Ein Mann ist auf der Suche nach der Wahrheit. Jahrelang durchstreift er alle Winkel dieser Erde, ohne sie zu finden. Dann kommt er in ein großes, fernes Land, in dem er bis dahin noch nicht war. Dort erzählt er von seiner Suche und man sagt ihm, die Wahrheit wohne weit im Norden, dort wo die hohen Berge sind, auf dem höchsten dieser Berge.

Wieder braucht er Wochen, bis er diesen Berg erreicht und Tage, bis er ihn bestiegen hat. Oben auf dem Gipfel ist nichts außer einer kleinen Höhle. Er geht hinein und ruft „hallo“. Und ganz schwach hört er eine Antwort, der er folgt. Am Ende der Höhle sitzt an einem Feuer eine alte, runzelige, mit Warzen bedeckte Frau: „Was willst du hier?“ – „Ich suche die Wahrheit und man hat mir gesagt, hier wäre sie zu finden. Bist du die Wahrheit?“ – „Ja, du hast sie gefunden, ich bin die Wahrheit!“.

Der Mann blieb viele Tage dort und lernte von der Wahrheit. Dann musste er wieder weiter ziehen und er verabschiedete sich. Kaum hatte er ein paar Schritte getan, rief ihm die Alte hinterher: „Um einen Gefallen bitt ich dich, wenn man dich dort unten fragt, sag, die Wahrheit wäre jung und schön!“

Joel ben Izzy ist Geschichtenerzähler und dieses Büchlein beschreibt seine eigene Geschichte. Er ist glücklich verheiratet, hat eine Familie, die er liebt, einen Beruf, der seine Berufung ist und dann wird eines Tages eher zufällig festgestellt, daß er Schilddrüsenkrebs hat. Durch die Operation verliert er, der Geschichtenerzähler, seine Stimme und damit verliert sein Leben seinen Inhalt.

Um diese Zeit trifft er Lenny wieder, seinen alten Lehrer, von dem er sich vor vielen Jahren im Streit getrennt hat. Lenny versucht ähnlich einem Zen-Meister Joel durch Paradoxa zu zwingen, seine Gedanken zu öffnen und dahinter zu schauen und den Fragen und Geschichten, die er in seinem bisherigen Leben ausgeblendet hat, nicht mehr auszuweichen. Es ist ein langer und schmerzhafter Weg für Joel, der mit aller Macht versucht, gegen sein Schicksal anzukämpfen.

Aber ähnlich wie ein Zen-Mönch Satori erreicht hat Joel in dem Moment, in dem sein Geist völlig frei war, er völlig losgelassen hatte, die Erkenntnis, daß er zwar seine Stimme verloren hat, er aber dafür die Stille gewonnen hat. Von nun an sieht er seine Stummheit nicht mehr als Behinderung, er kämpft nicht mehr dagegen an, sondern akzeptiert sie. Und dadurch, daß er seine jetziges Leben akzeptiert hat, sowohl, was seine Behinderung angeht, aber auch seine bislang verdrängte Familiengeschichte, fühlt der sich wieder glücklich.

Das Buch ist damit nicht zu Ende, die Geschichte von Joel geht weiter. Er erzählt sie in 14 kleinen Kapiteln, denen jeweils eine „richtige“ Geschichte, in der Art, wie ich sie oben als Einleitung selbst (nach)erzählt habe, als Motto vorangestellt ist. Geschrieben sind alle diese Geschichten in einfachen Worten, die aber gerade dadurch ihre Wirkung entfalten. Die Schilderung seines Besuches bei seiner sterbenden Mutter, der er in ihren letzten Stunden hilft, alle Last der Vergangenheit abzuwerfen, damit sie unbeschwert in ihren Tod gehen kann, ist sehr ergreifend und auch Lenny, dieser alte, lebensweise Kauz, der Joel immer wieder in den Hintern tritt und aufrüttelt, ist ein äußerst bemerkenswerter Charakter.

Es kommt nicht drauf an, ob eine Geschichte wahr ist, sondern, daß sie eine Wahrheit enthält.

Ich würde Joel gerne einmal eine Geschichte erzählen hören, dieser Magie verfallen, die man als Kind kennengelernt hat, zu versinken in eine Geschichte, zu staunen, einfach für einen Augenblick in ihr zu leben, die einfachen Fragen zu stellen, die solche Geschichten stellen und die kompliziert-einfachen Antworten zu hören, die wir als Erwachsene kaum noch sehen können, weil wir für das Naheliegende oft so blind geworden sind.

Facit: Ein wunderschönes, ergreifendes Büchlein.

Joel ben Izzy
Der Geschichtenerzähler oder das Geheimnis des Glücks
Herder 2007
ISBN-10: 345105597X
ISBN-13: 978-3451055973

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