Laura Joh Rowland: Die rote Chrysantheme
März 18, 2008

Sano Ichiros elfter Fall, von mir zufällig und ohne Absicht aus dem Regal der Buchhändlerin meines Vertrauens gegriffen. Erfahrungsgemäß nimmt die Qualität einer solchen Reihe ja oft im Lauf der Zeit ab, solches kann ich hier nicht beurteilen, da dies zwar Sanos elfter Fall, aber mein erstes Buch über diesen „obersten Ermittler und Ratgeber des Shogun“ ist.
Die Handlung spielt im Japan des ausgehenden 17. Jahrhunderts. Das Land wird von einem (schwachen) Shogun regiert, die wahre Macht liegt aber in den Händen von Fürst Matsudeira. Die herrschenden Fürsten sind untereinander zerstritten, das Klima ist von Misstrauen geprägt, Hochverrat immer im Bereich des Möglichen, Intrigen gang und gäbe.
Kammerherr Sano Ichiro ist einer der höchsten Beamten im Staat mit enormen Befugnissen. Er lebt mit seiner schwangeren Frau Reiko und seinem Sohn Masahiro zusammen in Edo, der Hauptstadt. Dort untersucht sein Freund und Untergebener Hirata gerade den möglichen Verrat von Fürst Mori, auf dessen Fährte er durch eine anonyme Anzeige gebracht worden ist. Bei der Untersuchung des Grundstückes von Fürst Mori entdeckt er dessen gräßlich verstümmelte Leiche und mit dem Dolch, der offensichtlichen Tatwaffe, in der Hand, splitternackt daneben knieend Reiko, die Gattin von Kammerherr Sano.
Soweit die Ausgangslage. Das Buch ist insofern ein Krimi, indem es davon erzählt, wie Sano unter enormen Druck versucht, die Unschuld seiner Frau zu beweisen. Dabei werden im Verlauf der Ermittlungen durch die Vernehmung und Aussagen verschiedener Zeugen eine Vielzahl von möglichen Abläufen des Mordes präsentiert, die auch Sano persönlich in große Gefahr bringen. (Hier hat das Buch mich ein klein wenig an „Rashomun“ von Kurosawa erinnert, in dem ja auch zu einem Vorgang gezeigt wird, daß die jeweilige Wahrheit subjektiv ist und es eine objektive Wahrheit nicht gibt. Natürlich ist die Ähnlichkeit rein formaler Natur, denn hier bei Rowland wird schlicht und einfach gelogen und intrigiert, wobei aber für den Leser erst einmal nicht erkennbar ist, wo die Wahrheit und wo die Lüge angesiedelt ist.)
In anderer Hinsicht ist das Buch eine (sicher vereinfachende) Darstellung des Lebens im Japan zur Zeit des Shogunats mit seinen strengen höfischen Regeln, den verschiedenen Lebensumständen der unterschiedlichen Klassen und gibt insofern Einblicke in eine vergangene, uns jedenfalls sehr fremde Welt, die von Befehl und unbedingtem Gehorsam, von Willkür und Verrat geprägt ist.
Anfänglich verstören die japanischen Namen, an die man sich erst gewöhnen muss, um sie in den richtigen Zusammenhang zu bringen, aber das gelingt schnell. Das Buch selbst liest sich gut und ist stellenweise durchaus spannend, auch wenn einem als CSI-gestählter moderner Mensch manches an den Ermittlungsmethoden etwas seltsam vorkommt, zum Beispiel die Verwunderung, daß ein Verdächtiger auf die Frage, ob er der Täter sei, mit „Nein“ antwortet….
Der Schluss eines Buches scheint der schwierigste Teil zu sein. Zum Ende hat Rowland noch nicht alle Fragen, die im Lauf des Geschehens aufgeworfen wurden, beantwortet. Dies alles wird dann im letzten Kapitel in einem Schwung nachgeholt und gleichzeitig als „Cliffhanger“ gestaltet, denn vermutlich steht Sanos 12. Fall kurz vor dem Erscheinen.
Facit: ein spannendes, gut zu lesendes Buch, das mich aber nicht in jeder Hinsicht überzeugt hat.
Laura Joh Rowland
Die rote Chrysantheme
Luebbe Verlagsgruppe; 1. Auflage 2008
ISBN 978-3404922819


