Anfang 2006 ereignet sich in der schwedischen Provinz ein furchtbarer Massenmord, die Bewohner eines kleinen Dorfes werden bis auf zwei Ausnahmen brutal und grausam massakriert. Die örtliche Polizei steht vor einem Rätsel und tut sich mit der Aufklärung schwer, das Verbrechen geht natürlich auch durch alles Medien. Dadurch erfährt auch Richterin Brigitta Roslin davon und erinnert sich daran, daß ihre Mutter als Pflegekind bei einer Familie aus diesem Ort gelebt hat. So fährt sie zum einen nach Hesjövallen, um sich vor Ort zu informieren und gleichzeitig vertieft sie sich in ihre Familiengeschichte.

Da sie mit ihrem persönlichen Wissen (etwas klischeehaft) mehr “sieht” als die ermittelnde Polizei, gerät sie, ohne es zu wissen, auf die richtige Spur des Verbrechens, während die Ermittler selbst einen Tatverdächtigen präsentieren, der sich nach seinem Geständnis aber erhängt.

Soweit der kriminale Beginn dieses Romans, der dann im Grunde genommen erst in der Buchmitte und gegen Ende des Werkes weitergeführt wird. Im Buch selbst wird ein geographischer und zeitlicher Sprung vollzogen in das China des 19. Jahrhunderts, in dem das Schicksal dreier Brüder auf der Flucht beschrieben wird. Diese verschlägt es nach einer Entführung unter grausamen Umständen nach Amerika, wo sie sklavenähnlich beim Bau der Eisenbahnlinie eingesetzt werden. Und hier knüpft Mankell dann den Zusammenhang mit den aktuellen Massenmord, denn Richterin Roslin entdeckte irgendwo in den alten Unterlagen eine Art Tagebuch des Vorarbeiters des Bautrupps, in dem die Chinesen tätig waren.

Die Geschichte des letzten der Brüder wird ausführlich erzählt, er arbeitet in Amerika, bis er alle Schulden abgegolten hat und fährt dann in einer langen Reise wieder zurück nach China. Unterwegs trifft er Missionare, in deren Mission er lange arbeitet, bis er völlig von ihnen enttäuscht wird und sich gegen sie stellt.

Das Tagebuch dieses alten Chinesen ist erhalten geblieben und nun in den Händen eines der reichsten und mächtigsten Männer des neuen Chinas der Jetztzeit, der es zu seinem Vermächtnis gemacht hat. Wie der erzählerische Zufall Mankells es will, hat Richterin Roslin die Gelegenheit, mit einer Bekannten für ein paar Tage nach China zu fliegen, wo sie auch dann auch prompt weiter ihren persönlichen Spuren nachgeht und recht schnell und ohne daß sie es weiß, den für das Verbrechen verantwortlichen aufschreckt.

In China, so erzählt Mankell, sind verschiedene Einflussgruppen hinter den Kulissen miteinander am Ringen, welchen Weg China in Zukunft einschlagen soll, ob nicht vieles von dem, was in China gemacht wird, Verrat an den Idealen der jüngeren Vergangenheit ist. Und so widmet sich der Autor in Ausführlichkeit dieser Fragestellung, welche Rolle China für sich selbst in der globalisierten Welt sieht. Durch ein konkretes Projekt, mit der einer der miteinander ringenden politischen Flügen die Unruhen unter der Landbevölkerung bekämpfen will, nämlich durch die Umsiedlung von Millionen Bauern nach Afrika, gelingt Mankell dann auch noch der nahtlose Übergang auf das Thema “Afrika”, wo China ja in der Tat in den letzten Jahren beständig an Einfluss gewinnt. Bei diesem Exkurs auf den Dunklen Kontinent scheint mir die Beschreibung der Verhältnisse an manchen Stellen recht verklärend, die Darstellung von Mugabe als quasi Opfer einer Verleumdungskampagne der alten Kolonisatoren erscheint mir doch etwas verharmlosend, auch wenn man natürlich im Hinterkopf behalten muss, daß man ohne die Möglichkeit, persönlich Fakten zu überprüfen, leicht auf manipulierte Berichte hereinfällt. Aber im Fall von Mugabe scheinen ja doch auch genügend abgesicherte Fakten bekannt zu sein.

“Der Chinese”, im Klappentext als “atemberaubender Thriller” angepriesen, liest sich über weite Teile gut, aber als Thriller taugt er wenig. Der Massenmord in Hesjövallen und die Rolle, die Richterin Roslin darin spielt, ist spannend beschrieben, bis hin zum abschließenden Show-Down in London. Die Erlebnisse des alten Chinesen auf seiner Flucht, in Amerika und dann später zurück in China ähneln mehr einer Reisebeschreibung, die Reminiszenzen von Richterin Roslin und ihrer Bekannten an beider maoistische Vergangenheit habe ich schlicht und einfach zum großen Teil überblättert. Welche Rolle das moderne China in der globaliserten Welt spielt, nach eigenem Verständnis spielen könnte, dies darzustellen, scheint mir fast ein Hauptanliegen von Mankell zu sein, wobei seine Sympathien wohl eher bei den Gruppierungen zu liegen scheint, die sich auf die Wurzeln besinnen und nicht um jeden Preis der Globalisierung nachlaufen wollen.

So ist mein persönlicher Eindruck von dem Buch nicht eindeutig. Bereut habe ich das Lesen nicht, immerhin ist die Rahmenhandlung, der Krimi also, so spannend geschrieben, daß ich das Buch doch nicht aus der Hand legen wollte. Und die anderen Passagen? Verwässern den Krimi, aber waren für Mankell wahrscheinlich wichtiger als der Rest.

Facit: Fällt mir ein wenig schwer, aber daß ich in dem Buch einiges nur quergelesen habe, ist natürlich auch schon eine Art persönliches Urteil… im übrigen ist dies tatsächlich mein erster Mankell gewesen, ich kann ihn daher nicht mit den “Wallander”-Romanen vergleichen….

Henning Mankell
Der Chinese
Zsolnay, Mai 2008
ISBN-10: 3552054367
ISBN-13: 978-3552054363

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