congo

Was lange währt, wird endlich gut. Schließlich hatte ich das Buch ja schon seit letzten Weihnachten auf meiner Liste und jetzt habe es mir endlich auch mal aus der Buchhandlung mitgenommen und natürlich sofort gelesen, hat mich doch das Erstlingswerk von Pinol („Im Rausch der Stille„) so sehr begeistert.

Und so sehr mich die Stille begeistert hat, so ratlos läßt mich der Kongo zurück. Gefällt mir das Buch nun oder nicht? Welch schwierige Frage! Um es erst einmal festzuhalten: es ist ein sehr kurzweilig geschriebenes Buch, das sich sehr gut liest und das einen auch über weite Strecken in Bann zu schlagen weiß. Aber…

Aber. Im Gegensatz zur mystische angehauchten „Stille“, in die man so vieles hineininterpretieren konnte, ist das hier ein einfacher Abenteuerroman, der nach einem ganz ähnlichen Strickmuster aufgebaut ist wie der Erstling, ohne jedoch die Tiefe zu erreichen. Worum geht es überhaupt?

Kurz vor dem ersten Weltkrieg. Thomas Thomson ist ein junger Möchtegern-Schriftsteller, der sich (unwissentlich) als Ghostwriter eines Ghostwriters eines Ghostwriters eines Schundromanschreibers mit Sujet „Afrika“ verdingt. Durch mehrere tragische Todesfälle verliert er dieses Arbeitsverhältnis, fällt aber einem Rechtsanwalt auf, der ihn engagiert, die Lebensgeschichte eines Häftlings aufzuschreiben, der in Afrika zwei englische Aristokratensöhne umgebracht haben soll und vor Gericht ein sicheres Todesurteil erwartet. Durch diese Lebensgeschichte erhofft sich der Anwalt eine ev. neuen Ansatzpunkt für die Verteidigung zu erhalten.

Die Lebensgeschichte des angeblichen Mörders lautet grob verkürzt in etwa so: Nach einer schweren Jungend in einer heruntergekommenen Schaustellerfamilie findet er, Marcus Garvey, eine Anstellung im Hause des Generals Craver. Dessen beide Söhne sind Versager, fassen aber den Plan, nach Afrika zu gehen, denn dort locken Geschäfte mit hohen Gewinnen. Wegen seiner Französichkenntnisse nehmen sie Marcus mit auf die Reise.

Die Reise in den Kongo, dieses schier unendliche Waldmeer, ist hart und beschwerlich. Die als Arbeiter und Tragesel „engagierten“ Neger sterben wie die Fliegen und werden bei Gelegenheit wie eben solche auch umgebracht, bzw. bestraft. Schließlich, nach vielen, vielen Tagesmärschen, findet man durch Zufall Gold. Umgehend wird an diesem Ort eine Mine eingerichtet und die Neger wühlen sich in das Erdreich. Sie bauen sozusagen die Büchse der Pandora.

Eines Tages steht ein weißes Wesen vor ihnen, einem Menschen nicht unähnlich, aber doch anders. Unverständliches redet er, er wird verjagt. „Tekton“ glauben sie aus seinen Worten zu verstehen, so nennen sie ihn einen „Tektoner“. (Ein schlimmer Mensch, wer hier Parallelen zu den Froschmenschen sieht…. ). Kurze Zeit später tauchen mehrere von diesen weißen Wesen auf und durchwühlen die Zelte und die Ausrüstung der Expedition. Da kennen sie aber die Brüder Craver schlecht und aufgrund deren Gebrauch vom Gewehr haben sie auch keine Gelegenheit, dies nachzuholen.

Dann taucht eine heiße weiße Frau auf, die einer der Brüder unter seine Fittiche nimmt. Heiß meint, daß ihre Körpertemperatur um mehrere Grad über der der Menschen liegt. So stellt es Marcus fest, der sich in dieses Wesen verliebt. Er nennt sie Amgam.

Dann geraten irgendwann die Neger in der Mine (sie zu verlassen hat man ihnen verboten…) in Panik, weil sie Geräusche aus dem Erdreich kommen hören… um es kurz zu machen, eine Armee der unterirdisch lebenden Tektoner bricht aus diversen Gängen in die Mine, nach langen, verlustreichen Kämpfen bleiben auf beiden Seiten nicht allzuviele Kämpfer übrig. Letztlich nehmen die letzten überlebenden Tektoner die letzten überlebenden Menschen Marcus und die Craver-Brüder gefangen, es gibt eine lange Reise durch das Innere der Erde…. na ja, und irgendwann ist Marcus wieder in der Mine… Dort wartet seine Liebe Amgam auf ihn, sie klettern auf einen Baum und **** eine ganze Woche lang….. (Eine interessante Frage, die auch erörtert wird, ist die nach dem Verbleib der Ausscheidungen, wenn die zwei eine Woche lang….)

Das Buch wird ein durchschlagender Erfolg in England und es kommt, wie es kommen muss: Marcus wird freigesprochen vom Mord an den Craver-Brüdern. Schön kitschig, aber immerhin ein Ende. Nur – „Pandora im Kongo“ ist noch nicht zu Ende, Pinol demontiert sich auf den letzten Seiten des Buches selber, alles Geschriebene ist Lug und Trug, erfunden nur zu einem einzigen Zweck.. und damit erübrigt sich eigentlich jede Interpretation der Geschichte, die so erschwindelt wurde, daß Thomson daraus ein gutes Buch schreiben konnte, da er selbst an alles glaubte.

Übrig bleibt also die eingeflochtene Lebensgeschichte von Thomson selbst. Die Frage, die sich stellt, lautet also: warum glaubt der junge Mann diese abstruse Geschichte, die ihm dort aufgetischt wird, was treibt ihn, sich in die erfunden Amgam zu verlieben, so sehr, daß er sie sogar auf Londons Straßen zu erkennen glaubt? Ist es so, wie er an einer Stelle sagt, wenn man Tote lieben kann, warum dann nicht auch Menschen, die nie geboren wurden? Ein seltsamer Gedanke – auf den ersten Blick. Aber haben wir nicht alle schon für Menschen geschwärmt, die wir nicht gekannt haben, bzw. von denen wir nur ein (medial geformtes) Bild kennen? Ein Bild, das so ausgestaltet wird, daß wir uns in diese Figur verlieben müssen, weil es so gewollt ist? Ist nicht jede Idol/Fan-Beziehung etwas in diese Richtung? Genau das geschieht hier letztendlich auch, Amgam (und die ganze Geschichte) wird in enger Rückkopplung zu den Reaktionen Thomsons konstruiert, sie ist in gewissen Sinn eine Buchwerdund seiner Phantasien, die auf ihn selbst zurückwirkt, weil er sich und die Geschichte nie hinterfragt. In diesem Sinn kann man also schon eine kleine Moral aus der Geschichte ziehen……

Facit: ein gut lesbarer, spannender Abenteuerroman, der aber im Gegensatz zum Erstling von Pinol etwas die „Tiefe“ fehlt.

Albert Sanchez Pinol
Pandora im Kongo
Fischer Tb,, Frankfurt; 2009, 480 S.
ISBN-10: 3596174244
ISBN-13: 978-3596174249

schuhe

Bis zur „großen Katastrophe“ war Frederick Welin Arzt, Chirurg. Die „große Katastrophe“, der Kunstfehler, mit dem er einer Sportlerin den falschen Arm amputierte, hat ihn aus der Bahn geworfen. Er hat seinen Beruf aufgegeben und ist auf die Schäreninsel gezogen, auf der seine Großeltern gelebt hatten. Dort ist er allein mit seinen beiden Haustieren, einem alten Hund und einer alten Katze.

Seine Sozialkontakte sind sehr dürftig, erschöpfen sich in einer seltsamen Arzt-Hypochonder-Beziehung zu dem Postboten Jansson, der auf seinen Touren regelmäßig auf die Insel kommt. Im Grunde dämmert Welin auf der Insel in einer Art innerer Starre vor sich hin, Leben spürt er, wenn er im Winter sein Eisloch hackt und ins eiskalte Wasser steigt.

Eines Tages, es ist mitten im Winter, sieht er am Steg eine ältere Frau mit einem Rollator, von Jansson auf die Insel gebracht. Welin erkennt Harriet sofort, es ist seine Liebe, die er vor fast 40 Jahren heimlich und über Nacht hat sitzen lassen. Sie ist todkrank und kommt, um das Versprechen einzufordern, daß Welin ihr in der Jugend gegeben hat: den Waldteich, von dem er ihr damals erzählte, zu besuchen.

Hier fängt ein kleines Roadmovie an, sie fahren mit der alten Karre von Welin durch den schwedischen Winter, auf verschneiten Straßen, schlafen in kleinen Hotels, essen in billigen Raststätten, schweigen sich an und reden ab und zu. Schließlich finden sie den Teich, schwarz und zugefroren liegt er im Wald…

Auf der Rückfahrt (Welin hofft, daß die Störung seines Lebens bald vorbei ist und er wieder seinen gewohnten Lebensrythmus aufnehmen kann) will Harriet einen Umweg fahren. Sie kommen zu einem Wohnwagen, aus dem eine Frau aussteigt. „Dies ist dein/e Tochter/Vater!“. Obwohl im klar wird, daß er jetzt nie wieder zu seinem Leben zurück kann, wird Welin mit der Situation nicht fertig und fährt Hals über Kopf auf seine Insel zurück.

Dort findet er tatsächlich nicht mehr in sein altes Leben zurück. Aber er hat keine Ahnung, wie sein neues Leben aussehen könnte. Einzig versucht er, die Frau, der er seinerzeit den falschen Arm abnahm, zu finden. Er besucht sie in ihrem Haus, in dem sie schwererziehbare Mädchen betreut. So hat sein Leben innerhalb kurzer Zeit Zuwachs bekommen, drei Frauen sind eingetreten und haben ihn aus seiner Starre herausgeholt.

Mankell stellt diese drei Frauen: Harriet, die Mutter von Louise, Louise und Agnes, die ehemalige Sportlerin in Gegensatz zu Welin. Die Frauen sind stark, sie haben Entscheidungen für ihr Leben getroffen und setzen sie um, sie scheuen sich nicht, auch Konsequenzen solcher Entscheidungen zu tragen. Sie bekennen sich zu ihren Gefühlen, im Gegensatz zum Mann Welin. Für mich eine Schlüsselstelle des Buches sind folgender Gedanken Welins, nachdem Harriet ihm kurz vor ihrem Tod gesagt hat, nie hätte sie jemanden so geliebt wie ihn:

„… Das wühlte mich auf. Ich hatte es nicht erwartet. Nun war es, als könnte ich schließlich sehen, was der Verrat an ihr bedeutet hatte, für sie ebenso wie für mich.
Ich beging Verrat, da ich Angst hatte, selbst verraten zu werden. Mein Angst davor, mich zu binden, vor Gefühlen, die so stark waren, daß ich sie nicht kontrollieren konnte, hatte bewirkt, daß ich mich immer mehr zurückzog. Warum es so war, konnte ich nicht beantworten. Aber ich wusste, daß ich nicht allein war. Ich lebte in einer Welt, in der viele Männer herumgingen und auf die gleiche Art Angst hatten wie ich.“

Des Mannes Angst also, die Angst, sich zu binden, zu entscheiden, die Angst vor Gefühlen, die Angst davor, sich zu bekennen… das führt Mankell sehr ruhig und eindringlich vor. Die Frage nach Schuld und Sühne, nach Bekennen, nach den Lebenslügen und den Möglichkeiten diese aufzulösen, auch wenn das Leben schon fortgeschritten ist, diese Fragen stellt sich Welin und muss sie für sich beantworten. Das ist nicht einfach, unangenehme Wahrheiten hört er über sich und muss sie ertragen, er fühlt erst jetzt den Schmerz, den er über viele Menschen gebracht hat und vor dem er einfach immer geflohen ist. Nur hier, auf seiner Insel, auf der er sich so abseits wähnte, hier kann er jetzt nicht mehr fliehen, hier sitzt er fest und ist für jeden greifbar.

Melancholie und Schwere weht durch den Roman, düsterer schwedischer Winter und der regnerische Sommer, aber auch Menschen, die in dieser Umgebung fröhlich sein können und das Leben geniessen. Es ist ein Roman, der nicht durch die Handlung fesselt, sondern durch die Schicksale der Akteure, durch ihre Charaktere und durch die Gedankenwelten, durch die uns Mankell führt und die einem vielleicht an der einen oder anderen Stelle sogar bekannt vorkommen…..

Facit: ja, das Buch kann ich nur empfehlen!

Henning Mankell
Die italienischen Schuhe
dtv, 2009, 368 S.
ISBN-10: 3423211520
ISBN-13: 978-3423211529

musikmCorinna Harfouch liest Andersens Märchen: „Die kleine Meerjungfrau“ und wird dabei begleitet von Hideyo Harada, die auf dem Flügel aus den „Lyrischen Stücke„n von Grieg vorträgt.

Veranstaltungsort: St.Barbara-Kirche in Braubach am Rhein.

Ich empfinde diese (ehemalige) Kirche von aussen wirklich nicht als sehr schön, wuchtig und dunkel der Turm, auch wenn das Gebäude selbst durch sein Weiß heller daherkommt. Zudem liegt sie noch recht eng eingekeilt zwischen anderen Häuser und der direkt vorbeilaufenden Bahnlinie am Rand der Braubacher Altstadt. Innen ist sie viel netter, der Kirchenraum mit seiner umlaufenden Empore, die alten Holzpfeiler, es macht einen gemütlichen Eindruck

Leider/umständehalber sitze ich ohne Brille in der letzten Reihe, so daß ich von der Pianistin eigentlich garnichts sehe (gut, daß es die Bildergalerie gibt) und von Frau Harfouch auch nicht viel. Aber es ist ja eine Hörveranstaltung und das klappt noch ganz gut….

Harfouch liest das Märchen, man kann sich so richtig schön in ihre Stimme fallen lassen und das, was sie liest, in der Phantasie zu Figuren formen, zu Szenen, so daß sich das Märchen vor dem eigenen geistigen Auge wie auf einer Bühne abspielt. Nach jeweils einigem Minuten macht sie eine Lesepause, in der dann aus Griegs Lyrischen Stücken gespielt wird, mal lautere, mal leisere, passend zur vorher gelesenen Passage.

Insgesamt ein sehr schöner Abend, eine sehr harmonisch Vorstellung.

Einige Bilder von der Veranstaltung.

Veranstaltungsreihe: Mittelrhein-Musikmomente 2009

Seit langem wieder einmal ein Buch in meine Kategorie „aus.sortiert“: nach dem Lesen von gut der Hälfte habe ich den Rest noch überflogen und das Buch dann weggelegt. Ich will damit nicht sagen, es sei ein schlechtes Buch, nur – für mich eben ein falsches.

Schlafanzug

Worum geht es in diesem Buch, das vom Verlag als „Fabel“ bezeichnet wird (im Grunde hat damit die Irritation bei mir schon angefangen, denn es kommen ja überhaupt keine Tiere drin vor… ;-) [1]) und welches in einer einfachen, in der Tat fast an ein Märchen erinnernden Sprache, also offensichtlich für jüngere Leser, geschrieben ist?

Bruno, ein neunjähriger Junge, lebt mit seiner Schwester Grete, der Mutter und dem Vater in einem wunderschönen, interessanten Haus in Berlin. Eines Tages kommt er nach Hause und sieht, daß alle Sachen gepackt werden und die Familie umzieht.

Das neue Haus ist bei weitem nicht so interessant, es liegt einsam irgendwo bei Aus-Wisch, Bruno hat dort keine Spielkameraden, er kann nirgendswo hin gehen und ist garnicht glücklich. Wenn er aus dem Fenster seines Zimmer schaut, sieht er ein großes Areal, das eingezäunt ist und in dem viele Menschen wohnen, die alles gleich angezogen sind.

Nach einigen Monaten dort will Bruno seine Umgebung erforschen und geht am Zaun entlang. Irgendwann trifft er dort auf einen Jungen auf der anderen Seite der Absperrung, mit dem er sich anfreundet. Daraus entwickelt sich eine Freundschaft, die aber (wir ahnen es) nicht glücklich enden wird, denn auch dieser Junge mit dem seltsamen Namen Schmuel hat diesen gestreiften Anzug an.

So weit, so gut? schlecht?…..

Bruno ist in dem Buch ein neunjähriger Junge, die Erzählung spielt 1943 (in diesem Jahr hat in den Lagern in der Tat der Kommandant gewechselt [2]), mithin hat Bruno seine Kindheit in der „Hochzeit“ des Nationalsozialismus erlebt. Und trotzdem – so will es Boyne – kennt er den Führer (im Buch: den „Furor“) nicht, weiß nicht, wie er aussieht, kann mit dem gelben Davidsstern nichts anfangen, ich glaube, er weiß noch nicht einmal, was Juden sind….. und auch im Handlungsverlauf selbst ist er bemerkenswert lernrestistent, die Situation, die er in Aus-Wisch erlebt, durchschaut er nicht im geringsten. Daß sich in einem Lager, in dem sich Tausende Menschen befinden, die – so kann er beobachten – von Soldaten bewacht und schikaniert werden, irgendwas Schlimmes ereignet – auf die Idee kommt er offensichtlich selbst durch die Gesprächen mit Schmuel nicht….. Das war mir dann doch zu unrealistisch und gekünstelt.

Warum Boyne so wohl geschrieben hat? Ich denke mal, weil er wirklich ein Publikum im Blickwinkel hat, das mit den Vorgängen im Tausendjährigen Reich absolut unvertraut ist, wo er tatsächlich bei Null anfangen muss. Die Leserschaft in Deutschland fällt meiner Meinung nach nicht in diese Gruppe [3], wahrscheinlich zielt Boyne dann doch eher auf den angelsächsische Sprachraum ab.

Was ich für sogar kritisch halte, ist folgendes: wenn ein neunjähriger Junge (es gibt Weltgegenden, in denen Kinder dieses Alters schon für die Familie mitsorgen müssen.. in dem Alter ist ein Kind also schon in der Lage, Situationen zu beurteilen und einzuschätzen), nicht merkt, was im 3. Reich vor seiner Haustür (und nicht nur dort, sondern im Grunde ja sogar in seinem eigenen Haus) geschieht, ja, dann kann es ja nicht so schlimm gewesen sein…. und diesen Eindruck ggf. hervorzurufen, halte ich für gefährlich.

Nachtrag: heute ist mir der Gedanke gekommen, daß man das übernaive Nichtwahrnehmen wollen von Bruno natürlich auch als Bild sehen kann für den normalen Deutschen, von denen im 3. Reich ja auch keiner was gewusst hat….

Facit: ein sehr zwiespältiger Eindruck: als Erwachsenen hat mich die permanent zur Schau gestellte Ahnungslosigkeit von Bruno einfach mit der Zeit genervt und Kinder sollten das Buch sicher nicht ohne Begleitung durch Erwachsene lesen, damit nicht falsche Eindrücke entstehen.

John Boyne
Der Junge im gestreiften Pyjama
Fischer (Tb.), Frankfurt, 2009, 269 S.
ISBN-10: 3596806836
ISBN-13: 978-3596806836

[1] Begriffsbestimmung Fabel
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/Personal_im_KZ_Auschwitz
[3] Jugend und Holocaust

hedaya

Matti Rosen sitzt mit seiner Frau Mira im Sprech- zimmer eines Arztes, die Frau beschreibt die Leiden des Mannes, jener versucht abzuwiegeln und der Arzt kennt dieses Schauspiel als Teil eines Rituals, das er schon so oft gesehen und mitgemacht hat. Der Mann wird sterben, an seinem Tumor im Kopf. Und die Frau wird bei ihm bleiben und ihn versorgen und begleiten, obwohl sie nicht weiß, wie sie das schaffen soll und obwohl sie weiß, daß es nie Liebe war, die Matti zu ihr trieb.

10 Jahre zuvor, als Dreißigjähriger, hatte Matti sich in eine Fünfzehnjährige, Alona, verliebt. Ein Jahr waren beide zusammen, ehe Alona ihn wortlos verließ. Matti hat dies nicht verwunden. Ein Blind Date hat ihn mir Mira bekannt gemacht, er, in seiner Lebenskrise, benimmt sich unmöglich, und trotzdem ist Mira bereit, ihm die Zuflucht zu geben, die er sucht. Ihre Hoffnung ist, daß die Liebe sich entwickeln wird, wenn sie erst einmal zusammen leben.

Doch sie leben nicht wirklich zusammen, sondern nur in einer Wohnung. Auch die beiden Söhne können dieses getrennt sein, fremd sein, nicht aufheben. Immer und überall glaubt Mira Alonas Schatten zu sehen. Umarmt und liebt Matti sie, spürt sie, daß er in seinen Träumen wieder bei Alona ist…. und Matti trauert seiner Liebe nach. Oder, wie Hedaya es Mira sagen läßt: „Unser Alltag war so banal, daß die Nächte zum Alptraum wurden…. Wir fürchteten uns beide vor dem Augenblick, in dem…. all die Kleinigkeiten, die uns bei Tageslicht beschäftigt hielten und dafür sorgten, daß wir nicht zueinanderkamen, vollbracht wären….

Die Pflege des immer siecheren Matti überfordert Mira, so daß sie ihn in ein Hospiz bringt. Dort, auf dem Flur, trifft sie immer wieder eine junge Frau vor Mattis Zimmer und sie weiß, das ist Alona. Schließlich sprechen sie sich an und Mira erkennt, daß der Hass auf Alona schwindet, daß Alona selbst für sie in ihrer Ehe eine ganz andere Bedeutung hatte als sie bisher glaubte.

Hedaya schreibt dieses Buch aus der Perspektive der drei Hauptpersonen. Abwechselnd läßt sie Mira, Alona und auch Matti erzählen, rollt die Vergangenheit auf und entwickelt aus dieser die Gegenwart. Insbesondere die häusliche Situation mit dem kranken Matti, der im Haus von der Frau versorgt wird, beschreibt sie sehr eindringlich und beklemmend. Dabei gelingt es ihr, in wenigen Sätzen, Wörtern vielleicht nur, darzustellen, wie (im folgenden Beispiel) für z.B. die Kinder alles, was sicher und gewiss schien, zusammenbricht:

[Die Kinder kommen nach Hause und treffen Mira, die Matti versucht, von der Kloschüssel hochzuhieven. Uri ist der ältere der beiden Jungs]: „…Uri .. blieb im Flur stehen und beobachtete, wie ich Matti – mit einer Hand sein Becken stützend, mit der anderen das Gummi seiner Pyjamahose haltend – ins Schlafzimmer führte, während mein Kind dort alleine erwachsen wurde und sich am Riemen seines bunten Ranzens festhielt.„.

Alles ist gesagt in diesem kleinen Satz, mit dem für Uri die Kindheit zu Ende geht, in dem Moment, in dem er seinen bewunderten Papi so hilflos und auch ohne Würde vom Klo hochgezerrt sieht und er von der Mutter mehr oder weniger geschickt zurück auf Sofa gebracht wird. Die heile Kinderwelt zerbricht und gibt den Blick auf Elend und auch auf den Tod frei.

Die Geschichte steuert auf das Treffen der beiden Frauen im Hospiz vor dem Zimmer von Matti zu. Dort endlich haben sie den Mut, sich anzusprechen und bauen Vorurteile und Hassgefühle ab. Sie kommen sich in ihrem gemeinsamen Schicksal näher und erkennen, daß auch sie einer Täuschung aufgesessen sind, sich was vorgemacht haben.

Facit: eine kleine, aber feine Erzählung. Die Stärke liegt für mich in der Person Miras und ihrer Darstellung der Ereignisse, Matti selbst und auch Alona sind bei weitem nicht so intensiv geschildert. Über allem aber liegt die Frage, was Glück ist, wie man es erringen kann, bewahren und erkennen…..

Yael Hedaya
Die Sache mit dem Glück
Diogenes Tb; Oktober 2008, 158 S.
ISBN-10: 3257237294
ISBN-13: 978-3257237290

… hier in meinem Blog. Der Juli wird, so habe ich im Gefühl, nicht der Monat werden, in dem ich hier Rekorde breche, was Besprechungen angeht. Dabei habe ich garnicht mal das Gefühl, daß ich soviel weniger lese als sonst… Sicher, bei dem schönen Wetter wird auch manch anderes gemacht, liegt auch mal viel Arbeit ausserhalb des Hauses an, aber trotzdem….

Woran liegts? Nun, zum einen lese ich im moment eine Vielzahl von Büchern parallel, zum Teil schwierigere Texte, bei denen ich einen leichteren Ausgleich brauche. Dann habe ich natürlich auch Bücher, die ich gelesen und auch schon beschrieben habe, die ich aber (da Vorab-Leseexemplare) hier noch nicht einstellen kann. Die dümpeln also in der Warteschleife vor sich hin und kommen im Lauf der nächsten Monate hier an…

Also, wenn ich es mir recht überlege, ist es daher doch garnicht so viel weniger, was ich mir so an Büchern einverleibe….

Teil 2

Wer meinen Fotoblog vielleicht schon mal angesehen hat, der weiß, daß ich, bin ich mal in einer Stadt oder sonst einem steinernen Zeugnis unserer Kultur, eifrig meine Kamera zücke und dieses und jenes ablichte. Nun, meist geht es mir wie einem laienhaften Weintrinker („schmeckt, schmeckt nicht“), ich kann nur sagen: „oh ja, das gefällt mir, das ist interessant, das fällt aus dem Rahmen, das lohnt sich…“ Warum, das kann ich meist nicht, aber ich denke, da bin ich auch in „guter“ Gesellschaft, den meisten wird es so gehen.

Deswegen habe ich mir das Büchlein von Kiesow besorgt. Kiesow, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Denkmalspflege, hat hier in kurzen Stichworten (man sieht es ja schon am Umfang) einige Themen, die auch einen Laien interessieren, herausgegriffen und erläutert: Wie sich eine Stadt im Spaziergang erschließt, was an FAchwerkfassaden zu entdecken ist und welche Einblicke mittelalterliche Kirchen gewähren. Ausserdem läßt er Steine sprechen, deutet Tiermotive und sagt, was sich hinter Zahlen verbirgt. Beim Lesen der Kapitel hatte ich so manches „Aha“-Erlebnis, so weiß ich jetzt zum Beispiel, was es mit der roten Farbe am Limburger Dom auf sich hat und was die Löcher, die man ab und an im Mauerwerk alter Gebäude sieht, bedeuten.

Facit: ein dünnes Buch mit großer Wirkung.

Gottfried Kiesow
Kulturgeschichte sehen lernen (Band 2)
Deutsche Stiftung Denkmalschutz; Dezember 2004, 104 S., geb.
ISBN-10: 3936942145
ISBN-13: 978-3936942149

nacht

Ich habe mich, da mir die beiden ersten Bücher von Klönne („Unter dem Eis“ und „Der Wald ist Schweigen“ so gut gefallen hatten, auf die TB-Ausgabe (man hat ja schließlich doch nur ein begrenzt großes Bücherbudget…) von „Nacht ohne Schatten“ gefreut. So, und was schreib ich jetzt? Bei den Leserkritiken bei amazon kommt das Buch ja sehr gut weg, aber ich muss bekennen, mir gelingt diese ungeteilte Zustimmung nicht.

Zuerst einmal grob die Handlung: ein S-Bahn-Zugführer wird ermordet, die Spuren sind mehr wie mager. Am nächsten Tag brennt eine Pizzeria in der Nähe des Tatorts ab, aus dem Keller kann ein junges Mädchen, die dort offensichtlich als Prostituierte gehalten wurde, gerade noch vor dem Verbrennen gerettet werden. Der einzige Zusammenhang mit dem Mord vom Vortrag sind erst einmal die zeitliche und die örtliche Nähe. Dann spielt noch ein Haus voller KünstlerInnen, aus dem man den Tatort auch hätte beobachten können, eine Rolle, weil nämlich auch von denen eine spurlos verschwindet. Am Schluss gibt es dann ein spannendes Ende und der Bösewicht bekommt eben das verdiente.

In der Hauptsache aber handelt das Buch von Judith Krieger, der Hauptkommissarin, die durch diesen Fall daran erinnert wird, das sie früher mal voller Idealismus feministische Ziele vertreten hat und für die Rechte der Frauen kämpfen wollte. Alles im Zusammenhang mit Prostitution ist für sie eine Erniedrigung der Frauen, insofern steht sie auch mit den geänderten liberalen Gesetzen zur Prostitution vom Dezember 2001 auf Kriegsfuss, da es ihrer Meinung nach weiterhin die Macht der Männer über die Frauen zementiert, weil es das Gewerbe praktisch legalisiert, ohne daß sich in der Praxis für die Frauen viel ändert. Damit exponiert und isoliert sie sich im Kreis der Kollegen sehr und so splitten sich auch schnell die Theorien über die aufzuklärenden Verbrechen auf. Dies führt soweit, daß Judith Krieger, die alte Kontakte aus ihrer Vergangenheit wieder aufleben läßt, sogar beurlaubt wird.

Auf der anderen Seite ist ihr Kollege Manni Korzilius. Dieser verfolgt eine andere Theorie, beide arbeiten mehr gegen- als miteinander und bekommen sich wieder in die Haare. Ein großer Teil von Manni K.s Gedankenwelt wird von Sonja beherrscht, der Frau, die er für sich erobern will. Und so hat er dann auch am Schluss im entscheidenden Moment mal wieder das Handy ausgestellt…..

Die dritte wichtige Person im Buch ist die Russin Ekaterina Petrowa, die von den Solowetzkij-Inseln stammt, samischer Abstammung ist und in Deutschland als Pathologin arbeitet und ein Modellprojekt „Häusliche Gewalt gegen Frauen“ betreut. Ihre Großmutter war Schamanin. Als Petrowa noch ein Kind war wurde diese von jungen Männern mit toten Augen geholt und aus einem Hubschrauber geschmissen („Wenn du Schamanin bist, flieg!“). Nun trägt sie dieses Trauma mit sich herum und spürt auch, daß sie das Erbe ihrer Großmutter nicht verleugnen kann. Als Pathologin sehr kompetent, hat sie große Schwierigkeiten, mit ihrer Vergangenheit umzugehen und sich auf die realen Verhältnisse, in denen sie in Deutschland lebt, einzustellen.

Soweit zu Handlung und Personen. Der Fall selbst, die Aufklärung, die verschiedenen Spuren, das ging mir alles zu wirr. Dann noch diese mystische Komponente durch die Petrowa, die psychologischen Probleme der Krieger, der sonjafixierte Manni, der unter einem Pseudonym Freierforen, Bordelle und Straßenstrich auf der Suche nach Anhaltspunkten zur Aufklärung des Falles durchforstet – irgendwie „ging“ das nicht an mich, hat mir nicht gefallen. Es wirke alles etwas zu überfrachtet, zu viel des Guten für einen einzigen Roman. Klönne hätte ihre „Botschaft“ wahrscheinlich (für mich zumindest) klarer vermitteln können, wenn sie vielen Nebenschauplätze vermieden hätte und auch der Krimihandlung hätte eine stringentere Handhabung gut getan.

Denn natürlich packt Klönne hier gesellschaftliche Entwicklungen an, die voller Probleme stecken: zum einen der „Menschenhandel“ mit jungen Frauen aus vorwiegend Osteuropa, die unter falschen Versprechungen nach Deutschland gelockt, hier auf übelste Art und Weise als Ware „verheizt“ werden und zum anderen die immer größer werdende gesellschaftliche Akzeptanz von Erotik und Sex als Alltagsphänomen in z.B. der Werbung. Ein schönes Beispiel für das, was ich meine: in der Print-Ausgabe der ZEIT von dieser Woche ist unter einem Beitrag über Intimrasur (allein die Tatsache, daß die ZEIT sich dieses Themas – in ihrer „Wissen“-Seite…. annimmt) eine rasierte weibliche Scham in Großaufnahme zu sehen (im online-Beitrag übrigens nicht….). Dazu kann man sich natürlich fragen: a) warum weiblich, nicht männlich, b) warum überhaupt das Thema/ein Bild/dieses Bild (siehe online-Ausgabe), c) warum nicht auch in der online-Ausgabe das Schambild und d) hätte die ZEIT dieses Bild vor z.B. 10 Jahren ebenfalls schon gedruckt… Es sind einfach in den letzten Jahren Hemmschwellen in der Gesellschaft gesenkt worden, die auch und gerade die kriminellen Seiten des Geschäftes mit Sex begünstigen. Dies im Rahmen eines Krimis anzureißen und ggf Problembewusstsein zu wecken, ist jedenfalls positiv. Nur ist mir in diesem Roman leider nicht klar geworden, ob Klönne einen Krimi schreiben oder sich über diese gesellschaftlichen Tendenzen auslassen wollte.

Facit: weniger wäre mehr gewesen, vielleicht haben meine Erwartungen auch einfach nicht auf das Buch gepasst…. trotzdem: immer noch lohnenswertes als manch anderes Buch zu lesen.

Gisa Klönne
nacht ohne schatten
Ullstein TB-Verlag, Juli 2009, 366 S.
ISBN-10: 3548280579
ISBN-13: 978-3548280578

19

Sterling, New Hampshire. Eine High School, wie es sie zu Tausenden in den USA gibt, alles völlig normaler Durchschnitt – bis zu dem Tag, an dem Peter Houghton das Schultor durchschritt, auf dem Parkplatz eine Bombe zündete und dann mit einem Rucksack voller Handfeuerwaffen in das Gebäude ging, um auf jeden zu schießen, den er sah. Zwischendurch frühstückte er in der Cafeteria und ging dann seinen blutigen Weg weiter, bis er schließlich (lebend) von der örtlichen Polizei überwältigt wird.

10 Tote gehen auf sein Konto, viele körperlich Verletzte und sehr, sehr viele seelisch Verletzte.

Die Fakten, so wie sie uns von Picoult dargelegt werden, sind klar. Auch am Ausgang der Gerichtsverhandlung kann nicht im Ernst gezweifelt, es gibt Hunderte von Zeugen für das Massaker.

Picoult erzählt in ihrem Buch über diesen fiktiven Amoklauf die Geschichte von Peter Houghton, dem Kind einer Hebamme und eines Collegeprofessors, der in der Familie immer so ein klein wenig die zweite Geige hinter seinem ein Jahr älteren Bruder spielt. Spätestens mit dem Beginn der Schule, dem ersten Schultag, ist klar, daß diese Jahre für Peter ein Martyrium werden.. er erweist sich als das ideale Mobbing-Opfer, er kann sich nicht wehren, ist ein Bilderbuchlooser. In den ersten Jahren hat er in Josie, der Tochter von Alex, einer Juristin, eine Freundin, die sich für ihn prügelt, die ihn schützt und ihm hilft. Doch in der Pubertät, mit den sich bei ihr einstellenden Problemen der Selbstwahrnehmung und -findung, als es für sie wichtig wird, die „richtigen“ Mitschüler zu kennen, in der richtigen Clique aufgenommen zu werden, kann sie sich den Kontakt zu Peter nicht mehr leisten. Peter vereinsamt daraufhin noch mehr, schafft sich eine Parallelwelt im Compüter, programmiert Spiele, in denen die Looser die Sportkanonen wegpusten und derart das Spiel gewinnen können.

Und als Peter dann eines Tages der absoluten Lächerlichkeit preisgegeben und zum Gespött der gesamten Schule gemacht wird, da rastet etwas in ihm aus, da erträgt er seine Situation nicht länger.

Picoult unternimmt in ihrem Buch ein kleines Wagnis, indem sie nicht einfach nur verurteilt, sondern darstellen will, daß ein junger Mensch mit entsprechender Veranlagung durch seine Umwelt in einen psychischen Zustand getrieben werden kann, aus dem heraus solche Taten erklärbar sind. Mit der Figur des Verteidigers von Peter führt sie die Posttraumatische Belastungsstörung [1] als (ein) Erklärungsmodell ein. Bei Menschen, die unter PTSD (post traumatic stress disease) leiden, findet man eine Fülle von Symptomen wie Vermeidungsverhalten (Orte, Personen, Aktivitäten), belastende Träume, intensives Leiden nach Kontakt mit auslösenden Reizen:

Psychologisch gesehen besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen der Therapie eines jungen Menschen, der über Jahre hinweg von Mitschülern schikaniert wurde, under der Therapie einer erwachsenen Frau mit Misshandlungssyndrom. Letztendlich lautet die Diagnose bei beiden auf posttraumatische Belastungsstörung. … Wussten Sie, dass die Langzeitfolgen für jemanden, der als Kind ein einziges Mal Opfer von Schikanen war, genauso traumatisch sein können wie für jemanden, der in der Kindheit ein einziges Mal sexuell missbraucht wurde?…. Der gemeinsame Nenner dabei ist die Erniedrigung.“ [S. 300]

An die Waffen zu kommen, war für Peter leicht. Sein Vater nahm ihn schon früh mit auf die Jagd und hatte entsprechend Gewehre zu hause, beim Nachbarn fand Peter durch Zufall Pistolen in der Zuckerschüssel versteckt….So waren alle Zutaten vorhanden, aus Peter einen Amokläufer werden zu lassen.

Natürlich erinnert das Buch sofort stark an „… Kevin…“ [2], aus dem Grund habe ich es auch spontan mitgenommen. Im Stil sind sie dann doch unterschiedlich. Entwickelt Shriver ihr Buch in langsamen Schritten, greift Picoul mehr zu schnellen Schnitten. Oft wechseln die Abschnitte schnell zwischen verschiedenen Personen, Orten auch Zeiten. Es gibt eine Menge Rückblenden und auch Zeitsprünge nach vorne, auch geschieht bei Picoult das Massaker ziemlich am Beginn des Buches und sie rollt die Entwicklung von Peter von dort aus auf. Bei Shriver hingegen läuft alles auf das Massaker hin, das als quasi zwingender Abschluss eines „bösen“ Lebensweges steht.

Auch im Ansatz unterscheiden sich beide Bücher. Bei Shriver stellt Eva Khatchadourian zwar ihre Eignung als Mutter durchaus in Frage, aber im Grunde wird Kevin als böser Mensch dargestellt, den keine auch noch so gute Erziehung hätte in eine andere Bahn lenken können. Bei Peter hingegen ist die Entwicklung anders. Durchaus nicht einfach und wahrscheinlich auch nicht dem „Durchschnitt“ entsprechend, ist er jedoch trotzdem ein normaler junger Mensch, der eben nur das Pech hatte, sich als Opfer zu eignen. In einer anderen, weniger rücksichtslosen Umgebung wäre aus ihm (nach Picoult) nie ein Massenmörder geworden.

Das Buch hat mir sehr gut gefallen, auch wenn dann ab der zweiten Hälfte der nüchterne, z.T. reportagehafte Stil etwas aufgegeben wird zugunsten einer „Herz-Schmerz“-Komponente: die Elite-Juristin Alex erkennt, daß sie als Mutter versagt hat und will alles ändern, der Detective ähnelt lonesome wolf härri und verliert aber jetzt sein Herz an — na, an wen wohl? Der Verteidiger ist ohne Fehl und Tadel und sowieso der Rächer der Enterbten und das Sozialgefüge einer amerikanischen Highschool kennt keine Gnade. Und da ja auch nichts so ist, wie es scheint, muss ganz zum Schluss noch eine kleine, unerwartete Wendung ins Spiel gebracht werden….

Facit: Abgesehen von diesen Kritikpunkten (die den Lesespaß aber nicht trüben) absolut empfehlenswert.

[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Posttraumatische_Belastungsstörung
{2] L Shriver: Wir müssen über Kevin reden

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