waberer

Na, ist doch klar, daß ich mir, wenn schon nicht alle, so doch ein paar der Bücher, aus denen am letzten Sonntag vorgelesen wurde, besorgt habe….. Zum Beispiel die „Klatschmohnfrau“ (wird noch besprochen werden) oder hier den „Feinkostladen“, aus dem die Geschichte der Frau Swoboda mit ihrem Pastetchen war.

Das Buch von Chimo, Lila sagt, ist nicht mehr im Buchhandel erhältlich. Was mich erstaunt hat, war der Preis, der für die vergriffene dtv-Ausgabe von 1998 im antiquarischen Buchhandel zu zahlen ist: 35 euronen für 190 Seiten. Andere Ausgaben sind billiger, aber auch nicht gerade billig.. dann frag ich mich natürlich, warum wird das Bändchen nicht noch mal aufgelegt? Na ja… umgerechnet 50 Mark für so ein schmales Buch sind mir dann aber doch zuviel und so wird da wohl doch eine virtuelle Lücke im Regal bleiben…..

Hier geht es aber um Keto von Waberers „Mysterien…“ Ein kleines Büchlein mit 11 kurzen Erzählungen von Frauen, die ihre Fantasien, die sich um die Liebe ranken, wahr werden lassen, es zumindest versuchen. Es ist nicht immer der gerade, direkte Weg, der zur Erfüllung führt, manchmal sind die notwendigen Umwege verschlungen, manchmal auch begnügen sich die Heldinnen Waberers auch damit, sich gleich ihrer Fantasie zu bedienen und den dort abgespeicherten Mann ihrer momentanen Lust abzurufen, den nimmermüden oder den einfühlsamen, den direkt zum Ziel kommenden Mann oder den, der den Gipfel langsam erklimmt … Mal ist es die Massage unter exotischer Sonne, die die Hitze anfacht, mal der Adamsapfel, der beim Schlucken sich hin- und herbewegt….

Leicht lesen sich die Geschichten, mit Ironie und Einfühlungsvermögen geschrieben, es finden sich wunderschöne Formulierungen, die das direkte Wort vermeiden ohne Unklarheiten zu hinterlassen….. Waberers Frauen sind Suchende, eine gewisse Resignation ist spürbar, weil ihre Suche keine Erfüllung findet. Die Männer scheinen mir beliebig, austauschbar, die Erzählungen handeln nicht von Liebe, sondern von der Lust (der Frauen zumeist) und ihrer Befriedigung.

Facit: erotische Geschichten aus einem etwas anderen Blickwinkel….

Keto von Waberer
Die Mysterien eines Feinkostladens
Bvt Berliner Taschenbuch Verlag; Juni 2005, 143 S.
ISBN-10: 3833301503
ISBN-13: 978-3833301506

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Der zweite Band der Thursday Next Reihe setzt nahtlos dort an, wo „Der Fall Jane Eyre“ aufgehört hat. Thursday ist eine Berühmtheit geworden, die von den SpecOp auf Promotiontour geschickt wird, Goliath zieht weiterhin die Strippen im Hintergrund und achtet drauf, daß die immer frustrierter werdende Thursday nicht die Wahrheit sagen kann, es sei denn, über ihren Dodo. Jack Schitt steckt noch im Raben gefangen, was aber Herrn Schitt-Hawse, ebenfalls bei Goliath tätig, nicht gefällt. Da das Prosaportal zerstört, Microft selbst untergetaucht ist, kann nur noch Thursday Schitt aus seinem Gefängnis befreien. Und um sie von der Notwendigkeit, mitzuhelfen, zu überzeugen, wird ihr Ehemann Landen genichtet.. Man sieht, Thursdays Leben ist nicht langweilig… Und als ob das nicht genug wäre, macht Acherons Schwester Aornis Jagd auf sie und zwar mit einer sehr hübschen Methode, der Aufhebung der Unwahrscheinlichkeit. Nur gut, daß Onkel Mircroft unserer Thursday noch ein Entroskop in die Hand drücken konnte.

Was ist sonst noch los? Nun ja, die Welt geht (beinahe) unter und ein rosa Schleim spielt dabei eine große Rolle, die Neandertaler, die wieder zum Leben erweckt wurden, drohen erneut auszusterben, Thursday hat sich vor Gericht zu verantworten, wie sie von einer Stimme in ihrem Ohr erfährt, Lavoisier ist ihrem Vater immer dichter auf den Fersen und von wem ist eigentlich das Kind, das sie austrägt? Ihr Ehemann ist schließlich im zarten Alter von 2 Jahren gestorben worden…. Zur Erholung und Verbesserung der pekuniären Verhältnisse nimmt sie auch schon mal einen geruhsamen Teilzeitjob bei Stroker (Abteilung: Blut und Saug) an. Zumindest kann sie damit den Vermieter besänftigen, der sie partout aus der Wohnung haben will…..

Geradezu geruhsam läßt sich die Ausbildung an, die sie bei Miss Havisham absolviert, auch wenn die Schlacht am kalten Büfe.. ähh… in der Antiquriatisausstellung all ihre Raffinesse fordert, schließlich ist die Herzkönigin keine leichte Gegnerin.

Man sieht, es passiert einiges in dem Buch, auch wenn der rote (Handlungs)Faden (zur Erinnerung: Wie kann Landens Nichtung rückgängig gemacht werden?) dünn ist und das ganze Buch im Grunde eine einzige Parforcejagd durch die skurrilen Einfälle von Fforde ist. Next taumelt ähnlich einem Odysseus durch die Welt, von Abenteuer zu Abenteuer, bis sie am Ende zwar die Welt gerettet hat, aber selbst von allen gejagt die ultimative Flucht antreten muss. Sei´s drum: ein herrlicher Lesespaß, eine einzige Huldigung an die Welt der Bücher und ab und zu hatte ich in der Tat das Gefühl, selbst in das Buch eingetaucht zu sein und in der großen Bibliothek herumzustöbern.. und wenn ich meinen Kater vor dem Ofen so anschaue, ist das nicht am Ende tatsächlicher der Warrington-Kater?

Facit: Wer dem Alltag entfliehen und so nebenbei einige Wahrheiten über unsere Welt erfahren will, der ist bei Fforde richtig aufgehoben. Ein herrliches Lesevergnügen!

Links zu den Buchbesprechungen der anderen Bände:

1: Der Fall Jane Eyre
2: In einem anderen Buch
3: Im Brunnen der Manuskripte
4: Es ist was faul
5: Irgendwo ganz anders (demnächst)

Jasper Fforde
In einem anderen Buch
dtv , 2007, 418 S.
ISBN-10: 342321015X
ISBN-13: 978-3423210157

Die „Koblenzer Literaturtage `09″, die ich, etwas schludrig in dieser Hinsicht, natürlich fast wieder versäumt hätte,

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endeten gestern mit einer sehr schönen Lesung von Nina Petri zum Thema „Erotik“. Eine stimmungsvolle Veranstaltung, was auch am sehr stimmigen Ambiente lag, einem großen Koblenzer Jugendstilcafé. Es sind große, großzügige Räumlichkeiten mit dichter Atmosphäre, schön ausgeleuchtet, richtig gemütlich obwohl man natürlich mit einer normalen Bestuhlung vorlieb nehmen musste. buehne1

Das Bild gibt einen kleinen Eindruck von der Bühne, auf der Frau Petri vorlas. Ach ja, die beiden Musiker sollte ich nicht vergessen (so wie mir nämlich der Namen der Beiden entfallen ist…), die die Lesepausen von Frau Petri mit ihrer zum Thema passenden Tangomusik überbrückten. Obwohl – überbrückten klingt etwas abwertend, das war es aber nicht, die Musik hat sehr schön zum Thema gepasst und .. war einfach gut. Punkt. (auf dem letzten Bild am Schluss des Beitrages sind die beiden auch zu sehen.)

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Petri, die außer als Schauspielerin auch als (Vor)Leserin und Sängerin arbeitet, las insgesamt 5 Texte vor, die einen weiten Ausschnitt im Spektrum der Lust vorstellten:

Noelle Chatelet: Die Klatschmohnfrau (ISBN-10: 3462029975)
Chimo: Sagt Lila (ISBN-10: 3423125136)
Zeruya Shalev: Liebesleben
Keto von Waberer: Mysterien eines Feinkostladens
Hilke Rosenboom: Wirf mich ins Meer zurück (ISBN-10: 3547778700)

Die Klatschmohnfrau

Marthe, die „alte“ Frau, die langsam von diversen Zipperlein geplagt ist, deren Mann, mit dem sie ihr Vater vor Jahrzehnten verheiratete, mittlerweile tot ist, trifft einen Kavalier, der etwas in ihr weckt, das sie noch nicht gekannt hat. Dieses Gefühl versetzt sie in Unruhe, sie merkt, daß sie für Änderungen bereit ist: sie, die sie seit Jahren nur Ceylon-Tee trinkt, hat Lust auf Kaffee! Marthe erinnert sich an eine Bluse, die sie als junges Mädchen trug, lebensfroh wie sie damals war, in der Farbe der Liebe, Rot wie Klatschmohn… unbändig ist die Lust in ihr durch die Straßen zu laufen, zu flanieren, einzukaufen, diesen Mann, der ihr wunderbare Geschenke macht, zu treffen.. völlig unbefangen gehen sie in ihre Wohnung, reden, trinken Kaffee, er zieht die Vorhänge zu, zieht sich aus, und sie schaut ihn an und entkleidet sich ebenfalls… sie wird zur Klatschmohnfrau und Edmond, ihr ungeliebter Gatte, muss dem – wie sie mit einer gewissen Häme wahrnimmt – vom Sims aus, wo sein Bild steht, zuschauen…..

Sagt Lila

Die Geschichte spielt ebenfalls in Frankreich, aber in den Aussenbezirken von Paris, in den Banlieues. Der 19 jährige Ich-Erzähler, ein Araber, liebt die 16 jährigen Lila. In einfachen Worten beschreibt er ein Treffen mit ihr, das ihn in Verwirrung stürzt. Denn unvermittelt fragt Lila ihn, ober sie ihm ihre M.ö.** zeigen soll, und dann: ob kurz (Rock hochheben) oder lang (auf der Rutsche). Er ist überrascht, weiß nicht, was er sagen soll, zögert, ist unsicher .. aber doch, ja, klar, will ich… und auch lang…. Als Lila dann auf der Rutsche mit geöffneten Beinen auf ihn zugleitet, ist dann voller Entzücken über das, was sich ihm offenbart…. er schaut ihr Gesicht an, sie fragt, ob er auch ganz genau schaut, ob ihm etwas auffällt, ihr kleiner Mund zum Beispiel. Ja, sicher, was ist damit? Es sei auch für sie verrückt, so ein kleiner mund, was dort für Riesenschw***e reinpassen (diese Passage kam so überraschend, daß aus dem Publikum an zwei Stellen erstaunte „oh´s“ zu hören waren…), die sie so gerne ****. Sie redet davon so selbstverständlich wie vom Einkaufen, vom sich Waschen, sich Ernähren, er ist sprachlos geworden, fasst es kaum, ist auch fasziniert…. Eine 16jährigen, die so redet, so beschreibt, welche Erfahrungen hat die schon sammeln, wie früh ihre Unschuld verlieren müssen….

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Liebesleben

Petri liest eine Episode direkt nach dem Tod von Aries Frau, als Ja´ara diesen besucht und beide dann ins ehemalige eheliche Schlafzimmer gehen, das bis zum Vortag das Krankenzimmer von Aries Frau war. Ich hatte ja mit diesem Buch meine eigenen Schwierigkeit, muss aber sagen, daß die Passage durch das Vorlesen irgendwie „schlüssiger“ erschien als ich den Text in Erinnerung hatte. Ja´ara findet in der Hörigkeit zu Arie ihre Erfüllung, auch an diesem Abend ist sie erst glücklich, als Arie sie wie eine Puppe behandelt und ihr so wenig Spielraum läßt, daß sie noch nicht einmal ihren Hintern bewegen kann wie sie will…..

Mysterien eines Feinkostladens

Ein Blick in die etwas muffigen Stuben deutschen Kleinbürgertums. Frau Swoboda, lange Jahre in einem Gemüseladen tätig, arbeitet jetzt in einem Feinkostladen. Dort untergebracht hat sie ihr Chef, Herr Werner, mit dem sie jetzt auch zusammen lebt. Aber nur privat, im Laden darf niemand etwas wissen, merken davon.

Abends dann zu Hause, wenn das Unvermeidliche ansteht, zieht sich Herr Werner seinen Bademantel an, setzt sich, nimmt seine Zeigestockhand (damit ist tatsächlich ein Stöckchen gemeint mit einer Hand vorn dran) und Frau Swoboda muss sich vor ihn stellen. Ihren Körper fährt er ab mit dem Stock, zwischen ihren Brüsten entlang, taucht mit ihm in ihrem Nabel, in die Leistenspalte, auch zwischen ihre Schenkel. Frau Swoboda ist eine gute Schülerin, sie macht keine Fehler mehr wie freche Antworten geben wenn sie gefragt wird, ob das Pastetchen zu verkaufen wäre… sie spürt Lust in sich aufsteigen, da ihre Gedanken abschweifen, sich auf anderes einlassen, auf prickelndere Fantasien… manchmal sehnt sie sich zurück in ihren Gemüseladen, hat sie die richtige Entscheidung getroffen fragt sie sich zweifelnd…. Herr Werner, dessen anderer Zeiger sich ob des Rituals langsam bemerkbar macht, ahnt davon nichts, ist zufrieden und zieht Frau Swoboda an sich, damit auch diese sich setzen kann…..

Wirf mich ins Meer zurück

Dieser Textauszug beschreibt eine Nacht im Leben der jungen Mariechen, die sich jetzt, mit 104 Jahren daran zurückerinnert. Es war eine Nacht in Shanghai, in der ihr ihr Geliebter, der Japaner Kawusaba ein Geschenk machte. Sie war skeptisch, denn es war ein ungewöhnliches Geschenk, aber er versprach ihr, daß sie unbegrenzte Macht über ihn erreichen würde, wenn sie sich darauf einließe: „Aber ich habe doch schon Macht über dich!“ – „Nein, hast du nicht….“. Beide, Mariechen und Kawusaba, werden von einer Japanerin für diese Nacht vorbereitet, gewaschen, gereinigt, mit Schleiern gekleidet… und danach erhält Mariechen eine Einweisung in die japanische Liebeskunst, die sie noch in dieser Nacht mit ihrem Geliebten zusammen erlebt…..

Facit: Frau Petri ist in der Tat eine sehr gute Vorleserin, die die Texte zum Leben erweckt, den Figuren Lebendigkeit verleiht. Die Textauswahl hat mir gefallen, sozusagen von zart bis hart bot sie ein weit gefächertes Spektrum. Zusammen mit den musikalischen Einlagen eine sehr gelungene Veranstaltung.

ende

Nina Petri
Lust. Wahre Leidenschaft
Audio CD
Hoffmann und Campe, 2005
ISBN-10: 3455974430
ISBN-13: 978-3455974430

eyre

Man nehme buchstäblich alles, wirbele es durcheinander, bis kein Stein mehr auf dem anderen ist und schaffe sich dann aus diesen Versatzstücken eine neue Welt. So oder so ähnlich muss der Waliser Autor Fforde vorgegangen sein, denn irgendwie ist die Weltgeschichte bei ihm anders verlaufen als wir sie kennen….

Nur als erster Eindruck: Das Buch spielt zwar in der Jetzt-Zeit, aber England befindet sich seit vielen Jahren in einem Krieg mit dem zaristischen Russland um die Krim. Eine neue Wunderwaffe soll diesen Krieg jetzt endgültig für England entscheiden, diese Wunderwaffe ist auch einer der Haupthandlungsstränge des Buches. Ferner hat sich Wales von England abgespalten, es scheint in seiner Existenz als Volksrepublik ähnlich farbig und lebensfroh zu sein wie Nordkorea. Der Luftverkehr wird im wesentlichen mittels Luftschiffen abgewickelt und Bücher sind die Droge dieser Zeit. Geheimdienste (Special Operations, SO-1-x, x < 8 steht über dem Gesetz….) sind damit befasst, Fälscher zu jagen, Raubdrucke und -kopien zu konfiszieren, die Frage z.B. nach der Autorenschaft und Identität Shakespeares führt zu teils bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen der diversen Denkrichtungen (und wird ganz zum Schluss des Buches auf überraschende Art und Weise beantwortet)…. Daß Zeitreisen möglich sind (Special Operations der ChronoGarde) ist in so einem Universum kaum verwunderlich….. und über allem und hinter allem steht mit Goliath der Konzern, der die Strippen zieht und alles in der Hand hat… Alles? Nein, natürlich nicht, denn da ist ja noch Thursday Next, LitAg im Dienste der SO-27, Heldin des Romans, eine intelligente, furchtlose Porsche fahrende Ex-Polizistin und Veteranin des Krimkrieges, deren Gefühlswelt ein klein wenig durcheinander geraten ist .. und, ach ja, … dann gibt es da noch Acheron Hades, ihr Gegenspieler, der quasi unkaputtbare Bösewicht, ohne jeglichste Moral, mit aussergewöhnlichsten Fähigkeiten, skrupellosigst und verdorbenst, dem nichts heilig ist ausser der Bosheit, der Niedertracht und der Gemeinheit. Und der Gewalt.

Das in etwa sind einige wenige Zutaten des Romans, aus denen man so die ungefähren Stil des Buches erahnen kann….

Was passiert? Oh nein, bevor ich das beschreibe, muss ich noch die Erfinderwerkstatt von Thursdays Onkel Microft erwähnen, der sich mit Gedächtnislöscher befasst („Funktioniert der?“ -“Wer?“ – „Der Gedächtnislöscher, den du gebaut hast!“ – „Keine Ahnung, wovon du redest!“), der 2B-Bleistifte mit eingebauter Rechtschreibprüfung entwickelt, Übersetzungskohlepapier in vielen Sprachen (das Maya-Kohlepapier macht noch Probleme….), Olfaktographen (Geruchserkennungsmaschinen für die Verbrecherjagd) und auch der Netzhautschoner ist recht vielversprechend… auch wenn noch dauernd anstatt der Fische Toaster vorm Auge herumschwimmen….

Aber die Bücherwürmer.. herrlich! In ihren Genen gelang ihm die Speicherung von praktisch allem, dem Inhalt von Lexika, Thesauri, der Grammatik etc pp… (im Verlauf des Buches findet sich hier auch eine Erklärung für die immer weiter um sich greifende Verbreitung der Apostrophe in der Schriftsprache…und es wird geklärt, was passiert, wenn Buchwürmer pupsen müssen….). Und eng mit dem Bücherwürmern zusammen hängt das ProsaPortal (PP), die Königin der Erfindungen von Onkel Mircroft. Denn damit ist es möglich, in ein Buch, ein Gedicht HINEIN zu schlüpfen und dort zu leben, es ist ein Tor zwischen der realen Welt und der (realen) Welt in der Literatur. Folgerichtig wird mit oder (das geht auch) ohne PP zwischen den Welten hin und her gewechselt… langweilig wird es jedenfalls nicht. Zumal sich an den passenden Stellen auch mal das Zeitkontinuum spalten kann oder Papa Next auftaucht….

Was also passiert? Im Grunde ist es eine schnöde Erpressung, die abläuft. Hades gelingt es, das Originalmanuskript von Martin Chuzzlewit zu stehlen. Als sich noch jeder fragt, warum er dies macht, entführt er Onkel Microft mit seinem PP, schlüpft in das Buch und verändert den Inhalt des Romans auf drastische Art und Weise, indem er in die Handlung eingreift. Das Land ist schockiert, zumal bald darauf das Manuskript des Bronte-Roman „Jane Eyre“ gestohlen wird und…. nun ja, das Buch heißt ja nicht umsonst so wie es heißt und ich habe eh schon viel zu viel verraten….

Eine Geschichte also, bei der man auf Logik nicht unbedingt allzuviel Wert legen sollte, die voller skurriler Einfälle ist, voller Überraschungen und würde man sich mit englischer Literatur auskennen, hätte man sicher noch viel mehr Spaß an dem Roman. Allein die Aufführung von Richard III. im Swindoner Theater ist köstlich, so farbig, lebendig, voller Enthusiasmus hab ich Theater noch kaum erlebt…. und letztlich können wir froh sein, daß alles so abgelaufen ist, wie Fforde es beschreibt, denn wäre es nicht so, würde der Roman „Jane Eyre“ ganz anders enden als wir ihn kennen (oder auch nicht kennen…), und das wäre sicher schade!

Facit: ein Mordsspaß und Kapitel 13 wird sicher eins meiner Lieblingskapitel bleiben!

Links: es sind soviele Anspielungen im Buch, daß man vor lauter Links garnicht weiter käme. Allein die Namen der Personen, allen voran Acheron Hades. Und ganz selbstverständlich taucht auch die Frage auf alle Antworten auf.. die 42….. Deshalb nur folgende Seite, die genug Lesestoff bietet:

http://www.jasperfforde.com/index.html

Links zu den Buchbesprechungen der anderen Bände:

1: Der Fall Jane Eyre
2: In einem anderen Buch
3: Im Brunnen der Manuskripte
4: Es ist was faul
5: Irgendwo ganz anders (demnächst)

Jasper Fforde
Der Fall Jane Eyre
dtv, Juli 2007, 375 S
ISBN-10: 3423210141
ISBN-13: 978-3423210140

Vor kurzem habe ich ja den ersten Teil von Maupins „Stadtgeschichten“ hier vorgestellt und dabei erzählt, daß meine Buchhändlerin mir unabhängig davon genau dieses Buch in die Hand drücken wollte. Nun ja, nicht faul habe ich dann den zweiten Band geordert, da die Bücher zu meiner Überraschung noch lieferbar, sogar neu aufgelegt waren.

Zu Hause jedoch dachte ich mir, eigentlich bist du doch doof, schau doch mal, ob du antiquarisch noch an die gleiche Sonderausgabe von Wunderlich kommst, aus der dein erster Band ist. Gesagt, getan, eine meiner Lieblingsbücherbeschaffungsseiten angeklickt, nämlich das „Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher„, und siehe da: natürlich gibt es die Stadtgeschichten von Maupin in dieser Ausgabe antiquarisch zu Hauf und (Freude, Freude, Freude!) es gab sogar ein ganzes Paket mit genau den 5 fehlenden Bänden! Wenn das man kein Glück ist!

Die Lieferung der Bücher wie immer sehr schnell und komplikationslos (das ZVAB ist wirklich eine sehr schöne Platform) und so stehen die Erzählungen rund um Mary Ann, Mrs Madrigal, Mouse, Mona, DeDe und wie sie alle heißen jetzt in meinem Regal, warten darauf, daß sie gelesen werden (was sich sicherlich etwas hinziehen wird, aber ich habe schon angefangen) und nett aussehen tut´s doch auch. Oder etwa nicht?

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Ich habe ja – wie einige andere auch – eine kleine Sammlung „lustiger“ Suchfragen, mit denen mein Blog offensichtlich gefunden wurde (=“Findefragen“). „Lustig“ habe ich in Ausführungszeichen gesetzt, denn viele der Findefragen sind im Grunde garnicht lustig, sondern (zumindest wenn man den Kontext nicht kennt) einfach nur blöd, albern oder ärgerlich.

So eine ärgerliche Frage habe ich heute auch wieder gefunden:

sexgeschichten eigene tochter geschwängert

..und in der Tat, google führt meinen Blog als Treffer auf:

aus.gelesen
… denn vom schwarzen Botenjungen geschwängert zu werden, wo doch der eigene ….. es sind eben keine um des Verkaufserfolges wegen konstruierten Sexgeschichten, …. Sie war nie die folgsame türkische Tochter, sondern sie hat früh und …
radiergummi.wordpress.com/ – 86k – Im Cache – Ähnliche Seiten

Das ist dann die Art Besuch auf meiner Seite, die ich wirklich nicht will und wieder ein Zeichen dafür, daß google, so praktisch es auch ist, im Grunde doch fürchterlich unintelligent agiert. Sicher, ich habe erotische Literatur hier vorgestellt, aber doch welche mit gewissem Anspruch, gewisser Qualität. Eine Geschichte, die davon handelt, daß der Vater seine eigene Tochter schwängert, ist jedenfalls nicht darunter und wie man unschwer erkennt, mischt google hier mehrere Beiträge einfach wild durcheinander. Was hier jemand suchte, erscheint mir ziemlich auf unterstem Niveau und daß mein Blog in dieser Schublade landet, nur weil google so schematisch und maschinell sucht, ärgert mich. Dabei bräuchte man für brauchbare Suchergebnisse in Blogs garnicht mal sonderlich viel Grips, google müsste nur gesagt bekommen, daß die Suchbegriffe gefälligst in einem Blogbeitrag zu stehen haben und nicht irgendwo verteilt in bald -zig Beiträgen.

Die obige Findefrage ärgert mich, aber wer garantiert, daß man nicht auch mit Suchfragen gefunden wird, die ins kriminelle hineinragen? Und dann steht der Blog in einer entsprechenden Trefferliste und wer weiß schon, was damit geschieht…..

Ich weiß zwar, daß niemand von google diesen Beitrag lesen wird, deshalb schick ich meine Bitte auch einfach ohne Ziel ins virtuelle Universum. Aber vielleicht – wer kann das schon sagen? – liest es ja doch irgendjemand oder der Wunsch nistet sich einfach selbstständig bei einem „derjenigen, die es ändern könnten“ im Großhirn ein:

haucht eurer Suchmaschine etwas mehr Intelligenz ein. Bitte!!!

Da ich die Bücher der Reihe mag (auch wenn es mitunter schwierig ist, sie zu bekommen…..), verlink ich hier auf das Interview des Herausgebers der Reihe in der FAZ vom 13. März.

zum Interview

Ich bedanke mich bei HF Duerer für den Hinweis.

Ein Gespräch zwischen Nowatzki und Dieter Paul Rudolph ist auf „Krimikultur“ zu finden (22. Dezember 2009)

Die Besprechungen der Bücher von Nowatzki in diesem Blog sind hier zu finden.

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Kathy Reichs und ihre Heldin, die Forensikerin Temperance Deasee Brennan sind ein erprobtes Gespann, das in mittlerweile einer stattlichen Anzahl von Büchern ihre Geschichten erzählt. Da ich Krimis aber nur „anfallsweise“ (im Moment habe ich so einen Anfall) lese, ist dies das erste (oder maximal zweite) Abenteuer, das ich selbst lese, obwohl mir mein Bücherschrank einige mehr offeriert.

Es ist eine wüste Geschichte, in die Reichs eine ganze Menge an verschiedenen Details einbaut. Angefangen von okkulten religiösen Gebräuchen über Leichen ohne Kopf sowie diversen Kollateraltoten im Lauf der Ereignisse geraten Satanisten und Wiccaner in die Schusslinie (oder schießen selbst), selbstgefällige, opportunistische und populistische Lokalpolitiker heizen das Ganze an und auch die Detectives entsprechen dem Schema: außen rau, aber innen echte Kumpels. Die Geschichte ist dann so komplex, weil die gute Tempe ja auch noch ein aus dem Ruder laufendes Privatleben hat, daß Reichs die letzten Seiten des Romans darauf verwendet, für diejenigen, die den Faden verloren haben, eine Zusammenfassung zu geben.

Langweilig ist das Buch jedenfalls nicht. Es fängt mit dem Fund eines menschlichen Schädels in einem Kellerverschlag an und die Umstände deuten darauf hin, daß hier okkulte Praktiken eine Rolle spielen. Kurze Zeit später wird eine kopflose Leiche gefunden, die ebenfalls religiöse Symbole aufweist. Gehören diese beiden Fälle zusammen? Während Brennan und ihre Leute dies noch untersuchen, ist es für den örtlichen Politiker, dem Prototypen des von sich selbst überzeugten, intoleranten, populistischen Hetzers, erwiesen: der Staat ist nicht mehr in der Lage, den Bürger vor solchen Auswüchsen, vor dem Teufel und seinen Jüngern, zu schützen, es ist Zeit, das Recht wieder in die eigene Hand zu nehmen…. Dazu noch eine skrupellose Journalistin…

Jedenfalls ist unsere Heldin stark gefordert, zumal auch noch libidonöse Probleme auftreten, deren sie nicht Frau wird: der eine ist jetzt ein Ex, er hat eine Jüngere gefunden, der andere Ex ist zurück in seine Ehe und der zukünftige Ex baggert noch… Fürwahr… kein Wunder, daß Brennan ausrastet, zumal auch – peng – einer der ermittelnden Detectives erschossen wird.

Na ja, irgendwann bekommt Brennan den Faden zu fassen, mit dem sie das undurchschaubare Knäuel von Fakten und Vermutungen entwirren kann. Aber offensichtlich ist der Handlungsfaden immer noch nicht so ganz logisch zu knüpfen, wie praktisch, daß der Täter seine Pillen nicht genommen hat, so daß seine manische Komponente für alles verantwortlich gemacht werden kann, was sich nicht so reibungslos in die Logik einfügt…

Zusammenfassend: der Leser bekommt den Begriff der „synkretischen Religionen“ erläutert, ferner wird ein erster Einblick in die Historie von Charlotte (der Stadt, in der der der Roman spielt) gegeben, die gefühlsmäßige Verwirrung einer Frau in den besten Jahren wird anschaulich und glaubhaft dargestellt, das Ganze eingebunden in einen Kriminalfall, der bis zum Schluss hin recht undurchsichtig bleibt. Und natürlich wird einiges an forensischem Fachwissen aufgeboten.

Facit: ein gut lesbarer, spannender und unterhaltsamer Roman, auch wenn mich der Handlung an sich weniger überzeugt hat. Aber vielleicht wollte Reichs auch eher zeigen, daß nichts so ist, wie es auf den ersten Blick aussieht und daß man niemanden glauben soll, der verkündet, er wäre im Besitz der Wahrheit.

Kathy Reichs
Der Tod kommt wie gerufen
Blessing, 2008, 352 S.
ISBN-10: 389667322X
ISBN-13: 978-3896673220

kimono

Rei Shimura, eine attraktive Halbamerikaner-/Japanerin, die sich in Tokio mehr oder weniger mit Antiquitätenhandel über Wasser hält, bekommt die Chance, mehrere kostbare Kimonos für eine Ausstellung in die USA zu bringen und dort den Eröffnungsvortrag zu halten. So weit, so gut. Leider trifft sie in den USA sofort auf Schwierigkeiten, denn das Museum in Washingtoen lehnt es aus Versicherungsgründen ab, den auf ihre Initiative hin ungeplant mitgenommenen, besonders kostbaren Brautkimono in Verwahrung zu nehmen und auszustellen. Also nimmt Shimura ihn notgedrungen mit in ihr Hotel.

Es kommt, wie es kommen muss: der Kimono wird gestohlen. Zu allem Überfluss wird auch noch eine junge Japanerin, die sie im Flugzeug kennengelernt hat und die im gleichen Hotel wohnt, vermisst und später tot aufgefunden. Aber auch das reicht noch nicht: aufgrund eines kompromittierenden Videos einer Überwachungskamera in der U-Bahn hält die Polizei sie für eine Prostituierte und damit auch für tatverdächtig. Und auch privat ist es nicht ganz einfach: sie trifft ihren Ex-Lover Hugh wieder und ihr momentaner Liebhaber Takeo reist ihr aus Tokio nach.

Ganz schön was los also in Rei Shimuras Leben…..

Aber sie ist hartnäckig, fragt sich durch, recherchiert, überlegt und kommt dem wahren Täter auf die Spur. Was aber dann auch nicht weiter überraschend ist….

Was bringt das Büchlein? Nun, ein paar Fakten über Kimono, an einigen Stellen das Aufeinanderprallen japanischer und amerikanischer Kultur/Umgangsformen und die Erkenntnis, daß junge Japanerinnen gerne shoppen gehen…. alles schön seicht und oberflächlich erzählt. Und zum Schluss scheint auch der Autorin irgendwie die Lust am Schreiben ausgegangen zu sein, so schnell, übergangslos und geradezu brutal wird die Auflösung herbeigeschrieben. Und da sich selbst die Liebhaber miteinander versöhnen, herrscht zum Schluss so richtig Friede, Freude, Eierkuchen….

Facit: ein recht belangloser, mäßig spannender Krimi (der 5. Band der Reihe um Rei Shimura), der sich ohne große Mühe herunterliest und der dann wieder im Regal verstaut werden kann.

Sujata Massey
Der Brautkimono
Piper Tb, 2006, 413 S.
ISBN-10: 3492246877
ISBN-13: 9783492246873

maupink

Jetzt am Freitag kam in der Buchhandlung meines Vertrauens wieder einmal eine der Damen zu mir: „Herr F., ich hätte hier die Stadtgeschichten, das wäre bestimmt was für Sie!“. Nun, ich musste das gutgemeinte Angebot ausschlagen: „Ach, Maupin…“ (wie sag ich es ihr jetzt?), „.. das haben Sie jetzt aber gut geraten, den les ich nämlich im Moment.. Das nenn ich ein Zusammentreffen!“

Und in der Tat, auch Maupin ist mir vor einiger Zeit wieder unter die Finger gekommen, nachdem er ja lange Jahre unbeachtet sein Dasein gefristet hat. Und ich bin begeistert, herrliche Geschichten, wunderbar kurzweilig geschrieben, mit viel Humor…

Worum geht es in dem Buch (bzw. in den Büchern, denn insgesamt sind es ja 6 Bände)?

Das Buch ist 1978 erschienen. Die vergangenen Jahrzehnt brachten in den westlichen Teilen der Welt eine gesellschaftliche Revolution zustande: Woodstock, sexuelle Revolution, Flower Power sind nur einige Schlagworte, die die positiven Seiten ansprechen, für uns in Deutschland ist der Begriff Baader-Meinhof ein Symbol für die negativen Aspekte dieser gesellschaftlichen Umwälzung. Ab Mitte der 60er Jahre haben sich die jungen Leute nicht mehr widerspruchslos in ihre traditionelle gesellschaftliche Rolle gefügt, sie wurden selbstbewusst, rebellierten, versuchten, sich eine eigene Welt zu schaffen. Oft naiv und blauäugig, in viele verschiedene Richtungen, aber geeint in der Sicherheit, daß sie „so“ nicht weiterleben wollten. Und überall in der Welt war man sich im Protest gegen den Vietnam-Krieg der Amerikaner einig, ein Protest, der die Jugend vielleicht mehr zusammenschweisste als es ein positives Leitbild vermocht hätte. Und all diese Ideale einer jungen, unbeschwerten, friedlichen Gegenkultur fanden ihr Symbol in San Francisco, denn bekannterweise galt, „..it never rains in southern California..“ (helft mir mal, wie heißt denn dieser rattenscharfe Moderator noch mal? ich komm einfach nicht mehr auf den Namen…..).

Na ja, jedenfalls sammelte sich in San Francisco jeder, der irgendwie sein Glück suchte. Denn – so jedenfalls wird Oscar Wilde zitiert – : „Es ist merkwürdig, aber von jedem, der verschwindet, heißt es, er sei hinterher in San Francisco gesehen worden.“ Die Hippie-Bewegung war zwar Ende der 70er langsam abgeklungen, aber gerade die Gay/Lesbenszene hatte in dieser Stadt ein enormes Selbstbewusstsein entwickelt. Und genau in dieser Atmosphäre spielen die Geschichten von Maupin um eine Vielzahl von Personen, die mehr oder weniger locker miteinander verbunden sind.

Es sind kurze, fast ausschließlich in Dialogform geschriebene Skizzen, die von der Einsamkeit der Großstadt handeln, von den Schwierigkeiten, einen Partner für eine Nacht zu finden, geschweige denn, fürs Leben. Die Luft ist grasgeschwängert und Mrs Madrigal, so etwas wie ein Zentrum der Geschehnisse erscheint unerschütterlich für alles Menschliche offen. In dieser Welt versuchen sich Mary Ann aus Cleveland (die einzige (?) „normale“) ebenso zurecht zu finden wie der schwule Michael und seine Freunde, Brian, der auf der Suche nach Opfern ist ebenso wie Jon, der das Problem hat, daß man als schwuler Gynäkologe eher schlechte Karte hat…. Aber auch die Oberschicht lebt nicht problemfrei, denn vom gelben Botenjungen geschwängert zu werden, wo doch der eigene Mann (der beim Betrügen immerhin nicht die Hautfarbe wechselt) rein weiß ist….

Es ist ein oberflächliches Leben, daß Maupin uns vorführt, mit Menschen, getrieben von den eigenen Sehnsüchten, immer auf der Suche nach dem Glück, und wenn es auch nur einen Moment andauern sollte. Echte Freundschaften sind selten, Bekanntschaften ja, Lieben für eine Nacht, die dann am Morgen mit dem ersten Tageslicht erlöschen und einen schalen Geschmack hinterlassen. Nun ja, kein Wunder, wenn man merkt, daß die Frau letzten Monat die Tochter der Königin der heutigen Nacht war….. Amusant zu lesen, aber traurig zu verstehen, wie einsam diese Menschen im Grunde sein müssen….

So malt Maupin mit schnellen Strichen ein Sittengemälde einer Zeit im Umbruch, in der Umwertung der Werte, in der Neuorientierung einer punktuellen Gesellschaft, nämlich der in San Fransisco. Denn außerhalb dieser Stadt ist das Leben bei weiten noch nicht so weit. „… Keine Angst, Mama, der ist schwul. Du weißt, was das ist, Mama. Man zeigt sowas heute sogar schon im Fernsehen!“ so Mary Ann zu ihrer darob verstummenden Mutter in Cleveland, um zu erklären, mit wem sie im Zimmer gerade ihren Tee trinkt…. Nein, Cleveland ist noch nicht so weit, aber auf Dauer kann sich kein „Cleveland“ dieser Hemisphäre diesem Sog, der hier in San Francisco angefangen hat, entziehen….

Wenn ich es mir recht überlege, wieviel hat sich doch tatsächlich verändert die letzten 30 oder 40 Jahre…. schön. Gut so! (So ein Blick zurück in die (bundes)deutsche Vergangenheit nach dem Krieg ist übrigens sehr interessant, erst in diesem direkten Vergleich merkt man, wieviel sich verändert hat, obwohl einem alles so ewig gleich erscheint. Es gibt auf dem Büchermarkt mittlerweile einiges an gut lesbarer Erinnerungsliteratur zum Thema…)

Facit: ein sehr kurzweiliges Buch, ein interessanter Rückblick in eine Zeit des Umbruchs. Erster Band von insgesamt 6 Büchern.

Armistead Maupin
Stadtgeschichten 1
Rowohlt Tb, 2005, 352 S.
ISBN-10: 3499239698
ISBN-13: 978-3499239694

Von mir gelesene Ausgabe: Wunderlich TB, 1999, ISBN 3499261812

Band 2: Mehr Stadtgeschichten

Wunderlich TB, 1999, 3499262002

Der Einfachheit halber ergänze ich die nächsten Bände hier in diesem Beitrag, ohne jeweils einen neuen Post aufzumachen.

Was passiert?

Nun, Mona fährt nach Winnemucca und arbeitet dort als Empfangsdame in einem Puff, in dem sie mit der Puffmutter eine besondere Beziehung eingeht. Das Geheimnis von Mrs Madrigal wird gelöst, Michael wird schwer krank, aber auch wieder gesund und Mary Ann trifft jemanden für ihr Herz, der aber so seine Probleme mit Rosen hat. DeDe bekommt ihre Kinder während ihr Mann das Kentucky Fried Chicken gibt….

Na ja, so in etwa, die Kurzform… ;-)

Band 3: Noch mehr Stadtgeschichten

ca. 4 Jahre sind vergangen. DeDe ist nach der Geburt der Zwillinge mit D´Or nach Guayana in die Sekte von Jones gegangen, erfuhr aber rechtzeitig von dessen Massenselbstmordplänen und die vier konnten rechtzeitig fliehen. Für DeDe nimmt der Schrecken aber kein Ende, da sie sich in SF von einem Psychopathen verfolgt sieht, der ihrer Meinung nach….. Sie will mit einer Sensationsstory an die Presse und wendet sich an Mary Ann, die inzwischen für das Fernsehen arbeitet.

Mary Ann und Brian sind mittlerweile ein Paar und wollen heiraten, Michael ist immer noch auf der Suche, die Beziehung zu Jon hat nicht gehalten.

Die Barbary Lane 28 mit Mrs Madrigal existiert natürlich auch noch, mit der nach wie vor liebenswerten, etwas schrulligen Vermieterin.

Die Geschichten sind zum Teil weit hergeholt, insbesondere spielt der Zufall eine große Rolle, da immer wieder die gleichen Personen auftauchen, sich treffen, miteinander bekannt sind. Als ob SF ein kleines Dorf wäre, in dem es kaum noch andere Menschen gibt… Trotzdem, ein wunderbares Portraits sowohl einer Zeit als auch von Personen, mit denen man mittlerweile schon eine ganze Reihe von Jahren verbracht hat….

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