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Buddy Giovinazzo: Broken Street

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am April 16th, 2008

Nach Potsdamer Platz das zweite Buch von Giovinazzo. Und genau derselbe Effekt: ich kann es nicht mehr aus der Hand legen…..

Das Buch erzählt die Geschichte eines namenlosen Jungen, der irgendwo in den Randbezirken von NY wohnt und aufwächst. Das Leben in diesen Straßen ist hart, von Kämpfen geprägt. Schon früh, mit 13, fängt der Erzähler an, mit Drogen zu dealen, für einen älteren Freund. Selbstverständlich nimmt er selbst Drogen, fängt mit Pot an, später kommt dann Koks dazu und noch später dann auch die anderen “Glücksbringer”. Solange nur Gras vertickert wird, hält sich alles irgendwie noch im Rahmen, mit Koks kommen die jungen Männer (ich sträube mich ein wenig, hier noch Jungen zu schreiben) dagegen in Konflikt mit den “Kolumbianern” und die verstehen keinen Spaß. Der erste Tote, sein älterer Freund Winston, für den er “arbeitet”, bringt den Erzähler aber nur für kurze Zeit aus dem Tritt.

Die Spirale dreht sich nach unten, bald ist Marcus Vorbild für ihn. Zusammen hängt die Clique immer am “Court” ab, spielt Basketball, zieht sich Alkohol und Drogen rein, spinnen ihre Phantasien und hecken Pläne aus. Marcus ist so, wie der Erzähler gerne sein will, er sieht gut aus, spielt phantastisch Basketball, ist Mittelpunkt bei den Mädchen und kennt sich aus. Von ihm lernt er das Autoknacken und kommt so in Kontakt mit der Mafia, aber das stört ihn nicht, es ist normal.

Später dann wird gestohlener Schnaps an Bars verhökert. Bei einer dieser Touren wird die Bande um Marcus von Wachmännern gestellt, einer der Wachmänner wird erschlagen und der Erzähler muss für diese Tat mehrere Jahre ins Gefängnis.

Erschien ihm die Zeit auf der Straße schon hart, so lernt er in Knast die wahre Hölle kennen. Er ist, so wie Giovinazzo nüchtern und präzise schreibt, das neue Mädchen für die Alteinsitzenden. Er wird vergewaltigt, fast zu Tode geprügelt, Hass, Gewalt, Brutalität sind de facto die einzige Sprache im Gefängnis, die akzeptiert wird. Und auch er lernt, sich in dieser Sprache zu “verständigen”. Aber er wird auch nachdenklich, reflektiert über sein bisheriges Leben, lernt, fängt an zu lesen und zieht Bilanz, die nüchterne Bilanz eines gescheiterten Lebens.

Nach 6 Jahren Knast entlassen, gelingt es ihm schließlich mit Hilfe seines Bruders und seines Vaters, sich eine Existenz aufzubauen, immer noch in den Broken Streets, in denen er groß, aber nicht erwachsen geworden ist. Auch hier hat sich in den Jahren alles geändert, die neuen Drogen haben die paar Regeln, die hier Bestand hatten, außer Kraft gesetzt, Crack hat den Junkies den letzten Rest Hirn rausgeblasen, jedwede Hemmung genommen. In den jungen Kerlen, die er jetzt auf dem “Court” sieht, erkennt er sich wieder, und er sieht das zukünftige Schicksal dieser jungen Männer….

Soweit die Geschichte, die Giovinazzo erzählt.

In diese Haupthandlung eng verwoben ist eine tragische, traurige Liebesgeschichte, die von den Gefühlen des Erzählers gegenüber Cathy berichtet. Cathy ist eine im wahrsten Sinn des Wortes Geknechtete, ein von ihrem Vater in jeglich denkbarer Hinsicht ausgenutztes Mädchen, nach außen verschüchtert, zurückgezogen, ängstlich, verspottet und beschimpft. Aber er verliebt sich in sie, blickt hinter dieses Äußere und erkennt einen wunderbaren, verwundeten Menschen hinter der Fassade.

Ihren Vater tötet er im Streit, Giovinazzo läßt aber keinerlei Zweifel, daß Mitleid mit dem Vater nicht angebracht ist. Aber nicht für diesen Totschlag muss der Erzähler dann ins Gefängnis, sondern für einen, den er nicht begangen hat, einen, den ihm seine Freunde in die Schuhe schieben, um ihn loszuwerden - und um sich an Cathy ranzumachen. Diesen Verlust von Cathy vergisst der Erzähler nie, er ist immer gegenwärtig und lebt beim geringsten Anlass wieder auf.

Mir gefällt die Sprache, der Stil, in dem Giovinazzo schreibt, so gut. Er berichtet, beschreibt nüchtern, ohne Wertung. Die Dinge sind so, wie sie sind, und dies erzählt er. Die Wertung erfolgt erst beim Lesen, im Leser selbst. Giovinazzo schreibt lakonisch, aus der Sicht des jungen Erzählers. Gerade am Anfang, als sein nichtsnutziger Vater vorgestellt wird, sind mir ein paar solcher Stellen im Gedächtnis geblieben:

Paps stand in der Küche und goß sich das Abendessen ein. Er war auf einer strengen Gin,- Wodka- und Whiskeydiät…..

Paps achtete stets darauf, daß er völlig abgefüllt war, bevor er die Wohnung verließ. Ray war in der Schule, und ich blieb zu Hause, sah fern und rauchte einen Joint.

Paps kam mit einem Pappteller und zwei Sandwiches darauf ins Zimmer. …. Mich interessierte, wie sein Körper auf diese feste, fremde Substanz reagieren würde.

So düster Giovinazzo das Leben in den Straßen auch schildert, macht er uns doch mit den Personen langsam vertraut, irgendwann wird auch Paps zum Menschen, der durch sein Schicksal so geworden ist, wie er ist und der sich auch wieder aufrappeln und zur Stütze anderer werden kann, wenn er gebraucht wird. Es gibt einen Ausweg aus den Straßen, es gibt die Möglichkeit, den Scheiss dort hinter sich zu lassen. Das zu lernen hat der junge Erzähler lange gebraucht, aber daß die Chance besteht, das ist die Botschaft von G in diesem Buch.

Vielleicht, diese Möglichkeit läßt Giovinazzo offen, vielleicht sogar für die Liebe.

Facit: ein tolles Buch, uneingeschränkt zu empfehlen

Buddy Giovinazzo
Broken Street
Pulp Master, 2000
ISBN-10: 3927734233

ISBN-13: 978-3927734234

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