A. J. Jacobs: Die Bibel und ich
Januar 18, 2009

Ich bin an dieses zweite Buch von Jacobs mit einigen Vorbehalten herangegangen, sein Erstling hat mir nicht gefallen und allein schon wegen der Ähnlichkeit der Titel erwartete ich ein entsprechend enttäuschendes Buch.
Gut. In gewissem Sinn wurde ich, besser gesagt: wurden meine tief gehängten Erwartungen aber nicht enttäuscht: schon in der Einleitung verkündet Jacobs sein Motiv, dieses Buch zu schreiben:
„…Ich musste die Bibel wörtlich nehmen und streng nach ihren Gesetzen leben. ….muss ich gestehen, daß es mir nicht zuletzt darum ging, vorliegendes Buch zu schreiben… Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch über die Encycopaedia Britannica veröffentlicht…. Was sollte ich dem folgen lassen? Das einzige intellektuelle Abenteuer, das da mithalten konnte, schien mit die Auseinandersetzung mit dem einflussreichsten Buch der Welt, dem Bestseller schlechthin, der Bibel.“ (S. 13, Unterstreichung von mir)
Bin ich ein Narr, daß ich vermute, der enorme Verkaufserfolg und damit auch finanzielle Erfolg seines Erstlings sei wenigstens ebenso ein Anreiz gewesen, die Bibel zu lesen?
Jedenfalls erscheinen mir die zwei anderen Gründe, die Jacobs an dieser Stelle nennt, ziemlich fadenscheinig:
- „Ich würde die Religion nicht nur studieren, ich würde sie leben“
- Ferner will er das Gebiet des „biblischen Literalismus“ „beackern“ und kennenlernen (biblischer Literalismus: fundamentalistischer Ansatz, die Bibel wörtlich zu nehmen, in den Staaten weit verbreitet, je nach Umfrage sollen sich 33 bis 55 % der Amerikaner dazu bekennen)
Kann man zum Wesen einer Religion durchdringen, in dem man Verhaltensvorschriften einer Gesellschaft befolgt, die vor Jahrtausenden gelebt hat? Den Ansatz kann ich nicht ohne weiteres nachvollziehen, es fällt mir schon schwer, zu verstehen, wie Menschen, die in eine solche Kultur hineingeboren werden (orthodoxe Juden zum Beispiel), danach leben können, aber daß ein moderner Mensch glaubt, die einer Religion innewohnende Spiritualität erfahren zu können, in dem er durch NY läuft und Ehebrecher mit Kieselsteinen bewirft (abgemilderte Form der im AT vorgeschriebenen Steinigung von Ehebrechern), nein, das kann ich nicht verstehen, finde dieses Motiv sogar anmassend.
Entsprechend meines obigen Beispiels ist auch das Buch aufgebaut: Jacobs greift sich vor allem die aus heutiger Sicht skurrilen oder völlig unverständlichen Vorschriften (und es gibt eine Menge davon) aus der Bibel heraus. Ob es nun die Kleidervorschriften sind (Verbot von Mischgewebe, keine Weiberkleider für Männer (Unisex-Klamotten wie T-Shirts z.B. usw), das Tragen von Quasten, von weißer Kleidung), die Ge- und Verbote zu bestimmten Speisen (koscheres Essen), die Hygienevorschriften (die vor allem die Frauen diskriminieren, die doch sehr unrein sind…. vor allem während und nach ihren Tagen, die Unreinheit der Männer nach der Bibel wird geflissentlich unterschlagen, von der berichtet Jacobs dann gegen Ende des Buches kurz), dann natürlich die rein religiösen Vorschriften etc pp….
Der Punkt, an dem ich das Buch fast beiseite gelegt habe, war der Versuch Jacobs, einen Kompromiss zu finden zwischen dem (häufigen Gebot) nach Todesstrafe für bestimmte Vergehen und den Problemen, das in die Tat umzusetzen:
„Die Strafe, die am häufigsten im Tanach Erwähung findet, ist die Steinigung. Also müsste ich das eigentlich unbedingt mal ausprobieren.“ (S. 123)
Natürlich will er in Wirklichkeit niemanden verletzen und so läuft er – wie er meint, listig – durch NY und bewirft Ehebrecher mit kleinen Kieselsteinchen, symbolisch halt. Ich habe mich mal vor geraumer Zeit aus einem anderen Anlass zum Thema Steinigung etwas kundig gemacht (wer es nachlesen möchte, hierlang). Wenn man weiß, was für eine überaus grausame „Strafe“ das ist, kann ich es nur als Verhöhnung der ungezählten Opfer empfinden, wenn ein NYer Yuppie, der sich anmaßt, den Kern seiner Religion zu suchen, mit just diesem Ziel steinigungsimitierend durch die Straßen läuft….
Ich habe das Buch dann aber doch weitergelesen, denn auch wenn Jacobs die eher vermarktungsfähigen Aspekte seines Selbstversuches präsentiert, erfährt man doch vieles zu den Hintergründen für diese uns meist unverständlichen Gebote. Schließlich hat er einen religiösen Beraterkreis um sich gescharrt, der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. In der zweiten Hälfte des Buches findet man auch langsam etwas mehr Nachdenklichkeit beim Autor:
„Pass auf, daß du vor lauter Vorschriften und Geboten die wirklich wichtigen Dinge… nicht aus den Augen verlierst.“ (S. 147)
Was vorher mehr eine Ansammlung von Anekdoten war wird jetzt doch immer mehr auch die Schilderung eines Selbsterfahrungsversuches:
„Jetzt, nach der Hälfte meiner Reise, wird mir klar, wie sehr meine Geisteshaltung sich verändert hat. Damit hatte ich nicht gerechnet: Ich fühle mich den ultrareligiösen New Yorkern näher als den säkularen. … Das sind meine Brüder im Geist… sie denken von morgens bis abends an ihren Gott, genau wie ich.“ (S. 239)
Diese Rückkopplung seiner Befolgung der biblischen Gebote auf sich selbst ist nicht verwunderlich. Jacobs schildert dies, auch die Auswirkungen auf seine Familie (ich bewundere die Geduld seiner Frau…), er läßt uns auch teilhaben an seiner gesamten Familiengeschichte. Die zweite Schwangerschaft (was sagt die Bibel zur in-vitro-Fertilization?? großes Problem!), die zu Zwillingen führt, die Erziehung von Jasper, den kleinen Sohn: in all das fließt seine Beschäftigung mit dem AT ein.
Das letzte Drittel des Buches befasst sich dann mit dem NT, für einen Juden natürlich eine kleine Herausforderung, müsste er doch im Grunde Jesus als seinen Gott anerkennen, denn das ist die Forderung No. 1 des NT. Ansonsten stellt sich das NT ver- und gebotstechnisch als sehr viel einfacher dar als das AT und so berichtet Jacobs sehr interessant über seine Besuche bei verschiedenen fundamentalistischen/konservativen christlichen Kirchen in den USA. Das ist jetzt wirklich lesenswert.
Facit: Das zweite Buch von Jacobs hat bei aller Kritik, die ich an ihm übe, deutlich mehr Substanz. Als Autor einer Publikumszeitschrift versteht er es, flüssig, pointenreich und unterhaltsam zu schreiben, also auch von daher ist es kein Verlust, wenn man das Buch liest.
A. J. Jacobs
Die Bibel und ich
Ullstein, September 2008, 432 S.
ISBN-10: 3550087241
ISBN-13: 978-3550087240



Januar 18, 2009 at 11:36
Habe grade noch einen Abstecher zu deinem Steinigungs-Beitrag gemacht, hinterlasse meinen Kommentar aber doch hier.
Zunächst: Das Experiment klingt schon interessant – wobei es ja genügend Leute gerade auch in den USA gibt, die die wörtliche Auslegung der Bibel etwas ernster nehmen – nicht immer mit guten Ergebnissen, wie ich finde, ganz im Gegenteil. Gerade das AT bietet sicherlich nicht die passenden Leitlinien für ein Leben in unserer Zeit.
Zum Thema Steinigung: Ich war vorletztes Jahr im Iran auf Studienreise, und im Gespräch mit einem Mullah fragte eine aus unserer Gruppe, wieso man denn noch an der grausamen Strafe der Steinigung festhält. Daraufhin meinte der Mullah, dass das ja gar nicht so grausam sei, weil die Leute ja begnadigt werden, wenn es ihnen gelingt, aus eigener Kraft wegzulaufen. Klar, wenn man bis zur Hüfte/Brust eingegraben ist, ist das eine realistische Option…
Januar 18, 2009 at 1:14
Du hast eine Studienreise in den Iran gemacht? Das klingt sehr interessant…. Ich bin in den 70ern noch zu Schahs Zeiten, durch den Iran gereist, aber selbst damals war es eine düstere, feindliche Stimmung, im Gegensatz z.B. zu Afghanistan… na ja, ist lange her.
Jacobs unterhält sich mit seinem Beraterstab natürlich auch über diese Strafen, wie sie die Bibel vorschreibt. Und auch hier wird die humanitäre Durchführung der Strafen hervorgehoben: zwar wurde wohl niemand (nach Art des Gottesurteils im mittelalterlichen Europa) begnadigt, aber das ganze doch sehr human durchgeführt: es wurde niemand wirklich gesteinigt, sondern die Leute wurden von Klippen gestoßen. Angeblich soll sogar die Höhe der Klippen in der Thora benannt sein. Und die Leute wurden vorher auf Droge gesetzt…. und sehr selten soll die Strafe nach einem komplizierten Gerichtsverfahren verhängt worden sein.
Nun ja, das war eben so in biblischen Zeiten, das muss man als historische Tatsache hinnehmen. Nur daß heutzutage jemand (wenn auch nur symbolisch) meint, er müsse das nachmachen, finde ich den realen Opfern gegenüber eine Verhöhnung und auch extrem geschmacklos.
Januar 20, 2009 at 9:38
So, jetzt steht auch dieses Buch doch auf meiner Lesen-Liste.
Ja, im Iran, das war wirklich sehr spannend! Ich empfehle ja auch ab und zu Bücher mit dem Thema Iran, die, wie ich finde, mein Eindrücke recht gut widerspiegeln. Ich bin auch immernoch hin- und hergerissen: Zum einen ist das Land wirklich schön und die Menschen wahnsinnig aufgeschlossen und freundlich, zum anderen gab es natürlich viele Situationen, an denen man merkte, dass man sich in einem totalitären Staat befindet… Wenn es dich interessiert, ich habe für ein Freiburger Online-Magazin einen Bericht geschrieben, mit ein paar Fotos:
http://fudder.de/artikel/2007/10/17/impressionen-aus-isfahan/
(Freiburg hat eine Städtepartnerschaft mit Isfahan, die natürlich in den letzten Jahren in der Kritik stand; darauf habe ich auch Bezug genommen).
Aber gerade wenn du auch schonmal im Iran warst, ist es sicherlich interessant, das zu vergleichen. Viel zum Guten wird sich wohl (leider) nicht geändert haben, nehme ich an.
Januar 21, 2009 at 8:09
Na, dann bin ich mal gespannt, zu welcher Einschätzung du gelangst, wenn du das Buch liest….
Danke für deinen Kommentar, ich habe auch deinen Beitrag im fudder gelesen. In vielen Punkten decken sich deine Erfahrungen ja auch mit anderen Berichten, die man ab und an aus dem Iran zu hören oder zu sehen bekommt. Ich denke, diese Aufspaltung der Gesellschaft in einen öffentlichen und einen privaten Bereich, das Zurückziehen in Nischen, das Austesten dessen, was möglich ist, ist ein Charakteristikum aller Gesellschaften, die sich nicht in einem freien Diskurs weiterentwickeln, sondern denen von oben oktroyiert wird, wie sie sich zu verhalten haben, wenn sie nicht unter Sanktionen leiden wollen.
Von Bekannten von mir waren dieses Jahr die (schon nicht mehr ganz jungen) Eltern mit dem Wohnwagen im Iran, die waren vom Land auch ganz begeistert. Problematisch ist wahrscheinlich immer, daß man die Landessprache nicht beherrscht, also auf Infos aus zweiter Hand angewiesen ist. Und da weiß man oft nicht so genau, mit welcher Intention diese gegeben werden.
Meine eigenen Eindrücke vom Iran sind sehr blass, es ist einfach schon zu lange her und ich war damals noch jung, habe die Reisen unter ganz anderen Gesichtspunkten gemacht (um das Wort „oberflächlich“ zu vermeiden). Ich habe den Iran (oder hieß der damals sogar noch Persien?) nur als relative verschlossen wirkende Gesellschaft in Erinnerung, mit großen, lauten Städten, aber wunderschönen Moscheen….
Ob es sich zum Guten oder zum Bösen gewendet hat: ich denke, eine einfache Antwort (auch wenn sie auf der Zunge liegt) gibt es da nicht. Der Schah mit seinem Regime war ja nun auch kein Kind von „Taurigkeit“ und das Prinzip vom „gleichen Recht für alle“ stand in der Prioritätenliste auch nicht sehr hoch. Es kommt wohl (wie so oft) drauf an, wo die Gewinner und wo die Verlierer sitzen…..