Buddy Giovinazzo: Poesie der Hölle
Juli 27, 2008

Eddie hat einen inoperablen Gehirntumor und überhaupt keine gute Meinung von Ärzten. Den Schmerz bekämpft er mit Psychopharmaka, Drogen und Alkohol, vom Essen hält er sich fern, weil er das sowieso immer zweimal sieht. In welcher Welt er lebt, ist nicht ganz ersichtlich, Wahn und Realität driften oft auseinander bzw gehen fließend ineinander über. Er hat keinen Job, hält sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, sein Milieu ist das der Drogenabhängigen, Prostituierten und Kleinkriminellen.
Seine Schwester Denise, mit der er noch Kontakt hat, arbeitet als Domina in einem eigenen Studio, sie überredet ihn, ihre Kunden zu filmen, um diese später mit Bildern zu erpressen. Doch dazu kommt es nicht, zum einen da er beim Fotographieren in seinem geheimen Verschlag wieder mal kotzen muss und sich so verrät und zum anderen, weil kurz darauf seiner Schwester mit dem Baseballschläger das Hirn aus dem Kopf geprügelt wird.
Zusammen mit Kaval, einer Frau, die er zufällig trifft und in die er sich verliebt, gelingt es ihm, aus seiner Lethargie herauszukommen und er begibt sich auf die Suche nach dem Mörder seiner Schwester.
Die Welt in Giovinazzos Büchern ist – würde man sie mit Farben beschreiben müssen – zwischen einem dunklen Grau und tiefem Schwarz angesiedelt, in diesem Buch mehr oder weniger häufig durch rote Kleckse unterbrochen. Unter den Menschen herrscht weniger der Diskurs denn die nackte Gewalt, insbesondere Frauen bekommen das zu spüren. 12jährige Prostituierte, die mit einer Abgeklärtheit über ihre Tätigkeit reden, daß man nur den Kopf schüttelt, sind eher die Regel denn die Ausnahme. Gewalt ist das Prinzip, nach dem diese Welt funktioniert, nur manchmal finden sich zwei Seelen, die sich aneinander klammern, um sich gegenseitig zu stützen – oder in den Abgrund zu reißen. So trostlos diese Unterschichtwelt ist, so wenig Halt bietet auch das Bild, den Giovinazzo von den Besserverdienenden zeichnet: diese sind nur hohle Fassade, die in Eddis Welt der Gewalt und Prostituion abtauchen, um ihre Gelüste auszuleben.
Daß man die Wahnvorstellungen von Eddi manchmal kaum von der Beschreibung der realen Umstände unterscheiden kann, ist symptomatisch für dieses Buch. Eddi wird von diesen Vorstellungen, die sich in ihn verfolgenden und treibenden Hunden manifestieren, durch die Handlung des Buches gescheucht, er ist eher ein Getriebener denn ein Agierender. Immer unkontrollierbarer werden diese Reisen in den Wahn für ihn, in denen auch längst im Vergessen Verschüttetes wieder offengelegt wird. Und genauso, wie Eddi durch seinen Wahn und die Welt hastet, so ist das Buch geschrieben: schnell, schnörkellos, mit hohem Tempo. Es nimmt einen beim Lesen mit in diesen Abgrund, der Gedanke, eine Lesepause zu machen, kommt nicht auf.. weiter, weiter, weiter…. Giovinazzo beschreibt mehr als er wertet oder urteilt: die Welt, dieses Amerika ist ein Moloch, der das Menschliche verzehrt, die Menschen, die hier leben, haben keine Hoffnung mehr, sie versuchen nur noch, durch zu kommen.
Facit: hart, aufwühlend, fesselnd. Leider wohl nur noch antiquarisch erhältlich.
Buddy Giovinazzo
Poesie der Hölle
Maas, 1996
ISBN-10: 3929010461
ISBN-13: 978-3929010466


