aus.gelesen

bücherleben: wenn ein Buch knapp 700 Seiten hat, ….

Veröffentlicht in Bücher, bücherleben by flattersatz am April 29th, 2008

… dann gehe ich doch mit etwas Bedenken ans Lesen, zumal es ja offensichtlich nur der erste Band von drei Büchern ist, die inhaltlich zusammengehören. Es geht um Stieg Larssonss: “Verblendung“, mit der ich gestern angefangen habe. Aber alles, was ich über diese Bücher gelesen habe, war so positiv, daß ich es jetzt einfach probiere. :)

Am liebsten sind mir Bücher mit bis zu 300 oder 400 Seiten. Da ist der Zeitbedarf halbwegs abschätzbar und ich trau mir zu, am Ende des Buches noch so in etwa zu wissen, was am Anfang passierte. Ich habe jetzt sowieso angefangen, die Bücher mit Notizblock und Bleistift zu lesen, um mir wichtige Stellen stichwortartig zu notieren. Das hilft doch sehr, wenn ich die Bücher hier im Blog noch mal beschreibe und diese Beschreibungen wiederum helfen, das Buch noch mal zu überdenken, zu beurteilen, herauszuziehen, was mir wichtig war an dem Buch und es so einzuordnen.

Wie auch immer, jetzt die “Verblendung” und - als Kontrastprogramm in einem anderen Zimmer liegend, Miranda July´s “10 Wahrheiten“. Auf geht´s!

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Mikael Niemi: Der Mann, der starb wie ein Lachs

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am April 29th, 2008

Dieses Buch ist von allem etwas, ein Art Kriminalroman, eine kleine Liebesgeschichte, ein verbales Bilderbuch und - und das vor allem - ein Buch über die Sprache, mit der ein Mensch aufwächst.

Die Handlung ist einfach. Sie spielt im schwedischen Norden, im Tornedal (der Heimat des Autors), einer Region, die oftmals Zankapfel war zwischen Schweden, Finnland und Russland. Dort wird Martin Udde in seinem Haus auf recht brutale Weise ermordet, nämlich aufgeschlitzt wie ein Lachs. Die Stockholmer Polizistin Therese Forsness soll das Verbrechen aufklären. In den Hauptverdächtigen dieses Mordes, Esaias, verliebt sie sich, langsam und zögerlich wächst dieses Gefühl der Verbundenheit in den beiden sich so fremden Menschen.

Im Verlauf der Ermittlungen musste Esaias wieder freigelassen werden, man kommt aber nicht so recht voran. Über den Toten dagegen kommen langsam aber sicher immer mehr schlimme Details ans Licht und viele davon sind mit der Sprache der Menschen da oben verknüpft. Insofern ist Niemis Buch ein Buch über die Sprache der Menschen.

In seiner Heimatregion sprechen die Menschen ursprünglich ihre eigene Sprache, einen finnischen Dialekt, das “Meänkieli”, mit dem sie aufwachsen, in dem sie sich ausdrücken können. In Schweden wird jedoch schwedisch gesprochen und so wachsen viele Familien in absurden Konstellationen wie bei Eisaia auf: die Eltern reden untereinander Meänkieli, mit dem Sohn dagegen wird nur schwedisch gesprochen:

Er sollte ein echter Schwede werden, etwas, was ihr nie gelungen war. Schließlich war das Torndedalfinnisch ja ihre Muttersprache. In ihm hatte sich die Wärme befunden. Die Gefühle, die Intensität, die Nähe im Leben.

So tobt quer durch die Region ein zum Teil mit Verbitterung geführter Sprachenstreit. Die einen wollten normale Schweden werden, die anderen die Tradition bewahren, um ihre Identität nicht zu verlieren.

Aber auch als politische Waffe wurde die Sprache in der Vergangenheit genutzt. So unterstützte Russland im 19. Jhdt. die Ausbreitung der finnischen Sprache nach Westen und Süden, um in Schweden agitieren zu können und so: “..zu gegebener Zeit das Feuer in dem gesammelten Brennstoff zu entfachen.

Niemi malt wunderschöne Bilder mit seinen Worten. Wenn er die Landschaften beschreibt, die Menschen, ihre Gefühle, ihre Träume.. Bei ihm sind Kartoffeln bleiche Glühbirnen, die in sandbrauner Erde Kraft und Saft gesammelt haben, um sich auf dem Teller in eine dampfende Sonnenfrucht zu verwandeln, mit einer Schale, dünn wie Seide, einer frischen Süße, die Seligkeit hervorruft, einen Geschmacksrausch, die einen die Augen verdrehen läßt und mit geblähten Nasenflügeln schnauben…..

Liest man dies, meint man förmlich Geschmack dieser Kartoffeln auf der Zunge zu fühlen. Und mit ebenso schönen Bildern nimmt Niemi den Leser mit in seine Heimat, zeigt ihm die Seen, die Flüsse, die Wälder, die Tiere und die Menschen.

Ein Buch, in dem die Menschen im Mittelpunkt stehen, nicht die Handlung, obwohl es auch das eine oder andere Mal turbulent zu geht. Die Menschen sind Niemi wichtig, wie sie verwurzelt sind in ihrer Heimat durch ihre Sprache, wie sie unsicher werden, schwankend, wenn ihnen die Sprache genommen wird. Landschaft, Kultur, Sprache, Heimat und Mensch bedingen, formen sich bei Niemi gegenseitig. Wer das ignoriert oder verkennt, findet seine Mitte nicht.

Facit: Ein Lesespaß, der nachdenklich macht und Lust auf weitere Niemis

Mikael Niemi
Der Mann, der starb wie ein Lachs
btb Verlag, 2008
ISBN-10: 3442751985
ISBN-13: 978-3442751983

Raymond Queneau: Intimes Tagebuch der Sally Mara

Veröffentlicht in Bücher, Erotik, Tagebuch by flattersatz am April 28th, 2008

Um 1916 wird in Irland die Sally Mara geboren, die 1934, kurz vor der Volljährigkeit in ihrem Tagebuch von sich feststellen muss: “Ich bin ein jungfräuliches Wesen, das heißt, ich bin noch nie beackert worden”. Wie sie zu ergründen versucht, worin das Wesen des “Ackerns” liegt, und wie sie selbst diesem Zustand der Jungfräulichkeit entkommen kann, davon erzählt das Büchlein.

Sally kommt aus armen Verhältnissen, ihr Vater ist verloren gegangen, als er Streichhölzer holen wollte, ihr Bruder ist ein Säufer vor dem Herrn, schafft es aber trotzdem, der Haushälterin ein Kind zu machen. Im Haushalt Mara ersetzt Whiskey das Wasser und entsprechend feucht-fröhlich verläuft dort das Leben.

Mara isst gerne Hering in Ingwer, gekochten Lauch und Rollmöpse, bevorzugt sehr kurze Röcke, unter denen sie eine Slip trägt und schlägt auch gerne die Beine übereinander, was in Straßenbahnen dazu führt, daß die gegenüber sitzenden Herren die Zeitung sinken lassen, wie sie aufmerksam feststellt. Sie betreibt Sprachstudien und übt verschiedene Sportarten aus, unter anderem Kraftsport. In ihrer Freizeit besucht sie liebend gerne das Museum, um dort an den wunderschön glatten Alabasterwaden der Herkulesstatuen zu… lecken und im Anschluss den Museumswärter, der sie verjagen will, zu verprügeln. Dem Geheimnis der Liebe will sie mit einer Freundin durch Tierbeobachtung auf die Spur kommen, was ihr dann nach vielen Irrwegen auch gelingt.

Ein nettes Büchlein (wenn man sich nicht daran stört, daß es vielleicht etwas unglaubwürdig ist, daß eine 18jährige mit dieser Herkunft noch nicht weiß, was es mit der “Liebe” auf sich hat), witzig und amüsant geschrieben. Mara, die immer knapp daneben liegt, nimmt gegenüber ihrem Tagebuch kein Blatt vor den Mund und stolpert von einer in die andere pikante Situation, die sie aber nie als solche erkennt, selbst wenn sie deftig und durchaus derbe sind. “Immer bei der Stange bleiben” ist ihr Motto, und damit fängt auch das Buch an, mit der trotz winterlich kaltem Wetter so wunderbar warmen Stange, die der hinter ihr gehende Gentleman ihr als Halt in die Hand gibt, damit sie den schwankenden Steg am Hafen sicher überqueren kann….. am Hafen, wo sie ihren Französischlehrer Monsieur Presle verabschiedete, der sie nie berührte, nur ab und zu als Akt der reinen Höflichkeit ihren Popo tätschelte….

Facit: ein kurzweiliges, schön “altmodisch” geschriebenes, amüsant-frivoles Buch.

Raymond Queneau
Intimes Tagebuch der Sally Mara
Wagenbach 2000)
ISBN-10: 3803123941
ISBN-13: 978-3803123947

Eric-Emmanuel Schmitt: Oskar und die Dame in Rosa

Veröffentlicht in Bücher, Erzählung by flattersatz am April 27th, 2008

Der 10jährige Oskar liegt mit Krebs im Krankenhaus. Er ist “austherapiert” und weiß, daß er sterben muss. Aber mehr noch als dieses Wissen macht ihm zu schaffen, daß niemand mit ihm darüber redet, weder seine Eltern noch die Ärzte. Nur die “Dame in Rosa”, einer der Frauen, die in rosa Kitteln gekleidet in das Krankenhaus kommen, um sich um die Patienten zu kümmern, nimmt ihn ernst und redet mit ihm über seinen Tod.

Sie gibt ihm den Rat, über alles nachzudenken und es dem lieben Gott zu schreiben, ihm sein Herz auszuschütten. Und sie rät ihm, sein gesamtes Leben in den wenigen Tagen zu durchleben, die ihm bleiben. So wird für Oskar jeder Tag zu einem Jahrzehnt, er verliebt sich, heiratet, erlebt seine midlife-crisis, er wird alt und müde und dann stirbt er.

Schmitt erzählt diese Geschichte von Oskar ohne ins Sentimentale zu verfallen. Auch wenn man sagen kann, ein Zehnjähriger hätte noch keine richtige Vorstellung vom Tod, macht er sehr deutlich, daß das verdruckste Drumherumreden der Erwachsenen viel Schlimmer ist, als das Darüberreden, denn es nimmt dem Sterbenden die Chance, sich auf den Tod vorzubereiten, ihn als das anzunehmen, was er ist: nämlich unausweichlich.

Oskar stirbt, aber bevor er stirbt, gelingt es ihm mit Hilfe von Oma Rosa auch seine Eltern mit auf diesen letzten Abschnitt seines kurzen Lebens mitzunehmen und sich so mit seinem Leben zu versöhnen.

Facit: ein wunderschön geschriebenes Büchlein über ein sehr trauriges, wichtiges Thema, das sehr nachdenklich macht, sehr ergreifend ist, ein Büchlein, das bei aller Tragig auch die komische Situationen des Lebens nicht vergisst.

Eric-Emmanuel Schmitt
Oskar und die Dame in Rosa
Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt, 2005
ISBN-10: 3596161312
ISBN-13: 978-3596161317

Qiu Xiaolong: Schwarz auf Rot

Veröffentlicht in Bücher, Krimi by flattersatz am April 22nd, 2008

Die Handlung dieses Kriminalromans ist schnell umrissen: In einem der traditionellen “Shikumen” (Miets)Häuser in Schanghai wird eine Dissidenten ermordet aufgefunden. Diese hatte einen Roman über einen verfemten Dichter veröffentlicht, der jedoch von der politischen Führung seinerzeit verboten wurde, womit der Fall bzw. dessen Lösung eine mögliche politische Komponente erhält. Mit der Klärung des Falles wird Hauptwachtmeister Yu beauftragt, da sein Vorgesetzter, Oberinspektor Chen, sich gerade im Urlaub befindet (den er jedoch als ehemaliger Dichter nur genommen hat, um als Übersetzer für einen neureichen Chinesen zu arbeiten).

Das Buch fließt wie ein ruhiger Fluss ohne wirkliche Höhepunkte dahin. Die Ermittlungsarbeiten kommen ohne westliche Zutaten wie Labors und Pathologen aus, bestehen im Grunde nur aus Verhören, Gesprächen und Gedankengängen. Es gibt keine Verfolgungsjagden, spektakuläres geschieht nicht. Ab und an wird über Telefon eine Gefälligkeit eingefordert in Form von Informationen, an die man sonst nicht gelangen kann. Als Kriminalfall ist das Buch kein besonders aufregendes.

Was es jedoch trotzdem lesenswert macht, sind die Schilderungen des Alltagslebens von Schanghai zusammen mit den Rückblenden auf die Geschichte der handelnden Figuren. Deren Leben wurde durch die verschiedenen politischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte, angefangen von der Kulturrevolution bis hin in die neueste Zeit, die dem Land einen verdeckten Kapitalismus brachte durcheinandergewirbelt. Diese Wechselfälle des Lebens haben die Menschen verunsichert, hinter allen Lebensplanungen steht mehr oder weniger offen die Frage: wie lange wird die gegenwärtige politische
Maxime halten, ändern sich die Verhältnisse wieder und wenn, wie?

Allen ist die Sicherheit des Alltagslebens verloren gegangen, die früheren Parteimitglieder und Genossen haben in der Gegenwart kaum noch ein Auskommen, sind verbittert, die Neureichen und Geschäftsmänner leben in Luxus und bestimmen die Regeln. Ein System von gegebenen, erhaltenen, einforderbaren Gefälligkeiten überzieht die Stadt wie ein Spinnennetz, doch ohne hier eingesponnen zu sein, ist das Leben hart geworden, geht es nun um die Zuteilung von Wohnraum oder die medinzinische Versorgung im Krankenhaus.

So schildert der Autor im Lauf des Romans die Lebensläufe vieler Figuren aus unterschiedlichen Milieus, angefangen vom Intellektuellen, der unter Mao aufgrund seiner Englischkenntnisse als Rechtsabweichler gebrandmarkt wurde bis hin zu den aufstrebenden modernen Parteikadern, die von der Geschäftswelt hofiert werden, um Geschäftsprojekte politisch abzudecken.

Neben dieser Darstellung der politischen Wechselfälle in China streut der Autor kleine Betrachtungen über die kulinarische Kultur in Schanghai ein. So lernt man etwas über die ideale Kochweise für Nudeln und kann nach der Lektüre des Buches auch mitreden, wenn die Diskussion sich unerwarteter Weise mal um “Sauna-Krebse” drehen sollte…. nun ja, andere Länder, andere Sitten.

Facit: als Kriminalroman durchschnittlich, ist das Büchlein mit seinen knapp 300 Seiten jedoch eine kurzweilige, lohnende Lektüre, um sich exemplarisch über chinesische Lebensläufe zu informieren.

Qiu Xiaolong
Schwarz auf Rot
dtv 2007
ISBN 978-3-423-20964-9

Tom Rob Smith: Kind 44

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am April 20th, 2008

Smith greift in seinem Buch “Kind 44″ den Fall des russischen Massenmörders Andrei Romanowitsch Tschikatilo auf, der von 1978 an bis zu seiner Verhaftung 1990 mindestens 53 Morde begangen hat. Im Mittelpunkt des Buches - und damit ist das Buch keine Rekonstruktion des Falles oder der Verbrechensaufklärung, sondern wird zu einer fiktiven Geschichte - steht jedoch nicht der Mörder oder seine Taten, sondern die Geschichte des Geheimdienstoffiziers Leo Demidows. Smith schildert die Wandlung Demidows vom linientreuen Offizier zum vom Staat mit allen Mittel gejagten Dissidenten, dies alles ausgelöst durch seine, der offiziellen Doktrin widersprechenden Überzeugung, daß es sich bei vielen offiziell aufgeklärten Morden, die bestimmte gemeinsame Tatmerkmale aufweisen, um die Taten eines einzelnen Täters handeln muss.

Die Handlung verlegt der Autor zeitlich zurück in die Endphase der Herrschaft Stalins mit dem Übergang zur Aera Chruschtschow (diesen Kunstgriff braucht er wohl, um halbwegs plausibel ein Happy End konstruieren zu können, das unter dem Regime Stalins mitnichten möglich gewesen wäre). Ferner fügt er der Geschichte auch noch eine persönliche Komponente hinzu, die aber erst auf den letzten Seiten deutlich wird.

Viel Mühe verwendet Smith darauf, die absurde Logik des Staates unter Stalin zu beschreiben. Es ist ein Staat, in dem Grausamkeit eine Tugend ist, in dem jeder erst einmal schuldig ist (schon ein unruhiger Schlaf kann darauf hindeuten, daß man Geheimnisse verbirgt und damit eine Denunziation nach sich ziehen). Es ist ein Staat, in dem man (wie Brodsky im Lauf des Romans sagt), vor der Polizei nicht wegläuft, weil man schuldig ist, sondern man wird schuldig, weil man wegläuft. Und weglaufen muss man, denn jede Festnahme ist gleichzusetzen mit Verurteilung und eine Freilassung aufgrund erwiesener Unschuld unmöglich, wäre es doch das Eingeständnis, daß der Staat sich bei der Festnahme geirrt hat. Und der Staat irrt sich per definitionem nie.

Da es in der sowjetischen Gesellschaft der Stalinzeit offiziell keine Verbrechen gibt, erst recht keine Massenmörder, wird der Verdacht Demidows als direkter Angriff auf den Staat gewertet. Er soll seine Loyalität beweisen, indem er seine Frau, deren Namen auf einer erpressten Geständnis auftaucht, denunziert. Dies verweigert er, mit den entsprechenden Konsequenzen: Degradierung und Verbannung in die Provinz. Aber auch dort stößt er auf “aufgeklärte” Morde nach bekanntem Muster und beginnt, so gut es geht, mit seinen Ermittlungen, was wiederum dem Geheimdienst und insbesondere seinem persönlichen Feind dort willkommenen Anlass gibt, ihn zu jagen. Und so flieht Demidow (einem Mr Kimble ähnlich) von einem Ort zum anderen, findet aber immer wieder Menschen, die ihm helfen und letztlich findet er den Täter. Und da mittlerweile Chruschtschow an der Macht ist und sich vieles geändert hat und die alten Kader alle ausgetauscht sind, darf Demidow am Ende sogar überleben und wird rehabilitiert.

Facit: Das Buch ist ein gut lesbarer Thriller, der sich bemüht, die innere Logik eines totalitären Unterdrückungsappartes zu beschreiben. Gegen Ende überstürzt sich alles ein wenig, auch das Happy End erscheint etwas konstruiert. Nichtsdesttrotz lohnt sich das Buch, spannend ist es allemal.

Tom Rob Smith
Kind 44
DuMont 2008
ISBN-10: 3832180567
ISBN-13: 978-3832180560

Links:

http://de.wikipedia.org/wiki/Andrei_Romanowitsch_Tschikatilo

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Buddy Giovinazzo: Broken Street

Veröffentlicht in Bücher, Roman by flattersatz am April 16th, 2008

Nach Potsdamer Platz das zweite Buch von Giovinazzo. Und genau derselbe Effekt: ich kann es nicht mehr aus der Hand legen…..

Das Buch erzählt die Geschichte eines namenlosen Jungen, der irgendwo in den Randbezirken von NY wohnt und aufwächst. Das Leben in diesen Straßen ist hart, von Kämpfen geprägt. Schon früh, mit 13, fängt der Erzähler an, mit Drogen zu dealen, für einen älteren Freund. Selbstverständlich nimmt er selbst Drogen, fängt mit Pot an, später kommt dann Koks dazu und noch später dann auch die anderen “Glücksbringer”. Solange nur Gras vertickert wird, hält sich alles irgendwie noch im Rahmen, mit Koks kommen die jungen Männer (ich sträube mich ein wenig, hier noch Jungen zu schreiben) dagegen in Konflikt mit den “Kolumbianern” und die verstehen keinen Spaß. Der erste Tote, sein älterer Freund Winston, für den er “arbeitet”, bringt den Erzähler aber nur für kurze Zeit aus dem Tritt.

Die Spirale dreht sich nach unten, bald ist Marcus Vorbild für ihn. Zusammen hängt die Clique immer am “Court” ab, spielt Basketball, zieht sich Alkohol und Drogen rein, spinnen ihre Phantasien und hecken Pläne aus. Marcus ist so, wie der Erzähler gerne sein will, er sieht gut aus, spielt phantastisch Basketball, ist Mittelpunkt bei den Mädchen und kennt sich aus. Von ihm lernt er das Autoknacken und kommt so in Kontakt mit der Mafia, aber das stört ihn nicht, es ist normal.

Später dann wird gestohlener Schnaps an Bars verhökert. Bei einer dieser Touren wird die Bande um Marcus von Wachmännern gestellt, einer der Wachmänner wird erschlagen und der Erzähler muss für diese Tat mehrere Jahre ins Gefängnis.

Erschien ihm die Zeit auf der Straße schon hart, so lernt er in Knast die wahre Hölle kennen. Er ist, so wie Giovinazzo nüchtern und präzise schreibt, das neue Mädchen für die Alteinsitzenden. Er wird vergewaltigt, fast zu Tode geprügelt, Hass, Gewalt, Brutalität sind de facto die einzige Sprache im Gefängnis, die akzeptiert wird. Und auch er lernt, sich in dieser Sprache zu “verständigen”. Aber er wird auch nachdenklich, reflektiert über sein bisheriges Leben, lernt, fängt an zu lesen und zieht Bilanz, die nüchterne Bilanz eines gescheiterten Lebens.

Nach 6 Jahren Knast entlassen, gelingt es ihm schließlich mit Hilfe seines Bruders und seines Vaters, sich eine Existenz aufzubauen, immer noch in den Broken Streets, in denen er groß, aber nicht erwachsen geworden ist. Auch hier hat sich in den Jahren alles geändert, die neuen Drogen haben die paar Regeln, die hier Bestand hatten, außer Kraft gesetzt, Crack hat den Junkies den letzten Rest Hirn rausgeblasen, jedwede Hemmung genommen. In den jungen Kerlen, die er jetzt auf dem “Court” sieht, erkennt er sich wieder, und er sieht das zukünftige Schicksal dieser jungen Männer….

Soweit die Geschichte, die Giovinazzo erzählt.

In diese Haupthandlung eng verwoben ist eine tragische, traurige Liebesgeschichte, die von den Gefühlen des Erzählers gegenüber Cathy berichtet. Cathy ist eine im wahrsten Sinn des Wortes Geknechtete, ein von ihrem Vater in jeglich denkbarer Hinsicht ausgenutztes Mädchen, nach außen verschüchtert, zurückgezogen, ängstlich, verspottet und beschimpft. Aber er verliebt sich in sie, blickt hinter dieses Äußere und erkennt einen wunderbaren, verwundeten Menschen hinter der Fassade.

Ihren Vater tötet er im Streit, Giovinazzo läßt aber keinerlei Zweifel, daß Mitleid mit dem Vater nicht angebracht ist. Aber nicht für diesen Totschlag muss der Erzähler dann ins Gefängnis, sondern für einen, den er nicht begangen hat, einen, den ihm seine Freunde in die Schuhe schieben, um ihn loszuwerden - und um sich an Cathy ranzumachen. Diesen Verlust von Cathy vergisst der Erzähler nie, er ist immer gegenwärtig und lebt beim geringsten Anlass wieder auf.

Mir gefällt die Sprache, der Stil, in dem Giovinazzo schreibt, so gut. Er berichtet, beschreibt nüchtern, ohne Wertung. Die Dinge sind so, wie sie sind, und dies erzählt er. Die Wertung erfolgt erst beim Lesen, im Leser selbst. Giovinazzo schreibt lakonisch, aus der Sicht des jungen Erzählers. Gerade am Anfang, als sein nichtsnutziger Vater vorgestellt wird, sind mir ein paar solcher Stellen im Gedächtnis geblieben:

Paps stand in der Küche und goß sich das Abendessen ein. Er war auf einer strengen Gin,- Wodka- und Whiskeydiät…..

Paps achtete stets darauf, daß er völlig abgefüllt war, bevor er die Wohnung verließ. Ray war in der Schule, und ich blieb zu Hause, sah fern und rauchte einen Joint.

Paps kam mit einem Pappteller und zwei Sandwiches darauf ins Zimmer. …. Mich interessierte, wie sein Körper auf diese feste, fremde Substanz reagieren würde.

So düster Giovinazzo das Leben in den Straßen auch schildert, macht er uns doch mit den Personen langsam vertraut, irgendwann wird auch Paps zum Menschen, der durch sein Schicksal so geworden ist, wie er ist und der sich auch wieder aufrappeln und zur Stütze anderer werden kann, wenn er gebraucht wird. Es gibt einen Ausweg aus den Straßen, es gibt die Möglichkeit, den Scheiss dort hinter sich zu lassen. Das zu lernen hat der junge Erzähler lange gebraucht, aber daß die Chance besteht, das ist die Botschaft von G in diesem Buch.

Vielleicht, diese Möglichkeit läßt Giovinazzo offen, vielleicht sogar für die Liebe.

Facit: ein tolles Buch, uneingeschränkt zu empfehlen

Buddy Giovinazzo
Broken Street
Pulp Master, 2000
ISBN-10: 3927734233

ISBN-13: 978-3927734234

Joel und Ethan Coen: No Country For Old Men

Veröffentlicht in Film, an.gesehen by flattersatz am April 14th, 2008

Die Coen-Brothers, Tommy Lee Jones und 4 Oscars: Ein Film, den zu besuchen es zumindest diese drei Argumente gibt. Und trotzdem - der Film läßt mich ein wenig ratlos, ja enttäuscht zurück.

Worum geht es? Llewelyn Moss muss nach einem Fehlschuss auf der Jagd der angeschossenen Antilope folgen und findet mitten in der Wüste die Reste eines aus dem Ruder gelaufenen Drogengeschäftes, i.e. einen Berg voller Leichen, einen Pick-up voller Drogen und einen Koffer mit über 2 Millionen Dollar in bar. Letzteren nimmt er mit nach Hause, dem einzigen Überlebenden des Massakers, der um Wasser bettelt, kann und will er nicht helfen. Verständlicherweise gibt es noch andere Interessenten für das Geld und so nimmt die Jagd auf Llewelyn Moss hier ihren Anfang. Bzw. sie kann nur deshalb ihren Anfang nehmen, weil Llewelyn einen halben Tag später, mitten in der darauffolgenden Nacht, plötzlich doch noch beschliesst, dem Verletzten (der aller Voraussicht nach schon lange tot sein muss) doch noch Wasser zu bringen. Also fährt er nochmals in die Wüste, findet zwar den dürstenden Mexikaner tot vor, die Besitzer des Geldes aber sehr lebendig. Von diesem Moment an hat Llewelyn den skrupellosen Profikiller Anton Chigurh an den Fersen, der ihn trotz seiner durchaus cleveren Gegenwehr immer weiter in die Enge treibt.

Chigurh wird wie ein Racheengel bzw. -teufel dargestellt, den nichts bremsen kann, vor dem man sich nicht verstecken kann. Nach dem nicht nachvollziehbaren, unlogischen Handeln von Lleweyn ist dies der zweite Punkt des Filmes, der mir nicht gefallen hat (aber vllt denk ich auch nur zu logisch): egal, ob Llewelyn auf seiner Flucht getrampt ist oder sich sonstwie fortbewegt hat, der Killer findet ihn immer in kürzester Zeit, ohne Erklärung, praktisch unvermeidlich…. und genauso unvermeidlich ist der Tod desjenigen, den er auf seinen Reisen trifft… nein, nicht ganz, manchmal erlaubt er das Werfen einer Münze, und leben wird durch ihn zur Zufallsentscheidung.

Und über allem thront das zerklüftete Gesicht von T.L. Jones, der stoisch-resigniert den Toten hinterherfährt und sie einsammelt. Eine Verfolgung geschweige denn der Versuch einer Aufklärung der Verbrechen unterbleibt, in philosophich angehauchten Selbstgesprächen und Unterhaltungen wird nur immer wieder festgestellt, daß dies nicht mehr das Land ist, das er kennt. Und genauso wie Sheriff Bell desillusioniert lieber die Zeitung liest und der dirketen Konfrontation mit dem Verbrechen aus dem Weg geht, genausowenig lassen die Coens irgendjemand anderen die Verfolgung des Killers aufnehmen. Außer den direkt Beteiligten scheint alles niemanden zu interessieren, der Gewalt, dem Töten wird kein Einhalt geboten….. Jones in seiner Rolle als Sheriff wirkt fast wie eine den Verlauf des Films begleitende pseudophilosophische Erläuterung, und - ja, die Tränensäcke von Tommy Lee sind wirklich beeindruckend!

Facit: ein Film über eine Menschenjagd, blutig und ausweglos. Mir fehlt ein wenig die Ratio in der Handlung, nichtsdestotrotz ist der Film gut anzuschauen und kurzweilig.

T.C. Boyle: Zähne und Klauen

Veröffentlicht in (Kurz)geschichten, Bücher by flattersatz am April 14th, 2008

Katastrophen hören nicht einfach auf. Sie haben ein unbewegtes, unerschütterliches Zentrum, das fortwährend neue Desaster gebiert.”

Dieser Satz steht quasi als Motto über den 15 Erzählungen von Boyle, die in diesem Buch zu finden sind. Sie handeln meist von Menschen, die auf der schattigen Seite des Lebens stehen und die, mal langsamer, mal schneller, wie auf einer schiefen Ebene immer weiter nach unten rutschen, beschleunigt von Schicksalsschlägen und dem eigenen Unvermögen.

Die einzelnen Geschichten, die Boyle erzählt, sind sehr unterschiedlich. Am besten hat mir die “Windsbraut” gefallen. Es ist eine traurige Geschichte, die auf den sturmumtosten Shetland-Inseln spielt. Dorthin reist eine Vogelforscherin, die direkt bei ihrer Ankunft vom starken Wind auf die Straße vor ein Auto geweht wird und gerade noch im letzten Augenblick gerettet werden kann. Aus den beiden, dem bis dahin in seinem Leben völlig unauffälligen Retter und der Forscherin wird ein Paar. Dann, eines Tages, zerstreiten sie sich, als Robbie ihr einen Antrag macht und sie diesen ablehnt.

Sie bleibt draußen, während Robbie zurück in den Ort fährt. Es ist dies die Nacht, in der ein Orkan über die Insel fegt. Junie, die Forscherin, sitzt in ihrem Steinhaus, irgendwo an den Klippen. Sie hört, wie der Sturm den Schornstein knickt, wie er ihr das Dach nimmt, die Steine, aus denen das Haus gebaut wurde, werden wie Sandkörner davongeweht und zum Schluss ist nichts mehr da, an dem sie sich festhalten kann….. und Robbie kommt zu spät, um sie zu retten, kann mit knapper Not und Mühe selbst überleben.

Schön auch die Erzählung von der Kynologin, die das Sozialleben einer Hundemeute in der Vorstadt einer typischen amerikanischen Siedlung erforscht. Stift und Papier hat sie beiseite gelegt, sie wird immer mehr zum Mitglied des Rudels, nimmt die hündischen Verhaltensweisen an, wechselt in ihren Vorlieben und Wünschen von der menschlichen Gesellschaft über in die hündische, die ihr interessanter, ehrlicher erscheint.

Nicht alle Geschichten haben mir gleich gut gefallen. Ausgerechnet die titelgebende Erzählung war für mich eine der schwächsten. Hier gewinnt ein Looser in einer Wette eine Serval, den er mit in seine Wohnung nimmt. Eine Bedienung aus seinem Stammlokal hilft ihm dabei, er verliebt sich in sie, aber sie ist schon vergeben.

Skurril auch die Geschichte vom Weltrekordversuch im “Wachbleiben”, den der Moderator einer Radioshow unternimmt, bedrückend dagegen die Schilderung der Gefühle eines Elternpaares, dem durch die Polizei der Tod ihrer Tochter gemeldet wird.

So unterschiedlich die Themen der Erzählungen sind, in allen zeigt Boyle die Ausgeliefertheit des Menschen gegenüber seinem Schicksal, den Naturgewalten, den Dingen, die einfach größer und mächtiger sind als Menschen. Klein sind wir, die Menschen, in den Erzählungen Boyles, hin- und hergeworfen, ohne Einfluss, egal, wie wir strampeln. Wir befinden uns immer auf dem absteigenden Ast.

Facit: Auch wenn mir nicht alle Geschichten gleich viel gesagt haben, die Erzählungen sind durchweg spannend geschrieben, ein einem lakonisch-resignierten Tonfall, sie sind gut zu lesen und bringen einen mehr als einmal zum Nachdenken.

Links: eine Rezension in der FAZ online:
http://www.faz.net/s/Rub79A33397BE834406A5D2BFA87FD13913/Doc~EB3362D8B26EB4A698C1BC6ACAE57C42F~ATpl~Ecommon~Scontent.html

T.C. Boyle
Zähne und Klauen
Hanser, 2008
ISBN-10: 3446209956
ISBN-13: 978-3446209954

bücherleben: Wohin mit der Flut?

Veröffentlicht in Bücher, allgemein, bücherleben by flattersatz am April 11th, 2008

Ich habe ja in einem früheren “bücherleben” schon geschrieben, daß ich wieder anfange, meine ausgelagerten Bücher zu sichten und auch wieder zurück zu holen. Heute habe ich eine Glosse von Martenstein im ZEIT-Magazin “Leben” 18/2008 gelesen, der dieses Problem der immer weiter anwachsenden Büchermenge auf seine Art in den Griff bekommt.

Im Grunde ist die beschriebenen Methode einfach: Er definiert einen Bestand von (bei ihm jetzt) 2000 Büchern und für jedes neue, das er bekommt, kommt ein altes raus. In der Theorie gewinnt seine Bibliothek damit mit jedem Buch an persönlicher “Qualität”, wahrscheinlich, bis es irgendwann nicht mehr zu steigern ist… ;-)

Eine einfache und wirkungsvolle Methode, vor allem bei beschränktem Platzangebot. Aber ich könnte es trotzdem so nicht machen. Die Erinnerungen, die an den Büchern hängen, gebe ich ja auch mit weg, und die brauch ich doch noch…… also wird weiter gestapelt, zweireihig gestellt, aufeinander und übereinander….wie heißt es doch so schön, wo 2000 Bücher Platz haben, haben auch 2001 Bücher Platz…

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