Normalerweise gilt ja bei mir „One book – one entry“, aber heute mach ich doch eine Ausnahme, denn ich will zwei Fotobücher vorstellen, die sich auf´s trefflichste ergänzen.

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Zum einen ist dies „Entering Germany“ des amerikanischen Fotografen Tony Vaccaro [3], der schon als GI vor dem Ende des Krieges in Deutschland war und als Soldat fotografierte und der nach Kriegsende bis 1949 im Land blieb, dies kreuz und quer bereiste und dabei Tausende von Bildern schoss. Auch wenn er durch widrige Umstände öfter mal Verluste in seinem Archiv hinnehmen musste, ist die Auswahl der Bilder sehr beeindruckend.

Natürlich kennt man die Bilder des zerstörten Deutschlands, der Städte in Schutt und Asche (ein Anblick, der im übrigen auch den Amerikaner Vaccaro tief betrübte und ihm eine unverhältnismäßige Aktion der Aliierten dünkte), der z.T. in Lumpen gekleideten, kaputten, desillusionierten Menschen. Trotzdem, wenn man diese Anblicke hier vor sich hat, als Bilder, sich darauf konzentrieren kann, auch mal Details schauen (was im Fernsehen kaum möglich ist, da hier das Tempo des Bildwechsels ja von außen vorgegeben wird): es berührt, macht in gewisser Weise auch demütig, denn wir heute haben vieles von dem, was wir haben, auch diesen Menschen damals, unseren Eltern, Großeltern, die in wirklich schwierigsten Zeiten angepackt haben und ohne groß zu lamentieren aufgebaut haben, zu verdanken. Wie leicht vergisst man das! Ich habe mir mal die Zeitung vorgenommen und geschaut, über was heutzutage so gejammert und geklagt wird.. ich muss es nicht hinschreiben, aber im Vergleich zu damals….. es ist wirklich sinnvoll, sich und die eigenen Ansprüche manchmal durch solche Erinnerungen – so lange ist das alles noch nicht her – wieder zu erden.

Sind die ersten unmittelbaren Jahre nach dem Krieg durch Not und Zerstörung geprägt, auch durch die Besatzung durch die Siegermächte, sieht man gegen Ende der Zeitspanne in Vaccaros Buch, daß es aufwärts geht: die Kohleförderung läuft wieder an, es wird wieder an Hochöfen gearbeitet, Stoffe werden in kleinen Fabriken zugeschnitten, mit vorsintflutlichem Gerät werden Straßen repariert, in Stand gesetzt, gebaut und auch das private Leben nimmt wieder Konturen an, die Freizeit wird gestaltet mit Tanzveranstaltungen, Rummelplätzen. Erste Modenschauen finden statt, 1948 wird schon im Bikini gebadet…. Insbesondere die Luftbrücke um Berlin trägt dazu bei, die Gräben zwischen Besatzern und Besiegten zu überbrücken

1949 verläßt Vaccaro Deutschland, kehrt voller Optimismus die Zukunft Deutschlands betreffend in die Staaten zurück. Dies ist (cum grano salis) der Zeitpunkt, in dem das zweite Fotobuch „Wirtschaftswunder“ [1], von Darchinger [2], das ich mir heute angeschaut habe, einsetzt:

darchinger

1952, also 3 Jahre nachdem das Buch von Vaccaro endet, ist die Zeit, in der in den Städten schon wieder Werbung zu sehen ist, wo es wieder Betriebe gibt und Firmen (die Produkionshalle von Porsche ist ja sowas von Puppenstube, so niedlich… wenn man das mit den heutigen Anlagen vergleicht…..). Die Straßen sind voller Kinder, der Verkehr nimmt stetig zu, es wird wieder gekauft, noch ist das Radio eine der Hauptverbindungen zur Welt, aber das Fernsehen steht schon auf der Matte. Die Autobahnen haben noch keine Mittelleitplanke und formal ist der Mann der Herr im Haus und Gleichberechtigung noch ein Wort des Teufels. In ausgebombten Hauseingängen machen sich kleine Läden breit, die das Notwendigste verkaufen und aus denen sich später große Läden entwickeln. Der Lohn wird noch bar ausgezahlt und die Vergügungen sind züchtig. Kurz darauf werden Versandhäuser wie Neckermann und Quelle zu wahren Kaufparadiesen, die großen Ketten wie Karstadt bieten den Menschen all das was sie wollen, tragen aber auch zum Untergang der kleinen Läden in den Städten bei. Über dem Land liegt Adenauer mit seiner CDU, andererseits beschert uns Erhard mit seiner sozialen Marktwirtschaft den Grundstock dessen, von dem wir heute noch zehren. Der soziale Wohnungsbau setzt ein (noch ist nicht klar, welche sozialen Probleme die Siedlungen vor den Städten in Zukunft machen werden), aber auch der Boom nach Bausparverträgen und dem Häuschen im Grünen, erste Urlaubsreisen werden gemacht, in das Land, wo die Zitronen blühen…. Deutschland, ein Land im Aufbruch, voller Schwung und Optimismus.

Die politische Einbindung an den Westen wird zementiert, die Bundeswehr ins Leben gerufen. 1963 wird dann die Mauer durch Berlin gebaut, der Eiserne Vorhang dichtgemacht. Die CDU feiert ihre große Zeit, die dann gegen Ende der 60er Jahre zu Ende geht (und 1969 in eine erste Große Koalition mündet). 1967 dann kommt der Schah zu Besuch, Benno Ohnesorg wird bei den Demonstrationen erschossen und für die Bundesrepublik fangen stürmische Zeiten an….

Facit: Zwei Fotobücher, die sich wunderbar ergänzen und einen sehr eindrucksvollen Rückblick auf die Zeit in den ersten 2 Jahrzehnten nach dem Krieg bieten. Einiges, was auf den späteren Bildern zu sehen war, habe ich selbst noch in Wirklichkeit so erlebt, ein zusätzlicher Anreiz natürlich für mich persönlich.

Links:

[1] Eine Auswahl von Bildern findet man hier im Spiegel: einestages
[2] Biographische Angaben zu Darchingeraus der Wiki
[3] Biographische Angaben zu Vaccaro aus der Wiki

Tony Vaccaro
Entering Germany
Taschen Verlag, 2001, 192 S.
ISBN-10: 3822859087
ISBN-13: 978-3822859087

Josef Heinrich Darchinger
Wirtschaftswunder
Taschen Verlag; 2008, 288 S.
ISBN-10: 3836500191
ISBN-13: 978-3836500197

7 Responses to “Nachkriegsdeutschland bis Wirtschaftswunder”

  1. Joachim Says:

    Tolles Thema, guter Tipp. Im Gegensatz zur NS-Zeit ist die Nachkriegszeit noch irgendwie wenig beleuchtet. Spannened zu lesen sind die vor ein paar Jahren erschienenen Berichte eines anderen (deutschstämmigen) GIs: James Stern „Die unsichtbaren Trümmer: Eine Reise im besetzten Deutschland 1945″

    Schöne Grüße
    Joachim

    • flattersatz Says:

      @ Joachim: hmmm… der Titel kommt mir irgendwie bekannt vor, den habe ich schon mal gelesen… wenn nur die Kiste mit den sowieso schon auf Beachtung wartenden Büchern nicht so groß wäre… diese Fotobücher hatten halt den Vorteil, daß man sie bei einem Kännchen Tee schön durchblättern konnte… *lach*

  2. Elke Says:

    Zwei Empfehlungen, die ich mir am liebsten gleich heute kaufen würde.
    Mehr davon. Diese Zeit ist sooo faszinierend und wird von Verlagen so unterschätzt.
    Noch …

    Liebe Grüße
    Elke

    PS: Habe weiter unten in deinem Blog noch Antwort“schulden“. Sie sind nicht vergessen.
    Ja, und auf ein neues Buch mit dem Wort „glast“/“glastend“ warte ich schon voller Spannung. Mag das Wort wie du.

    Wäre dies nicht eine Blogrubrikidee? Bücher mit „verschwundenen“ Worten? Es sind die Bücher, die so manch einer viel lieber lesen würde als das, was sich heute auf dem Markt so tummelt.

    • flattersatz Says:

      @elke: eine wunderbare Idee, der „Blog der vergessenen Worte„…. etwas bescheidener als die „Bibliothek der vergessenen Bücher“ bei Ruiz Zafón, aber machbarer für uns .. wenn du dir hier endlich mal ein Nest bauen würdest, könnten wir das gemeinsam angehen…. ;-)

      Das Wörtlein „Glast“ habe ich übrigens in der Variation „Glost“ entdeckt, es wurde in einem Gedicht in dem Menantes Bändchen verwendet. Muss ich noch ergänzen in meinem Glast-Beitrag! Danke, daß du mich erinnert hast!

      liebe grüße
      fs

  3. Elke Says:

    Ach ja, den Nestbau darf ich nicht vergessen. Ich tu’s ganz bestimmt. Danke fürs Erinnern.
    Glastige Grüße
    Elke
    :)

  4. elkelke Says:

    Vollbracht. Nest ist gebaut.
    Hausaufgabe erfüllt, Monsieur?

    Gute Nacht und lieben Gruß
    elkelke

  5. Paul Says:

    Eine schöne Literatur, die es den Schweizern weiterzureichen gilt. Mit der Abstimmung über die erweiterte Freizügigkeit stimmen diese so quasi über Entering Switzerland ab.


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