Peter Stamm: Sieben Jahre

August 12, 2009

stamm

Alexander studiert Architektur in München, er steht kurz vor der Abschlussprüfung und vertreibt sich die Zeit bis dahin mit seinen Kommilitonen. Sie diskutieren über Architektur, sitzen in den Biergärten, geniessen das Leben und bereiten sich auf ihre Prüfung vor. Eines Tages trifft Alex bei einer dieser Zusammenkünfte auf Iwona, die ihm einer seiner Freunde als Begleitung andient. Alex ist alles andere als begeistert, Iwona ist farblos, schweigsam, ein graues, farbloses Mäuschen. Und trotzdem ist er nicht fähig, sie abzuschütteln oder zu ignorieren, irgendetwas an ihr zieht ihn an. Er bringt sie nach Hause, unauffällig, damit es keiner merkt, und er versucht, sie zu verführen, was ihm auch (bis auf das allerletzte) gelingt. Aber auch hier ist Iwona eher die Duldende, Empfangende, ohne eigene Initiative oder Wünsche.

Zwischen beiden entwickelt sich eine seltsame Beziehung, die nur von Alex aufrecht erhalten wird. Freundschaft kann man es nicht nennen, Alex trifft Iwona völlig unregelmäßig, sobald in ihm dieses unerklärliche Gefühl, sie sehen, berühren zu müssen, nicht mehr auszuhalten ist. Er verachtet sich selbst für sein Verhalten, er nutzt Iwona aus, er versucht die Grenzen ihrer Duldsamkeit auszutesten, findet diese aber nicht. Iwona scheint alles aufzunehmen, auszuhalten, sie stellt keine Ansprüche an Alex, er ist ihr so lieb, wie er ist, jede seiner Launen akzeptiert sie und erduldet sie.

Die Prüfung besteht Alex und nach der Prüfung fragt ihn Sonja, eine Kommilitonin, ob er mit ihr nach Marseille fahren würde, sie wolle sich dort Bauten von Le Corbusier anschauen und auch versuchen, eine Stellung zu finden. Wohnen könnten sie bei einer Freundin, Antje. Sonja, die eine wunderschöne Frau ist, ist Alex „überlegen“, sie ist inspirierter, mutiger in ihren Entwürfen, eigenständiger, mit mehr Plänen und weiter gesteckten Zielen. Es ist eine schöne Zeit in Marseille und beide kommen sich näher. So geht Alex dann auch immer seltener zu Iwona, stellt die Besuche schließlich ganz ein.

Alex und Sonja heiraten, haben beruflichen Erfolg, scheinen auch privat glücklich zu sein. Nur ein Kind bleibt ihnen versagt. Nach einigen Jahren bekommt Alex einen Brief von Iwona, die immer noch in München wohnt. Sie sei krank, bräuchte eine Operation und habe kein Geld. Sie würde ihn um Hilfe bitten. So sieht Alex sie nach Jahren wieder, immer noch ist sie unattraktive, wirkt alt und müde. Und immer noch zieht sie ihn in ihren Bann und will er ihre Nähe und ihren Körper.

Und wieder versucht Alex, von Iwona loszukommen. Dann erfährt er, dass sie ein Kind von ihm erwartet und es entsteht der Plan, dieses Kind zu adoptieren und zusammen mit seiner Frau als eigenes aufzunehmen.

Noch einmal trifft Alexander auf Iwona. Er ist dabei, zu verwahrlosen, trinkt und in diesem Zustand fährt er eines nachts zu ihr und verbringt schweigend eine Nacht mir ihr im Bett.

Dies ist in groben Zügen die Geschichte, die Stamm uns erzählt und die er ganz locker in eine Art Rahmen einfügt, als eine Art Beichte nämlich, die Alex Antje, der Freundin der Familie anvertraut. Man muss sich etwas einlesen ist das Buch, das, obwohl viel geredet wird, keine wörtliche Rede enthält, sondern nur indirekte, teilweise sogar einfach nur aus Fließtext besteht, so dass man aufmerksam verfolgen muss, wer nun was sagt. Außerdem zwingt diese Art der Schreibe den Autoren dazu, seine Personen des öfteren in einem Absatz auf einer Seite, etwas „sagen“ oder „fragen“ zu lassen, diese Wortwiederholungen fallen ab und an auf.

Drei Personen stellt Stamm in den Mittelpunkt seiner Geschichte, zwei Frauen, Sonja und Iwona und Alexander, den Mann. In gewisser Weise ergänzen sich die beiden Frauen, Sonja, äußerlich viel attraktiver als Iwona, ist im Beruf ehrgeizig, setzt sich Ziele, arbeitet ergebnisorientiert, ist auch risikofreudig. Als Persönlichkeit schildert Stamm sie eher als zurückhaltend, wenig offen, zum Teil sogar schüchtern. Bezeichnenderweise versuchen Alex und Sonja vergeblich, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Iwona dagegen wird ohne jegliche intellektuelle Fähigkeiten, die über das Anschauen von alten Filmen im Fernsehen hinausgehen, vorgestellt. Aber sie übt einen unwiderstehlichen Reiz auf Alex, den Mann, aus in ihrer Duldsamkeit, ihrer Weichheit, ihrer Fähigkeit, einfach nur zu lieben und zu akzeptieren, was Alex ist und macht. Und genau dieses sich in Iwona hineinfallen lassen können, diese Möglichkeit, einfach nur zu sein, wie er ist, dieses akzeptiert werden ohne dass Ansprüche gestellt werden, ist es, weswegen Alexander Iwona nicht vergessen kann. Iwona verbildlicht die sich selbst genügende Liebe, ihre Liebe zu Alexander ist so groß, dass sie Alexander selbst gar nicht mehr braucht, sie stellt ihm nie nach, versucht nie, ihn für sich zu gewinnen, ihn aus seiner Ehe herauszulösen. Und so, dies erkennt Alexander in einem Moment, ist sie mit ihrem entbehrungsreichen und harten Leben glücklicher als er in seinem.

Alexander als Mann ist hin- und hergerissen zwischen Sonja und Iwona, auch wenn er letztere nicht liebt, so kann er sie nicht vergessen und immer wieder (wenn auch mit Jahren Abstand) treibt es ihn zu ihr, und mit Sophia, der Tochter, holt er sich sogar ein Stück Iwona in sein Haus, der Tochter, die in ihren Eigenschaften viel von ihrer Mutter hat. Überhaupt kommt der Mann bei Stamm nicht allzu gut weg, in der Krise zeigt er seine Schwäche, er ist mutlos, lässt sich gehen, verwahrlost, ergibt sich dem Alkohol und zeigt selbstzerstörerische Tendenzen bis hin zu einer latenten Suizidalität. Sonja dagegen kämpft, entwickelt Pläne und hat die Kraft, diese umzusetzen. Und so ist es nicht erstaunlich, wenn Sonja schließlich auch diejenige ist, die Alexander die Entscheidung abnimmt…….

Facit: kein leichtes Buch, sicher nicht so sehr Unterhaltungslektüre für sonnige Stunden am Strand sondern mehr für ein konzentriertes Lesen in der Bücherecke.

Peter Stamm
Sieben Jahre
Fischer Verlag, Frankfurt; 2009, 304 S.
ISBN-10: 3100751264
ISBN-13: 978-3100751263

4 Responses to “Peter Stamm: Sieben Jahre”

  1. darryl Says:

    Scheint spannend zu sein. Danke für den Tipp. Hoffentlich finde ich genug Zeit ihn ein bisschen Aufmerksam zu geben.

    Gruß
    :)

  2. Jena Says:

    Habe das Buch gelesen.
    Die erste hälfte ist noch interessant, die zweite extram langweilig. Es ist ein Kampf es durchzulesen.

    Schade, kann es leider überhaupt nicht weiterempfehlen.

    MfG

    • flattersatz Says:

      Wie schön, daß es unterschiedliche Ansichten gibt! Vielen Dank für deinen Kommentar.

      Mag sein.. vielleicht ist es einfach so, daß man, um solche doch etwas „schwierigere“ Literatur zu lesen, in irgendeiner Art und Weise eine Identifikationmöglichkeit mit einer der Personen, Charaktere oder Orte braucht, über die man liest…

      lg


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