Oliver Uschmann: Wandelgermanen
Februar 28, 2009

„Hartmut und ich“ haben ein Problem: der LKW, der ins Wohnzimmer gerast ist und dort aus statischen Gründen in der Wand verbleiben muss, stört. Und so suchen sie: Hartmut und ich, Susanne und Caterina, etwas Neues, etwas eigenes. Nach einigen Misserfolgen werden sie fündigt: Hartmut kann bei ebay für 8000 Euronen ein Haus im Süden Deutschlands ersteigern. Und so packt die WG ihren Hausrat ein, mietet zwei Kleinlaster und ab gehts aus dem Ruhrgebiet, hinaus auf Land.
Irgendwie erwisch ich von solchen „Serien“ nie den ersten Band, so auch hier, die Wandelgermanen sind schon der 3. Band um Hartmut und ich. Aber egal, so bin ich wenigstens nicht im Zugzwang, das Buch mit seinen Vorgängern zu vergleichen und festzustellen, daß es besser ist oder am Ende gar schlechter….
Sehen wir mal von der Tatsache ab, daß in Deutschland Grunderwerb notwendigerweise nur mit notariellem Beistand möglich ist und sich Uschmann über solche Lapalien hinwegschreibt, habe ich mich am Anfang schon des öfteren gefragt: was soll denn das? Ist das hier eine platte Ansammlung aller möglichen Vorurteile gegen Menschen, die auf dem Land leben, eine äußerst vorhersehbare Materialisierung von Murphys Gesetz, gezeigt am billig und ohne Inspizierung erworbenen Eigenheim? Soll das etwa witzig sein?
Ja, doch, es ist witzig. Irgendwann ist der Groschen bei mir gefallen und ich habe das Buch als Satire aufgefasst, als Hommage z.B. an Kafka, wenn man z.B. die Beschreibung des Amtes in der nächsten Stadt liest. Lange, sich endlos hinziehende Gänge mit nichtauffindbaren Zimmern, labyrinthgleich mit einer Bibliothekarin als allgewaltigem Cerberus, der sich herabläßt, einen Termin für Hartmut und ich festzumachen, mit dem sie – nein, nicht den Amtsleiter erreichen können, sondern nur das Privileg haben, einen Termin für dieses Treffen ausmachen. Köstlich auch die Trennbrigade des Amtes, das alles richtet, die mitten in der Nacht auf der Baustelle anrück, um den Müll zu trennen, akribisch-pedantisch bis hin zur Sortierung von alten Nägeln und Dübeln nach Größe und Art. Und das alles unter Flutlicht.
An King erinnert das Haus selbst, das die beiden in seinen „besten“ Momenten zu verfolgen, zu beobachten scheint, der riesige Gasofen, der aussieht, als wolle er sie verspeisen, die Löcher in den Wänden, die sie beobachten, die einfallenden Wände, die sie vernichten wollen….
Natürlich haben beide auch private Probleme, denn die holde Weiblichkeit verläßt fluchtartig das Gelände angesichts der Widrigkeiten und weigert sich standhaft wiederzukommen, bevor nicht renoviert ist. Und geraten ihrerseits auch in einen (fast wörtlich) Garten der Qualen….
Wie packt man solcherart aus dem Ruder gelaufenes an? Nun, Hartmut und ich erhalten unvermutete Hilfe: die örtliche Wehrsportgruppe und die (namengebenden) Wandelgermanen nehmen sich ihrer an… ausgerechnet das einzige rechte Dorf in einer Gegend linken Ökotums haben die beiden erwischt…. und so müssen „ich“ samstags mit der Wehrsportgruppe durch die heimischen Wälder den imaginären Ami bekämpfen lernen und Hartmut wandelt barfuß durch die Wälder, im wahrsten, schmerzhaftesten Sinn über Stock und Stein…. Als Lohn dafür packen Spritti, Torsten und wie sie alle heißen unermüdlich und unerbittlich bei der Renovierung mit an.
Und dann ist da noch wie ein Heilsversprechen Leuchtenberg, der, der alles kann, den aber niemand fragt, weil keiner weiß ob es ihn wirklich gibt… eine wahrhaft messianische Figur, die das Unmögliche richten soll, sozusagen die Gesundung des übersiechen Hauses…. Die Pilgerfahrten, auf die er Hartmut und ich in die Baumärkte schickt, um selbst währenddessen wahre Wunder zu wirken, sind wahrhaft köstlicher Lesestoff…
Leider gehen Uschmann am Ende des Buches ein wenig die Pferde durch, oder auch seine Fantasie. Jedenfalls empfinde ich es im Gegensatz zu vielen sonstigen Passagen als etwas klamaukartig. Da wird – sozusagen – über die ausser Rand und Band geratene Wehrsportgruppe ein letzter Krieg gegen Amerika geführt, mit scharfer Munition (daneben)geschossen und so richtig alles aufgemischt. An der Germanen heiligen Stätte soll ein Windpark errichtet werden (es lebe Kafka… die Suche nach dem Gesetzestext, der Offenlegungstermin.. schön) und das Haus ist zwar dank Leuchtenberg wunderschön geworden, aber auch dieser Messias hat seinen Judas unter sich…..
Facit: in vielen Teilen ein schönes Buch, in manchen etwas klamaukig, immer jedoch mit einigem Unterhaltungswert ausgestattet. Auf den zweiten Blick immerhin so lohnend, daß ich mir einen der ersten beiden Bände auch noch mal besorgen werde.
Oliver Uschmann
Wandelgermanen
Scherz, Juli 2007, 380 S.
ISBN-10: 3502110514
ISBN-13: 978-3502110514
Hatice Akyün: Einmal Hans mit scharfer Soße
Februar 23, 2009

„Ich bin zu deutsch, um Türkin zu sein, und zu türkisch, mich eine Deutsche zu nennen.„
So charakterisiert sich die Journalistin Akyün in ihrem kleinen Büchlein. Geboren in Anatolien ist sie in Duisburg aufgewachsen und lebt jetzt in Berlin. Sie war nie die folgsame türkische Tochter, sondern sie hat früh und konsequent die Lebensgewohnheiten ihrer neuen Heimat angenommen, ohne jedoch ihre türkischen Wurzeln zu kappen. Und so kann sie problemlos zwischen beiden Welten wechseln, und daß es zwei Welten sind, in denen Türken und Deutsche leben, beschreibt sie in ihrem Buch sehr plastisch und amüsant.
Sie zeigt uns, und ihr Bruder Mustafa ist das Paradebeispiel dafür, daß alle Vorurteile über die Türken in Deutschland zutreffen – und sie zeigt gleichzeitig, daß sie falsch sind. Es gibt eben nicht den Türken schlechthin, sondern viele, viele einzelne, die jeweils auf ihre persönliche Art integriert – oder auch nicht integriert sind. Besonders interessant sind aber die Passagen, in denen Akyün uns Deutsche den Spiegel aus der Sicht einer Türkin vorhält (insbesondere natürlich den Männern, die im Vergleich zum türkischen Mann erst einmal nicht so gut wegkommen, zumindest aus türkisch-weiblicher Sicht…), denn diese Sicht kennt man als Deutscher gewöhnlich nicht. Und sofort merkt man, daß Integration ja nicht nur heißt, neue Verhaltensweisen zu adaptieren, sondern auch, alte, liebgewonnene unter Umständen aufzugeben, was ja (seien wir ehrlich) garnicht so einfach ist.
Thema des Buches ist das tägliche Leben, angefangen von den Esssitten, der unterschiedlichen Art die Wohung einzurichten und auszustaffieren, dem Rollenverständnis von Mann und Frau bis hin zum Verhältnis der Familienmitglieder untereinander. Ein Schwerpunkt sind aber zweifellos ihre dem Verhältnis von Männern und Frauen gewidmeten Ausführungen oder (wie es der Klappentext plakativ ankündigt:) kurzgesagt: dem unterschiedlichen Balzverhalten von Türken und Deutschen. Wer da an manchen Stellen nicht grinsen muss, … na ja, der muss eben nicht grinsen. Aber ich habe schon…
Kann man sich als Mädchen bzw Frau gegen die Zwänge tief verwurzelter gesellschaftlicher Traditionen wie gerade der türkischen, zur Wehr setzen, setzt dies ein starkes Selbstbewusstsein und einen starken Willen voraus. Mit beidem scheint Frau Akyün ausgestattet zu sein, bei allem Amusement beim Lesen muss man festhalten, daß Selbstzweifel bei ihr nur selten zu spüren sind. Gerade auch auf ihre erotische Ausstrahlung, unterstützt durch tiefe Dekolletes und High Heels, mit der sie die deutsche Männerwelt in Verlegenheit bringt, ist sie stolz und trägt sie wie ein Banner vor sich her. Die erste Faltencreme als Geschenk zum 30. Geburtstag bereitet ihr nur wenig Freude….
Was man von dem Buch nicht erwarten darf (dies wird in Besprechungen des öfteren kritisiert), ist eine tiefgründige soziologische Studie. Natürlich ist hier alles subjektiv erzählt und mit Blick auf Effekt geschrieben, man darf sicher nicht alles verallgemeinern. Von 192 Taschenbuchseiten kann man nicht die Erklärung aller Phänomene verlangen. Aber ist es deswegen schlecht? Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Werken wird das Buch von Akyün gelesen, der Inhalt prägt sich ein und gerade was die Aussagen der Autorin über uns Deutsche betrifft, hat man so manches Aha-Erlebnis. Wer tiefgründiges nachschieben will, nur zu, es sei empfohlen… man wird fündig werden. Aber ob das dann für uns normale Leser so unterhaltend und einprägsam ist, bezweifel ich, schon ein Buch wie die Untersuchung von Kelek über die Erziehung türkischer Jungen ist, obschon fundierter in den Aussagen, schwieriger zu lesen und leichter wieder zu vergessen….
Facit: kurzweilig, amüsant, erhellend und Verständnis weckend. Sowie mit manchen Aha-Erlebnissen, wie wir so in den Augen der Türken erscheinen….
Hatice Akyün
Einmal Hans mit scharfer Soße
Goldmann Tb, 2007, 192 S.
ISBN-10: 3442154391
ISBN-13: 978-3442154395
Tom Tykwer: The International
Februar 22, 2009

Die diesjährige Berlinale wurde von Tykwers hollywoodproduziertem Film „The International“ (International was…. fehlt da nicht was?) eröffnet, dementsprechend waren Film und Regisseur gut beworben und in den Medien präsent. Neugier also geweckt, denn deutsche Filmemacher auf internationalem Parkett sind ja immer noch eher die Ausnahme als die Regel. Außerdem gab´s ja beim letzten Kinobesuch den Trailer zu sehen und der war zumindest nicht so abschreckend wie der von Carreys „Ja-Sager“….
Ok. Also, in dem Film geht es darum, daß eine Bank, die „International (ah…. !) Bank of Commerce und irgendwas“, im folgenden und im Film nur IBCC genannt, ihre Geschäftsfelder offensichtlich auf die lukrative Finanzierung und überhaupt Abwicklung von Waffengeschäften aus und an zwielichtige Quellen (immer aber Großlieferanten und -abnehmer) ausgedehnt hat. Lonely Wolf Salinger spürt diesen Geschäften schon seit längerem vergeblich nach, nachdem er beim Yard rausgeschmissen wurde, jetzt eben bei Interpol. Unterstützt wird er von der NYer Staatsanwältin Eleanor Whitman. Leider, leider leider stirbt aber jeder, der den Geschäften der Bank nachspürt (außer Salinger, aber dann gäbe es ja auch den Film nicht….) und ihrem Boss zu nahe kommt. Und mit dieser Konstellation wird der Film dann auch eröffnet, am Berliner Hauptbahnhof treffen sich ein aussagewilliger Banker und ein Interpolagent, beide überleben dieses Treffen nicht. Der eine stirbt etwas früher, der andere etwas später….
Agent Salinger bleibt aber am Ball, bekommt einen Tip von einem erneut dem Tod geweihten (weiß der natürlich nicht) und kann dann aber die Spur dessen Mörders nach NY verfolgen. Dort – unterstützt von einem taffen Team des NYDP – inszeniert Tykwer im Guggenheim ein Aufeinandertreffen von Gut und Böse, bei dem an Munition nicht gespart wird. Salinger überlebt, bekommt vom resignierten, in die Altersweisheit geflohenen Ex-Stasi Oberst Wilhelm Wexler (Müller-Stahl ist es, der hier den Consigliere gibt) und paar Lebensweisheiten und zusätzlich eine heisse Information und das Finale über den Dächern von Istanbul ist gerettet. .. ob sich aber irgendwas ändert dadurch, das läßt das Ende des Films offen.
Soweit zum Inhalt, der hoffentlich immer noch neugierig genug macht, sich den Film anzusehen. Denn so schlecht hat er mir garnicht gefallen. Action ja, aber ich hatte nie das Gefühl, die Handlung sei um die Action herum konstruiert worden. Natürlich – die Guggenheim-Szene ist schon zentral, wird ja auch in Reviews immer hervorgehoben. Es geht auch ganz ordentlich zur Sache, wie üblich überlebt der Gute trotz der mannigfachen Übermacht des Bösen.. (wo kamen die eigentlich auf einmal alle her??.. egal…. die Macht ist mit der Bank…), aber das muss wohl so sein, weil sonst der Film nicht weitergeht…. und das Guggenheim mit seiner weißen Rotunde, in der man so ein wenig die Orientierung verlieren kann ist ein imposanter Hintergrund für so eine Ballerei. Schön vor allem, daß Tykwer nicht vorhatte, diesen Action-Höhepunkt in der Schlussszene noch zu toppen, diese ist eher unspektakulär (bis auf die Aussicht…) und – insofern man das überhaupt sagen kann – viel realistischer gehalten.
Die Handlung des Films.. nun, es bleibt vieles, was passiert, im Dunkeln. Aber das entspricht ja auch der Wirklichkeit, die Details, die Absprachen, die Deals werden nicht im Rampenlicht verabredet und Tykwer gibt dem Zuschauer in einigen Szenen eben genau das Maß an Informationen, das gebraucht wird, um zu verstehen, was im Prinzip Sache ist. Genauso wird der interne Druck, unter dem die Ermittler stehen, nur angedeutet, ohne im Einzelnen auszuführen, wer wen durch was in der Hand hat. Die Bank als Krake im Grunde alle, doch sie selbst ist auch verwundbar – durch ihre hochriskanten Geschäfte, die sie ohne Rücksichten durchziehen muss, weil sie sich davon abhängig gemacht hat (wie im richtigen Leben eben… Bankier, Banker, Bankster … kann man mit dem Timing eines Films wirklich so viel Glück haben?). Und so kann nur eine einsamer, frustrierter, verbissener, zu (fast) allem entschlossener Einzelgänger wie Salinger, der nicht mehr unter Kontrolle ist, der Bank wirklich gefährlich werden (obwohl dieses Motiv des einsamen Wolfes ja auch schon etwas abgenutzt ist…). Um Watts in der Rolle der Staatsanwältin hat es mir ein wenig leid getan, sie hatte ausser ein wenig Stichwortgeberei und Zubringerdiensten kaum was zu tun, wurde sicherlich unterhalb ihrer Möglichkeiten in Szene gesetzt… Schade.
Facit: Ein akzeptabel intelligenter Thriller, bei dem die Action gottseidank nicht die Hauptrolle spielt.
Links
(Einige wenige) Interviews mit Tykwer
….in ifc.com
… in moviehole.net
… und bei spielfilm.de
bücher.leben: Um-, auf-, weg- und anderes -räumen
Februar 19, 2009
Aus organisatorischen und auch ganz profan aus Platzgründen bin ich dabei, die Bücher und Bücherregale umzuorganisieren. Mittlerweile stand vieles schon in Doppelreihen, über- und untereinander, sogar auf dem Boden gestapelt oder in Kisten in der Ecke. Das Durchforsten alter Regale, und sei es nur, um zusätzliche Regalböden frei zu machen, ist eine kleine Zeitreise in die eigene Vergangenheit…
Vieles taucht auf einmal wieder auf, eine recht umfangreiche Sammlung alter Sportbücher aus der Zeit, als ich noch ein wenig JJ betrieb. Sehr viele Bücher über philosophische und theologische Themen warten auf.. ja, auf was? Früher waren das Fragen, die mich intensiv beschäftigten, jetzt schon seit Jahren nicht mehr…. Alte, „ausgediente“ Belletristik, populäre Romane, aber auch viel „Schund“ dabei. Die Romane, die im japanischen Milieu der Samurai und Ninja spielen, nehmen allein schon fast einen Regalboden ein. Vor vielen Jahren, als ich beruflich ab und an unterwegs war, waren das genau die Bücher für die langen Bahnfahrten und die langweiligen Abende im Hotel…..

Meine alten Reclamhefte, die schmalen, schmucklosen gelben Dinger, die muss ich irgendwann „entsorgt“ haben. Ärgerlich! Dafür aber fand ich Dürrenmatts „Alte Dame“ , als ich sie jetzt „aus gegebenen Anlass“ suchte. Fast wie in einer Buchhandlung….
Viele Bücher enthalten Notizen, an den Rand geschriebenes, Gedanken… sind persönlich und an ein paar Stellen habe ich die Unterhaltung mit dem Geschriebenen, die ich seinerzeit führte, noch einmal nachempfinden können. Manchmal gibt es eigene Textversuche, in meiner „japanischen“ Zeit scheine ich viel über Haiku und Tanka gelesen zu haben….
Blaue Libelle,
glitzernder, ruhiger Teich
Im Spiel der Sonne
Die alten Duden-Bände.. ich schätze mal, der Rechtschreibeduden wird mittlerweile nur noch ein Schmunzeln hervorrufen, hat doch glatt die Rechtschreibereform verschlafen.. Cartoon-Bände, Asterix fast vollzählig aus ganz, ganz frühen Tagen…sieben kleinklobige Bände „Akzente“, eine Vielzahl von Büchern zu technischen Themen, ein Erbe vormaliger Tätigkeit….
Aber jetzt heißt es erstmal, das Chaos, das ich durch das Umräumen und Abbauen von Regalen hinterlassen habe, zu beseitigen…..
blog.intern: wat is´n nu los??
Februar 17, 2009
Oh ne, ich habe gerade gemerkt, daß in meinem „Bildchen“-Inhaltsverzeichnis die ganzen Verlinkungen nicht mehr stimmen…. Früher (so erinner ich mich) kam man über die Bilder zu den einzelnen Beiträgen, heute bleibt man auf den Bildern hängen und nix kommt man zu den Beiträgen!!! *Totenkopf.Quadrat*
Seit wann ist denn dem so????? Is jetz widda die gute, alte Handarbeit beim Verlinken angesagt??? Oh ne, ich fass ihm nicht….. watnearbeit…..
Da fällt mir ja noch nicht einmal dem Genitiv zu ein!!!
Garth Stein: Enzo – Die Kunst, ein Mensch zu sein
Februar 16, 2009

Der Titel „Enzo – Die Kunst, ein Mensch zu sein“ erinnerte mich sofort an Pirsigs Kultbuch aus den 70er Jahren: „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“. Gut, ich weiß natürlich, daß dies der eingedeutschte Titel ist, aber auch die Originaltitel sind sehr ähnlich: „Enzo and the Art of Racing in the Rain“ bzw „Zen and the Art of Motorcycle Maintenance„. Und „Enzo“ und „Zen“ sind auch nicht so weit auseinander, auch die philosphischen Exkurse am technischen Objekt erinnern aneinander. Zufall? Na, ist ja auch egal….
Der Hund Enzo lebt in der Familie von Dennis, der als begabter Rennfahrer von einer Karriere träumt. Enzo selbst ist ein TV-Junkie, ihm gefällt die mongolische Überlieferung, die er im Discovery Channel gesehen hat und nach der ein Hund als Mensch wiedergeboren wird. Dementsprechend bereitet er sich mental schon auf diese seine nächste Inkarnation vor.
Das Buch wird aus der Sicht Enzos erzählt. Er ist ein sehr einfühlsamer, sensibler, mitfühlender, verständiger (intelligenter sowieso) Hund, dem nur ein Daumen fehlt und die Fähigkeit, zu sprechen. So versteht er zwar alles, kann sich aber selbst kaum mitteilen. Das Leben in seiner Familie läuft gut, aber er merkt schon früh, daß sein Frauchen krank wird und so kommt es dann auch. Und danach wird alles nur noch schlimmer für ihn und Dennis.
Das Buch ist ein nett geschriebenes Rührstück mit einem vermenschlichtem Hund im Mittelpunkt, einer tragischen Familiengeschichte, mit Bösewichten, die dem Guten so richtig ans Leder wollen und dem Guten, der zwar wankt, aber nicht fällt. Gewürzt wird das Ganze mit einem kräftigen Schuss Hausmannsphilosophie („Man kann ein Rennen an der ersten Kurve nicht gewinnen, aber man kann es dort verlieren“), zumeist aus des Hundes Gedankenwelt, der sich ja auf seine Inkarnation als Mensch vorbereitet.
Facit: nett geschrieben, rührselig und an manchen Stellen auch ziemlich traurig. Aber wer so was mag, dem wird das Buch gefallen.
Garth Stein
Enzo – Die Kunst, ein Mensch zu sein
Droemer/Knaur; August 2008
ISBN-10: 3426198045
ISBN-13: 978-3426198049
Benedict Wells: Becks letzter Sommer
Februar 13, 2009

Wer aufgrund des Coverbildes glaubt, einen lustigen und unbeschwerten Urlaubsroman vor sich zu haben, ist im Irrtum. Oder mit anderen Worten: das Bild wird dem Roman nicht gerecht, für mich – um es vorweg zu nehmen – einer der wenigen Kritikpunkte am Buch.
Ansonsten hat es mir der Debütroman von Wells angetan. Er erzählt die Geschichte von Robert Beck, einem Gymnasiallehrer für Deutsch und Musik in der Sinnkrise, der der nie wahrgewordenen Karriere als Rockmusiker nachtrauert, wie sie sich Ende der Neunziger Jahre („… diesem vergeudeten Jahrzehnt…“) in München abgespielt hat.
Beck reißt mehr oder weniger lustlos sein Lehrerpensum herunter, als er durch Zufall Lara kennenlernt, die garnicht sein Typ ist und in die er sich immer mehr verguckt, mehr als ihm als notorisch bindungsscheuem Menschen lieb ist. Zur gleichen Zeit wird er auf Raulis aufmerksam, einen litauischen Jungen, der in seine Klasse geht und dort eine Aussenseiterrolle hat. Durch Zufall bekommt Raulis die seine alte Stratocaster
in die Hand ….. Von diesem Moment an ist nichts mehr wie es war:
„...Und dann spielte das komischen Kind. Durchs Zimmer donnerte ein mächtiges Gitarrenriff, vorgetragen in rasender Geschwindigkeit. Raulis lange Finger huschten über die sechs Saiten und entlockten der Gitarre winselnde, schneidende Klänge, die Beck nicht mal im Traum hinbekam. Der Junge griff Akkord um Akkord ab, verrenkte seine teuflisch schnellen Finger und ließ sie hoch und runter sausen, bis Boden und Decke vibrierten und die Zimmerlampe hin- und herschwang. Ein Orkan tobte durchs Zimmer, Tische und Stühle fielen um, Holz splitterte. Beck musste sich am Türrahmen festhalten, um nicht auch davon geweht zu werden. Das Klavier zerbarst unter dem Getöse, die Scheiben des Fensters sprangen mit einem Klirren in tausend Teile, während die Wände tiefe Risse bekamen, getroffen von dieser Urgewalt. Und im Auge des Taifuns stand, völlig ruhig, der Junge mit der Gitarre in der Hand. …
Dieser kindliche Litauer war verdammt noch mal so gut wie Jimi Hendrix, ach was, er war besser als Hendrix. ..„
Beck durchfährt es wie eine Erkenntnis: dieser Junge bietet ihm die Chance, das, was er selbst versäumt hat, nachzuholen: eine Karriere als Musiker. Also nimmt er ihn unter seine Fittiche, schreibt Songs für ihn (und muss später erkennen, daß die Schrott sind gegen das, was Rauli selbst mühelos an Stücken aus dem Handgelenk schüttelt…), investiert ihn Rauli, bemüht sich um ihn und promotet ihn. Doch wieder einmal muss er erkennen, daß Pläne zu machen die eine Sache ist, ob sie gelingen, ist die andere…..
Der dritte im Bunde der Hauptfiguren ist Charlie, ein hünenhafter Deutschafrikaner, der zu Drogen nicht Nein sagt und – da bekennender Hypochonder – der seit Jahren schwer krank und quasi kurz vor dem Tod steht. Er ist der einzige Freund Becks, übrig geblieben aus vergangenen Tagen mit seiner alten Band.
Im zweiten Teil des Buches, dem „Roadmovie“ unternehmen diese Drei – nach einem relativ turbulenten Vorspiel – mit einem alten, klapprigen VW eine Reise nach Istanbul, da Charlie ihnen vorgeflunkert hat, seine dort lebende Mutter läge im Sterben. Ganz nebenbei betätigt sich Charlie, der aus der geschlossenen Anstalt, in der Beck ihn unterbringen musste, ausgebrochen war, noch als Drogenkurier, was die Reise nicht unerheblich kompliziert.
Wieder zurück aus Istanbul findet Beck nicht mehr in sein konventionelles Leben zurück. Er läßt alles hinter sich und geht nach Italien, an einen Ort, in dem er als Kind mal war und der ihm wieder einfiel, als Lara ihn einst aufforderte, einen Augenblick zu benennen, an dem er wirklich glücklich war.
Hier könnte das Buch zu Ende sein, jedoch läßt Wells uns einen Zeitsprung von einigen Jahren machen und noch einmal zu Beck zurückkehren, der immer noch in Italien lebt, zusammen mit einer namenlosen Katze, sporadisch unterrichtet, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, der immer noch versucht, einen gelungenen Song zu schreiben… Desillusioniert, ernüchtert und müde ist Beck und ein letzter Deal mir Rauli wartet auf ihn…..
Nach den ersten Seiten des Buches dachte ich spontan: Na also, geht doch! Auch deutsche Autoren können witzig schreiben, kurzweilig, schnell, unterhaltsam aber nicht trivial. Natürlich wird immer noch viel reflektiert in dem Geschichte, beschrieben und analysiert (ich habe neben Beck auch noch von A. Maupin: Stadtgeschichten gelesen, in denen fast nur szenisch geschrieben wird, nur Dialoge, kaum Beschreibungen o.ä., die daher noch schneller, einprägsamer und rasanter sind…, daher fiel mir dies besonders auf), trotzdem packt das Buch sofort und spätestens nach der oben zitierten Beschreibung von Raulis Gitarrenspiel war ich von dem Buch überzeugt.
Dreiundzwanzig Jahre ist Wells jung, dafür trifft er die Gedankenwelt des Enddreissigers Beck gut, sehr gut. Das Selbstmitleid, die Selbstzweifel, die Einsamkeit, die Angst vor der Bindung, vor jeglicher Entscheidung, vor jedem Risiko: gut beschrieben, gut eingefühlt für Wells, für den diese Welt ja noch einige Jahre voraus liegt… und dann, als Beck tatsächlich den Mut findet (oder die Verzweifelung, wer weiß das schon….), loszulassen, hat Wells den Mut, nicht alles rosarot im HappyEnd enden zu lassen, sondern zu zeigen, daß Beck zu kurz springt, springen muss, weil seine Möglichkeiten einfach nicht reichen, die Träume real werden zu lassen. Und trotzdem war es richtig von Beck, alles hinter sich zu lassen und alles auf eine Karte zu setzen, den jetzt lebt er immerhin sein eigenes Leben, nicht ein aufgezwungenes, das er sich nie ausgesucht hat oder ein geliehenes, hinter dem er sich versteckt.
Ein sehr schöner Einfall von Wells ist es, die Entstehungsgeschichte als Teil des Romans in die Handlung einzubauen. Der (fiktive) Autor korrespondiert mit Beck, sie unterhalten sich über das Buch, über die Zeichnung der Figuren, den Fortgang der Handlung.. hat mir gut gefallen!
Facit: durch und durch empfehlenswert!
Links:
ein Interview mit Wells .. und noch eins….
Benedict Wells
Becks letzter Sommer
Diogenes, Zürich, 2008
ISBN-13: 978-3257066760 (HC)
ISBN-13: 978-3257861808 (Tb)
Friedrich Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame
Februar 12, 2009

Wie heißt es so schön? Aus gegebenen Anlass… habe ich mir dieses „alte“ Dürrenmattstück vorgenommen. Nein, nicht weil ich Besuch einer alten Dame, meiner Tante vielleicht erwarte, sondern weil in Kürze ein Theaterbesuch ansteht….
Die „tragische Komödie“ Dürrenmatts wurde 1956 uraufgeführt. Sie handelt von Schuld und Sühne, von Ungerechtigkeit und Rache, von Unversöhnlichkeit, von Wankelmut, Käuflichkeit und Bestechlichkeit, mithin vom Menschlichen allgemein….
Der heruntergekommene Ort Güllen erwartet den Besuch der Milliardärin Claire Zachanassian, die vor 45 Jahren im Ort als Kläri Wäscher lebte und ihn damals verließ. Man erhofft sich von ihr Hilfe zur Gesundung des Ortes, der wirtschaftlich völlig darnieder liegt. Die Honoratioren der Stadt, Bürgermeister, Arzt, Lehrer, Pfarrer stehen bereit und der Jugendfreund von Kläri, der Krämer Ill soll es „richten“.
Als Claire dann aus dem Zug aussteigt, erweist sie sich als recht exaltierte alte Dame mit ziemlich sonderbarem Gefolge. Sie besucht noch einmal die Orte ihrer Jugend, zusammen mit Ill, ihrem damaligen Freund und verspricht dem Ort eine Milliarde, wenn ihr Gerechtigkeit widerführe, das Unrecht, das man ihr seinerzeit antat, gesühnt würde. Ill, der sie damals hat sitzen lassen, müsse dafür sterben.
Natürlich lehnt der Ort dieses unmoralische Angebot entrüstet ab, aber jeder Güllener, sogar die Familie Ill, fängt an, neue Sachen zu kaufen, und zwar auf Pump. Jeder rechnet mit dem Geldsegen, der da kommen wird und die Gewissensbisse werden immer schwächer. Die Schuld an allem wird immer mehr auf Ill verlagert, ja, man erwartet sogar, daß er den Güllenern die „Arbeit“ abnimmt und sich selbst meuchelt.
Das Rachebedürfnis der alten Dame ist unbedingt, keine Zeit, die ins Land gegangen ist, hat es besänftigt, noch jetzt die anfänglichen Bitten der Güllener. Einer Rachegöttin gleich hat sie Güllen durch ihr Geld in der Hand, entweder der Ort lebt durch den Tod von Ill oder er stirbt, wenn Ill weiterlebt. Es gibt keine Gnade, keine Milde, kein Vergessen….
„Warum wollen Sie Rache nach all den Jahren?“ – „Ich will Gerechtigkeit… ich bin es der schuldig, die ich einmal gewesen war!… Verzeihen.. ich kann es nicht mehr“ so spricht Claire (Hörbiger). So reich sie ist, so arm ist sie auch….
So, dann freu ich mich jetzt mal auf die Aufführung…..
… und wen der Bericht darüber interesssiert, kann es hier nachlesen….
Links:
in der Wiki
in einer anderen Wiki mit interessanten Links
Stückebeschreibung: Düsseldorfer Schauspiel
als Film
Die Aufführung des Landestheaters Detmold
Auch interessant (ARD-Film mit Hörbiger/Burmeister, youtube-Ausschnitte)
Friedrich Dürrenmatt
Der Besuch der alten Dame
- diverse Ausgaben -
Daniel Glattauer: Alle sieben Wellen
Februar 8, 2009

Nun also das zweite Buch von Glattauer über Emmi und Leo, nachdem sich, das erste: „Gut gegen Nordwind“ ja offensichtlich sehr gut verkauft hat. Die Besprechungen waren zumeist positiv, meine eigene [1] eingeschlossen, es gab aber durchaus auch Stimmen, die dem Buch Seichte, Oberflächlichkeit und Nichtigkeit des Themas attestierten. Das waren dann aber wohl eher diejenigen Leser, die sich nicht in die spezielle Situation der beiden hineinversetzen konnten…
„Alle sieben Wellen“ setzen mit ihrer „Handlung“ gut neun Monate später ein. Leo Leike ist aus Boston zurückgekehrt, Emmi Rothner versucht zur gleichen Zeit, wieder per mail Kontakt zu bekommen, korrespondiert aber erst einmal nur mit dem Systemmanager, der verkündet, diese mail-Adresse gäbe es nicht. Bis dann eines Abends eine Antwort von Leo in ihrem Postfach auf sie wartet. Die sich daraus entspinnende Handlung, der Fortgang der Geschichte ist recht vorhersehbar, ich will den Inhalt hier auch nicht allzu ausführlich wiedergeben.
Ist Emmi das Herz der Gefühle beider, so muss man Leo als den Kopf bezeichnen. Emmi ist diejenige, die treibt, die will, die auch konsequenter ist, Leo versucht dem (und seinem eigenen Herzen) Beherrschung entgegenzusetzen. Schön sind seine langen mails, wenn er rotweingeschwängert am Rechner sitzt und einfach nur schreibt, ohne die Blockade, das Wissen um die Ausweglosigkeit der Gefühle im Kopf. Ansonsten sind Emmis mails, wie schon im ersten Buch, diejenigen, die sprühen vor Witz und Einfällen, die intelligent sind, spontan, charmant und verführerisch….
Es mag solche Beziehungen geben wie die von Glattauer hier beschriebene. Was ich mir jedoch nicht vorstellen kann ist, daß sie in dieser Art und Weise ablaufen sollen. Zwei Menschen, die sich per Internet verlieben, die letztlich auch dem Gottesurteil der persönlichen Bekanntschaft standhalten, sollen nur per mail korrespondieren? Drei Tage und länger vor dem Rechner sitzen und auf eine mail warten, völlig ignorieren, daß es Handy, SMS und auch Festnetz gibt? Nicht Bescheid sagen, wenn sie mal länger weg sind, sondern den anderen einfach nur warten lassen, in all der Ungewissheit? Solches Verhalten ist für mich nicht vorstellbar, das glaube ich einfach nicht, da hätte ich mir von Glattauer mehr Realitätsnähe erhofft, das hat mich ein wenig gestört.
Und ja, was haben Leo und Emmi eigentlich gemeinsam? Die gesamten Briefe, die sie sich schreiben, handeln nur von sich selbst, nirgends von Interessen, von Hobbys, Erlebnissen, die man dem anderen erzählen will, weil man will, daß er am Leben teilnimmt. Sie treiben wie in einem hermetisch abgeschlossenen Kokon durch die Welt, dem die Erdung, das Gemeinsame fehlt. Und ich hätte schon gern gewusst, was beide verbindet ausser der Magie zwischen ihnen…..
Trotz dieser Kritikpunkte hat Glattauer jedoch ein wunderschönes, wunderschön zu lesendes Buch geschrieben, voller Poesie und Gefühl, an manchen Stellen sogar mit einer Nachdenklichkeit, die anrührt. Dankenswerterweise hat er darauf verzichtet, die realen Treffen beider zu schildern, diese werden nur in den nachfolgenden mails zwischen ihnen aufgearbeitet und reflektiert (das gehört dann natürlich wiederum zur obig angemerkten Selbstbezüglichkeit der Beziehung…). Beide, Emmi und Leo, gehen durch Höhen und Tiefen, ihre Lebensplanung wird durch ihre Gefühle völlig umgeworfen, Lebenslügen werden entlarvt. Und da es ein Roman ist, finden beide – ja, auch Leo – die Kraft, das zu leben, was sie leben wollen. Und nicht daß, was sie glauben, leben zu müssen.
Facit: Eine wunderschön erzählte Romanze zweier Menschen, die sich Briefe schreiben….. (für den, der sich auf die Situation einlässt) kurzweilig, ergreifend, nachdenklich… nicht wirklich anders als der Nordwind, eine Fortsetzung eben, jetzt aber mit einem Ende.
Links:
[1] Glattauer: Gut gegen Nordwind
[2] Als Tip: Auf Glattauers WebSite sind Hörproben als podcast hinterlegt, mit der sehr schönen Stimme von Andrea Sawatzki….
[3] Noch ein Tip, ein youtube-Video mit einem Interview von Glattauer
Daniel Glattauer
Alle sieben Wellen
Deuticke im Zsolnay Verlag, Februar 2009, 224 S.
ISBN-10: 3552060936
ISBN-13: 978-3552060937






