Martin Suter: Lila, Lila
Mai 31, 2009

„Lila, Lila“ erzählt die Geschichte von David Kern, die – so das Stoßgebet – hoffentlich nicht traurig enden mag. David ist Gelegenheitskellner in einem Szenelokal und versucht dort vergeblich, in einer der Cliquen, die dort regelmäßig auftauchen, heimisch zu werden. Er ist ein leiser Mensch, der nicht aufbegehrt, der im Grunde macht, was man ihm sagt, der sich widerspruchslos in die Gegebenheiten einfindet. Um zu gefallen, liest er sogar die Geschichte von Hasenherz….
Durch einen Zufall spielt das Schicksal ihm eine Chance in die Hand, Marie, die eines Abends in dem Lokal auftaucht und in die er sich sofort verguckt, zu beeindrucken. In einem alten Möbel, das er beim Trödler erstanden hatte, lag in einer verklemmten Lade das Manuskript zu einer traurigen, aber anrührenden Liebesgeschichte. Diese nimmt er an sich, setzt seinen Namen als Autor drunter und gibt sie Marie, die sich auf ihr Literaturstudium vorbereitet, zum Lesen.
Marie ist begeistert von der Geschichte und schickt diese (gegen den erklärten Willen Davids und ohne sein Wissen) an einen Verlag. Und dort wird sie angenommen.
Von nun an gründet sich Davids Leben auf einer Lüge, denn anstatt jetzt reinen Tisch zu machen, läßt er einfach alles laufen, läßt sich promoten, geht auf Lesereise und irgendwann erscheint im wichtigen Feuilleton die entscheidende Rezension des Großkritikasters, die verkündet: „Lila, Lila ist der Roman, auf den wir so sehnlich gewartet haben: Das Ende der Knabenwindelprosa.“. Von nun an befindet sich David, der langsam Gefallen findet an seiner Rolle als Autor, auf der Erfolgsspur.
Dies auch privat, denn Marie verliebt sich in – nein, nicht in David, sondern in den Mann, der so ein Buch, so eine Geschichte schreiben kann wie die von Sophie und Peter, den beiden Liebenden aus „Sophie, Sophie“. Je größer der Erfolg, desto weniger bringt es David fertig, die Wahrheit einzugestehen, aber (man fibert als Leser diesem Moment förmlich entgegen) eines Tages, bei einer Signierstunde, kommt ein Mann, der das Buch für einen gewissen Alfred Duster signiert haben will. Und dieser Alfred Duster ist der wahre Autor von Davids Buch.
David läßt sich von dem beredten, aufdringlichen, älteren Kerl von nun an erpressen, sein Verhalten wird für seine Umwelt immer rätselhafter und letztendlich (ich will ja auch nicht zuviel verraten von der Story) fängt seine Geschichte immer mehr an der von Peter zu ähneln…
Suter gelingt es in seinem Roman ein Leben zu beschreiben, das in einer Blase stattfindet, nämlich in der Illusion, sich ein Leben zurechtschneidern zu können aus Versatzstücken. Dies gelingt aber nicht, und die Unausweichlichkeit dieses Misslingens (David ist natürlich nicht in der Lage, ein zweites Buch zu schreiben, er läßt sich erpressen, entfremdet sich mit Marie…) führt Suter ganz klar vor. Zu keinem Zeitpunkt hat sein „Held“ die Kraft, zu sagen: „Halt. Bis hierhin und nicht weiter. So ist die Wahrheit und jetzt schau ich, was sich daraus entwickelt.“ Dann hätte er eine Chance gehabt, so aber lebt er ein Leben mit einem ungedeckten Kredit in der Tasche.
Der Plot ist, einmal in Szene gesetzt, nicht sonderlich überraschend. Trotzdem gelingt es dem Autoren, ihn spannend und fesselnd darzulegen. Auch die kleinen Seitenhiebe auf den Literaturbetrieb (ich gehe mal davon aus, da steckt einiges an Insiderwissen drin) sind sehr lehrreich und kurzweilig, frei nach dem Motto: was man immer schon ahnte…. Von den Personen sind David in seiner Schwäche, seinen Sehnsüchten und seiner Unentschlossenheit, ebenso wie Jacky, sein unerbetener Freund, sehr plastisch beschrieben. Marie bleibt etwas blass, aber das ist nur eine Marginalie.
Natürlich ist das Buch auch ein Spiel mit verschiedenen Ebenen, besonders am Anfang hat mich das etwas verwirrt. Sowohl Suters Buch als auch das (vorgebliche) von David heißen „Lila, lila“ (auf diesen Titel tauft David letztlich „sein“ Buch) und die ersten Seiten tappt man so ein wenig im Nebel, ob man nun Suters Geschichte liest oder die Geschichte, die den Ausgangspunkt für das Buch liefert. Aber vielleicht habe ich auch einfach einen Schlüsselsatz überlesen. Interessieren würde mich jedenfalls, ob diese Selbstbezüglichkeit im Roman einen Hintergrund hat oder nur ein Spiel von Suter ist, aber um das zu beurteilen, bräuchte es wohl mehr Informationen….
Am Ende des Buches, alleine in seinem Zimmer, setzt sich David hin und schreibt, zum ersten Mal selbst, aber immer noch nicht die eigenen Worte. Und trotzdem ist es ein optimistischer Abschluss, denn David scheint gelernt zu haben, daß man sein Leben selbst leben, seine Geschichten selbst erleben muss.
Facit: ein absolut lesenwerter Roman
Martin Suter
Lila, Lila
Diogenes Tb, 2005, 352 S
ISBN-10: 3257234694
ISBN-13: 978-3257234695
Freya v. Stülpnagel: Ohne dich
Mai 30, 2009

Wohl jeder kennt dieses belastende Gefühl der eigenen Unsicherheit, wenn man einen Freund hat, einen Bekannten, dem Schlimmes widerfahren ist, dessen Seele verletzt wurde, dem der Boden unter den Füßen weggezogen wurde und der in tiefer Traurigkeit, Trauer sich befindet. Wie soll man so einem Menschen, der vielleicht seine(n) Liebste(n) verloren hat, vielleicht sein Kind oder einen nahen Freund, die Eltern, begegnen, was soll man sagen? Soll man überhaupt was sagen oder ihn in Ruhe lassen?
Diese Woche hatte ich selbst eine solche Frage vor mir stehen. Ich hatte bei einer entfernt bekannten Familie, die schon vor längerem ein schweres Schicksal heimsuchte, zu tun und grübelte, ob ich nun fragen sollte, wie es dem *** denn jetzt ginge. Würde ich damit etwas aufrühren oder einfach nur (was der Wahrheit entsprach) das Interesse am Schicksal von *** zeigen?
Genau von diesen Fragen handelt Stülpnagels Büchlein und was sie hier schreibt über die Begleitung von Trauernden nach Sterbefällen läßt sich auch ohne weiteres übertragen auf die Begleitung von Menschen, denen durch andere Ereignisse der Boden unter den Füßen weggezogen wurde.
Stülpnagel schreibt auch aus der Sicht einer Betroffenen. Eines ihrer eigenen Kinder, Benny, hat sich das Leben genommen und dieser Suizid hat das Leben der gesamten Familie beeinflusst, geändert. In einfachen, unaufgeregten Sätzen und Beispielen beschreibt sie, was in Trauernden vorgeht, wie sich Trauer überhaupt äußern kann (äußerst unterschiedlich), was Trauernde brauchen, um die Trauer, das Verlustgefühl in ihr Leben integrieren zu können. Vehement wehrt sie sich (wie viele andere auch) gegen den Terminus: „-verarbeitung“, denn die Trauer wird nie verarbeitet, sie muss als Bestandteil des eigenen Lebens akzeptiert und eingebunden werden.
„In der Trauer„, so schreibt sie, „sind wir allein und müssen unsere eigenen Schritte machen, aber wenn wir Glück haben sind wir nicht alleingelassen.
Ganz am Anfang gerade bei einem plötzlichen Tod ist es ganz besonders wichtig, dass es wenigstens einen Menschen gibt, der einfach da ist. Er muss nicht viel reden, er muss nicht trösten, denn im Moment gibt es für den Hinterbliebenen keinen Trost, er muss nichts zu erklären versuchen, sondern das emphatische Mitfühlen und Dasein ist das Entscheidende.“ [S. 25]
In diesem Zitat kommt eigentlich die ganze Botschaft ihres Buches hervor: den Trauernden nicht allein lassen, ihm den Raum lassen, damit er seine eigene Art zu trauern findet und eher zuwenig als das falsche sagen, den falschen Trost oder platte Weisheiten wie: „Das Leben geht weiter“ zum Beispiel. Hier gibt Stülpnagel auch eine ganze Reihe von Vorschlägen, wie man als als Freund/Bekannter/Verwandter konkret handeln kann, wie man auf einen Trauernden eingehen, auf ihn zugehen kann und wie man eventuell reagieren kann auf dessen Bedürfnisse. Ganz wichtig ist es, diese oben von mir erwähnte Scheu zu überwinden, überhaupt auf einen Menschen zuzugehen, der in seiner Trauer verzweifelt ist.
Ach ja, meine eigene Frage vom Anfang des Beitrags: ich habe dann einfach gefragt und kaum war die Frage draußen, kamen auch schon die Antworten und das Erzählen ging los. Es war, als ob +++ darauf gewartet hätte, daß er endlich mal reden könnte, weil er auch gefragt worden ist. Gut so. Das gab/gibt auch mir Sicherheit.
Facit: ich halte das Buch für sehr gut, weil man merkt, daß die Autorin all das, was sie beschreibt, selbst durchlitten hat und ihre Ratschläge daher sehr angemessen und praxisnah sind. Durch die vielen Geschichten und Gedichte, die es enthält, könnte ich mir vorstellen, daß es auch Trauernden selbst viel Hilfe geben könnte.
Freya v. Stülpnagel
Ohne dich
Kösel, Januar 2009, 143 S.
ISBN-10: 3466368537
ISBN-13: 978-3466368532
p.s.: als ich diesen Text gestern schon angefangen hatte zu schreiben, bekam ich die Nachricht, daß ein (hochbetagter) Nachbar von mir gestorben ist…..
blog.intern: das Buch, das keinen interessiert….
Mai 28, 2009
Seit einige Zeit liste ich ja regelmäßig auf, welche Bücher, die ich hier vorstelle, am häufigsten angeklickt werden. Heute dagegen habe ich, mehr durch Zufall, als ich was anderes überprüfen wollte, mal am unteren Ende der Statistik nachgeschaut. Dort, wo sich normalerweise nur irgendwelche Irrläufer, klicks auf Vorschaubilder etc tummeln, ist tatsächlich auch ein Buch zu finden, das in 13 Monaten nur 3 mal angeschaut wurde:
Mikael Niemi: Der Mann, der starb wie ein Lachs
Das ist schon eine seltsame Sache, weil andere Bücher, bei denen ich nie damit gerechnet hätte, viel häufiger auf meinem Blog angeschaut werden. Und der Niemi ist ein empfehlenswertes Buch, es hat mir gut gefallen. Der Einfluss, den Sprache auf Leben hat (und umgekehrt) und wie sich das manifestieren kann, das ist ein wichtiges Thema, nicht nur im abgelegenen Teil Schwedens….
Deswegen.. schon seltsam, das mit dem Niemi….
Stieg Larsson: Vergebung
Mai 26, 2009

Der dritte Teil der Trilogie von Larsson um den Journalisten Blomquist und Lisbeth Salander ist jetzt endlich auch als TB erschienen, wurde auch Zeit….
Inhaltlich knüpft das Buch an das Ende des mittleren Teils an: Salander, schwerstverletzt, wird in ein Krankenhaus eingeliefert, ebenso der von ihr mit einer Axt gekennzeichnete Zalatschenko. Diese beiden Todfeinde liegen nun beide auf der Intensivstation in benachbarten Zimmern. Unterdessen versucht „draußen“ Blomquist nach Möglichkeiten, seine Freundin Salander, die von der Staatsanwaltschaft wegen vieler Anklagepunkte vor Gericht gestellt werden soll, zu entlasten und das hinter allem stehende Komplott aufzudecken. Die Probleme, die der ehemalige russische Agent Zalatschenko dagegen seinen schwedischen Betreuern vom Geheimdienst durch seine wiederholten Eskapaden und der Drohung, auszupacken macht, führen diesen dazu, eine riesige Intrige in Gang zu setzen, die auch vor Morden nicht haltmacht.
In diesen (nur in gröbsten Zügen wiedergegebenen Plot) knüpft Larsson eine Vielzahl weiterer Handlungsstränge und Nebenschauplätze. Die Geschichte von Millenium und Erika Berger ist eine davon, die Liebesgeschichte Blomquists eine andere. Meisterhaft jedoch versteht es der Autor, die einzelnen Handlungsfäden gestrafft, das heißt, spannend zu halten und nie den Überblick zu verlieren.
Die Geschichte, die erzählt wird, ist eine voller Intrigen und Gegenintrigen. Sie spielt mit dem alten Manko jeglicher geheimdienstlicher Tätigkeit: sie macht sich irgendwann selbstständig und löst sich von der realen Welt, mit Tricks und Gewalt muss ein Bild aufrecht erhalten werden, ein Gegner konstruiert werden, der die eigene Existenzberechtigung aufrecht erhält. Es hört nie auf, eine Lüge, einmal in die Welt gesetzt, pflanzt sich fort, muss irgendwann umgelogen werden, schlägt auf ihre Erfinder zurück und potenziert das Unheil, das sie verhindern soll.
Seiner Vita nach war Larsson Experte für Rechtsextremismus und Neonazis. Daher gehe ich davon aus, daß die Schilderungen des Innenlebens der schwedischen (Geheimdienst)Politik nicht erfunden sind, sondern zumindest einen realen Kern haben. Das macht sie natürlich sehr interessant, selbst wenn man die Existenz einer solchen klandestinen Gruppe wie dem Zalatschenko-Club der Fantasie des Autoren zurechnet, möglich wäre es allemal, verwirklicht im einen oder anderen Geheimdienst sicher auch.
Was bleibt sonst noch zum Buch zu sagen? Natürlich, Salander ist wieder einmal (zwar zu treffen), aber unkaputtbar, Blomquist ist clever, intelligent, hat ein gutes Händchen und macht (fast) nichts falsch, es gibt Zufälle en masse und manches wirkt sehr konstruiert – aber trotzdem: für mich der beste Band der Trilogie, unheimlich spannend (auch wenn das Ende natürlich klar ist) und die über 850 Seiten sind ratzfatz aus.gelesen….
Facit: ein MUSS für Krimi/Thrillerfans, und nicht nur für diese
Links
1. Teil: Verblendung: Buchbesprechung
2. Teil: Verdammnis: Buchbesprechung
Stieg Larsson
Vergebung
Heyne Verlag, Mai 2009)
ISBN-10: 3453434064
ISBN-13: 978-3453434066
Valentina Maran: Haut an Haut
Mai 23, 2009

„Ich bin einen Meter fünfzig groß. Italienerin. Mit heller Haut. Das ist alles.
Was gibt es noch zu erwähnen?“
Valentina Maran schreibt diesen Roman in der Ich-Form. In verschiedenen Episoden schildert sie, wie sie ihre erotischen Fantasien auslebt. Etwas anderes kommt in diesem Buch nicht vor. Und trotzdem ist es kein plumper pornographischer Erguss, die Sprache hält sich sehr im Rahmen, das gewagteste ist wohl fast noch das F-Wort, und selbst das wird nich allzu häufig angewandt. Nein, Valentina spielt mit der Fantasie der Leser, sie rezitiert ihre inneren Monologe, in denen sie sich mit ihren Liebhabern unterhält, ihre Gedanken zu erraten sucht, sie auch nach ihrer Eignung beurteilt. Ja, Eignung ist das angebrachte Wort, denn Valentina („das V … welch ein erotischer Buchstabe, weit gespreizt die Schenkel….„) sucht keine Liebe, sie sucht Sexualität, erfüllte, aufregende, fantasievolle Sexualität, deren Richtung sie vorgibt und nur sie. Sie bereitet dabei auch den Männern Lust, aber nur, weil sich dies ergibt, weil diese Lust, die sie ihren Liebhabern bereitet, ihr wiederum Befriedigung verschafft. Das unterscheidet sie von vielen Männern, die ihre erotischen Fantasien an Frauen ausleben, ohne diese jedoch auf ihre Kosten kommen zu lassen.
Valentina schafft, arangiert die Szenerien, politische Korrektheit kümmert sie nicht. Sie ist nicht moralisch, nein, das kann man ihr nicht vorwerfen. Sie weiß, was sie will. Fesselspiele und Sex zu dritt gehören dazu, mit verbunden Augen sich dem anderen ausliefern… langsam steigert sich die Lust in ihren Geschichten, die Spannung, die Anspannung, die Erregung. So laufen die Geschichten parallel zur körperlichen Liebe, die sie beschreiben und so enden sie auch, abrupt mit einem Höhepunkt. Danach trennen sich die Partner wieder, ohne sich mit dem Gefühl „Liebe“ zu belasten. Das heißt nicht, daß sie sich egal sind, sie freuen sich auf ein nächstes Mal, neu arrangiert und voll neuer Lust.
Es ist eine Art Libertinage, die Maran beschreibt. Da sie aus Italien kommt, dem Sinnbild für Katholizismus überhaupt, kann man dies auch als einen Protest ansehen gegen die stringenten Moralvorstellungen der Amtskirche: die Frau, die selbstbestimmt über die Männer verfügt, jedoch sie nicht unterwirft und erniedrigt, sondern sie einfach nur für sich in Anspruch nimmt… dieser Mangel an Gefühl, mit dem Valentina Sex hat, verströmt andererseits ein Moment innerer Einsamkeit, ja, auch von Gefühlskälte. Menschen werden auf Körper, diese auf ihre Funktionalität reduziert. Das einhüllende Erleben, das man Liebe nennt und welches die Kraft gibt, Unzulänglichkeiten zu ertragen, unter Umständen sogar schön zu finden, fehlt. Allenfalls kann man bei Valentina Vorlieben erahnen, Präferenzen für den einen oder anderen ihrer Männer, mit denen sie besonders gut harmoniert. Aber selbst bei diesen endet der Akt mit der Trennung und Valentina zieht sich wieder in ihre Isolation zurück – bis zum nächsten Mahl.
Facit: Ein intelligentes, aufregendes, sinnliches und schönes Buch, aber eins, das bei allem Sex Einsamkeit verströmt.
Valentina Maran
Haut an Haut
Ullstein, 2007
ISBN-10: 3550086644
ISBN-13: 978-3550086649
Wilhelm Ruprecht Frieling: Onkel Wumba aus Kalumba
Mai 21, 2009

Wer hat nicht schon von den Betrügereien im Netz gehört, die von der sogenannten „Nigeria-Connection“ durchgezogen werden. Obwohl sich das geographisch ja nicht nur auf diesen afrikanischen Staat beschränkt, erfolgreiche Geschäftsmodelle haben eben ihre Plagiatoren.
Was ist das Grundmuster? Aus welchen tragischen Umständen auch immer, der Absender schildert, daß z.B.ein Konto in Millionenhöhe nicht mehr zugänglich ist, eine Erbschaft nicht ausgezahlt werden kann, wenn der Empfänger dieser Mail da nicht helfend einspringt. Selbstverständlich wird er mit einem hohen Prozentsatz vom Kontostand entlohnt werden…. soweit so schlecht, denn wenn jetzt das Hirn und der gesunde Menschenverstand aussetzen und man sich im Geiste schon die Millionen zählend auf solchen Deal einläßt, hat man erst einmal Auslagen zu zahlen: für Anwaltkosten, Beglaubigungen etc pp. Schnell sind da viele Tausende von Euronen nach Afrika transferiert, auf Nimmerwiedersehen…
Jurististisch fällt das Ganze unter den Begriff „Vorschussbetrug„, ist mittlerweile so bekannt, daß eigentlich niemand mehr darauf reinfallen sollte, der sich ein wenig kundig macht, bevor er mit dem Gedanken spielt, sich darauf einzulassen – und trotzdem…. man weiß jetzt nicht, soll man diese Frau bedauern oder kann man ihr nur ein mitleidiges „Selbst dran schuld“ entgegenhalten? Und es wird nicht die einzige sein…
Gier schalten Hirn aus, im kleineren Massstab sieht man es ja auch aktuell bei der sogenannten „Abwrackprämie“. Immer wieder liest man von Leuten, die ein Auto, dessen Restwert (oder auch persönlicher Wert) höher liegt als besagte 2,5 k€ für eben diese Summe auf den Schrott werfen…. na ja…
Jedenfalls… Frieling hat in seinem kleinen Büchlein mit einer entsprechend sarkastisch formulierten Einleitung eine Sammlung solcher Mails zusammengestellt (in gebrochenem deutsch und krudem englisch), die einen schönen Überblick über die Fantasie und den Einfallsreichtum der Damen und Herren, die dahinter stehen, geben. Terroropfer, die Bares hinterlassen, Soldaten aus dem Iraq, die Hilfe brauchen, um -zig Millionen Cash, in Kisten gelagert, in die USA zu bringen… herrliche Geschichten, nur: wer glaubt solche Märchen denn, wie muss denn das Hirn funktionieren, daß da nicht alle Sensoren auf Rot schalten? Offensichtlich genug, manchmal mag auch die schiere Verzweifelung dahinter stehen. Immerhin wird der Verlust, der mit solchen Mails erzielt wird, (glaubt man Heise) auf 4,3 Mrd US$ geschätzt (wer mehr Details sucht, kann gleich hier klicken und unter „419″ (ein alternative Benennung des Betrugs) nachschauen, es lohnt sich!) … braucht man noch einen Beweis für die Dummheit der Menschen?
Facit: ein kurzweiliges Bändchen mit einem farbenprächtigen, zum Thema passenden Titelbild aus der Hand Frielings, voller einfallsreicher Geschichten aus dem „prallen Leben“. Was mich ein wenig stört, ist sein etwas hoher Preis, denn der eigene, kreative Anteil des Autoren am Werk ist doch eher gering. Aber abgesehen davon macht man mit dem Büchlein als Mitbringsel bei z.B. einer Einladung wahrscheinlich jedem Beschenkten eine Freude (oder stößt einen „Aha“-Effekt an, wer weiß das schon…)
em>(Bei dem besprochenen Buch handelt es sich um ein Rezensionsexemplar des Autoren)
Wilhelm Ruprecht Frieling
Onkel Wumba aus Kalumba
Internet-Buchverlag, Mai 2009, brosch., 96 S.
ISBN-10: 3941286404
ISBN-13: 978-3941286405
David Gilmour: Unser allerbestes Jahr
Mai 20, 2009

Vor ein paar Monaten las ich irgendwo eine Kritik dieses Buches, das beschreibt, wie ein Vater seinem pubertierenden Sohn erlaubt, die Schule zu schmeissen und ihn stattdessen mit Filmen füttert, in der Hoffnung, daß sein Filius daraus für´s Leben lernen kann. Was ein Schmarrn, dachte ich…
Dann bekam ich das Buch geschenkt, habe es etwas ablagern lassen und jetzt am Wochenende doch mal reingeschaut und ich muss sagen: so schlimm ist es garnicht….
Den Grundplot habe ich ja schon preisgegeben: der 16jährige Jesse kommt mit der Schule nicht zurecht, er hasst sie förmlich. Sein Vater, der als Journalist und Filmkritiker beim Fernsehen arbeitet, macht ihm (da alle anderen Maßnahmen nichts bewirkt haben) als letztes Mittel ein ungewöhnliches Angebot: Jesse darf von der Schule abgehen und bei ihm leben, wenn er mit diesem regelmäßig die Filme schaut, die David (der Vater, ich nenn ihn mal so, denn das Buch ist ja autobiographisch) aussucht. Ein ganz privater Filmclub (so der Originaltitel) also.
Es ist ein Experiment, was David da startet und er hat große Zweifel, ob es wirklich ein guter Gedanke ist… und spätestens in der Szene, als Jesse seinen Vater fragt, wo Florida denn liege und wie man da hinkäme (Gilmour lebt in Toronto), teilt man auch als Leser diese Zweifel…. David selbst hat berufliche Probleme und wird arbeitslos. So hat er viel Zeit, sich um seinen Sohn zu kümmern. Dieser durchlebt in den drei Jahren (der deutsche Titel trügt etwas) die üblichen Krisen, die man als junger Mensch zu durchleben hat, die ersten (hoffnungslosen) Lieben oder die beginnende Abnabelung von den Eltern, in dem man sich Freiräume erobert.
Insbesondere die Freundschaften und Lieben von Jesse nehmen einen wichtigen Teil seiner Diskussion mit David ein. Zwischen Vater und Sohn herrscht hier eine weitreichende (das übliche Maß wohl überschreitende) Offenheit und David durchlebt in gewissem Sinn in diesen Gesprächen seine eigenen, verflossenen Liebschaften, an die er sonst wohl nie mehr gedacht hätte. Wirklich helfen kann David seinem Sohn nicht, Erfahrungen kann man nicht weitergeben, die muss jeder Mensch selbst machen und verarbeiten. So leidet David (in der typischen Manier des europäisch angehauchten Intellektuellen) hilflos mit seinem Sohn mit, schleicht ihm nach, wenn er ausgeht.. ab und an frage ich mich, wer muss sich hier eigentlich von wem abnabeln?
Die beiden schauen sich viele Filme an, die David manchmal der Gemütslage seines Sohnes entsprechend aussucht, manchmal machen sie Themenreihen durch, diskutieren über die Eigenarten der Regisseure und Darsteller (Brando ist der Beste… ) und diese Abschnitte des Buches, obwohl sie die einzelnen Filme ja nur anreissen, sind interessant. Ein paar Details sind es, als Appetithappen, die neugierig machen würden auf mehr Infos zu den Filmen….
Es ist ein Reifungsprozess, den das Buch beschreibt, von beiden. Sowohl Jesse als auch David machen ihn durch, beide verändern sich, verarbeiten ihre Probleme und Krisen und am Ende der drei Jahre, nachdem Jesse dann zu seiner Mutter gezogen ist und wieder mit der Schule angefangen hat. Nach dieser Zeit war Jesse „… nicht mehr das Kind seines Vaters…“, sondern ein eigenständiger, erwachsener Mensch geworden. Und David selbst? Er erkennt mit Wehmut, daß Jesse sein eigenes Leben gefunden hat…
Facit: eine sehr gut lesbare Vater/Sohn-Geschichte über ein ungewöhnliches Erziehungsexperiment, das sicher nicht zur Nachahmung geeignet ist.
David Gilmour
Unser allerbestes Jahr
S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2009, 256 S.
ISBN-10: 3100278194
ISBN-13: 978-3100278197
Ray Bradbury: Der illustrierte Mann
Mai 16, 2009

„Der illustrierte Mann“ [3] von Bradbury [1] ist eine Sammlung von 17 Erzählungen, die sehr locker in die titelgebende Rahmenhandlung untergebracht sind, die im Lauf des Buches aber schnell in den Hintergrund tritt bzw. erst ganz am Ende wieder aufgenommen wird. Aber alleine wenn man die Idee, die hinter dem Titel steht, für sich nimmt, taucht die Frage auf, woher ein Mensch soviel Phantasie nehmen kann…
Die Erstveröffentlichung des Buches geschah 1951 und folgerichtig spiegelt sich in den Erzählungen der Geist der USA in dieser Zeit direkt nach dem Krieg: die Angst vor (bzw. die Lust auf) den Krieg, die Angst vor dem Atomkrieg und Atomwaffen, die Scheu und Abwehr vor allem Fremden und nicht zuletzt der Geist der McCarthy-Area [2]. So sind Bücherverbrennungen und -vernichtungen und die Tatsache, daß man mit Büchern immer viel mehr vernichtet als einfach nur bedrucktes Papier ein immer wiederkehrendes Motiv in den Erzählungen.
Natürlich spiegelt sich der technische Entwicklungsstand der Fünfziger Jahre in den Geschichten wieder, Roboter (ja, ganze Städte, die er als organisch unbelebt, aber als Roboter beschreibt) funktionieren noch mit Hebeln und Federn, Computer, Elektronik kommen bei ihm noch nicht vor, bzw. haben damals noch nicht existiert.
So sind seine Geschichten keine Fortschreibung der damaligen Welt in eine immer weiter technisierte Zukunft. Bei ihm ist die Technik nur ein Vehikel, seine (Kultur)kritik zu formulieren und darzustellen: seine Warnung, sich der Technik blind auszuliefern (gleich der Auftrag der Erzählungen mit der herrlichen Geschichte vom Kinderzimmer), die Entartungen des Alltagslebens in den Vereinigten Staaten, die Warnung vor Intoleranz und der Verteufelung allen Fremden sowie seine Mahnung vor der blinden Fortschrittsgläubigkeit:
„Narr!“, rief Bramante erregt, „… Diese Welt ist nur für die Reichen geschaffen.“ … „Als ich jung war schrieben sie mit feurigen Lettern: `Die Welt von morgen! Wissen, Wohlstand und Luxus für alle!´ .. Achtzig Jahre sind seitdem vergangen…. wir wohnen weiter in elenden Hütten wie unsere Väter und Großväter“… „..nur ihre [i.e. die Reichen] Träume werden wahr!“ [S. 318]
Bradbury nimmt in den Erzählungen auch oft Motive seiner ein Jahr früher erschienen Marschroniken [4] auf. Immer wieder spielen Geschichten auf dem Mars (den er als eine Art anderer Erde beschreibt, meist als Fluchtziel von Menschen, die der richtigen Erde entkommen wollen). Überhaupt ist die Raumfahrt ein durchgängiges Motive, auch wenn die Raumschiffe noch wie Raketen aussehen und das Starten und Landen einfacher scheint als heute das Einparken in einem Parkhaus. Technische Details interessieren Bradbury nicht, er erzählt seine Geschichten, um seine Botschaft zu verdeutlichen.
Facit: Kurze Erzählungen, die eine deutliche Kritik an den Verhältnissen und Einstellungen der USA kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges üben. Lesenswert und in vielerlei Hinsicht immer noch aktuell.
Links:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Ray_Bradbury
[2] http://de.wikipedia.org/wiki/McCarthy-Ära
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Der_illustrierte_Mann
[4] http://radiergummi.wordpress.com/2009/04/13/ray-bradbury-die-mars-chroniken/
Ray Bradbury
Der illustrierte Mann
Diogenes Tb, 13. Auflage 2008
ISBN-10: 3257203659
ISBN-13: 978-3257203653
Qiu Xiaolong: Rote Ratten
Mai 3, 2009
Der vierte Fall von Oberinspektor Chen aus Shanghai, für mich das zweite Buch mit ihm. Im Grunde gilt für diesen Roman genau dasgleiche, was ich schon für den ersten von mir gelesenen (Schwarz auf Rot) schrieb, daß es sich bei diesen Krimis eher um Romane handelt, die sich mit den Strukturen der modernen chinesischen Gesellschaft auseinandersetzen denn um Geschichten, die Krimispannung vermitteln könnten.
Natürlich hat dieser Roman seine ihn zum Krimi adelnden Elemente: mehrere Tote, den handelnden Oberinspektor mit seinem Gehilfen und ein gehöriger Batzen Wirtschaftskriminalität. Letzterer ist das das gesamte Buch hindurch ziehende Motive Xiaolongs: die enorme Korruption, die in China herrscht und die bis in die höchsten politischen Kreise hineinreicht, weswegen sie auch nicht effektiv bekämpft wird, sondern nur mit einzelnen Aktionen, um das Volk zu beruhigen, während im Hintergrund alles so weiterläuft wie immer.
Oberinspektor Chen, ein aufstrebender, aber nicht blind linientreuer Parteikader, erhält den mit weitreichenden Vollmachten versehenen Auftrag, einen umfangreichen Korruptionsskandal aufzudecken, dessen Drahtzieher sich in die USA abgesetzt und dort politisches Asyl beantragt hat. Chen nimmt diesen Auftrag ernst und ist mit seinen Nachforschungen so erfolgreich, daß er gewissen Kreise nervös macht. Diese bewirken dann, daß er sehr kurzfristig als Leiter einer Schriftstellerdelegation in die USA reisen muss. Aber auch dort versucht er, vermeintlich im Sinne seiner Auftraggeber, weiter zu ermitteln. Erst ganz zum Schluss erkennt er, daß ihm nur die Hauptrolle in einer Show zugedacht war, die nie ernsthaft darauf ausgerichtet war, etwas aufzuklären.
Der Roman hat wenig Höhepunkte, die Handlung plätschert so vor sich hin. Einige Beschreibungen über die Korruption in China sind interessant Glaubt man dem Autor, ist ist wohl so, wie man es sich in seinem Vorurteil immer vorstellt: ohne Bestechung, kleinere oder größer Geschenke, ohne Insiderwissen läuft nichts. So leben Parteikader und Geschäftsleute in einer Art Symbiose: ohne den politschen Einfluss lassen sich keine Geschäfte durchziehen, ohne das Geld der Geschäftsleute können die Kader im Wildwuchs der kapitalistischen chinesischen Gesellschaft nicht ihren Ansprüchen gemäß überleben.
Der erste Teil des Buches, der in Shanghai spielt, hat noch einige kurzweilige Momente, die den geschilderten Lebensumständen in China zu verdanken sind, der zweite Teil, der in den USA spielt, ist langatmig, um nicht zu sagen, in weiten Bereichen langweilig….. so bleibt für mich als…
Facit: kein Muss, als Krimi allenfalls Mittelmaß, als Beschreibung eines Aspekts des chinesischen Alltags interessant.
Qiu Xiaolong
Rote Ratten
dtv, April 2009, 384 S
ISBN-10: 3423211288
ISBN-13: 978-3423211284







