Simon Beckett: Die Chemie des Todes
Juni 8, 2009

Dick und fett, quer über den Einband: Bestseller. Na ja… ich habe das Buch von einer Bekannten bekommen und da ich gerade mit meinen Charitos fertig war, kam sie mir gerade recht, die Chemie des Todes.
Worum geht es? Ein offensichtlich sich in einer Lebenskrise befindlicher Arzt trifft im englischen Hinterland in einem kleinen Ort ein, wo er sich auf eine Stelle in einer Praxis bei einem durch einen Unfall behinderten Kollegen beworben hat. .. Schnitt .. Jahre später, Mr Hunter, der junge Arzt, ist immer noch in dem Kaff und arbeitet in der Praxis. Trotzdem ist er auch nach den 3 Jahren, die er im Ort lebt, für die Einheimischen ein Fremder geblieben.
Eines Tages wird eine schlimm zugerichtete Frauenleiche gefunden, ein paar Tage darauf noch eine. Beide Frauen wohnten bzw. stammten aus Manham und es breitet sich die schlimme Erkenntnis aus, daß der Täter aus den Reihen der Einheimischen stammen muss. Der untersuchende Kommissar recherchiert Hunters Vergangenheit und enthüllt, daß jener seinerzeit der führende forensische Anthropologe Englands war. CSI, Kathy Reichs und P. Cornwall (um nur die bekanntesten zu nennen…) lassen grüßen… Sehr widerwillig läßt sich Hunter in die Ermittlungen einspannen.
Jetzt gibt es die üblichen Versatzstücke: in seinen Träumen enthüllt sich die private Tragödie, vor der Hunter seinerzeit geflohen ist, er lernt eine junge Lehrerin im Ort kennen, die Polizei hört nicht auf ihn, ein weiterer Toter wird gefunden, er verliebt sich in die Lehrerin, die ihn von seinem Schuldgefühl heilt, aber gleichzeitig auch als weiteres Opfer prädestiniert ist, Verdächtige werden aufgebaut und z.T. auch wieder entlastet, der Ekelfaktor des Lesers wird durch eine moderat eingesetzte Beschreibung von Tatort und/oder Leiche befriedigt und.. und .. und… soweit alles ziemlich konventionell….
Beckett beschreibt, wie sich im Ort langsam eine vergiftete Atmosphäre des Misstrauens, der Gewalt und der Verdächtigungen aufbaut, die der örtliche Geistliche nutzt, um die Einwohner noch weiter aufzuwiegeln. So gerät auch Hunter in die Fänge der selbsternannten Wächter…. In diesem Ort bleiben Fremde ein Leben lang Fremde, Abschottung ist hier die Devise.
Insoweit ist eigentlich alles vorhersehrbar in diesem Roman. Selbst daß der penetrant zum Verdächtigen aufgebaute gerade ob dieser Penetranz sicher nicht der Täter ist, verwundert kaum. Zum Schluss hat mich Beckett aber dann doch mit einer Volte überrascht, mit der er den wirklich Bösen hinter dem sozusagen von jenem instrumentalisierten Bösen präsentiert. Aber mehr will ich nicht verraten, außer, daß der Autor sich dadurch natürlich gezwungen sah, eine irgendwie halbwegs plausible Story zu erfinden, die diese Volte erklärt. Und so müssen sich ob der langatmigen Erklärungen und Erläuterungen die im Hintergrund und im Vordergrund vor sich hinsterbenden mit ihrem endgültigen (oder auch nicht) Ableben gedulden und einen langen Atem bewahren, weil – man wird ja kaum fertig mit den Erklärungen…… nun ja, diese Aufklärung für die ganz Dummen, dieser offensichtlich immer gegen Ende einer Geschichte einsetzende Sprechzwang beim Bösewicht – der stört mich schon seit Jahren. Meine Güte, erklären die wirklich haarklein all ihre Motive und Beweggründe … na gut.
Facit: konventionell, aber keineswegs sensationell. Eine gut geschriebene, gut lesbare, zum Teil sogar spannende Unterhaltungslektüre
Simon Beckett
Die Chemie des Todes
Rowohlt TB, 2007, 432 S
ISBN-10: 3499241978
ISBN-13: 978-3499241970



Juni 9, 2009 at 4:08
Konventionell? Da überlege ich – was heißt das schon?
Ist es nicht ein ganz typischer Thriller/Krimi (in welches Genre packt man ihn?)…? Und die sind dann wohl zu 99% konventionell
Ich habs jedenfalls ganz gerne gelesen.
Typische Lektüre für eine „ich will abschalten, lesen und nicht denken“ Stimmung.
Juni 10, 2009 at 4:37
Gute Frage, Anne-Kathrin, da muss ich ja jetzt direkt nachdenken…
Ich habe ja geschrieben, daß ich das Buch für einen guten, zum Teil durchaus spannenden Lesestoff halte. Nur – das sind viele Bücher, die aber nicht diesen Erfolg haben wie Beckett mit seiner „Chemie..“ und wohl noch mehr mit seinem Nachfolger, der „Asche„. Insofern hatte ich mir einfach mehr erwartet, was immer dieses „mehr“ auch hätte sein können, ob nun ein raffinierterer Plot, ein hintergründigerer Humor oder eine etwas weniger simplifizierende Darstellung der Reaktion des Ortes auf die Erkenntnis, daß das Böse unter ihnen lebt. Das Buch geht kein Risiko ein, bedient genre übliche Klisches, ja, das meinte ich mit „konventionell“ und du wahrscheinlich mit „typisch“.
btw: paula hat mich in ihren bann gezogen!
lg
fs
Juni 10, 2009 at 4:12
Bei mir war es genau umgekehrt. Ich hatte mir weniger erwartet und es fast in meinem Regal versauern lassen.
Ich dachte es wäre ein allzu typischer Krimi, abgekupfert von Gerritsen, Nesser und Co.
Aber ich fand ihn dann doch ziemlich besonders. Nicht unbedingt was die Story und die Verstrickungen betrifft, sondern die Atmosphäre.
Hitze und Insektensurren passt einfach hervorragenden zum Thema Tod.
Sie wiegt einen einerseits in Sicherheit, ein warmer behaglicher Kokon … und lässt einem angesichts der Geschehenisse doch einen eisigen Schauer über den Rücken laufen.
Dazu dann die Einbindung der Natur, die Geräusche des Waldes, der Blick auf den See und die begrenzte Möglichkeit der Täter, durch die abgeschiedene Dorfgemeinschaft; ich fand es herrlich.
Wirst Du den zweiten Teil auch lesen?
Juni 10, 2009 at 8:20
Ja, da gebe ich dir recht. Dadurch, daß Beckett die Fundorte der Leichen in die Natur verlegt hat, kann er natürlich das ganze Panoptikum der (leicht) ekelerregenden Verwesung von Leichen ausspielen. Überhaupt rührt man ja beim Umgang mit Leichen an ein Tabu, wenn dann noch auf solche Orte wie die Body Farm angespielt wird bzw. diese ja im Grunde nachgestellt wird in den von ihm geschilderten Szenen, dann ist man zum einen abgestoßen, andererseits natürlich auch irgendwie fasziniert. Solche Tabubrüche (nicht umsonst feieren Pathologen und Forensiker im Moment solche Triumphe, was das Krimigenre angeht) sind immer eine halbwegs verläßliche Garantie auf Erfolg. Es ist ja auch nichts verkehrt daran, wie gesagt, gute Unterhaltung war es allemal.
Ja, meine Bekannte hat mir auch die „Asche“ gegeben, den werde ich auch lesen, klar. Aber erstmal sind noch zwei andere dran – und Thursday Next wartet auch schon lange (HILFE: ich brauche Tage mit 36 Stunden….) …. btw: das dritte Buch von Beckett soll jetzt ja auch erscheinen….
lg
fs