von seinen Gespielinnen“ auf die Schippe nimmt). Aber vielleicht ist das auch mein männlicher Blick, Frauen mögen das anders sehen, schließlich schreibt Andresky ja – wie sie sagt [2] – Frauen-P.*rno.graphie [3] und das drückt sich hier eben auch mal bildlich aus.
Das wäre jetzt mal ein Thema: was ist Frauen-, was ist Männer-P.*rno.graphie, was turnt Frauen, was Männer an? Ich habe ja in diesem Blog schon mehrere Bücher vorgestellt, die von Frauen geschrieben worden sind, aber noch keins (wie ich zugeben muss), bei dem ich beim Lesen ganz deutlich gemerkt habe, daß es tatsächlich für Frauen geschrieben worden ist. So ist es in Andreskys Geschichten eben vorwiegend der Mann, der der Frau ihre Wünsche erfüllt, sie zum Höhepunkt bringt, im Bett (oder wo auch immer) bläst es sozusagen weniger als daß es leckt… und die Männer in Andreskys Geschichtchen kommen durchaus nicht immer gut weg. Eingebildet, unfähig, egoistisch sind viele. Oft nur auf ihre eigenen Wünsche fixiert, werden diese von den Frauen entsprechend „vorgeführt“ und auf ihre wahre Größe zurecht gestutzt.
Der Ton und das Vokabular der Stories sind deutlich, verbrämende Umschrei- bungen sind nicht die Sache der Autorin. Trotzdem kommt nicht das Gefühl auf, eine plumpe, stupide Aneinanderreihung von Sex vor sich zu haben, die Geschichten weisen oft eine unerwartete, überraschende Wendung auf, haben Witz und Phantasie. Es ist sicherlich keine hohe Literatur, aber auf jeden Fall (auch wenn es jetzt ziemlich doppeldeutig klingt) gute Gebrauchsliteratur [4], die das erreicht, was sie erreichen soll: die Phantasie anregen (oder, wie Andresky es ausdrückt, „.. Ich will Lesen. … Man vögelt selber mit. ..“) und Spaß machen. Und vielleicht sogar Lust.
Facit: Schön isses.
[1] http://www.sophie-andresky.de/harem.php
[2] Andresky im Interview mit der Brigitte
[3] die seltsamen Punkte und der Stern sind nur wegen google, aber ich denke, jeder kennt das Wort….
[4] mit gemessenen gut 760 gr und fast tausend Seiten in manchen Situationen vielleicht doch etwas schwer zu gebrauchen…
Sophie Andresky
Mein Harem
Haffmans Verlag bei Zweitausendeins, April 2009, 987 S.
ISBN-13: 978-9-86150-829-8
Alice Greenway: Weisse Geister
September 6, 2009

„Weisse Geister“ ist ein stilles, eindringliches Buch über ein Geschwisterpaar kurz vor bzw. in der Pubertät. Frankie, die ältere und ihre Schwester Katie stammen aus Vermont, leben aber in Hongkong. Von dort aus arbeitet ihr Vater, ein Kriegsfotograph, in Vietnam. Die meiste Zeit sind die beiden Schwestern für sich, die Mutter versucht, ihre Umgebung und die Gefahren, in denen die Familie lebt, nicht zur Kenntnis zur nehmen ["Es gibt nichts, was zeigt, daß sie uns beide versteht, Frankie und mich, daß sie uns liebt, was immer auch komme. ..."], so daß Frankie und Kate, die „Geheimnis-Schwestern“ viel mit Ah-Bing, der chinesischen Haushälterin zusammen sind, wenn sie nicht gerade ihre Umgebung erforschen und sich in ihr verlieren.
Im Grunde wird das Buch beherrscht vom Vietnam-Krieg, der der Mutter quasi den Mann und den Kindern den Vater raubt. Dieser ist alle paar Wochen immer nur für ein paar Tage zu Hause und auch in dieser Zeit kommt er nicht los von Vietnam, das wie eine Droge für ihn ist. Er, der Vater, der den Krieg dokumentiert, braucht die frischen Leichen, um den grauenhaften Geruch der alten zu überdecken….. So versuchen die Schwestern, die merken, wie der Krieg ihnen den Vater wegnimmt, diesen Krieg ebenfalls für sich zu erleben, aus ihrer behüteten Welt auszubrechen. Sie suchen sich Verstecke, übernehmen in der Phantasie die Rolle der Kriegsparteien, spielen das Leben des Vaters, wie sie es sich vorstellen, nach.
Aber das reicht ihnen nicht, sie wollen auch die Realität sehen, die Kommunisten, auf die ihr Vater in Vietnam trifft und die im Hongkong des Jahres 1967 ebenfalls Unruhe hervorrufen [Infos dazu hier]. Doch die Realität ist realer als sie es sich wünschen. Es passiert den beiden Mädchen ein großes Unglück, das sie aus der Bahn wirft.
Frankie, die aktivere, unruhigere der beiden sucht danach nahezu verzweifelt nach Aufmerksamkeit und Liebe. Sie, die die Wirkung ihres Körpers durchaus schon kennt, setzt alles ein, sich diese Aufmerksamkeit, speziell die des Vaters, um welche sie geradezu verzweifelt buhlt, zu holen. Für die Mutter ist sie kaum noch zu bändigen, auch Katie gegenüber, die ihre Aufgabe darin sieht, ihre Schwester zu schützen und zu verteidigen, wird sie zunehmend unleidlicher.
Im Gegensatz zu ihrer Schwester flüchtet sich Katie, die diese Geschichte in der Rückschau erzählt, mehr und mehr in ihre Innenwelt. Sie schafft es nicht, sich ihre Sorgen und die schrecklichen Bilder von der Seele zu reden, sie fühlt sich von ihrer Schwester verlassen und ausgenutzt, sie will nicht mehr diejenige sein, die dafür sorgt, daß ihre Schwester nicht aus dem Gleichgewicht kommt. „Schweigend und ohne Vorwarnung“ verläßt sie diese Rolle und fängt an, ihren eigenen erwachenden Bedürfnissen nachzugehen.
Ein tragisches, wie Kate in der Rückschau schreibt, aber unvermeidliches Unglück, bricht über die Familie herein und beendet deren Leben, so wie sie es kennen.
„Weisse Geister“ ist ein wunderschönes Buch, in das man förmlich eintauchen, in dem man sich verlieren kann. Sehr eindringlich erlebt man die Innenwelt Kates mit, die ihren Weg sucht, und versucht, sich in ihrem Leben zurecht zu finden. Von den Eltern allein gelassen, schließen die Schwestern sich an die chinesische Haushälterin mit ihren Geschichten und ihren Weisheiten an. Wunderbar lebendig sind die Beschreibungen und Schilderungen des Lebens in Hongkong und seiner Umgebung, faszinierend und voller Möglichkeiten. Eine Ahnung vom Leben der einfachen Chinesen durchzieht das Buch, dem die erwachsenen Weißen in Hongkong möglichst immer ausweichen. Für die beiden Kinder jedoch ist es wie ein Magnet, der sie anzieht, der ihren Wünschen Nahrung gibt. Doch letztlich reicht dies alles nicht, weil den Mädchen mit der Gewissheit, geliebt zu werden, das Entscheidende fehlt….
Facit: Mir hat das Buch ohne Einschränkung gefallen.
Alice Greenway
Weisse Geister
mareverlag, Februar 2009, HC, 224 S.
ISBN-10: 3866481012
ISBN-13: 978-3866481015
Georg Diez: Der Tod meiner Mutter
September 2, 2009

Der Tod, dieses unausweichliche Ende jeglichen Lebens, dieses geradezu definitorische Element des Lebens (den nur dadurch, daß individuelles Leben endlich ist, kann überhaupt „Leben“ sein) ergreift den Einzelnen ohne erkennbaren Plan und Sinn und stürzt ihn und seine Nächsten in eine der größten Krisen, die denkbar ist, denn die Endgültigkeit des Todes zwingt uns, wollen wir nicht daran verzweifeln, zu einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Leben vor dem Tod.
Georg Diez arbeitet in seinem Buch das Verhältnis zu seiner Mutter auf. Bei dieser wurde von 12 Jahren Krebs diagnostiziert, 2005/6 tritt die Krankheit immer stärker in das Leben von Hannelore Diez ein und fängt an, es zu beherrschen. In dieser Phase, in der seine Mutter immer mehr an Selbstbestimmung verliert und den Bedingungen, die die Krankheit definiert, unterworfen ist, beginnt Georg Diez, sich intensiv um seine Mutter zu kümmern, sie zu begleiten. Da Hannelore Diez in München wohnt und ihr Sohn in Berlin arbeitet, kann dies nicht kontinuierlich geschehen, Georg fliegt oft von Berlin nach München.
Das Buch ist nicht parallel in der Zeit entstanden, die es beschreibt, sondern in der Nachschau auf die Ereignisse. Entsprechend wenig „authentisch“ ist es, vielmehr ist es sehr analytisch-reflektierend. Diez leistet mit der Niederschrift eigene Trauerbewältigung, er arbeitet sein, des Sohnes, Verhältnis zu seiner Mutter auf, er sieht, ruft sich ins Gedächtnis die Mutter mit all ihren Eigenschaften, den Brüchen in ihrem Leben, der Art und Weise dieses Leben in aller Konsequenz zu leben, mit der Bereitschaft, einen hohen Preis zu zahlen, Einsamkeit….
„… Und so hatte sie gelernt, Schritte zu gehen, die für sie stimmten, die für sie richtig waren, die konsequent waren und die manchen weh taten, manchmal auch ihr selbst, vielleicht mehr, als sie zeigte. Aber sie wusste, daß alles ander falsch war.
Sie sah die Krankheit als einen weiteren neuen Abschnitt ih ihrem Leben, und sie wollte auch diesen Teil so weit selbst bestimmen, wie es ging. … Sie fand eine neue Rolle, sie fand die Kraft, Abstand zu nehmen von ihrem alten Leben udn ein neues zu beginnen“ [S.69]
Diez läßt in seinem Buch zwei Ebenen erscheinen: im Rückblick auf seine Kindheit, das frühere Leben seiner Mutter beschreibt er die 60/70er Jahre mit ihrem kleinbürgerlichen Ambiente, dem Muff, der herrschte und dem Aufbruch, der Rebellion der Jugend dagegen. Neue Lebensformen, Emanzipation, Möglichkeiten, Chancen: all dies entdeckte Hannelore Diez für sich und lebte es konsequent aus. Anders dagegen ist schon wieder das Leben ihres Sohnes (wieso eigentlich Adidas-Generation? ist die Generation Golf schon wieder abgelöst oder soll mal jemand anderes von der garnicht so unterschwelligen Werbung profitieren??) strukturiert: die bürgerliche Kleinfamilie hat sich zurück gemeldet, die Karriere, die berufliche Sicherheit hat die Risikofreude abgelöst…
Mich haben aber mehr als dieser zeitgeschichtliche Hintergrund die Vorgänge um die sterbende Mutter und den sie begleitenden Sohn interessiert. Wie schon gesagt, war für die Mutter die Krebsdiagnose ein Moment, ihr Leben noch einmal neu zu gestalten, die Krankheit in das Leben zu integrieren. Jetzt, im Endstadium übernimmt jedoch die Krankheit in ihr das Regiment, ihr Körper wendet sich gegen sie, raubt ihr die Möglichkeiten, sich zu entfalten, die sie ein Leben lang so intensiv nutzte. Sie ist wütend auf diese Einschränkung, zornig… sie muss fremden Menschen den Schlüssel zu ihrer Wohnung geben, um sich versorgen zu lassen, ist von anderen abhängig geworden. Immer weiter weicht (ohne daß sie im „klassichen“ Sinnn verwirrt ist) ihre Realität, ihre Wahrnehmung der Welt von der der anderen ab. Dann die Erniedrigung, sich von der Pflegekasse in eine bestimmte Pflegeversicherung beurteilen und einstufen zu lassen. Natürlich strengt sie sich an und will sich keine Blöße geben….
Der Tod macht ihr Angst, sie hat nichts, was ihr Trost spenden kann. Ihren Zorn läßt sie an den Menschen aus, die ihr helfen wollen. Ein, so schreibt Diez, falscher Satz und sie trennt sich von ihnen, kompromisslos.
„Ihre Wut steigerte sich, je näher der Tod rückte. Ihre Wut kam und ging, mit den Tagen. .. Ihre Wut zeigte, daß sie noch da war, daß sie kämpfte, daß sie nicht gehen wollte. .. Sie war wütend auf Freunde, auf mich, auf sich, auf das Leben, auf die Krankheit. [S.172]„
… und nach der Wut die Resignation….
Diez beschreibt, wie diese Stimmungen auch schnell wechselten, wie sie Dankbarkeit für die Hilfe, die ihr angediehen wurde, zeigte und er vermutete, daß seine Mutter mehr wusste, als sie zeigte.
„Es war das, was es war, und dann war es vorbei.
Am Ende flachte ihre Wut ab.
Am Ende war sie nur noch einsam.
Und irgendwann hat sie sich aufgegeben.
Sie hatte entschieden, nicht mehr zu kämpfen.
Dann ging es sehr schnell. [S. 173]„ [ vgl. 1]
Georg Diez beschreibt in seinem Buch natürlich auch seine eigene Rolle in diesem Sterbeprozess seiner Mutter. Sie ist vor allem geprägt von Unsicherheit, von Angst, auch von den äußeren Bedingungen, da er diese Begleitung der Mutter in seinen „normales“ Alltag zwischen Beruf (er muss viel reisen) und Familie (das Kind, das er und seine Frau erwarten, die rosa Prinzessin, wie sie die Mutter nennt….) integrieren muss. Er erlebt, wie die Welt seiner Mutter immer kleiner wird, schrumpft auf ihr Zimmer mit dem Bett und dem Bild an der Wand, wie Dinge, die ihr früher wichtig waren, unwichtig geworden sind, sie nicht mehr interessieren. Im Gegensatz dazu all die vielen „das-letzte-Mal“ ganz bewusst wahrzunehmen, denn alles, was er mit der Mutter macht, wenn er sie im Rollstuhl durch die Straßen schiebt, kann das letzte Mal sein: der Besuch in der Konditorei, das Treffen mit Freunden, das Anschauen von dies und jenem.
So richtig, scheint mir, hat er keinen Zugang zu seiner sterbenden Mutter mehr gefunden. Gespräche, eventuell Aussprachen, klärende, helfende Gespräche – von denen erzählt er nicht. Viel wird geschwiegen zwischen beiden, aber es scheint mir nicht das Schweigen zu sein, das Menschen noch einmal verbindet. Er schreibt ja auch, wie einsam es um seine Mutter wird, ist wohl selbst nicht in der Lage, diese Einsamkeit durch seine Nähe zu durchbrechen. In einer Szene berichtet er, daß eine Freundin der Mutter in den letzten Tagen deren Hand hält und streichelt. Als die Mutter, die dabei schlief, aufwachte, entzog sie der Freundin ihre Hand sofort…. und selbst im Tod… ihr ehemaliger Mann, der Vater von Georg Diez hätte so gerne von der Verstorbenen Abschied genommen, doch der Sohn untersagte es ihm im Namen der Mutter, sie hätte es nicht gewollt. Wie unendlich grausam diesem Mann gegenüber….
Das Buch endet mit der Trauerfeier um Hannelore Diez. Nach der Feier wird noch einmal in die alte Wohnung gefahren und – erst zögerlich, dann immer entspannter – jeder nimmt sich aus der Wohnung Sachen, die er haben möchte, gebrauchen kann, mit nach Hause. Das fand ich schön, denn, wenn man gestorben ist, lebt man nur noch in der Erinnerung, aber Erinnerung braucht etwas, an das sie sich heften kann…. und in dem jeder etwas mitgenommen hat, hat auch jeder Erinnerungen an Hannelore Diez mitgenommen.
Facit: ein sehr intensives Buch, dem man Zeit widmen muss, das diese Zeit aber lohnt!
Links:
[1] Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
[2] Besprechung in der taz
Georg Diez
Der Tod meiner Mutter
Kiepenheuer & Witsch; August 2009, geb., 199 S.
ISBN-10: 3462041428
ISBN-13: 978-3462041422





