Joyce Carol Oates: Zombie
10. Januar 2009

“Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, daß sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.” (Dr. Walter Freeman [1])
“Ein echter ZOMBIE wäre mein für immer. Er würde jedem meiner Befehle gehorchen. “Ja, Meister”, würde er sagen & “Nein, Meister.” Er würde vor mir niederknien & seine Augen zu mir aufheben & sagen: “Ich liebe Euch, Meister, Es gibt keinen außer Euch, Meister.”
So würde es geschehen & so würde es sein. …..
Natürlich würde mein ZOMBIE nicht verurteilen. Ein ZOMBIE würde sagen: “Gott segne Euch, Meister.” Er würde sagen: “Ihr seid gut, Meister. Ihr seid gütig und voller Erbarmen.” Er würde sagen: “*piept* mich in den *piep*, Meister, bis ich blaue Brocken blute.” Er würde um sein Essen bitten & er würde mich um Luft zum Atmen bitten. Er würde mir jederzeit den gebotenen Respekt erweisen. Er wüde mit seiner Zunge lecken, wie ich es ihn heiße. Er würde mit seinem Mund lutschen, wie ich es ihn heiße. Er würde die *piep*backen auseinanderziehen, wie ich es ihn heiße. Er würde teddybärig schmusen, wie ich es ihn heiße. Er würde seinen Kopf an meine Schulter legen wie ein Baby. Oder ich würde meinen Kopf an seine Schulter legen wie ein Baby. Wir würden unter der Decke in meinem Bett im Hausmeisterzimmer liegen, dem Novemberwind lauschen & dem Schlag der Glocken vom Turm des Music College & WIR WÜRDEN DIE SCHLÄGE ZÄHLEN, BIS WIR IM GLEICHEN AUGENBLICK EINSCHLAFEN WÜRDEN.” (Q.P. im Buch “Zomie” [6])
Quentin P., der sich selbst meist Q.P. nennt, ist ein ca. 30 jähriger homosexueller Mann, der wegen einer Sexualstraftat zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist. Er erfüllt die Bewährungsauflagen wie Besuche bei seinem Bewährungshelfer und einem Therapeuten lustlos, aber gewissenhaft. Er arbeitet und geht auf die nahe gelegene Hochschule, seine Familie hält zu ihm. Aber hinter dieser Fassade nach außen hin brodelt in Q.P. ein Plan, zu dem er durch einen Aufsatz von Freemann [5] animiert worden ist, sein Plan, seine Wunschvorstellung, sein Ziel beschreibt er wie oben in dem zweiten Zitat wiedergegeben: er will sich eine willenlose Kreatur machen, die ihm bedingungslos gehört und gehorcht.
Durch den Spiegel-Aufsatz [4], den ich schon einmal vor einigen Monaten gelesen habe, wusste ich von dieser Methode, psychisch auffällige Menschen zu behandeln, in dem man im Hirn von außen Nervenbahnen durchtrennt. Ich war damals schockiert, daß ein Arzt sich derartiges einfallen lassen kann, für mich gehört das zum grausamsten und unmenschlichsten, was ich mir vorstellen kann. In den Links, die ich unten angegeben habe [2a, b], kann man sich über diese Methode und ihren Protagonisten mit seinem “Lobomobil” auch per video informieren, da ich mir aber das nicht in toto angetan habe, kann ich weder für die Qualität noch für die Aussage hinter den Filmen (befürwortend/ablehnend) eine Garantie übernehmen.
Q.P. jedenfalls ist von dem Gedanken besessen, durch diese relative “einfache” Methode den Willen eines Menschen, der ihm als ZOMBIE geeignet erscheint, auszuschalten. So besorgt er sich Handwerkszeug (einen Eispickel), bereitet seinen Van vor und geht auf Opfersuche. Was folgt, sind Blutorgien, denn für seine homemade-Lobotomie hat er natürlich keine Übung und Erfahrung (die er aber zu erlangen hofft), ferner verläßt Q.P. regelmäßig die Selbstkontrolle, er kommt zu heftigen Höhepunkten und hat dann seinem Opfer den Eispickel um einige Zentimeter zu weit ins Hirns gerammt. Das sind die Stellen, bei denen ich mir ernstlich überlegt habe, das Buch beiseite zu legen…. eigentlich mag ich so etwas nicht….
Von seinen Opfern sammelt er Andenken, hier ein abgeschnittener und eingelegter Penis, dort einen Goldzahn, die Handschuhe des Dritten, die Mütze des Vierten und ein aus Haaren geflochtenes Armband des Nächsten…..
Q.P. ist krank und böse. Oates beschreibt seine Geschichte aus der Innenschau, man erlebt die Welt des Q.P., die hin und wieder völlig aus ihrer Bahn ausschert, als ob man im Hirn von Quentin sitzt. Daher enthält sich Oates auch jeglicher moralischer Wertung, sie läßt uns einfach diese grauslige Höllenfahrt miterleben, die Ängste von Quentin, seine Planungen, seine Begierden, Hoffnungen, die Art, wie er seinen Mitmenschen etwas vorspielt, wie er in Panik gerät, wenn er Blickkontakt zu jemanden aufnehmen muss (oder angeschaut wird), die Erregung, wenn er einen schönen Jungen oder einen aufregenden Mann sieht, die Ekstase bei seinen Taten, aber auch Enttäuschung und Frustration, weil sich seine potentiellen Zombies gegen ihn wehren oder weil sein Vorhaben mal wieder gescheitert ist…. all das beschreibt Oates unvermittelt direkt aus der Sicht von Quentin. Sie beschreibt es in einer Sprache, für die das obige Zitat ein gutes Beispiel ist: kurze, abgehackte Sätze, als ob Quentin in einem stetigem Selbstgespräch mit sich wäre, Gespräche von Q. mit anderen Menschen beschränken sich meist auf kurze, kürzeste Antworten, ganz anders als seine inneren Monologe.
In gewisser Weise kann man das Buch mit “Kevin” oder mit dem “Fünften Kind” vergleichen, alle drei Bücher handeln von Menschen, die einfach (in unserer Definition) böse sind. Oates jedoch führt uns hier – im Gegensatz zu den beiden anderen Autorinnen – den Bösen als Normalzustand vor: dadurch, daß Q. sich selbst natürlich nicht als böse oder abartig ansieht, wird automatisch die “normale” Aussenwelt für ihn bedrohlich, schon Blickkontakte empfindet er als aggressiv, er leidet darunter, daß er von z.B. seinen Mitstudenten nicht zur Kenntnis genommen wird, daß die Eltern ihn mit Fragen und Besuchen belästigen. Er zieht sich immer weiter in seine Phantasiewelt zurück, zu seinen Planungen, besitzt aber die notwendige Intelligenz, um nach außen hin “normal” zu wirken und auch aktiv dafür zu sorgen, daß er als “normal” wahrgenommen wird.
Nachtrag am 12.01.2008:
Der Figur des Q.P. liegt ein realer Serienmörder zugrunde, der zwischen 1978 und 1991 [9] in den USA 17 Männer ermordete, siehe auch [8]
Facit: Ich weigere mich zu schreiben, mir hätte dieses Buch gefallen. Aber es ist schon faszinierend, wie Oates [7] einen durch die Gedankenwelt eines kranken Hirns führt.
Links:
[1] http://www.lobomobile.de/
[2a] bei youtube sind unter dem Stichwort “Lobotomy” einige Videos unterschiedlicher Art zu finden
[2b] Das volle Lobotomie-Programm: http://www.pbs.org/wgbh/amex/lobotomist/program/
die Videos sind aber nichts für schwache Nerven, ich habe sie mir nicht alle anschauen können.
[3] weitere Rezensionen sind unter http://www.perlentaucher.de/buch/1209.html zu finden, ferner bei D. Wunderlich: http://www.dieterwunderlich.de/Oates_zombie.htm#cont
[4] Spiegel-Bericht über Freeman: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,562025,00.html
[5] Biographische Angaben zur Freeman in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Freeman
[6] Kapitel 53 (auszugsweise). Das Ge”piep”e dient nur dazu, google fernzuhalten. Die Suchfragen, mit denen mein blog gefunden wird, sind schon so seltsam genug….
[7] Biographische Angaben zu Oates in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Joyce_Carol_Oates
[8] Videos zu Jeffrey Dahmer: http://www.youtube.com/results?search_query=Jeffrey+Dahmer&search_type=&aq=f
[9] Biographische Angaben zu Dahmer in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Jeffrey_Dahmer
Joyce Carol Oates
Zombie
Area-Verlag, 2005
ISBN-10: 3899963199
ISBN-13: 978-3899963199
(Das Buch enthält als zweiten Roman “Der Dämon” von Hubert Selby)






10. Januar 2009 at 10:16 vormittags
Ich hab mir gerade ein paar der Links angeschaut – sehr interessant das alles, über Lobotomie wollte ich immer schon mal mehr wissen. Ich finde das wie du grausam und unmenschlich und kann eigentlich gar nicht glauben, dass diesem Freeman nicht bewusst war (oder dass es ihm egal war), dass das Gehirn nichts ist, in das man mal eben so einen Eispickel reinstecken kann ohne dass das irgendwelche Folgeschäden hätte. Da wird mir ganz anders beim Lesen, die Videos werde ich mir gar nicht erst antun…
Danke für die interessante Besprechung – das Buch werde ich bei meinem nächsten Bücherkauf bestimmt mitnehmen! Von Joyce Carol Oates wollte ich nämlich immer schon mal was lesen, und das Buch klingt richtig gut, vor allem weil es nur aus Quentins Sicht ist.
Liebe Grüße!
Eva
10. Januar 2009 at 7:04 nachmittags
Na ja, um diese Zeit haben die Amis ziemlich viel gemacht, was man heute nicht nachvollziehen kann, denk nur an die ganzen Atomwaffentests, bei denen viele Leute sich in unmittelbarer Nähe der Bomben aufhalten mussten (Militär) oder auch viele Versuche mit Kranken, die davon garnichts wussten und denen radioaktive Lebensmittel z.b. gegeben wurden. Die Sachen kann man leicht nachgoogeln… In irgendeinem Post habe ich ja schon mal auf John Wayne hingewiesen, der seinen letzten Film in einem Testgelände drehte.. er war wohl nicht der einzige, der daraufhin erkrankte und starb.
Das war damals wohl eine absolut wissenschaftsgläubige, naive, skrupellose Einstellung unter vielen amerikanischen Wissenschaftler. Der Fortschritt der Wissenschaft heiligt jedes Mittel…..
“… das Buch klingt richtig gut….”, also, wie gesagt, fesselnd ist es in jedem Fall, aber schön weniger…
ich bin aber gespannt, was du berichtest!
liebe grüße
fs
11. Januar 2009 at 7:55 nachmittags
Du hast eine ganz andere Lesart als ich im Juli letzten Jahres.
Für mich ging es weniger um die Taten von Quentin, viel weniger um die Grausamkeit und den Sadismus seiner Taten, sondern vor allem um die charakterliche Vorentwicklung. Wie einsam, wie traurig, wie unmoralisch und dennoch menschlich diese Figur agiert.
Der Wunsch nach einem Menschen, der einen – selbstlos, vorurteilsfrei und zärtlich – liebt, ohne ihn ihm das zu sehen, was seine Verwandten, seine Eltern, seine Bekannten in ihm gesehen haben. Für seinen Vater war er der vorbestrafte Versager; für seine Oma der “gute Junge”, der ihr einmal pro Woche den rasen pflegt; für seine Mutter eine finanzielle Belastung; selbst für seine Schwester noch das junge Brüderchen ohne viele Kontakte zur Außenwelt, der noch viel Zuwendung braucht.
Für all diese Personen ist er eine Last – ob nun materiell oder inmaterieller Art. Seine soziopathische Natur wird von niemanden dieser Personen wahr genommen – Wie soll man auch einen Menschen “sehen”, wenn man nur das eine Bild liebt? Wie soll man einen Menschen “begreifen”, wenn man von vorgefertigten Urteilen nicht abrücken will?
Hinzu kommt noch eine andere Tragik: Quentin sucht nach einem Menschen, den er in einem Zombie verwandeln kann. Er hat sich belesen, kennt also die Folgen einer solchen Operation, einer Lobotomie und dennoch hält er an diesem Plan fest – Ich glaube, der Gedanke steckt auch dahinter, dass nur ein Mensch OHNE Persönlichkeit ihn lieben kann. Jemand, der klaren Verstandes ist und Herr seiner Kräfte wird nie und nimmer Gefühle für ihn entwickeln können, zumindest ist das einer meiner Interpretationsansätze für seinen Wunsch nach einem “Zombie”.
Mir hat das Buch damals auch “gefallen”, so man das denn sagen kann..
(Habe mal meine alte Rezension dazu in meinem Blog hochgeladen – Ein Relikt, zumal keine sonderlich gute Rezension, weil ich sehr redundant geworden bin.
Mal der Link bei Interesse: Hier!)
12. Januar 2009 at 8:57 vormittags
Erst einmal danke für deinen ausführlichen Kommentar, natürlich habe ich deine Besprechung auch gelesen….
Ich denke, um Q wirklich “verstehen” zu können (zu verstehen, wie Q so geworden ist, wie ihn Oates uns schildert), müsste man seine Kindheit, seine Entwicklung wissen. Da ja offensichtlich ein realer Serienmörder Vorbild für Oakes war, könnte man da ansetzen, um Details zu erfahren (ich habe in meinen Beitrag noch eine entsprechende Ergänzung eingefügt).
Die Motive, so wie Q sie selber sieht, sind klar: er will ein allzeit verfügbares Wesen, das ihn nicht verurteilt, bewertet, daß ihm aber trotzdem noch das Gefühl von Wärme (“teddybärig”) gibt Von daher kann man rückschließen, daß er in der Tat nicht damit klar kommt, wie ihn a) seine Umwelt wahrnimmt und vor allem auch, wie ihn b) seine Umwelt be(ver)urteilen würde, würde sie den echten Q kennen, den er ja immer versteckt.
Daß er sadistisch ist, glaube ich garnicht mal so sehr, denn seine Grausamkeit ist ja kein Selbstzweck (auch wenn sie ihm Befriedigung verschafft), sondern nur notwendig, um sein Ziel zu erreichen. Im Gegenteil versucht er ja seine Opfern zu “beruhigen”, damit es nicht so schlimm wird. Aber das ist eh nur ein Nebenschauplatz, den Opfern wird es ziemlich egal gewesen sein, ob er sadistisch ist oder das Quälen nur in Kauf genommen hat, um sein Ziel zu erreichen.
Die Frage nach der Verantwortung seiner Umwelt, die du aufwirfst, ist schwierig zu beantworten. Q verhält sich nach aussen hin relativ unauffällig, in vielleicht nicht idealer Art und Weise, aber im gesellschaftlich tolerablen Rahmen. Wie weit muss man die Persönlichkeit eines Menschen respektieren, wann muss man aufmerken und nachhaken? Natürlich: durch die frühere Verurteilung war Q kein unbeschriebenes Blatt mehr und erhöhte Aufmerksamkeit wäre am Platz gewesen… Schwierig… Jeder Mensch sieht in gewisser Weise auch immer das, was er sehen will.. und eine soziopathischen Serienmörder als Sohn oder Bruder will ja keiner sehen…
Letztlich bleiben solche Menschen immer ein Rätsel, man mag ihre Bedürfnisse, ihre Eigenschaften nachvollziehen können, die Art und Weise, wie sie damit umgehen, sie realisieren, bleibt unfassbar.
Und hier hat Oates es meines Erachtens geschafft, dieses Unfassbare etwas klarer zu machen, in dem sie uns mit in die Gedankenwelt von Q hineingenommen hat: das Unfassbare ist nur für uns unfassbar, nicht für Q, nicht für den Täter. Für den ist es das Erstrebenswerte….
14. Januar 2009 at 1:01 nachmittags
ich weigere mich nicht, zu schreiben, dass mir dieses buch gefallen hat :)
und das sehr gut sogar, denn oates (und die übersetzung) ist exzellent in sprache und konstruktion. ihr gelingt etwas, worin zum beispiel brett easton ellis mit seinem “american psycho” versagt hat: den leser für die hauptfigur interessieren, wenn nicht gar begeistern.
so etwas hat bei mir sonst nur poppy brite mit “exquisite corps” geschafft, auch ein sehr garstiges buch, sprachlich noch grausamer als ellis oder oates (wenn auch nicht besser als oates).
14. Januar 2009 at 6:45 nachmittags
:lach:
Solche Geschichten gefallen mir prinzipiell nicht so, daß das Buch mich gefesselt hat, kommt glaube ich auch in der Besprechung durch.
Jedenfalls danke für deinen Kommentar. Ich habe mir deine Site angesehen und auch kurz reingehört, ich werde bestimmt öfter bei dir auftauchen.. sehr schön!