Jason Starr: Stalking
April 17, 2009

Dieser Krimi von Jason Starr hat zwei Hauptpersonen, Katie, das Opfer und Peter Wells, den Täter. Das perfide an der Situation ist, daß Katie nichts von ihrer Opferrolle ahnt, sich im Gegenteil bei Peter sicher wähnt und glaubt, in ihm einen guten Freund gefunden zu haben.
Die Geschichte, die Starr erzählt, spielt in NY. Katie ist erst vor kurzem in die Stadt gekommen, hat Eingewöhnungsschwierigkeiten und bei Männern auch nicht so das richtige Glück. Andy, mit dem sie momentan zusammen ist, bedrängt sie und sie weiß nicht, kann sich nicht entscheiden, ob sie ihn wirklich mag oder nicht. In dieser Situation trifft sie durch Zufall, so erscheint es ihr, in ihrem Sportstudie einen alten Bekannten aus Schulzeiten wieder, den gutaussehenden, charmanten, einfühlsamen Peter Wells. Sie verabreden sich, reden von alten Zeiten und verstehen sich offensichtlich sehr gut, auch wenn Katie ab und an von der Intensität, mit der sich Peter um sie kümmert, irritiert ist.
Soweit die Grundkonstellation der Geschichte, die Starr bis an ihr bitteres Ende ausbreitet. Starr, und das ist sehr spannend und interessant zu lesen, schreibt in der dritten Person, läßt also keine seiner Figuren erzählen. Der Stil ist neutral, beobachtend, fast reportagehaft, nicht wertend. In aufeinanderfolgenden Kapiteln schildert er die Vorgänge jeweils aus der Sicht einer der Personen und dabei wird deutlich, wie unterschiedlich die einzelnen Figuren das Geschehen einordnen.
Peter selbst überläßt nichts dem Zufall. Er befolgt einen ausgeklügelten Plan, um Katie für sich zu gewinnen. Durch die Lebensversicherung seiner Eltern zu Geld gekommen, braucht er bei der Umwerbung seines Opfers nicht zu sparen, er versucht ihr im Gegenteil zu imponieren. Es ist für ihn nur eine Frage der Zeit, bis sich Katie auch in ihn verliebt, denn es ist für ihn in seinem Wahn unvorstellbar, daß jemand, den er liebt, ihn nicht auch liebt. Schließlich ist es in den Filmen, die er fast auswendig kennt und die er sich immer wieder anschaut, genauso.. am Ende kriegen sie sich, auch wenn es bis dahin der einen oder anderen Widerstand aus dem Weg zu räumen gilt. Andy zum Beispiel.
Katie dagegen ist unsicher, entscheidungsschwach. Sie will niemanden vor den Kopf stoßen, auch mit Andy versöhnt sie sich z.B nach einer Fast-Vergewaltigung wieder, weil sie für sich immer wieder Entschuldigungen, Verharmlosungen und Erklärungen sucht. So erscheint ihr zwar das Verhalten von Peter teilweise übertrieben, aber sie rechtfertigt es vor sich selbst, deutet es in alles mögliche um und verschließt die Augen vor Offensichtlichem. Selbst als nach und nach über alte Schulfreundinnen konkrete Hinweise auf früher auftauchen, daß Peter ein seltsamer Typ sei und auch die Mutter sie zur Vorsicht mahnt, ignoriert sie das und führt es auf Eifersucht oder mütterliche Angst zurück.
In dieser Gegenüberstellung charakterisiert Starr seine Personen sehr prägnant, als Leser kann man die jeweiligen Gedankengänge nachvollziehen und fühlt sich fast wie in der Rolle der Beschriebenen. Die Männer übrigens kommen bei Starr nicht gut weg, Peter per def. nicht, Andy ist ein schleimender Aufreisser, der nur zum Schuss kommen will, der Detective Himoto (bekannt als unfähigster Detective des NYPD) ist zumindest bemüht, während seine Nachfolger bei der Fallbearbeitung einfach nur arrogant und eitel sind. Und der Rest der männlichen Figuren, die auftauchen, sind zumeist als vorwiegend triebgesteuert dargestellt……
Der sorgfältig ausgearbeitete Plan, nach dem Peter vorgeht, scheint zu funktionieren – zumindest in seine eigenen Einschätzung. Der große Moment, in der er sich Katie offenbaren will rückt näher und näher, kaum kann er es noch erwarten. Doch anstatt wie in seinen Filmen „Ja, ich will….“ zu hauchen, schreit Katie ihn nur an: „Was soll der Scheiss?“ Das ist im Buch der Moment, in dem der Roman eine Wendung erfährt: von nun an ist Katie nicht mehr das ahnungslose Opfer, sondern weiß, daß sie von Peter „gejagt“ wird. Sie erfährt immer mehr Details aus seiner Vergangenheit und ihre Angst steigert sich zur Panik. Die Polizei ist nicht in der Lage, ihr zu helfen, sie fühlt sich (und wird) verfolgt, ist ihrem Feind hilflos ausgeliefert…. mehr will ich jetzt aber nicht verraten….
Um es kurz zu machen: das letzte Drittel des Buches war so spannend geschrieben, daß ich es in einem Rutsch lesen musste, ich konnte einfach nicht aufhören…. (keine falschen Rückschlüsse aus diesem Satz ziehen: auch die ersten zwei Drittel sind spannend, aber auf andere Art und Weise…)
Facit: ein intelligenter, spannender Krimi, einfach Klasse. Einzig den „schwarzen Humor“, den der Klappentext verspricht, habe ich nicht gefunden….
Links:
Informationen der Polizei zum Thema „Stalking“
Website der Arbeitsgruppe „Stalking“ der Technischen Universität Darmstadt
Jason Starr
Stalking
Diogenes, 2009, 528 S.
ISBN-10: 3257239017
ISBN-13: 978-3257239010


