Charlotte Roche: Feuchtgebiete. Ein paar Gedanken…
29. Mai 2008

… anläßlich eines Beitrages in dem ZEIT-Magazin “Leben” von dieser Woche (Nr. 22 vom 22. Mai 2008 ). Dort wird Frau Roche (in der Pose u.a. Cranachs Lucretia ähnelnd) als “messy girl” abgelichtet, die voll frohen Mutes eine Capri Sonne aus dem Bach fischt und mit dem dort gleich miterfischten Strohhalm mit hörbarem Genuss einschlürft.
Ihr Buch Feuchtgebiete, DER “deutschsprachige Hämmorrhoiden-Roman” schlechthin, diese “mastdarmfixierte Stellenprosa” par excellence, ist ja nun wirklich ein Phänomen. Literarisch kaum mit Qualitäten gesegnet, befindet sich das Werk nun seit Wochen auf Platz eins der Spiegel-Liste und auch bei Amazon lag es als erstes deutsches Werk an Platz 1 der Hitliste der verkauften Bücher. Das ist schon eine Leistung.
Liest man aber das Porträts Roches in der ZEIT, bekommt aber doch das Gefühl, Frau Roche wird der Erfolg, oder besser, die Folgen des Erfolges, langsam unheimlich. Von den anfänglich kolportierten 70 % biographischen Anteil, die der Roman haben sollte, ist nicht mehr die Rede, als biographisch werden jetzt nur noch Einzelheiten anerkannt. Zwar kann man jetzt die Aussage glauben, die man glauben will, aber letzteres scheint mir persönlich doch wahrscheinlicher, macht Frau Roche, wenn man sie sieht, doch einen durchaus “gepflegten” Eindruck, und der von Helen so favorisierte Intimgeruch auch durch die Kleidung hindurch wurde wohl bei Frau Roche noch nicht gerochen, ich bin sicher, dies wäre nicht unerwähnt geblieben. Außerdem und sogar soll sie – so steht geschrieben – epiliert sein, sich also selbst durchaus den von ihr angeprangerten Zwängen einer auf schön, hygienisch und jung gestylten Gesellschaft unterwerfen.
Also doch alles nur eine extrem erfolgreiche PR-Kampagne?
Es steht zu vermuten. Nach er sehr erfolgreichen (Kult)Lesung der Dissertation eines Münchner Urologen: (hier auch Berichte über die Lesung) “Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern” hat sie wohl ihr Thema gefunden, Tabuthemen ohne jedes Zögern anzugehen. Und folgerichtig schuf sie Helen, ihre Romanheldin, die geradezu ihr Selbstbewusstsein daraus schöpft, daß ihr nichts peinlich ist.
Der Vermarktung und der Werbung kommt Frau Roche zugute, daß sie über ihren Mann zum Dunstkreis von Raab, Pocher und Engelke gehört, zumindest die ersten beiden ja durchaus auch kämpferisch, was Fettnäpfe angeht. Auftritte in Shows waren also kein Problem und zusammen mit dem Ekelfaktor und der Tatsache, daß es hier eine Frau ist, die mühelos jedes Niveau unterschreitet (man stelle sich mal vor, Harald Schmidt oder unser Haribo-Werber hätten das Buch geschrieben….), wurde das Buch quasi zum Selbstläufer. Mit ihren erfolgreichen Lesungen hält sie die Flamme unter dem Bucherfolg leise, aber stetig am Köcheln.
Daß “Feuchtgebiete” gerade von jungen Frauen oft nicht abgelehnt wird, mag damit zusammen hängen, daß man in eine Art Trotzreaktion “Hier ist eine, die es euch zeigt” gerät, daß wirklich das Lebensgefühl einer 20 jährigen abgebildet wird, weigere ich mich einfach, zu glauben.
Schreibt man einen Fussballroman, so wird man sein Publikum vorwiegend unter Fussballfreunden finden, thematisiert man die Rosenzucht, werden Rosenliebhaber der bevorzugte Käuferkreis sein. Doch wer – außer einigen begeisterten Intellektuellen á la Willemsen – fühlt sich durch eine solch sekret- und Körperflüssigkeitenfixierte Literatur angesprochen? Offensichtlich (auch) das Klientel, dessen Fanbriefe Frau Roche nicht sehen will, die man ihr garnicht erst zeigt. Mich würde mal interessieren, was da so drin steht. Oder – eigentlich will ich es auch wieder garnicht wissen, meine Vorstellung, was das sein könnte, reicht mir im Grunde schon. Frau Roche ist, so ihr Verleger, mit der Veröffentlichung des Buches ein großes Risiko eingegangen. Ob ihr das vorher klar war?
Zu meiner Buchbesprechung
Ergänzung am 01. Oktober 2008:
Offensichtlich sind die “Feuchtgebiete” auch außerhalb Deutschlands ein Erfolg. So schreibt der Guardian:
…In Germany, there’s little room for celebrities or light-hearted works, with philosophical tomes Wer bin Ich? and Ein Mann – Ein Buch selling well. But the biggest success story this year is Feuchtgebiete, which has topped the fiction charts since March and is incredibly graphic. The novel was the talk of the London Book Fair earlier this year, and UK rights were eventually snapped up by Fourth Estate after a fierce bidding war.
I’m not sure you’ll want to know what Feuchtgebiete means, or indeed what it reveals about Germany.
(Gefunden auf Planet 9)
Nachtrag vom 19.03.2009: Zusammenfassung der Rezeption in der englischen Presse (aus der FAZ):
“Musil schuf den „Mann ohne Eigenschaften“, Roche bringt uns die „Frau ohne Unterhosen“, spottete der „Observer“.”
Nachtrag vom 05. Januar 2009
Döpp gewinnt dem Elaborat von Roche erkennbar wenig Wert ab, seiner Meinung nach (der man sich leicht anschließen kann) pervertiert Roche eine pervertierte Ordnung, nämlich die der steril, aseptischen hygienisierten Heidi-Klum Welt. Sie pervertiert sie, in dem sie in einen psychosexuellen Infantilismus zurückfällt, Ausdruck einer Regression auf ein frühes anal-narzisstisches Stadium. Das Buch als Ausdruck eines postfeministischen Protestprogramms zu bezeichnen (wie es die öffentliche Kritik zum Teil gemacht hat) grenze an Frauenverachtung.
Hans-Jürgen Döpp: Sexuelle Freiheit als Ideologie (Von der Erodisierung des Erotischen) in: Der erotische Blick, konkursbuch 47, konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Dez. 2008, S. 163 ff






30. Mai 2008 at 9:35 nachmittags
Aber lieb ist sie schon, die Roche. Und gibt ihr der Erfolg nicht recht?
31. Mai 2008 at 6:04 vormittags
Recht…? Wobei, Worin? Daß die Vermarktung hervorragend war? Zweifelsohne und ich gönne ihr diesen Erfolg auch, warum nicht. Aber daß ein Autor (wahrscheinlich aus gutem Grund) die Post seiner Leser nicht gezeigt bekommt, ist doch ein Anzeichen dafür, daß dieser Erfolg Schattenseiten hat. Und ich glaube, das nimmt Frau Roche auch so wahr, zumindest klingt das in dem Artikel stark durch.
Und das anfängliche Anheizen der Hype mit diesen 70% autobiographischen Anteil. Jeder hat sich doch gefragt, worauf sich das bezieht, auf die Duftkerzen, den Blumenkohl, das Kaugummi… Hätte sie dies unterlassen, sich von Beginn an als Autorin aus dieser Ebene zurückgezogen, dann könnte sie ihren Erfolg vielleicht unbeschwerter geniessen.
Und ja: sie kommt so ganz nett und lieb rüber. ;-)