Andrea Maria Schenkel: Kalteis
Juli 14, 2008

Die Handlung des „Romans“ (mit ca. 150 Seiten scheint mir diese Bezeichnung etwas hoch gegriffen) spielt in München in den späten 30er Jahren. Ein Serienmörder bringt junge Frauen um, bestialisch, roh und grausam.
Das München dieser Zeit ist ein Sammelbecken junger Frauen vom Land, die dort der Enge und Armut des dörflichen Lebens entkommen wollen. Oft ohne Arbeit, Geld und Schlafplatz rutschen sie gegen eine Suppe, eine Brotzeit und ein Bett unmerklich in die Prostitution ab. Dies zeigt Schenkel am Beispiel der jungen Kathie Hertl symptomatisch auf.
Das Buch ist eher eine Dokumentation sozialer Umstände und der kriminellen Entwicklung eines Mörders denn ein Krimi. Der Schreibstil ist kurz und nüchtern, Wertungen werden unterlassen. Schilderungen von Vorgängen werden aus verschiedenen Gesichtspunkten wiedergegeben, zum Teil auch aus (fiktiven?) Polizeiprotokollen zitiert (Im Anhang ist ein kurzes Qellenverzeichnis zu finden). Die Sprache bemüht sich um Lokalkolorit, der Satzbau von Schenkel ist einfach, die Sätze durchweg sehr kurz und knapp, dadurch liest sich der Text manchmal etwas unrund. Ein Beispiel:
Kathie richtes sich auf in ihrem Bett. Sie sieht die Kleider über dem Stuhl. Den grünen Mantel und darüber das blaue Kleid, die Strümpfe. Alles, wie sie es am Vortag hingelegt hat, ehe sie in das klamme Bett schlüpfte. Reibt sich die Augen, gähnt. Weiß wieder, wo sie ist und wie sie herkam, am gestrigen Tag.
Das Buch läßt zwar keine Spannung aufkommen, der als Mörder verurteilte wird schon im einleitenden Kapitel hingerichtet. Daß es der titelgebende Josef Kalteisen ist, legt Schenkel in ihrem Buch nahe, gleichzeitig läßt sie aber auch einige andere Männer auftreten, die auch verdächtig sein könnten. Auch daß das (Haupt)Opfer Kathie Hertl ist, ist früh klar, unklar ist nur, wann und wie die Tat geschehen wird. Durch den neutralen, distanzierten und nicht wertenden Schreibstil der Autorin bleibt man als Leser immer in der Rolle des Beobachters, der nicht mitfühlt, sondern nur registriert.
Trotz dieser fehlenden Spannung ist das Buch aber nicht langweilig, aus der Distanz, in die Schenkel den Leser setzt, sieht man an vielen Stellen die Unausweichlichkeit von Entwicklungen und wie wenig Einfluss die Personen im Grunde auf ihr Schicksal haben, sofern sie erst mal – meist ohen groß zu überlegen – eine Entscheidung gefällt haben.
Facit: Mir hat die Art und Weise, wie Schenkel den Stoff aufgearbeitet hat, gut gefallen. Man darf halt nur keinen spannenden Krimi erwarten. Dafür ist es Schenkel aber m.E. gelungen, ein bischen von der Atmosphäre des Milieus, in dem die Handlung spielt, einzufangen.
Andrea Maria Schenkel
Kalteis
Edition Nautilus 2007
ISBN-10: 3894015497
ISBN-13: 978-3894015497


