Zeynep ist eine junge Frau um die 30 aus Berlin. Nach der Trennung von ihrem Freund, der auch ihr Vorgesetzter war, gibt sie ihre Arbeit als Journalisten auf und wohnt vorübergehend wieder bei ihren türkischen Eltern in der deutschen Provinz.

In dieser Situation erreicht die Familie ein Anruf von Onkel Mehmet aus dem anatolischen Heimatdorf, Zeyneps Großmutter liegt offensichtlich im Sterben. Sofort brechen die drei auf, eher aus Pflichtgefühl, denn aus wirklicher Sorge, insbesondere Zeynep hat ihre Großmutter schon lange nicht mehr gesehen und weiß nicht, was sie mit der alten Frau anfangen soll.

Die ersten Tage bei der Familie sind für Zeynep geprägt durch Fremdheit, Berührungsängste, Unkenntnis der Sitten und Gebräuche. Doch nach ein paar Tagen merkt sie, dass ihre Großmutter zwar eine Bäuerin ist, die ihr Dorf nie verlassen hat, dass dies jedoch nicht heißt, dass sie nichts vom Leben wüsste.

Es ist ihre Großmutter, die ihr sagt, dass eine Beziehung zu einem Mann, die im Bett nicht gut läuft, nicht gut enden kann, es ist ihre Großmutter, die ihr klarmacht, dass auch in Anatolien die jungen Leute Mittel und Wege kennen, sich kennen zu lernen. Und so wächst allmählich Vertrauen zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen heran, so dass Zeynep die Pflege ihrer Großmutter, die sie im Lauf der Geschichte immer mehr übernimmt, nicht als Pflicht, sonder als ihr Recht ansieht.

Mit ihrem bislang sorgsam gehüteten Familienschicksal wird Zeynep durch Dördü konfrontiert, der verstossenen Witwe ihres erschossenen Onkels Yusuf. Von Dördü erfährt sie die Familiengeschichte, und ihr wird klar, dass sie auch im fernen Deutschland immer Mitglied dieser ihr weitgehend fremden anatolischen Familie war.

Güngör hat ein leises, unaufgeregtes Buch geschrieben, in dem nur wenig geschieht. Kontinuierlich fließt der Strom der Tage am Leser vorbei, nur selten finden sich Gefühle, Gefühlsausbrüche im Duktus des Buches wieder. Trotzdem ist das Buch nicht langweilig, es zieht den Leser in seinen Bann, Güngör gelingt es, die Vorkommnisse, die sie schildert, miterlebbar zu machen.

Das Buch ist wie ein Mosaik aufgebaut. Eingeteilt in zum Teil nur kurze Abschnitte, in denen abgeschlossenen Gedankengänge widergegeben werden, Gespräche, Ereignisse, Reflexionen, entsteht aus der Summe dieser Steinchen ein schlüssiges Bild einer Familie, die vom Schicksal und von ihrer eigenen Schwäche geschlagen ist.

Und ganz nebenbei gelingt es der Autorin auch noch, dem Leser Einblicke in das Alltagsleben einer patriarchalischen anatolischen Familie zu vermitteln.

Mein Facit: ein sehr schönes, lohnendes Leseerlebnis, eines meiner Lieblingsbücher..

Dilek Güngör
Das Geheimnis meiner türkischen Großmutter
Piper 2007
ISBN 978-3492049719

Links:

Die WebSite von Dilek Gungör

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