Chimo: Sagt Lila

11. Juni 2009

chimo

“Sagt Lila” erzählt die Geschichte von Chimo und Lila, die in einem der Paiser “Banlieues” leben, in den Tag hineinleben. Chimo ist Araber und trifft Lila, die etwas jünger ist als er, Lila, die so blond ist, als hätten “Seidenraupen golden Fäden gekackt” plappert auf Chimo ein wie noch nie ein Mensch. Schon bei ihrer ersten Begegnung hebt sie den Rock für ihn, sie treffen sich öfters und Lila redet mit ihm und er merkt sich die Worte und nachts schleicht er in sein Büro, das er sich eingerichtet hat in irgendeinem der Häuser, von denen man nicht weiß, ob sie nie fertiggestellt wurden oder schon wieder zerstört sind richtet es sich ein mit einer Bank und einem Tisch aus Steinen mit einer Kerze drauf, die er einer blinden Frau geklaut hat, die sie eh nicht braucht und er hat sich jedes Wort, das Lila gesagt hat gemerkt er kann sich gut Worte merken er hört ein Gedicht und kann es auswendig und wenn er in der Schule das Gedicht aufsagen soll macht er extra Fehler rein damit die anderen ihn nicht verachten weil er so gut ist und einmal holt ihn die Lehrerin zu sich und sagt, er hätte eine schlecht Rechtschreibung aber er würde gut schreiben und schon waren die anderen da und zischten “Schleimer” und verjagten die Lehrerin, die nie wieder so mit ihm sprach. Er kennt so wenig Wörter, hört immer dieselben wie zum Beispiel Schlampe, Scheiss, Sack oder Macker die die Jungs gebrauchen wenn sie reden und rumhängen, rumhängen und nichts tun und vom nichtstun ganz rappelig werden, gefangen ist er in den wenigen Wörtern die er kennt und er spart auf ein Wörterbuch, um aus dem Käfig herauszukommen und Lila erzählt so viel, so unerhörte Sachen, sie holt ihm auf dem Fahrrad einen runter und verspricht ihm mehr sie ist ein Engel und “….die Zähne müssten ihr ausfallen vor Scham, aber von wegen, leicht wie ein Sommerwind kommt das daher, nichts geht kaputt, es streichelt sogar.” …..

Es ist eine zutiefst traurige, deprimierende, anrührende Geschichte, die dieser Chimo erzählt, eine Geschichte voller Hoffnungslosigkeit, Verrohung, Gewalt, die Geschichte von Menschen, die keine Zukunft haben, die sich aufgegeben haben. Die von der Hand in den Mund leben an Orten, an denen man nicht an der Häuserwand gehen sollte, weil der Müll nur noch aus dem Fenster geschmissen wird, weil es stinkt und dreckig ist und kaputt und keiner sich darüber mehr aufregt – außer Chimo, der dies sieht und der von Lila angesprochen wird und sich immer mehr in dieses seltsame Mädchen verliebt, die ihm die Kraft gibt, zu schreiben, seine Gefühle in Worte zu fassen.

Man kennt diese Banlieus aus dem Fernsehen, wenn dort Unruhen sind, Autos brennen und die Polizei martialisch einmarschiert. Chimo schildert den Alltag in diesen Vierteln aus der Innensicht, das ganz normale Leben dort, das so ganz anderen Regeln gehorcht, in das sich aber auch (fast) alle eingefunden haben. In weiten Passagen ist die Eindringlichkeit, mit der dies in einfachen Worten und Sätzen geschieht, erschütternd. Und in dieser Umgebung blüht die Liebe auf, die Chimo für Lila empfindet, keine romantische Liebe, denn für Romantik ist “Vieux Chêne” der falsche Ort. Entsprechend derb ist die Sprache, voll mit Begriffen, die sich auf Hans reimen, auf Rasen oder blitzen, auf Böse oder auf ticken… Aber bei allem pornographischen Sujet bewahrt sich die Liebesgeschichte gerade wegen ihrer Direktheit und Gradlinigkeit eine Unschuld, sie ist nie auf Effekt hin geschrieben, sondern sie ist einfach so. Und nicht anders.

Das Buch wird mit einer Geschichte verkauft. Ob sie wahr ist – ich kann es selbstverständlich nicht beurteilen. Angeblich wurde das Manuskript (zwei gewöhnliche Schulhefte voller Streichungen und Fehler) dem Verlag über einen Rechtsanwalt angeboten, über die Identität des Autoren sei nichts bekannt.

Der Roman hat seinerzeit wohl für Aufsehen gesorgt, es wurde auch fürs Theater adaptiert, weiter unten sind zwei Links zu Theaterbesprechungen. Ich bin drauf aufmerksam geworden durch Nina Petris Lesung im März, in der sie die Eingangspassage las, die seinerzeit an zwei, drei Stellen für erstaunte “Oh´s” sorgte….

“Sagt Lila” ist offensichtlich im Buchhandel nicht mehr erhältlich, wer es haben will, muss sich also über den antiquarischen Buchhandel bemühen.

Facit: Kurz, aber heftig. Eine Geschichte, die einen noch eine zeitlang in Bann schlägt.

Links:

http://www.chimo-sagt-lila.de.vu/
http://www.badische-zeitung.de/freizeit/theater/chimo-lila-und-die-liebe–11041223.html
http://www.nahaufnahmen.ch/auf-der-buhne/chimo-sagt-lila-luzerner-theater-ug.html
einige clips bei youtube

Chimo
Sagt Lila
Engelhorn, 1997, 189 S.
ISBN-10: 3872032496
ISBN-13: 978-3872032492

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