Tschingis Aitmatow: Dshamilja
Juni 24, 2008

Das Grenzgebiet zwischen Kirgisien und Kasachstan mit seinen weiten Steppen, den Bergen im Hintergrund, dem Himmel, der nur durch den Horizont begrenzt ist…. Am Beginn des Großen Vaterländischen Krieges spielt diese Geschichte, die Männer sind zum größten Teil an der Front, in den Siedlungen sind die Frauen zurückgeblieben, die Alten und die Jungen.
Dshamilja, eine der Hauptpersonen in Zaimoglus “Liebesbrand” hieß so und mir kam der Name bekannt vor. Dann, als ein paar Tage nach dem Lesen des Buches im Fernsehen die Nachricht vom Tode Aitmatows kam, war es dann natürlich klar, woher ich den Namen kannte, auch wenn ich das Buch noch nicht gelesen hatte. Aber das kann man ja schließlich ändern….
In Zentralasien also spielt die Geschichte, in einer Gesellschaft, die geprägt ist von Clanstrukturen, vom strikten Rollenverständnis der Menschen. Diese Ordnung ist durcheinander geworfen worden durch den Krieg, die Frauen müssen Männeraufgaben erfüllen, die Jungen ebenso. Von den Männern an der Front dringen nur spärliche Nachrichten nach Hause, während die zuhause Gebliebenen angehalten werden, für die Front, für das Vaterland zu arbeiten.
Dshamilja ist eine dieser jungen Frauen, der Mann im Lazarett liegt. Selten nur schreibt er einen Brief und wenn, läßt er seine Frau an letzter Stelle nur grüßen, diese Ehe ist nicht von Liebe geprägt. Da kommt eines Tages ein verwundetet Soldat, ein Aussenseiter in die Siedlung, der als leichte Zielscheibe für den Spott auch Dshamiljas dient.
Auf den langen Fahrten zur Verladestation für den Weizen fängt Danijar eines Abends an zu singen und mit diesem Gesang senkt sich ein Zauber über die Landschaft, dem sich seine Begleiter nicht entziehen können….
Das Buch ist wie die Landschaft, in der es spielt. Wehmütig, langsam erzählt der 15jährige Ich-Erzähler seine Geschichte von Dshamilja und Danijar, die sich lieben, so sehr lieben, daß Dshamilja am Ende alles aufgibt, ihr gesamte Leben in die Waagschale wirft und mit ihrem Geliebten davonläuft. Sie bricht aus aus ihren Rollen, ihrer Verantwortung, ihrer Familie, lehnt sich gegen die alten Sitten auf, weil die Liebe einfach stärker ist… die Liebe zwischen Dshamilja und Danijar entwickelt sich langsam, unmerklich und doch unvermeidlich, beide wehren sich dagegen und können doch nicht gewinnen, bis sie dann bereit sind, ihre Liebe zu leben….
Es ist ein unspektakuläres Buch, das von (Wort)Bilder lebt, von Andeutungen, von Reflektionen. Es malt, beschreibt, nimmt den Leser mit auf die Reisen… auf die Reisen in der Landschaft und auf die in die Menschen.
Facit: Läßt man sich auf die Erzählung ein, folgt den Worten des Erzählers, findet man sich in einer Liebesgeschichte wieder, die ob ihrer Bedingungslosigkeit anrührt. Läßt man sich nicht forttragen von dem Erzählten, dürfte die Geschichte etwas altbacken und langweilig sein. Man hat es also in der Hand…
Tschingis Aitmatow
Dshamilja
Unionsverlag, 23. Aufl., 1990
ISBN-10: 329320001X
ISBN-13: 978-3293200012



Juli 6, 2008 at 6:34
Ich gehöre wohl zu denen, die sich seinerzeit (ist schon eine Weile her) vom Lesen forttragen ließen …

Was sagt das nun?
Und wie erging es dem Rezensenten selbst?
Beseelt oder altbackig gelangweilt?
elke
Juli 6, 2008 at 1:39
Wie ging es dem Rezensenten? Gute Frage, da du gemerkt hast, wie ich ihr ausgewichen bin, kannst du dir denken, daß ich da selbst unentschieden bin.
Eine “altbackene”, triviale Geschichte, die älteste der Welt: Mann trifft Frau, Frau trifft Mann und es passiert das, was nicht sein darf: sie verlieben sich. Es ist das, was jedem passieren kann, zu jeder Stunde, unverhofft. Insofern also alltäglich und nicht sonderlich spannend.
Aber an vielen Stellen konnte ich mich auf diese besondere Geschichte einlassen, hat sie mich gepackt, saß ich mit auf dem Wagen, spürte ich den trockenen Wind auf der Haut, den Staub, hörte das Getrappel der Hufe…
Ja, doch, ein schönes Buch, das mir was gegeben hat.