Im Moment ist es wie verhext….
…mir fehlt einfach die Zeit, mich mal wieder ein Stündchen oder so mit einem Buch hinzusetzen und zu lesen. Gut, ich habe im Moment zwei Bücher mit Kurzgeschichten (Miranda July und T.C.Boyle), da geht dann immer noch mal in einer kurzen Pause ein Geschichtchen, aber ich merke schon, daß es nicht so ist, als wenn ich mit mehr Zeit lesen kann. Es vergehen immer ein paar Absätze (es muss schnell gehen, Seiten kann man bei diesen kurzen Geschichten sich nicht erlauben… ), bis ich mich wieder auf den Stil, die Atmosphäre der Stories eingestellt habe und dann - sind sie auch schon wieder vorbei. pfffffft…..
Na ja, wird wieder besser werden. Mal so, mal so.
Charlotte Roche: Feuchtgebiete. Ein paar Gedanken…

… anläßlich eines Beitrages in dem ZEIT-Magazin “Leben” von dieser Woche (Nr. 22 vom 22. Mai 2008 ). Dort wird Frau Roche (in der Pose u.a. Cranachs Lucretia ähnelnd) als “messy girl” abgelichtet, die voll frohen Mutes eine Capri Sonne aus dem Bach fischt und mit dem dort gleich miterfischten Strohhalm mit hörbarem Genuss einschlürft.
Ihr Buch Feuchtgebiete, DER “deutschsprachige Hämmorrhoiden-Roman” schlechthin, diese “mastdarmfixierte Stellenprosa” par excellence, ist ja nun wirklich ein Phänomen. Literarisch kaum mit Qualitäten gesegnet, befindet sich das Werk nun seit Wochen auf Platz eins der Spiegel-Liste und auch bei Amazon lag es als erstes deutsches Werk an Platz 1 der Hitliste der verkauften Bücher. Das ist schon eine Leistung.
Liest man aber das Porträts Roches in der ZEIT, bekommt aber doch das Gefühl, Frau Roche wird der Erfolg, oder besser, die Folgen des Erfolges, langsam unheimlich. Von den anfänglich kolportierten 70 % biographischen Anteil, die der Roman haben sollte, ist nicht mehr die Rede, als biographisch werden jetzt nur noch Einzelheiten anerkannt. Zwar kann man jetzt die Aussage glauben, die man glauben will, aber letzteres scheint mir persönlich doch wahrscheinlicher, macht Frau Roche, wenn man sie sieht, doch einen durchaus “gepflegten” Eindruck, und der von Helen so favorisierte Intimgeruch auch durch die Kleidung hindurch wurde wohl bei Frau Roche noch nicht gerochen, ich bin sicher, dies wäre nicht unerwähnt geblieben. Außerdem und sogar soll sie - so steht geschrieben - epiliert sein, sich also selbst durchaus den von ihr angeprangerten Zwängen einer auf schön, hygienisch und jung gestylten Gesellschaft unterwerfen.
Also doch alles nur eine extrem erfolgreiche PR-Kampagne?
Es steht zu vermuten. Nach er sehr erfolgreichen (Kult)Lesung der Dissertation eines Münchner Urologen: (hier auch Berichte über die Lesung) “Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern” hat sie wohl ihr Thema gefunden, Tabuthemen ohne jedes Zögern anzugehen. Und folgerichtig schuf sie Helen, ihre Romanheldin, die geradezu ihr Selbstbewusstsein daraus schöpft, daß ihr nichts peinlich ist.
Der Vermarktung und der Werbung kommt Frau Roche zugute, daß sie über ihren Mann zum Dunstkreis von Raab, Pocher und Engelke gehört, zumindest die ersten beiden ja durchaus auch kämpferisch, was Fettnäpfe angeht. Auftritte in Shows waren also kein Problem und zusammen mit dem Ekelfaktor und der Tatsache, daß es hier eine Frau ist, die mühelos jedes Niveau unterschreitet (man stelle sich mal vor, Harald Schmidt oder unser Haribo-Werber hätten das Buch geschrieben….), wurde das Buch quasi zum Selbstläufer. Mit ihren erfolgreichen Lesungen hält sie die Flamme unter dem Bucherfolg leise, aber stetig am Köcheln.
Daß “Feuchtgebiete” gerade von jungen Frauen oft nicht abgelehnt wird, mag damit zusammen hängen, daß man in eine Art Trotzreaktion “Hier ist eine, die es euch zeigt” gerät, daß wirklich das Lebensgefühl einer 20 jährigen abgebildet wird, weigere ich mich einfach, zu glauben.
Schreibt man einen Fussballroman, so wird man sein Publikum vorwiegend unter Fussballfreunden finden, thematisiert man die Rosenzucht, werden Rosenliebhaber der bevorzugte Käuferkreis sein. Doch wer - außer einigen begeisterten Intellektuellen á la Willemsen - fühlt sich durch eine solch sekret- und Körperflüssigkeitenfixierte Literatur angesprochen? Offensichtlich (auch) das Klientel, dessen Fanbriefe Frau Roche nicht sehen will, die man ihr garnicht erst zeigt. Mich würde mal interessieren, was da so drin steht. Oder - eigentlich will ich es auch wieder garnicht wissen, meine Vorstellung, was das sein könnte, reicht mir im Grunde schon. Frau Roche ist, so ihr Verleger, mit der Veröffentlichung des Buches ein großes Risiko eingegangen. Ob ihr das vorher klar war?
Zu meiner Buchbesprechung
Sarah: Ich bin gekommen

Die 20 jährige Sarah, Philosphiestudentin, ist auf der Suche nach ihrem “la petite mort”, auf den sie in ihrem bisherigen Leben noch nicht gestoßen ist. Man kann nicht behaupten, sie gäbe sich keine Mühe, im Gegenteil stürzt sie sich voller Entdeckerfreue in das Abenteuer (körperlicher) Liebe hinein. Und den Leser läßt sie daran teilhaben, ohne die Derbheit und Deftigkeit mancher Situationen durch ihre Wortwahl abzuschwächen.
Ihre Suche ist lange vergebens, nun ja, sonst wäre das Buch ja auch schnell zu Ende. Die Gleichaltrigen oder nur wenig älteren Jungs und Männer können ihr (und man kann ihnen mangelnden Einsatz nicht vorwerfen) nicht helfen, die letzte Stufe bleibt für sie, nicht für ihrer Begleiter, unerklommen. Schon fast verzweifelt lernt sie aber irgendwann André kennen, einen älteren Mann, ihren “Alten Lover”, der sie an die Hand nimmt und mit dem sie dann nach vielen Stationen an das Ziel ihrer Wünsche gelangt. Eine Geschichte mit Happy End also, ich denke, soviel darf ich hier schon verraten…
So in etwa der Inhalt des Romans, der mich im Stil unwillkürlich an die alten erotischen Romane wie “Therese philosphique” oder auch “Gamiani” erinnert: die offengelegten Selbstzweifel, die geschilderten Gedankengänge der (fiktiven?) Ich-Erzählerin werden immer wieder unterbrochen von den handfesten Beschreibungen der praktischen Ansätze Sarahs, ihr Problem zu lösen….. Der Verlag findet dafür im Klappentext eine etwas seriöser klingende Formulierungsvariante: “…ein faszinierender Einblick in die zerrissene Seele einer jungen Frau, die sich den Weg freikämpft in ein Leben in ein Leben ohne Konventionen und Tabus.” Nun ja, so kann man es natürlich auch betrachten, aber ganz so tiefgründig wie hier angedroht ist das Werk dann doch nicht….
Natürlich habe ich auch in die Kundenkritiken bei amazon geschaut, die im wesentlichen negativ sind. Das Buch sei ein Fake (nun ja, auf welchen Roman träfe dieser Vorwurf nicht zu…), er bediene im wesentlichen Männerphantasien in der auch Art, in der Sex beschrieben wird (das ist wohl nicht zu leugnen, aber auch ein Allgemeinplatz, denn im Endeffekt richtet sich jedes Buch an ein bestimmtes Publikum, einen bestimmten Personenkreis), “Zielgruppe sind pädophile 60-jährige Männer mit Tochter-Komplex, und nicht Teens oder Twens die etwas über die spannende Entdeckung ihres eingenen und fremder Körper und den manchmal ratlos machenden Weg zum Orgasmus erfahren wollen.” Na hoppla, man kann dem Büchlein ja viel vorwerfen, aber nicht, daß es daher kommt und behauptet, es sei eine soziologische Studie… aber in dieser zitierten Aussage tritt natürlich ein anderes Phänomen zu Tage: der Leser erotischer Literatur ist automatisch jemand, der es nötig hat, der abartig ist oder es sonst sowieso nicht bringt. Ein Vorwurf, den ich übrigens noch kaum einem Krimiliebhaber (zur Erinnerung: in Krimis geht es um Mord, Schlechtigkeit, das “Böse” im Menschen) gegenüber geäußert gehört habe…. aber letztlich muss das jeder mit sich selbst ausmachen, ob er solche Bücher einfach nur “Bähh..” findet oder ob er sie als das nimmt, was sie sind: in Schrift gebrachte Phantasien wie viele andere Geschichten auch.
Facit: leichte Literatur, schnell zu lesen, kurzweilig. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gewarnt sei nur der, der eine sexualwissenschaftliche Studie über das Gefühlsleben einer 20jährigen erwartet.
Sarah
Ich bin gekommen
Goldmann 2002
ISBN-10: 3442309980
ISBN-13: 978-3442309986
Dietmar Dath: Höhenrausch

Im Nachgang sozusagen zu den Primzahlen habe ich mir das Büchlein von Dath gegriffen, denn einige der bei du Sautoy genannten Namen tauchen dort auch auf und insofern interessierten mich die Geschichte, die Dath zu den betreffenden Mathematikern schreibt.
Wie soll man das Buch einordnen? Sicher ist es kein Buch über Mathematik, die spielt eine nur untergeordnete Rolle in dem Buch. Ebenso wenig ist es eine Sammlung von Biographien, denn Dath stellt die Personen in fiktiven Situationen vor. Emmy Noether zum Beispiel trifft im Lauf ihres Lebens immer wieder auf einen symmetrisch gezeichneten Schmetterling, der ihr Hinweise gibt auf ihre Zukunft, auf das, was sie mal erreichen wird. Kolmogorow hingegen wird uns vorgestellt in einem fiktiven Gespräch mit Stalin und auch Dracula spielt hier seine Rolle. In ähnlich erdachte Situationen werden alle der 20 Mathematiker gestellt.
Was hier in den Texten zu den 20 Mathematikern zu finden ist, sind also Fantasien, mit denen Dath uns - tja, was? .. vielleicht seine Eindrücke von den Denkweisen, den Umständen, vom Charakter der derart Porträtierten näher bringen will. Ein literarisches Experiment also, das ich auch als solches auffasse, es bringt wenig greifbares, weckt aber an manchen Stellen (wie zum Beispiel in der oben erwähnten schönen Geschichte von E. Noether) die Neugier, genaueres zu erlesen. Und das ist ja auch nicht wenig.
Facit: Kein unbedingtes Muss, aber auch keine verlorene Zeit.
Dietmar Dath
Höhenrausch
Rowohlt Tb. 2005
ISBN-10: 3499619466
ISBN-13: 978-3499619465
Marcus du Sautoy: Musik der Primzahlen

Die Primzahlen, wir kennen sie von der Schule, diese Zahlen, die nur durch sich selber und durch die “1″ teilbar sind (ohne Rest): 2, 3, 5, 7, 11, 13 etc pp… Ohne Regel scheinen sie rein zufällig innerhalb der natürlichen Zahlen aufzutauchen, je größer die Zahlen werden, desto größer werden auch die Abstände zwischen den Primzahlen und die große Frage der Zahlentheorie ist es, festzustellen, ob und wenn welcher Ordnung die Primzahlen gehorchen.
du Sautoy erklärt uns die Primzahlen als “Atome” der (natürlichen) Zahlen, denn alle Zahlen lassen sich in Primzahlen faktorisieren und damit läßt sich letztendlich alle Erkenntnis, die mit Zahlen zu tun hat, mit den Primzahlen verknüpfen. Und über solch eine Verknüpfung von Primzahlen mit komplexen Zahlen und unendlichen Reihen gelangte Riemann zu einer neuen Sicht auf diese und öffnete den Blick auf ihre innere Strukur.
Die Geschichte dieser mathematischen Untersuchung, die bei den alten Griechen anfängt mit dem Beweis, daß es unendlich viele Primzahlen geben muss und die dann vor allem mit Gauss einen Höhepunkt erlebt bis dann der Nachfolger von Gauss, Riemann, seine Vermutung, die Riemann´sche Vermutung aufstellte, deren Richtigkeit zwar bis dato unbewiesen ist, von der aber auch trotz immensen Aufwands noch nie eine Ausnahme gefunden wurde, die sie widerlegt…. und die so vielen anderen Beweisen zugrunde liegt.
Riemann gelingt es, durch die nach ihm benannte Vermutung eine Ordnung in die dem Anschein nach beliebige Primzahlwelt zu bringen. Ich muss zugeben, die Mathematik, die du Sautoy beschreibt, vereinfachend beschreibt, ist mir nicht völlig klar geworden, viel ist von Landschaften die Rede, von Meereshöhe und von Musik…. später, in modernern Zeiten auch von Quantentrommel und Chaotischem Quantenbilliard… Aber das “Verstehen” ist wahrscheinlich auch zuviel verlangt und wäre wohl auch recht seltsam, denn es müh(t)en sich schließlich einiger der fähigsten Mathematiker mit diesem Problem ab. Und darin liegt der Reiz des Buches: Es ist sehr viel geschrieben über das Wesen der Mathematik, über den Charakter mathematischer Forschung und vor allem über eine Vielzahl von Mathematikern, die an diesem Problem arbeiteten. Für die einen gilt nur der strenge Beweis, die anderen sprühen aus ihrer Intuition schier unendlich Formeln heraus, deren Beweis ihnen nicht wichtig ist, weil es klar ist, daß es so sein muss, aber so unterschiedlich die Ansätze auch sind, sie führen nicht dazu, diese Vermutung zu beweisen. Aber sie führen zu so manch anderer Erkenntnis, manch anderem Beweis, der sich auf dem bei den Überlegungen ergab.
Primzahlforschung ist - und das wird im letzten Abschnitt des Buches klar - keine abgehobene Forschung ohne Praxisbezug, denn wichtige kryptographische Verfahren (z.B. im Internethandel oder -online-banking) beruhen darauf, riesige Primzahlen in Faktoren zu zerlegen. Gelingt dies, ist der Schlüssel zu dem Verfahren geknackt. Dies ist einer der Gründe, warum die Leistungsfähigkeit von Großrechnern oft daran gemessen wird, riesige Primzahlen a) zu finden und ggf. b) in Faktoren zu zerlegen.
Interessant sind die Ausblicke, die du Sautoy auf die modernen Forschungsansätze gibt, die in mancherlei Hinsicht in die moderne Physik hineinreichen, bei der z.b. bei atomaren Energieniveaus analoge Strukturen auftreten wie bei Primzahlverteilungen, so daß Vermutungen auftauchen, Lösungen zur Riemannschen Vermutung könnten auch über die Physikalische Forschung möglich sein.
Facit: ein sehr interessantes Buch über das Wesen der Mathematik mit biographischen Beschreibungen vieler Mathematiker und ener faszinierenden Sicht auf die Welt der Primzahlen, die in der Schule noch so einfach erschien….
Marcus du Sautoy
Musik der Primzahlen
dtv 2006
ISBN-10: 3423342994
ISBN-13: 978-3423342995
10. Mai 1933
ausgelesen - in einem ganz anderen Sinn. Erinnern will ich daran, auch mich selbst, schreiben dazu nichts, denn hier sprechen die Täter für sich selbst:
1. Rufer:
“Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.”
2. Rufer:
“Gegen Dekadenz und moralischen Verfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner. “
3. Rufer:
“Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Friedrich Wilhelm Förster.”
4. Rufer:
“Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele! Ich übergebe der Flamme die Schriften des Sigmund Freud.”
5. Rufer:
“Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.”
6. Rufer:
“Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewußte Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard.”
7. Rufer:
“Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkrieges, für Erziehung des Volkes im Geist der Wahrhaftigkeit! Ich, übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque.”
8. Rufer:
“Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr.”
9. Rufer:
“Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist! Verschlinge, Flamme, auch die Schriften der Tucholsky und Ossietzky!”
Die Rufer waren: junge Leute in braunen Uniformen. Es waren: Studenten. Ort der Handlung: Opernplatz, 10. Mai 1933
“Das war ein Vorspiel nur. Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen” (H. Heine, 1823)
entnommen aus: Graf von Krokow: Scheiterhaufen, Größe und Elend des deutschen Geistes, Berlin, 1983
am Rande: im Juni 2006 wurde auf einem Dorffest in Sachsen-Anhalt das Tagebuch der Anne Frank öffentlich verbrannt…..
Stieg Larsson: Verblendung

So, die knapp 700 Seiten sind geschafft, das Buch hat sich gut und leicht lesen lassen, in wenigen Tagen war es “durch”. Also auch keine Besorgnis mehr vor demnächst den nächsten beiden Bänden der Trilogie um die Zeitschrift “Millenium”.
Andererseits: als ich ca. in der Mitte des Buches war, also umfangsmäßig dort, wo andere Bücher schon dem Ende zugehen, fragte ich mich: was ist eigentlich bisher geschehen? Viel war es jedenfalls nicht, außer einleitendem Geplänkel, aber immerhin gut lesbar.
Worum geht es in dem Buch? Der integere Wirtschaftsjournalist Mikael Blomquist wird mit einer getürkten Geschichte über einen schwedischen Industriellen hereingelegt und muss nach seiner Verurteilung wegen Verleumdung die Redaktion seiner Zeitschrift verlassen. Arbeitslos geworden wird er von dem Patriarchen einer anderen, auf dem absteigenden Ast sitzenden Industriellenfamilie mit Enthüllungen über seinen Widersacher geködert und nimmt den Auftrag an, vordergründig eine Familienchronik der Vangers zu schreiben, in Wahrheit aber das rätselhafte Verschwinden von Harriet Vanger, daß mittlerweile 40 Jahre zurück liegt, noch einmal, ein letztes Mal zu untersuchen. Aufgrund der besonderen Umstände liegt sogar die Vermutung nahe, daß Harriet seinerzeit von einem Familienmitglied ermordet wurde.
Die Familie Vanger ist eine alteingesessene Familie mit einer Unzahl von Angehörigen, die Larsson uns zum großen Teil vorstellt, auch wenn sie mit der Handlung oder dem Fortgang der Geschichte nichts zu tun haben. Verstrickt in Nazi-Ideologien sind insbesondere die älteren Familienmitglieder keineswegs Sympathieträger, im Grunde ist kaum einer der Vangers als netter Zeitgenosse anzusehen. In diesem Umfeld sichtet Blomquist also die alten Unterlagen.
In einem zweiten Erzählstrang führt Larsson Lisbeth Salander in die Geschichte ein. Salander ist ein anorektisches, sozial inkompetentes Wesen mit erheblichen Defiziten, die unter Betreuung steht und stets unterschätzt wird. Sie arbeitet als freie Mitarbeiterin bei einer Sicherheitsfirma an Ermittlungen, die sie im wesentlichen durch Hacken von Computern, aber eben dadurch sehr erfolgreich, durchführt. Einschränkungen ihrer Arbeit durch Moral, Ethik oder gar das Strafgesetzbuch läßt sie nicht gelten, sie hat nicht nur ein fotographisches Gedächtnis und die Fähigkeit, Strukturen intuitiv zu erfassen, sondern eben auch ihre eigenen Regeln. So autistisch angehaucht Salander auch scheint, und so übertrieben eventuell ihre Fähigkeiten geschildert werden, ist sie für mich jedoch die interessantere der beiden Hauptpersonen.
In der zweiten Hälfte des Buches dann führt Larsson Blomquist und Salander zusammen und beide arbeiten jetzt als Team weiter. Natürlich (wie sollte es anders sein….) entwickelt sich nicht nur eine sexuelle Beziehung, sondern auch eine gegenseitige Sympathie, sogar Salander fängt an, Vertrauen zu Blomquist zu fassen.
Irgendwann findet Blomquist dann tatsächlich ein Detail auf einem alten Foto dieses Tages, das bis dato übersehen worden ist. Er verfolgt diese (und eine weitere) Spur und nach vielen Wirrungen kommt er der Lösung des Rätsels immer näher, bis er es schließlich in einer Art Show-down lüftet.
Und wie endet das Buch? Nun, die Bösen sind böse und verlieren, die Guten dürfen ein wenig böse sein, weil sie sonst die wirklich Bösen nicht fangen könnten, sind aber ansonsten gut und am Ende ist Lisbeth die Verliererin, weil der Larsson für sie kein Happy End vorgesehen hat, sondern sie mit einer Enttäuschung in den zweiten Band seiner Trilogie schickt. Irgendwie schade…
Facit: Sehr gut lesbar, kurzweilig und offensichtlich gab es auch Schweden Nazis. Warum das Buch Verblendung heißt, tja.. wer weiß das schon?
Stieg Larsson
Verblendung
Heyne, 2007
ISBN-10: 3453432452
ISBN-13: 978-3453432451
Leena Lehtolainen: Im schwarzen See
Kauft man sich ein Buch, auf dessen Umschlagseite steht: “Maria Kallios siebter Fall” und auf dem hinteren Cover die Hamburger Morgenpost mit “Ein Super-Krimi” zitiert wird, so erwartet man eigentlich, daß man einen - Krimi erwirbt. Zumindest geht es mir so… Nachdem ich das Buch jetzt fertig gelesen habe, stellt sich mir die Frage: Ist dies wirklich ein Krimi oder habe ich einfach andere Vorstellungen von dem, was ein Krimi sein soll?

Die Kriminalhandlung des Buches, das in Finnland spielt (Maria Kallio ist Kommissarin in Espoo) ist schnell erzählt: in einem See wird eine Journalistin erschossen aufgefunden, die an einer auf den ersten und zweiten Blick unspektakulären Biographie eines international sehr erfolgreichen finnischen Rallyesportlers schreibt. Es sind zwar viele verdächtig, aber ein durchschlagendes Motiv ist nicht vorhanden, zumindest nicht, bis gegen Ende der Ermittlungen eine zweite Version des Buchmanuskriptes der Ermordeten gefunden wird. In dieser Hinsicht also ein typischer “Whodunnit”-Krimi.
In diesen Handlungsstrang eingewoben schildert die Autorin uns aber in ihrem Buch im wesentlichen Aspekte des Alltagslebens in Finnland: die ganz normalen Eheprobleme in einer Familie, in der die Frau arbeitet, der Mann Arbeit sucht, zwei Kinder zu betreuen sind und die Wohnung auch nicht ideal ist. Auf der Arbeitsstelle Animositäten und Freundschaften, Mobbing wegen sexueller Belästigung, mehr oder minder große Fehltritte… und das alles eingehüllt von der Dunkelheit des finnischen Winters. Dazwischen Verhöre, Ratlosigkeit und stochern im Nebel.
Eher durch Zufall findet die Kommissarin erst ganz gegen Ende des Buches das fehlende Puzzlesteinchen, mit dem dann auch der Mordfall gelöst werden kann und das Buch endet dann ziemlich abrupt. Leider läßt die Autorin den Leser über die durchaus anrührenden Schicksalen der Beteiligten im Unklaren.
Facit: Wer einen Krimi lesen will, um sich durch Spannung unterhalten zu lassen, ist sicher nicht unbedingt richtig aufgehoben bei Kallios´ siebten Fall, wer sich dagegen durch die Gezeiten finnischer Melancholie treiben lassen will, schon eher.
Leena Lehtolainen
Im schwarzen See
rororo tb, 2007
ISBN-10: 3499238160
ISBN-13: 978-3499238161
