Simon Beckett: Obsession
August 28, 2009
Ben Murray [1] ist mit Sarah verheiratet, die ihren Sohn Jacob mit in die Ehe gebracht hat. Jacob ist Autist. Als Sarah an einem Aneurysma stirbt, bricht für Ben eine Welt zusammen. Beim Aufräumen der Sachen von Sarah findet er eine verschlossene Schachtel, in der er verschiedene Zeitungsausschnitte liegen. Inhalt aller dieser Artikel ist das rätselhafte Verschwinden eines kleinen Junen aus einen Krankenhaus, der Junge ist am selben Tag geboren wie Jacob.
Ein schrecklicher Verdacht taucht in ihm auf, der sich alsbald bestätigt. Zwar gelingt es ihm, John Cole, den leiblichen Vater von Jacob, ausfindig zu machen, doch ist auch dieser keineswegs einfach im Umgang, hält er doch Gewalt für ein probates Diskussionsargument. Da der zwielichtige Privatdetektiv, den Ben M. mit dem Auffinden des Vaters beauftragt hat, Cole die näheren Umstände mitteilt, eskaliert die Situation im folgenden.
Die Behörden sprechen Cole und seiner Frau (die leibliche Mutter von Jacob war zwischenzeitlich verstorben) das Kind zu, Ben hat jedoch das Recht, Jacob regelmäßig zu sehen. Da die Coles ihm dies in der Praxis jedoch nicht gestatten, fängt Ben an, die Coles auszuspionieren. Er entdeckt, daß Jacob keineswegs seinen besonderen Bedürfnissen entsprechend erzogen wird. Da sich die Sozialbehörden jedoch taub stellen, gerät Ben immer tiefer in diesen Sog, Beweise zu sammeln, um „seinen“ Sohn wieder zurück zu bekommen.
Dies ist der eigentliche Inhalt des Buches, die Auseinandersetzung der beiden völlig unterschiedlichen Charaktere Cole und Murray. Beide sind (Cole) oder werden (Murray) von dem Wunsch besessen, Jacob, den jeder als seinen Sohn ansieht, zu behalten oder wieder zu bekommen. Jedes Mittel ist ihnen dafür recht. Während Cole auf Gewalt, Skrupellosigkeit und Kraft setzt, hält Murray ihm mit Heimlichkeit, Ausspähung und Erpressung gegen. Während Cole jedoch von Anfang an dieser Charakter ist, ergreift die Obsession erst im Lauf des Geschehens Macht über Ben und dieses Überhandgewinnen, diese Besessenheit, die Murray langsam aber sicher befällt, die ihn seinen Beruf sträflich vernachlässigen läßt, die ihm auch in seinen ihm sinnlos erscheinenden Leben einen (Pseudo)sinn liefert, dies beschreibt Beckett in einer intensiven, feinfühligen, einfühlsamen Art und Weise.
Insofern ist das Buch weniger ein Thriller oder Krimi als vielmehr eine kleine psychologische Studie über die Auswirkungen, die eine fixe Idee auf einen Menschen haben kann (auch wenn in diesem Fall die Idee keinesweg „fix“, d.h. aus der Luft gegriffen war). Diese Idee wird zum Antrieb, zum Sinn des Lebens, dem zeitweise alles untergeordnet wird. Bedenken werden schnell beiseite geschoben, das Verhalten gleicht sich immer mehr einem Suchtverhalten an, das kaum noch gesteuert oder beeinflusst werden kann. Risikoabwägungen fallen unter den Tisch, es gibt nur noch ein Ziel, das es zu erreichen gilt, lles andere wird peripher.
Facit: Eine spannende, gut geschriebene Charakterstudie. Hat mir gut gefallen.
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[1] Wie Assoziationen einen doch beeinflussen können. Immer, wenn ich den Namen von Becketts Hauptperson gelesen habe, habe ich Fred McMurray vor Augen gehabt. Ich habe ihn als Kind in irgendeiner Familienserie miterlebt, auch in Bogards Film „Die Caine war ihr Schicksal“ war er dabei….
Simon Beckett
Obsession
ISBN-10: 3499248867
ISBN-13: 978-3499248863
Maria Sveland: Bitterfotze
August 26, 2009

Sara nimmt eine Auszeit und fliegt für ein paar Tage nach Teneriffa. So weit, so gut. Der springende Punkt ist, daß sie alleine fliegt und ihren kleinen Sohn bei ihrem Mann zu Hause läßt. Damit stößt sie bei ihrer Umgebung auf Unverständnis.
Im weiteren Verlauf des Buches läßt Sara ihr bisheriges Leben, in dem sie sich benachteiligt fühlt, und zwar weil sie eine Frau ist, Revue passieren. Die z.T. schwierige Kindheit bei den Eltern, die sich nicht lieben, ihre Ehe mit Johann, die Schwangerschaft und die emotional sehr belastende Zeit nach der Geburt ihres Sohnes Sigge (das Kapitel, das mich noch am meisten beeindruckt hat), die Probleme, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen. Insbesondere die Tatsache, daß sich Männer in der Gesellschaft bei solchen Problemen sehr viel leichter tun bzw. diese bei ihnen garnicht erst auftreten, ruft ihren Zorn hervor. Die Bitterfotzigkeit, wie sie dieses Gefühl in sich nennt, und wo sie garnicht müde wird, es immer und immer wieder hinzuschreiben..
Ich habe das Buch nach ca. der Hälfte weggelegt. Der Ton ist mir zu weinerlich, zu viel Selbstmitleid schwingt mit, sie fühlt sich benachteiligt und neidet dies den Männern. Ich will damit nicht absprechen, daß es für Frauen in der Tat problematischer, viel problematischer ist, Familie und Beruf zu koordinieren und daß wir Männer da auch viel mehr zur Entlastung der Frau tun könnten/müssten, aber Sveland spult in ihren Ausführungen, die sie Sara in den Mund legt einfach nur einen immer wieder auf Neid und Selbstmitleid reduzierbaren Sermon ab. Irgendwann hat es mich einfach genervt…. da gibt es sicherlich bessere Bücher zum Thema „Gleichberechtigung“ von Frau und Mann als diesen….
Eine ausführlichere Rezension mit kontroverser Diskussion findet sich bei amazon, wer also mehr wissen will….
Maria Sveland
Bitterfotze
Kiepenheuer & Witsch, Tb, 2009, 272 S.
ISBN-10: 3462040839
ISBN-13: 978-3462040838
bücher.leben: Das Hesse-Projekt: ich freu mich tierisch!
August 25, 2009
Im November, die Karten sind schon eingetroffen!!
Ja, riesig freu ich mich, Hesse war für mich einige Jahre lang ein sehr intensiver Begleiter. Siddartha, Steppenwolf, Unterm Rad, Das Glasperlenspiel (das besonders….) … die Gedichte… der Knulp, Demian.. ich könnte noch so viele aufzählen…
zur Homepage
Nachtrag:
aus einer Mail vom 5. September:
Hesse Projekt LIVE leider abgesagt
Die Tournee des HESSE PROJEKT Live „Die Welt unser Traum“, geplant vom 31.10.-06.12.2009, muss leider aus produktionstechnischen Gründen abgesagt werden. Bereits erworbene Karten müssen an den Vorverkaufsstellen zurückgegeben werden, wo sie erworben wurden. Die Produzenten erwägen dennoch eine Neukonzeption der Bühnenumsetzung des erfolgreichen Tonträger-Projekts von Schönherz & Fleer für einen späteren Zeitpunkt.
Sch**sse!
Sigrid Neudecker: Wie war ich?
August 24, 2009
Sigrid Neudecker ist keine Unbekannte. Sie schreibt in der ZEIT Wissen-Redaktion und, manche mögen sie von daher noch eher kennen, sie betreibt den ZEIT Sex-Blog, weil sie „der festen Überzeugung [ist], dass es keinen Grund gibt, das Thema Sex nicht genauso offen zu behandeln wie andere Alltäglichkeiten“. Recht hat sie. Auch wenn sie damit als kleiner Multiplikator genau das macht, was sie im ersten Kapitel ihres Buches durchaus eloquent und zustimmungsfähig anprangert: nämlich langsam aber sicher die Schamgrenze senken und die Privatsphäre auslöschen.

Aber eins nach dem anderen. Der Untertitel des Buches lautet: „Der Mythos vom perfekten Sex“. Bevor sie aber zu diesen Thema kommt, führt sie einen unterhaltsamen Rundumschlag gegen die gesellschaftliche, vor allem durch das Fernsehen, in den letzten Jahren dann auch durch das Internet festzustellende Tendenz, Privates zugunsten des öffentlichen aufzulösen. [1]
Als einen der Initialpunkte erwähnt sie den (den älteren unter uns vielleicht noch bekannten) Auftritt von Leonie Stöhr 1970 bei „Wünsch dir was“, der seinerzeit zu heller Empörung im bundesdeutschen Feuilleton führte. Ein paar durch Kleidung sichtbare Brüste.. was ist das schon gegen den Pen.isbru.ch von Dieter B. oder auch Jürgen Drews… Der Knackpunkt, den Neubauer anführt, wird vllt noch deutlicher, wenn man ein paar Jahre zurück geht: Hildegard Knef zeigte sich 1950 in „Die Sünderin “ nackt. Deutschland tobte. Aber im Gegensatz zu Stoehr war Knef eine Schauspielerin, der Auftritt von Stoehr war ein Auftritt von jemandem wie dir und mir. Und – so unscheinbar das seinerzeit angefangen hat – so fulminant und vehement erodierte die Schamgrenze. Bei Tutti Frutti (das keiner schaute, aber jeder kannte….) strippten die Teilnehmerinnen selbst und ließen die Hüllen fallen, in Sendungen wie „Wahre Liebe“ oder bei Erika Berger wurde sich auch verbal kaum noch Hemmung auferlegt. Und der Daily Talk am Nachmittag, das Schmidt´sche Unterschichtenfernsehen, ließ dann endgültig jede Beschränkung ausser acht: dort tobten sich herr und frau nachbar für eben dieselben aus.
So erodierte (nach Neudecker, und wer wollte ihr widersprechen) im Lauf weniger Jahre vor allem durch das Fernsehen, aber auch durch Printmedien, die natürliche Scham der Menschen: was die da oben können, kann ich auch! Das Mitteilungsbedürfnis, wer wann mit wem wie oft und warum in welcher Stellung gemacht hat, wuchs weiter und weiter, was vom Wesen her privat und intim ist, durfte dies nicht bleiben. Und über das, was heutzutage auf immer und ewig in facebook, in blogs und foren an Daten und Einzelheiten verbreitet ist (und kaum einer stört sich drum, daß er oftmals mit den AGB´s auch die Rechte an den veröffentlichten Daten/Bildern abgibt)…. wer 1985 den Aufstand über die Volkszählung miterlebt hat, schüttelt eh nur den Kopf…..
Neudecker versucht in diesem einleitenden Kapitel folgende Kausalkette plausibel zu machen: Die Ablösung der exotische Figur „Schauspieler“ oder „Darsteller“, der von seiner Rolle lebt, durch den Mann/die Frau von nebenan, also durch jemanden wie uns, die Zuschauer selbst führt zu dem Effekt, daß langsam aber sicher, daß, was in den entsprechenden Darbietungen geschildert, gezeigt wird, als normal angesehen wird. Dies koppelt jetzt wieder rück auf die Medien, indem sich der Gedanke festsetzt, was überhaupt dort geschrieben steht, muss die Wahrheit sein. Und dies wird jetzt verallgemeinert auf alle Medien, ob Ratgeber in Buchform oder Frauen-/Männerzeitschriften, seien es TV-Reportagen oder Meldungen und Beiträge im Internet: Der Mythos entsteht und setzt sich in den Köpfen fest.
Und diese Mythen, und damit sind wir endlich beim Untertitel, entlarvt sie in den folgenden Kapiteln ihres Buches. Zum Beispiel in „Pimp my body“: Wie sieht der erstrebenswerte Körper von Männlein und Weiblein im Bild der Medien aus? Sixpackig, siliconbrüstig, knackärschig und symmetrisch-labig (womit gemeint ist, es gibt auch asymmetrisch ausgeformte Labien, was natürlich (sic!) korrigiert werden kann. btw: daß Neudecker in ihrem Aufzählung der Skurrilitäten garnicht auf das Anal-Bleaching eingegangen ist.. nicht, weil mich das besonders interessiert, aber ich hätte gerne gelesen, wie sie das niederschreibt….). [2] Ebenso und genau die Frage: „Wie sieht der perfekte Sex aus?“, wann, wo, wie, mit wem warum und wie oft? Und überhaupt….
Neudeckers Buch ist kein wissenschaftliches Elaborat mit entsprechendem Vokabular über das Thema, es ist mehr ein persönlicher Appell an den gesunden Menschenverstand des Lesers, all das, was ihm die Medien vergaukeln, beiseite zu schieben und sich darüber klar zu werden, was ER denn SELBST will und mag. Brüste unterliegen eben natürlicherweise der Schwerkraft, Penisse sind nicht immer eisenhart und Haare wachsen auch nicht nur auf dem Kopf…. Wenn ihm/r einmal vögeln im Monat reicht und er/sie damit zufrieden ist, dann sollte man sich durch Geschwätz nicht einreden lassen, zum perfekten Sex gehöre 3 mal die Woche mit 5 unterschiedlichen Stellungen….. Zur Selbstbestimmung zurückfinden, das ist ihre Aufforderung an uns alle.
Das Buch liest sich sehr unterhaltsam, auch wenn ich sagen muss, daß Neudecker so ein klein wenig ihrer eigenen Feststellung, daß die Schamgrenze immer weiter gesenkt wird, auf den Leim geht. So hält sie beim Weiblein zwar an der „Vagina“ fest, das männliche Pendant bezeichnet sie aber oft ungebremst als Sch*anz, Schni**edel, Ständer… f*cken ist auch so ein Wort, das kennt natürlich jeder und es mag Situationen geben, in denen es (und nur es) angebracht ist, aber in einem Buch, was ernst genommen werden will, hat es m.E. nach nichts zu suchen. So unterhalten sich die Menschen, die ich kenne, auch nicht. Es mag in der großen Stadt anders sein, vllt ist dort die Schamgrenze wirklich so weit abgetaucht, wie Neudecker es suggeriert, das kann ich nicht beurteilen. Aber trotz dieses Einwands ist ihrer These, daß das, was man täglich im TV, in der Werbung, im Internet an Sex sieht und hört und was dadurch öffentlich gemacht wird, die allgemeine Empfindlichkeit gesenkt hat und das, was früher privat war, jetzt öffentlich wird, zuzustimmen. Und ihrer Aufforderung, sich wieder selbst auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen und sich nicht fremdbestimmen zu lassen, sowieso….
Facit: ein unterhaltsames Buch über ein ernstes Thema, bei dem man an vielen Stellen anfängt zu sagen: ja, das stimmt, da hat sie recht!
Link zu einen podcast (Interview mit Neudecker bei swr1. einen besseren habe ich leider nicht gefunden….)
Sigrid Neudecker
Wie war ich?
Fischer Tb, August 2009, 247 S.
ISBN-10: 3596182328
ISBN-13: 978-3596182329
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[1] Zufälle… mir ist beim Aufräumen das Buch von Domian/von Sinnen: „Jenseits der Scham“ in die Hände gefallen (ich habe es noch in einer anderen Ausgabe als der verlinkten, mit Doppeltitel: Extreme Leben/Jenseits der Scham). Das war ja auch schon so ein früher Versuch, den Mann/die Frau von der Straße als voyeuristisches Objekt für den Zuhörer/-schauer zu präsentieren. Natürlich ging man damals, 1994, im immerhin öffentlich-rechtlichen Bereich etwas schamhafter vor, aber das ist nur das Feigenblatt. Motiv für die Sendung war, so Fritz Pleitgen (Intendant) in seinem Vorwort: „Dem Radio des WDR ging das junge Publikum stiften. Mit aller Kraft [soll wohl heißen, egal wie....] sollte der böse Trend gestoppt und umgekehrt werden.“ Nun ja, jenseits der Scham (aus dem Inhaltsverzeichnis): Fisten, Jung und lesbisch, Der Schwanz, Sodomie, Kindesmissbrauch, Inzest, Alt und schwul, Autofellatio (nein, das ist kein Autotest), Päderasten etc pp…. ich muss zugeben, einen gewissen Unterhaltungswert kann man den einzelnen Beiträge nicht absprechen….. Jenseits der Scham eben…
[2] Mein Zahnarzt, bei dem ich heute saß, parlierte ein wenig mit mir (wahrscheinlich um das Kreischen des Bohrers zu übertönen…] und erzählte, daß er am Wochenende die Praxis eines befreundeten Kollegen besucht hätte, der nur noch High-End-Behandlungen macht und sich auf das Spritzen von Botox spezialisiert hätte….. die Nachfrage nach starren Mienen ist wohl da….
Khaled Hosseini: Tausend strahlende Sonnen
August 21, 2009
Hat mir schon der Drachenläufer von Hosseini sehr gefallen (nicht zuletzt, weil er Erinnerungen an eine lang hinter mir liegende Zeit in mir weckte), so war ich sehr gespannt auf sein neues Buch, die Tausend strahlende(n) Sonnen. Und (um es vorweg zu nehmen), ich bin nicht enttäuscht worden: mir hat das Buch, die Geschichte und auch die Erzählweise von Hosseini sehr gefallen.

Das Buch erzählt die Geschichte zweier Frauen vor dem Hintergrund der Verhältnisse in Afghanisten ab ca. 1960. Diese werden nicht kontinuierlich, sondern in zum Teil großen Zeitsprüngen dargestellt.
Die ältere der beiden Frauen, Mariam, wird als 1959 als harami in Herat geboren, zu dieser Zeit ist Afghanistan noch Königreich unter König Mohammed Sahir Schah [3]. Harami, daß bedeutet, sie ist das uneheliche Kind eines verheirateten Mannes, mit ihrer Mutter lebt sie in einer einfachen Hütte außerhalb der Stadt. Der Vater ist ein reicher Herater, er besitzt ein Kino, fährt ein modernes Auto und wohnt mit seinen drei Frauen in einem großen Haus. Mariam verehrt ihn, einmal die Woche kommt er zu Besuch und versorgt Mutter und Kind mit Lebensmitteln.
Dann, eines Tages, versetzt er Mariam, die stundenlang – gegen den Willen der Mutter, die kein gutes Haar an ihrem Vater läßt – auf ihn wartet. Schließlich macht sich das inzwischen 15jährige Mädchen auf, die 2 km in die nahe Stadt zum Haus des Vaters zu laufen. Sie fragt sich durch, wird aber nicht eingelassen. Frierend und hungrig harrt sie die Nacht aus, isst nur widerwillig die Speisen, die ihr vor die Tür hinaus gestellt werden. Am Morgen dann fährt sie der Chaffeur ihres Vaters wieder in ihre Hütte zurück. Dort sieht sie, daß die Mutter ihre Ankündigung für den Fall, daß Mariam geht, wahr gemacht hat. Sie hat sich an einem Baum vor der Hütte erhängt.
Notgedrungen nimmt nun Jalil, der Vater, seine Tochter mit in sein Haus auf, vermittelt sie aber schnell als Braut an Raschid, einen älteren Kabuler Geschäftsmann, einen Schuhmacher. Anfänglich noch halbwegs bemüht, zeigt sich dieser bald als boshaft und gewalttätig, er schlägt und tritt seine Frau, verlangt, daß sie nur in Burka auf die Straße geht. Mariam kann kein Kind von ihm bekommen, damit sinkt sie in seiner Achtung auf eine Stufe kaum höher als die eines Haustiers.
In ihrer Nachbarschaft kommt Laila als Tochter eines Ehepaares, welches schon zwei Söhne hat, auf die Welt. Mittlerweile haben die Kommunisten in Afghanistan die Herrschaft übernommen (1979) und Babi sagt zu seiner Tochter Laila, daß dies jetzt gute Zeiten wären für die Frauen Afghanistans. Zum ersten Mal hätten sie das Recht auf Bildung und Ausbildung und Babi legt sehr viel Wert darauf, daß Laila zur Schule geht und viel lernt. So hat Laila eine für afghanische Verhältnisse schöne Kindheit, die zu meist mit dem Nachbarjungen Tarik, dem durch eine Mine ein Unterschenkel weggerissen wurde, verbringt.
Lailas Brüder gehen zu den Mudschaheddin, sie fallen im Kampf gegen die UdSSR, die den Krieg 1989 verliert und aus Afghanistan abzieht. Mit diesem Abzug kommt aber kein Frieden, im Gegenteil, für Kabul fängt der Krieg, der sich bis dato im wesentlichen außerhalb der Hauptstadt abspielte, erst an. Die verschiedenen Gruppierungen liefern sich erbitterte Kämpfe, die Stadt liegt im Hagel von Raketen und anderen Geschossen, das tägliche Leben wird immer schwieriger zu gestalten, die Sorge um das eigene Leben wird immer stärker.
Tarik, Lailas Freund will Afghanistan verlassen. Liebe wagen sie ihr Verhältnis nicht zu nennen, obwohl sie sie unter diesen wirren Umständen eines Abends tatsächlich machen…. Irgendwann in diesen Tagen beschließen auch Lailas Eltern, aus Kabul weg zu gehen. Sie werden beim Packen ihrer Habseligkeiten von einer Rakete getroffen und getötet.
Laila überlebt und wird im Haus Raschids und Mariams aufgenommen. Raschid nimmt sie zur Zweitfrau, Mariam dagegen hasst sie. Knappe sieben Monate nach der Hochzeit bekommt Raschid endlich sein Kind, ein Mädchen…. Laila sucht den Kontakt zu Mariam und über das kleine Mädchen finden die Frauen zueinander.
Mittlerweile ergreifen von Süden die Taliban die Macht und ringen die Mudschaheddin nieder. Anfänglich begrüßt und willkommen, richten sie jedoch schnell eine Schreckensherrschaft ein, vor allem für die Frauen, die praktisch nichts mehr ausserhalb der Wohnung ohne ihren Mann dürfen. Der Katalog dessen, was verboten wird, ist absurd [1, 2], machte vor allen Dingen den vielen Witwen das Leben quasi unmöglich. Krankenhäuser z.B. wurden nach Geschlechtern aufgeteilt.. Preisfrage: in welchen Krankenhäusern gab es keine Narkosemittel für z.B. Kaiserschnitte? Richtig. Ich weigere mich eigentlich zu glauben, daß Hosseini hier Reales in seinen Roman eingebunden hat, aber ich befürchte, das Schicksal, das er für Laila mit ihrem zweiten Kind schildert, beruht auf wahren Gegebenheiten….. Es gab so wenig zu essen, daß Familien versuchten, ihre Kinder in Waisenhäuser unterzubringen mit der Lüge, die Männer seinen im Krieg gefallen. Auch hier erzählt Hosseini von Menschen mit großer Zivilcourage….
Für die beiden Frauen im Haus des Raschids wird das Leben immer unerträglicher. Sie werden geschlagen, in seiner Rage versucht Raschid sogar, Laila, die ihm Widerstand leistet, zu erwürgen. Dies ist der Moment, in den Mariam alle Kraft zusammen nimmt und ihrer beider Mann erschlägt.
Mariam opfert sich auf für Laila, sie stellt sich. Natürlich wird sie verurteilt, natürlich zum Tode. Diese ereilt sie im Stadium von Kabul, aber er findet sie nicht durch Schwäche erniedrigt, sondern er trifft auf eine starke Mariam, deren Leben sich mit dieser Tat, mit dem Opfer für Laila und das Kind erfüllt hat.
Für Laila und ihre Kinder ist die Handlung jetzt noch nicht zu Ende, aber ich will ja auch nicht alles verraten….
Das Buch fesselt, ich habe es in wenigen Stunden lesen müssen, obwohl ich zugeben muss, daß ich oft Angst hatte, vor dem, was noch kommt, denn es ist ein trauriges Buch. Und gegen Ende wird es zugegebenermassen auch etwas melodramatisch. Aber ist es deswegen schlecht, muss man das kritisieren? Natürlich ist das Ende, das Hosseine beschreibt, das unwahrscheinlichere der vielen Szenarien, die man sich ausdenken kann, aber vielleicht braucht ein so geschundenes Land wie Afghanistan einfach die Hoffnung, daß sich nach vielen, vielen Schmerzen und Niederlagen auch etwas Gutes entwickeln kann. Ich denke, dieser melodramatische Touch rührt aus genau dieser Tatsache her, der Autor will jetzt nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern seine Botschaft für sein Land verbreiten.
Facit: eine sehr schöne Erzählung, mit vielen Einblicken in das afghanische Leben, die einen nicht unberührt läßt.
[1] Nur als Beispiele: Pflicht: Bart für Männer (sonst Prügel), Schüler: Turban, islamische Kleidung und zugeknöpfte Hemden. Verbote: Singen, Tanzen, Spiele, Bücher schreiben, Filme ansehen, Bilder malen. Papageien halten (sonst Prügel und Töten der Vögel).
Dieben wird die Hand abgeschnitten, bei Wiederholungtätern der Fuß.
Andere Religionen: Todesstrafe für Missionieren, Verbot von öffentlichen Gottesdiensten
Frauen: Kosmetik, Schmuck, „aufreizende“ Kleider, unaufgefordertes Sprechen, Blickkontakt mit Männern, Lachen in der Öffentlichkeit: verboten. Sonst Prügel.
Lackieren der Fingernägel ist verboten. Bei Zuwiderhandlungen wird der Finger abgeschnitten.
Schulbesuch für Mädchen: verboten
Erwerbsarbeit für Frauen: verboten
Ehebruch (von Frauen…): Steinigung.
Nehmt das zur Kenntnis. Gehorcht.
[2] Um so höher ist der Mut von Menschen anzusiedeln wie Ahmad Siddiqui, der 1992 das Nationale Filmarchiv Kabuls hinter Regalen mit religiösen Büchern versteckte (aus Geldmangel können die Filme jetzt kaum noch gepflegt werden und drohen zu vergammeln) oder auch Omara Khan Massoudi, der als Direktor des Nationalmuseums Schätze versteckte und verbarg. [GEO, 9/2009, S 64 ff]
[3] Liste der afghanischen Staatsoberhäupter
Khaled Hosseini
Tausend strahlende Sonnen
Berliner Taschenbuch Verlag; April 2009, 381 S.
ISBN-10: 3833305894
ISBN-13: 978-3833305894
Guy Deutscher: Du Jane, ich Goethe
August 18, 2009
Sprache ist ja für mich etwas faszinierendes, daß mich immer wieder fesselt. So war es kein Wunder, daß Deutschers Buch, von dem ich seinerzeit eine gute Kritik gelesen hatte, schnell seinen Weg zu mir fand. Das war es dann aber auch erst einmal, bis letzte Woche lagerte es fein in der KuB ab… Dann aber…

Deutscher, ein in Holland forschender und lehrender israelischer Linguist behandelt in seinem Buch nicht mehr und nicht weniger als die Entwicklungsgeschichte der Sprache(n) ausgehend von einer Stufe kurz oberhalb der Grunzlaute. (Hach, schon wieder nur Metaphern… hihi.. wer das Buch liest, weiß was ich meine…). Und trotz dieses trocken klingenden Sujets: es ist ein unheimlich spannendes Buch, sehr unterhaltsam, aber ohne trivial oder einfach zu sein, im Gegenteil, fesselnd geschrieben und es führt zu manchem „Aha“-Effekt beim Leser.
Sehr amüsant ist der Vergleich der Klagen über den Zustand der Sprache, die ja bekanntlich verlottert, verludert, an Reinheit und Strenge verliert, von Anglizismen überschwemmt unaufhaltsam ins Chaos abschmiert. Und dann kommt die verblüffende Auflösung: Diese Kritiken gibt es mit gleichem Inhalt seit hunderten von Jahren, man kann noch nicht einmal von vornherein sagen, welche Kritik aus welchem Jahrhundert ist, so gleichen sich die Klagen…. sehr amüsant und sehr erhellend.
Sprache ist was lebendiges, das sich täglich weiterentwickelt. Drei Triebfedern für diese Weiterentwicklung macht Deutscher deutlich:
- Ökonomie: die Bemühung, zu sparen, es sich einfacher zu machen (Abkürzungen (er habet –> er hat, wir haben –> wir ham)
- Expressivität: der Versucht, den Äußerungen größere Wirkung zu verleihen: nicht –> ganz und gar nicht
- Analogie: das Aufstellen von Regeln für die Sprache
Einer der „Aha“-Effekte für mich war, daß wir mitten drin sind in diesem Entwicklungsprozess. In meiner Schulzeit lernte man noch „backen, buk, gebacken“. Ein korrekter Satz hätte damals also gelautet: „Mutter buk einen Kuchen“. Heute hat sich „Mutter backte einen Kuchen“ durchgesetzt („Analogie“), aber meistens würde man sogar sagen: „Mutter hat einen Kuchen gebacken“ („Expressivität“). (Übrigens: von bellen, salzen oder pflegen lauteten die alten Formen : boll, sielzt, pflag…). Und diese „Langform“ einer Aussage ist jetzt wieder der Erosion, der Ver“schluderung“ ausgesetzt, umgangssprachlich ja schon voll im Gange: „Mutter hat´n Kuch´n geback`n“.. (weil es mir gerade beim Schreiben einer mail unterkam: „du last mir gestern den Brief vor.“ Ist das noch verständliches deutsch?)
Die Sprachökonomie, ein Beispiel habe ich ja oben schon gegeben: „hamwa“ bzw „wir ham“. Sieht völlig ungewohnt und falsch aus, aber in der dritten Person Singl. ist das schon lange Usus: „er habet“ ist schon lange durch „er hat“ ersetzt und über kurz oder lang wird es also heißen: ich habe, du hast, er hat, wir ham, ihr habt, sie ham.
.. und (meine wilde Spekulation) das „ich habe“ erodiert und wird zum „ich hap“ (das stimmlose „p“ ist ökonomischer als das stimmhafte „b“ , dann setzt zum zweiten mal die Grimm´sche Lautverschiebung ein (auch hier ist ein „f“-Laut ökonomischer als ein „p“ ..) und es wird heißen „ich haf“. .. und vllt zieht dann irgendjemand die beiden worte zu einem zusammen und..und..und… aber – leider, leider, leider – verliert dann der Term aufgrund seiner Kürze an Ausdruckskraft und muss wieder durch Anfügen von Gott weiß was für einem Wort verlängert werden, so daß der ganze Prozess wieder von vorne beginnen kann ……
also, ich find das wahnsinnig interessant.
Apropos wahnsinnig. Daß das deutsche Wort „schlecht“ früher mal „gut“ bedeutete, ist recht verwirrend, wird im Buch aber plausibel erklärt, auch wenn es mehr als verblüffend ist. Aber in der Jetztzeit geht es uns mit den Begriffen „wahnsinn(ig)“ oder „irre“ ja genauso. Ursprünglich für „Verrückt“ stehend, können sie heute Ausdrücke für etwas sehr positives, beeindruckendes („Expressivität“) sein. So kann es etwas völlig unterschiedlichen bedeuten, ob zwei ältere Frauen oder zwei junge Mädchen über einen Typen sagen: „Der ist ja irre!“…. . Herrlich übrigens, wie Martenstein diesen Vorgang in einer seiner Kolumnen dargestellt hat….
Das soll an Beispielen reichen.
Natürlich ist eine Sprachevolution zu komplex, um sie im Rahmen eines solchen für die Allgemeinheit geschriebenen Buches darzustellen. Entsprechend häufig sind Analogieschlüsse zu finden, die nicht belegt werden (können), werden Voraussetzungen in den Raum gestellt, die man akzeptieren muss und manches klingt erst einmal nach reiner ad-hoc-Hypothese. Aber das ist keine Negativkritik, das sind einfach die Kompromisse, die man machen muss, wenn man so ein vielschichtiges Phänomen wie Sprache allgemeinverständlich darlegen will.
Das Buch enthält natürlich noch viel, viel mehr, als ich hier andeuten kann und im letzten Kapitel „Die Entfaltung der Sprache“ geht Deutscher daran, aus einem absolut minimalen Wortschatz ohne grammatische Strukturen durch die vorher dargelegten Prozesse der Sprachentwicklung eine grammatikalisch durchstrukturierte Sprache zu entwickeln, deren Entwicklungsgang zumindest plausibel zu machen.
Facit: wer sich ein bischen für Sprache interessiert: ein MUSS. Ich jedenfalls bin begeistert.
Guy Deutscher (und Martin Pfeiffer als Übersetzer)
Du Jane, ich Goethe
C.H.Beck; August 2008, HC, 416 S.
ISBN-10: 3406578284
ISBN-13: 978-3406578281
Isaac B. Singer: Schoscha
August 12, 2009
Der Roman spielt, obwohl er im ersten Teil kurz nach dem 1. Weltkrieg einsetzt, in der Morgendämmerung des 2. Weltkrieges im jüdischen Milieu Warschaus. Aaron Greidinger, die Hauptperson des Buches, wird als Sohn eines Rabbiners geboren. Er wächst in der jüdisch Tradition der Talumdisten auf, oder, wie er es im Buch sagt: „Ich bin mit 3 toten Sprachen aufgewachsen: Hebräisch, Aramäisch und Jiddisch (manche halten letztere nicht einmal für eine Sprache) ….. Obwohl meine Vorfahren sich vor etwa sechs- oder siebenhundert Jahren in Polen niedergelassen hatten, kannte ich nur ein paar Worte der polnischen Sprache. … Ich war in jeder Hinsicht ein Anachronismus.„. Es ist schon hier, bei der Schilderung der Lebensumstände des kleinen Aaron die kritische Haltung, eine sich andeutende Distanz zur jüdischen Lebensart zu finden. Er geht in die Cheder, die jüdische Grundschule, aber „.. Dort lernte ich nicht etwa Rechnen, Geographie, Physik, Chemie oder Geschichte, sondern die Gesetze, die zum Beispiel auf ein an einem Feiertag gelegtes Ei anzuwenden sind und auf die Opferriten in einem Tempel, der vor zweitausend Jahren zerstört wurde.„

In dieser Umgebung wächst Aaron heran. Seine liebste Spielgefährtin ist Schoscha, die etwas zurückgebliebenen Tochter der Nachbarin. Zwischen den beiden Kindern besteht eine starke Bindung, aber Aaron „.. war sich nicht bewusst, … daß meine Freundschaft mit Schoscha etwas mit Liebe zu tun hatte.“
Als Schoschas Familie umziehen muss, verlieren sich die beiden aus den Augen. An dieser Stelle macht der Roman dann einen Sprung an den Vorabend zum 2. Weltkrieg. Aaron versucht sich mit mehr oder meist weniger Erfolg als Schriftsteller. Er lernt den Amerikaner Sam Dreiman und dessen Begleiterin, die Schauspielerin Betty Slonim kennen und es ergibt sich, daß er ein Theaterstück für Betty schreiben soll. Zwischen den beiden springt schnell ein Funke über, ebenso wie es zwischen Aaron und Celia, die Frau seines Freundes Chaiml und ihrerseits Geliebte des jüdischen Intellektuellen Morris Feitelsohn, zu einer Liaison kommt. Nun ja, dann ist da auch noch Thekla, das Hausmädchen in dem Haus, in dem Aaron ein Zimmer gemietet hat. Auch diese tröstet er – und sie ihn – über einsame Stunden und gewisse Bedürfnisse hinweg. Und auch sein Verhältnis zu Dora, der überzeugten Kommunistin, die nach Russland will, besteht immer noch weiter.
Dann, eines Tages, will Aaron Betty die Krochmalnastraße zeigen, in der er aufgewachsen ist. Zum ersten Mal seit Schoscha aus seinem Blickwinkel entschwunden ist, schaut er nach, ob er sie noch findet. Und ja, er findet sie und Baschele, ihre Mutter. Und es ist wie vor zwanzig Jahren: Schoscha, die auch aufgrund einer Krankheit auf der Stufe eines 14jährigen Mädchens stehengeblieben ist, hat auf ihn gewartet, liebt ihn und in ihm ist seine Liebe zu ihr wieder lebendig.
Machen wir es kurz, sehr viel kürzer als es im Roman geschildert wird. Arele heiratet Schoschele, obwohl er damit bei allen auf Unverständnis stößt. Aber trotzdem bleiben ihm die anderen Frauen freundschaftlich verbunden, auch Schoscha lebt sich in die Rolle einer Ehefrau ein, ja, sie bittet ihren Arele sogar, das zu tun, von dem jener weiß, was sie meint, daß er tun soll….
Dies alles spielt sich im Dunstkreis der Bedrohung der Juden durch Hitler statt. Es ist allen klar, was passieren wird, wenn Hitler Polen angreift, keiner macht sich Illusionen darüber, wie es den Juden ergehen wird (obwohl ich bezweifel, daß die Phantasie für solches ausreichte [in der Quelle besonders Kapitel 5 (S. 42) zu den Verhältnissen in Warschau)…Trotzdem findet jeder eine Ausrede dafür, daß er Polen, Warschau, die Heimat nicht verlassen will. Alle scheinen wie auf Schienen eines ihnen unbekannten Schicksals zu leben, sie sind nicht in der Lage, von dieser vorgezeichneten Bahn abzubiegen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, zumindest, solange es noch Zeit dafür ist. Stattdessen wird diskutiert, philosophiert, spekuliert …
Das Buch endet sehr plötzlich, ohne daß der Autor weiter über das Schicksal seiner Personen Auskunft gibt. In einem Epilog, 13 Jahre später und in Israel spielend, reicht er dies im Schnelldurchgang nach. Einige leben noch, viele sind gestorben, auch Schoscha, die wohl einfach nicht weiter leben wollte und auf der Flucht starb. Aaron ist mit Bettys Hilfe entkommen, auch Chaiml, Celias Mann, den er in Israel wieder trifft.
In einer Leserrezension bei amazon habe ich eine schöne Deutung für die Tatsache gefunden, daß Aaron so unverständlicherweise bei Schoscha bleibt, obwohl er ganz andere Möglichkeiten hätte, sogar zweimal die Chance zur Flucht ausschlägt: Schoscha ist ein Bild für das junge Israel, klein, schwach, auf andere zum Überleben angewiesen. Die anderen Frauen dagegen stehen für die großen Länder wie z.B die USA, Großbritannien. Was mir an dem Bild nicht gefällt ist die Tatsache, daß Schoscha stirbt, während Israel schon vom ersten Moment an sehr wehrhaft war und eben nicht unterging.
Ist das Verhalten Aarons vielleicht doch eher individuell zu deuten? Er, der viele Frauen liebte und von von ihnen wiedergeliebt wurde, hat hier einen Menschen, auf den im Grunde niemand eifersüchtig sein kann. Er kann Schoscha heiraten und die anderen Frauen trotzdem behalten, zumindest als Freundinnen. Celia und ihr Mann bieten ihm und Schoscha sogar an, zu ihnen zu ziehen…. Oder erklärt sich sein Verhalten mehr aus einem Verantwortungsgefühl gegenüber der ebenso liebens- wie bedauernswerten Schoscha, denn das ist sein Argument gegenüber Betty: „Es ist nicht nur Liebe…. Ich kann ein Kind nicht umbringen. Ich kann auch mein Versprechen nicht brechen…. Sie ist die einzige Frau, der ich vertrauen kann.“
Ich habe früher, es ist jetzt schon Jahrzehnte her, viel von Singer gelesen. Er ist ein wunderbarer Erzähler, bringt ebensolche Dialoge zwischen seinen Hauptpersonen. Durch seine Beschreibungen bleibt das osteuropäische Judentum, die Welt des Schtetl, der jüdischen Traditionen und Mentalität, des gesamten jüdischen Lebens lebendig. Er bringt diese Kultur und damit auch eine der Wurzeln des modernen Israels nahe, ohne zu werten schildert er ein Zeitalter, das es mittlerweile nicht mehr gibt.
Facit: wer ein wenig Interesse an der Welt des osteuropäischen Judentums vor dem zweiten Weltkrieg hat, für den ist Singer eine wahre Fundgrube. Daß ich mir gerade „Schoscha“ zum Lesen aus dem Regal genommen habe, ist reiner Zufall.
Isaac B. Singer
Schoscha
dtv, September 2003, 336 S.
ISBN-10: 3423131241
ISBN-13: 978-3423131247
von mir gelesene Ausgabe:
dtv, 1982, 320 S.
ISBN: 3423017880
Peter Stamm: Sieben Jahre
August 12, 2009

Alexander studiert Architektur in München, er steht kurz vor der Abschlussprüfung und vertreibt sich die Zeit bis dahin mit seinen Kommilitonen. Sie diskutieren über Architektur, sitzen in den Biergärten, geniessen das Leben und bereiten sich auf ihre Prüfung vor. Eines Tages trifft Alex bei einer dieser Zusammenkünfte auf Iwona, die ihm einer seiner Freunde als Begleitung andient. Alex ist alles andere als begeistert, Iwona ist farblos, schweigsam, ein graues, farbloses Mäuschen. Und trotzdem ist er nicht fähig, sie abzuschütteln oder zu ignorieren, irgendetwas an ihr zieht ihn an. Er bringt sie nach Hause, unauffällig, damit es keiner merkt, und er versucht, sie zu verführen, was ihm auch (bis auf das allerletzte) gelingt. Aber auch hier ist Iwona eher die Duldende, Empfangende, ohne eigene Initiative oder Wünsche.
Zwischen beiden entwickelt sich eine seltsame Beziehung, die nur von Alex aufrecht erhalten wird. Freundschaft kann man es nicht nennen, Alex trifft Iwona völlig unregelmäßig, sobald in ihm dieses unerklärliche Gefühl, sie sehen, berühren zu müssen, nicht mehr auszuhalten ist. Er verachtet sich selbst für sein Verhalten, er nutzt Iwona aus, er versucht die Grenzen ihrer Duldsamkeit auszutesten, findet diese aber nicht. Iwona scheint alles aufzunehmen, auszuhalten, sie stellt keine Ansprüche an Alex, er ist ihr so lieb, wie er ist, jede seiner Launen akzeptiert sie und erduldet sie.
Die Prüfung besteht Alex und nach der Prüfung fragt ihn Sonja, eine Kommilitonin, ob er mit ihr nach Marseille fahren würde, sie wolle sich dort Bauten von Le Corbusier anschauen und auch versuchen, eine Stellung zu finden. Wohnen könnten sie bei einer Freundin, Antje. Sonja, die eine wunderschöne Frau ist, ist Alex „überlegen“, sie ist inspirierter, mutiger in ihren Entwürfen, eigenständiger, mit mehr Plänen und weiter gesteckten Zielen. Es ist eine schöne Zeit in Marseille und beide kommen sich näher. So geht Alex dann auch immer seltener zu Iwona, stellt die Besuche schließlich ganz ein.
Alex und Sonja heiraten, haben beruflichen Erfolg, scheinen auch privat glücklich zu sein. Nur ein Kind bleibt ihnen versagt. Nach einigen Jahren bekommt Alex einen Brief von Iwona, die immer noch in München wohnt. Sie sei krank, bräuchte eine Operation und habe kein Geld. Sie würde ihn um Hilfe bitten. So sieht Alex sie nach Jahren wieder, immer noch ist sie unattraktive, wirkt alt und müde. Und immer noch zieht sie ihn in ihren Bann und will er ihre Nähe und ihren Körper.
Und wieder versucht Alex, von Iwona loszukommen. Dann erfährt er, dass sie ein Kind von ihm erwartet und es entsteht der Plan, dieses Kind zu adoptieren und zusammen mit seiner Frau als eigenes aufzunehmen.
Noch einmal trifft Alexander auf Iwona. Er ist dabei, zu verwahrlosen, trinkt und in diesem Zustand fährt er eines nachts zu ihr und verbringt schweigend eine Nacht mir ihr im Bett.
Dies ist in groben Zügen die Geschichte, die Stamm uns erzählt und die er ganz locker in eine Art Rahmen einfügt, als eine Art Beichte nämlich, die Alex Antje, der Freundin der Familie anvertraut. Man muss sich etwas einlesen ist das Buch, das, obwohl viel geredet wird, keine wörtliche Rede enthält, sondern nur indirekte, teilweise sogar einfach nur aus Fließtext besteht, so dass man aufmerksam verfolgen muss, wer nun was sagt. Außerdem zwingt diese Art der Schreibe den Autoren dazu, seine Personen des öfteren in einem Absatz auf einer Seite, etwas „sagen“ oder „fragen“ zu lassen, diese Wortwiederholungen fallen ab und an auf.
Drei Personen stellt Stamm in den Mittelpunkt seiner Geschichte, zwei Frauen, Sonja und Iwona und Alexander, den Mann. In gewisser Weise ergänzen sich die beiden Frauen, Sonja, äußerlich viel attraktiver als Iwona, ist im Beruf ehrgeizig, setzt sich Ziele, arbeitet ergebnisorientiert, ist auch risikofreudig. Als Persönlichkeit schildert Stamm sie eher als zurückhaltend, wenig offen, zum Teil sogar schüchtern. Bezeichnenderweise versuchen Alex und Sonja vergeblich, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Iwona dagegen wird ohne jegliche intellektuelle Fähigkeiten, die über das Anschauen von alten Filmen im Fernsehen hinausgehen, vorgestellt. Aber sie übt einen unwiderstehlichen Reiz auf Alex, den Mann, aus in ihrer Duldsamkeit, ihrer Weichheit, ihrer Fähigkeit, einfach nur zu lieben und zu akzeptieren, was Alex ist und macht. Und genau dieses sich in Iwona hineinfallen lassen können, diese Möglichkeit, einfach nur zu sein, wie er ist, dieses akzeptiert werden ohne dass Ansprüche gestellt werden, ist es, weswegen Alexander Iwona nicht vergessen kann. Iwona verbildlicht die sich selbst genügende Liebe, ihre Liebe zu Alexander ist so groß, dass sie Alexander selbst gar nicht mehr braucht, sie stellt ihm nie nach, versucht nie, ihn für sich zu gewinnen, ihn aus seiner Ehe herauszulösen. Und so, dies erkennt Alexander in einem Moment, ist sie mit ihrem entbehrungsreichen und harten Leben glücklicher als er in seinem.
Alexander als Mann ist hin- und hergerissen zwischen Sonja und Iwona, auch wenn er letztere nicht liebt, so kann er sie nicht vergessen und immer wieder (wenn auch mit Jahren Abstand) treibt es ihn zu ihr, und mit Sophia, der Tochter, holt er sich sogar ein Stück Iwona in sein Haus, der Tochter, die in ihren Eigenschaften viel von ihrer Mutter hat. Überhaupt kommt der Mann bei Stamm nicht allzu gut weg, in der Krise zeigt er seine Schwäche, er ist mutlos, lässt sich gehen, verwahrlost, ergibt sich dem Alkohol und zeigt selbstzerstörerische Tendenzen bis hin zu einer latenten Suizidalität. Sonja dagegen kämpft, entwickelt Pläne und hat die Kraft, diese umzusetzen. Und so ist es nicht erstaunlich, wenn Sonja schließlich auch diejenige ist, die Alexander die Entscheidung abnimmt…….
Facit: kein leichtes Buch, sicher nicht so sehr Unterhaltungslektüre für sonnige Stunden am Strand sondern mehr für ein konzentriertes Lesen in der Bücherecke.
Peter Stamm
Sieben Jahre
Fischer Verlag, Frankfurt; 2009, 304 S.
ISBN-10: 3100751264
ISBN-13: 978-3100751263
bücher.leben: Kuriosester Buchtitel 2009
August 10, 2009
Durch einen Zufall bin ich auf den Blog von Dünenwanderer gekommen und habe dort den Hinweis auf diesen Preis:
gefunden. Wie Martenstein schon sagte: „Der Titel ist die halbe Miete„. Nie war es wahrer wie heute! Ich werde meine Augen offenhalten! Obwohl ich mir kaum vorstellen kann, wie man einen Titel á la „Das große Buch lesbischer Pferdegeschichten“ (Fragen über Fragen….*) toppen sollte… Aber entscheidend ist bekanntermassen aufm Platz, bzw hier aufm Kawwa.
—–
* ok. ich gebe es zu. Ein älterer Titel zumal noch aus dem englischen Wettbewerb. Also sozusagen ausser Konkurrenz. Gefällt mir trotzdem. Und diese Inhaltsbeschreibung macht doch auch Lust: „When these Sapphic sisters saddle up, ecstasy if only a hoofbeat away!“
Erica Jong: Angst vorm Fliegen
August 10, 2009
Das Buch, 1973 in Amerika erschienen, machte seinerzeit Furore, wurde ein echter Bestseller. Der Wiki zufolge sollen bislang über 15 Mio Exemplare über den Ladentisch gewandert sein, einer Besprechung des Buches im Spiegel nach allein in den USA in den ersten 3 Jahren nach Erscheinen über 7 Mio. Ob und wie beide Zahlen zusammenpassen sei dahin gestellt, ist letztlich auch egal. Zum Kauferfolg beigetragen haben wird jedenfalls die Adelung der Autorin als „weiblicher Henry Miller“ [1], auch wenn jeder der 15 Mio potentieller Leser, der hier ein Werk á la „Opus Pistorum“ oder „Stille Tage…“ erwartet, bitter enttäuscht sein gewesen sein dürfte.
Denn zwar zögert Jong nicht, das F-Wort zu verwenden (im Gegensatz zu mir, der ich google fürchte, welches mir noch mehr Verwirrte auf meinen blog leiten würde…. ), im Gegenteil, häufig und lustvoll wird es gebraucht und es ist nicht der einzige Begriff aus dem Umkreis volksnaher Begriffe aus dem Reich der Sexualität. Aber trotzdem ist das Buch im Grunde eher eine handlungsarme Parforcejagd durch die Psyche der Schriftstellerin Isadora Wing, Jüdin aus NY, 29 Jahre alt, in zweiter Ehe verheiratet mit einen Psychiater chinesischer Abstammung. Das Buch setzt mit dem Flug des Ehepaares nach Wien zu einem Psychoanalytikerkongress ein, und zwar in Begleitung von weiteren 116 Analytikern, von denen sie bei immerhin 6 (excl. ihres Mannes) schon als Patientin war.
Das Thema der Isadora ist ihre Selbstwahrnehmung, ihre Selbstfindung, die ewigen Zweifel, das Auseinanderklaffen zwischen dem, was man hat und dem, was man sich wünscht. Die Unfähigkeit, sich zu entscheiden, die ewige Frage: warum muss ich das eine aufgeben, um das andere zu bekommen? Warum kann ich nicht verheiratet sein und trotzdem den Spontanf*** suchen und geniessen: Eine Traumnummer von äußerster Reinheit, da ohne jede Nebenabsicht. Es findet kein Machtkampf statt, der Mann „nimmt“ nicht, die Frau „gibt“ nicht…. der Spontanf*** ist das sauberste, was es gibt.“ Und genau dieser Traumnummernmann begegnet ihr im Wiener Hotel in Gestalt eines leicht hippiemäßig angehauchten Engländers Adrian, der ihr beim Einchecken spontan den Hintern greift und damit den letzten klaren Gedanken raubt.
Adrian Goodlove zieht sie in ihren Bann, mir Hirn und M*se denkt sie nur noch an diesen Mann, wie ein Magnet zieht er sie an sich und mit vielen inneren Kämpfen von ihrem Ehemann weg. Zusammen fahren Isadora und Adrian meist alkoholbenebelt durch halb Europa, haben sich im Grunde immer weniger zu sagen, die existenzialistische Grundeinstellung von Adrian, wird immer brüchiger und zerstäubt endgültig, als er Isadora sitzen läßt, weil er zu einem schon lange verabredeten Treffen mit seiner Frau und den Kindern weiterfährt. Die Illusion reißt und Isadora fühlt sich (zurecht) verraten, sie geht zu Bennett, ihrem Mann zurück. Ob nun geistig gereift oder nicht, das wird vllt der Nachfolgeband zeigen.
Unterbrochen wird diese dünne und nicht sonderlich originelle Handlung durch retrospektive Ausflüge in die Kindheit der Heldin mit ihrer bemerkenswert neurotischen Familie, durch die Schilderung ihrer ersten Ehe mit dem superintelligenten Brian, der aber leider, leider dem Wahn anheim fällt, eine Inkarnation von Jesus zu sein. Auch Charly, ihr nächster Freund (etwas waschfaul) erweist sich schlussendlich nicht als Prinz der Träume und alle hinterlassen Spuren in der Psyche unser Heldin. Das alles ist flott geschrieben, deutlich ausformuliert mit viel Witz, auch wernn er manchmal im Hals stecken bleibt. Wie ihr Alter ego hat auch die Autorin einige Jahre in Heidelberg gewohnt, ihre Meinung über die Deutschen, die sie hier so unverblümt wie alles andere äußert, ist nicht sonderlich hoch (die über die Österreicher auch nicht), modifiziert sich dann aber im Laufe der Zeit.
Facit: Mit einem Facit tu ich mich jetzt schwer. Ich ersönlich habe mir das Buch ganz gern noch mal vorgenommen (vor einigen Jahren hatte ich es schon mal gelesen) und da es schon allein aufgrund der Verkaufszahlen und des Bekanntheitsgrades eine Art moderner „Klassiker“ geworden ist, ist es kein Fehler, wenn man es kennt, es wird schließlich heute noch als feministisches Kultbuch angepriesen.
Da es außerdem frech und flott geschrieben ist, die Spannung auf das, was als nächstes passiert, hochgehalten wird, doch ja, sollte man vllt doch kennen, auch wenn es schon älter ist.
Nachtrag vom 17.07.2011:
wer aktuelleres von Jong zum Thema „Frauen, Sex und Ehe“ (in den USA) sucht, sei auf einen Beitrag bei „fuckermothers“ verwiesen…
Erica Jong
Angst vorm Fliegen
aktuelle TB-Ausgabe:
Ullstein Tb; 2004, 472 S.
ISBN-10: 3548258417
ISBN-13: 978-3548258416
von mir vorgestellte Ausgabe:
Fischer TB, 1983, 359 S.
ISBN: 3596220807







