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Karo Herrmann ist eine Mittzwanzigerin, vital, lebendig, ein wenig überdreht vielleicht, sehr emotional, spontan.. ein im großen und ganzen liebenswerter Mensch, wenngleich manchmal wohl etwas anstrengend. Dann bricht eines Tages so ein wenig ihre Welt zusammen, sie verliert ihren Job und trennt sich von Philipp, ihrem Freund. Und ist ganz überrascht, wie gut der damit zurecht kommt, viel besser jedenfalls als sie, der auf einmal selbst das bischen fehlt, was Philipp ihr vermitteln konnte.

Und dann eines Nachts sind sie da, Panik und Angst. Wie ein Alp schlagen sie zu, bringen sie körperlich zum Zusammenbrechen, umklammern sie, schnüren ihr die Luft zum Atmen ab und Isolieren sie von ihrer Umwelt. Nelson ist ihr ein Freund in dieser Zeit, in der sie zu ihrer Mutter zieht, sich von dieser pflegen und aufrichten läßt. Sie muss Tabletten nehmen und geht regelmäßig zur Therapie (sie war (als alles noch nicht so schlimm war) so stolz, daß sie das Casting geschafft hatte und tatsäch genug daneben war, um von der Ärztin Behandlungstermine zu bekommen….). Sie macht Fortschritte und erleidet Rückschläge, sie traut ihren Gefühlen nicht mehr, wenn sie Bekanntschaften macht, sie ist unsicher und horcht in sich hinein, ob dieses Monster „Angst“ nicht irgendwo noch lauert und sie anfällt. Und es fällt sie an.

Karo, die das Leben bislang mit Gags und Witzen meisterte, erkennt, daß dies nicht ausreicht. Hier ist etwas, das sich nicht weglachen läßt, das in ihr bohrt und bohrt und sie im Griff hat, bis sie sich ihm stellt und auch ihrer Vergangenheit nicht mehr ausweicht. Sicherlich auch eine Metapher Kuttners für die Oberflächlichkeit und den Partycharakter des großstädtischen Lebens der heutigen Singleszene (Karo arbeitet im Bereich Medien und organisiert z.B Events).

Was hier so ernst klingt (und auch ernst ist) kommt aber keineswegs als Betroffenheitsliteratur daher. Kuttner schreibt mit viel Schwung, läßt Karo mit Selbstironie, (schwarzem) Humor und einem flotten Tempo erzählen. Die „Mackenmädels“, wie sie und ihre Mutter, die ähnlich unter Panikattacken litt, sich selbstironisch nennen, schauen trotz allem vorwärts, haben Lebensmut und verzweifeln trotz mancher Krise nicht. Karo schaut kritisch auf ihr Leben zurück und mit Mut nach vorne, sie zweifelt, kann sich nicht entscheiden, vergräbt sich in Mamas Wohnung und weiß doch, daß dies keine Lösung ist. Kuttner beschreibt diesen Kampf Karos mit ihrer Psyche und ihrem Leben mit Witz und viel Sympathie für ihre Heldin.

Facit: „Eine Depression ist ein fucking Event.“ Wer sich von diesem Eingangsstatement nicht abschreckenn läßt, den erwartet ein unterhaltsames, an manchen Stellen auch sehr ernstes Buch über eine junge Frau, die eben ein „Mängelexemplar“ ist….

Sarah Kuttner
Mängelexemplar
Fischer, S., Verlag GmbH; März 2009, 272 S
ISBN-10: 3100422058
ISBN-13: 978-3100422057

16 Responses to “Sarah Kuttner: Mängelexemplar”


  1. Ich bin immer wieder erstaunt, mit welcher Geschwindigkeit du liest und rezensierst.

  2. prinzrupi Says:

    Selbstbewusstsein entscheidet letztlich alles, Herr Direktor. Ich kann nichts verreissen, was ich nicht kenne.

    • flattersatz Says:

      Nun, blaublütiger, mit ein bischen Chuzpe schafft man auch letzteres! Hindert einen doch kein lästiges Faktenwissen am ungebremsten Fluss der alles in Grund und Boden (zer)reissenden Wahrheit…

  3. entgut Says:

    Frag ihn morgen was er gelesen hat und er kann dir lediglich die Farbe des Buchdeckels nennen. Wenn überhaupt! :-) )
    Schnell muss nicht für’s Langzeitgedächtnis sein.
    Ich will dein Ego nicht ankratzen, lieber flattersatz, aber du spulst da Bücher runter, wie ein anderer einen Marathon läuft. Fertig werden (das Ziel erreichen) ist die einzige Devise. Wie, ist egal. Wir haben im Moment den Trend der Langsamkeit entdeckt, komm mit!

    • flattersatz Says:

      Du kratzt nicht an meinem Ego, liebe entgut, obwohl deine Bemerkung schon ein wenig abwertend klingt…. fertig werden ist nicht die einzige Devise und die Zeit zum Lesen spar ich mir z.B. beim TV ab. Und daß ein Buch wie „Mängelexemplar“ von so furcheinflössendem Tiefgang sei, daß man es nur in kleinen Happen verarbeiten kann, nun, das will und habe ich nicht behaupten/t.

      Worin besteht der Trend zur Langsamkeit? Wie äußert er sich und wie fügst du dich in ihm ein? Wenn du mir das erklären kannst, gewinnt er ja vielleicht an Reiz für mich…. ;-)

      Hab ein schönes Wochenende!
      fs

  4. Anne-Kathrin Says:

    Ich bin gerade dabei, mich mit jenem Mängelexemplar zu beschäftigen.
    Interessant finde ich die Frage, ob es sich bei Karo denn wirklich um ein „Musterexemplar“ handelt?
    Noch bin ich nicht fertig, aber ich denke, Frau Kuttner zeigt ganz schön, wie schnell man sich heute selbst verlieren kann und wie wichtig es ist, sich selbst zu kennen oder zu finden.
    Ich bin gespannt…

    • flattersatz Says:

      Heute sorgt schon sehr früh, im Gegensatz zu früher, Ablenkung aller Art dafür, daß man sich selbst aus dem Auge verliert, weil man sich um alles mögliche kümmert, sich mit allem möglichen beschäftigt. Das lange, stupide Sitzen vor dem Bildschirm (ob TV oder PC ist eigentlich egal) mag ein Klischee sein, aber es hat einen wahren Kern: in der Zeit kann man sich nicht mehr mit den eigenen Befindlichkeiten befassen, denen man dann – wenn sie, da man ihnen nicht auf Dauer ausweichen kann, irgendwann auf einen einprasseln – hilflos ausgeliefert ist, zumindest aber besteht die Gefahr, überfordert zu sein.

  5. Anne-Kathrin Says:

    So, inzwischen bin ich seit einigen Tagen fertig.
    Sie hat mich gepackt, Frau Kuttner.
    Und sie überrascht mich mit einem konventionellen Ende.
    Hätte es das allerdings nicht gegeben – vielleicht wäre ich dann auch überrascht gewesen und hätte es sogar unbefriedigend gefunden?
    Alles in Allem: sehr gern gelesen!

    • flattersatz Says:

      Ja, das Ende einer Geschichte.. das ist glaube ich, mit das schwierigste. Aber ich denke, auch im richtigen Leben gibt es Geschichten, die gut und welche, die nicht so gut enden. Von daher ist es zumindest nicht aus der Luft gegriffen, was sich Kuttner hat einfallen lassen. … und der nächste Rückfall kommt bestimmt…. könnte man sarkastisch anmerken…

  6. Nina Says:

    Mir hat das Buch auch gut gefallen. Schön schnoddrig-amüsant, aber auch ehrlich berührend. Und ich hab’s auch schnell gelesen. Flutscht halt. ;-)


  7. [...] aus.gelesen GedankenKram Braintwist mainstage Libromanie Kommentar [...]


  8. [...] andere, auch durchaus positive, Meinungen zum Buch gibt’s beispielsweise bei: aus.gelesen LiteraturBlog Tagespiegel [...]


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