Oliver Uschmann: Wandelgermanen

Februar 28, 2009

wandel

“Hartmut und ich” haben ein Problem: der LKW, der ins Wohnzimmer gerast ist und dort aus statischen Gründen in der Wand verbleiben muss, stört. Und so suchen sie: Hartmut und ich, Susanne und Caterina, etwas Neues, etwas eigenes. Nach einigen Misserfolgen werden sie fündigt: Hartmut kann bei ebay für 8000 Euronen ein Haus im Süden Deutschlands ersteigern. Und so packt die WG ihren Hausrat ein, mietet zwei Kleinlaster und ab gehts aus dem Ruhrgebiet, hinaus auf Land.

Irgendwie erwisch ich von solchen “Serien” nie den ersten Band, so auch hier, die Wandelgermanen sind schon der 3. Band um Hartmut und ich. Aber egal, so bin ich wenigstens nicht im Zugzwang, das Buch mit seinen Vorgängern zu vergleichen und festzustellen, daß es besser ist oder am Ende gar schlechter….

Sehen wir mal von der Tatsache ab, daß in Deutschland Grunderwerb notwendigerweise nur mit notariellem Beistand möglich ist und sich Uschmann über solche Lapalien hinwegschreibt, habe ich mich am Anfang schon des öfteren gefragt: was soll denn das? Ist das hier eine platte Ansammlung aller möglichen Vorurteile gegen Menschen, die auf dem Land leben, eine äußerst vorhersehbare Materialisierung von Murphys Gesetz, gezeigt am billig und ohne Inspizierung erworbenen Eigenheim? Soll das etwa witzig sein?

Ja, doch, es ist witzig. Irgendwann ist der Groschen bei mir gefallen und ich habe das Buch als Satire aufgefasst, als Hommage z.B. an Kafka, wenn man z.B. die Beschreibung des Amtes in der nächsten Stadt liest. Lange, sich endlos hinziehende Gänge mit nichtauffindbaren Zimmern, labyrinthgleich mit einer Bibliothekarin als allgewaltigem Cerberus, der sich herabläßt, einen Termin für Hartmut und ich festzumachen, mit dem sie – nein, nicht den Amtsleiter erreichen können, sondern nur das Privileg haben, einen Termin für dieses Treffen ausmachen. Köstlich auch die Trennbrigade des Amtes, das alles richtet, die mitten in der Nacht auf der Baustelle anrück, um den Müll zu trennen, akribisch-pedantisch bis hin zur Sortierung von alten Nägeln und Dübeln nach Größe und Art. Und das alles unter Flutlicht.

An King erinnert das Haus selbst, das die beiden in seinen “besten” Momenten zu verfolgen, zu beobachten scheint, der riesige Gasofen, der aussieht, als wolle er sie verspeisen, die Löcher in den Wänden, die sie beobachten, die einfallenden Wände, die sie vernichten wollen….

Natürlich haben beide auch private Probleme, denn die holde Weiblichkeit verläßt fluchtartig das Gelände angesichts der Widrigkeiten und weigert sich standhaft wiederzukommen, bevor nicht renoviert ist. Und geraten ihrerseits auch in einen (fast wörtlich) Garten der Qualen….

Wie packt man solcherart aus dem Ruder gelaufenes an? Nun, Hartmut und ich erhalten unvermutete Hilfe: die örtliche Wehrsportgruppe und die (namengebenden) Wandelgermanen nehmen sich ihrer an… ausgerechnet das einzige rechte Dorf in einer Gegend linken Ökotums haben die beiden erwischt…. und so müssen “ich” samstags mit der Wehrsportgruppe durch die heimischen Wälder den imaginären Ami bekämpfen lernen und Hartmut wandelt barfuß durch die Wälder, im wahrsten, schmerzhaftesten Sinn über Stock und Stein…. Als Lohn dafür packen Spritti, Torsten und wie sie alle heißen unermüdlich und unerbittlich bei der Renovierung mit an.

Und dann ist da noch wie ein Heilsversprechen Leuchtenberg, der, der alles kann, den aber niemand fragt, weil keiner weiß ob es ihn wirklich gibt… eine wahrhaft messianische Figur, die das Unmögliche richten soll, sozusagen die Gesundung des übersiechen Hauses…. Die Pilgerfahrten, auf die er Hartmut und ich in die Baumärkte schickt, um selbst währenddessen wahre Wunder zu wirken, sind wahrhaft köstlicher Lesestoff…

Leider gehen Uschmann am Ende des Buches ein wenig die Pferde durch, oder auch seine Fantasie. Jedenfalls empfinde ich es im Gegensatz zu vielen sonstigen Passagen als etwas klamaukartig. Da wird – sozusagen – über die ausser Rand und Band geratene Wehrsportgruppe ein letzter Krieg gegen Amerika geführt, mit scharfer Munition (daneben)geschossen und so richtig alles aufgemischt. An der Germanen heiligen Stätte soll ein Windpark errichtet werden (es lebe Kafka… die Suche nach dem Gesetzestext, der Offenlegungstermin.. schön) und das Haus ist zwar dank Leuchtenberg wunderschön geworden, aber auch dieser Messias hat seinen Judas unter sich…..

Facit: in vielen Teilen ein schönes Buch, in manchen etwas klamaukig, immer jedoch mit einigem Unterhaltungswert ausgestattet. Auf den zweiten Blick immerhin so lohnend, daß ich mir einen der ersten beiden Bände auch noch mal besorgen werde.

Oliver Uschmann
Wandelgermanen
Scherz, Juli 2007, 380 S.
ISBN-10: 3502110514
ISBN-13: 978-3502110514

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