Anna Jansson: Schwarze Schmetterlinge
Januar 28, 2009

Dieser Krimi enthält viel, die Suche nach einem Mörder und Brandstifter, die Darstellung des Liebeslebens von Per Arvidsson (ein Polizist, aus dessen Sicht der Krimi erzählt wird), dessen Beziehungen aber von Tragik und Unglück bestimmt sind und nicht zuletzt eine verschlungene und unglückliche Familiengeschichte, die auf das engste mit der Kriminalhandlung verwoben ist.
Anfänglich war ich etwas enttäuscht, denn aus dem Klappentext und dem ersten Kapitel, in dem ein kleines Mädchen ein zutiefst traurige Erlebnis erzählt, ergibt sich schon nach wenigen Seiten ein starker Hinweis auf den Täter, der im weiteren Verlauf der Handlung gesucht wird. Trotzdem gelingt es Jansson, die Handlung spannend zu gestalten, ja, sogar die Frage nach dem Täter wieder ein wenig offen zu gestalten. So hat sich das Buch, nachdem ich mich erst einmal eingelesen hatte, durchweg sehr schnell und spannend gelesen.
Worum geht es in der Geschichte?
In Övebro gibt es eine Reihe von Bränden bzw. Toten, die verbrannt aufgefunden werden. Allen Ereignissen ist gemeinsam, daß Tarot-Karten am Tatort aufgefunden werden. Mit der Aufklärung des Falles ist u.a. Per Arvidsson befasst, der erst vor kurzem hierher versetzt worden ist, weil er einer unglücklichen Liebe zu einer verheirateten Kollegin ausweichen wollte.
Seine schwer kranken Eltern gestehen ihm zu dieser Zeit, daß sie ihn seinerzeit adoptiert haben und Kontakt haben zu seiner Schwester in Övebro, woraufhin er sich in diese Stadt versetzen läßt. Er versteht sich gut mit seiner Schwester, lernt durch Zufall eine junge Frau, Felicia, die als Ärztin im Krankenhaus arbeitet kennen und lieben und alles könnte so schön sein, wenn nicht…. Felicia offensichtlich ein dunkles Geheimnis hätte, das sie ihm aber nicht anvertrauen will und kann.
Vom Täter weiterhin keine Spur, bzw, Spuren, die in die Irre führen, bis dann mehr oder weniger durch Zufall das Geheimnis der Tarot-Karten gelöst werden kann, die einen direkten Hinweis auf den Mörder geben, der im letzten Moment, bevor er ein neues Opfer verbrennen kann, gefasst wird.
Natürlich ist die Handlung komplexer, ich will ja auch nicht zuviel verraten. Einen Großteil des Buches nimmt das Gefühlsleben von Per Arvidsson ein, erst gegen Ende gewinnt die Krimihandlung wieder Oberhand. Wie bei skandinavischen Büchern üblich ist das gesamte Buch mit einem milden Depri-Dressing in leicht düsteren Farben gehalten (der Klappentext tituliert das als „…psychologisch überzeugend…“), jeder der auftretenden Charaktere ist in dieser oder einer anderen Art und Weise leicht „gestört“. Na ja, so sind die Schweden dann wohl halt… Es hält sich aber, gemessen an anderen Krimis, im Rahmen und das Buch jetzt vielleicht nicht unbedingt der Weisheit letzter Schluss, hat mir aber doch ganz gut gefallen.
Facit: Gute Unterhaltung, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Anna Jansson
Schwarze Schmetterlinge
Piper, August 2008, 300 S.
ISBN-10: 3492252141
ISBN-13: 978-3492252140
Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden
Januar 27, 2009

(nur stichpunktartige Zusammenfassung)
Die Ärztin und Psychaterin Elisabeth Kübler-Ross war die erste, die sich wissenschaftlich intensiv mit dem Sterbeprozess todkranker Menschen auseinandersetzte. Sie unterteilt diesen Prozess (und diese Unterteilung in verschiedene Phasen, die der Betroffene durchläuft, läßt sich auf alle schweren Krisen, die Menschen durchleiden, übertragen) in 5 verschiedene Phasen:
1) Die 1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
2) Die 2. Phase: Zorn
3) Die 3. Phase: Verhandeln
4) Die 4. Phase: Depression
5) Die 5. Phase: Zustimmung
Die 1. Phase: Nichtwahrhabenwollen und Isolierung
„Nein, nicht ich“ als Kennmal dieser Phase. Oder (so heute in einem Roman gelesen, die Frau, der die Nachricht von der Ermordung ihres Freunde überbracht wird: „Nein, das kann nicht sein. Mein Freund hieß Andy, nicht Andrew!“. Isolierung: Aufsplittung der Empfindung in dem Sinn, daß der Kranke von seiner Krankheit redet, als beträge dies einen anderen Menschen.
Die 2. Phase: Zorn
„WARUM ICH???“ oder „WARUM JETZT???“ Willkürlicher Zorn auf alles und jedes, Unmutsäußerungen, „schlechte Laune“, ungerecht, schimpfend, unzufrieden, aufgebracht. Der ungerichtete Zorn des Betroffenen wird oft persönlich genommen, dabei ist es Zufall, wen er trifft….
Die 3. Phase: Verhandeln
eine stille, ruhige Phase, die auch fast unmerklich verlaufen kann. „wenn ich noch bis/dies oder das/, dann mach ich auch ohne zu murren, jenes….“ Kann sich an Gott richten, an den Arzt, an jeden, der einen Wunsch erfüllen kann. In dieser Phase werden oft auch Sachen erledigt, Testamente, Übergaben etc.
Die 4. Phase: Depression
Der Widerstand ist vorbei, es ist die „Ja, ich…“-Phase. 2 Arten von Depression möglich:
- wegen des aktuellen Verlustes bei z.B. Amputationen, künstl. Darmausgang, Bewegungsunfähigkeit. Die äußeren Bedingungen belasten ihn: Geldsorgen, Arbeitsplatzverlust u.ä.
- Trauer um das, was in der Zukunft nicht mehr erlebt werden kann: der Totalverlust von Allem durch den Tod. (Vorbereitungsschmerz)
Die 5. Phase: Zustimmung, Akzeptanz
Das sich Einfügen in das Schicksal, das Akzeptieren, daß das eigene Leben an sein Ende gekommen ist. Der Erkrankte wird ruhig und in sich gekehrt, er nimmt sein Schicksal an und läßt sich drauf ein (positiv). Auch die negative Ausprägung als Resignation ist möglich. Auf Angehörige achten, mit einbeziehen!
Hoffnung
Hoffnung ist wesentlich und an keine Phase gebunden, sie ist immer da und darf nicht zerstört werden: Glauben an ein neues Medikament, daß die Behandlung anschlägt, etc pp. Auch die ev. Hoffnung auf eine andere Existenz nach dem Tod ist wichtig, eine wesentliche Stütze für den sich auf den Tod Vorbereitenden. Der Glaube prinzipiell auch als Hoffnugn auf Gottes Güte, Barmherzigkeit etc pp: wichtig. Problematisch kann werden, wenn Angehörige noch hoffen, obwohl sich der Betroffene schon in sein Schicksal gefügt hat.
Links:
Interview mit Frank Geerk als Beispiel für so einen Prozess.
Eine ausführliche Zusammenfassung gibt es hier
Weitere Bücher zum Thema „Sterbegleitung„
Elisabeth Kübler-Ross
Interviews mit Sterbenden
Droemer Knaur, 2001, 364 S.
ISBN-10: 3426870711
ISBN-13: 978-3426870716
Das Buch ist in vielen Ausgaben erschienen, das von mir gelesene Exemplar: GTB Sachbuch 960, Gütersloh, 1990
blog.intern: 1 Jahr aus.gelesen
Januar 25, 2009
Am 25. Januar 2008 habe ich meine erste Buchbesprechung hier in diesem Blog geladen: von Gisela Klönne: Der Wald ist Schweigen. Der Blog hat zwar vorher schon bestanden, musste aber erst seinen „Weg finden“, will sagen, mit einem vernünftigen Inhalt gefüllt werden. So gibt es zwar noch ältere Beiträge hier, aber die sind eben aus dieser Bloggeschichte erklärbar.
Was natürlich interessiert (zumindest mich) ist die Frage: welche Bücher sind im Lauf der Zeit die beliebtesten gewesen, haben die meisten Besuche zu verzeichnen? Und wie gewinnt man einen halbwegs gerechten Überblick? Ich habe daher zwei Aufstellungen gemacht:
- die erste ist die Reihenfolge der Titel hinsichtlich der Besuche pro Monat („TOP10„). Zugegeben, damit sind natürlich die jüngeren Einträge im Vorteil, weil in letzter Zeit einfach mehr Besucher kommen aus in den ersten Monaten
- Zahl der absoluten Besuche: das summiert sich halt einfach auf über´s Jahr. Hier sind jetzt auch die Beiträge drin, die eher nichts mit Büchern zu tun haben oder nur indirekt….
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Also, zu den TOP10:
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Die 25 Beiträge mit den meisten Besuchern:
M.A. Theimuras: Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern
Catherine Millet: Das sexuelle Leben der Catherine M.
Charlotte Roche: Feuchtgebiete. Ein paar Gedanken
Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt
Charlotte Roche: Feuchtgebiete
Martin Walser: Ein fliehendes Pferd
Carlos Ruiz Zafón: Das Spiel des Engels
Heinz Strunk: Die Zunge Europas
Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in Rosa
Zille: Hurengespräche
Steven Galloway: Der Cellist von Sarajevo
Lionel Shriver: Wir müssen über Kevin reden
blog.intern: Lustige (?) Suchbegriffe
Wolfgang Michal: Des Kaisers Heiliger Krieg
Khaled Hosseini: Drachenläufer
Dilek Güngör: Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter
Uli Edel/Bernd Eichinger: Der Baader Meinhof-Komplex
Stieg Larsson: Verdammnis
Sarah: Ich bin gekommen
James Bond: Quantum of Solace / Ein Quantum Trost
Albert Sanchez Pinol: Im Rausch der Stille
Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind
Asne Seierstad: Der Buchhändler aus Kabul
T.C. Boyle: Talk Talk
Erotische Ex-Libris
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So, daß soll als kleine Anmerkung zu meinem Blogjubiläum reichen.
Bei euch allen, die hier lesen, möchte ich mich herzlich bedanken und ich hoffe, es macht euch weiterhin Spaß, vorbeizuschauen!
Statistiken (aber nur für mich…
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Rocko Schamoni: Sternstunden der Bedeutungslosigkeit
Januar 24, 2009

Ok. Ich habe es auf S. 75 aufgegeben. Warum soll ich meine Zeit damit verplempern, Sternstunden der Bedeutungslosigkeit zu lesen (dabei ist der Titel noch mit das Witzigste am Buch, auch wenn die Anleihe bei Stefan Zweig angesichts der Bedeutungslosigkeit des Buchs und seines Inhalts mehr wie anmaßend erscheint…), liegen doch noch so viele andere Bücher in meiner KuB, die mir mehr bringen. Also: wech damit, auch wenn ich Bücher ungern nicht zu Ende lese…
Vorher noch kurz zum Inhalt: Michael Sonntag ist ein abgebrochener Kunststudent, der sich vorwiegend im Selbstmitleid suhlt, in einer selbstgewählten Warteschleife um das Leben kreist, seinen A*sch nicht hochkriegt und lieber in St. Pauli versumpft, um dann die nächsten Tage seinen Kater auszukurieren. Dazwischen selbstgestrickte pseudophilosophische Exkursionen über die eigene und die der anderen.. was denn eigentlich? .. ach ja: Bedeutungslosigkeit. Wie konnt ich´s nur vergessen…
Gut, das soll zum Inhalt reichen, ist vielleicht schon zuviel. Andererseits, der Ehre halber, bei amazon finden sich auch ne Menge Besprechungen, die sich für das Werk begeistern. So unterschiedlich ist die Welt.
Ach ja, das er es bei den Frauen auch nicht so bringt… versteht sich von selbst. Oder?
Rocko Schamoni
Sternstunden der Bedeutungslosigkeit
Rowohlt Tb., 2008, 249 S.
ISBN-10: 3499247267
ISBN-13: 978-3499247262
Françoise Dorner: Die letzte Liebe des Monsieur Armand
Januar 24, 2009

Monsieur Armand ist ein alter, pensionierter, verbitterter Witwer, dem die Lebenslust abhanden gekommen ist. Er schleppt sich durch seine freudlosen Tage, hält sich mit einem streng ritualisierten Tagesablauf aufrecht. Seit seine Frau verstorben ist, vereinsamt er zusehends, seine Kinder, mit denen er sich entfremdet hat, wohnen weit weg von ihm, zu seinen alten Schülern hat der ehemalige Philosphielehrer keinen Kontakt, auch die Kontake zu seinen alten Kollegen sind sehr spärlich. Einzig eine Zugehfrau kommt regelmäßig in seine mit jetzt ungeliebten Büchern vollstehende Wohnung.
Pauline ist das Gegenteil von ihm: jung, hübsch, lebenslustig. Dabei ist auch sie vom Leben schon gezeichnet, ihre sich ewig streitenden Eltern sind bei einem Autounfall ums Leben gekommen, den sie als einzige übelebte und auch ihre Männerbekanntschaften enden regelmäßig unglücklich, da ihr keine der Liebhaber Wärme und Geborgenheit geben kann, eben das, was sie im Grunde ihres Herzens braucht und sucht.
Durch einen Zufall treffen sich die beiden bei einer Busfahrt. In Monsieur Armand weckt der Anblick von Pauline sofort spontane Zuneigung, ja auch Begehren, ein Gefühl, das ihn verwirrt und verunsichert. Fortan fängt er an, seine eigene Lebenssituation mit anderen Augen zu sehen, sein schlechtes Verhältnis zu seinen Kindern, seinen trister Tagesablauf, die Eintönigkeit seines Lebens. Er versucht, Pauline, von der er ein paar dürre Angaben über ihre Arbeitsstelle hat, zu finden. Aber erst ein Zufall führt sie wieder zusammen.
Pauline ihrerseits begegnet Monsieur Armand mit völliger Unbefangenheit, er ist ihr sympathisch, erscheint ihr zuverlässig und gebildet, so ganz anders als die jungen Männer, mit denen sie ansonsten zusammen ist. Freundschaft, ja Zuneigung, entwickelt sich zu ihm, schnell auch wächst in ihr der Wunsch, Monsieur Armand in ihre „Traumfamilie“ aufzunehmen, als Großvater.
In Monsieur Armand dagegen wachsen immer mehr Zweifel, ob das Leben, das er bisher geführt hat, richtig war. In all seinen guten Vorsätzen war er offensichtlich seinen Kindern in strenger, liebloser Vater, seiner Frau ein unaufmerksamer, egoistischer Gatte, keineswegs so warmherzig und offen zu seinen Mitmenschen wie jetzt zu Pauline. Nun scheint es zu spät, dies wiedergutzumachen. So geht es in seinem Gefühlsleben auf und ab, bis er zu letztlich doch zu einer inneren Zufriedenheit gelangt, die es ihm ermöglicht, einen radikalen Schnitt zu machen und den Frieden mit seiner Welt zu finden.
Spät in seinem Leben findet Monsieur Armand die Lebensfreude wieder, aufgeweckt durch eine junge Frau. Leider läßt die Autorin ihn zwar Frieden finden mit seiner Umwelt, seinem Sohn insbesondere, aber warum sie dieses tragische Ende für ihre Hauptperson wählt, ausgerechnet jetzt, da sie wieder einen Sinn im Leben erkennt und merkt, daß sie anderen Menschen wertvoll ist, das versteh ich nicht so ganz. Ist es eine bestimmte französische Philosophie, die hinter dieser Wendung der Geschichte steckt? Ich weiß es nicht…
Es ist ein kleines Büchlein, geschrieben als imaginärer Dialog aus der Sicht von Monsieur Armand und Pauline. Eine Geschichte auch über die Kraft der Liebe, die Menschen ändern kann, über die Suche nach dem Sinn und der Freude des Lebens. Dabei nicht geschrieben als philosphisch angehauchter Text, sondern als heiter und fröhlich zu lesende Erzählung, deren Sinn jeder mit seinen eigenen Erfahrungen vertiefen kann.
Facit: Ein kleines Büchlein für einen verrregneten Nachmittag mit dem Potenzial, zum Nachdenken anzuregen
Françoise Dorner
Die letzte Liebe des Monsieur Armand
Diogenes, Dezember 2008, 144 S.
ISBN-10: 3257239033
ISBN-13: 978-3257239034
Siri Hustvedt: Die Leiden eines Amerikaners
Januar 21, 2009

Das Buch von Siri Hustvedt ist ein langsames Buch voller Nachdenklichkeit und Stille. Ich kann mich kaum an eine Passage erinnern, in der voller Lebenslust gelacht wird. An einer Stelle des Buches ist daher auch folgerichtig von der herrschenden Freudlosigkeit die Rede, der Anhedonie. So sind die Personen immerzu am Denken, Reflektieren, Analysieren und auch Deuten, das „normale“ Leben mit trivialen Gesprächen, so wie „Du und ich“ sie führen, kommt im Buch praktisch nicht vor. Es ist daher ein Buch, das vom Leser viel Aufmerksamkeit erwartet, diese andererseits aber auch Wert ist.
Hauptperson des Buches ist Erik Davidson, ein geschiedener, leicht vereinsamter NewYorker Psychoanalytiker mit norwegischer Abstammung. Zusammen mit seiner Schwester Inga, der Witwe eines berühmten Schriftstellers, sichtet er den Nachlass seines verstorbenen Vaters und stößt in Briefen und Aufzeichnungen des Vaters auf Fragen, die ihn in ihren Bann schlagen und die beide klären wollen.
Die Nachforschungen der beiden führen in die Kindheit von Erik zurück und es wird schnell klar, daß dort auch für Erik selbst im Verhältnis zu seinem Vater Probleme vorhanden sind, die er verdrängt und die jetzt, zum Teil auch in einem internen Wechselspiel mit seinen Patienten, das immer wieder eingschoben wird, zu Tage treten.
Die Eltern von Erik und Inga lebten im ländlichen Amerika, Lars Davidson, der Vater, erlebte den Krieg in Asien mit und kehrt traumatisiert nach Hause zurück. Dort studiert er dann und wird Professor. Aber es gibt Geheimnisse, die nur angedeutet, aber nicht ausgesprochen werden. Eine Person, die mit diesen Geheimnissen zu tun hat, ist eine unbekannte Frau, Lisa, die beide jetzt zu finden versuchen.
Dieses Wechselspiel zwischen den Aufzeichnungen des Vaters, seinen eigenen Träumen und Erinnerungen führt zu einem ständigen Wechsel auch der Ebenen, es zeigt, wieviel Einfluss Träume auf das wirkliche Leben der Personen haben, wie sich in ihnen in symbolhafter Form die Fragen des Lebens manifestieren. Überhaupt finden sich in diesem Roman lange Passagen, die sich mit psychoanalytischen Fragen, oder auch allgemein mit Fragen des Verhältnisses von Realität, Wahrnehmung, Traum und Interpretation befassen, ein Fachgebiet, das der Autorin sehr wichtig ist. Vieles, was sie in diesem Themenkomplex schreibt, ist nachdenkenswert, ich habe mir auch eine Menge Textstellen angemerkt.
Neben diesem Haupterzählstrang gibt es noch eine Vielzahl weiterer Handlungsstränge:
Erik verliebt sich in die unter seine Wohnung zur Miete einziehende Jamaikanerin Miranda, die diese Liebe jedoch nicht erwidert. Sie wird im Gegenteil von ihrem Ex-Liebhaber, einem zum Stalking neigenden besessenen Fotografen, „belästigt“, mit dem sie ein Kind hat. In diesem „Dreiecksverhältnis“ erlebt Erik alle Höhen und Tiefen eines unglücklich verliebten Menschen.
Inga, die Schwester, fühlt sich von einer Journalistin verfolgt, die an einer Enthüllungsgeschichte über ihren verstorbenen Mann Max arbeitet. Dieser wiederum, so entdeckt sie, hatte vormals eine Affäre mit einer unbedeutenden Schauspielerin, aus der ein Sohn hervorging. Einige Briefe, die Max dieser Schauspielerin geschrieben hatte, will sie unbedingt zurück haben, aber auch die Journalistin und ein Biograph sind hinter diesen Dokumenten her.
Sonia, Ingas Tochter, hat von ihrem Fenster aus den Anschlag auf die Twin-Towers beobachtet und tut sich schwer, diese Ereignisse zu verarbeiten, genauso wie den Tod ihres Vaters, der für sie ein Ideal ist.
Das das Buch leicht autobiographische Züge hat, ist in den Kritiken häufig genug erwähnt worden. Hustvedt verarbeitet echte Notizen ihres vor 4 Jahren verstorbenen Vaters in der Geschichte, baut um diese Notizen herum ihre Geschichte auf. So geben diese Aufzeichnungen keine fiktive Welt wieder, sondern spiegeln das einfache und auch harte Leben der Einwanderer aus Norwegen in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts wieder.
Das sich das Buch in einem Guss liest, wie mancher Kritiker schreibt, kann ich nicht sagen, dazu ist es zu schwermütig und hat auch zu viele Passagen, die man einfach auf sich wirken lassen muss. Aber gerade diese Nachdenklichkeit des Textes ist es, die mich gefesselt hat, dieses Interagieren der verschiedenen Bewusstseinsebenen.
Etwas albern und weit hergeholt fand ich den „Show-down“ um die Briefe von Max, dem verstorbenen Schriftsteller. Aber das ist nur ein ganz klitzekleiner Kritikpunkt, genauso wie die Tatsache, daß in diesem Buch alles bedeutungsschwanger ist, eine Welt ohne triviales…..
Facit: keine leichte, aber eine lohnende Lektüre, trotz der Komplexität der Geschichte geschrieben in einem wunderbar leicht lesbaren Stil.
Siri Hustvedt
Die Leiden eines Amerikaners
Rowohlt Verlag, 2008, 416 S.
ISBN-10 3498029851
ISBN-13 9783498029852
Links:
Übersicht über weitere Rezensionen: http://www.perlentaucher.de/buch/29103.html
Interview mit der Autorin: http://www.rowohlt.de/magazin_artikel/Siri_Hustvedt_Die_Leiden_eines_Amerikaners.07012009.2683659.html
Audio-Beitrag des mdr: http://www.mdr.de/mdr-figaro/literatur/5373267.html
A. J. Jacobs: Die Bibel und ich
Januar 18, 2009

Ich bin an dieses zweite Buch von Jacobs mit einigen Vorbehalten herangegangen, sein Erstling hat mir nicht gefallen und allein schon wegen der Ähnlichkeit der Titel erwartete ich ein entsprechend enttäuschendes Buch.
Gut. In gewissem Sinn wurde ich, besser gesagt: wurden meine tief gehängten Erwartungen aber nicht enttäuscht: schon in der Einleitung verkündet Jacobs sein Motiv, dieses Buch zu schreiben:
„…Ich musste die Bibel wörtlich nehmen und streng nach ihren Gesetzen leben. ….muss ich gestehen, daß es mir nicht zuletzt darum ging, vorliegendes Buch zu schreiben… Vor ein paar Jahren habe ich ein Buch über die Encycopaedia Britannica veröffentlicht…. Was sollte ich dem folgen lassen? Das einzige intellektuelle Abenteuer, das da mithalten konnte, schien mit die Auseinandersetzung mit dem einflussreichsten Buch der Welt, dem Bestseller schlechthin, der Bibel.“ (S. 13, Unterstreichung von mir)
Bin ich ein Narr, daß ich vermute, der enorme Verkaufserfolg und damit auch finanzielle Erfolg seines Erstlings sei wenigstens ebenso ein Anreiz gewesen, die Bibel zu lesen?
Jedenfalls erscheinen mir die zwei anderen Gründe, die Jacobs an dieser Stelle nennt, ziemlich fadenscheinig:
- „Ich würde die Religion nicht nur studieren, ich würde sie leben“
- Ferner will er das Gebiet des „biblischen Literalismus“ „beackern“ und kennenlernen (biblischer Literalismus: fundamentalistischer Ansatz, die Bibel wörtlich zu nehmen, in den Staaten weit verbreitet, je nach Umfrage sollen sich 33 bis 55 % der Amerikaner dazu bekennen)
Kann man zum Wesen einer Religion durchdringen, in dem man Verhaltensvorschriften einer Gesellschaft befolgt, die vor Jahrtausenden gelebt hat? Den Ansatz kann ich nicht ohne weiteres nachvollziehen, es fällt mir schon schwer, zu verstehen, wie Menschen, die in eine solche Kultur hineingeboren werden (orthodoxe Juden zum Beispiel), danach leben können, aber daß ein moderner Mensch glaubt, die einer Religion innewohnende Spiritualität erfahren zu können, in dem er durch NY läuft und Ehebrecher mit Kieselsteinen bewirft (abgemilderte Form der im AT vorgeschriebenen Steinigung von Ehebrechern), nein, das kann ich nicht verstehen, finde dieses Motiv sogar anmassend.
Entsprechend meines obigen Beispiels ist auch das Buch aufgebaut: Jacobs greift sich vor allem die aus heutiger Sicht skurrilen oder völlig unverständlichen Vorschriften (und es gibt eine Menge davon) aus der Bibel heraus. Ob es nun die Kleidervorschriften sind (Verbot von Mischgewebe, keine Weiberkleider für Männer (Unisex-Klamotten wie T-Shirts z.B. usw), das Tragen von Quasten, von weißer Kleidung), die Ge- und Verbote zu bestimmten Speisen (koscheres Essen), die Hygienevorschriften (die vor allem die Frauen diskriminieren, die doch sehr unrein sind…. vor allem während und nach ihren Tagen, die Unreinheit der Männer nach der Bibel wird geflissentlich unterschlagen, von der berichtet Jacobs dann gegen Ende des Buches kurz), dann natürlich die rein religiösen Vorschriften etc pp….
Der Punkt, an dem ich das Buch fast beiseite gelegt habe, war der Versuch Jacobs, einen Kompromiss zu finden zwischen dem (häufigen Gebot) nach Todesstrafe für bestimmte Vergehen und den Problemen, das in die Tat umzusetzen:
„Die Strafe, die am häufigsten im Tanach Erwähung findet, ist die Steinigung. Also müsste ich das eigentlich unbedingt mal ausprobieren.“ (S. 123)
Natürlich will er in Wirklichkeit niemanden verletzen und so läuft er – wie er meint, listig – durch NY und bewirft Ehebrecher mit kleinen Kieselsteinchen, symbolisch halt. Ich habe mich mal vor geraumer Zeit aus einem anderen Anlass zum Thema Steinigung etwas kundig gemacht (wer es nachlesen möchte, hierlang). Wenn man weiß, was für eine überaus grausame „Strafe“ das ist, kann ich es nur als Verhöhnung der ungezählten Opfer empfinden, wenn ein NYer Yuppie, der sich anmaßt, den Kern seiner Religion zu suchen, mit just diesem Ziel steinigungsimitierend durch die Straßen läuft….
Ich habe das Buch dann aber doch weitergelesen, denn auch wenn Jacobs die eher vermarktungsfähigen Aspekte seines Selbstversuches präsentiert, erfährt man doch vieles zu den Hintergründen für diese uns meist unverständlichen Gebote. Schließlich hat er einen religiösen Beraterkreis um sich gescharrt, der ihm mit Rat und Tat zur Seite steht. In der zweiten Hälfte des Buches findet man auch langsam etwas mehr Nachdenklichkeit beim Autor:
„Pass auf, daß du vor lauter Vorschriften und Geboten die wirklich wichtigen Dinge… nicht aus den Augen verlierst.“ (S. 147)
Was vorher mehr eine Ansammlung von Anekdoten war wird jetzt doch immer mehr auch die Schilderung eines Selbsterfahrungsversuches:
„Jetzt, nach der Hälfte meiner Reise, wird mir klar, wie sehr meine Geisteshaltung sich verändert hat. Damit hatte ich nicht gerechnet: Ich fühle mich den ultrareligiösen New Yorkern näher als den säkularen. … Das sind meine Brüder im Geist… sie denken von morgens bis abends an ihren Gott, genau wie ich.“ (S. 239)
Diese Rückkopplung seiner Befolgung der biblischen Gebote auf sich selbst ist nicht verwunderlich. Jacobs schildert dies, auch die Auswirkungen auf seine Familie (ich bewundere die Geduld seiner Frau…), er läßt uns auch teilhaben an seiner gesamten Familiengeschichte. Die zweite Schwangerschaft (was sagt die Bibel zur in-vitro-Fertilization?? großes Problem!), die zu Zwillingen führt, die Erziehung von Jasper, den kleinen Sohn: in all das fließt seine Beschäftigung mit dem AT ein.
Das letzte Drittel des Buches befasst sich dann mit dem NT, für einen Juden natürlich eine kleine Herausforderung, müsste er doch im Grunde Jesus als seinen Gott anerkennen, denn das ist die Forderung No. 1 des NT. Ansonsten stellt sich das NT ver- und gebotstechnisch als sehr viel einfacher dar als das AT und so berichtet Jacobs sehr interessant über seine Besuche bei verschiedenen fundamentalistischen/konservativen christlichen Kirchen in den USA. Das ist jetzt wirklich lesenswert.
Facit: Das zweite Buch von Jacobs hat bei aller Kritik, die ich an ihm übe, deutlich mehr Substanz. Als Autor einer Publikumszeitschrift versteht er es, flüssig, pointenreich und unterhaltsam zu schreiben, also auch von daher ist es kein Verlust, wenn man das Buch liest.
A. J. Jacobs
Die Bibel und ich
Ullstein, September 2008, 432 S.
ISBN-10: 3550087241
ISBN-13: 978-3550087240
A. J. Jacobs: Britannica und ich
Januar 13, 2009

Natürlich, man muss Geld verdienen. Das versucht der Autor hier mit diesem Buch wohl, und zwar recht erfolgreich, gemessen am amazon-Verkaufsrang. Zwar ist Jacobs Redakteur beim „Esquire“ (und auch anderen Postillen), doch scheint das seine Zeit nicht über Gebühr in Anspruch zu nehmen, denn offensichtlich hat er trotz Familie und Beruf noch genug davon übrig, die Encylopedia Britannica zu lesen. Von A bis Z.
Verrate mir einer den Sinn dieser Unternehmung, ich weiß ihn nicht. Es sei denn, man macht es entweder aus Jux und Dollerei, um damit bei Guinness zu reüssieren oder man will damit Geld verdienen. Letzteres hat Jacobs wohl im Sinn und so liest er und liest und liest und schreibt ein paar Sachen, die ihm gerade auffallen von dem Gelesenen nieder, kommentiert sie mehr oder weniger humorvoll mit Schwänken aus seinem eigenen Leben – that´s it!
Da Jacobs verheiratet ist, nervt er seine Familie mit seinem Unterfangen gehörig, was ich nachvollziehen kann. Er mutiert zum Besserwisser (anfänglich nur für „A“.. aber hier arbeitet die Zeit für ihn), verwechselt aber immer wieder und leider „Klugheit“, „Intelligenz“ und „Wissen“. Vom mühsam angelesenen vergisst er naturgemäß viel, es prägt sich ihm vor allem das Skurrile ein (was ich durchaus verstehe) – aber warum läßt er uns, die Leser, damit nicht in Ruhe? Mit anderen Worten: er nervte auch mich, beim Lesen nämlich…..
Es ist, zu dieser rein persönlichen Einschätzung bin ich schnell gekommen, ein Buch, daß keinen Sinn hat, eine Ansammlung von Anekdoten ohne roten Faden, eine Auflistung von willkürlichen Stichworten. Man mag das witzig finden, dem kann ich mich nicht anschliessen. Für mich also seit langer Zeit also wieder mal ein Zuwachs in der Kategorie: „weg.gelegt“.
Aber eins muss man Jacobs dann doch lassen, er liest sich ganz gut, schreibt flott und unterhaltsam, wenn auch ohne Substanz. Sitzt man also am Örtchen, an dem man normalerweise alleine ist, sind seine kleinen Ergüsse genau die richtigen Begleiter, kurz und amüsant, da das Ende absehbar ist. Denn wenn man fertig ist, ist man fertig.
Facit: Für´s gleiche Geld bekommt man Bücher, die einem deutlich mehr bieten…. aber ich will nicht ausschließen, dass andere ganz anderer Meinung sind.
A. J. Jacobs
Britannica und ich
List, Februar 2008
ISBN-10: 3548607756
ISBN-13: 978-3548607757
Joyce Carol Oates: Zombie
Januar 10, 2009

„Die Psychochirurgie erlangt ihre Erfolge dadurch, daß sie die Phantasie zerschmettert, Gefühle abstumpft, abstraktes Denken vernichtet und ein roboterähnliches, kontrollierbares Individuum schafft.“ (Dr. Walter Freeman [1])
„Ein echter ZOMBIE wäre mein für immer. Er würde jedem meiner Befehle gehorchen. „Ja, Meister“, würde er sagen & „Nein, Meister.“ Er würde vor mir niederknien & seine Augen zu mir aufheben & sagen: „Ich liebe Euch, Meister, Es gibt keinen außer Euch, Meister.“
So würde es geschehen & so würde es sein. …..
Natürlich würde mein ZOMBIE nicht verurteilen. Ein ZOMBIE würde sagen: „Gott segne Euch, Meister.“ Er würde sagen: „Ihr seid gut, Meister. Ihr seid gütig und voller Erbarmen.“ Er würde sagen: „*piept* mich in den *piep*, Meister, bis ich blaue Brocken blute.“ Er würde um sein Essen bitten & er würde mich um Luft zum Atmen bitten. Er würde mir jederzeit den gebotenen Respekt erweisen. Er wüde mit seiner Zunge lecken, wie ich es ihn heiße. Er würde mit seinem Mund lutschen, wie ich es ihn heiße. Er würde die *piep*backen auseinanderziehen, wie ich es ihn heiße. Er würde teddybärig schmusen, wie ich es ihn heiße. Er würde seinen Kopf an meine Schulter legen wie ein Baby. Oder ich würde meinen Kopf an seine Schulter legen wie ein Baby. Wir würden unter der Decke in meinem Bett im Hausmeisterzimmer liegen, dem Novemberwind lauschen & dem Schlag der Glocken vom Turm des Music College & WIR WÜRDEN DIE SCHLÄGE ZÄHLEN, BIS WIR IM GLEICHEN AUGENBLICK EINSCHLAFEN WÜRDEN.“ (Q.P. im Buch „Zomie“ [6])
Quentin P., der sich selbst meist Q.P. nennt, ist ein ca. 30 jähriger homosexueller Mann, der wegen einer Sexualstraftat zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist. Er erfüllt die Bewährungsauflagen wie Besuche bei seinem Bewährungshelfer und einem Therapeuten lustlos, aber gewissenhaft. Er arbeitet und geht auf die nahe gelegene Hochschule, seine Familie hält zu ihm. Aber hinter dieser Fassade nach außen hin brodelt in Q.P. ein Plan, zu dem er durch einen Aufsatz von Freemann [5] animiert worden ist, sein Plan, seine Wunschvorstellung, sein Ziel beschreibt er wie oben in dem zweiten Zitat wiedergegeben: er will sich eine willenlose Kreatur machen, die ihm bedingungslos gehört und gehorcht.
Durch den Spiegel-Aufsatz [4], den ich schon einmal vor einigen Monaten gelesen habe, wusste ich von dieser Methode, psychisch auffällige Menschen zu behandeln, in dem man im Hirn von außen Nervenbahnen durchtrennt. Ich war damals schockiert, daß ein Arzt sich derartiges einfallen lassen kann, für mich gehört das zum grausamsten und unmenschlichsten, was ich mir vorstellen kann. In den Links, die ich unten angegeben habe [2a, b], kann man sich über diese Methode und ihren Protagonisten mit seinem „Lobomobil“ auch per video informieren, da ich mir aber das nicht in toto angetan habe, kann ich weder für die Qualität noch für die Aussage hinter den Filmen (befürwortend/ablehnend) eine Garantie übernehmen.
Q.P. jedenfalls ist von dem Gedanken besessen, durch diese relative „einfache“ Methode den Willen eines Menschen, der ihm als ZOMBIE geeignet erscheint, auszuschalten. So besorgt er sich Handwerkszeug (einen Eispickel), bereitet seinen Van vor und geht auf Opfersuche. Was folgt, sind Blutorgien, denn für seine homemade-Lobotomie hat er natürlich keine Übung und Erfahrung (die er aber zu erlangen hofft), ferner verläßt Q.P. regelmäßig die Selbstkontrolle, er kommt zu heftigen Höhepunkten und hat dann seinem Opfer den Eispickel um einige Zentimeter zu weit ins Hirns gerammt. Das sind die Stellen, bei denen ich mir ernstlich überlegt habe, das Buch beiseite zu legen…. eigentlich mag ich so etwas nicht….
Von seinen Opfern sammelt er Andenken, hier ein abgeschnittener und eingelegter Penis, dort einen Goldzahn, die Handschuhe des Dritten, die Mütze des Vierten und ein aus Haaren geflochtenes Armband des Nächsten…..
Q.P. ist krank und böse. Oates beschreibt seine Geschichte aus der Innenschau, man erlebt die Welt des Q.P., die hin und wieder völlig aus ihrer Bahn ausschert, als ob man im Hirn von Quentin sitzt. Daher enthält sich Oates auch jeglicher moralischer Wertung, sie läßt uns einfach diese grauslige Höllenfahrt miterleben, die Ängste von Quentin, seine Planungen, seine Begierden, Hoffnungen, die Art, wie er seinen Mitmenschen etwas vorspielt, wie er in Panik gerät, wenn er Blickkontakt zu jemanden aufnehmen muss (oder angeschaut wird), die Erregung, wenn er einen schönen Jungen oder einen aufregenden Mann sieht, die Ekstase bei seinen Taten, aber auch Enttäuschung und Frustration, weil sich seine potentiellen Zombies gegen ihn wehren oder weil sein Vorhaben mal wieder gescheitert ist…. all das beschreibt Oates unvermittelt direkt aus der Sicht von Quentin. Sie beschreibt es in einer Sprache, für die das obige Zitat ein gutes Beispiel ist: kurze, abgehackte Sätze, als ob Quentin in einem stetigem Selbstgespräch mit sich wäre, Gespräche von Q. mit anderen Menschen beschränken sich meist auf kurze, kürzeste Antworten, ganz anders als seine inneren Monologe.
In gewisser Weise kann man das Buch mit „Kevin“ oder mit dem „Fünften Kind“ vergleichen, alle drei Bücher handeln von Menschen, die einfach (in unserer Definition) böse sind. Oates jedoch führt uns hier – im Gegensatz zu den beiden anderen Autorinnen – den Bösen als Normalzustand vor: dadurch, daß Q. sich selbst natürlich nicht als böse oder abartig ansieht, wird automatisch die „normale“ Aussenwelt für ihn bedrohlich, schon Blickkontakte empfindet er als aggressiv, er leidet darunter, daß er von z.B. seinen Mitstudenten nicht zur Kenntnis genommen wird, daß die Eltern ihn mit Fragen und Besuchen belästigen. Er zieht sich immer weiter in seine Phantasiewelt zurück, zu seinen Planungen, besitzt aber die notwendige Intelligenz, um nach außen hin „normal“ zu wirken und auch aktiv dafür zu sorgen, daß er als „normal“ wahrgenommen wird.
Nachtrag am 12.01.2008:
Der Figur des Q.P. liegt ein realer Serienmörder zugrunde, der zwischen 1978 und 1991 [9] in den USA 17 Männer ermordete, siehe auch [8]
Facit: Ich weigere mich zu schreiben, mir hätte dieses Buch gefallen. Aber es ist schon faszinierend, wie Oates [7] einen durch die Gedankenwelt eines kranken Hirns führt.
Links:
[1] http://www.lobomobile.de/
[2a] bei youtube sind unter dem Stichwort „Lobotomy“ einige Videos unterschiedlicher Art zu finden
[2b] Das volle Lobotomie-Programm: http://www.pbs.org/wgbh/amex/lobotomist/program/
die Videos sind aber nichts für schwache Nerven, ich habe sie mir nicht alle anschauen können.
[3] weitere Rezensionen sind unter http://www.perlentaucher.de/buch/1209.html zu finden, ferner bei D. Wunderlich: http://www.dieterwunderlich.de/Oates_zombie.htm#cont
[4] Spiegel-Bericht über Freeman: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,562025,00.html
[5] Biographische Angaben zur Freeman in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Freeman
[6] Kapitel 53 (auszugsweise). Das Ge“piep“e dient nur dazu, google fernzuhalten. Die Suchfragen, mit denen mein blog gefunden wird, sind schon so seltsam genug….
[7] Biographische Angaben zu Oates in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Joyce_Carol_Oates
[8] Videos zu Jeffrey Dahmer: http://www.youtube.com/results?search_query=Jeffrey+Dahmer&search_type=&aq=f
[9] Biographische Angaben zu Dahmer in der Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Jeffrey_Dahmer
Joyce Carol Oates
Zombie
Area-Verlag, 2005
ISBN-10: 3899963199
ISBN-13: 978-3899963199
(Das Buch enthält als zweiten Roman „Der Dämon“ von Hubert Selby)
Nachkriegsdeutschland bis Wirtschaftswunder
Januar 7, 2009
Normalerweise gilt ja bei mir „One book – one entry“, aber heute mach ich doch eine Ausnahme, denn ich will zwei Fotobücher vorstellen, die sich auf´s trefflichste ergänzen.

Zum einen ist dies „Entering Germany“ des amerikanischen Fotografen Tony Vaccaro [3], der schon als GI vor dem Ende des Krieges in Deutschland war und als Soldat fotografierte und der nach Kriegsende bis 1949 im Land blieb, dies kreuz und quer bereiste und dabei Tausende von Bildern schoss. Auch wenn er durch widrige Umstände öfter mal Verluste in seinem Archiv hinnehmen musste, ist die Auswahl der Bilder sehr beeindruckend.
Natürlich kennt man die Bilder des zerstörten Deutschlands, der Städte in Schutt und Asche (ein Anblick, der im übrigen auch den Amerikaner Vaccaro tief betrübte und ihm eine unverhältnismäßige Aktion der Aliierten dünkte), der z.T. in Lumpen gekleideten, kaputten, desillusionierten Menschen. Trotzdem, wenn man diese Anblicke hier vor sich hat, als Bilder, sich darauf konzentrieren kann, auch mal Details schauen (was im Fernsehen kaum möglich ist, da hier das Tempo des Bildwechsels ja von außen vorgegeben wird): es berührt, macht in gewisser Weise auch demütig, denn wir heute haben vieles von dem, was wir haben, auch diesen Menschen damals, unseren Eltern, Großeltern, die in wirklich schwierigsten Zeiten angepackt haben und ohne groß zu lamentieren aufgebaut haben, zu verdanken. Wie leicht vergisst man das! Ich habe mir mal die Zeitung vorgenommen und geschaut, über was heutzutage so gejammert und geklagt wird.. ich muss es nicht hinschreiben, aber im Vergleich zu damals….. es ist wirklich sinnvoll, sich und die eigenen Ansprüche manchmal durch solche Erinnerungen – so lange ist das alles noch nicht her – wieder zu erden.
Sind die ersten unmittelbaren Jahre nach dem Krieg durch Not und Zerstörung geprägt, auch durch die Besatzung durch die Siegermächte, sieht man gegen Ende der Zeitspanne in Vaccaros Buch, daß es aufwärts geht: die Kohleförderung läuft wieder an, es wird wieder an Hochöfen gearbeitet, Stoffe werden in kleinen Fabriken zugeschnitten, mit vorsintflutlichem Gerät werden Straßen repariert, in Stand gesetzt, gebaut und auch das private Leben nimmt wieder Konturen an, die Freizeit wird gestaltet mit Tanzveranstaltungen, Rummelplätzen. Erste Modenschauen finden statt, 1948 wird schon im Bikini gebadet…. Insbesondere die Luftbrücke um Berlin trägt dazu bei, die Gräben zwischen Besatzern und Besiegten zu überbrücken
1949 verläßt Vaccaro Deutschland, kehrt voller Optimismus die Zukunft Deutschlands betreffend in die Staaten zurück. Dies ist (cum grano salis) der Zeitpunkt, in dem das zweite Fotobuch „Wirtschaftswunder“ [1], von Darchinger [2], das ich mir heute angeschaut habe, einsetzt:

1952, also 3 Jahre nachdem das Buch von Vaccaro endet, ist die Zeit, in der in den Städten schon wieder Werbung zu sehen ist, wo es wieder Betriebe gibt und Firmen (die Produkionshalle von Porsche ist ja sowas von Puppenstube, so niedlich… wenn man das mit den heutigen Anlagen vergleicht…..). Die Straßen sind voller Kinder, der Verkehr nimmt stetig zu, es wird wieder gekauft, noch ist das Radio eine der Hauptverbindungen zur Welt, aber das Fernsehen steht schon auf der Matte. Die Autobahnen haben noch keine Mittelleitplanke und formal ist der Mann der Herr im Haus und Gleichberechtigung noch ein Wort des Teufels. In ausgebombten Hauseingängen machen sich kleine Läden breit, die das Notwendigste verkaufen und aus denen sich später große Läden entwickeln. Der Lohn wird noch bar ausgezahlt und die Vergügungen sind züchtig. Kurz darauf werden Versandhäuser wie Neckermann und Quelle zu wahren Kaufparadiesen, die großen Ketten wie Karstadt bieten den Menschen all das was sie wollen, tragen aber auch zum Untergang der kleinen Läden in den Städten bei. Über dem Land liegt Adenauer mit seiner CDU, andererseits beschert uns Erhard mit seiner sozialen Marktwirtschaft den Grundstock dessen, von dem wir heute noch zehren. Der soziale Wohnungsbau setzt ein (noch ist nicht klar, welche sozialen Probleme die Siedlungen vor den Städten in Zukunft machen werden), aber auch der Boom nach Bausparverträgen und dem Häuschen im Grünen, erste Urlaubsreisen werden gemacht, in das Land, wo die Zitronen blühen…. Deutschland, ein Land im Aufbruch, voller Schwung und Optimismus.
Die politische Einbindung an den Westen wird zementiert, die Bundeswehr ins Leben gerufen. 1963 wird dann die Mauer durch Berlin gebaut, der Eiserne Vorhang dichtgemacht. Die CDU feiert ihre große Zeit, die dann gegen Ende der 60er Jahre zu Ende geht (und 1969 in eine erste Große Koalition mündet). 1967 dann kommt der Schah zu Besuch, Benno Ohnesorg wird bei den Demonstrationen erschossen und für die Bundesrepublik fangen stürmische Zeiten an….
Facit: Zwei Fotobücher, die sich wunderbar ergänzen und einen sehr eindrucksvollen Rückblick auf die Zeit in den ersten 2 Jahrzehnten nach dem Krieg bieten. Einiges, was auf den späteren Bildern zu sehen war, habe ich selbst noch in Wirklichkeit so erlebt, ein zusätzlicher Anreiz natürlich für mich persönlich.
Links:
[1] Eine Auswahl von Bildern findet man hier im Spiegel: einestages
[2] Biographische Angaben zu Darchingeraus der Wiki
[3] Biographische Angaben zu Vaccaro aus der Wiki
Tony Vaccaro
Entering Germany
Taschen Verlag, 2001, 192 S.
ISBN-10: 3822859087
ISBN-13: 978-3822859087
Josef Heinrich Darchinger
Wirtschaftswunder
Taschen Verlag; 2008, 288 S.
ISBN-10: 3836500191
ISBN-13: 978-3836500197















