G. Aly/M. Sontheimer: Fromms
Eine Biographie des jüdischen Geschäftsmannes Julius Fromm (1883 -1945)

Redet man von Gummis, Kondomen, Präservativen, fällt einem immer auch der Begriff “Fromms” ein, ohne, daß man jetzt auf Anhieb genauer sagen könnte, was oder wer hinter dem Namen steht. Nun, dem hilft dieses Büchlein, die Biographie des jüdischen Geschäftsmannes Julius Fromm (1883 -1945), ab.
Das Buch kann man unter verschiedenen Gesichtspunkten lesen:
- erstaunlich und verblüffend ist die darstellung der hygienischen Verhältnisse besonders in den Kriegen, in denen Geschlechtskrankheiten eine Vielzahl von Opfern unter den Soldaten forderten. Es bestand von Seiten der Armeeführung ein ganz dringender Bedarf an einer Verbesserung der Hygiene in den Feld- und Soldatenbordellen, die ja sogar von Armeeseite betrieben wurden. So wurden die ersten Kondomautomaten mit dem Slogan: “Männer, schützt eure Gesundheit!” aufgestellt. Die Werbung mit dem verhütenden Aspekt war lange Zeit verboten (lief schließlich der offiziellen Staatsdoktrin entgegen) und erst 1932 wagte Fromm die Bewerbung seiner Kondome in Fachblättern, obwohl die Produktion auf kleinster Basis schon 1914 anlief.
- natürlich ist auch die Lebensgeschichte von Julius Fromm, der sich aus ärmlichen Verhältnissen kommend hochgearbeitet hat und dann mit Weitsicht und Mut eine herausragende Markstellung im Sektor “Gummiwaren” erreichte, sehr interessant. Die Entwicklung der Familie, das Auseinanderreissen im Dritten Reich, die einzelnen z.T. tragischen Schicksale… Was mich aber noch mehr faszinierte, ist die
- z.T. minutiöse Darstellung der Art und Weise der Arisierung jüdischen Vermögens im Dritten Reich, insbesonder nach der Reichskristallnacht, wobei Fromm natürlich nur exemplarisch ist für die Gesamtheit aller Juden, denen nach 1939 ihr Vermögen von Staats wegen gestohlen wurde.
Eine umfangreiche bürokratische Maschine entwickelte sich um diese Enteignung, die formal und gesetzlich im Dritten Reich abgesegnet war. Nachdem ein Teil des jüdischen Vermögens durch Extrasteuern (Reichsfluchtsteuer, Judenvermögensabgabe, Graf-Helldorf-Spende, Zwangsabgabe an die jüdische Gemeinde, Auswanderungssteuer etc pp) abgeschöpft wurde, Zwangsverkäufe von z.B. Immobilien gegen lächerliche Preise erpresst wurden, bedienten sich die Privilegierten direkt an den nach Vertreibung oder Deportation zurückgebliebenen Wertgegenständen, der Rest wurde über Auktionen in die breite Masse der Bevölkerung verramscht. Bei Fromm und seinen Fabriken bediente sich insbesondere Hermann Göring, wie im Buch im Einzelnen ausgeführt wird. Zum Schluss blieb vielen nur noch das sprichwörtliche Hemd am Leib….
Nach dem 2. Weltkrieg (Der Firmengründer selbst war 3 Tage nach der großen Siegesfeier in London verstorben) wurde die Firma durch die Deutsche Treuhandverwaltung zugunsten des DDR-Volkes sozialisiert, u.a. mit der (falschen) Begründung, Fromm hätte seine Arbeiter ausgenutzt, “um die jüdische Firma beim nazistischen Regime beliebt zu machen.” Tatsache war jedoch, daß Fromm seine Arbeiter über Tarif bezahlt hat, Sozialräume, Duschräume vorhanden waren, die äußeren Arbeitsbedingungen gut waren und er seinen Arbeitern auch verbilligtes Essen anbot.
Facit: Ein kleines Büchlein, das man nicht unbedingt wegen der biographischen Daten lesen muss (ich bin selbst kein so großer Fan von Biographien), das aber einen sehr anschaulichen Blick auf den Vorgang der Arisierung im Dritten Reich bietet.
Götz Aly, Michael Sontheimer
Fromms
Fischer, Frankfurt; 2007
ISBN-10: 3100004221
ISBN-13: 978-3100004222
