hedaya

Matti Rosen sitzt mit seiner Frau Mira im Sprech- zimmer eines Arztes, die Frau beschreibt die Leiden des Mannes, jener versucht abzuwiegeln und der Arzt kennt dieses Schauspiel als Teil eines Rituals, das er schon so oft gesehen und mitgemacht hat. Der Mann wird sterben, an seinem Tumor im Kopf. Und die Frau wird bei ihm bleiben und ihn versorgen und begleiten, obwohl sie nicht weiß, wie sie das schaffen soll und obwohl sie weiß, daß es nie Liebe war, die Matti zu ihr trieb.

10 Jahre zuvor, als Dreißigjähriger, hatte Matti sich in eine Fünfzehnjährige, Alona, verliebt. Ein Jahr waren beide zusammen, ehe Alona ihn wortlos verließ. Matti hat dies nicht verwunden. Ein Blind Date hat ihn mir Mira bekannt gemacht, er, in seiner Lebenskrise, benimmt sich unmöglich, und trotzdem ist Mira bereit, ihm die Zuflucht zu geben, die er sucht. Ihre Hoffnung ist, daß die Liebe sich entwickeln wird, wenn sie erst einmal zusammen leben.

Doch sie leben nicht wirklich zusammen, sondern nur in einer Wohnung. Auch die beiden Söhne können dieses getrennt sein, fremd sein, nicht aufheben. Immer und überall glaubt Mira Alonas Schatten zu sehen. Umarmt und liebt Matti sie, spürt sie, daß er in seinen Träumen wieder bei Alona ist…. und Matti trauert seiner Liebe nach. Oder, wie Hedaya es Mira sagen läßt: „Unser Alltag war so banal, daß die Nächte zum Alptraum wurden…. Wir fürchteten uns beide vor dem Augenblick, in dem…. all die Kleinigkeiten, die uns bei Tageslicht beschäftigt hielten und dafür sorgten, daß wir nicht zueinanderkamen, vollbracht wären….

Die Pflege des immer siecheren Matti überfordert Mira, so daß sie ihn in ein Hospiz bringt. Dort, auf dem Flur, trifft sie immer wieder eine junge Frau vor Mattis Zimmer und sie weiß, das ist Alona. Schließlich sprechen sie sich an und Mira erkennt, daß der Hass auf Alona schwindet, daß Alona selbst für sie in ihrer Ehe eine ganz andere Bedeutung hatte als sie bisher glaubte.

Hedaya schreibt dieses Buch aus der Perspektive der drei Hauptpersonen. Abwechselnd läßt sie Mira, Alona und auch Matti erzählen, rollt die Vergangenheit auf und entwickelt aus dieser die Gegenwart. Insbesondere die häusliche Situation mit dem kranken Matti, der im Haus von der Frau versorgt wird, beschreibt sie sehr eindringlich und beklemmend. Dabei gelingt es ihr, in wenigen Sätzen, Wörtern vielleicht nur, darzustellen, wie (im folgenden Beispiel) für z.B. die Kinder alles, was sicher und gewiss schien, zusammenbricht:

[Die Kinder kommen nach Hause und treffen Mira, die Matti versucht, von der Kloschüssel hochzuhieven. Uri ist der ältere der beiden Jungs]: „…Uri .. blieb im Flur stehen und beobachtete, wie ich Matti – mit einer Hand sein Becken stützend, mit der anderen das Gummi seiner Pyjamahose haltend – ins Schlafzimmer führte, während mein Kind dort alleine erwachsen wurde und sich am Riemen seines bunten Ranzens festhielt.„.

Alles ist gesagt in diesem kleinen Satz, mit dem für Uri die Kindheit zu Ende geht, in dem Moment, in dem er seinen bewunderten Papi so hilflos und auch ohne Würde vom Klo hochgezerrt sieht und er von der Mutter mehr oder weniger geschickt zurück auf Sofa gebracht wird. Die heile Kinderwelt zerbricht und gibt den Blick auf Elend und auch auf den Tod frei.

Die Geschichte steuert auf das Treffen der beiden Frauen im Hospiz vor dem Zimmer von Matti zu. Dort endlich haben sie den Mut, sich anzusprechen und bauen Vorurteile und Hassgefühle ab. Sie kommen sich in ihrem gemeinsamen Schicksal näher und erkennen, daß auch sie einer Täuschung aufgesessen sind, sich was vorgemacht haben.

Facit: eine kleine, aber feine Erzählung. Die Stärke liegt für mich in der Person Miras und ihrer Darstellung der Ereignisse, Matti selbst und auch Alona sind bei weitem nicht so intensiv geschildert. Über allem aber liegt die Frage, was Glück ist, wie man es erringen kann, bewahren und erkennen…..

Yael Hedaya
Die Sache mit dem Glück
Diogenes Tb; Oktober 2008, 158 S.
ISBN-10: 3257237294
ISBN-13: 978-3257237290

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