Feridun Zaimoglu: Liebesbrand
9. Juni 2008

Der türkischstämmige Ich-Erzähler des Romans, David, überlebt einen Busunfall in der Türkei. Eingeprägt hat sich ihm eine Deutsche, die zufällig am Unfallort vorbeikam, anhielt und ihn versorgte. Der Ring an ihrer Hand blieb ihm im Gedächtnis, und das “NI” des Autokennzeichens. Dies ist die Ausgangskonstellation und der Roman selbst beschreibt, wie David sich nach dieser unbekannten Frau zu sehnen beginnt, sie zu lieben beginnt und sie besitzen will. Die Suche nach ihr ist eine Reise durch Seelenlandschaften, durch Gefühle, Fantasien, Erinnerungen, Vergleiche, durch Sehnsuchten und Verzweifelungen, durch Wünsche und Begehren. Nicht nur bei David, sondern auch bei den Personen, die im diesem Roman noch auftreten, bei Tyra zum Beispiel, auf die er seine Liebe projeziert, oder bei Jarmilia, die er in Prag kennenlernt (und die mir am sympathischsten von allen Figuren ist, und ich kann mir auch nicht vorstellen, daß Zaimoglu dieser Frau nur durch Zufall diesen Namen gegeben hat…).
David macht seine unbekannte Liebe ausfindig und es gelingt ihm (an dieser Stelle setzt Zaimoglu ganz kompromisslos auf den Zufall, der dem Suchenden zu Hilfe kommt…) auch, sie zu finden. Sie, Tyra, will jedoch von seiner Liebe nichts wissen, weist ihn ab – und auch wieder nicht. Sie geht auf Reisen, David reist ihr hinterher, an allen Stationen dient er sich ihr als Liebhaber an, und sie verweigert sich.
Der Ich-Erzähler breitet seine Gedankengänge, seine Eindrücke vor dem Leser aus, monologartig, sprunghaft und voller Zerrissenheit und Zweifel (aber wer schon einmal unglücklich geliebt hat, wird dies nachfühlen können..), er läßt sich von seiner Illusion, einen Mann, der so liebt wie er könne man nicht nicht erhören, treiben, erlebt Abenteuer, lernt dabei Menschen kennen, die mit ihren eigenen Problemen beladen seinen Kosmos kreuzen und aufrühren. Es gibt keine Lösungen, alles dreht sich immer im Kreis um dieselben Fragen und Probleme, dies alles geschrieben in einer eindringlichen, fesselnden Sprache voller schöner Bilder und Vergleiche. Ein Kreisel, so könnte man es beschreiben, Davids Gedanken bewegen sich im Kreis nur um dieses eine Ziel, Tyra zu umwerben, sie zum Lieben zu bringen. Er ist, in einer milden Form von dem Gedanken an sie “besessen” (es hat mich ein wenig an Ernaux erinnert, auch wenn es natürlich dann doch ganz anders ist…), nimmt alles, was nicht direkt zu Tyra gehört, nur am Rande wahr, es interessiert ihn kaum. Seine Liebe ist der Filter, durch den er alles wahrnimmt, beurteilt und bewertet. Sehr schön kommt dies hervor, wenn er auf entsprechende Kommentare seiner Freunde darauf besteht, Tyra (der er immer nachreist) nicht zu verfolgen, sondern ihr nur zu folgen.
Erwähnenswert sind auch die schönen Beschreibungen der Städte, in denen der Roman spielt, und hier besonders Prag, in der David (die Schauspielerin) Jarmilia als Fremdenführerin gebucht hat und mit ihr die Stadt durchstreift und erlebt. Aber auch Wien oder das kleinstädtische Nienburg nimmt in den Schilderungen Zaimoglus unverwechselbare Konturen an.
Facit: ein schönes Buch, das nachdenklich macht und einen in seinen Bann zieht
Feridun Zaimoglu
Liebesbrand
Kiepenheuer & Witsch 2008
ISBN-10: 3462039695
ISBN-13: 978-3462039696





